• Kritik des Kapitalismus und die „große Erzählung“

  • 21 Apr 11 Posted under: Theorie
  • I.

     

    Die weitreichende Umwälzung der Welt in den letzten Jahrzehnten hat auf dramatische Weise deutlich gemacht, dass sich die heutige kritische Theorie vor allem auf Fragen der Zeitlichkeit, der historischen Dynamik und der strukturellen Umbrüche konzentrieren muss, um unserem gesellschaftlichen Universum angemessen zu sein.1 Für die Begründung einer solchen Theorie der gegenwärtigen Welt könnte meiner Ansicht nach Marx’ Kategorie des Kapitals von zentraler Bedeutung sein, allerdings nur, wenn sie durch eine grundlegende Neukonzeptualisierung von ihren diversen Auffassungen sowohlin traditionellen marxistischen Interpretationen wie in den sozialwissenschaftlichen Diskursen der jüngsten Zeit abgegrenzt wird.

    Die so gefasste Kategorie des Kapitals hat wenig mit dem gemein, was ein breites Spektrum von Theoretikern als „Kapital“ bezeichnet – von Gary Becker über Pierre Bourdieu bis hin zu den vielen marxistischen Theo retikern, die im allgemeinen unter „Kapital“ ein gesellschaftliches Mehrprodukt verstehen, das privat angeeignet wird. Auch wenn ich mit letzteren darin übereinstimme, dass sich Marx’ Kategorie des Kapitals auf die Strukturierung der Gesellschaft als ganzer bezieht, so beschreibt sie für mich nicht nur eine bestimmte Weise der Ausbeutung, sondern ist auf grundlegendere Weise eine Kategorie der zeitlichen Vermittlung. Sie begreift die moderne kapitalistische Gesellschaft als eine Form des gesellschaftlichen Lebens, die von quasi objektiven Formen beherrscht wird, welche wiederum eine historische Dynamik erzeugen.

     

    II.

     

    Wenn ich den historisch dynamischen Charakter der kapitalistischen Gesellschaft in den Mittelpunkt stelle, beziehe ich mich auf die enormen Umwälzungen des Kapitalismus im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts. Diese Zeit war gekennzeichnet von der Aushöhlung des staatszentrierten fordistischen Gesellschaftskompromisses, wie er sich nach dem Zweiten Weltkrieg im Westen herausgebildet hatte, dem Zusammenbruch oder der radikalen Transformation der Staatsparteien und ihrer Kommandowirtschaft im Osten, sowie der Etablierung einer neoliberalen kapitalistischen Weltordnung (die ihrerseits durch die Entstehung riesiger, in Konkurrenz zueinander stehender regionaler Blöcke untergraben werden könnte). Weil diese Veränderungen den Zusammenbruch der Sowjetunion und des europäischen Kommunismus beinhalteten, sind sie oft als das Ende des Marxismus und der theoretischen Bedeutung von Marx verstanden worden. Eben diese historischen Transformationen unterstreichen jedoch die Notwendigkeit, sich mit dem Problem der historischen Dynamik und der weitreichenden strukturellen Veränderungen auseinander zu setzen, das gerade im Mittelpunkt der kritischen Analyse von Marx steht.

    Die zentrale Bedeutung dieser Problematik wird deutlich, wenn wir uns die Gesamtentwicklung des staatszentrierten Kapitalismus im 20. Jahrhundert seit seinen Anfängen anschauen: Er beginnt in etwa mit dem Ersten Weltkrieg und der Russischen Revolution, erlebt seine Blütezeit in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg und befindet sich seit den frühen 1970er Jahren im Niedergang. Bemerkenswert an diesem Verlauf ist sein globaler Charakter. Er umfasst die westlichen kapitalistischen Länder und die Sowjetunion, aber auch die Kolonialgebiete und dekolonisierten Länder. Natürlich hat es Unterschiede im historischen Verlauf gegeben, aber im Lichte des gesamten Aufstiegs und Niedergangs erscheinen sie mehr als unterschiedliche Ausformungen eines gemeinsamen Musters denn als grundlegend unterschiedliche Entwicklungen. So wurde zum Beispiel der Sozialstaat in allen westlichen Industrieländern in den 25 Jahren nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ausgeweitet und dann ab Anfang der 1970er Jahre eingeschränkt oder teilweise abgebaut. Zu diesem Entwicklungsverlauf, der seine Parallele in dem Nachkriegserfolg der Sowjetunion und ihrem anschließenden schnellen Niedergang hatte, kam es unabhängig davon, ob konservative oder sozialdemokratische („liberale“) Parteien an der Macht waren.

    Derart allgemeine Entwicklungen lassen sich nicht aus kontingenten, lokalen politischen Entscheidungen erklären und sind ein deutlicher Hinweis darauf, dass politische, soziale und ökonomische Entscheidungen allgemeinen strukturellen Zwängen unterworfen sind. Sie verweisen zudem darauf, dass hier dynamische Kräfte am Werk sind, die nicht vollständig der staatlichen Kontrolle unterliegen.

    In Anbetracht der allgemeinen historischen Muster, die das 20. Jahrhundert charakterisieren, relativieren sich historisch Theorien, die von einem Primat der Politik ausgehen, wie sie in den Nachkriegsjahrzehnten weit verbreitet waren. Aber auch die poststrukturalistische Auffassung von Geschichte als wesentlich kontingent wird dadurch in Frage gestellt. In gewisser Weise lässt sich die postmarxistische Wende der 1970er Jahre als eine kritische Reaktion auf die fordistische Epoche – sowohl in ihrer westlichen als auch in ihrer kommunistischen Ausprägung – begreifen, als Opposition gegen eine Politik, die sich auf materielle Interessen konzentrierte und sie durch eine bürokratische Organisierung der Gesellschaft von oben nach unten zu befriedigen suchte. Die gesellschaftlichen und kulturellen Bewegung der späten 1960er Jahre schienen eine historische Widerlegung solcher Vorstellungen vom guten Leben zu sein. Spätestens seit 1968 stellte für weite Teile der westlichen Linken die Sowjetunion keine emanzipatorische Option mehr dar.

    In diesem historischen kulturellen Kontext wurde die politische Ökonomie als etwas Affirmatives aufgefasst, und Geschichte wurde zur Chiffre für eine apriorische Metaerzählung. Marx’ Auffassung von Geschichte und Zeitlichkeit wurde mit der von Hegel zusammengeworfen, was zu einem Revival von Nietzsche, dem großen Anti-Hegelianer, beitrug. Aber die List der Geschichte rächte sich. Gegenüber den von mir angedeuteten massiven Veränderungen haben sich Poststrukturalismus und Postmodernismus als intellektuell hilflos erwiesen. Es zeigt sich nun, dass ihr kritischer Gehalt an eine gesellschaftliche Ordnung gebunden war, die sich im Niedergang befindet.

    Mit diesen historischen Überlegungen soll aber nicht der kritische Gehalt der Versuche verkannt werden, Geschichte als etwas Kontingentes zu begreifen? nämlich die Einsicht, dass mit einem Konzept von Geschichte als der Entfaltung immanenter Notwendigkeit eine Form von Unfreiheit beschrieben wird.

    Mit dieser Form der Unfreiheit setzt sich Marx in seiner kritischen Theorie des Kapitalismus auseinander, indem er die Zwänge und Einschränkungen in den Mittelpunkt stellt, die der historischen Dynamik und den strukturellen Veränderungen der modernen Welt zugrunde liegen. Statt die Existenz dieser Unfreiheit durch Anrufung der Kontingenz zu leugnen, versucht Marx in seiner Kritik ihre Basis und die Möglichkeit ihrer Überwindung aufzudecken. Daher denke ich, dass sich mit einer Wiederaneignung der Kategorie des Kapitals der klassische Gegensatz von Notwendigkeit und Freiheit überwinden lässt, der sich in dem zwischen einer Auffassung von Geschichte als Notwendigkeit und ihrer poststrukturalistischen Zurückweisung im Namen der Kontingenz (und vermutlich der agency) wiederholt. Wie ich zeigen werde, verortet die Kategorie des Kapitals die innere Dynamik der modernen kapitalistischen Gesellschaft in historisch bestimmten Formen gesellschaftlicher Vermittlung. In diesem Rahmen ist Geschichte, im Sinne einer innerlich angetriebenen und gerichteten Dynamik, keine universelle Kategorie des menschlichen gesellschaftlichen Lebens. Vielmehr ist sie ein historisch spezifisches Merkmal der kapitalistischen Gesellschaft, das auf das menschliche gesellschaftliche Leben im allgemeinen projiziert werden kann und projiziert wird. Eine Theorie, die diese Dynamik mit der Kategorie des Kapitals begründet, betrachtet Geschichte gerade nicht affirmativ, sondern begreift sie als eine Form der Heteronomie.

    Darin ist Marx’ kritische Position dem Poststrukturalismus näher als dem orthodoxen Marxismus der Zweiten Internationale. Aber er betrachtet die heteronome Geschichte nicht als eine Erzählung, die sich einfach diskursiv zersetzen ließe, sondern als den Ausdruck einer Struktur von vorübergehender Beherrschung. Von diesem Standpunkt aus betrachtet trägt jeder Versuch, das menschliche Handeln zu retten, indem mit der Betonung der Kontingenz die Existenz solcher historisch spezifischer Herrschaftsstrukturen ausgeblendet wird, ironischerweise zur weiteren Machtlosigkeit bei.

     

    III.

     

    Was ist Kapital in der Analyse von Marx? Im Zentrum seiner Kategorie des Kapitals steht die des Mehrwerts. Diese Kategorie ist im allgemeinen als eine der Ausbeutung verstanden worden, als Hinweis darauf, dass ungeachtet aller Erscheinungsformen das Mehrprodukt im Kapitalismus nicht von einer Anzahl von Produktionsfaktoren wie Arbeit, Boden und Maschinen, sondern allein durch die Arbeit hervorgebracht wird. Im Rahmen dieser traditionellen Auffassung ist der Mehrwert eine Kategorie der klassenförmigen Ausbeutung. Ich habe keine Einwände gegen diese Analyse des Mehrwerts, aber im Licht der von mir entwickelten Position erweist sie sich als einseitig. Das herkömmliche Verständnis des Mehrwerts konzentriert sich ausschließlich auf die Schaffung des Mehrwerts, macht sich aber nicht ausreichend die Bedeutung klar, die in Marx’ Analyse der hier behandelten Form des Reichtums zukommt, also des Werts.

    Um Marx’ Begriff des Kapitals genauer darzulegen, müssen wir daher kurz auf die grundlegendsten Kategorien wie Ware und Wert eingehen, mit denen seine Analyse beginnt. Diese Kategorien dürfen nicht überhistorisch verstanden werden, sondern als historisch spezifisch für die moderne oder kapitalistische Gesellschaft.2 In seinem reifen Werk versuchte Marx, die grundlegendsten Formen gesellschaftlicher Beziehungen auszumachen, die die kapitalistische Gesellschaft charakterisieren, und entwickelte von da aus eine Theorie, mit der sich die dieser Gesellschaft zugrundeliegenden Tätigkeiten begreifen lassen. Diese grundlegende Form ist die Ware.3 Marx nimmt den Ausdruck „Ware“ und gebraucht ihn, um eine historisch spezifische Form gesellschaftlicher Beziehungen zu bezeichnen, die als eine strukturhafte Form gesellschaftlicher Praxis konstituiert werden, die ihrerseits das strukturierende Prinzip für die Handlungen, Weltsichten und Einstellungen der Menschen ist. Als eine Kategorie der Praxis ist sie gleichermaßen eine Form der gesellschaftlichen Subjektivität und der gesellschaftlichen Objektivität. (Dieses an Lukács und Adorno angelehnte Verständnis der Kategorien beinhaltet eine völlig andere Auffassung von Kultur und Gesellschaft als im BasisÜberbau-Modell.)

    Das Besondere der Warenform von gesellschaftlichen Beziehungen, wie sie von Marx analysiert wird, besteht darin, dass sie durch Arbeit konstituiert wird und in objektivierter Form existiert.4 Dieser Befund stützt sich auf seine Auffassung von der historischen Spezifik der Arbeit im Kapitalismus. Marx besteht darauf, das die Arbeit im Kapitalismus einen „Doppelcharakter“ hat: Sie ist „konkrete Arbeit“ und „abstrakte Arbeit“.5 Die „konkrete Arbeit“ bezieht sich auf die Tatsache, dass der Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur in allen Gesellschaften durch irgendeine Form von dem vermittelt wird, was wir als Arbeitstätigkeit betrachten. „Abstrakte Arbeit“ ist nicht einfach konkrete Arbeit im Allgemeinen, sondern eine besondere, historisch spezifische Kategorie. Sie weist darauf hin, dass Arbeit im Kapitalismus zudem eine einzigartige gesellschaftliche Funktion hat, die den Arbeitstätigkeiten nicht als solchen innewohnt. In einer von der Warenform strukturierten Gesellschaft werden die Arbeit und ihre Produkte nicht wie in anderen Gesellschaftsformen durch traditionelle Normen oder Herrschaftsverhältnisse verteilt. Arbeit konstituiert vielmehr eine neue Form der wechselseitigen Abhängigkeit: Die Menschen konsumieren nicht, was sie produzieren, und doch werden ihre eigene Arbeit oder deren Produkte zu quasi objektiven Mitteln, um die Produkte von anderen zu erhalten. Indem die Arbeit und ihre Produkte als solche Mittel fungieren, treten sie faktisch an die Stelle offenkundiger gesellschaftlicher Beziehungen.

    In Marx’ reifem Werk ist daher die These von der Zentralität der Arbeit für das gesellschaftliche Leben keine überhistorische Prämisse. Sie ist nicht so zu verstehen, als wäre die materielle Produktion die wesentlichste Dimension des gesellschaftlichen Lebens im allgemeinen oder auch nur des Kapitalismus im besonderen. Vielmehr bezieht sie sich auf die historisch spezifische Weise, in der im Kapitalismus die Arbeit eine Form der gesellschaftlichen Vermittlung konstituiert, die ein grundlegendes Wesensmerkmal dieser Gesellschaft ist. Weil Arbeit im Kapitalismus nicht einfach Arbeit in einem überhistorischen und landläufigen Sinne ist, sondern zugleich eine historisch spezifische Tätigkeit der gesellschaftlichen Vermittlung, sind ihre Objektivierungen (Ware, Kapital) Marx zufolge gleichermaßen konkrete Arbeitsprodukte und objektivierte Formen gesellschaftlicher Vermittlung. Die gesellschaftlichen Beziehungen, die die kapitalistische Gesellschaft auf grundlegendste Weise charakterisieren, sind demzufolge völlig andere als qualitativ bestimmte offenkundige Beziehungen wie Verwandtschaft oder unmittelbare persönliche Herrschaft, wie sie für nicht-kapitalistische Gesellschaften kennzeichnend sind. Solche Bezie hungen existieren zwar im Kapitalismus weiter, aber ihre Strukturierung erfährt diese Gesellschaft in letzter Instanz durch eine neue grundlegende Ebene von gesellschaftliche Beziehungen, die von der Arbeit konstituiert werden. Diese Beziehungen haben einen eigentümlich quasi objektiven formellen Charakter, und sie sind dualistisch: Was sie auszeichnet, ist der Gegensatz zwischen einer abstrakten, allgemeinen, homogenen Dimension und einer konkreten, besonderen, materiellen Dimension; beide erscheinen als Natureigenschaften und nicht als gesellschaftliche Qualitäten, und beide prägen die gesellschaftlichen Auffassungen von der Natur.

    Die abstrakte Dimension der dem Kapitalismus zugrundeliegenden gesellschaftlichen Vermittlung wird vom Wert ausgedrückt, der in dieser Gesellschaft vorherrschenden Form des Reichtums. Marx’ „Arbeitswerttheorie“ ist immer wieder als eine Arbeitstheorie des Reichtums missverstanden worden, als die Behauptung, zu allen Zeiten und an allen Orten sei Arbeit die einzige gesellschaftliche Quelle des Reichtums. Aber Marx untersucht nicht den Reichtum im allgemeinen, wie er auch nicht die Arbeit im allgemeinen untersucht. Er analysiert den Wert als eine historisch spezifische Form des Reichtums, die mit der historisch einzigartigen Rolle verbunden ist, die Arbeit im Kapitalismus spielt. Ausdrücklich unterscheidet Marx den Wert von dem, was er als „stofflichen Reichtum“ bezeichnet, und bezieht diese zwei verschiedenen Formen des Reichtums auf die Dualität der Arbeit im Kapitalismus.6 Der stoffliche Reichtum wird an der Menge der produzierten Güter gemessen, und er hängt außer von der Arbeit von einer Reihe weiterer Faktoren ab wie dem Stand der Wissenschaft, der gesellschaftlichen Organisation und den natürlichen Voraussetzungen.7 Der Wert wird Marx zufolge einzig und allein vom Aufwand an menschlicher Arbeitzeit bestimmt; er ist im Kapitalismus die vorherrschende Form des Reichtums.8 Während der stoffliche Reichtum, wo er die vorherrschende Form des Reichtums ist, durch offenkundige gesellschaftliche Beziehungen vermittelt wird, die ihm selber äußerlich sind, ist der Wert eine sich selbst vermittelnde Form des Reichtums.

    Was den Kapitalismus in diesem Erklärungsansatz grundlegend kennzeichnet, ist eine historisch spezifische, quasi objektive Form gesellschaftlicher Vermittlung, die durch die Arbeit konstituiert und als Warenform objektiviert wird. Obwohl eine bestimmte Praxisform diese historisch spezifische Form der Vermittlung begründet, wird sie quasi unabhängig von den Subjekten dieser Praxis. Das Ergebnis ist eine historisch neue Form gesellschaftlicher Herrschaft, die die Menschen zunehmend unpersönlichen, rationalisierten Imperativen und Einschränkungen unterwirft. Diese Form lässt sich nicht angemessen in Begriffen der Klassenherrschaft oder allgemeiner der konkreten Herrschaft sozialer Gruppen oder staatlicher und/oder ökonomischen Institutionen fassen. Ähnlich dem Machtbegriff von Foucault (allerdings präziser begründet) hat diese Form der Herrschaft keinen definierten Ort, und obwohl sie von bestimmten Formen gesellschaftlicher Praxis hervorgerufen wird, scheint sie in keiner Weise gesellschaftlich zu sein. Aufschlussreich in dieser Hinsicht ist Marx’ Bestimmung der Wertgröße durch die gesellschaftlich notwendige Arbeitzeit.9 Diese zeitliche Bestimmung des Werts als einer Form des gesellschaftlichen Reichtums ist nicht einfach deskriptiv, sondern verweist auf eine gesellschaftlich verallgemeinerte Zwangsnorm. Die Produktion muss dieser vorherrschenden, abstrakten, allumfassenden Norm entsprechen, um den vollen Wert ihrer Produkte zu erzeugen. Die historisch spezifische, abstrakte Form gesellschaftlicher Herrschaft, die den grundlegenden Formen gesellschaftlicher Vermittlung im Kapitalismus eingeschrieben ist, ist also die Beherrschung der Menschen durch die Zeit. Diese Herrschaftsform ist mit einer historisch spezifischen Form von Zeitlichkeit verknüpft – abstrakte, Newtonsche Zeit –, die sich historisch zusammen mit der Warenform herausbildet.

    Die Zeitlichkeit dieser Form gesellschaftlicher Vermittlung ist jedoch nicht nur abstrakt. Eine Besonderheit dieser zeitlichen Form des Reichtums besteht darin, dass mit steigender Produktivität zwar die Menge der pro Zeiteinheit produzierten Gebrauchswerte wächst, die Größe des pro Zeiteinheit geschaffenen Werts aber nur kurzfristig ansteigt. Sobald sich die Produktivitätssteigerung verallgemeinert, fällt die pro Zeiteinheit erzeugte Wertgröße auf ihr normales Niveau zurück.10 Das Ergebnis ist eine Art Tretmühle. Höhere Produktivitätsniveaus führen zu deutlichen Steigerungen der Produktion von Gebrauchswerten, aber zu keinem entsprechenden langfristigen Anstieg der Wertproduktion. (Man beachte, dass dieser eigentümliche Tretmühleneffekt der zeitlichen Dimension des Werts entspringt. Er lässt sich nicht allein daraus erklären, wie dieses Muster zum Beispiel durch die Konkurrenz verallgemeinert wird.) Doch obwohl Veränderungen in der Produktivität, gemessen an der Gebrauchswertseite, die pro Zeiteinheit produzierte Wertmasse nicht verändern, bestimmen sie sehr wohl, was als Zeiteinheit gilt. Ständige Produktivitätssteigerungen treiben die Einheit der (abstrakten) Zeit sozusagen voran, in der historischen Zeit. Es handelt sich hier um eine Bewegung der Zeit. Sowohl die abstrakte als auch die historische Zeit bilden sich historisch als Herrschaftsstrukturen heraus. Die Dialektik dieser Zeitlichkeiten wird durch die Kategorie des Kapitals erfasst, das Marx als den sich selbst verwertenden Wert analysiert. Es ist eine Kategorie der Bewegung, die einen unablässigen Prozess der Selbstverwertung des Werts beinhaltet – eine gerichtete Bewegung ohne äußeren Zweck, die umfassende Zyklen der Produktion und Konsumtion, der Schöpfung und Zerstörung hervorruft. Wenn Marx im „Kapital“ diese Kategorie zum ersten Mal einführt, weist er schon darauf hin, dass sie der historischen Dynamik der modernen, kapitalistischen Gesellschaft zugrunde liegt.

    Marx beschreibt sie dort in derselben Sprache, mit der Hegel in der „Phänomenologie“ den Geist charakterisiert – die sich selbst bewegende Substanz, die Subjekt ihres eigenen Prozesses ist.11 Marx deutet an, dass im Kapitalismus ein historisches Subjekt im Hegelschen Sinne tatsächlich existiert. Aber – und das ist hier von entscheidender Bedeutung – er identifiziert dieses Subjekt nicht mit dem Proletariat (wie Lukács es tut) oder gar mit der Menschheit. Stattdessen identifiziert er es als Kapital, eine dynamische Struktur der abstrakten Herrschaft, die unabhängig vom Willen der Menschen wird, obwohl sie von ihnen konstituiert wurde. Ironischerweise wurde diese Eigentümlichkeit der historischen Dynamik im Kapitalismus gerade vom idealistischen Charakter der Hegelschen Dialektik zum Ausdruck gebracht.

    In seiner reifen Theorie postuliert Marx also kein historisches Metasubjekt wie das Proletariat, das sich in einer zukünftigen sozialistischen Gesellschaftselbst realisieren würde. Vielmehr liefert er die Grundlagen zur Kritik dieser Auffassung. Darin unterscheidet sich seine Position radikal von der anderer Theoretiker wie Lukács, für den die von der Arbeit konstituierte gesellschaftliche Totalität der Kritik des Kapitalismus ihren Standpunkt verschafft und sich im Sozialismus realisieren muss. Im „Kapital“ von Marx sind die Totalität und die sie konstituierende Arbeit zu Gegenständen der Kritik geworden. Historisches Subjekt ist hier die entfremdete Struktur der gesellschaftlichen Vermittlung, die im Mittelpunkt der historischen Dynamik der kapitalistischen Formation steht. Die Widersprüche des Kapitals verweisen auf die Abschaffung und nicht auf die Realisierung des Subjekts. Im „Kapital“ verortet Marx die Grundlagen der historischen Dynamik des Kapitalismus letzen Endes im Doppelcharakter der Ware und damit im Kapital. Das bleibt unbegriffen, wenn die Kategorie des Mehrwerts nur als Ausbeutungskategorie verstanden wird, als Mehrwert und nicht auch als Mehrwert – also als das Mehr einer zeitlichen Form des Reichtums.

    Die hier von mir skizzierte Tretmühlendynamik des Kapitals, die durch die Dialektik von Wert und Gebrauchswert angetrieben wird, bildet den Kern der äußerst komplexen nichtlinearen historischen Dynamik, die der modernen Gesellschaft zugrunde liegt. Einerseits ist diese Dynamik mit ständigen Umwälzungen der Produktion und des gesamten gesellschaftlichen Lebens verbunden, andererseits beinhaltet diese historische Dynamik die beständige Reproduktion ihre eigenen Grundvoraussetzungen als einer unabänderlichen Konstante des gesellschaftlichen Lebens – insbesondere der Tatsache, dass die gesellschaftliche Vermittlung in letzter Instanz durch Arbeit bewirkt wird und daher die lebendige Arbeit unabhängig vom Niveau der Produktivität für den Produktionsprozess (gesamtgesellschaftlich betrachtet) wesentlich bleibt. Unablässig erzeugt die historische Dynamik des Kapitalismus Neues und regeneriert das Gleiche. Diese Dynamik schafft in gleicher Weise die Möglichkeiten einer anderen Organisation des gesellschaftlichen Lebens, wie sie die Verwirklichung dieser Möglichkeiten blockiert.

    Mit der reellen Subsumtion der Arbeit hört das Kapital Marx zufolge mehr und mehr auf, die mystifizierte Form einer Macht zu sein, die „wirklich“ die der Arbeiter ist. Vielmehr werden die produktiven Kräfte des Kapitals zunehmend allgemeine gesellschaftliche Produktivkräfte, die sich nicht mehr allein als Produktivkräfte der unmittelbaren Produzenten begreifen lassen. Diese Herausbildung und Akkumulation von gesellschaftlich verallgemei nertem Wissen lässt die proletarische Arbeit anachronistisch werden. Zugleich reproduziert die Dialektik von Wert und Gebrauchswert die Notwendigkeit dieser Arbeit.12

    Aus dieser Analyse folgt unter anderem, dass das Kapital keine einheitliche Totalität ist und dass sich Marx’ Gedanke des dialektischen Widerspruchs zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen nicht auf einen Widerspruch zwischen angeblich der Produktion äußerlichen Verhältnissen (wie zum Beispiel Markt und Privateigentum) und dem Kapital vermeintlich äußerlichen Produktivkräften (zum Beispiel Arbeit) bezieht. Vielmehr handelt es sich um einen Widerspruch zwischen den zwei Aspekten des Kapitals selbst. Als widersprüchliche Totalität erzeugt das Kapital eine komplexe historische Dynamik, die auf die Möglichkeit seiner Überwindung durch eine gesellschaftliche Ordnung hinweist, die auf dem stofflichen Reichtum beruht.

    Nebenbei sei hier bemerkt, dass Marx durch diese Verortung des widersprüchlichen Charakters der Gesellschaftsformation in historisch spezifisch dualistischen Formen (Ware und Geld) unterstellt, dass die auf Strukturen beruhende gesellschaftliche Widersprüchlichkeit eine Eigentümlichkeit des Kapitalismus ausmacht. So betrachtet können wir die Vorstellung, die Realität oder die gesellschaftlichen Verhältnisse seien im allgemeinen widersprüchlich und dialektisch, nur als metaphysisch und unwissenschaftlich betrachten. Außerdem erweist sich so jede Theorie, die eine innere Entwicklungslogik der Geschichte als solcher behauptet – sei es in dialektischer oder evolutionärer Weise –, als Projektion von kapitalistischen Merkmalen auf die Menschheitsgeschichte im allgemeinen. Das hier von mir umrissene Verständnis der komplexen kapitalistischen Dynamik ermöglicht uns eine kritische gesellschaftliche (und nicht technologische) Analyse des Wachstumsverlaufs und der Produktionsstruktur in der modernen Gesellschaft: Kennzeichnend für den Kapitalismus ist eine bestimmte, unkontrollierte Form des Wachstums. Im Licht dieses theoretischen Ansatzes besteht das Problem des Wirtschaftswachstums im Kapitalismus nicht nur darin, dass es krisengeschüttelt ist, wie von traditionellen marxistischen Ansätzen zurecht immer wieder betont wurde. Vielmehr ist die Form des Wachstums als solche problematisch, die unweigerlich mit beschleunigter Naturzerstörung verbunden ist. Wäre die Produktion letzten Endes darauf ausgerichtet, die Gütermenge zu erhöhen und nicht den Mehrwert, so würde sich diesem Ansatz zufolge ein völlig anderer Wachstumsverlauf ergeben.

    Dieser Ansatz bietet auch die Grundlage, um die Struktur der gesellschaftlichen Arbeit und den Charakter der Produktion im Kapitalismus auf kritische Weise zu analysieren. Er lässt erkennen, dass der industrielle Produktionsprozess seinem Wesen nach kapitalistisch ist und nicht als ein technischer Prozess verstanden werden kann, der zwar zunehmend vergesellschaftet wird, aber von Privatkapitalisten für ihre eigenen Zwecke gebraucht wird. Die Jagd des Kapitals nach ständigen Produktivitätssteigerungen bringt einen technologisch ausgeklügelten Produktionsapparat hervor, der die Produktion des stofflichen Reichtums zunehmend unabhängig macht von der unmittelbar verausgabten menschlichen Arbeitszeit. Dies wiederum eröffnet die Möglichkeit drastischer, gesellschaftlich verallgemeinerter Arbeitszeitverkürzungen und grundlegender Veränderungen des Charakters und der gesellschaftlichen Organisation der Arbeit. Im Kapitalismus werden diese Möglichkeiten jedoch nicht genutzt. Die Entwicklung einer technologisch ausgefeilten Produktion befreit die Menschen nicht von zerstückelter und repetitiver Arbeit. Und ebenso wenig wird die Arbeitszeit für alle verkürzt – sie wird ungleich verteilt und verlängert sich für viele sogar.

    Diese Auffassung von den Möglichkeiten und der Beschränktheit des Kapitalismus lässt uns auch seine Überwindung neu fassen – nämlich als die Selbstabschaffung des Proletariats und der von ihm geleisteten Arbeit, und als die Beseitigung eines dynamischen Systems des abstrakten Zwangs, das durch die Arbeit als gesellschaftlicher Vermittlungstätigkeit hervorgerufen wird. Sie weist auf die Möglichkeit hin, die allgemeine Struktur von Arbeit und Zeit umzuwälzen, und liefert damit die Grundlage für eine Kritik sowohl der traditionell marxistischen Auffassung von der „Verwirklichung“ des Proletariats, wie auch der kapitalistischen Form einer Abschaffung der nationalen Arbeiterklassen durch die Erzeugung einer Unterklasse im Rahmen der ungleichen Verteilung von Arbeit und Zeit auf nationaler und globaler Ebene. Auch wenn die logisch abstrakte Ebene der hier umrissenen Analyse nicht unmittelbar auf die besonderen Faktoren eingeht, die zu den strukturellen Umwälzungen der letzten dreißig Jahre geführt haben, so liefert sie doch einen Rahmen, in dem diese Umwälzungen gesellschaftlich verortet und historisch erklärt werden können. Sie liefert die Grundlage, um die nichtlineare Entwicklungsdynamik der modernen Gesellschaft zu verstehen und damit die Kluft zu erklären, die zwischen der tatsächlichen Organisation des gesellschaftlichen Lebens und der Weise liegt, wie sie – gerade angesichts der zunehmenden Bedeutung von Wissenschaft und Technologie – organisiert werden könnte. Seit vierzig Jahren hat sich diese Kluft weiter vertieft. Gesellschaftlich kommt sie in der Spaltung der Bevölkerung in einen postindustriellen Sektor und einen Sektor der zunehmenden sozialen, ökonomischen und politischen Marginalisierung zum Ausdruck.

    Weiterhin könnte dieser Ansatz eine kritische Theorie des „real existierenden Sozialismus“ begründen, indem er ihn als alternative Form der kapitalistischen Akkumulation interpretiert und nicht als eine, wenn auch unvollkommene, historische Negation des Kapitals. Allgemeiner gesagt versucht dieser Ansatz, die kritische Theorie des Kapitalismus von den Formen staatlicher Entwicklung zu befreien, die im 20. Jahrhundert allenthalben mit ihr verbunden waren. Insofern er auf kritische Weise die gesellschaftlichen Wurzeln der abstrakten, quasi objektiven gesellschaftlichen Beziehungen und des Charakters der Produktion, Arbeit und Wachstumszwänge im Kapitalismus freilegt, kann dieser Ansatz endlich auch auf viele der Sorgen, Unzufriedenheiten und Hoffnungen eingehen, wie sie von einer Reihe von Bewegungen auf verschiedenste Weise zum Ausdruck gebracht werden – und er kann sie mit der Kapitalentwicklung in Verbindung bringen, wenn auch nicht in traditionellen Klassenbegriffen.

    Indem diese Interpretation die Bedeutung der Werttheorie radikal überdenkt und den Charakter des Kapitalismus auf neue Weise fasst, verändert sie die Bedingungen für einen Diskurs zwischen kritischen Theorien des Kapitalismus und anderen gesellschaftstheoretischen Ansätzen. Sie unterstellt, dass eine dem Gegenstand angemessene kritische Theorie der Moderne eine selbstreflexive Theorie sein muss, die die theoretischen Dichotomien von kulturellem und materiellem Leben, von Struktur und Aktion überwinden kann, indem sie die gesellschaftlichen Grundlagen der umfassenden nichtlinearen und gerichteten Dynamik der modernen Welt, ihrer Form von ökonomischen Wachstum und des Charakters und Entwicklungsverlaufs ihres Produktionsprozesses begreift. Eine solche Theorie muss also Auskunft geben können über die oben skizzierten paradoxen Eigentümlichkeiten der Moderne.

    Die von mir umrissene Interpretation macht es möglich, diese Fragen zu thematisieren. Dadurch versucht sie, zum Diskurs über die gegenwärtige kritische Gesellschaftstheorie und zu unserem Verständnis von den weitreichenden Transformationen unseres gesellschaftlichen Universums beizutragen.

     

    Aus dem Englischen von Christian Frings

     

    Anmerkungen

     

    1) Ich möchte Mark Loeffler für seine wertvollen kritischen Hinweise danken.

    2) Karl Marx: Das Kapital, Bd. 1, MEW 23, S. 87, 90. bib.

    3) Ebd., S. 49.

    4) Ebd., S. 52 ff.

    5) Ebd., S. 56–61.

    6) Ebd., S. 58.

    7) Ebd., S. 54.

    8) Ebd., S. 53, 54, 59 f.

    9) Ebd., S. 54.

    10) Ebd.

    11) Ebd., S. 169–170.

    12) Ausführlicher sind diese Zusammenhänge dargestellt in Moishe Postone: Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft. Eine neue Interpretation der kritischen Theorie von Marx. Freiburg 2003 (Originalausgabe: Time Labor and Social Domination. Cambridge und New York 1993).


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