• Grundlegende Aspekte der Autoindustrie

  • 21 Apr 11 Posted under: Ökologie
  • In der Geschichte aller Industrieländer repräsentiert die Autoindustrie sowohl die guten wie die schlechten Aspekte der Veränderungen, die während der Entwicklung von alten zu neuen Wirklichkeiten der Industrialisierung stattfinden. Es war durch die Siege und die Niederlagen in den in diesem Sektor stattfindenden Arbeitskämpfen, dass die Gewerkschaftsbewegung jene entscheidenden Stadien durchlief, die zu ihrer Geschichte und ihrer Organisation beitrugen.

    Das Ausmaß der gegenwärtigen Krise spiegelt die Krise eines gesamten Gesellschafts- und Konsummodus wider und stellt uns in Europa vor enorme Herausforderungen im Hinblick auf den Neuaufbau dieser Industrie und ihrer Funktionen.

     

    Die Autoindustrie ist nicht zu ihrer vollen Ausreifung gelangt. Im Gegenteil: Weltweit gesehen befindet sich die Produktion auf dem Höhepunkt ihrer Ausdehnung – man beachte nur die Entstehung neuer Werke in Lateinamerika und Asien. Ich beziehe mich hier nicht nur auf die Montagewerke, sondern auf den gesamten Produktionszyklus vom Design bis zum Verkauf. Daher betrachte ich die Argumente zugunsten der weltweiten Überkapazität dieser Industrie als überhaupt nicht glaubwürdig.

    In Europa existiert ein spezifisches Problem, genauer noch, in den alten Industrieländern, wo der Markt nicht mehr auf einem Anstieg der Nachfrage beruht, sondern auf dem Ersatz bestehender Fahrzeuge. In den letzten Jahren ist es durch Staatseingriffe gefördert worden, bestehende Fahrzeuge zu verschrotten. Die Tatsache, dass dies nun „Öko-Verschrottung“ genannt wird, ändert in keinerlei Hinsicht das grundlegende Problem.

    Überkapazität ist ein europäisches Problem, das je nach Situation in den einzelnen europäischen Ländern unterschiedlich ausgeprägt ist. Im Hinblick auf das Import-Export-Gleichgewicht haben einige Länder einen Exportüberschuss, andere ein -minus, was Rückwirkungen auf den Zuliefersektor hat.

    Jedes Land ist bestrebt, seine eigene Industrie zu verteidigen und die multinationalen Konzeren wenden überall offene Erpressungsstrategien gegen Gewerkschaften an, um Lohnkürzungen und eine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen durchzusetzen.

     

    In diesem Kontext wäre es unwahr zu behaupten, dass die europäischen Gewerkschaften eine gemeinsame Position und Praxis haben. Im Gegenteil, hinter den Solidaritätsbekundungen und den hochtrabenden Erklärungen bestehen entscheidende Unterschiede, ein hohes Ausmaß an Wettbewerb, um die ohnehin schon unsicheren Arbeitsplätze zu verteidigen, was wiederum den Arbeitgebern die besten Bedingungen eröffnet. Wir sind gespalten und geteilter Meinung. Das ist die traurige Situation.

     

    Es gibt keine Wunderkur, um aus dieser Situation herauszukommen: das würde überdies eine komplexe Diskussion über die europäische Gewerkschaftsbewegung eröffnen. Um bei der Autoindustrie zu bleiben: Es ist augenscheinlich, dass diese Situation, abgesehen von ihren inakzeptablen sozialen Kosten, schlicht und einfach zum Niedergang der Rolle Europas im Kampf gegen die multinationalen Konzerne führt.

     

    Es ist kein Zufall, dass der Gewerkschaftsvertreter im FIAT-Vorstand behauptet, dass jeder multinationale Konzern eine „Kriegsmaschine“ zu sein hat, weil der Markt globalisiert ist. Die Zukunft der Autoindustrie wird auf dem Feld der Transformation ausgespielt werden – eines Wandels im Hinblick auf die Umwelt, die dringend einer globaleren Vorstellung von „nachhaltiger Mobilität“ von Gütern und Menschen bedarf.

     

    Darin besteht die wirkliche Herausforderung für die Zukunft. Wir können das Thema nicht an die von den multinationalen Konzernen kommenden Initiativen delegieren, an ihre Handelskriege – in anderen Worten: an die Logik eines ultraliberalen Marktplatzes. Wir brauchen eine starke Initiative aus Politik und Gesellschaft, die die Rolle der Politik bekräftigt, eine im Hinblick auf diesen Prozess öffentliche politische Steuerung für Europa. Das erfordert die Zuteilung beträchtlicher Mittel für Forschung und Innovation.

     

    Heute fehlt diese Dimension jedoch völlig. Allerdings ist es für die Entwicklung einer gemeinsamen gewerkschaftlichen Position und -praxis lebensnotwendig, zu versuchen, den offensichtlichen Niedergang unserer Handlungsweise, unsere Degeneration zu einer am Markt ausgerichteten Gewerkschaftsbewegung aufzuhalten.

     

     

     

     

     

    *Beitrag im Rahmen des Seminars „Analysis of the Crisis in the Car Industry. What Kind of Social and Environmental Reconversion Do We Need?” / „Analyse der Krise der Autoindustrie: Welche Art gesellschaftlicher und umweltbezogener Konversion brauchen wir?“ (ESF, Juli 2010, Istanbul)


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