• Agrarischer Neokolonialismus: Die Menschen zu ernähren wird einer der großen Kämpfe des 21. Jahrhunderts

  • 11 Apr 11
  • Viele Nahrungsmittel importierende Länder sind durch die Ernährungskrise und den Anstieg der Preise getroffen worden. Obwohl die reichen Länder mehr oder weniger gut damit zurecht kamen, sind sie besonders durch protektionistische Verhaltenweisen der produzierenden Länder betroffen, die seit Frühjahr 2008 Maßnahmen zur Beschränkung des Lebensmittelexports ergriffen haben. Seitdem haben Länder, die nicht über große landwirtschaftliche Ressourcen und Wasser, aber über gewichtige Geldreserven und schnell anwachsende Bevölkerungszahlen verfügen, ihre Erträge gesichert, indem sie große Gebiete von Agrarland im Ausland angekauft haben. Gleichzeitig haben Agrargebiete auf der ganzen Welt Investoren als Spekulationsobjekte angezogen. Sie sind überzeugt, dass Nahrungsmittel das „schwarzen Gold“ von morgen sind. Und sie rechnen damit, dass sich die Nahrungsmittelproduktion bis ins Jahr 2050 verdoppelt haben wird, um die globale Nachfrage zu bedienen.

    „Kauft Land!“ und „Investiert in Farmen!“ empfiehlt Jim Rogers, der amerikanische Waren-Guru.i Ein anderer bedeutender Spekulant, Georg Soros, setzt ebenfalls auf Bio-Treibstoff und hat große Anwesen in Argentinien erworben. Die schwedische Black Earth Farming Gruppe hat rund 330 000 Hektar Land in Russland übernommen, während Renaissance Capital, ein russischer Hedge Fond, in etwa derselben Größenordnung Land in der Unkraine aufgekauft hat, wo auch die britische Landkom-Gruppe mehr als 100 000 Hektar Weizenanbaugebiet erworben hat. Die US-Investment-Bank Morgan Stanley hat ihrerseits zehntausende Hektar in Brasilien erworben, wo sich bereits Louis Dreyfus, eine französische agrarindustrielle Gruppe, über seinen lokalen Partner Dreyfus Commodities Bioenergia (LDCB) etabliert hat und nun den Zuckerrohranbau für die Herstellung von Ethanol im ganzen Land ausweiten will.

    Im Wettlauf der Regierungen und Spekulanten um den Aufkauf von fruchtbarem Land auf der ganzen Welt liegen die Regierungen – angetrieben von geopolitischen Motiven – vorn, besonders in Ländern, die über erhebliche Währungsreserven oder Petrodollar verfügen. So kann etwa Südkorea, weltweit Nummer eins beim Ankauf von Land, auf 2,3 Millionen Hektar Agrarland im Ausland zurückgreifen (das entspricht etwa der Fläche von einem Land wie Israel, El Salvador oder Albanien); China hält zwei Millionen Hektar; Saudi Arabien 1,61 Millionen; die Vereinigten Arabischen Emirate 1,28 Millionen; Japan 324 000 und so weiter. Alles in allem haben Regierungen in der letzten Zeit etwa acht Millionen Hektar Agrarland außerhalb der eigenen Hoheitsgebiete gekauft oder gepachtet.

    Ganze Regionen in unterbevölkerten Staaten, in denen die Regierungen sich einverstanden erklärt haben, einen Teil ihrer staatlichen Souveränität aufzugeben, stehen unter ausländischen Machtbefugnissen. Es ist ein Besorgnis erregendes Phänomen: Die Nichtregierungsorganisation Grain spricht in ihrem alarmierenden Bericht von „Landraub in globaler Größenordnung“.ii

    Die Golfstaaten, die kaum über landwirtschaftlich nutzbare Flächen und Süßwasser verfügen, waren die ersten, die sich für den Wettlauf um Land in Stellung gebracht haben. Kuwait, Katar, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und Saudi Arabien treiben Landbesitz auf der ganzen Welt auf. „Wir haben das Geld, sie haben das Land“, erklären Behörden in diesen Ländern. Die VAE kontrollieren bereits 900 000 Hektar in Pakistan und verhandeln über die Übernahme von weiteren mehreren hundert Millionen in der Ukraine. Die saudiarabische Benladen-Gruppe hat in Indonesien Land zum Reisanbau gekauft. Investoren aus Abu Dhabi und Katar haben hunderttausende Hektar in Pakistan gekauft. Jordanien wird Nahrungsmittel im Sudan produzieren. Ägypten hat die Kontrolle über 850 000 Hektar in Uganda übernommen, um Weizen und Mais anzubauen.

    Der zwanghafteste Ankäufer von Land aber ist China, das 1,4 Milliarden Menschen ernähren muss, also 22% der Weltbevölkerung mit nur 7% des fruchtbaren Landes auf dem Planeten. Die Situation ist umso fragiler, als die rücksichtslose Industrialisierung und Urbanisierung der letzten Jahrzehnte bereits etwa acht Millionen Hektar Agrarland zerstört hat, und die Versteppung aufgrund des Klimawandels in bestimmten Regionen fortschreitet.

    „Land für Agrarproduktion ist immer weniger verfügbar, und es wird zunehmend schwierig, den Ertrag zu steigern“, räumt Nie Zhenbang ein, Leiter der Zentraleinrichtung für Getreideversorgung.iii Daher hat sich Peking die Kontrolle über riesige Ländereien in Australien, Kasachstan, Laos, Mexiko, Brasilien, Surinam und vor allem Afrika gesichert. China hat etwa 30 Abkommen mit allen Regierungen abgeschlossen, die Land abgetreten haben. Bisweilen versenden die chinesischen Behörden die eigenen Arbeiter, schlecht bezahlt und auf der Grundlage von prekären Arbeitsverträgen ohne Sozialleistungen.

    Südkorea kontrolliert seinerseits mehr landwirtschaftlich nutzbares Land im Ausland als alles fruchtbare Land innerhalb der eigenen Grenzen zusammengenommen. Im November 2008 unterzeichnete die Daewoo-Gruppe ein spektakuläres und skandalöses Abkommen mit der Regierung von Marc Ravalomanana – ehemaliger Chef von Tiko, einem Wirtschaftsimperium im Agrarsektor, der Präsident von Madagaskar wurde – über die Pachtung von 1,3 Millionen Hektar bzw. die Hälfte des landwirtschaftlich nutzbaren Landes der großen Insel.

    Südkoreanische Behörden haben 21 000 Hektar Land in Argentinien gekauft, um dort Vieh zu züchten. Etwa 10% des lateinamerikanischen Landes – d.h. etwa 270 000 Quadratkilometer (die Größe Großbritanniens oder Italiens) – sind im Besitz ausländischer Anleger. Der größte Grundbesitzer in Argentinien ist Benetton, der italienische Konfektionsriese, der etwa 900 000 Hektar besitzt und sich zum führenden privaten Wollproduzenten der Welt entwickelt hat. Douglas Tomkins, ein amerikanischer Milliardär, hat ebenfalls viel Land in Argentinien gekauft: 200 000 Hektar in der Nähe der größten Wasservorkommen des Landes.

    Allgemein gesprochen wird Landübertragung an fremde Staaten durch die Enteignung von Kleinbauern ermöglicht und durch einen Verteuerung der Grundstückspreise, die einen Ankauf durch landlose Landarbeiter unmöglich macht. Ganz zu schweigen von der Abforstung. Ein Hektar Wald produziert einen Profit von 4000 bis 5000 Euro im Jahr, wenn er gerodet und mit Palmen zur Ölproduktion bepflanzt wird; das sind zehn bis 15 Mal mehr, als wenn er als Nutzwald bearbeitet würde.iv Aus diesem Grund verschwinden die Wälder am Amazonas, dem Kongobecken und in Borneo so schnell.

    Die Übernahme von fruchtbarem Land in armen Ländern stellt eine abscheuliche Wiederkehr kolonialer Praktiken dar. Und es handelt sich um eine tickende Zeitbombe.v Fremde Staaten neigen dazu, Ressourcen in kurzer Zeit auszubeuten. Aber es regt sich Widerstand. So wurde Marc Ravalomanana, Präsident von Madagaskar, im letzten Januar beschuldigt, dass er das Land an ausländische Unternehmen verschenke; sein Vorhaben, landwirtschaftlich nutzbares Land an die koreanische Daewoo zu verpachten, wurde lautstark angeprangert. „Für die Bevölkerung von Madagaskar, für die dieses Land das ‚Land ihrer Vorfahren’ ist, stellt diese Übergabe an die Koreaner einen unwiderruflichen Verrat einer heiligen Treuhänderschaft dar, um so mehr, als Ravalomanana die Angelegenheit vor der Bevölkerung verborgen gehalten hat.“vi Die große Insel ist in Brand geraten. Ausschreitungen haben 68 Todesopfer gefordert. In Pakistan haben Bauern begonnen, gegen die Zwangsumsiedlungen von Dörfern im Punjab mobil zu machen, die auf Landkäufe durch Katar zurückgehen. Paraguay hat ein Gesetz verabschiedet, das nun den Verkauf von Land an Ausländer verbietet. Uruguay erwägt, dasselbe zu tun, und Brasilien bereitet eine Gesetzesänderung vor, um diesem Beispiel zu folgen.

    Agrarischer Neokolonialismus vervielfältigt das Risiko, dass Kleinbauern verarmen, soziale Spannungen extrem verschärft und Unruhen verursacht werden. Land ist ein wunder Punkt, der schon immer die Leidenschaften befeuert hat. Sich an einem solchen Symbol zu schaffen zu machen, kann böse enden.

     

    Aus dem Englischen von Christina Kaindl

     

    Anmerkungen

     

    1) Siehe Rogers, Jim (2004): Hot Commodities: How Anyone Can Invest Profitably in the World’s Best Market. Random House

    2)  HYPERLINK " HYPERLINK "http://www.grain.org/m/?id=213" http://www.grain.org/m/?id=213"  HYPERLINK "http://www.grain.org/m/?id=213" www.grain.org/m/?id=213

    3) China Daily. Peking. 9 May, 2008

    4) Le Nouvel Observateur. Paris. 23 November, 2008

    5) Le Monde. Paris. 23 November, 2008

    6) Raharimanana, Jean-Luc: Reasons for the wrath against the President of Madagascar. Rue 89 ( HYPERLINK " HYPERLINK "http://www.rue89.com" http://www.rue89.com"  HYPERLINK "http://www.rue89.com" www.rue89.com). Paris