• Die Entdeckung Amerikas

  • 26 Apr 11
  • Simone de Beauvoirs Reise durch die USA im Jahre 1947 (1)

    Jedes Mal, wenn ich Simone de Beauvoirs „Amerika Tag und Nacht“2 zur Hand nehme, erstaunt mich die Aktualität dieses Reisetagebuchs. Das betrifft sowohl das Verhältnis von Schwarz und Weiß, worauf ich später eingehen werde, wie auch die Rezession, die 1947 die USA bedrückte. „Ich weiß nicht,“ schreibt sie, „ob es meine schlechte Laune ist, die mir heute abend sogar New York verleidet. Tatsächlich leiden die Nachtlokale an einer beginnenden Depression, die man schamhaft ‚Rückgang’ nennt. Zunächst war ich mit meinen spanischen Freunden in der 52. Straße – der Straße der eleganten Nachtlokale – bei Billie Holiday. Ein spärliches Publikum lauscht einem glanzlosen Orchester und wartet darauf, Billie singen zu hören. […] Wir landen in Greenwich. Der äußere Rahmen des Café Society ist gefällig, die Darbietungen sind nicht schlecht, aber der Raum ist ebenfalls beinahe leer. Weiter zu Nick’s an der Ecke der 10. Straße. Voriges Jahr soll der Jazz ausgezeichnet und das Publikum zahlreich gewesen sein. Rückgang.“3

    Und schließlich betrifft die Aktualität dieser Reisetagebücher Simones die Terrorismusfrage, die Möglichkeit des Umschlags des Kalten Kriegs in einen heißen, den beginnenden McCarthyismus und die Art des Umgangs mit der Linken in den USA. Als sie am Tag nach ihrer Ankunft in New York zur Südspitze Manhattans spaziert, hin zur Battery, ursprünglich von Briten und Niederländern zur Verteidigung des New Yorker Hafens angelegt, hält sie fest:

    „Die Sonne schien so schön, das Wasser des Hudson war so grün, dass ich das Schiff bestieg, das die Provinzler aus dem Mittelwesten zur Freiheitsstatue hinüberfährt. Aber ich steige nicht auf der kleinen Insel aus, die einem Fort ähnelt. Ich wollte nur die Battery sehen, so wie ich sie oft im Kino gesehen habe. Und jetzt sehe ich sie. Von weitem erscheinen diese schlanken Türme zerbrechlich. Die aufwärtsstrebenden Gerüste sind so knapp und genau ausgewogen, dass sie wohl bei der geringsten Erschütterung wie Kartenhäuser zusammenbrechen würden. Wenn das Schiff näher kommt, werden die Steinschichten wieder massiver: aber das Bild des Einsturzes lässt einen nicht wieder los. Welches Fressen für Bombenflugzeuge!“4

    Ich will nur noch darauf hinweisen, dass die Twin Towers, die am 11. September 2001 durch zwei Flugzeuge zerstört wurden, nahe der Battery standen und der Aushub für ihre Baugrube genau dort abgelagert ist. Das zur Aktualität.

    Aber: So, wie diese Reisetagebücher in unsere Gegenwart weisen, so weisen sie auch in die Vergangenheit, genauer in die Geistesgeschichte. Mit ihnen, behaupte ich, schreibt sich Beauvoir in die Tradition der französischen Reiseliteratur ein, die im 16. Jahrhundert mit den Reisetagebüchern Michel de Montaignes einsetzt und in den folgenden Jahrhunderten, etwa durch Montesquieu, fortgesetzt wird. Darin haben die Reisenden das fixiert, was ihnen auf ihren Europareisen – der Grand tour – begegnete, ihre Impressionen von Ländern, Leuten und Lebensweisen, das, was sie erlebt, gesehen, „erfahren“ hatten. Diese Reisetagebücher dienten ihnen als Grundlage für ihre Hauptwerke – Montaignes „Essais“, Montesquieus „Considérations“ und insbesondere „De l’Esprit des lois“. Darüber hinaus aber bilden sie eine eigenständige Literaturgattung mit eigenem Wert. Sie enthalten einen Reichtum an Bemerkungen, Beobachtungen und Bewertungen, der in den Hauptwerken nur noch komprimiert und kondensiert – fast möchte ich sagen: verarmt – zum Ausdruck kommt.5

    Dies gilt ebenso für einen Autoren des 19. Jahrhunderts, der hinsichtlich der zeitlichen wie räumlichen Dimensionen seiner Reise noch näher an Beauvoir herankommt: Alexis de Tocqueville. Er bereiste die USA in den 1830er Jahren, und zwar mit dem offiziellen Auftrag, das dortige Gefängniswesen zu studieren. Seine Beobachtungen hielt er zunächst in umfangreichen Reisetagebüchern fest, um sie später in seinem Hauptwerk – „De la démocracie en Amérique“ – zu verarbeiten, jenem Gemälde der US-amerikanischen Gesellschaft, das bis ins 20. Jahrhundert hinein das Selbstbild dieser Gesellschaft geprägt hat und das ihm in seinem eigenen Lande – wegen des schon damals schwelenden Antiamerikanismus – viele Feinde eintrug.

    So jedenfalls sehe und lese ich Simones Reisetagebücher: Viele ihrer Beobachtungen und Erfahrungen fließen in den großen Essai „Le deuxième sexe“ ein, dessen Niederschrift sie nach ihrer Rückkehr aus den USA beginnt und dessen 60-jähriges Erscheinen nun gefeiert wird. Es wäre also möglich, etwa ihre Tagebuchnotizen zu den amerikanischen Frauen, u. a. zu den Sekretärinnen, als Vorstudien für das sog. „Eigentliche“ zu lesen. Das allerdings würde die Lektüre einschränken und ließe nur das wiederentdecken, was bereits aus der Lektüre des Hauptwerks bekannt ist; der Detailreichtum, der die präzisen Darstellungen umgibt, bliebe als Ballast am Rande.6

    Widmen wir uns also ihrem Reisetagebuch – intensiv und mit Vergnügen! Was sind, wäre zunächst zu fragen, Anlass und Umstände der Reise, also der Kontext? Beauvoirs Tagebuch beginnt am 25. Januar 1947. 16 Tage zuvor wurde sie 39 Jahre alt. Sie ist bereits bekannt als existenzialistische Philosophin und Romanautorin7 und als Gefährtin Sartres. So hatten sie verschiedene Bildungseinrichtungen und Colleges der USA zu einer Vortragsreise eingeladen. 8

    Im Januar 1947, als sie ihre Reise antritt, ist der II. Weltkrieg gerade anderthalb Jahre vorbei. Beauvoir verlässt ein von Zerstörungen, Hunger und Elend gezeichnetes Europa. Die Alte Welt ist nur knapp der völligen Vernichtung entgangen. Beauvoir zieht aus, die Neue Welt für sich zu entdecken, mit bestimmten Vor-Stellungen von Land und Leuten. Die hatte sie sich durch die Lektüre amerikanischer Romane, das Anschauen amerikanischer Filme, das Anhören amerikanischer Musik, v.a. des Jazz, gebildet. Aber auch durch Erzählungen anderer und nicht zuletzt durch die Begegnungen mit GIs, die in Frankreich stationiert waren. Beim Lesen ihrer Tagebücher wird deutlich, wie sie zwischen diesen Vor-Bildern und den Bildern, die sie sich nun in den USA selbst machen kann, hin- und herschwenkt und Vergleiche zieht: Entspricht das gerade Erlebte/ Gesehene dem Vor-Bild, widerspricht es ihm, ist das Vor-Bild grundsätzlich in Frage zu stellen oder zu konkretisieren?

    Simone de Beauvoir ist sich bewusst, dass sie etwas ganz Neues entdecken und erfahren wird, sie fühlt es am ganzen Körper, ja sie hat vor und während ihres Fluges von Paris nach New York das Empfinden, sich aufzulösen und eine neue Identität anzunehmen. Dem entsprechen die ersten Sätze ihres Tagebuchs, die sie unter dem 25. Januar einträgt: „Gleich wird etwas passieren. Man kann in einem Leben die Minuten zählen, in denen etwas passiert. Strahlenbündel fegen über das Gelände, auf dem rote und grüne Lichter funkeln. Das ist ein Galaabend, ein Nachtfest: mein Fest. Etwas passiert. Die Propeller drehen sich schneller und schneller, die Motoren heulen auf – mein Herz kann ihnen nicht folgen. Auf einmal kleben die roten Leuchtbaken des Flugplatzes am Boden, in der Ferne zittern die Lichter von Paris, irdische Sterne, die aus dunkelblauer Tiefe aufsteigen.

    Ja – es ist passiert. Ich fliege nach New York. Es ist wahr.“9 Und einen Tag später, nach ihrer Ankunft in New York, schreibt sie: „Mitten in der Nacht, in meinen Schlaf hinein, sagt plötzlich eine Stimme ohne Worte: ‚Etwas ist mir passiert.’ Ich schlafe noch und weiß nicht, ob nun ein großes Glück oder eine Katastrophe über mich gekommen ist. Etwas ist mir passiert. Vielleicht bin ich gestorben, wie das häufig in meinen Träumen vorkommt, vielleicht werde ich auf der anderen Seite des Todes erwachen. Ich öffne die Augen und habe Angst. Und es fällt mir ein: das ist keineswegs das Jenseits – das ist New York.“10 Simone de Beauvoir bleibt vier Monate in den USA; am 25. Januar fliegt sie in Paris ab, und am 20. Mai kehrt sie zurück. Vier Monate, die ihr Leben enorm prägen werden, wie sie selbst im Nachhinein schreibt. Da es nicht möglich ist, alles von ihr Erlebte und Bedachte wiederzugeben, habe ich mich auf folgende Schwerpunkte konzentriert, die, so meine ich, auch Schwerpunkte der Tagebücher selbst sind: Der Gegensatz zwischen Schwarz und Weiß; die Sitten, Moral und Lebensweise der Amerikaner überhaupt; die Politik in den USA; (natürlich!) die Frauen, und schließlich Landschaftsgemälde.11

     

    I. Der Gegensatz zwischen Schwarz und Weiß

     

    Das Verhältnis zwischen schwarzen und weißen Amerikanern beschäftigt Simone de Beauvoir besonders, ja es bewegt sie. Immer wieder kommt sie darauf zurück, und sie betreibt hier m.E. wahrhaft sozialpsychologische Studien. Sie beobachtet die sozialen Gegensätze und Spannungen zwischen Schwarzen und Weißen, deckt Differenzen bis in ihre feinsten Erscheinungen auf, doch versucht sie auch, sich in beide Seiten hineinzuversetzen und sowohl das Gefühl für die alltäglichen Ungerechtigkeiten nachzuvollziehen, das die Schwarzen beherrscht, wie auch die Schuldgefühle der Weißen, ihr schlechtes Gewissen, das sich in diversen Formen äußert.

    So durchstreift sie Harlem, trotz der Warnungen offenbar rassistisch eingestellter (ehemals Pétain-naher) Exilfranzosen, und schreibt unter dem 2. Februar:

    „Ja, ich ging nach Harlem, aber meine Schritte waren nicht so sorglos wie sonst. Es handelte sich nicht nur um einen Spaziergang, sondern um eine Art Abenteuer. Eine Kraft zog mich rückwärts, eine Kraft, die von den Grenzen der Negerstadt ausging und meine Schritte hemmte: die Furcht. Nicht meine eigene: die der anderen, die Furcht aller dieser Weißen, die sich nie nach Harlem wagen und die im Norden ihrer Stadt die Gegenwart einer riesigen, geheimnisvollen, verbotenen Zone fühlen, in der sie zu Feinden werden. Ich biege um die Ecke einer Avenue und empfinde einen Schock im Herzen: in einem einzigen Augenblick hat sich das Bild der Landschaft geändert. Da war auf einmal ein Gewimmel von schwarzen Kindern in leuchtenden Hemden mit roten und grünen Karos, da waren Schulkinder mit gewelltem Haar und braunen Beinen, die schwatzten am Rand des Gehsteigs; Schwarze dösten auf den Türschwellen, andere wieder schlenderten umher, die Hände in den Hosentaschen. Die entspannten Gesichter schienen nicht einer unsichtbaren Zukunft zugewandt, vielmehr spiegelten sie die Welt wider, wie sie jetzt, in diesem Augenblick, unter diesem Himmel war. Und ich fühlte in mir eine fieberlose Heiterkeit aufsteigen, wie sie mir New York bis jetzt noch nicht gegeben hatte.“12

    Inmitten von New York vollzieht Beauvoir einen Transzensus und entdeckt eine besondere, ihr zunächst fremde Welt innerhalb der Neuen Welt; allerdings als eine Weiße, die – trotz aller Aufgeschlossenheit – das Gefühl der Fremdheit hat und von der anderen Seite, der schwarzen, ja auch als Fremde, da eben Weiße, betrachtet wird. Doch alsbald entdeckt sie auch hier Unterschiede:

    „Aber Harlem hat seine vollkommene Gesellschaftsordnung mit seinen Bürgern und Proletariern, seinen Reichen und seinen Armen, die sich nicht in einer revolutionären Aktion zusammengeschlossen haben, die wünschen, sich völlig in Amerika einzuleben, und nicht, es zu zerstören. Diese Neger werden nicht plötzlich die Wall Street überschwemmen, sie sind keine unmittelbare Bedrohung.“13 Es gibt also für Beauvoir nicht „die“ oder „den“ Schwarzen.14 Vielmehr gibt es auch in dieser Welt gröbere und feinere Unterschiede, und der Wille zur An- und Einpassung an resp. in die amerikanische Gesellschaft scheint, folgt man jedenfalls Beauvoir, über den Willen zu ihrer Zerstörung zu dominieren. Woher dann aber die Furcht, woher der Hass der Weißen vor den bzw. auf die Schwarzen? Beauvoir reflektiert: „Die unsinnige Furcht, die sie auslösen, kann nur die Kehrseite eines Hasses und einer Art von Gewissensbissen sein. Im Herzen von New York gelegen lastet Harlem auf dem guten Gewissen der Weißen wie die Erbsünde auf dem Gewissen eines Christen. Unter den Menschen seiner Rasse ist Gutmütigkeit, Wohlwollen und Freundschaft der Traum jedes Amerikaners, und er setzt seine Tugenden sogar in die Praxis um; aber sie sterben an den Rändern von Harlem. Der mittlere Amerikaner, so darauf bedacht, mit sich und der Welt im Einklang zu sein, weiß, dass er jenseits dieser Grenze die widerwärtige Figur des Feindes, des Unterdrückers abgibt – und das jagt ihm Furcht ein. Er fühlt sich gehasst und hassenswert: dieser Stachel in seinem Herzen ist unerträglicher als eine festumrissene äußere Gefahr.“15

    So kehren sich bei den Weißen schlechtes Gewissen und darauf beruhender Selbsthass in Fremdenfurcht und -hass um, die sich gegen die Schwarzen richten und stets nach neuer Legitimierung suchen, etwa in der angeblichen Urkriminalität der Schwarzen.16 Doch geht Beauvoir in ihren sozialpsychologischen Studien weiter. Am Abend des 2. Februar besucht sie in Begleitung von Richard Wright, einem Schwarzen, und dessen weißhäutiger Frau Ellen17 das Savoy, ein „großes amerikanisches dancing“, in dem die beiden Frauen die einzigen Weißen sind. Und Beauvoir, die den Jazz liebt, beobachtet die tanzenden Frauen und Männer.

    „Viele [Frauen] sind hübsch“, lesen wir, „vor allem aber machen alle einen lebendigen Eindruck – welch ein Unterschied zu der kalten Aufgeblasenheit der weißen Amerikaner! Und wenn man diese Männer sieht, deren animalisches Leben nicht unter einem Panzer puritanischer Tugend erstickt worden ist, begreift man, in welchem Umfang sexuelle Eifersucht den Hass nährt, den die weißen, schwerfälligen Amerikaner den Negern gegenüber empfinden. In Wirklichkeit ist der Prozentsatz der Lynchmorde, die ein sexuelles Motiv zum Vorwand nehmen, sehr klein. Aber hartnäckig glauben und sagen die Weißen, dass die Neger hinter den weißen Frauen mit der Geilheit von wilden Tieren her sind – aber auch damit tarnen sie eine ganz andere Furcht: die Furcht, dass die weißen Frauen ‚bestialisch’ von den Negern angezogen werden; sie sind selbst fasziniert von der Liebesfähigkeit, die sie den Negern unterstellen.“18

    Weitere Aufschlüsse erlangt sie bei einem Besuch des Gottesdienstes in einer, wie sie schreibt, „Negerkirche“, wiederum begleitet von Richard Wright. Beauvoir ist frappiert vom sozialen, ja politischen Charakter der Predigt des Pastors. „Man könnte meinen“, schreibt sie, „weniger einem Gottesdienst als vielmehr einer politischen Versammlung beizuwohnen.“ 19 Allerdings handelte es sich hier um eine gutbürgerliche Gemeinde, die nicht zu revolutionären Aktionen tendierte. Wright schlägt ihr deshalb vor, in die Kirchen der Armen zu gehen, da dort die schönsten spirituals zu hören und das Ergreifende der schwarzen Religion viel stärker zu spüren seien.

    Das Politische, Weltliche dieses Gottesdienstes erklärt ihr Richard Wright damit, „dass es im Leben des Negers nicht eine Minute gibt, in der ihm nicht das Problem seiner sozialen Stellung zum Bewusstsein käme – von seiner Geburt bis zu seinem Tod, ob er arbeitet, isst, liebt, spazieren geht, tanzt oder betet: nie kann er vergessen, dass er Neger ist, und in jedem Augenblick ist ihm die Welt der Weißen gegenwärtig, durch die das Wort ‚Schwarzer’ erst seinen Sinn erhält. Was auch immer er tut – ein Neger ist engagé. Für keinen einzigen farbigen Schriftsteller existiert das Problem der littérature engagée – es versteht sich einfach von selbst.“20

     

    II. Die Sitten, Moral, Lebensweise der Amerikaner überhaupt

     

    Immer wieder erfreuen Beauvoir die Aufgeschlossenheit, Freundlichkeit, ja Herzlichkeit der Amerikaner, Eigenschaften, die sie sozialpsychologisch deutet:

    „Dieser Optimismus ist für die soziale Ruhe und das wirtschaftliche Gedeihen des Landes unentbehrlich. Wenn ein Bankier einem jungen Franzosen, der in Verlegenheit ist, großzügig 50 Dollar ohne Sicherheiten leiht, wenn der Manager meines Hotels das leichte Risiko auf sich nimmt, die Schecks seiner Gäste anzunehmen, dann deswegen, weil dieses Vertrauen Voraussetzung einer auf Kredit und Geldumlauf fundierten Wirtschaft ist.“21

    Doch sieht sie auch die Kehrseite dieses scheinbar grenzenlosen Optimismus’ und Urvertrauens in die Welt, die Anderen und sich selbst. Denn: Die Welt, auch die amerikanische, ist voller Probleme und Spannungen. Wie vertragen sich grenzenloser Optimismus einerseits und eine Welt voller Spannungen andererseits? Das erweckt die Neugierde der Französin, und sie macht verschiedene „Sozialtechnologien“ aus. Die eine ist die Psychoanalyse. Statt soziale Probleme an- und sich über sie auszusprechen, um sie zu beheben, werden sie, so Beauvoir, individualisiert und als Fehler von Einzelnen betrachtet und analysiert. Die Psychoanalyse hat damit Hochkonjunktur und eine handfeste politische Funktion: Sie dient der Ruhigstellung der Einzelnen: „Wenn die Psychoanalyse in Amerika so in Mode gekommen, wenn die Psychologie das bevorzugte Unterhaltungsthema der Intellektuellen, der Kultivierten geworden ist, dann nicht etwa deswegen, weil die Amerikaner erwarten, dass diese Wissenschaften ihnen helfen werden, sich selbst zu finden, im Gegenteil: sie erwarten von ihnen, dass sie ihnen behilflich sein werden, sich selbst zu entfliehen. Wenn man sich mit sich selbst uneins fühlt, könnte man versucht sein, die Welt in Frage zu stellen: eine so revolutionäre Haltung ist eine gefährliche Bedrohung für die Gesellschaft, ist beängstigend für das Individuum, das Entscheidungen zu treffen, Risiken und Verantwortlichkeiten auf sich zu nehmen hat.“22 Auf diese Weise werden soziale Probleme nicht gelöst, sondern in die Innenwelt der Einzelnen verlagert und als individuelle Fälle bearbeitet bzw. analysiert. Die (amerikanische) Welt wird damit nicht verändert, sondern nur anders interpretiert!

    Eine weitere Form der Verdrängung ist der Alkohol, dessen ungeheurer Konsum bei allen Klassen und Schichten Beauvoir auffällt. Seien es Schwarze oder Weiße, Frauen oder Männer, Obdachlose oder Villenbewohner, Journalisten, Schauspieler, Inhaber von Spelunken: Der Alkohol dient ihnen, aus der realen Welt in eine Traumwelt zu entfliehen. So bringt sie eines Tages ein total betrunkener Journalist in das Büro eines „großen Direktors“ der New York Times. In seinem Drehsessel sitzend, erkundigt dieser sich ironisch nach dem französischen Existenzialismus. Er verachtet die „Philosophie im allgemeinen und noch viel allgemeiner die Vermessenheit eines wirtschaftlich armen Landes, das sich herausnimmt, zu denken. […] ‚Ja’, sagt er, ‚ihr in Frankreich werft Fragen auf, aber ihr löst sie nicht. Wir stellen keine Fragen – wir lösen sie.’ Der Sessel dreht sich und kracht. In Frankreich spielen die Herren dieser Welt einschüchternde Unbeweglichkeit; dieser da spielt Ungezwungenheit. Vielleicht soll seine Betriebsamkeit – wie bei vielen Amerikanern das Kauen des chewing-gum – eine etwas störende, innere Unsicherheit maskieren; es scheint mir, dass in diesem Land der Minderwertigkeitskomplex nie sehr weitab liegt, auch wenn er sorgsam unter einem zur Schau getragenen Selbstbewusstsein kaschiert wird.“23

    Optimismus, Zupacken, keine Zweifel „wir machen das“, „wir schaffen das“,24 für alles gibt es eine Lösung: Die mit diesen Slogans verbundene Ideologie deckt Beauvoir als eine Art Fassade oder auch Staffage auf, die die Welt des schönen Scheins, den Schein, als sei alles in Ordnung, aufrechterhalten soll, und hinter die die nicht behobenen Probleme verschoben werden. Auf diese Weise vermeint sie bei den Amerikanern einen starken Hang zur Bigotterie zu entdecken, eine Scheinheiligkeit, Zwiegeteiltheit oder auch schlichtweg Unaufrichtigkeit: Der äußerste Moralismus, so Beauvoir, verträgt sich solchermaßen aufs Beste mit der bequemsten Freiheit der Sitten.25

    Ebenso rigoros werden ihr zufolge in der amerikanischen Moral die Tugenden von den Lastern, das Gute vom Bösen geschieden und einander gegenüber gestellt. Zwischen ihnen gibt es keine Übergänge: „Natürlich kann man nicht so absolut bestimmt das Gute definieren, ohne in einem gewissen Umfang das Böse zuzugeben. Wesentlich ist nur, dass das eine nicht in das andere übergreift und dass das Böse – unzweideutig lokalisiert – lediglich als die Antithese des Guten erscheint. […] Wenn die Amerikaner einen so verkümmerten Sinn für Nuancen haben, dann nicht etwa deshalb, weil sie unfähig wären, sie zu erfassen […], sondern weil sie sie in Verlegenheit bringen würden. Die Abstufung zuzugeben heißt: die Doppeldeutigkeit des Urteils, die Anfechtung, den Zweifel zugeben.“26

     

    III. Politik

     

    Die USA – Land der Freiheit, der Demokratie. Doch welcher Freiheit, welcher Demokratie? Dieser Frage geht Simone de Beauvoir immer wieder nach.27

    Die Menschen in den USA, das gesteht sie ein, haben viele Freiheiten. Jedoch: Das sind stets Freiheiten in einem ganz bestimmten, vorgegebenen Rahmen. Sie schreibt:

    „Diese unnütze Überfülle hat einen Nachgeschmack von Mystifikation. Da gibt es tausend Möglichkeiten – und es bleibt doch immer die gleiche. Du hast eine tausendfache Auswahl – und eine ist soviel wert wie die andere. So kann der amerikanische Bürger von seiner Freiheit im Innern des ihm auferlegten Lebens Gebrauch machen, ohne darauf zu kommen, dass dieses Leben selbst nicht frei ist.“28

     

    Und die Demokratie, die Sache des Volkes?

     

    Wiederholt unterstreicht Beauvoir den apolitischen Charakter vieler Menschen in den USA: Politik werde als „Geschäft“ einer kleinen Elite angesehen, der man die Fragen von Innen- und Außenpolitik überlässt: Eine Art Laissez-faire in der Politik! Selbst die jungen Leute waren offenbar recht politikabstinent. Als sie zu einem Vortrag am Oberlin-College eingeladen ist, sitzt sie – bei Milch – mit ein paar Studenten in einer „traurigen Konditorei“. Wir lesen: „Die meisten Intellektuellen, die ich in Amerika traf, setzten mich in Erstaunen dadurch, dass sie allen sozialen und politischen Fragen aus dem Weg gingen; aber diese jungen Menschen sind noch viel erstaunlicher. Ich weiß sehr wohl, dass es kein eigentliches politisches Leben in Amerika gibt, aber es wäre doch normal, dass sie in ihrem Alter eines schüfen. Nichts dergleichen. Nicht einmal unter sich sprechen sie von sozialen Problemen. Sie sprechen auch kaum von geistigen Dingen, sagen sie. ‚Wovon also sprechen Sie?’ Sie zucken die Achseln: von nichts. Bestenfalls noch vom Sport, von den internen Fragen des College-Lebens. Die vornehmlichsten Zerstreuungen der Studenten sind Präsidenten- oder Komiteewahlen:

    sie beschäftigen sich mit etwas und glauben, zu handeln.“29 Hier kommt sie dem nahe, was Tocqueville gut 100 Jahre früher von der amerikanischen Demokratie entwickelt hatte – seine Vision einer Masse individualisierter Einzelner, die einem übermächtigen Staat ohnmächtig gegenüberstehen. Ähnlich heißt es bei Beauvoir:

    „In mir nimmt das, was ich seit Tagen empfinde, eine bestimmte Form an. In Amerika ist der einzelne nichts. Er ist Objekt eines abstrakten Kultes: indem man ihn von seinem individuellen Wert überzeugt, lässt man ein Kollektivempfinden gar nicht in ihm aufkommen. So aber, auf sich selbst angewiesen, entzieht man ihm jede tatsächliche Macht. Was kann der einzelne ausrichten ohne kollektives Hoffen, ohne persönliche Kühnheit? Sich unterwerfen...“30 Ist das nicht genau das, was Tocqueville prophezeit hatte? Ein überzogener Individualismus, der zur Ohnmacht des Einzelnen führt?31 Dabei ist die Welt, auch und insonderheit die amerikanische, im Jahre 1947 hochpolitisch. Es ist die Zeit des heraufziehenden McCarthyismus’. Immer wieder wird die Gefahr eines realen Krieges, des Hinübergleitens vom Kalten in den Heißen Krieg heraufbeschworen und gleichzeitig damit die Rote Gefahr. Die Kommunisten erscheinen als 5. Kolonne, die unter Kontrolle zu halten, wenn nicht gar auszumerzen ist.

    „Gewiss“, schreibt Beauvoir in diesem Kontext, „in einem kapitalistischen Land ist die Freiheit immer eine Täuschung: aber selbst der äußere Anschein einer Demokratie schwindet hier von Tag zu Tag, und Tag für Tag tritt die Willkür schamloser hervor.“32

     

    Und die Außenpolitik? Das Verhältnis zu Westeuropa?

     

    Während die Sowjetunion als Hauptfeind Nr. 1 und potentieller Kriegsgegner dargestellt und behandelt wird, gilt es, Westeuropa – und darunter auch Frankreich – ruhig zu stellen, damit es nicht Gefahr läuft, vom Ostwind angehaucht zu werden. Diese Ruhigstellung firmiert bei Beauvoir unter der Metapher der „Milchbüchse“. Selbst amerikanische Intellektuelle sind der Meinung, dass die Nahrungsmittellieferungen nach Westeuropa eine Wohltat sind (was sie in der Tat waren, angesichts von Hunger und Elend in Europa). Die Philosophin trifft im Zug nach Los Angeles einen Harvard-Professor, der sich bei ihr nach der Zukunft Frankreichs erkundigt. Als sie antwortet, dass diese nicht von der Zukunft der übrigen Welt zu trennen sei und sie also zum Teil von der amerikanischen Politik abhänge, ruft er aus:

    „‚Aber was können wir für euch tun? Schicken wir euch nicht genügend Kondensmilch?’“ – worauf Beauvoir sinniert: „Sie scheinen zu glauben, dass man das Schicksal Europas mit Konservenbüchsen in Ordnung bringen könnte. Ist es eine vorgefasste Meinung, dass sie ihre wirkliche Verantwortung verkennen und dass sie vergessen, dass die Entscheidung über Krieg und Frieden in ihre Hände gelegt ist? Dieser Amerikaner ist ohne Zweifel guten Willens, aber sein Optimismus macht mir kaum mehr Mut als die Apathie der Studenten von Oberlin.“33

    Beauvoir spricht in diesem Kontext vom „caritativen Charakter“ des amerikanischen Imperialismus. „Es ist wahr“, schreibt sie, „dass Europa Amerika braucht. In den Augen des mittleren Amerikaners gewinnt der Imperialismus einen caritativen Charakter. Die Anmaßung der Amerikaner ist nicht Machtwille, sondern der Wille, das Gute aufzuzwingen; das Wunder ist nur, dass sich der Schlüssel zum Paradies in ihren Händen befindet.“34

    Das Politische ist also permanent und omnipräsent; sich der von ihm ausgehenden Verantwortung zu entziehen, gelingt nur per Verdrängung. Dem dienen, Beauvoir zufolge, Psychoanalyse und Psychologie, vor allem aber die Medien, insonderheit Zeitungen/Zeitschriften und Filme. Diese „dritte Gewalt“ hatte bereits Tocqueville beschäftigt, und man könnte das Urteil der beiden so zusammen fassen: Die Medien spielen in den USA, im 19. wie im 20. Jahrhundert, eine so gewaltige Rolle, dass das politischkulturelle Leben des Landes ohne sie unvorstellbar geworden. Nur: Welche Funktion haben sie? Eine aufklärende, erklärende oder eine verklärende? Beauvoir neigt Letzterem zu. Die Medien berichten nicht zu wenig. Im Gegenteil: Es herrscht Informationsüberfluss. Die Zeitungen sind derart voll von Berichten und Nachrichten, dass sich die Differenzen zwischen den wichtigen und den weniger wichtigen verlieren. Unter dem 9. Februar ist zu lesen:

    „‚Sonntagvormittag’, sagte mir eine Amerikanerin, ‚bleibt man im Bett und liest die Beilage der New York Times.’ Als ich zum erstenmal die Sonntagsausgabe der New York Times kaufte, meinte ich, ich hätte mich geirrt und ein ganzes Bündel Zeitungen ergriffen; aber dieses ganze Bündel war eine einzige Zeitung. […] Was mich durcheinanderbringt ist, dass diese große, internationale Presse auch zugleich eine Lokalpresse ist: das Abrüstungsproblem wird an der gleichen Stelle gebracht wie die wunderbare Heilung des blue baby der Eheleute Thompson oder die Mitteilung, wie wunderhübsch der jungverheiratete Kriegsteilnehmer Smith seinen Wohnwagen eingerichtet hat. Auch hier soll bei dem Amerikaner der Eindruck erweckt werden, ganz Amerika interessiere sich für den besonderen Fall eines jeden Bürgers: tagtäglich bringt die Presse ein paar sehr konkrete Beispiele als Beweise für dieses Interesse. Und indem sie Kollekten für das kranke Kind veranstalten oder dem glücklichen Ehepaar Gratulationskarten schicken, haben die Leute für geringe Unkosten den Eindruck, aktiv am Leben der Nation teilzunehmen – und um so lieber überlassen sie den Spezialisten die Probleme der Freiheit, der Arbeit, des Kampfs gegen die Roten, der Intervention in europäische Angelegenheiten.“35

    In dieser Welt haben es die Intellektuellen, so Beauvoir, sehr schwer. In einer als perfekt präsentierten Welt, in der es keine Probleme gibt, höchstens Aufgaben, die zu lösen und stets lösbar sind, werden Grübler, Zweifler, Skeptiker, Leute, die etwas oder das Ganze in Frage stellen, an den Rand gedrängt, leben sie, von wenigen prominenten Ausnahmen abgesehen, unter, wie wir heute sagen würden, prekären Situationen.

    „Meine kurze Erfahrung sagt mir“, schreibt Beauvoir, „dass Amerika für die Intellektuellen ein hartes Pflaster ist.“36 Doch was wären die USA ohne ihre Frauen, und was wäre Simone de Beauvoir ohne die Darstellung des „anderen Geschlechts“?

     

    IV. Die amerikanischen Frauen

     

    Sie nehmen in den Reisetagebüchern breiten Raum ein: Frauen aller sozialen Klassen und Schichten und jeglichen Alters, schwarze wie weiße. Beauvoir gelingen großartige Porträts, wobei sich hier der soziologische, eher verallgemeinernde, und der detailgetreue, die individuellen Eigenarten festhaltende Blick sinnreich verbinden. Selbst attraktiv, beobachtet sie genau, wie sich die amerikanischen Frauen der unterschiedlichen Schichten zurechtmachen. Was ihr auffällt, ist die Überladenheit bei den Damen der Oberschicht, etwa im luxuriösen New Yorker Savoy Plaza Hotel:

    „Überraschend sind die Frauen. Auf ihren gepflegten, in tadellose Wellen gelegten Haaren tragen sie wahre Blumenbeete und Vogelhäuser. Die meisten Mäntel sind aus Nerz, die umständlich drapierten Kleider sind mit glänzenden Pailletten übersät und mit schweren, wert- und phantasielosen Edelsteinen besetzt. Alle tragen weit ausgeschnittene Schuhe mit sehr hohen Absätzen. Ich schäme mich meiner Schweizer Schuhe mit Crêpesohlen, auf die ich so stolz war. Ich habe an diesem winterlichen Tag auf der Straße nicht eine einzige Frau mit flachen Absätzen gesehen; keine hatte den freien, sportlichen Gang, den ich bei den Amerikanerinnen erwartete. Alle tragen Seide, keine Wolle, alle tragen Federn, kleine Schleier, Blumen, Putz. Zuviel Schmuck, zu viele Spiegel und Behänge; zum Essen zu viele Soßen und zuviel Sirup, und überall Hitze. Auch der Überfluss ist eine Geißel.“37

    Im Vassar-College, einem der aristokratischsten Colleges der USA, verwundert sie das so anders geartete Outfit der College-Girls: Über blauen, oberhalb der Fußknöchel aufgekrempelten Trainingshosen tragen sie ein weißes oder kariertes „Männerhemd, dessen Enden vorn mit ausgeklügelter Nachlässigkeit verknotet werden. Die Hemden sind blitzsauber, aber die Trainingshosen müssen schäbig und dreckig aussehen; falls erforderlich, zieht man sie durch den Staub, näht scheußliche Flicken darauf und bessert mit einem dunklen Faden unsichtbare Risse aus.“38 Doch wie frappiert ist sie, als sie dieselben College-Girls bei ihrer Rückfahrt im Zug wiedersieht und diese sich für das weekend in New York aufgeputzt haben: „Genau wie ihre Mütter und ihre älteren Schwestern tragen sie Federhüte, Blumen, Schleier, schwere Pelze, Schuhe mit hohen Absätzen.“39 Ihr wird klar: Trainingshose und Nerzmantel stellen einfach zwei Uniformen dar. Bourdieus Habituskonzept antizipierend, konstatiert sie:

    „Ich glaube, die Amerikanerinnen ziehen sich nie für sich selbst an. Die Kleidung ist zunächst die Zurschaustellung eines Lebensstandards. Aus diesem Grund fehlt auch jede persönliche Note, die sich nicht in Dollar ausdrücken lässt. (Ausgenommen sind gewisse Kreise von Künstlern und Intellektuellen, aber selbst hier sind Seide und Pelzwerk selbstverständliche Voraussetzungen.) Die Hierarchie trägt hier quantitativen Charakter: dem gleichen Vermögen steht der gleiche Pelzmantel zu. Der gesellschaftliche Erfolg einer Frau hängt in einem hohen Maß vom Luxus ihrer äußeren Erscheinung ab – eine entsetzliche Sklaverei für die Armen.“40 Bei ihren Studien der Upperclass-Mädchen spielen deren Zukunftsvorstellungen eine große Rolle. Dabei macht sie selbst unter den college- girls, die doch alle der amerikanischen Oberschicht entstammen, beträchtliche Unterschiede aus. Sehen die einen ihren Bildungsabschluss nur als Vorbereitung für das traditionelle Frausein im Rahmen von Ehe, Mutterschaft und Familie, sehen andere durchaus die Möglichkeit, an der Seite ihrer Männer ein eigenständiges Berufsleben zu realisieren. Auch die Frauen der middleclass beobachtet sie hinsichtlich ihrer Möglichkeiten, sich in der amerikanischen Gesellschaft zu entfalten und das Familienleben und berufliche Karriere unter einen Hut zu bekommen. Doch am besten gelingen ihr m.E. die Porträts von Frauen aus den Unterschichten, die sie detailgetreu und einfühlsam zeichnet, insbesondere von betagten Frauen.41 So bei Sammy’s, der berühmtesten Bar der Bowery, damals ein New Yorker Armenviertel. Beauvoir schreibt:

    „Die Hauptnummer ist eine Achtzigjährige. Ihr puppiges Gesicht, das in einer unförmigen Fleischmasse ertrinkt, verrät immer noch Züge einstiger Schönheit. Sie singt, indem sie ihrem großen Hut lausbübische Stöße versetzt; sie macht schlangenartige Bewegungen und lässt trotz ihrer 85 Jahre einen Augenblick lang jene Mae West wieder aufleben, die sie einmal war.“ Nach einem großen Trommelwirbel sitzt der Star von einst allein in einer Ecke, sehr alt, sehr abgespannt aussehend.42

     

    V. Landschaftsgemälde

     

    Simone de Beauvoir malt mit Worten; sie malt nicht nur Sittengemälde und Porträts, sondern auch Landschaften, Stadtlandschaften und Bilder vom Lande. Offenbar prägen sich ihr Erlebnisse bildhaft ein, mal in schwarz-weiß, so dass die Formen hervorstechen, mal farbig, wobei bestimmte Töne dominieren. All das sucht sie (mangels Fotoapparat) im Gedächtnis festzuhalten, eine Technik, die bereits der von ihr bewunderte Marcel Proust angewandt hatte. Einen erheblichen Teil der Gemälde bilden die Stadtlandschaften. Hier ist ihre Wahrnehmung offensichtlich vorgeprägt durch die Imagination amerikanischer Großstadtarchitektur als umgesetzter Geometrie: Die geometrischen Formen, in denen ihr bspw. New York oder Chicago erscheinen, erinnern an den Kubismus, Vassily Kandinsky und v.a. an den aus New York stammenden Lyonel Feininger, der ab 1940 an einer Manhattan- Serie arbeitete.

    „‚Eine aufrecht stehende Stadt’, ‚entfesselte Geometrie’, ‚wahnsinnig gewordene Geometrie’ – das alles sind in der Tat diese Wolkenkratzer, diese Fassaden, diese Avenuen: ich sehe es mit eigenen Augen. Oft las ich auch ‚New York mit seinen Kathedralen’. Ich hätte das Wort erfinden können; alle diese Klischees schienen banal. Und doch – in der ersten Entdeckerfreude kommen auch mir die Worte ‚Gegensätze’ oder ‚Kathedralen’ auf die Lippen, ich bin erstaunt, sie so abgenutzt zu empfinden, während doch die Wirklichkeit, die sie auszudrücken versuchen, unverändert bestehen bleibt.“43

    Doch faszinieren sie nicht nur die Kuben, Dreiecke, Rhomben, die Höhen der Wolkenkratzer und die Tiefen, mit denen sie in der Erde verankert sind; da ist auch der Glanz dieser Großstädte, das nächtliche Lichtermeer, das sie schon auf ihrem Anflug an New York bewundert – kein Wunder, kommt sie doch aus einer verdüsterten Welt, in der an allem gespart werden muss, auch an Licht.

    Ist sie also, wie viele Europäer, die das erste Mal in die USA kamen und kommen, beeindruckt von den Großstädten, so ist sie andererseits irritiert durch die Monotonie, die ewige Gleichförmigkeit der mittleren oder auch Kleinstädte, die sich um eine main street herumgruppieren, die – wiederum streng geometrisch – von Querstraßen durchschnitten wird. Auf ihren Bus nach Oberlin wartend, sinniert sie:

    „Hunderte von Städten. Hunderte von Malen die gleiche Stadt. Man könnte Tag für Tag in dem gleichen Autobus durch die gleiche Ebene fahren, und man käme jeden Tag in die gleiche Stadt, nur dass sie immer einen anderen Namen hätte. Der Gedanke daran macht mich schwindlig. Mein Autobus rollt immer nur diese eine Straße hinunter, die sich ewig wiederholt – kilometerlang Cleveland, dann kilometerlang die Vorstädte von Cleveland, es ist immer noch dieselbe Straße. Die Stadt ändert ihren Namen, aber es ist dieselbe Straße – wieder eine andere Stadt und immer noch die gleiche Straße. Es gibt wohl niemals ein Ende.“44 Doch wie gesagt: Nicht nur die Formen, auch die Farben hält sie fest; jede Landschaft, die sie bereist, beschreibt sie in dominanten Tönen. So sieht sie den Nordosten des Landes in schwarz, grau und weiß; immerhin ist es Winter, die Landschaft ist verschneit, in den Straßen der Städte hat sich der Schnee in Matsch verwandelt. Im Süden hingegen, wo sie das Lynchburger Macon College besucht, ist der Himmel blau, die Erde rot, desgleichen der Schatten unter den Kiefern.45 Kalifornien wiederum sieht sie in Gold gekleidet, angefangen von der Golden Gate Bridge in San Francisco, wobei ihr der Goldton Symbol ist für den Reichtum des Landes, das Goldgräbertum und den ewigen Sonnenschein,46 während ihr der arme Nachbarstaat Nevada in den verschiedensten Grautönen gegenübertritt.

     

    Resümee

     

    Simone de Beauvoir hat eine Welt für sich entdeckt, die Neue Welt. Hat sie eine Welt entdeckt? Auf jeden Fall hat sie eine in sich sehr differenzierte, von vielfältigen Spannungen, Widersprüchen und Gegensätzen durchzogene Welt entdeckt, eine Welt, die sich aus vielen einzelnen zusammensetzt: der Welt der Armen, der Welt der Reichen, den Gemeinschaften der Schwarzen und denjenigen der Weißen, die zu ihrer Zeit noch strenger geschieden waren als in unserer, aus Groß-, Mittel- und Kleinstädten, dem sog. „flachen Land“, den Nord- und den Südstaaten, der Ost- und der Westküste, den typischen Gemeinschafts- und Geselligkeitsformen von Frauen und Männern, von McCarthyisten, Kommunisten, politischen Apathikern bzw. Neutralen, die das politische „Geschäft“ angeblichen Spezialisten überlassen, und, und, und. All diese Gegensätze hat sie zum einen mit soziologischem Blick aufgedeckt, ja aufgespürt; zum anderen aber hat sie mit sozialpsychologischem Einfühlungsvermögen versucht, sich in die Lage von Personen resp. Personengruppen hineinzuversetzen: Verstehen und erklären, will ich sagen, sind in diesen Tagebüchern aufs Engste miteinander verknüpft. Welche Haltung nun nimmt sie zu dieser sich aus unterschiedlichsten Welten zusammensetzenden Neuen Welt ein? Ist sie die beste aller Welten? Ist sie besser als diejenige, aus der sie stammt, als die Alte Welt? Oder ist sie schlechter?

    Bereits zu Beginn ihres USA-Aufenthaltes trifft sie auf Exilfranzosen, die einen extremen Standpunkt vertreten: Entweder stehen sie mit einem reinen Pro zu den USA und beweihräuchern das Land (das sind interessanterweise ehemalige Pétainanhänger), oder sie vertreten ein reines Contra, hassen die USA und wollen das Land so schnell wie möglich verlassen. Schon hier nimmt sich Beauvoir vor, eigene Vorlieben und Abneigungen auszuprägen und diese Welt differenziert zu betrachten.47 Gegen Ende ihres Aufenthaltes fasst sie ihre Haltung folgendermaßen zusammen:

    „Wenn ich an all diese Dinge zurückdenke und wiederum so viel zu kritisieren habe, warum ist es mir dann so schmerzlich, abreisen zu müssen? Weil man gegen unsere europäische, gegen die französische Zivilisation, in die ich nun zurückkehre, andere Vorwürfe erheben könnte: es sind nicht die gleichen, aber sie sind ebenso niederschmetternd. Wir haben eine andere Art als die Amerikaner, unglücklich oder unaufrichtig zu sein – das ist alles. Das Urteil, das ich während dieser Reise über sie abgegeben habe, entsprang niemals einem Gefühl der Überlegenheit. Ich sehe ihre Fehler und vergesse die unserigen nicht. Und jenseits von allem, was ich liebenswürdig oder verabscheuungswürdig gefunden habe, ist in diesem Land etwas faszinierend: das sind die ungeheuren Chancen und die Risiken, die es heute auf sich nimmt, und die Welt mit ihm.“48 Amerika, bzw., um präzise zu sein, die USA, so Beauvoir, ist also weder besser noch schlechter als Europa bzw. ihr Heimatland, Frankreich, es ist – anders!

    Damit zurück zu meinem Ausgangspunkt. Ich hatte gesagt, dass sich Simone de Beauvoir mit ihren Reisetagebüchern in die französische Tradition der Reiseschriftsteller einschreibt, die mit Michel de Montaigne einsetzt. Abschließend möchte ich sagen: Simone de Beauvoir teilt den gleichen Duktus wie ihr rund 400 Jahre zuvor schreibender Landsmann: eine nicht moralisierende, aber moralistische, neu-gierige, aufgeschlossene, differenzierte und insofern tolerante Weltsicht, die sie hier auf die Neue Welt und ihre Bewohner wirft. Und gerade diese scheint mir heute seltener, nötiger und damit vorbildlicher denn je. P.S. Und noch ein mir notwendig erscheinender Nachsatz: Auch wenn es bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen 2008 nicht die Frau geschafft hat, sich durchzusetzen, so würde doch m.E., nach allem, was sie in den Tagebüchern über das Verhältnis von Schwarzen und Weißen zueinander geschrieben hatte, Simone de Beauvoir den Einzug eines Schwarzen in das Weiße Haus eindeutig als Fortschritt angesehen und gefeiert haben!

     

    Endnotes

     

    1 Dieser Aufsatz ist die gekürzte Fassung einer Vorlesung, die ich am 20. November 2008 im Rahmen einer Ringvorlesung zu Simone de Beauvoir an der Universität Tübingen hielt. Für ihre Kommentare und Kritiken danke ich meiner Mutter Ursula Wilke und meinem Sohn Lewin. Verpflichtet fühle ich mich auch der Präsidentin der Internationalen Beauvoir-Gesellschaft, Yolanda Astarita Patterson, die auf der Beauvoir-Konferenz der RLS über die Reisetagebücher referierte. Ihr Beitrag erscheint demnächst im entsprechenden Konferenzband.

    2 Simone de Beauvoir : Amerika Tag und Nacht. Reisetagebuch 1947. Deutsch von Heinrich Wallfisch. Reinbek bei Hamburg 1988. Die französische Originalausgabe erschien unter dem Titel: L’Amérique au jour le jour.

    3 Ebenda, S. 47.

    4 Ebenda, S. 16.

    5 Zu diesen Reisetagebüchern vgl. Effi Böhlke: „Reisen – eine nützliche Übung“. Ein Versuch über die Bildung von Denkstilen im Kontext von Reiseerfahrungen. In: Archiv für Kulturgeschichte, 79. Band, Heft 1, Köln, Weimar, Wien 1997, S. 51–82.

    6 Zudem ist, u. a. von Sylvie le Bon de Beauvoir, betont worden, dass Simone de Beauvoir ihr Leben lang gereist ist, ja dass das Reisen eine ihrer Leidenschaft war, von der sie sich nie losgesagt habe. Vgl. Jacques Deguy, Sylvie Le Bon de Beauvoir: Simone de Beauvoir. Écrire la liberté. Paris 2008, S. 57. Und neben und nach den gewissermaßen politisch-offiziellen Reisen, die sie gemeinsam mit Sartre auf Einladung von Verbänden und Regierungen unternahm, war sie immer wieder auch privat unterwegs, per Flugzeug, Auto und per pedes. Danach könnte man behaupten, dass Beauvoir auch in ihrer eigenen Biographie als Autorin das Reisesujet immer mit sich geführt und sich ihm mit mal größerer, mal geringerer Intensität gewidmet hat.

    7 Bereits erschienen waren „L’invitée“ (1943, dt. „Sie kam und blieb“), „Le sang des autres“ (1945, dt. Das Blut der anderen“), und 1945 war ihr einziges Theaterstücks – „Les bouches inutiles“ (dt. „Unnütze Mäuler“) – uraufgeführt worden. Aus der Ideengeschichte IH_transform_03-2008_dt.indd 174 13.04.11 15:07 175

    8 Bedauerlicherweise macht sie keine Aussagen zu ihren Vorträgen selbst und der möglichen Resonanz, die diese gefunden hatten.

    9 Simone de Beauvoir: Amerika …, a.a.O., S. 9.

    10 Ebenda, S. 14.

    11 Über mögliche Grenzen ihres Blickes schreibt sie selbst im Nachhinein: „Ich bin vier Monate in Amerika gewesen. Das ist wenig. Zudem reiste ich zu meinem Vergnügen und ohne jeden festgelegten Plan. In riesige Gebiete der Neuen Welt habe ich nicht den kleinsten Abstecher gemacht, so habe ich zum Beispiel dieses gewaltige Industrieland durchquert, ohne seine Fabriken zu besuchen, ohne die Vollendung seiner Technik zu sehen, ohne mit der Arbeiterschaft Kontakt aufzunehmen. Ich bin auch nicht in die hohen Schichten eingedrungen, in denen die Politik und die Wirtschaft der Vereinigten Staaten gemacht werden. Trotzdem erscheint es mir nicht unnütz – neben den großen Gemälden, die Kompetentere gemacht haben –, Tag für Tag aufzuzeichnen, wie sich Amerika einem Bewusstsein enthüllte – nämlich dem meinen.“ (Vorwort, S. 7)

    12 Ebenda, S. 38.

    13 Ebenda, S. 39.

    14 Wie es auch nicht „den“ Juden/Chinesen/Türken gibt, eine totalisierende Sprechweise, über die sich Hannah Arendt aufregte und die sie als sprachliche Version des Totalitarismus auffasste.

    15 Ebenda.

    16 Ähnliches hatte Alexis de Tocqueville entdeckt, allerdings in den Relationen zwischen weißen Neusiedlern zu den Ureinwohnern des Landes, den Indianern, worin Tocqueville offenbar die Ursünde der weißen Amerikaner sah. Auch Beauvoir befasst sich mit den Beziehungen der Weißen zu den sog. Roten, also den Indianern; allerdings habe ich den Eindruck, dass sie diese nicht mit solcher Empathie und Wärme beschreibt wie die Schwarzen. Vielmehr unterstreicht sie an verschiedenen Stellen der Tagebücher den kommerzialisierten Umgang mit den eigenen Traditionen, den die Indianer betreiben, wodurch die zur Schau gestellte Lebensweise der Indianer – zumindest für Beauvoir – zur Show gerät und damit ihrer Authentizität verlustig geht.

    17 Beiden sind im Übrigen die Tagebücher gewidmet.

    18 Ebenda, S. 41. Bei der Lektüre dieser Passagen ging mir natürlich wieder der amerikanische Wahlkampf durch den Kopf, bei dem ja von republikanischer Seite u. a. unterstellt wurde, der hohe Frauenanteil unter der Wählerschaft Obamas ließe sich auf den Sexappeal des schwarzen Präsidentschaftskandidaten zurückführen – und nicht etwa auf dessen politische Botschaften.

    19 Ebenda, S. 69.

    20 Ebenda, S. 60. Das Verhältnis von Schwarz-Weiß lässt sie auf der gesamten Reise nicht los; am intensivsten reflektiert sie über das Thema, während sie in einem Greyhound durch den Süden des Landes reist, also durch Texas und Alabama. Gerade auch im Bus werden ihr die extremen Spannungen zwischen Schwarzen und Weißen lebendig vor Augen geführt, und mir persönlich ist auch durch ihre Beschreibungen verständlicher geworden, warum die Bürgerrechtsbewegung in den USA nur 8 Jahre später, nämlich am 1. Dezember 1955, genau mit der Weigerung der schwarzen Rosa Louise Parks begann, in einem Autobus einem Weißen den ihm nach damaliger Sitte zukommenden Platz einzuräumen. Vgl. dazu S. 225 f.

    21 Ebenda, S. 29. Wie recht Beauvoir mit diesen Einschätzungen hat, macht auch die jüngste Finanz- und Wirtschaftskrise deutlich.

    22 Ebenda, S. 66.

    23 Ebenda, S. 46.

    24 Vgl. im Jahre 2008 den Wahlslogan von Obama: „Yes, we can!“, mit dem er den vor dem Hintergrund des Finanzfiaskos pessimistisch zu werden drohenden Amerikanern „hope“ und damit ihren alten Optimismus wiederzugeben hoffte – und ihnen damit offenbar aus der Seele sprach.

    25 Man ist puritanisch bis zum Exzess, man verbietet offiziell Prostitution, Ehescheidung, zuweilen auch den Alkoholkonsum, gleichzeitig grassiert die Prostitution, die Leute gehen nach Nevada, um sich scheiden zu lassen, Alkohol wird bis zur Bewusstlosigkeit getrunken. Unverheiratete Eheleute dürfen nicht in ein Hotelzimmer, also schwört man auf Eid, man sei verheiratet, der Hotelier weiß genau, dass das nicht stimmt, aber er ist sein schlechtes Gewissen und die Verantwortung los.

    26 Ebenda, S. 69f. Dieses Moralisieren, die permanente Scheidung zwischen Guten und Schlechten, zwischen Helden und Schurken, das zeitigt seine Wirkung bis heute, bis in das Politische hinein.

    27 Kein Wunder: Schließlich ist der Begriff der Freiheit einer der Hauptbegriffe ihrer existenzialistischen Philosophie, und auch der mit dem Regime der Demokratie verbundene Gedanke von Eigenaktivität und -verantwortung des Einzelnen, und zwar nicht nur für sich selbst, sondern auch und gerade für Andere, ist ihr wichtig.

    28 Ebenda, S. 25.

    29 Ebenda, S. 95. Statt sich in die res publica ein- und dort mitzumischen, zögen sich bereits die jungen Leute resigniert aus dem politischen Leben zurück nach dem Motto: Wir können da eh’ nichts ändern. Das betrübt Beauvoir und lässt in ihren Augen „die amerikanische Demokratie in einem trüben Licht erscheinen.“ (S. 96)

    30 Ebenda.

    31 Die Parallelen zu Tocqueville gehen sogar noch weiter. Ich hatte eingangs darauf verwiesen, dass zumindest der „Dienstreiseauftrag“ für Tocquevilles Amerika-Reise darin bestand, als eine der Grundlagen für die Reformierung des französischen Gefängniswesens eine Studie über das amerikanische zu erstellen, das damals als vorbildlich galt. Ca. 100 Jahre später nun, und zwar gegen Ende ihrer Reise, besucht auch Simone de Beauvoir noch ein amerikanisches Gefängnis, und zwar das Staatsgefängnis in Chicago, das, wie sie schreibt, keine gewöhnliche amerikanische Strafanstalt ist, sondern ein „Mustergefängnis“. U. a. besichtigt sie dort den elektrischen Stuhl. (S. 351 ff.)

    32 Ebenda, S. 45.

    33 Ebenda, S. 107, vgl. auch S. 44.

    34 Ebenda, S. 69. Auch diese Passage finde ich ausgesprochen aktuell: Werden nicht auch heute weltweite Einsätze des amerikanischen (aber auch des europäischen) Militärs damit legitimiert, dass sie (an- und vorgeblich) Frieden, Demokratie und also Gutes schaffen und stiften in Gegenden der Welt, wo sie an sich nichts zu schaffen haben?

    35 Ebenda, S. 59. Die Fülle der Seiten täusche ein „stupides Publikum“ über ihre fundamentale inhaltliche Leere hinweg; die arroganten Medienunternehmer böten dem von ihnen verachteten Publikum nichts wirklich Neues an: Sie bringen ihm das, was es (scheinbar) will, nur in einer überraschenden Form. (Vgl. S. 46)

    36 Ebenda, S. 46. Sie fristen ein randständiges Leben, verbittern allzu oft und werden oftmals intolerant, wie die ehemaligen Stalinisten, die sie einmal in ihren erbitterten Diskussionspartnern von der Partisan Review entdeckt.

    37 Ebenda, S. 21. Aus dem fast zerstörten Europa kommend, musste ihr dieser Überfluss besonders befremdlich vorkommen. Zudem dekodiert sie diese Überladenheit und das sich Schmücken der amerikanischen Frauen als Mittel zum Zweck, nämlich als ein sich Aufputzen, um das männliche Geschlecht an- bzw. in die sog. Falle zu locken, und so entdeckt sie eine gewisse Übertreibung, wenn auch in abgewandelter Form und mit schlichteren Mitteln, auch bei Frauen aus niederen sozialen Schichten.

    38 Ebenda, S. 51.

    39 Ebenda, S. 52.

    40 Ebenda, S. 53. Gerade diese und die anschließenden Bemerkungen zu der Sekretärin, die 25 Prozent ihres Gehalts für den Friseur und kosmetische Artikel ausgeben muss und nicht zweimal hintereinander dasselbe Kleid anziehen kann, sind fast wörtlich in „Le deuxième sexe“ übernommen.

    41 Phänomene des Alters und des Alterns beschäftigen sie offenbar schon sehr frühzeitig, lange bevor sie ihren Essay über das Altern verfasst.

    42 Ebenda, S. 63.

    43 Ebenda, S. 16. Diese wenngleich verrückt gewordene, aber doch strenge Geometrie der Stadtarchitektur stellt sie in Zusammenhang mit der Suche bzw. Sucht nach einfachen Strukturen innerhalb der amerikanischen Moral, auf die ich bereits eingegangen bin (strikte Scheidung zwischen gut und böse, Tugend und Laster, Engeln und Schurken, siehe S. 70).

    44 Ebenda, S. 94 f.

    45 Vgl. ebenda, S. 82, 84.

    46 Vgl. S. 109 zu Kalifornien und Goldrausch allgemein, S. 132 zu Golden Gate und San Francisco.

    47 Vgl. dazu S. 23 f.

    48 Ebenda, S. 374.