• Care Revolution: Eine feministisch-marxistische Transformationsstrategie aus der Perspektive des füreinander Sorgens

  • Von Gabriele Winker | 08 Mar 16 | Posted under: Commons
  • Dieser Beitrag ist in der gedruckten Ausgabe nicht inkludiert und nur online erhältlich.

    Die Sorge für das eigene Wohlergehen ist ebenso essenzieller Bestandteil des Menschseins wie die Sorge für andere. Schon und gerade mit der Geburt sind Menschen abhängig von der Sorge anderer, ohne die sie nicht überleben könnten. Aber auch jenseits des Kinder- und Jugendalters und jenseits von Zeiten der Krankheit und Gebrechlichkeit sind Menschen alltäglich auf Andere angewiesen. Im Miteinander lernen Menschen gleichzeitig, sich und ihr Umfeld besser zu verstehen und ihre Bedürfnisse gemeinsam zu realisieren. Entsprechend wichtig ist es, über genug Zeit für die Gestaltung der je individuellen und der kollektiven Lebensbedingungen zu verfügen. Diese Grundvoraussetzung guten menschlichen Lebens scheint selbstverständlich, trifft aber auf eine kapitalistische Gesellschaft, in der Zeit für Tätigkeiten jenseits der Lohnarbeit und der dringlichsten familiären Reproduktionsarbeit knapp ist.

    Gemäß dem neoliberalen Credo der Eigenverantwortung sind Menschen heute aufgerufen, die hohen beruflichen Anforderungen mit den zunehmenden Aufgaben der Selbstorganisation und mit den gestiegenen Leistungsansprüchen bei der alltäglich in den Familien anfallenden Reproduktionsarbeit zu vereinbaren. Insbesondere Frauen leben mit dem dauernden Gefühl, diesen Anforderungen nicht gerecht zu werden. Zwar gibt es je nach finanziellen Ressourcen und je nach dem Ausmaß der Sorgeaufgaben recht unterschiedliche Handlungsstrategien, die jedoch alle das Kriterium guter Sorge und Selbstsorge nicht erfüllen (vgl. ausführlicher Winker 2015: 55-71). So fehlen vielen Menschen aktuell die zeitlichen und finanziellen Ressourcen, um sich gesund zu erhalten und sich weiterzubilden, um das eigene Leben zu organisieren und dabei auf gesellschaftliche Absicherung vertrauen zu können. Zu kurz kommt auch der freundschaftliche Kontakt zu anderen. Die einen sind in ihrer eigenen Existenz bedroht, die anderen zu erschöpft, um sich so um ihre Nächsten zu kümmern, wie sie es gerne täten. Wieder andere bedrücken die übermäßigen familiären Sorgeaufgaben, mit denen sie alleine gelassen werden. Diese Entwicklungen gehen mit großen Belastungen und permanenter Überbeanspruchung einher und können zur Erschöpfung bis hin zum Burnout und anderen psychischen Krankheiten führen (vgl. Ehrenberg 1998). So wird im derzeitigen Prozess profitgeleiteten Wachstums nicht nur, wie allgemein wahrgenommen, das Ökosystem der Erde zerstört, sondern gleichzeitig der Mensch.

    Entsprechend ist der Ausgangspunkt meiner folgenden Überlegungen die Diskrepanz zwischen dem Wunsch nach gutem Leben in Gemeinschaft mit anderen und den engen Grenzen, die die kapitalistische Ökonomie der Sorge und Selbstsorge setzt. Dies gilt insbesondere in Zeiten, in denen sich das Kapital in einer Krise sozialer Reproduktion befindet, die ich im Folgenden aus bundesdeutscher Perspektive skizziere.

     

    Krise sozialer Reproduktion

    Die kapitalistische Produktionsweise ist auf der Kombination von Lohnarbeit und unentlohnter Reproduktionsarbeit, der Verfügungsgewalt von PrivateigentümerInnen über die Ergebnisse gesellschaftlicher Arbeit und dem Primat der Kapitalakkumulation aufgebaut. Die Produktion von Gebrauchswerten und die Absicherung grundlegender menschlicher Bedürfnisse sind nicht Zweck einer so organisierten Ökonomie. Benötigt werden hoch kompetente, motivierte Arbeitskräfte zu möglichst geringen Löhnen und Gehältern, ohne dass für deren Reproduktion und Bereitstellung zu hohe Kosten entstehen.

    In der Bearbeitung der bereits Mitte der 1970er Jahren einsetzenden Überakkumulationskrise durch Unternehmen und neoliberale Politik wird die Kluft zwischen dem, was beim gegenwärtigen Stand von Technologie und Bildung möglich wäre, und dem realen Ausmaß an Ungleichheit und Existenzunsicherheit besonders augenfällig. Verstärkt wird versucht, die Reproduktionskosten der Arbeitskraft möglichst umfassend zu senken. So werden Reallöhne gedrückt, insbesondere in den unteren Einkommensgruppen, und die Lohnarbeit selbst wird intensiviert und zeitlich unentlohnt in den Abend und den Urlaub ausgedehnt. Sozial nicht abgesicherte Minijobs nehmen ebenso zu wie irreguläre Arbeitsverhältnisse. Gleichzeitig wird von allen Menschen im erwerbsfähigen Alter – unabhängig von Geschlecht, Familienstatus und Anzahl der zu betreuenden Kinder und Angehörigen – verlangt, durch den Verkauf ihrer Arbeitskraft für ihren eigenen Lebensunterhalt aufzukommen. Darüber hinaus werden die staatlichen Leistungen im Sozialbereich gekürzt sowie die individuellen Absicherungen durch Sozialtransfers begrenzt. Es wird an Betreuungs- und Bildungsausgaben ebenso gespart wie an der Gesundheitsvorsorge oder der Unterstützung älterer und kranker Menschen.

    Gleichzeitig ist klar, dass trotz Kosteneinsparung die Reproduktion der Arbeitskraft aufrechterhalten werden muss. Denn der Einsatz der Arbeitskraft im Produktionsprozess ist Voraussetzung für den Profit. Die Arbeitskraft muss also in hinreichender Qualität und Quantität zur Verfügung stehen. Deswegen wird in Ergänzung der umfangreichen Kürzungspolitik die Aufgabe, sich beschäftigungsfähig zu halten, verstärkt an die Menschen selbst zurückgegeben. Sie und ihre Angehörigen haben die Aufgabe, die gesellschaftlich notwendige Reproduktionsarbeit in familiären Zusammenhängen zu leisten.

    Diese Reproduktionsarbeit ist über Geschlechterstereotype, die trotz erhöhter Frauenerwerbstätigkeit wirksam bleiben, Frauen zugeordnet. Gleichzeitig bleibt diese gesellschaftlich notwendige Arbeit im hegemonialen Diskurs als typische Frauenarbeit oft unsichtbar und wird abgewertet. Dadurch, dass die Arbeit der Selbstsorge und der Sorge für Kinder und Angehörige unentlohnt, von Frauen und isoliert im Privaten erledigt wird, ist diese Entwicklung weitgehend geräuschlos möglich. Dies gilt umso mehr, als auch viele Linke die Spaltung der von Lohn und Transferleistungen abhängigen Menschen entlang heteronormativer, aber auch rassistischer, klassistischer und bodyistischer Herrschaftsverhältnisse weder im Bereich der Lohn- noch der Reproduktionsarbeit systematisch als Problem benennen (vgl. Winker/Degele 2009, 2011).

    Allerdings ist das Gelingen dieser Unternehmens- und staatlichen Politik längst nicht gesichert. Derzeit werden die Reproduktionskosten der Arbeitskraft in einem Maß nach unten gedrückt, so dass die benötigten qualifizierten und körperlich fitten Arbeitskräfte kaum mehr in ausreichendem Umfang zur Verfügung stehen. Insofern die Zuspitzung des Widerspruchs zwischen Profitmaximierung und Reproduktion der Arbeitskraft die quantitative und qualitative Verfügbarkeit der Arbeitskräfte so beeinträchtigt, dass dies perspektivisch eine deutliche Verschlechterung der Bedingungen der Kapitalverwertung nach sich zieht, spreche ich von einer Krise sozialer Reproduktion. Diese zeigt sich in der BRD bereits in vielfältiger Art und Weise:

    • Es fehlen in bestimmten Branchen Fachkräfte (Maier et al. 2014). Besonders Frauen entziehen sich der doppelten Anforderung aus möglichst umfassender Erwerbsarbeit und hohen Anforderungen in der Reproduktionsarbeit durch Teilzeitarbeit und durch eine der weltweit geringsten Geburtenraten. So stagniert das Volumen der Frauenerwerbsarbeit trotz steigender Erwerbsquote.

    • Hohe Belastung und Erschöpfungszustände drücken sich in der deutlichen Zunahme psychischer Erkrankungen aus, die regelmäßig mit langen Fehlzeiten einhergehen(BPtK 2013). Dies gilt insbesondere für die Care-Berufe. Während der Anteil psychischer Erkrankungen an den Arbeitsunfähigkeitstagen im Durchschnitt aller Branchen 2012 bei 10,1% lag, waren die Ausfallsquoten wegen psychischer Erkrankungen bei Berufen in der Sozialarbeit und -pädagogik mit 16,9%, in der Kinderbetreuung und -erziehung mit 16,0%, in der Altenpflege mit 15,7% sowie in der Gesundheits- und Krankenpflege mit 14,7% deutlich höher (Meyer/Mpairaktari/Glushanok 2013: 345).

    • Das erforderliche Commitment für Projekte, die in ihrer Komplexität und ihrem Umfang zunehmen und damit hohe Anforderungen stellen, ist nur noch bei einem kleinen Teil der Beschäftigten gegeben.So kommt eine Gallup-Studie zu der für Unternehmen alarmierenden Erkenntnis, dass nur 16% der Beschäftigten bereit sind, sich freiwillig für die Ziele ihres Unternehmens einzusetzen und 67% eine geringe Bindung an ihr Unternehmen haben. Dagegen sind 17% der Beschäftigten emotional ungebunden und haben innerlich bereits gekündigt (Nink 2014).

    Trotz dieser Auswirkungen der eigenen Strategie hält das Kapital grundlegend an der weiteren Reduktion der Reproduktionskosten fest, und der Staat reagiert nur an wenigen Stellen wie etwa beim Ausbau der Kita-Betreuung von Kleinkindern. Andernfalls stünden die benötigten Arbeitskräfte, in diesem Fall qualifizierte Frauen, schon kurzfristig nicht mehr in ausreichendem Maß zur Verfügung. Aber selbst beim Ausbau der Kita-Betreuung werden die Kosten so gedrückt, dass grundlegende Qualitätsansprüche nicht eingehalten werden.

    Somit wird jeder Schritt hart umkämpft sein, der darauf abzielt, die Bedingungen für Sorgearbeit zu verbessern, da eine solche Politik die Reproduktionskosten erhöht und krisenverschärfend wirkt. Selbst wenn es gelingt, durch ein verändertes Kräfteverhältnis grundlegende Reformen durchzusetzen, wird es kein stabiles Akkumulationsregime geben, sondern die Projekte bleiben weiter umkämpft. Eine erfolgreiche Care-Bewegung erfordert also ein permanentes Weitertreiben der Veränderung, eine echte Revolutionierung aller Bedingungen, unter denen Menschen derzeit leben und häufig auch leiden.

     

    Care Revolution

    Immer mehr Menschen nehmen diese systemische Unfähigkeit, hinreichende Rahmenbedingungen für die Befriedigung grundlegender menschlicher Bedürfnisse bereitzustellen, deutlich wahr. In den verschiedenen Lebensmodellen, in denen sie versuchen, ihren Alltag zu bewältigen, leiden sie auf unterschiedliche Weise unter Stress und Überforderung. Existenzsicherheit, Selbstsorge, Zeit, sich um nahe Menschen zu kümmern – etwas kommt immer zu kurz. Eine wachsende Zahl Betroffener aus allen Care-Bereichen und Care-Positionen will diesen Zustand jedoch nicht mehr hinnehmen. So haben sich in der BRD mehr als 70 Initiativen und Einzelpersonen zu einem Netzwerk Care Revolution zusammengefunden. Sie beziehen sich in ihren politischen Aktionen aufeinander und führen auch gemeinsame Aktivitäten durch. Bemerkenswert ist, wie häufig sie sich hierbei auf ihre Würde als Sorgearbeitende und als sorgebedürftige Menschen beziehen und wie sie auch die Bedürfnisse von Menschen in anderer Lage nicht aus dem Blick verlieren. Gleichzeitig fordern sie einen grundlegenden Wandel der Organisation von Sorgearbeit ein.

    An der Notwendigkeit, einen Weg zu skizzieren, auf dem durch grundlegende Umgestaltung eine solidarische Gesellschaft angestrebt wird, setzt das Konzept der Care Revolution an. Care Revolution ist eine politische Transformationsstrategie, die anknüpfend an die Erkenntnisse feministischer Politik die grundlegende Bedeutung der Sorgearbeit ins Zentrum stellt und darauf abzielt, das gesellschaftliche Zusammenleben ausgehend von menschlichen Bedürfnissen zu gestalten. Damit wird Care-Arbeit, die in den meisten politischen Strategien ebenso wie in den vorherrschenden ökonomischen Theorien keine Rolle spielt, als Bezugspunkt der Gesellschaftsveränderung gewählt. Mit der Care Revolution ist also ein grundlegender Perspektivenwechsel verbunden. Es geht um nicht weniger als die Herausforderung, nicht weiter die Profitmaximierung, sondern stattdessen die Verwirklichung menschlicher Bedürfnisse ins Zentrum gesellschaftlichen und damit auch ökonomischen Handelns zu stellen. Eine solche Gesellschaftsformation kann wegen der Unvereinbarkeit der zugrundeliegenden Funktionslogiken nicht kapitalistisch sein. Das bedeutet, dass eine Care Revolution über den Bereich der Sorgearbeit hinausgehen muss, damit eine umfassende und konsistente Umgestaltung möglich wird.

    Zur Realisierung auch der kleinsten Schritte in diese Richtung bedarf es einer gesellschaftlichen Mobilisierung, eines Zusammenschlusses Aktiver über Care-Bereiche und über Positionen im Sorgeverhältnis hinweg. Heute bereits gibt es in der BRD eine Reihe von Organisationen von pflegenden Angehörigen, Elterninitiativen, Gruppen von Migrantinnen und Flüchtlingen, die sich gegen die Überlastung und gleichzeitige Abwertung ihrer unentlohnten Sorgearbeit wehren. Auch viele Care-Beschäftigte in Krankenhäusern, Kitas und Altenheimen sind nicht länger bereit, die inhumanen Bedingungen des Status quo für Beschäftigte und Betreute weiter zu dulden. Dazu kommen viele junge Menschen, die sich gegen eine Welt wehren, in der sie sich kein gelingendes Leben vorstellen können. Jetzt müssen weitere bisher noch nicht aktive Care-Arbeitende erreicht werden. Ausgangspunkt können etwa kollektive reflektierende Auseinandersetzungen mit den alltäglichen Erfahrungen sein. Diese werden deutlich machen, dass die je persönlichen Beschränkungen und Überlastungen nicht individuelles Versagen darstellen, sondern auf strukturelle und gleichzeitig veränderbare Bedingungen zurückzuführen sind. Von hier aus liegt jenseits der praktischen Auseinandersetzung mit diesen Rahmenbedingungen die Frage nahe, wodurch sie ersetzt werden können.

    Konkret ist derzeit zunächst wichtig, eine existenzielle Absicherung aller Menschen durchzusetzen, beispielsweise durch die Realisierung eines Bedingungslosen Grundeinkommens. Eine deutliche Reduktion der Vollzeit-Erwerbsarbeit als notwendiger Bestandteil der Care Revolution unterstützt Vorstellungen, in denen Lebensqualität nicht von der Produktion und dem Verkauf von immer mehr Waren abhängt. Hierfür ist es wichtig, wie von FeministInnen seit Jahrzehnten gefordert, einen umfassenden Arbeitsbegriff, der auch Reproduktionsarbeit einbezieht, für die politische Praxis handlungsleitend zu machen. Darüber hinaus ist es notwendig, die öffentlichen Care-Dienstleistungen in der Bildung und Erziehung, in der Gesundheit und Pflege auszubauen und sie demokratisch zu kontrollieren. Nur so können einzelne Individuen entlastet werden und nur so lässt sich gleichzeitig die Qualität der öffentlichen Daseinsvorsorge erhöhen. Und selbstverständlich müssen auch die Arbeitsbedingungen und die Verdienstmöglichkeiten der Care-Beschäftigten, also u.a. von ErzieherInnen und Altenpflegekräften, deutlich verbessert sowie eine soziale Absicherung der häufig migrantischen Beschäftigten in Privathaushalten durchgesetzt werden. Notwendig ist dafür eine umfassende Umverteilung gesellschaftlicher Ressourcen.

    Mit diesen ersten Schritten eines Transformationsprozesses kann es gelingen, Arbeit im ganz umfassenden Sinn umzuverteilen und die vergeschlechtlichte Arbeitsteilung aufzubrechen. Allen Menschen würde nicht nur mehr Zeit für Sorge zur Verfügung stehen, sondern auch für zivilgesellschaftliches und politisches Engagement. Eine solche Politik würde es auch Personen mit umfangreichen Sorgeaufgaben ermöglichen, Muße neu zu erfahren und oft schon gar nicht mehr wahrgenommene Wünsche zu realisieren. Darüber eröffnet sich für viele Personen durch gesicherten Aufenthalt, durch materielle Planungssicherheit und Zeit zur eigenen Verfügung die Chance, kontinuierlich politisch tätig zu sein.

    Die sozialen Auseinandersetzungen um diese und viele andere Reformziele gilt es permanent zu verbinden mit dem Eintreten für eine Gesellschaft, in der alle – solidarisch organisiert – die jeweils eigenen Fähigkeiten entwickeln können. Dabei gilt es bei jedem Schritt jeweils die Perspektiven der Anderen in den Blick zu nehmen, für die Inklusion aller Menschen einzutreten sowie eine grundlegende Teilhabe durch demokratische Strukturen einzufordern. Eine solche Strategie weist bewusst über den Rahmen des derzeitigen politisch-ökonomischen Systems hinaus. Rosa Luxemburg nennt sie „revolutionäre Realpolitik“.

    Ich gehe weiter davon aus, dass es sinnvoll ist, mit der erforderlichen Vergesellschaftung und grundlegenden Demokratisierung beim Care-Bereich zu beginnen. Dafür spricht das Zusammentreffen mehrerer Faktoren. Zunächst ist die kollektive Organisation von Care für die existenzielle Absicherung sehr wichtig und ihre Gestaltung greift tief ins Leben der Menschen ein. Ferner wirkt im Care-Bereich die Profitorientierung besonders offensichtlich den menschlichen Bedürfnissen entgegen und schränkt viele Menschen in ihren Entwicklungsmöglichkeiten, ihrer Gesundheit und ihrer Kreativität ein. Es ist für viele Menschen deutlich wahrnehmbar, wie unsinnig und kontraproduktiv es ist, Menschen nach dem Prinzip maximaler Profitabilität heilen, lehren, unterstützen, beraten oder pflegen zu wollen. Darüber hinaus ist für viele klar, dass das derzeitige System sozialer Infrastruktur nicht nur zu mangelhafter Qualität, sondern auch zu sozialer Ungleichheit führt.

    Gleichzeitig haben Menschen sehr unterschiedliche Wünsche an eine soziale Infrastruktur. Deswegen ist es etwa im Bereich der Kinderbetreuung, der Altenpflege, der gesundheitlichen Vorsorge und Prophylaxe oder der Bildung sinnvoll, durch Mitsprache aller und gemeinschaft­liche Abwägung von Prioritäten vielfältige Angebote zu entwickeln. Dazu kommt, dass vieles hiervon auf kommunaler Ebene, in Stadtteilen oder im Dorf gemeinsam planbar und umsetzbar ist, da die allermeisten Care-Angebote dezentral realisiert werden können. Hier lassen sich im direkten Miteinander konkrete Formen der Selbstverwaltung realisieren, da Menschen als ExpertInnen ihrer Bedürfnisse vor Ort sprechen und entscheiden können. Dabei treffen Menschen zusammen, die in verschiedener Form Arbeitende in diesem Bereich sind: Beruflich Sorgearbeitende, Sorgearbeitende in familiären und nachbarschaftlichen Zusammenhängen und in der Selbstsorge Tätige. Der vielfältige Charakter von Arbeit und ihre Verwobenheit mit dem ganzen Leben sind hier besonders unmittelbar erfahrbar.

    Wenn Vermeidung von Ausschlüssen, demokratische Gestaltung und Bedürfnisorientierung die Ziele sind, an denen sich ein gemeinschaftlich organisierter Care-Bereich orientieren muss, sehe ich zwei gangbare Wege. Möglich sind zum einen eine schrittweise Demokratisierung der bislang privatwirtschaftlich, staatlich oder von Wohlfahrtsverbänden organisierten Infrastruktur. Das lässt sich beispielsweise über gewählte Care-Räte realisieren, die einer Rechenschaftspflicht gegenüber ihrer Basis unterliegen. Zum anderen ist eine auf kollektiven Projekten beruhende dezentrale Neugestaltung von Care gut vorstellbar. Dabei lässt sich auf die Erfahrungen bereits bestehender kollektiver Gemeinschaften wie Wohnprojekte, Produktionskollektive oder Nachbarschaftsläden aufbauen. Beide Wege halte ich für so attraktiv, dass es sich lohnt, sie anzugehen und zu verbinden.

    Mit der Etablierung solcher dezentraler und zentraler Strukturen, in denen bedürfnisorientiert und tatsächlich demokratisch Entscheidungen getroffen werden, lassen sich Erfahrungen sammeln und Fähigkeiten erwerben, die es ermöglichen, über den Care-Bereich hinausgehend die gesamt Ökonomie zu vergesellschaften.

    Im Prozess der Herausbildung und Weiterentwicklung einer solidarischen Gesellschaft ist ferner von zentraler Bedeutung, dass sowohl in einzelnen Kollektiven und Gemeinschaften vor Ort als auch in überregionalen Institutionen immer wieder Hierarchien, Abwertungen und Ausgrenzungen einzelner Menschen oder Gruppen bewusst reflektiert werden. In der heutigen Kultur sind Prinzipien der Über- und Unterordnung entlang von Kategorien wie Geschlecht, sexueller Orientierung, rassistischen Zuschreibungen, beruflicher Kompetenz und körperlicher Leistungsfähigkeit fest verankert. Deswegen ist es so enorm wichtig, dass sich in der Care-Bewegung Aktive gegen damit verbundene Diskriminierungen zur Wehr setzen, aber auch ihr eigenes Verhalten gegenüber den als Andere konstruierten Menschen kritisch beleuchten und immer wieder verändern. Dies ist ein noch lange andauernder und unabdingbar notwendiger Prozess. Wenn es auf diese Weise gelingt, eine Kultur des offenen und solidarischen Miteinanders zu etablieren, dann können wir eine Gesellschaft entwickeln, in der sich Menschen nicht mehr als KonkurrentInnen gegenüberstehen, sondern in der Solidarität zum gesellschaftsbestimmenden Prinzip wird.

    Auf diesem Weg, der vom gegenwärtigen Standpunkt aus fast unüberschaubar weit aussieht, wird es Rückschläge und Umwege geben, manche heute wichtig scheinende Konzepte werden die Bewährungsprobe der Praxis nicht bestehen. Es wird aber auch überraschende Erfolge und neue Ideen geben, die von AkteurInnen kommen, die bisher noch kaum Teil der Bewegung sind und ihre Erfahrungen und Gedanken zum Tragen bringen. Das werden völlig verschiedene Menschen sein: VisionärInnen, die schon konkret im Auge haben, wie ein gutes, besseres, schöneres Leben aussehen könnte. RealistInnen, die sehr klar sehen, wo im Detail die derzeitigen konkreten Arbeits- und Lebensbedingungen ihre Handlungsmöglichkeiten einschränken. Suchende, die für sich selbst derzeit keinen angemessenen Platz finden. Mitfühlende, die nicht ertragen wollen, wie andere an Ausgrenzung und Diskriminierung leiden und damit auch ihr eigenes Leben beeinträchtigt ist. Je unterschiedlicher diese MitstreiterInnen sind, desto vielfältigere und interessantere Wege und Konzepte werden entstehen, die auch durch globalen Wissens- und Gedankenaustausch bereichert werden. Die geteilte Erfahrung, dass solidarisch Handelnde tatsächlich ihre Welt gestalten können, kann die nötige Energie freisetzen, um den Weg in eine solidarische Gesellschaft zu gehen.

     

    Literatur

    Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) (Hg.) (2013): BPtK-Studie zur Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit. Psychische Erkrankungen und gesundheitsbedingte Frühverrentung. http://www.bptk.de/uploads/media/20140128_BPtK-Studie_zur_Arbeits-und_Erwerbsunfaehigkeit_2013_1.pdf (Zugriff: 18.8.2015)

    Ehrenberg, Alain (1998): La Fatigue d’être soi – dépression et société, Paris: Odile Jacob

    Maier, Tobias; Zika, Gerd, Wolter, Marc Ingo; Kalinowski, Michael; Helmrich, Robert (2014): Engpässe im mittleren Qualifikationsbereich trotz erhöhter Zuwanderung. In: BIBB-Report, Heft 23

    Meyer, Markus; Mpairaktari, Paskalia; Glushanok, Irina (2013): Krankheitsbedingte Fehlzeiten in der deutschen Wirtschaft im Jahr 2012. In: Badura, Bernhard et al. (Hg.): Fehlzeiten-Report 2013. Berlin, Heidelberg: Springer, 263-445

    Nink, Marco (2014): Good News From Germany – But Still More Work to Do. In: Gallup Business Journal, May 15. http://www.gallup.com/businessjournal/168860/good-news-germany-work.aspx (Zugriff: 18.8.2015)

    Winker, Gabriele (2015): Care Revolution. Schritte in eine solidarische Gesellschaft. Bielefeld: transcript

    Winker, Gabriele; Degele, Nina (2009): Intersektionalität. Zur Analyse sozialer Ungleichheiten. Bielefeld: transcript

    Winker, Gabriele; Degele, Nina (2011): Intersectionality as multi-level-analysis: Dealing with social inequality. In: European Journal of Women´s Studies, Vol. 18, Issue.1, 2011, 51-66


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