• Der Hunger des Arbeiters arbeitet für ihn (Spr 16,26). Die Prekarisierung des Lebens und der Arbeit und Alternativen dagegen aus biblischer Sicht.

  • 07 Jun 11 Posted under: Theorie
  • Die Rückbesinnung auf den biblischen Begriff von Gerechtigkeit und Shalom und der krasse Widerspruch dazu im Klima des Neoliberalismus veranlasste die im ökumenischen Rat der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ) vertretenen Kirchen, ein gemeinsames Sozialwort1 zu veröffentlichen. 

    Die Vorgehensweise bei der Erstellung folgte dem befreiungstheologischen Dreischritt von „Sehen – Urteilen – Handeln“: Zunächst erhob man die Wahrnehmung und soziale Praxis von engagierten Gruppen und Organisationen in Gemeinden und Institutionen. Die gleich gewichteten, über 500 Stellungnahmen wurden im Sozialbericht 2001 verlautbart und den Parteien, dem Parlament, Fakultäten und den Medien überreicht. Die Rückmeldungen und die Diskussion dazu ließen die zu behandelnden Themen deutlich werden, die dann im eigentlichen, 2003 veröffentlichten Sozialwort erörtert wurden.

    Was die Menschen und ihre Biographien prägt

     

    Dieses Sozialwort versteht sich in erster Linie als analytische Positionierung und Selbstverpflichtung der Kirchen, nennt aber auch entschieden Aufgaben für Gesellschaft und Politik. Der Themenkatalog umfasst Lebensbereiche, die die Biographien der Menschen grundsätzlich prägen und beeinflussen: Bildung, Medien, Lebensverbindungen, Lebensraum, Arbeit, Wirtschaft und soziale Sicherheit, Frieden in Gerechtigkeit, Gerechtigkeit weltweit und Zukunftsfähigkeit – Verantwortung für die Schöpfung. Das Sozialwort ermöglicht Christen und Christinnen, sich darauf zu berufen und um Unterstützung für ihr Engagement zu ersuchen. Arbeit, Wirtschaft, soziale Sicherheit sollen im Dienst des Lebens stehen. Erwerbsarbeit wird unterschiedlich bewertet, immer noch verdienen Frauen in vielen Arbeitsbereichen bei gleicher Leistung bis zu 30 % weniger als Männer.

    Der auf Erwerbsarbeit reduzierte Arbeitsbegriff wird hinterfragt (166).2 Als Formen der Prekarisierung der Arbeit werden flexibilisierte Teilzeit- und geringfügige Beschäftigungen, Leiharbeit, Werkverträge und die Scheinselbständigkeit sowie atypische Beschäftigungsverhältnisse (168) benannt, die in hohem Maße MigrantInnen und Frauen betreffen. Karenzzeiten erlauben ihnen selten die Rückkehr an den früheren Arbeitsplatz. Alleinerziehende Frauen geraten trotz oder gerade wegen Kindergeldaktionen in eine Art Abwärtsspirale. Fast alle Betroffenen gehören zur Gruppe der "working poor". Es wird deutlich: Armut ist weiblich,3 und Armut macht krank (170). Die Zahl der Menschen, die unter oder an der Armutsgrenze leben müssen, ist im jüngsten Sozialbericht der österreichischen Nationalbank bereits höher ausgewiesen als im Sozialwort.

    235.000 Personen leben heute in Haushalten mit Armut, bei den erwerbstätigen Alleinerziehenden hat sich die Rate der Armutsgefährdung gegenüber 1999 auf mehr als 32% verdoppelt. Die aktuellen Daten des Sozialberichtes sind ein Anlass, um die Umsetzung des Prozesses "Vom Sozialwort zu sozialen Taten" energisch voranzutreiben. Wirtschaft muss mehr sein als der Markt (190), und politische Entscheidungen sollen auf das Gemeinwohl zielen und der Ungleichverteilung von Einkommen, Vermögen und Beteiligungschancen gegensteuern (191).

    Die Kirchen wollen sich daher für ein zusätzliches Kriterium für wirtschaftpolitische Entscheidungen engagieren, das eine Sozial-, Geschlechter- und Umweltbilanz ausweist. Sie treten auch ein für die solidarisch organisierte Absicherung zentraler Lebensrisiken und denken eine bedingungslose Mindestsicherung an. Gewarnt wird vor der Preisgabe des Umlagesystems zugunsten von Versicherungen, die über Anlagen vom Kapitalmarkt und den Börsen abhängig sind (219). Die Kirchen treten für einen aktiven Sozialstaat ein, für die Valorisierung des Pflegegeldes und den gesicherten Zugang zu Grundversorgungsgütern wie Wasser, Energie, öffentlicher Transport, Bildung und Gesundheit. Christen sind aufgefordert, von dem biblischen Fundament aus den gemeinsamen Weg vom Sozialwort zu sozialen Taten mitzugehen.

    In einem weltweiten Prozess

     

    Das ökumenische Sozialwort der österreichischen Kirchen ordnet sich in einen größeren Zusammenhang ein. Ökumene meint ursprünglich den ganzen Erdkreis. Christliche Kirchen sahen sich schon früh als Teil einer spirituellen Globalisierung. Aber erst zu Ende des 19. Jahrhunderts erkannte man den beschränkten Horizont von Nationalismus und Konfessionalismus. Schritte der Kirchen mit orthodoxen oder reformatorischem Hintergrund aufeinander zu – das Selbstverständnis der römisch-katholischen Kirche ist ohnehin das einer Weltkirche – führten 1948 in Amsterdam zur Gründung des Ökumenische Rates der Kirchen mit Sitz in Genf.

    Die meisten Kirchen des Südens, aber auch Osteuropas, mahnen die Kirchen des Nordens heute immer eindringlicher, ihre Sichtweise und Erfahrung zu teilen, um die Verstrickung in Gott widersprechende Lebens- und Handlungsweisen zu erkennen. Der lutherische (LWF) und reformierte Weltbund (WAFC), KEK und der Ökumenische Rat der Kirchen in Genf (WCC) haben in unterschiedlichen Stellungnahmen und Papieren ihre Mitgliedskirchen dazu aufgefordert. Trondheim, Winnipeg im Jahre 2003, Accra 2004 und Porto Alegre 2006 waren die kritischen Diskussionsforen der Weltbünde. Der reformierte Weltbund ging in Accra so weit, die neoliberale Wirtschaftspolitik zur Bekenntnisfrage zu erheben. Ein Bekenntnis ist Glaubensaussage der Kirche; es ist keine individuelle Angelegenheit. Indem die Bekennende Kirche unter dem Nationalsozialismus in Deutschland ihr Glaubensbekenntnis – die Barmer Erklärung - als Antwort auf ihre konkrete Situation verabschiedete, gab sie den Christen zu verstehen, dass diejenigen, die sich diesem Bekenntnis nicht anschlossen, auch nicht Mitglied der Kirche sein konnten.1986 fanden Mitglieder des RWB in der Barmer Erklärung den Anstoß zur Verfassung und Veröffentlichung des sog. Bekenntnisses von Belhar als Antwort auf das Apartheidregime in Südafrika. Darin erklären die unterzeichnenden Kirchen, Apartheid sei keineswegs nur ein politisches oder soziales Problem, sondern widerspreche grundsätzlichen Aussagen des christlichen Glaubens und sei darum als Sünde zu bezeichnen. Das führte in Belhar zum Ausschluss der südafrikanischen reformierten Kirchen aus dem Weltbund und half so, das Apartheidsystem zu überwinden.

    „Wir verpflichten uns erneut, uns aus biblischer und theologischer Sicht über die Frage von Macht und Imperium Gedanken zu machen...“ Mit diesen Worten endete eher unbefriedigend der „Aufruf zur Liebe und zum Handeln“, den die TeilnehmerInnen der 9. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Porto Alegre 2006 verabschiedet haben. Dort war das umfangreiche Dokument AGAPE („Alternative Globalization Addressing People and Earth“, Genf 2005) das Grundlagenpapier gewesen, das besonders von kirchlichen Gruppen an der Basis begrüßt und diskutiert wurde. Aber der Streit, der etwa um den Begriff des „Imperiums“ geführt wurde, kostete den ÖRK Sympathien in der mächtigen Evangelischen Kirche Deutschlands. Auch die erste Enzyklika von Papst Benedikt XVI. umreißt mit dem Begriff „Agape“ das gebotene Reagieren auf den Skandal der Ausgrenzung des größten Teils der Weltbevölkerung von einem Wohlleben. Die jüngste Enzyklika vom Juli 2009 steht unter dem Begriff der „Caritas“. Immer wieder ist offensichtlich, dass die institutionalisierten Kirchen, verhaftet durch relativen Reichtum und Arrangements mit den jeweiligen politischen Führungen, entschiedene Solidarisierung mit den Schwesterkirchen mit begrenzten Mitteln und Einfluss nicht zustande bringen. Es bleibt schlussendlich bei Analysen, Appellen und vor allem bei einem inflationären Gebrauch des Wortes „Liebe“. Nirgends kam es zu einer einmütigen Entscheidung und der einhelligen Suche nach Veränderung der skandalösen Teilung der Welt.

    Die Bibel als Quelle des Glaubens

     

    Lässt man sich auf die Lektüre der Bibel ein, kann das Interesse ein literarisches sein, es kann aber auch tiefer gehend die Texte nach Gott befragen. Glaube misst Gott größtmöglichste Autorität zu. Darin liegt auch die Gefahr, „im Namen Gottes“ massive Eigeninteressen zu kaschieren: es gibt Texte, die eindeutig Herrschaft von Menschen über Menschen begründen wollen. Es gilt also zu unterscheiden. Hilfreich mögen da Bert Brechts „Fragen eines lesenden Arbeiters“ sein:4„Cäsar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?“

    In der Bibel kommen Köche und Köchinnen zu Wort. Die sozialgeschichtliche Auslegung der Texte ist von Theologen, die vor allem an dogmatischen Sätzen interessiert sind, weitgehend übergangen worden. Setzt man heute wirtschaftliche Fragen mit diesen Inhalten in Verbindung, wird oft mit dem Hinweis auf die gesellschaftlichen Verhältnisse damals eine Auseinandersetzung verweigert: Es handele dabei sich um ein Agrar- bzw. Sklavenwirtschaftssystem patriarchaler Ausprägung. Sind die biblischen Hinweise also utopisch oder gar fiktiv idealisierend? Diesem Vorurteil steht entgegen, dass sie gesellschaftliche und politische Wirklichkeit analysieren. Die Utopie spielt scheinbar hinein, wenn Gott sich an die Seite von Unterdrückten und Kleingemachten stellt. Aber genau diese Parteilichkeit Gottes mit denen ganz unten wäre Grund für den Glauben: Die Exoduserzählung ist ein Erinnerungstext des Judentums daran, die von Christen behauptete Menschwerdung Gottes in Jesus von Nazareth unterstreicht diese Parteinahme, das „inter-esse“, das „Dazwischen-Sein“ Gottes in den Niederungen menschlicher Existenz.. Eine Theologie, die den Gedanken der Allmacht Gottes von dieser Ebene entfernen will, ist daher fragwürdig.5

    Schon der Umstand, dass die biblischen Texte sich auf eine durch Sklaverei strukturierte Gesellschaft beziehen, scheint ihnen einen sozialhistorischen Platz zuzuweisen. Der Gottesbegriff definiert sich gegenüber der Sklaverei ex negativo, nämlich über die Befreiung von ihr. In der sog. Selbstoffenbarung Gottes gegenüber Moses (Ex 3,13-14) wird das sehr deutlich. Gottes Handeln ist in der folgenden Erzählung des Auszugs aus Ägypten, dem „Sklavenarbeitshaus“, eindrücklich als Befreiung und Fürsorge beschrieben. Höhepunkt des Exodus ist der Bundesschluss Gottes mit dem Volk am Sinai mit der Gabe der Tora (wörtl. „Weisung“) – einem Gesetzeswerk. Die Tora ist die heilige Schrift des Judentums, für das Christentum ist sie Teil des kanonischen Textes geworden. Im 1. Gebot der Bundesverpflichtung bindet sich Gott erneut an die Befreiung: „Ich bin JHWH, dein Gott, weil ich dich aus dem Sklavenarbeitshaus herausgeführt habe aus dem Land Ägypten.“6 Der Dekalog thematisiert Arbeit im biblischen Sinne: Für andere Götter sollen die Israeliten nicht arbeiten.7 Im Gebot des Ruhetages (Sabbat) wird ein gemeinsamer Freiraum von Arbeit radikal eröffnet. Die unterschiedlichen Begründungen dafür - in Dtn 5,15 wieder das Motiv der Befreiung, in Ex 20, 9-11 die Ruhe Gottes nach dem Schöpfungswerk - führen Befreiungs- und Schöpfungstheologie zusammen.8 Gott selbst arbeitet also auch – diese Vorstellung verbindet Arbeit grundsätzlich mit einem schöpferischen, kreativen Element. Gottes Ruhe, in die er den Menschen einbeziehen will, ist Abschluss, nicht Gegensatz der Arbeit. Anders als das Ideal der Muße in der Antike ist das Ziel der biblischen Aussagen nicht die Befreiung von der Arbeit, sondern die Befreiung vom Zwang zur Arbeit.

    In der Tora sind Sozial- und Wirtschaftsgesetze festgehalten, die Gottes Willen für ein Leben in Freiheit umreißen und dem Menschen ermöglichen, die Früchte seiner Arbeit selbst zu genießen (Jes 65,17ff). Arbeit diente aber damals wie heute oft dem Abtragen von Schulden.

    Das Zinsverbot9 dient dazu, Verschuldung möglichst gering zu halten. Es folgt der Logik, dass Gott der Geber aller Gaben ist: Er gibt manchen mehr, als sie brauchen, und dieses Mehr kann man leihen. Er schenkt Lebenszeit, in der die Rückzahlung abgewartet werden kann. Der Sinn und Zweck des Zinsverbotes, seine Rationalität, tritt noch klarer zutage, wenn man es in den Zusammenhang anderer wirtschaftlicher Weisungen der Tora stellt, den sog. Sabbatordnungen: So ist der Schuldenerlass im Sabbatjahr (Dtn 15,1-6, Lev 25) bei gleichzeitiger Pflicht zur Darlehensvergabe (Dtn 15,7-11) eine Einrichtung, die Überschuldung begrenzen soll. Die Freilassung von Schuldsklaven nach sechs Jahren bei gleichzeitiger Mindestausstattung (Dtn 15, 12-18) begrenzt den Fron und macht sein Ende absehbar.10 Alle sieben mal sieben Jahre – dem Erlass- oder Jobeljahr – sollen die alten Grundbesitzverhältnisse wieder hergestellt werden.

    Dieses Wirtschaftsrecht verhindert die Verelendung der nachfolgenden Generationen und will den Ertrag menschlicher Arbeitskraft vor dem Zugriff Anderer schützen. Die geforderten Maßnahmen wenden sich gegen eine Realität, in der Ausbeutung – damals wie heute – üblich ist. Die Gebote sind sozusagen vom Gottesnamen signiert mit der Ergänzung „der dich aus dem Sklavenhaus in Ägypten geführt hat“, die Gebote zum Schutz der Fremden ergänzen „erinnere dich, dass du fremd warst in Ägypten“: Erinnerung als das pädagogische Mittel zur Stärkung der Empathiefähigkeit, der Voraussetzung für Solidarität. Alle diese Vorschriften wollen das selbst bestimmte Leben sichern und vor dem Missbrauch von Macht schützen. Die Gruppe von Menschen, die davon am meisten gefährdet war, wird mit „Witwen, Waisen und Fremdlingen“ zusammengefasst, deren Verletzlichkeit ohne Schutz der Großfamilie in einem Unrechtssystem besonders groß war. „Vulnerable people“ – so nennt die UNICEF diese Menschen heute. Viele Rechtstexte sprechen ihnen im Namen Gottes besondere Privilegien zu: Das in der Tora festgelegte Armenrecht garantierte das Überleben u.a. aus der Kasse des Armenzehnten (Dtn 14,28), in die alle einzahlten.10% sind sehr viel an Abgabe. ATTAC wäre mit 0,5% Tobinsteuer zufrieden, um dem Hunger in der Welt entgegenzuwirken.

    Das Recht auf Nachlese auf Getreidefeldern, in Olivenhainen und Weinbergen sorgte für eine Art bedingungslosen Grundeinkommens (Dtn 24,20-22). Auch das Pfandrecht schützte die Lebensinteressen: Der Betroffene selbst entschied, was er entbehren könne, ausdrücklich verboten war es, Mühlsteine oder Obergewand als Pfand zu belegen.11 In diesen Bestimmungen wird deutlich, dass hier nicht von oben herab entschieden, sondern immer im Interesse der Unterprivilegierten ein Recht gesetzt wird, das die Habgier der Privilegierten beschränken soll. Gott stellt sich also an ihre Seite – nur nicht, um mit einem guten Jenseits zu vertrösten, wie es in der christlichen Frömmigkeitsgeschichte häufig versucht wurde; sondern Gott bindet sich an diese Frage nach den Gründen der Armut, die im Diesseits zu suchen und zu finden sind. Die soziale Gerechtigkeit ist in der Bibel keine von der Gottesbeziehung getrennte Kategorie, vielmehr gibt es jenseits von Recht und Gerechtigkeit keine Beziehung zu Gott.12

    „Justitia“ und „Shalom“

     

    Das ist auch der Sinn der Sozial- und Kultkritik der Propheten. Gerechtigkeit ist ein zentrales Leitwort der Bibel und steht im krassen Gegensatz zu dem antiken Begriff der „Justitia“, dessen Allegorie mit Augenbinde und Waage scheinbar ohne Ansehen der Person mit dem Schwert „Recht“ zumisst. Die Bibel erhebt Einspruch gegen das aristotelische Motto „Jedem das Seine“,13 also Zuteilung nach einem abgestuften Leistungs- und Lohndenken. Der Gegenbegriff dafür ist biblisch „Shalom“, Frieden, was nicht nur Abwesenheit von Krieg meint, sondern „Zufriedensein“ im Sinne von: „Jedem und jeder das, was er oder sie braucht“. Genau diese Sinngebung der Entfaltung menschlichen Lebens liegt Johan Galtungs Definition von struktureller Gewalt zugrunde: „Gewalt liegt dann vor, wenn Menschen so beeinflusst werden, dass ihre aktuelle somatische und geistige Verwirklichung geringer ist als ihre potentielle Verwirklichung.“ 14

    Jedem und jeder, was er oder sie braucht: Das ist Thema der zahlreichen biblischen Speisungsgeschichten, deren Vorbild die Mannaerzählung Ex 16 ist: ausreichend Nahrung in der Wüste.15 Das „Brot“ ernährt das Wüstenvolk. Es ist genug vorhanden, man kann sich satt essen. Das bedeutet für die Mangelgesellschaft Israel elementares Glück. Erst in einer Überflussgesellschaft wird ja „satt und genug haben“ pejorativ gebraucht: Ich bin es satt, ich habe genug davon... Die Bibel erinnert daran, dass man „lebenssatt“, gesättigt von genug gelungenem Leben sterben kann. Verboten ist es, auf Vorrat zu horten. Es ist also ein sozialistisches Brot, von dem hier gesprochen wird, in jedem Fall ein demokratisches.16 Das Recht, genug zu haben für den persönlichen Bedarf, ist mehr als das steuerrechtliche Äquivalenzprinzip – mehr als das Prinzip der distributiven Gerechtigkeit der geltenden Wirtschaftslogik: Es spiegelt die Wirklichkeit von Gottes Güte, ist die Praxis des Erbarmensrechtes der Tora.17 Die Bibel geht also wie die WHO davon aus, dass es grundsätzlich genug für alle Menschen gibt, und sie spürt die Gründe für Armut auf: Umgehung oder Beugung von gesetztem Recht, Lobbyismus, Bestechung, Ausbeutung und Unterdrückung bis hin zu Mord.

    Arbeit und Kapital in der antiken Welt

     

    Der große Teil der Bevölkerung der antiken Welt lebte von der Landwirtschaft, die von Kleinbauern betrieben und durch Reziprozität und Subsistenz gekennzeichnet war. Man erwirtschaftete das, was man für das tägliche Leben brauchte. Der einzige Weg, großen Landbesitz zu erwerben, war die Enteignung der Bauern. Das war für die Spitze der Gesellschaft nur durch Missachtung der Tora möglich. So kam es dazu, dass ca 2 % der Bevölkerung 50 % des Reichtums kontrollierten. Ähnliche Eigentumsverhältnisse sind heute ja längst nicht mehr nur in Ländern der sog. „Dritten Welt“, sondern auch in den hoch industrialisierten Ländern manifest geworden. Das Bild der Sozialpyramide mit der Konzentration von Macht und Besitz bei Wenigen und ihren Gefolgsleuten an der Spitze und einem sich zunehmenden verbreitenden Fundament der Menschen in absoluter Armut unten gilt für biblische Zeiten ebenso wie für heute.

    Arbeit war also für die meisten Menschen ein Abarbeiten von Schulden, Arbeiten für Andere. Sie bildeten eine billige, menschliche Manövriermasse. Die Verschuldung mündete meist in Schuldsklaverei. Bevor ein Mann sich zu diesem letzten Schritt gezwungen sah, verkaufte er gewöhnlich Frau und Kinder. Die Sklaven – etwa ein Drittel der Bevölkerung im Römischen Reich – wurden für sehr unterschiedliche Tätigkeiten eingesetzt: harte, körperliche Arbeit, am Schlimmsten wohl in den Bergwerken. Sie wurden als Sexualobjekte benutzt. Zwangsprostitution, Missbrauch von Kindern war die Regel. Es gab auch privilegierte Aufgaben in der Rechtsberatung, als Lehrer, Verwalter, Schreiber usw. Trotzdem hatten sie keine oder nur eingeschränkte Rechte und wurden nicht als Person, sondern als Sache gesehen. Der Sklavenmarkt wurde v.a. aus Germanien und Äthiopien, mit Kriegsgefangenen – Männern und Frauen, ausgesetzten Kindern und Opfern von Kidnapping – beliefert. Sklaven waren als Personen gänzlich ohne Recht und Schutz. Trotzdem galt die Sorge der Besitzer der Erhaltung ihrer Arbeitskraft. Immerhin bildeten sie einen Investitionswert und konnten daher mit Obdach, Kost und Kleidung rechnen.

    Das Kriterium der sozialen Schichtung waren wie heute Besitz bzw. Einkommen und das Existenzminimum. Der Besitz von Gütern wurde hoch bewertet, die landwirtschaftliche Arbeit dagegen nicht. Manuelle Tätigkeiten und Fähigkeiten – selbst bei Künstlern18 – waren nicht geeignet, einen höheren gesellschaftlichen Status zu erreichen. Umso überraschender ist es, dass Gott selbst häufig als Handwerker dargestellt wird: als Töpfer, als Weber, als Maurer, als Metallarbeiter oder Pfleger eines Weinbergs.

    Händler, Handwerker und einige Kleinbauern lebten in relativer Armut. Die lateinischen Begriffe für „arm“, wie etwa „pauper“, „egens“, „miser“ oder „humilis“, bezeichnen nicht nur Verelendete und Bettler, sondern ebenso die etwas besser situierten Handwerker und Händler, die, verglichen mit den reichen, besitzenden Schichten, unzweifelhaft arm waren.19

    Die Lebensverhältnisse von freien Lohnarbeitern, sog. Tagelöhnern waren am schwierigsten. Auch Frauen und manchmal Kinder gehörten zu dieser sozialen Schicht. Sie waren fast ohne Besitz und verdingten sich gegen einen vereinbarten Lohn für jede Art körperlicher Arbeit.

    Wie heute waren Frauen der existenziellen Gefährdung am Meisten ausgesetzt. Sie leisteten neben der Haushaltsführung und Kindererziehung ihren Anteil in landwirtschaftlichen und handwerklichen Betrieben, aber ohne Zugehörigkeit zu einer vom Mann dominierten Familie blieb ihnen nur Bettelei oder Prostitution. Die Quellen weisen die Kosten für eine Hure als extrem niedrig aus: ein viertel Denar. Das lässt darauf schließen, dass es eine hohe Anzahl von ihnen gab.

    Die Volkswirtschaftslehren der Antike richten sich ausschließlich an Großgrundbesitzer, die kaum selbst auf ihren Gütern lebten, sondern das luxuriösere Leben in Städten bevorzugten. Varro (116-27 v.u.Z.) empfiehlt den Großgrundbesitzern in dem Werk „res rusticae“: „ungesunde Gebiete durch Tagelöhner bestellen zu lassen, da dies zweckmäßiger ist als durch Sklaven, und selbst bei gesunden Gebieten ist es zweckmäßiger, so die schweren Landarbeiten ausführen zu lassen, wie z.B. das Einbringen der Früchte der Weinlese oder der Ernte“. Cato (234-149 v. u. Z.) empfahl (Agr. 5,4) zusätzlich, denselben Tagelöhner nicht länger als einen Tag einzustellen.20 Denn bei dem anzunehmenden schlechten Ernährungszustand wäre der Tagelöhner nach einem Tag harter Arbeit zu geschwächt, um effizient eingesetzt werden zu können. Der wohl übliche Tarif von 1 Denar reichte hin, eine vier bis fünfköpfige Familie für einen Tag mit Brot zu sättigen. Da Lohnarbeiter meist nur zu Akkordarbeitszeiten – etwa Ernten oder Bauprojekten – mit Arbeit rechnen konnten, gestaltete sich das Überleben äußerst prekär. Ihnen wurde Flexibilität und Mobilität zugemutet, die die Tragfähigkeit ihres sozialen Umfelds – Familie, Dorfgemeinschaft – zerbrach. Die Weisung, Lohnarbeitern den Lohn am jeweiligen Arbeitstag auszuzahlen (Dtn 24, 14 f), will der anscheinend üblichen Praxis der Arbeitgeber gegensteuern. Die harte Lebenswirklichkeit von Tagelöhnern wird besonders in einem Gleichnis Jesu (Matthäusevangelium 20, 1-16) im Kontrast zu der Herrschaft Gottes thematisiert, deren Kennzeichen Güte ist: Auch gegen Ende des Arbeitstages stehen Männer auf dem „Arbeitsstrich“, dem Marktplatz, die doch noch für eine Stunde angestellt werden und den gleichen Lohn wie die Langzeitarbeiter erhalten. Das und die Tatsache, dass sich der Weinbergbesitzer so großzügig verhält, ist das Ungewöhnliche an der Erzählung. Die Langzeitarbeiter protestieren gegen die „Gleichmacherei“ (vs12). Das Gleichnis wirbt für Solidarität und will Rangvorteile ausschließen. Der Appell an die barmherzige Zuwendung Gottes fordert also die Mitarbeit an einer Solidargemeinschaft ohne Neid. Wie zerstörerisch, ja mörderisch Missgunst und Selbstsucht sind, davor warnt der bekannte Text über den Brudermord, mit dem die biblische Menschheitsgeschichte beginnt.  

     


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