• Die Herausforderungen vor dem Europäischen Sozialforum

  • 22 Apr 11 Posted under: Sozialforen
  • Im Januar luden die brasilianischen Organisationen, die vor 10 Jahren das Weltsozialforum ins Leben gerufen hatten, mehr als 200 Leute aus aller Welt nach Porto Alegre zu einer viertägigen Konferenz ein, um Bilanz zu ziehen und sich mit den Perspektiven des Forumsprozesses zu beschäftigen. Die Konferenz fand im regionalen Sozialform Porto Alegre statt und wurde von 50 000 AktivistInnen besucht. Sie bot die Gelegenheit, den Dialog zwischen VertreterInnen der sozialen Bewegungen und Organisationen aus allen Kontinenten über die globalen und vielfältigen Krisen, die die Menschheit aktuell erlebt, zu vertiefen. Anfang März organisierte das maghrebinische Sozialforum eine Feier anlässlich des zehnjährigen Jubiläums des Weltsozialforums in Bouznika, einem Küstenstädtchen in der Nähe von Casablanca. Die 700 Teilnehmer kamen nicht nur aus der Region selbst, sondern auch von überall aus dem Nahen Osten, wo Sozialforumsprozesse ins Leben gerufen worden waren, auch aus dem Irak und dem Jemen. Am 22. Juni wird das zweite US-amerikanische Sozialforum in Detroit seine Türen für Tausende Aktivisten und Aktivistinnen aus dem ganzen Land und für einige hundert aus dem Ausland öffnen. Und das australische Sozialforum bemüht sich darum, zusammen mit den Zivilgesellschaften der vom Klimawandel betroffenen pazifischen Inselstaaten im nächsten Jahr ein Pazifisches Sozialforum zu organisieren. Dies sind nur ein paar Beispiele, die Liste ist lang. In Asien werden gerade neue Foren auf nationaler Ebene gegründet, und in Afrika schossen in den letzten beiden Jahren nationale Sozialforen wie Pilze aus dem Boden. Auch wenn jedes davon natürlich nur die Gegebenheiten des jeweiligen Landes und den Entwicklungsstand der lokalen Zivilgesellschaften abbildet, kann auf jeden Fall festgehalten werden, dass der Prozess des Weltsozialforums heutzutage größer und umfassender ist als vor zehn Jahren. Sicherlich könnten diejenigen, die die Illusion pflegten, dass Porto Alegre die Welt in kurzer Zeit wirklich verändern kann, frustriert sein, auch wenn alle Präsidenten der neuen Demokratien in Lateinamerika immer wieder darauf hinweisen, dass sie sich selbst in der Kontinuität des Weltsozialforums sehen. Nichtsdestotrotz ist das Weltsozialforum heutzutage das größte Netzwerk sozialer Organisationen auf dem ganzen Planeten und ein unglaublich wichtiges Hilfsmittel für allerlei demokratische soziale Akteure, wo immer sie auch leben und wer auch immer sie sein mögen, weltweite Kontakte zu knüpfen, zu pflegen und zu intensivieren. Die maghrebinische Veranstaltung trug den netten Titel: „WSF – Zehn Jahre, und nicht eine Falte“. Niemand in Europa wäre verrückt genug, diesen Slogan zu benutzen. Das europäische Sozialforum hat viele Falten und es wäre eine gute Idee, sie genauer unter die Lupe nehmen. Die Entscheidung für Istanbul war gut. Auch wenn es aufgrund der großen kulturellen, sozialen und sogar sprachlichen Unterschiede auf europäischer Ebene schwierig ist, sich ernsthaft an der Arbeit des Organisationskomitees in der Türkei zu beteiligen, so kann das Europäische Sozialforum im Juli 2010 zumindest für das Gastgeberland eine wichtige Rolle spielen. Als die Entscheidung für Istanbul getroffen wurde, schien die Aufnahme von Gesprächen über eine friedliche Lösung der Kurdenfrage sehr nah. Mittlerweile wissen wir, dass dem nicht so ist: Die Widerstände in den türkischen Machtstrukturen sind stark, und der Weg ist länger und steiniger, als wir dachten. Aber kurdische Organisationen bestätigten neulich, dass die türkische Gesellschaft einen tiefgreifenden Wandel durchlebt und das ESF unterstützend auf die guten Akteure in diesem Prozess wirken könnte.

     

    Die Europäer und das WSF

     

    Aber trotz des Aufrufs der Kurden gibt es bis jetzt keine große europäische Mobilisierung zum ESF nach Istanbul. Obwohl es Bestrebungen gab, ist es unsicher, ob die neuen sozialen Bewegungen und Koalitionen, wie die Bewegung für Klimagerechtigkeit, Istanbul im Anschluss an den fulminanten Auftritt in Kopenhagen für eine große Zusammenkunft nutzen werden. Natürlich ist die Situation von Land zu Land unterschiedlich, und die italienische Perspektive lässt mich sicherlich nicht optimistisch auf die Situation unseres Kontinents blicken. Wir sind so in unsere politische, kulturelle und moralische Krise vertieft, dass sogar die große Mehrheit derjenigen AktivistInnen und Organisationen den internationalen Bezugsrahmen einfach ignoriert, die 2002 in Florenz den wichtigsten europäischen öffentlichen Raum geschaffen hatten. Dies ist ein großer Fehler und zeigt, wie tief unsere nationale Krise ist. Internationale Beziehungen sind nicht irgendein Luxus in guten Zeiten. Insbesondere wenn es so einen großen Mangel an Ideen und Perspektiven gibt, könnte positive Anregung von außerhalb helfen; vor allem in dieser Zeit, in der alle neuen Visionen aus dem globalen Süden kommen. Auch wenn die Situation nicht überall in Europa dieselbe ist, lässt die abnehmende Präsenz von EuropäerInnen in Weltsozialforen weltweit darauf schließen, dass sich die Situation auf dem ganzen Kontinent mehr oder weniger ähnelt. Was passiert mit uns? Es wird entscheidend sein, in Istanbul diese Debatte zu beginnen. In Wirklichkeit ist diese Diskussion über die Krise des ESF – und darüber, wofür diese Krise steht – alt. Die Vorbereitungsversammlung des ESF widmete dieser Frage in den letzten Jahren einige Sitzungen. Möglicherweise liegt der Fehler darin, die Frage alleine und in diesem abgeschlossenen Rahmen zu verhandeln. Auch wenn die Vorbereitungsversammlung des ESF theoretisch jedem offen steht, besteht sie seit langem aus den paar traditionellen engagierten Organisationen, die die Verantwortung übernehmen, das Forum zu organisieren. Das Spektrum der Akteure in dieser Debatte ist zu erweitern. Zuallererst müssen die Erfahrungen der Sozialforen anderer Kontinente, die die europäische Situation aus einem objektiveren Blickwinkel betrachten können, eingebunden werden. In einem Moment, in dem Europa Hilfe braucht, sollten wir eine Art umgekehrter Solidarität erbitten: vom Süden für den Norden. Wir müssen es schaffen, diese Diskussion einem breiten Spektrum europäischer sozialer Organisationen vorzustellen, inklusive derer, die den Prozess verlassen haben, oder die nicht mehr von seinem Wert überzeugt sind. Wir sollten auch die einschließen, die niemals drin waren, sei es, dass sie später oder weit weg gegründet wurden oder aufgrund ihrer Kritik nicht Teil waren. Und es wird entscheidend sein, Intellektuelle, Think Tanks, politische und kulturelle Stiftungen und linke, progressive Menschen einzubinden, die abseits von klassischem kämpferischem Sozialaktivismus in anderen Aktionsfeldern tätig waren: in den Medien, in Forschung und Erziehung, in der Wissenschaft, im kulturellen und künstlerischen Bereich etc. Die meisten dieser Leute sind vermutlich überhaupt nicht daran interessiert, über das ESF zu diskutieren. Aber vermutlich können wir das Interesse vieler wecken, wenn wir sie einladen, an einem großen, breiten und offenen Dialog über den Niedergang Europas teilzunehmen.

     

    Europa in der Krise

     

    Der Niedergang Europas wird nicht nur durch Verschiebungen im globalen Mächtegleichgewicht verursacht. Der neue deregulierte Multilateralismus, in dem das europäisch-atlantische Gewicht durch die erwachten Riesen Brasilien, Indien und China übertroffen wird, führt zu einer Verschiebung der geopolitischen und ökonomischen Achsen und zum Ende des Eurozentrismus. Es ist ein kultureller, ethischer und ideeller Niedergang, der in Verbindung mit der ökonomischen und strategischen Krise in einen sehr gefährlichen Teufelskreis führt. Die fortschrittliche Idee von Europa und von der Einheit Europas war keineswegs wertneutral. Sie basierte auf Demokratie und sozialer Gerechtigkeit. Jeder Kenner europäischer Geschichte hob diesen positiven Teil bereitwillig mit dem Ziel hervor, es als Basis eines Modells sozialer Entwicklung zu benutzen. Indem sie die neoliberale Ideologie akzeptierten, demontierten die Hauptströmungen der traditionell fortschrittlichen Kräfte in ganz Europa das europäische Sozialmodell, das eine Alternative sowohl zum Zusammenbruch des Staatssozialismus als auch zum Raubtierkapitalismus hätte sein können. Indem es der Illusion einer unmöglichen Verbindung von freien Märkten und sozialer Sicherung anhing, hat das ehemals fortschrittliche Lager in Europa dem Hauptakteur von Wohlfahrt und sozialem Zusammenhalt in unseren Gesellschaften das Rückgrat gebrochen: der arbeitenden Mittelschicht. Die verarmte arbeitende Mittelschicht in Europa ähnelt mehr und mehr derjenigen in den USA während der Regierungen von zwei Generationen Bush: Damals glaubten die Regierungsapparate, die Unsicherheit, in die sie die Menschen gestürzt hatten, damit beantworten zu können, dass sie Krieg gegen die Außenwelt und gegen diejenigen auf der untersten Sprosse der sozialen Leiter führten. Die Antwort auf Unsicherheit ist oft Krieg gegen die Armen und Rassismus. Der Wettbewerb ums Überleben produziert Individualismus und den Zusammenbruch gemeinschaftlicher Bindung. Die Antworten auf die Sinnkrise sind oft Konsumorientierung und Materialismus ohne Ethik. Und es gibt große Teile der Macht – wie die Geschichte der Kriege auf dem Balkan klar gezeigt hat –, die für Machterhalt oder -ausweitung bereit sind, den Ritt mit dem Teufel aufzunehmen. Ein Großteil der Politik heutzutage verleugnet ihre pädagogische Rolle und spricht die regressivsten Triebe einer verängstigten Bevölkerung an. Die USA haben wahrscheinlich das unterste Level einheimischer Verarmung erreicht. Und jetzt versuchen sie, wieder hochzukommen, indem sie zumindest die ideologische Botschaft ändern. Dies zeigt sich in Obamas Kampf für ein öffentliches Gesundheitssystem, das trotz aller Schwierigkeiten und Widersprüche das zentrale Projekt seiner Präsidentschaft ist. In Westeuropa ist das Wohlfahrtssystem immer noch in der Lage, die Menschen zu unterstützen und damit den Zusammenbruch aufzuschieben. Deswegen bemerken wir die Notlage nicht so drängend, wie sie in Wirklichkeit ist. Dies ist vermutlich ein weiterer Grund, warum Viele im demokratischen und fortschrittlichen Lager nicht reagieren. Zu reagieren ist nicht leicht. Um eine positive Alternative zur kulturellen Hegemonie des Kapitalismus anzubieten, müssen zu viele Aspekte sogar unserer eigenen europäischen, fortschrittlichen und linken Geschichte überwunden werden. Nicht nur der grausame Kapitalismus, sondern auch der europäische Sozialismus, der Kommunismus und die Sozialdemokratie gründeten auf Industrialisierung, auf Naturbeherrschung durch den Menschen und deren Verschwendung und der Vereinheitlichung nationaler, menschlicher und gemeinschaftsspezifischer Ungleichheiten und Unterschiede. Dazu kommt, dass jahrzehntelang nicht einmal in der Arbeiterbewegung jemand danach gefragt hat, woher der Reichtum der europäischen Nationalstaaten kam, der für Umverteilung und Wohlfahrt genutzt wurde. Heute wissen wir sehr gut, dass ein großer Teil davon aus der Ausbeutung des globalen Südens kam und immer noch kommt. Einfach das alte europäische Wohlfahrtstaatsmodell zu verteidigen, reicht also nicht aus. Es stellt für Männer und Frauen in Europa einen Traum dar – und gleichzeitig einen Alptraum für die Umwelt, das Klima und die Menschen im Süden! Zugleich reicht es nicht aus, einfach zu sagen, dass wir für eine Alternative stehen. Wir sollten beweisen, dass wir glaubwürdig sind. Dies ist nicht so einfach, wie die sozialen Bewegungen es oft behauptet haben und es immer noch behaupten. Manchmal ist es glaubwürdiger und seriöser, Fragen zu stellen, als zu viele einfache Antworten zu präsentieren. Es gilt Fragen zu stellen, in einer für die Menschheit historisch einmaligen Situation, die durch den Klimawandel und ein ernsthaftes Risiko für das Leben auf dem Planeten charakterisiert ist, was keine der linken Bewegungen bisher berücksichtigt hat.

     

    Die Suche nach neuen Paradigmen

     

    Auf dem WSF in Belém starteten einige europäische Organisationen zusammen mit indigenen Völkern, staatenlosen Menschen und sozialen Organisationen aus Lateinamerika, Afrika und Asien einen grundlegenden Dialog, der jetzt auf verschiedenen Veranstaltungen weltweit fortgesetzt wird. Immer wieder geht es darum, lokale, wenn möglich kulturell und politisch unterschiedliche Akteure einzubinden. Dieser Prozess wurde von seinen Initiatoren „Die Krise der hegemonialen Zivilisation und die Suche nach neuen Paradigmen“ genannt. Der Versuch, einen passenden Namen zu finden, dauerte eine Weile; dieser Name ist aber nun sehr aussagekräftig. In der Geschichte der Menschheit hat es das Aufeinanderprallen und den Austausch zwischen verschiedenen Zivilisationsmodellen gegeben. Über die Jahrhunderte basierte das „siegreiche“ Modell immer auf der Ausbeutung von Mensch und Natur, auf Krieg und Gewalt sowie Vereinheitlichung. Europa gehört zu den Gewinnern der Geschichte der hegemonialen Zivilisation. Wenn Europa nach einer glaubwürdigen und starken Zukunftsvision suchen möchte, die die Menschen davon überzeugen kann, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen, sollten wir hier anfangen. Und die linken und fortschrittlichen Strömungen müssen akzeptieren, dass auch sie sich selbst hinterfragen müssen. Widerstand ist entscheidend und notwendig, aber nicht ausreichend. Es ist natürlich und naheliegend für fortschrittliche linke Organisationen, die Kämpfe der IndustriearbeiterInnen gegen Schließungen von Fabriken in ganz Europa zu unterstützen. Und es sollten noch mehr Anstrengungen in ihrer Sache unternommen werden. Gleichzeitig ist es zum Beispiel Unsinn – die Gewerkschaften und die ArbeiterInnen wissen das selber ganz genau –, intensive Autoproduktion und zerstörerische Chemiefabriken zu verteidigen. Allerdings reicht es gegenüber Leuten, die ihre Arbeit und ihre Grundrechte verteidigen, nicht, ideologische Standpunkte zu vertreten. Konkrete Pläne für positive Alternativen sind notwendig. Welche Art von Wirtschaft, welche Art von Arbeit, welche Art von sozialer Sicherung, welche Art von Rechten – und wer bezahlt das alles? Das sind die Fragen, die beantwortet werden müssen. Und aufgrund von unterschiedlichen sozialen, ökonomischen, geographischen und ökologischen Bedingungen sind es nicht die selben Antworten in ganz Europa. Der Hauptcharakter des ESF und aller europäischen sozialen Mobilisierungen war und ist die Zusammenführung sozialen Widerstands. Aber angesichts des Fehlens eines glaubhaften Alternativprojekts, das niemand in Europa zu bieten hat, können soziale Bewegungen und die fortschrittliche Zivilgesellschaft mehr leisten.

     

    Ein neues Projekt für Europa

     

    Die positiven Erfahrungen und die guten Praxen, die überall in Europa und in großer Anzahl in all den lokalen Laboren des „guten Lebens“ existieren, werden nicht ausgeschöpft, sondern bleiben fragmentiert. Die meisten der neuen Ideen existieren in Isolation. Sie werden von den Herrschenden oft als Widerstand gegen gesellschaftliche Interessen dargestellt, um zu verhindern, dass sich ihre Inhalte auf eine gesamtgesellschaftliche Ebene übertragen. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt könnte sich der Versuch als wichtig erweisen, aus diesen Fragmenten ein neues europäisches Projekt zusammenzubauen. Wie wir aus den schrecklichen Fehlern der Vergangenheit gelernt haben, wird das neue Projekt nicht auf Vereinheitlichung abzielen, sondern vielfältig und pluralistisch sein. Aber ein gemeinsamer Startpunkt ist notwendig. Irgendwo benötigen wir einen Ort, wo wir versuchen, die Fragmente der Alternativen zusammenzusetzen und versuchen, sie zu kombinieren, ohne dabei Angst zu haben herauszufinden – was sicherlich der Fall sein wird –, dass einige von ihnen sich dermaßen zu widersprechen scheinen, dass sie sich gegenseitig ausschließen. Sicherlich könnte es interessant sein, von Anfang an in Dialog mit nicht-hegemonialen Kulturen wie den „bien vivre“ der indigenen Andenvölker oder den afrikanischen „Ubuntu“ zu stehen, die uns bieten können, was aus unserer europäischen Moderne verschwunden zu sein scheint: die Bedeutung der Erinnerung und die Erfahrung der Alten zum Beispiel. Die neuen lateinamerikanischen Verfassungen, die ein neues, auf einer Kombination von repräsentativer, direkter und kommunitaristischer Demokratie basierendes Demokratiemodell etabliert haben, könnten den Europäern helfen, von einem fortschrittlichen Standpunkt aus die Zerfallstendenzen, die viele Nationalstaaten erfasst haben, anzugehen und zu bewältigen. Eine gemeinsame europäische Suche nach einer glaubwürdigen Alternative wird dadurch verkompliziert, dass es keinen etablierten, inklusiven und anerkannten öffentlichen europäischen Raum gibt. Ein wirklicher öffentlicher Raum braucht BürgerInnen. Das Demokratiedefizit der EU, belegt durch die Ergebnisse der Volksabstimmung über den Staatsvertrag und durch die sehr geringe Wahlbeteiligung bei den letzten Europawahlen, ist wohlbekannt. In letzter Zeit sieht sich Europa aber auch mit einer sich verschärfenden Krise der Demokratie innerhalb der Nationalstaaten konfrontiert. Bei den letzten Kommunal- und Regionalwahlen (das sind die Wahlen mit der traditionell höheren Wahlbeteiligung) in Frankreich und Italien ging fast die Hälfte der Wahlberechtigten nicht zur Wahl. So kommt es, dass in dem Moment, in dem das europäische Parlament endlich mehr Macht erhalten hat und einen größeren Einfluss auf die Politik der Kommission ausüben kann, das Parlament selbst nur 30 % der EU-Bevölkerung repräsentiert. Und nationalen Parlamenten droht das gleiche Schicksal. Die Beteiligung der Menschen am politischen Leben, die einst ein besonderes Merkmal der demokratischen Errungenschaften in Westeuropa war, schwindet erschreckend. Die Bindung zwischen politischen Parteien und Bürgern ist in vielen Ländern zerbrochen, während gleichzeitig die Krise der Repräsentation den Raum für populistische und plebiszitäre Tendenzen öffnet. Die defizitären Demokratien in Osteuropa tragen das Ihre zur Verbreitung dieser negativen Erscheinungen bei. Wenn Staatsbürgerschaft mehr bedeuten soll als Übereinstimmung in gemeinsamen Angelegenheiten, dann gibt es keine echte europäische Staatsbürgerschaft. Solch ein Konzept setzt eine demokratische Organisation von Macht voraus. Und eine europäische Öffentlichkeit, die die Bedingung für die Bildung einer transnationalen Zivilgesellschaft und für die Herausbildung eines europäischen Volks wäre, hat sich nie etabliert. Die einzigen europäischen demokratischen öffentlichen Räume wurden durch Erfahrungen geschaffen, die von sozialen Organisationen, von sozialen Bewegungen und von einer organisierten Zivilgesellschaft außerhalb der institutionellen Dynamiken kamen. Trotz der Schwierigkeiten der letzten Zeit gehört das Europäische Sozialforum sicherlich als eine der wichtigsten Einrichtungen dazu. Andere sind die europäischen Arbeits- und Gewerkschaftskämpfe, die Antikriegsbewegung, die Kämpfe um Rechte für Frauen und MigrantInnen etc. Heutzutage ist es vermutlich notwendig, derartige selbstorganisierte öffentliche Räume nach oben und nach unten gut zu verankern, um zu vermeiden, dass sie sich weiterhin nur auf den virtuellen Raum beschränken: Es gibt immer noch zu viel Politik, die nur dort stattfindet. Diese demokratischen öffentlichen Räume tief in der Gesellschaft zu verankern bedeutet, sie mit real existierenden Gemeinschaften, mit real existierenden Gebieten und mit dem echten Raum, in dem Menschen leben, zu verknüpfen. In dem Land, aus dem ich komme, sind die einzigen Kämpfe, die es schaffen, rechte und neoliberale Hegemonie zu durchbrechen, diejenigen, denen es gelingt, ganze Gemeinschaften auf Graswurzelniveau einzubinden, und die darauf abzielen, einen Bürger nach dem anderen zu überzeugen, und nicht nur vorgeblich den Volkswillen zu repräsentieren. Die gefährliche Involution der europäischen Populärkultur verbietet es, mit Vereinfachungen oder Illusionen zu arbeiten. Es ist notwendig, auf die Basisarbeit in den Gemeinschaften zurückzukommen, orientiert an den Menschen – an ihren Ängsten, ihrer Wut, ihren Bedürfnissen –, hauptsächlich derjenigen, die nicht die Mittel haben, die Propaganda der Herrschenden zu durchschauen: auf die Anfänge der Lin- ken zurückzukommen, Politik als Mittel zur Volksbildung und als Mittel zur persönlichen und kollektiven Emanzipation wiederzuentdecken. Die demokratischen öffentlichen Räume zu verankern bedeutet, den von sozialen Bewegungen und der Zivilgesellschaft geschaffenen selbstorganisierten und unabhängigen öffentlichen Raum stärker mit dem existierenden institutionellen Rahmen zu verzahnen. Es ist wirklich kontraproduktiv, den durch den Vertrag von Lissabon geschaffenen Raum für einen Bürgerdialog der organisierten zivilgesellschaftlichen Lobby in Brüssel und Straßburg zu überlassen. Zum Beispiel wird die Europäische Kommission 2010 darüber entscheiden, wie der Artikel 11 des Staatsvertrags, der partizipative Demokratie und Bürgerdialog als fundamentale Komponenten der EU-Demokratie festschreibt, umgesetzt wird. Sie diskutieren, wie die sogenannte „Bürgerinitiative“ geregelt wird, d. h. die Möglichkeit eine Million Unterschriften zu sammeln, um die Kommission dazu zu bringen, bestimmte Themen zu besprechen. Die EU-Institutionen sind diejenigen, die über einen großen Teil der Zukunft entscheiden. Die unabhängige Zivilgesellschaft, die selbstorganisierten sozialen Bewegungen sollten die Tür des EU-Gebäudes aufdrücken und sich ihren Platz in der Debatte erkämpfen. Nicht zuletzt ist es unmöglich, einen europäischen öffentlichen Raum zu schaffen, ohne ernsthaft die osteuropäischen Länder und Gesellschaften zu berücksichtigen. Es besteht immer noch eine hohe und dicke unsichtbare Mauer zwischen den beiden Hälften des Kontinents. Und der kolonialistische, paternalistische Ansatz ist nicht nur Sache der Marktakteure und Geschäftsleute. Sogar innerhalb einer fortschrittlichen Zivilgesellschaft und innerhalb linker sozialer Bewegungen heißt Europa immer noch nur West-Europa. Das Europa der alten und starken Demokratien, der demokratischen Verfassungen und des Widerstands gegen den Nationalsozialismus. Die Geschichte des anderen Teils wird geleugnet und vergessen. Auf diese Art und Weise werden wir nicht verstehen, was dort passieren wird. Und das, was dort passieren wird, wird unser gemeinsames Schicksal mächtig beeinflussen, ob wir es wollen oder nicht.

     

    Schlussfolgerung

     

    Um zum Schluss zu kommen: Die Situation in Europa ist schwierig. Immer wenn in der Vergangenheit die Menschen in Europa zerstreut, verwirrt, frustriert und manipuliert waren, sind übelste Dinge passiert. Deswegen müssen wir so ernsthaft wie möglich vorgehen. Wir sollten die Realität betrachten, und wir sollten nach Verbündeten Ausschau halten, damit wir nicht allein und isoliert sind. Wir sollten tief in die Diskussion einsteigen und versuchen, alle Richtungen anzusprechen, die gegen Populismus, Rassismus und unsicherheitsbedingte Ressentiments einstehen, die viele Menschen in Europa befallen haben. Wir sollten für eine grundlegende gemeinsame Basis kämpfen, Konkurrenz untereinander vermeiden und einen ernsthaften Dialog zwischen unterschiedlichen Ansätzen beginnen. Wir sollten mit den richtigen Fragen anfangen, denn niemand hat die Wahrheit gepachtet, und was wir brauchen, ist gemeinsames Nachdenken. Ohne derart starke Anstrengung und Hingabe lässt sich nicht einmal daran denken, dass das Europäische Sozialforum in seinem gegenwärtigen Zustand seine Schwierigkeiten überwindet. Das ESF steht für die europäische Situation; es gibt keinen Weg, die Schwierigkeiten zu lösen, ohne die tieferliegenden Ursachen der Schwäche zu berücksichtigen. Es existieren in Europa fortschrittliche soziale und kulturelle Kräfte, die daran interessiert sind, diese Debatte zu führen. Vielleicht ist es Zeit, die Verbindungen zu verstärken und anzufangen.

     

    Aus dem Englischen von Michael Hewener


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