• Grenzüberschreitend Kräfte bündeln gegen Austeritätspolitik und Prekarisierung
  • Gewerkschaften raus aus der Krisenfalle

  • By Bernd Riexinger | 03 May 16
  • Der vor 12 Jahren gemeinsam mit Werner Sauerborn entstandene Text »Gewerkschaften in der Globalisierungsfalle« konnte die gewerkschaftliche Diskussion in einer Zeit beleben, in der sich die Gewerkschaften in vielen europäischen Ländern neoliberalen Angriffen auf Löhne und soziale Rechte gegenübersahen und die folgenden Abwehrkämpfe – so sie denn überhaupt entschlossen geführt wurden – überwiegend verloren. Die Politik der neoliberalen Globalisierung mit entfesselter Standortkonkurrenz, ansteigender Massenerwerbslosigkeit und Einschränkungen gewerkschaftlicher Rechte hatten die Gewerkschaften in Europa bereits stark geschwächt. Die Gewerkschaften saßen in der Globalisierungsfalle. Mit der Bewegung für eine andere Globalisierung waren zugleich neue Perspektiven und Handlungsräume entstanden. Damals ging es uns darum, wie wir schrieben, Ansätze der Internationalisierung gewerkschaftlicher Strukturen durch internationale Betriebsräte, europäische und globale Dachverbände zu stärken – und eine Diskussion um ihre Grenzen und mögliche Weiterentwicklungen anzustoßen.

    Zwölf Jahre später geht es für die Gewerkschaften mehr denn je darum, die »Globalisierungsfalle« zu verlassen und Strategien zu entwickeln, um transnational wirksame Gegen-Macht zur Macht der Konzerne aufzubauen. Denn: im Jahre sieben einer »großen Vielfachkrise« des neoliberalen Finanzmarktkapitalismus tun sich die Gewerkschaften weiter schwer, sich auf der Höhe der Zeit zu organisieren und zu handeln. Sie sitzen heute in der »Globalisierungsfalle« und in der »Krisenfalle«. Die sozial verheerende Politik der Austerität führte zu neuen Kämpfen und Bewegungen, aber auch zu einer Schwächung der Gewerkschaften in Europa. Es gab zwar viele Generalstreiks im Europa der Krise und in einigen Ländern starke Bewegungen (Griechenland, Spanien, Portugal, Irland), die in Griechenland und Portugal zu linken Regierungen geführt haben. Auch der Erfolg von Corbyn und der Kurswechsel von Labour in Großbritannien gehen auf starke Bewegungen gegen die Austeritätspolitik zurück, in denen sich auch die Gewerkschaftsbasis stark mobilisierte. Aber: der gewerkschaftliche Protest läuft ebenso wie die neuen sozialen Bewegungen in der Krise weitgehend ins Leere. Die Regierungen sind nicht bereit, von neoliberalen »Reformen« zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit abzurücken. Die Austeritätspolitik ist tief in die Institutionen und die Verfassung der EU eingelassen. Das Beispiel Griechenlands hat vor Augen geführt, was unter den derzeitigen Kräfteverhältnissen passiert, wenn eine linke Regierung versucht, aus dem eisernen Gehäuse der Austerität auszubrechen.

    Schon 2004 haben wir betont: Eine Wirtschaftspolitik auf der   Grundlage »nationaler Klassenkompromisse« ist keine ausreichende Perspektive mehr für die Gewerkschaften. Schon Anfang der 1980er Jahre hatte die Erfahrung der linken Regierung Mitterands die Grenzen einer keynesianischen Politik in einem Land aufgezeigt. Im globalisierten Finanzmarktkapitalismus ist eine neue Qualität der wirtschaftlichen Verflechtungen und Abhängigkeiten entstanden. Die neoliberal dominierten, flexiblen Entscheidungs- und Machtzentren eines netzwerkartigen internationalen Staates (von der Eurogruppe und der EZB bis zur WTO und den G-20) sind für die Interessen der Lohnabhängigen weitgehend undurchlässig und dienen dazu, Rahmenbedingungen (wie bspw. die Festschreibung von Austeritätspolitik über die EU-Verträge und den Fiskalpakt) zu setzen, unter denen sozialstaatliche Politik auf nationaler Ebene unter Druck gerät. Ein »Sozialstaat in einem Land« ist auf Dauer kaum noch möglich, das gilt für hochverschuldete Staaten wie Griechenland, für Süd- und Osteuropa und erst recht für die Länder des globalen Südens. Allerdings gibt es in den wirtschaftlich dominierenden Ländern – allen voran Deutschland – immer noch beträchtliche Spielräume für Verteilungskämpfe. Diese dürfen – und das ist vielleicht auch eine Lehre aus den vergangenen elf Jahren gewerkschaftlicher Kämpfe und Strategiediskussionen – nicht unterschätzt werden. Die neoliberalen Agenda-Reformen der Regierung Schröder mit dem Ausbau des Niedriglohnsektors und der Prekarisierung der Arbeit ermöglichten den deutschen Sonderweg – das in der Krise gefeierte Export- und Beschäftigungswunder. Die deutschen Gewerkschaften standen dieser Politik – trotz der Mobilisierung von Teilen der Gewerkschaftsbasis – weitgehend ohnmächtig gegenüber. In den folgenden Jahren haben sie es nicht geschafft, in den Tarifkämpfen wenigstens den verteilungsneutralen Spielraum auszuschöpfen. Die Verschiebungen in den Verteilungs- und Kräfteverhältnissen in Deutschland führten auch zu wachsendem Druck auf die Lohn- und Sozialstandards in anderen europäischen Ländern und zur verstärkten Spaltung zwischen Nord- und Südeuropa. Daraus folgt: Eine offensive Gewerkschaftspolitik in Deutschland hat sehr wohl Spielräume, und diese zu nutzen, wäre ein wichtiger Schritt zu einer Verschiebung der Kräfteverhältnisse in Europa. In der aktuellen Krise in Europa müssen die deutschen Gewerkschaften ihre Hausaufgaben machen und eine breite Diskussion über Strategien offensiver Lohnpolitik und den Kampf gegen Prekarisierung und Tarifflucht (eine wichtige Ursache gesunkener Reallöhne ist der Rückgang der Tarifbindung und die Spaltung zwischen tariflosen und tarifgebundenen Betrieben und Belegschaften) führen.

     

    Für eine neue Dialektik von betrieblichen, nationalen und transnationalen Kämpfen

    Die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse müssen auf lokaler, nationaler und transnationaler Ebene verändert werden, um dem transnational agierenden Kapital überhaupt noch relevante soziale Zugeständnisse abzuringen. Ein Bruch mit der neoliberalen Politik und ein Richtungswechsel setzen voraus, die Kräfteverhältnisse zwischen Kapital und Arbeit massiv zu verschieben und das Kapital zu einem »Klassenkompromiss« auf europäischer Ebene zu zwingen. Die Erfahrung des fiskalischen Putsches gegen die Linksregierung in Griechenland zeigt: Ohne einen Bruch mit der Verankerung des Neoliberalismus in den Institutionen der EU ist dauerhaft kein Politikwechsel auf nationaler Ebene möglich. Aber: Ein wirklicher Politikwechsel in Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Italien würde nicht nur die Kräfteverhältnisse in der EU und ihren Institutionen in Bewegung bringen, sondern wäre ein zentraler Hebel für einen Bruch mit dem Neoliberalismus. Eine starre Gegenüberstellung nach dem Motto »Es geht nur noch transnational« oder »Es geht nur noch national/regional« ist eine strategische Sackgasse. Die Gewerkschaften und sozialen Bewegungen in Europa müssen eine Strategie der Dialektik von lokaler, nationaler und transnationaler Ebene finden. Für die Linke in Deutschland bedeutet dies: die Klassenkämpfe in Deutschland stärken und an einer stärkeren Internationalisierung arbeiten. Nur wenn die Gewerkschaften ihre Organisationsmacht in den Schlüsselsektoren der Industrie, der Dienstleitungsarbeit und des Öffentlichen stärken, können sie auch europaweit wirkungsmächtig werden.

    Die Ausgangsbedingungen dafür, dass die europäischen Gewerkschaften zum Motor einer Transformation hin zu einer gerechten und ökologisch zukunftsfähigen Globalisierung werden, sind in den letzten elf Jahren aber kaum besser geworden. Große Teile der Gewerkschaften in Europa wurden durch Entlassungen, neoliberale Arbeitsmarktreformen und Angriffe auf das Tarifsystem massiv geschwächt. In der Krise fällt bisher gemeinsames Handeln schwer. Die Gründe dafür sind vielfältig: Die Lohnabhängigen in Nord- und Südeuropa sind trotz europaweiter Austeritätspolitik sehr unterschiedlich betroffen. Gerade in der deutschen Exportindustrie, die von der Krise profitiert, dominiert ein »Krisenkorporatismus«: Die Gewerkschaften erreichen für ihre Kernbelegschaften den Erhalt von Arbeitsplätzen und moderate Lohnsteigerungen im Gegenzug zur Akzeptanz von Arbeitsverdichtung und permanentem Flexibilisierungsdruck. Hier bestehen unmittelbar zunächst objektiv unterschiedliche Interessen der Lohnabhängigen in Europa und die Herausforderung für die Gewerkschaften würde darin liegen, gemeinsame Interessen als Grundlage für »Solidarität im Eigeninteresse« herauszuarbeiten. Auf der programmatischen Ebene gibt es dazu viele Ansätze in euro-keynesianischen Konzepten: Lohnsteigerungen zur Stärkung der Nachfrage, öffentliche Investitionen im Rahmen einer Europäischen Industrie-und Strukturpolitik – u.a. auch für die Stärkung der öffentlichen Infrastruktur –, eine Reform der Währungsunion und ihre Ergänzung durch eine Sozialunion. Nur, derzeit schaffen die Gewerkschaften es kaum, mit diesen Alternativen die Arbeitslosen, Prekären und um ihre Arbeitsplätze fürchtenden Kernbelegschaften und »neuen« Mittelschichten zu erreichen und für die Perspektive eines solidarischen Europas zu gewinnen.

    Es ist nicht gelungen, den wichtigen Aufrufen für ein anderes, soziales Europa und Ideen wie dem »Marshall-Plan« für ein europäisches Investitionsprogramm eine gemeinsame, grenzüberschreitende Mobilisierung folgen zu lassen. Den deutschen Gewerkschaften fällt es in der Europafrage schwer, an der betrieblichen Basis gegen den herrschenden Diskurs, der die Verschuldung der südeuropäischen Länder als Krisenursache darstellt, Mehrheiten von einer alternativen Krisendeutung zu überzeugen, die die Folgen der neoliberalen Politik und die Verteilungsfrage zwischen Kapital und Arbeit in den Mittelpunkt stellt. Auch das ohrenbetäubende Schweigen und die tiefgreifende Krise der seit Mitte der 1990er neoliberalisierten Sozialdemokratie tragen dazu bei, dass europaweites Handeln der Gewerkschaften gegen die Austeritätspolitik derzeit schwierig ist.

    Die zentrale Herausforderung für die Entstehung transnationaler Macht: Ihre Basis muss auf der betrieblichen und nationalen Ebene gebildet werden und zugleich müssen unterschiedliche Interessen so verknüpft werden, dass transnationale Solidarität im eigenen Interesse möglich wird. Grenzüberschreitende Gegen-Macht muss auf betrieblicher und tarifpolitischer Organisations- und Durchsetzungsmacht aufbauen – zugleich braucht es vor allem in der global vernetzten Industrie eine stärker transnationale Organisierung der Lohnabhängigen. So müssen die Gewerkschaften mehr denn je die Machtzentren der transnationalen Großkonzerne und ihre Wertschöpfungsketten in den neuen und alten Schlüsselsektoren in den Blick nehmen und transnationale Organisierung aufbauen. Neben der Organisierung bisher schwach organisierter Bereiche (ob in der prekären Dienstleistungsarbeit oder im Sektor erneuerbarer Energieproduktion), ist es angesichts begrenzter und zum Teil schwindender Ressourcen zentral, dort mit der Transnationalisierung zu beginnen, wo bereits in unterschiedlichen Ländern Ansätze von Organisationsmacht vorhanden sind und eine transnationale Zusammenarbeit entlang der Wertschöpfungskette naheliegt: in den Schlüsselsektoren der Industrie, bei Transport, Logistik und Mobilität. Ausgehend von aufgebauter Gegen-Macht müssten verstärkt Versuche unternommen werden, in den Schlüsselindustrien, in denen starke Standortkonkurrenz herrscht und die die Weltwirtschaft prägen, zu internationalen Branchentarifverträgen zu kommen. Aber auch in der Verteidigung des Öffentlichen Sektors und der sozialen Dienstleistungen gegen die Austeritätspolitik liegen wichtige Ansatzpunkte für eine transnationale Gewerkschaftspolitik. Europäische oder internationale Konzernbetriebsräte sind wichtige »Brückenköpfe« transnationalen Handelns, Orte »grenzüberschreitender Kommunikation und Bildung« – aber es gelingt derzeit kaum, sie zu Katalysatoren grenzüberschreitenden Widerstands zu machen. Es braucht eine stärkere Einbeziehung der gewerkschaftlichen Basis in die Diskussionen. Eine effektive internationale Tarifkoordination ist nur mit einem starken »Unterbau durch gemeinsam handelnde Akteure« an der Basis möglich. Dazu wären auch gemeinsame Tarifkommissionen und Streikkassen zweckmäßig. Transnational koordinierte Strategien des »Organizing« und des Kampfes um Tarifbindung zu entwickeln, ist eine der zentralen Herausforderungen der Gewerkschaften.

    Die derzeit größte Herausforderung im Kampf für eine soziale und demokratische Neugründung Europas von unten liegt darin, stärker an die unterschiedlichen Erfahrungen in der Arbeitswelt (wie prekäre Beschäftigung, krank machenden Stress durch ständigen Flexibilisierungsdruck u.a.) und in den Lebensbedingungen (wie die Kürzungen und Ökonomisierung der Gesundheit und Pflegeversorgung, die Kämpfe um Zugang zu Bildung und Weiterbildung) anzuknüpfen. Es gilt, betriebliche und tarifpolitische Kämpfe mit gesellschaftspolitischen Mobilisierungen auf dem Feld des Nationalstaates und transnationaler Vernetzung und Handlungsfähigkeit auf der Ebene der EU zu verbinden.

     

    Transnationale Kampagnen als Schritte zum Aufbau von Gegen-Macht

    Ein Ansatzpunkt dafür können transnationale Kampagnen sein. Zweifellos muss die europaweite Zusammenarbeit von Gewerkschaften, sozialen Bewegungen und linken Parteien deutlich verstärkt werden. Ein wichtiger Fortschritt wäre eine europaweite, spektrenübergreifende Diskussion über mögliche Bündelungspunkte im Kampf um ein anderes Europa zu führen. Sie müssen so angelegt sein, dass eine möglichst große Zahl von Belegschaften und lokalen Akteuren daran andocken können. Die Proteste gegen die Wasser-Privatisierungen und die europaweite Bürgerinitiative gegen TTIP zeigen, dass europäische Kampagnen wirkungsvoll sein können. Es geht aber nicht nur um 1-Punkt-Kampagnen, sondern darum, die Kräfte im Kampf gegen die Austeritätspolitik, gegen die Zerstörung der Demokratie und die Militarisierung der Außengrenzen zu bündeln. Solche Bündelungspunkte müssten ausgehend von Diskussionen an der Gewerkschaftsbasis und in Teilen der europäischen Gewerkschaftsverbände, in sozialen Bewegungen und den europäischen Linksparteien gefunden werden. Die Parteien der Europäischen Linken (EL) wollen in den nächsten Monaten und Jahren verstärkt als Motor einer solchen Diskussion wirken und die Initiative für eine verbindende Plattform von Gewerkschaften, sozialen Bewegungen und Parteien gegen die Austeritätspolitik ergreifen.

    Mögliche Bündelungspunkte könnten sein:

    • Der Kampf gegen die zunehmende Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse und um europaweite Mindeststandards für »gute Arbeit«. Überall in Europa sind prekäre Arbeit und Angriffe auf die Tarifbindung und das Tarifvertragssystem (bis zur De-facto-Aufhebung des Systems kollektiver Tarifverhandlungen in Griechenland) drängende Probleme. Eine europaweite Offensive der Gewerkschaften und Bewegungen für eine Regulierung der Arbeit könnte eine existenzsichernde Mindestsicherung und Mindestlöhne, das Verbot von Leiharbeit und Kettenbefristungen, einheitliche gesetzliche Wochenhöchstarbeitszeiten von 35 Stunden, die Stärkung der Tarifbindung und den Ausbau von Mitbestimmungsrechten gegen Stress, permanente Umstrukturierungen und Standortschließungen umfassen.

    • Der Widerstand gegen das geplante Dienstleistungsabkommen TiSA. Der »Bruder« von TTIP würde die De-Regulierung, Privatisierung und Prekarisierung in allen Bereichen der Dienstleistungsarbeit vorantreiben. In den Protesten gegen TTIP sind die Gewerkschaften derzeit ein tragender Akteur.

    • Über die Krise der Gesundheitsversorgung und der »Pflegenotstand« in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen werden die Auswirkungen der Austeritätspolitik in Europa deutlich und erfahrbar: Austerität tötet. Auch in den Bereichen der Bildung, des Wohnens, der Wasser- und Energieversorgung finden viele lokale und betriebliche Auseinandersetzungen statt. Eine europaweite Offensive zur Stärkung der Öffentlichen Daseinsfürsorge und zur Bekämpfung der Massenerwerbslosigkeit müsste an diese Auseinandersetzungen anknüpfen und einen gemeinsamen Bezugspunkt schaffen: die Forderung nach einem europaweiten Investitionsprogramm zur Bekämpfung der Massenerwerbslosigkeit durch öffentliche Investitionen in gute Gesundheitsversorgung, Pflege, Bildung und Wohnen für alle Menschen, finanziert durch eine europäische Vermögensabgabe.

     

    Die Gewerkschaften brauchen eine transnationale »Systemalternative«

    Die Gewerkschaften können sich aber nur dann aus der »Globalisierungsfalle« befreien, wenn es ihnen gelingt, ihre gesellschaftspolitische Funktion neu zu beleben und ihre Kapitalismuskritik zu schärfen. Es ginge darum, gemeinsam mit sozialen Bewegungen und linken Parteien, eine ausstrahlungskräftige Systemalternative zum neoliberalen Finanzmarktkapitalismus zu entwickeln. Eine solche Alternative muss gerade angesichts der Verschränkung globaler Krisenprozesse auf globale soziale Gerechtigkeit zielen.

    Erstens braucht es eine Vision für eine radikale Demokratisierung der Strukturen internationaler Staatlichkeit. Ohne eine Transformation des neoliberal geprägten Institutionengefüges der EU ist keine europäische Demokratie möglich. Gewerkschaften, Bewegungen und linke Parteien sollten an einer Strategie für eine Neubegründung Europas von unten arbeiten. Das schließt eine Mobilisierung für einen neuen Verfassungsprozess ein – eine neue Verfassung für die EU steht jedoch am Ende eines langen Prozesses des Aufbaus von Gegen-Macht.

    Zweitens ist eine solidarische und klassenbezogene Antwort auf die Herausforderung der Flucht- und Migrationsbewegungen eine Schlüsselfrage gewerkschaftlicher Politik. Die Vernichtung der Lebensgrundlagen für Hunderte Millionen Menschen vor allem im globalen Süden durch Landnahme und die Ausplünderung von Ressourcen, durch die Folgen ökologischer Krisen und Kriege, führt zu zunehmenden Migrationsbewegungen. Das Kapital hat Migration historisch immer genutzt, um Konkurrenz der Lohnabhängigen zu verschärfen und Spaltungen zu befördern.

    In den europäischen Gesellschaften entwickelt sich angesichts sozialer Verwerfungen und Verunsicherung durch drei Jahrzehnte neoliberale Politik eine gesellschaftliche Polarisierung entlang der Fragen der Migration und der sozialen Gerechtigkeit. Autoritäre, wohlstandschauvinistische und rechtspopulistische Kräfte werden stärker. Die Gewerkschaften müssen den ideologischen Kampf aufnehmen, klare Kante gegen Rassismus und Nationalismus zeigen und gleichzeitig die Bemühungen um gemeinsame Organisierung im Kampf um gleiche Rechte und Lebensbedingungen für alle massiv ausweiten.

    Drittens müssen die Grenzen einer euro-keynesianischen Politik ernstgenommen werden. Eine »Sozialunion« mit der Perspektive einer Angleichung der Lebensverhältnisse und europaweiter sozialer Rechte ist nur möglich, wenn sie mit Elementen demokratischer Investitionslenkung und einem Ausbau der Demokratie in der Wirtschaft verbunden wird. Eine Koordinierung der Lohnpolitik und eine Strukturpolitik zur Umgestaltung der Weltwirtschaft sind ohne eine Kontrolle von Investitionsentscheidungen in den Schlüsselindustrien kaum erfolgsversprechend.

    Die Perspektive einer »sozial-ökologischen Wirtschaftsdemokratie« (Urban 2013) kann helfen, die schwierige Aufgabe anzugehen, neue solidarische und ökologische Weisen des Wirtschaftens, Konsumierens und Schritte zu neuen Formen transnationaler Demokratie durchzusetzen. Der entwickelte Reichtum des gesellschaftlichen Wissens und die Früchte der digitalen Revolution müssen allen Menschen zugute kommen. Die Eigentumsverhältnisse sind hier längst zu Fesseln geworden, die verhindern, dass der technologische Fortschritt seinen Gebrauchswert für die Menschen entfalten kann. Es geht darum, die Verfügungsmacht der Vermögenden und der Konzerne über den gesellschaftlichen Reichtum zu brechen. Ohne eine radikale Umverteilung des Reichtums, ohne die demokratische Kontrolle der Finanzmärkte und die Vergesellschaftung der Banken, wird das nicht gehen. Durch die Stärkung von öffentlichem und kollektivem Eigentum können die Entscheidungen, was wo für welche Zwecke investiert und produziert wird, demokratischer Kontrolle unterworfen und die Produktion am gesellschaftlichen Bedarf der Menschen und an ökologischen Kriterien, statt an privaten Profitinteressen, ausgerichtet werden.

    Einstiege dazu könnten sein:

    • Eine grundlegende Transformation der Wirtschaftsweise und eine ökologische Konversion der Industrie erfordern es, die Frage der Vergesellschaftung, der demokratischen Kontrolle, der »Schlüsselsektoren« auf dem Niveau der technologischen Entwicklung und in transnationaler Perspektive neu aufzuwerfen. Durch öffentliches Eigentum in Verbindung mit regionalen, nationalen und europaweiten Wirtschaftsräten könnten die Schlüsselindustrien – von der Auto- und Maschinenproduktion bis zu den Pharma- und IT-Konzernen – an sozialen und ökologischen Zielen neu ausgerichtet und demokratisiert werden. Die ökologische Konversion der Industrie weg von den destruktiven Technologien und Klimakillern kann nur gelingen, wenn die Beschäftigten, die Konsument_innen und Bürger_innen selbst die Prozesse demokratisch organisieren können. So könnten staatliche Investitionen für ökologische Modernisierungen an die Stärkung von Belegschaftseigentum und Genossenschaften geknüpft werden. Die Schaffung von klimagerechten neuen Arbeitsplätzen durch eine sozial-ökologische Energiewende, verbunden mit Organisierung in den Bereichen erneuerbarer Energieerzeugung und einer Demokratisierung der Energieversorgung, könnte ein Schlüsselprojekt der Gewerkschaften werden.

    • Eine kostenfreie soziale Infrastruktur von Bildung, Pflege, Gesundheitsversorgung, Wohnen und Mobilität. Es geht um die Schaffung von für alle zugänglichen öffentlichen Gütern jenseits des Marktes, mit guten Arbeitsbedingungen, demokratisch organisiert und ökologisch zukunftsfähig. Wenn der Bereich des Öffentlichen ausgeweitet und auf neue Weise demokratisch von Produzierenden und Nutzenden gestaltet wird, brechen wir auf zu neuen Ufern: in Richtung eines Infrastruktur-Sozialismus und einer damit verbundenen neuen Kultur des Wohlstands und des Reichtums der Möglichkeiten: Lebensqualität und Selbstbestimmung für alle, statt mehr privatem Warenkonsum.

    Es gibt keine Abkürzungen oder einfache Lösungen auf diesem Weg zu einer neuen Dialektik von lokalen, regionalen, nationalen und transnationalen Kämpfen um eine andere Globalisierung. In den nächsten Jahren ist es daher die große Aufgabe der Gewerkschaften, soziale Bewegungen und linke Parteien stärker in internationalen Zusammenhängen zu denken und konkrete Projekte für gemeinsames, grenzüberschreitendes Handeln zu entwickeln.


    Literatur

    Urban, Hans-Jürgen (2013): Der Tiger und seine Dompteure. Wohlfahrtsstaat und Gewerkschaften im Gegenwartskapitalismus, Hamburg.