• Der Wirklichkeit ins Auge schauen - Strategien zur Stärkung der „Macht von unten“ im Zeitalter neoliberaler Globalisierung

  • 14 Jun 11 Posted under: Transformationsstrategien
  • Bereits in der Frühphase der Entstehung des Industriekapitalismus in der Mitte des 19. Jahrhunderts entstand ein Set von Ideen, welche die Vorstellungen von der durch denselben hervorgebrachten neuen Arbeiterklasse prägten. Jene Ideen spiegelten z. T. die neuen institutionellen Arrangements, die durch Urbanisierung und Industrialisierung unter kapitalistischen Bedingungen vorangetrieben wurden. Aber sie änderten auch die Richtung des Industriekapitalismus. Jene Ideen halfen der Arbeiterklasse, zu einer Kraft zu werden, die den Industriekapitalismus humanisierte, wenngleich diese Kraft nicht den Kapitalismus transformierte.


    Worin bestanden jene Ideen?

    Da war zunächst die Vorstellung, dass die wachsende Zahl an Menschen, die durch die wirtschaftlichen Veränderungen in die Bergwerke und Fabriken getrieben wurden, die in ganz Europa und Amerika entstanden, mit der Zeit zu Macht gelangen könnte und würde.


    Warum würden sie zu Macht gelangen?

    Die Macht, die sie sowohl erlangen als auch schaffen würden, gründete in dem System selbst, das sie unterdrückte: dem System der Massenproduktion. Die Menschen von verstreuten Dörfern und Bauernhöfen in kleinere und größere Städte verbringend, würde das Fabriksystem sie vereinen, sie einer gemeinsamen Erfahrung unterwerfen, sie physisch in derselben lokalen Massenproduktion zusammen bringen, und sie der abschleifenden Routine des Fließbandes aussetzen, der Autorität des Vorarbeiters und des Bosses. Indem sie sie vereinten und denselben Bedingungen aussetzten, würden die Institutionen des Industriekapitalismus selbst ihr politisches Bewusstsein verändern. Er würden ihnen – den Menschen, die aus all diesen verstreuten Dörfern kamen, unterschiedliche Sprachen oder Dialekte sprachen – zeigen, und sie würden begreifen, wer ihre gemeinsamen Feinde sind, und sie würden auch zu einer bestimmten Art von Vision, von Sozialisierung oder von Sozialismus gelangen. Solcherart schaffe die durch den Kapitalismus hervorgebrachte Massenproduktion selbst eine Art begrenzten Sozialismus, und schließlich und vor allen Dingen: Diese neue, durch den Industriekapitalismus geschaffene Erfahrung würde den Menschen zeigen, dass sie Macht haben. Weil sie, durch ihre Erfahrungen in den Bergwerken und den Fabriken, erkennen würden, dass sie in dem neuen System eine entscheidende Rolle spielen, dass sie es stilllegen könnten.

    Und letztlich war da die Vorstellung, dass die Macht dieser arbeitenden Menschen in dem Maße wachsen würde, wie der Industriekapitalismus wuchs. Sie würden an Zahl und Macht zunehmen.


    Wie Sie alle wissen, wurden diese Ideen am besten durch das „Kommunistische Manifest“ ausgedrückt. Dies war natürlich ein polemisches Dokument. Aber es war zugleich auch eine Analyse. Und es hatte, denke ich, einen ungeheuren und inspirierenden Einfluss. Die Vorstellung, dass die neu entstehende Industriearbeiterklasse Macht haben könnte, und dass ihre Macht, zumindest ihre potentielle Macht, eine Art unausweichliches Resultat des sich herausbildenden neuen Produktionssystems war, diese Vorstellung, diese Analyse spiegelte zum einen eine Realität, zum anderen aber unterstützte es die Errichtung der Macht der Arbeiterklasse, was letztlich einen Einfluss hatte auf die institutionellen Bedingungen, wenngleich dies nicht der große Einfluss war, auf den die Führer der Arbeiterklasse, Marx und Engels selbst, gehofft hatten. Diese Idee feuerte die Massenstreiks an, die Gewerkschaften, die Parteien der Arbeiterklasse, die in der Tat einen Einfluss hatten auf den sich entwickelnden Industriekapitalismus.

    Jedoch – diese Idee inspiriert nicht mehr. Nunmehr schrumpft die Industriearbeiterklasse, ebenso wie die Gewerkschaften, und zwar sowohl in den USA, in Großbritannien, als auch zu einem gewissen Grad in Europa und sicher auch in Lateinamerika. Die Parteien, die als Parteien der Arbeiterklasse begannen, die politischen Parteien, scheinen nicht länger klassenbasiert zu sein; das sind Catch-all-Parteien, sie sind ins Stottern geraten, und es herrscht verbreitete Unsicherheit über die Zukunft der Macht der Arbeiterklasse. Und dennoch werden wir gedrängt, diese Parteien zu wählen, die sich immer noch Arbeiterparteien oder Sozialdemokratische Parteien nennen, weil ihre Führer und Kandidaten behaupten, eine vornehmere Verwaltung der im neuen Zeitalter unumgänglichen Mängel anzubieten.


    Die übliche Erklärung dessen, warum das so ist, warum das alte Versprechen sich aufgelöst hat, verpufft ist, und wir uns in diesem Sumpf befinden, besteht auch in einem Set von Ideen. Ein Set von Ideen, welche wiederum in einem gewissen Ausmaß neue institutionelle Arrangements widerspiegeln, und die auch über eine gewisse Triebkraft verfügen, die etwas verspricht und jene institutionellen Arrangements bereits verändert hat. Und jene neuen Vorstellungen hören sich in etwa so an: „Wir befinden uns in einem neuen Zeitalter. Wir nennen es Neoliberalismus oder neoliberale Globalisierung, was meint, dass die kapitalistischen Märkte nunmehr international sind. Und dass zur selben Zeit sich die Wirtschaften umstrukturieren, auf eine Weise, die das Prekariat hervorbringt, die prekäre Arbeitskraft, die unsichere Zeitarbeitskraft, und dass diese neue Entwicklung unumgänglich ist; sie ist das Resultat einer neuen institutionellen Formation, welche nicht direkt irgendjemandes Werk bildet, und ihre Konsequenzen für das ökonomische Wohl der Arbeiterklasse, insbesondere aber für ihre Macht, werden ungeheuerlich sein.“

    Unter diesen Bedingungen macht die alte Vorstellung von der Macht der Arbeiterklasse keinen Sinn. Und wir lernen all dies immer dann, wenn wir den Wirtschaftsteil der New York Times lesen, das Wall Street Journal, den Economist oder die Financial Times.

    Ich möchte erklären, warum diese Entwicklung die Entstehung neuer Vorstellungen von Neoliberalismus und der institutionellen Realitäten verhindert hat, die diese widerspiegeln und zum Ausdruck bringen. Und erklären, warum ich nicht glaube, dass sie so verheerend sind, wie sie zu sein scheinen.

    Lassen Sie mich mit Folgendem beginnen: Derzeit gibt es zwei Hauptvorstellungen von der Macht der arbeitenden Menschen. Wie können arbeitende Menschen in der kapitalistischen Gesellschaft Macht haben? Diese zwei Hauptvorstellungen wurden endlos von Intellektuellen elaboriert, aber sie haben auch im Volksglauben Wurzeln gefasst und inspirierend gewirkt.

    Die erste Idee ist die Idee der Demokratie, der repräsentativen Wahldemokratie. Es ist die Vorstellung, dass die arbeitenden Menschen das Wahlrecht erhalten, und wenn periodisch Wahlen stattfinden, dann haben sie Einfluss auf die staatlichen Autoritäten. Diese Vorstellung von Demokratie ist sehr grundlegend, das ist die Art und Weise, wie wir Demokratie verstehen, und es wurden tatsächlich institutionelle Arrangements errichtet, welche dieser Idee entsprechen sollten. Institutionelle Arrangements, die etwas damit zu tun haben, wie Menschen das Wahlrecht erhalten, wie abgestimmt wird und wie Wahlen geführt werden, und mit der Rolle politischer Parteien, und so weiter und so fort.

    Diese Idee der repräsentativen Wahldemokratie ist auch vielversprechend – und historisch hatte sie einen großen Einfluss auf den Sozialismus, demzufolge der Industriekapitalismus wachsen würde, und daher die Anzahl der Industriearbeiter; und, konfrontiert mit einer gemeinsamen Erfahrung, würden diese Solidarität entwickeln, eine Art sozialistischen Outlook. Und repräsentative Wahlarrangements könnten dabei ein Machtvehikel bilden.

    Aber da ist noch eine andere, zweite Vorstellung, die meines Erachtens sehr einflussreich war, und das war die Theorie der Arbeitermacht. Arbeitermacht wird im Wesentlichen im Streik gezeigt. Von Arbeitermacht handelte das „Manifest“. Die Idee der Arbeitermacht verband das Anwachsen der Massenproduktionsindustrien mit der Vorstellung vom Anwachsen der Arbeitskraft als einer Macht-Kraft.

    Beide Idee waren von Bedeutung in der Geschichte des Industriekapitalismus. Arbeit war von Bedeutung. Es gab eine Geschichte der Ausweitung der politischen Rechte der einfachen Menschen, des Arbeitsrechts, der Soziaversicherung, und des Wohlfahrtsstaats. Und in dieser Geschichte beeinflusste jede Machtart die andere. Es war oftmals sehr wichtig, dass arbeitende Menschen die Macht hatten, zu wählen, jedenfalls bestimmte Wahlmacht, denn sie konnten ihre politischen Stimmen, ihre politischen Parteien dazu nutzen, ihre Fähigkeit zur Anwendung ihrer Arbeitermacht zu schützen, ihrer Streikmacht und ihrer Macht, das ganze System zu Fall zu bringen.

    Der konventionelle Blick – die Vorstellung, die uns paralysiert hat und die, so meine ich, von der neoliberalen Propagandamaschine vorangetrieben wurde – auf die Globalisierung besteht darin, dass diese die beiden Machtarten unterminiert, also sowohl die repräsentative Wahldemokratie als auch die Art institutioneller Arrangements, die den einfachen Menschen einen gewissen Einfluss auf staatliche Autoritäten verschafften. Dieser nun werde durch die neoliberale Globalisierung unterminiert. In welcher Form? Die erste nationale Autorität wird durch den Aufstieg supranationaler Organisationen in Frage gestellt – damit die Wähler Macht haben, müssen sie Macht über die staatlichen Autoritäten besitzen, die sie wählen. Doch wenn diesen staatlichen Autoritäten bspw. durch den Aufstieg supranationaler Organisationen Macht entzogen wird, oder ihre Macht durch den Aufstieg derselben in Frage gestellt wird, dann wird auch die Macht der französischen Arbeiterklasse durch den Aufstieg der Europäischen Union, der Welthandelsorganisation oder den Internationalen Währungsfonds in Frage gestellt etc.

    Doch die Macht der Arbeiterklasse wird noch mehr geschädigt durch diesen gewöhnlichen Blick, durch diesen neuen Set an Ideen, der die alten Ideen von der Macht der Arbeiterklasse vernichtend geschlagen hat. Und noch mehr geschädigt wird sie durch den Aufstieg des multinationalen Kapitals, von multinationalen Unternehmen, die sehr ähnlich agieren, wie das Business in den USA seit Ende des 19. Jahrhunderts agiert hatte, da unser Regierungssystem in den USA ein föderales System ist. Unter dem föderalen System werden viele Dienstleistungen, die die Steuerpolitik, die Infrastrukturpolitik, um welche sich das Business, das Big Business, kümmert, von staatlicher bzw. subnationaler Ebene her initiiert und implementiert. Wenn dem so ist, aber das Business zugleich von Küste zu Küste auf nationalem Niveau agiert, dann kann es die Regierung eines Bundesstaates zur Geisel machen und sagen: „Wenn du mir nicht die Steuervergünstigungen gibst, die ich will, wenn du nicht die vierspurige Highway zu meiner Hintertür baust, dann werde ich mich in einem anderen Staat ansiedeln.“ Das traf auf die USA zu, und das war, mindestens ein Jahrhundert lang, desaströs für die demokratische Macht. Das Argument besteht darin, dass genau dies nunmehr für die ganze weite Welt zutrifft: Dass nämlich multinationale Unternehmen, mit ihrem Versprechen, zu investieren, oder der Drohung, eben nicht zu investieren, und sich auszusuchen, wohin sie gehen würden, nationale Regierungen als Geisel nehmen können, um so das Politikpaket zu erpressen, dass sie haben wollen.

    Zugleich ist da eine andere Entwicklung, die die alte Idee demokratischer Macht, der Macht der einfachen Menschen durch das Stimmrecht, durch Parteien und durch Wahlen, unterminiert hat: die schleichende Privatisierung, die in den USA besonders ins Gewicht fällt, da die Privatisierung öffentlicher Dienstleistungen, dieses neue Terrain der Ausplünderung durch Unternehmer, unsere wichtigsten Gewerkschaften im öffentlichen Dienst schwächt. Die möglicherweise stärksten gewerkschaftlichen Unterstützer der Demokratischen Partei – welche keine anti-kapitalistische Partei ist, wenngleich es das Beste ist, was wir haben, was die politischen Parteien anbelangt – sind die Lehrergewerkschaften; das sind Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes – aber nur so lange, wie die Schulen öffentlich sind! Und eines der Hauptziele des Bemühens um die Privatisierung des öffentlichen Bildungswesens besteht genau darin, die Lehrergewerkschaften zu zerschlagen!

    Privatisierung ist auch deshalb folgenreich, weil sie ein neues Gebiet für Investitionen, für Profitmache, für Ausplünderung bildet. Man muss sich nur anschauen, wie wir die Beschneidungen der öffentlichen Gesundheitsprogramme benutzt haben, um die großen privaten Dienstleistungsanbieter in einer Weise zu füttern, die überhaupt keiner Art von Regulierung unterworfen wurde.

    Der eine Grund, weshalb die Vorstellungen über die Globalisierung so desaströs sind für die Idee der Arbeitermacht, hat mit der Art und Weise zu tun, in welcher die neoliberale Globalisierung die Versprechen der Demokratie in Frage stellt.

    Der andere Grund, weshalb die Ideen, und einige der Realitäten, aber durchaus nicht alle, so zerstörerisch sind für die alte Vorstellung von der zerstörerischen Macht der Arbeiter, besteht darin, dass Globalisierung die Verschiebung der Massenproduktion nach Asien und in den globalen Süden bedeutet. Und mit dieser Verschiebung der Investitionen kommt es zu einer verschärften Warenkonkurrenz, mit der Konsequenz, dass Arbeiter – oftmals gewerkschaftlich organisierte im Übrigen – in der entwickelten Welt konstant gegen Arbeiter im globalen Süden aufgehetzt werden. Wie viele hunderttausende Automobilarbeiter in den USA wurden durch den alten Behemoth GM, Chrysler und Ford entlassen, weil sie hinsichtlich der Löhne selbst mit dem amerikanischen, dem internen Süden nicht konkurrieren können? Hinzu kommen weitere 40.000, die im Kontext der derzeitigen Krise entlassen wurden. Intensiverer Wettbewerb heißt also Druck und die Angst vor dem Exit. US-amerikanische Unternehmen, die von gewerkschaftlichen Aktivitäten betroffen sind, wenden Tricks an, wie etwa den Folgenden: Sie schicken Trucks zur Laderampe der Fabrik, auf deren Rückseite „Mexiko“ steht“, um die Arbeiter glauben zu machen, dass die Maschinenteile in den Süden verfrachtet werden, wo die Arbeiter nicht gewerkschaftlich organisiert sind und die Löhne vielleicht nur ein Zehntel oder ein Drittel der Löhne in den USA betragen.

    Die Vorstellung besteht also darin, und viele Gewerkschaftsleute, darunter Gewerkschaftsintellektuelle, haben mir das so gesagt, dass wir unter diesen Bedingungen nicht streiken können. Ihr könnt nicht streiken, ihr könnt nicht über Streik sprechen. Ihr könnt nicht über die Hauptausübung der Arbeitermacht sprechen, die darin besteht, das System zu Fall zu bringen.

    Dieses neue Ideenset legt also lahm, es paralysiert. Aber ist das die ganze Wahrheit? Sicher ist an diesen Ideen etwas Wahres dran. Aber ich denke nicht, dass das die ganze Wahrheit ist. Ich denke, dass in der Vorstellung von der Arbeitermacht, in der Idee, dass das System zu Fall zu bringen ist, dass da demokratische Macht ist, wenn die Menschen das Stimmrecht haben, dass darin implizit die allgemeinere theoretische Perspektive enthalten ist darüber, warum Menschen andere Menschen beherrschen können. Und im Besonderen ist in diesen beiden Ideen von Macht die Erklärung dessen enthalten, warum Menschen, die wir gewöhnlich als machtlos, hilflos, notwendigerweise untergeordnet, als Menschen betrachten, die über keine konventionellen Machtressourcen wie Geld, Kontrolle über Arbeitsplätze, Armeen oder Rowdygangs verfügen, dass also Menschen, die keine Ressourcen haben, wie Leibeigene, städtische Arme, Arbeiter, doch manchmal Macht ausüben.

    Historisch gesehen gab es solche Momente, wo Leibeigene sich gegen die Landeigentümer erhoben, wo die städtischen Armen Fürsten zum Erschaudern brachten, wo Arbeiter ihre Bosse zum Nachgeben zwangen. Diese Art der Macht und die implizit in dem Argument von der Macht der Arbeiter, das System zu Fall bringen zu können, und in den demokratischen Ideen enthaltene Macht rührt, so meine ich, aus den Mustern der Kooperation, der Interdependenz her, die unsere Gesellschaft konstituieren. Das sind Muster der Kooperation, die Leibeigene einbeziehen, die die städtischen Armen zumindest in dem Sinne einbeziehen, dass diese ruhig sind, und die Arbeiter einbeziehen. Im normalen Funktionieren der großen Institutionen, die eine kooperative Gesellschaft konstituieren, spielt jeder eine Rolle.

    Derartige Kooperationsmuster sind kompliziert und weitreichend. Es gibt viele institutionelle Systeme der Kooperation, sie umschließen Familien, Kirchen, Bildungssysteme – aber bestimmte institutionelle Systeme sind gewichtiger als andere.

    Von besonderer Bedeutung sind ökonomische Institutionen, ebenso wie politische Institutionen, welche die zentralen Achsen bestimmen, die den Staat an die Bevölkerungen binden. Und die Machtproben, die durch ökonomische und politische Systeme der Kooperation möglich gemacht werden, solche Machtbeziehungen können sehr kritisch werden, was die Transformierung der Gesellschaften anbelangt. Und sie beziehen jeden ein, oder doch fast jeden, da die Menschen in diesen ökonomischen und politischen Aktivitäten, zu welchen sie beitragen, zusammengebunden werden. Und weil sie dies werden, können sie diese Systeme unterbrechen. Eure Studenten können eure Universitäten unterbrechen. Arbeiter können die Produktion unterbrechen. Bauern in den Hochländern Boliviens können ganze Kommunen unterbrechen, indem sie Straßen blockieren. Auf diese Weise sind sowohl die repräsentative Wahldemokratie als auch Vorstellungen von der Macht der Arbeiter besondere Ausdrucksformen der umfassenderen Vorstellung, wonach interdependente Beziehungen interdependente Macht schaffen. Und dass diese interdependente Macht, die, anders als Waffen und Geld, den Boden der Gesellschaft einbezieht, mit Zentralisation und Spezialisierung zunimmt.

    Für mich folgt daraus, dass Globalisierung – ob neoliberal oder nicht – das Potential der Macht von unten steigert. Die Arrangements selbst, die es dem Kapital gestatten, auszuwandern, in Niedrigkost- und Niedriglohn-Gebiete zu ziehen, schaffen zugleich neue und fragile Interdependenzen. Und wenn alle Welt das Outsourcing moniert, so erhalten doch anderswo arme Menschen Jobs bei der Produktion von Schlüsselteilen für unsere Autos oder unsere Eisenbahnwaggons. Aber jene Arrangements selbst schaffen auch neue und sehr fragile und komplizierte Interdependenzen; Outsourcing hat zwei Seiten. Es mag die Beziehungen zwischen Investoren und einheimischen Arbeitern lockern und die Macht der Letzteren schwächen; aber es bindet Investoren an viele andere Mitarbeiter, wobei die meisten von ihnen Untergeordnete sind. In sehr weit verstreuten Produktionsketten, und umso mehr, wenn es sich um Just-in-time-Produktion handelt, hängen die Produktionsketten wiederum von komplexen Transportsystemen ab. Und hier findet sich das, was ich auf bestimmte Weise am Besten finde: Sie hängen auch von elektronischen Kommunikationssystemen ab, die sehr verwundbar sind durch einen möglichen Entzug von Kooperation.

    In den alten Tagen des fordistischen Produktionssystems machten sich Leute, die an der Macht der Arbeiter interessiert waren, darüber Gedanken, welche Arbeiter – in einem komplexen System, einer komplexen Fabrik oder Industrie mit einer komplexen Arbeitsteilung – denn die logistischen Arbeiter wären, die, könnte man sie organisieren, das System zu Fall bringen würden.

    John Womack verbrachte Jahrzehnte damit herauszubekommen, welche Arbeiter in Vera Cruz (er war ein Mexiko-Experte) denn die logistischen Arbeiter wären.

    Nun ist die Vorstellung von logistischen Arbeitern möglicherweise recht umfänglich, möglicherweise sind, in einem komplexen und fragilen System, einer komplexen und fragilen Arbeitsteilung und einem komplexen und fragilen System der Kooperation, viele Arbeiter logistische Arbeiter, oder doch zumindest potentiell logistische Arbeiter.

    Und dennoch gibt es hier Probleme. Und diese Probleme haben mit der Tatsache zu tun, dass das Machtpotential, das durch jegliches neue System institutioneller Relationen geschaffen wird, insbesondere das Machtpotential ganz unten, nicht automatisch zum Ausdruck kommt. Um diese Macht zu verwirklichen, ist viel strategische Arbeit zu leisten. Denn Menschen, die unterdrückt sind, die kulturell erdrückt werden, müssen zunächst einmal überhaupt erkennen, dass sie wichtig sind, dass sie Beiträge leisten. Und so bestand denn die Arbeit der Organisatoren von Arbeitern oftmals in genau Folgendem: Den Arbeitern zu zeigen, zu sagen, sie zu sehen ermutigen, dass sie es sind, die die Eisenbahn bauen. Da gab es Lieder wie: „Wir beackern die Prärie, bau’n die Railway…“ Solcherart müssen die Menschen erkennen, dass die Eliten von ihnen abhängen. Sie müssen ihre Aktionen koordinieren, sie haben das Organisationsproblem zu lösen, und das ist es, womit die Organisatoren am meisten beschäftigt waren.


    Wir haben darüber gestern implizit gesprochen, als Loïc Wacquant über die Atomisierung des Prekariats sprach. Diese Atomisierung, die in gewisser Weise immer auf große Gruppen von Arbeitern zutraf, muss überwunden werden, Menschen müssen in konzertierter Aktion handeln. Der hemmende Einfluss anderer Institutionen und anderer Beziehungen ist zu überwinden, weil Menschen nicht nur Beziehungen zu Investoren oder Arbeitgebern haben, oder zu staatlichen Autoritäten. Sie haben auch Beziehungen zur Kirche, die eine so wichtige Rolle beim Aufstieg der Rechten in den USA gespielt hat. Sie haben familiäre Beziehungen, sind zuweilen in Organisationen eingebettet, in verrückte Organisationen des rechten Flügels.

    Sie müssen auch in der Lage sein, die Aussetzung von Beziehungen zu ertragen, die die Konsequenz ist des Entzugs von Kooperation in interdependenten Beziehungen. Du schadest ja nicht nur dem Boss, du gehst ja auch kein Geld verdienen. Ja, mehr noch, wenn du das machst, dann riskierst du möglicherweise die Beendigung dieser kooperativen Beziehung. Doch das Schwierigste besteht darin, die potentielle Macht zu aktivieren, die aus der Kooperation entsteht, und zwar nunmehr aus neuen Systemen komplizierter und fragiler Kooperation. Aber um das zu machen, musst du Regeln brechen. Das war eine der größten Hemmschuhe für populares Handeln. Du musst dich Regeln widersetzen, die durch Staatsautoritäten selbst aufgestellt wurden, beeinflusst durch andere Machtquellen, wie Reichtum, Gewalt etc. Man denke nur daran, wie die alte Arbeiterklasse die Regeln brechen musste, die die gewerkschaftliche Organisierung als Form der Verschwörung verbot. Sie hatten die gegen Streiks aufgestellten Regeln zu brechen. In den USA und in England gefährdeten Streiks die gewohnheitsrechtliche Tradition der Beziehungen zwischen Herrn und Knecht.

    Das sind strategische Probleme, die stets zu überwinden sind, um die Macht von unten zu aktivieren. Aber es gibt auch strategische Probleme, die Unternehmer, die Unternehmerklasse, die Bosse, die transnationale Unternehmen, zu überwinden hatten, um die neuen Netzwerke globaler Produktion und globalen Handels für sich zu nutzen. Sie waren schneller dabei!

    Die Propagandamaschinen, die in Form von Think Tanks, von Veröffentlichungen und speziellen TV-Stationen durch das Business geschaffen wurden, waren voll von einer Art Neo-Markt-Ideologie. Der Äther, die Politiker – jedermann war davon erfüllt. Unternehmer waren schnell dabei, die Realität des Exit zu nutzen und ihn bis zum Exzess auszuweiten, um so die im Fordistischen Zeitalter entstandenen alten Gewerkschaften zu zerschmettern. Und sie waren auch sehr schnell dabei, nicht nur die Regierung zu nutzen, um die alten Regulierungen der Arbeit und das Arbeitsrecht loszuwerden und zu deregulieren. Derzeit haben sie die Regierung der USA okkupiert. Die Gewerkschaften waren viel langsamer, ebenso wie die Gewerkschaftsfunktionäre. Sie sind zu bürokratisch, zu bequem. Ihre alten Wege, etwas zu tun, liefen, und wenn sie nicht wunderbar liefen, so doch wenigstens teilweise. Sie sind schüchtern, sie sind alt, haben Angst vor den Risiken neuer Strategien, die das Brechen von Regeln einschließen.

    Nicht etwa, dass die Gewerkschaften in den USA nicht erkannt hätten, dass sie sich in großen Schwierigkeiten befinden, als sie Mitglieder und Dichte verlieren. Sie haben es erkannt, sie wissen das. Es kam zu Verschiebungen in der Führungsebene, aber nicht zu dramatischen. Und was versuchten diese neuen Funktionäre zu tun? Sie versuchten, alte Strategien zu revitalisieren und mehr Energie in sie hineinzulegen, also in das alte Repertoire. Dazu gehört, die Unorganisierten zu organisieren, viele aus dem Prekariat, einschließlich der Immigranten. Es gab Bemühungen, Teilzeitarbeiter zu organisieren, Alliierte in den Kommunen zu finden, was tatsächlich soviel bedeutet wie diejenigen aus dem Prekariat zu organisieren, die nicht zur regulären Arbeitskraft gehören.

    Und zumeist versuchten sie in den USA, ihre Fähigkeit zur Beeinflussung der Wahlen zu nutzen, und zwar dies als Kompensation für ihre Unfähigkeit, althergebrachte Formen von Arbeitermacht zu nutzen, wie etwa die Streikmacht.

    Und enorme Mengen an Geisteskraft, Gewerkschaftsgeldern, persönlicher Kraft wurden in Wahlkampagnen gepumpt in der Hoffnung, dass diejenigen Kandidaten gewählt würden, welche die Rechte der Arbeiter verbessern würden; das traf insonderheit zu auf die Zusammensetzung des National Labour Relations Board (NLRB), das in Jahrzehnten konservativer Herrschaft ausgeweidet und in ein unternehmerfreundliches Board verwandelt worden war.

    Jedoch – das sind alte Strategien. Nicht, dass sie nutzlos wären. Aber es sind schwache Strategien, zu schwach im Kontext der Deindustrialisierung, der besonderen Kräfte, über die die Unternehmer im Resultat der Globalisierung verfügen, der enormen politischen Maschinerie, die das Business in den letzten 30 Jahren geschaffen hat, um die Regierung zu beherrschen. Das sind machtvolle Gegen-Tendenzen.

    Ich denke, die arbeitenden Menschen, möglicherweise nicht die Gewerkschaften, brauchen neue Strategien. Ich denke, da gibt es schwache Fünkchen. Neue Strategien, die ihren Vorteil ziehen aus den neuen Machtquellen, welche aus der neoliberalen Globalisierung und der lean production resultieren. Es gibt schwache Fünkchen neuer Strategien; das ist nicht der alte Bestand. Einige Gewerkschaften, besonders die Service Employees International Union (SEIU) in den USA, bemühen sich, die sektorale gewerkschaftliche Organisationsdichte zu erhöhen, wobei sie die alten gewerkschaftlichen Rechtsarrangements aushebeln, so dass eine bestimmte Gewerkschaft in einer Gewerkschaftsaktion eine größere Anzahl von Arbeitern eines bestimmten Sektors leitet: Das ist ein Herangehen. Ein anderes Herangehen besteht in dem, was „corporate strategies“ genannt wird. Das sind Versuche, die verwundbaren Stellen von Investoren herauszubekommen.

    Wir machen da eine große Aufstellung. Wir wissen, dass sie zu einem gewissen Ausmaß, aber vielleicht nicht ausreichend, durch Arbeiter verwundbar sind, und vielleicht haben wir diese Arbeiter noch nicht organisiert. Doch sind sie auch durch bestimmte Geschäftspartner verwundbar, durch Investoren, große Verbraucher. Wir wollen all diese Verwundbarkeiten kennen und herausfinden, wie wir durch deren Anzapfen zu mehr Kraft gelangen können. Allerdings gibt es, meine ich, ein Problem in dieser Art von Strategie, das darin besteht, dass die Arbeiter keinen Einfluss auf die Produktionsziele ausüben. Wenn das Verbraucher und andere Investoren tun, werden dann die Arbeiter die Nutznießer dieser Resultate sein?

    Es gibt sehr viel mehr Forschung zu grenzüberschreitenden Gewerkschaftsaktionen. Und da ist auch die ältere Strategie der Bildung globaler Gewerkschaften. Aber ich bin heute nicht darauf vorbereitet, eine Einschätzung all dieser strategischen Herangehensweisen vorzunehmen. Was ich Ihnen statt dessen zum Abschluss meines Vortrags nahe legen will, ist, dass die Strategie und die Untersuchung politischer Machtstrategien der arbeitenden Menschen den Fokus der akademischen Agenda bilden sollten. Damit könnten wir, wir Akademiker, helfen. Diese Strategien sind letztlich Hypothesen von Akademikern aus der ganzen Welt und den USA. Das sind komplizierte Hypothesen, das sind Sets von Hypothesen über Konflikt, darüber, was wer wem im Streit antun kann. Sie sind im Besonderen deshalb kompliziert, weil es nicht nur die Frage ist, ob Arbeiter sich organisieren können und ob sie, wenn sie sich organisieren, Einfluss auf ein Produktionsziel ausüben können. Das ist auch die Frage nach Gegenstrategien. Es handelt sich hier um einen Tanz, und zu dem Tanz gehören verschiedene Parts, mit mindestens drei Partnern: den arbeitenden Menschen, den Unternehmern, und den staatlichen Autoritäten.

    Wir könnten das machen. Wir könnten das untersuchen. Da gibt es viel zu beachten. Eine Menge Daten wären relevant. Daten sind wichtig. Die empirische Welt ist wichtig, um unsere Kategorien zu erleuchten. Unser Modell könnte das Manifest sein, aber das „Kommunistische Manifest“ ist wirklich zu allgemein für unsere Zwecke strategischer Arbeit heute. Wir wollen das Haupt gegen die neoliberale Propaganda erheben. Und das heißt, dass wir akademische Arbeit zu leisten haben darüber, warum das Prekariat oder andere Arbeiter, die noch nicht so prekär dran sind, aber es möglicherweise sein werden – warum sie Macht haben. Und warum die Entfaltung, das Wachstum der internationalen Märkte ohne Opposition oder Widerstand, ohne jegliche Konzessionen an die Werktätigen – warum dies nicht unumgänglich ist. Wir müssen untersuchen – in einer Weise, wie es das „Manifest“ nicht tat, nicht tun konnte –, wie Menschen angesichts des mehr verstreuten Charakters der heutigen Arbeitsorte organisiert werden können. Wir brauchen neue Organisationsformen. Die großen, hierarchisch organisierten, nationalen und internationalen Gewerkschaften sind möglicherweise nicht die richtige Form. Wir müssen mehr darüber wissen, wie Twitter genutzt wurde, um die im Iran Protestierenden zu organisieren. Wir müssen über die lockereren, eher netzwerkartigen Organisationsformen sprechen, die das Global Justice Movement genutzt hat. Wir müssen mehr darüber wissen und erklären können, wie Menschen mit verschiedenen Sprachen, mit verschiedenen Traditionen zusammen gebracht werden können; denn wurden sie ja immer zusammen gebracht. Davon handelt die Geschichte der Arbeit: Sie handelt vom Zusammenbringen von Menschen aus verschiedenen Orten, mit verschiedenen Sprachen oder Dialekten, mit verschiedenen Ideen.

    Aber das Versprechen von Macht ist ein berauschendes Versprechen. Und es verbindet Menschen, allen Schranken von Sprache und Tradition zum Trotz, und trotz verschiedener Arbeitsbedingungen. Davon handelt unsere Geschichte, und wir sollten fortfahren, Geschichte zu machen.

    Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.


    Aus dem Englischen von Effi Böhlke

     

    Dieser Text beruht auf einem Vortrag, den die Autorin am 19. Juni 2009 auf der von der Rosa-Luxemburg-Stiftung organisierten Konferenz „Class in Crisis. Das Prekariat zwischen Krise und Bewegung“ gehalten hat.


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