• Editorial

  • 26 Apr 11
  • Drei wichtige Ereignisse waren es, die uns veranlasst haben, die langfristig geplante Schwerpunktsetzung der Nummer 3 unserer Zeitschrift, das „Europäische Sozialmodell“, zu modifizieren. Da ist einmal die weltweite Finanzkrise, die nicht allein die Finanzmärkte betrifft, und auch nicht einmal vollständig durch ihr Zusammentreffen mit der weltweit sich anbahnenden Rezession gekennzeichnet ist. Joachim Bischoff fasst die Brisanz der wirtschaftlichen Krise in seinem Beitrag wie folgt zusammen: „Es kann nicht mehr in Abrede gestellt werden, dass der entfesselte Kapitalismus sich durch die eigene Logik diskreditiert hat.“ Die sich daraus ergebenden Veränderungen werden die Linke in der kommenden Zeit intensiv beschäftigen. Im November 2008 veranstalteten transform! europe und mehrere seiner Partnerorganisationen eine Serie von Seminaren zu der Thematik, die auch in diesem Jahr einen der Arbeitsschwerpunkte bilden wird. Bischoffs Text „Die Jahrhundertkrise des Kapitalismus“ stellt insoweit einen Vorgriff auf das für Frühjahr projektierte Heft (Nummer 4) dar, das der Finanz- und Wirtschaftskrise sowie ihren Konsequenzen gewidmet sein wird.

    „Uns reicht es!“ Unter diesem Titel veröffentlichten Jean-Luc Mélenchon und Marc Dolez eine Erklärung, in der sie, noch während der Parteitag der Französischen Sozialistischen Partei Anfang November im Gang war, ihren Austritt aus der PS erklärten. Während der Drucklegung der englischen und deutschen Ausgaben unserer Zeitschrift sind die Folgen für die sich im Umbruch befindende französische Linke noch nicht in ihrer gesamten Tragweite absehbar. Jean-Luc Mélenchons Artikel “Die Sozialdemokratie ist passé; aufzubauen ist die ‚Nachfolge-Linke’” nimmt zu den grundsätzlichen und strategischen Aspekten dieses Prozesses Stellung.

    Das dritte einschneidende Ereignis, das wir kurzfristig reflektieren wollen, ist die Wahl des neuen Präsidenten der USA. Auch wenn zum gegebenen Zeitpunkt viele Fragen bezüglich der von Barack Obama geleiteten neuen US-Administration offen bleiben müssen, lohnt sich doch ein Blick auf die ihn zum Sieg tragende Koalition. In ihr verbanden sich die traditionell der Demokratischen Partei nahestehenden politisch liberal denkenden WählerInnen mit sozial benachteiligten Schichten. Die von der Obama-Kampagne ausgelöste Politisierung lässt sich auch anhand der Wahlentscheidung von Frauen ablesen. Harriet Fraad, Psychoanalytikerin, Psychotherapeutin und linke Feministin, analysiert Aspekte der Wahlen aus feministischer Perspektive.

    Den vorgesehenen thematischen Schwerpunkt dieses Hefts bildet die Debatte um das europäische Sozialmodell. Zwölf Beiträge von AutorInnen aus sieben Ländern betrachten das Thema aus unterschiedlicher Perspektive.

    Die vorliegende Nummer der Zeitschrift transform! erscheint in sechs Sprachen (Englisch, Griechisch, Deutsch, Französisch, Portugiesisch und Italienisch). An einer qualitativen Aufwertung der Internet-Präsenz der Zeitschrift wird zurzeit gearbeitet.

    Das Erscheinen der Nummer, die sich in ihrem thematischen Schwerpunkt mit der Wirtschafts- und Finanzkrise sowie deren politischen und kulturellen Folgen beschäftigen wird, ist für April 2009 vorgesehen.

    Die Graphiken zu Heft Nummer 3 hat der österreichisch-irische Künstler Gottfried Helnwein beigesteuert. Mit seinen hyperrealistischen Bildern, deren häufigste Gegenstände der Schmerz, die Verletzung und die Gewalt sind, zählt Helnwein (Jahrgang 1948) zu den bekanntesten und zugleich umstrittensten deutschsprachigen Künstlern.

    Der Frankfurter Kunsthistoriker Peter Gorsen hat vom „malträtierten Kind“ als der originären Bilderfindung Helnweins gesprochen. Grundthema ist dabei das physische und seelische Leid, das ein Mensch dem anderen zufügt. Dies ist eng mit einem zentralen Aspekt seines Werkes verbunden, dem Engagement gegen autoritäre Erziehung, Wettrüsten, Verschmutzung der Umwelt und Psychiatrie.

    Obwohl Helnweins Arbeiten in einer österreichischen Tradition verwurzelt sind, die bis ins 18. Jahrhundert zurückreicht, fließen von Beginn an auch Elemente amerikanischer Popkultur in seine Bilder ein. Dabei verwendet er die Motive und Formen der Populärkultur in teils karikierender, teils grotesk verfremdender Absicht. Die Brecht-Benjamin’sche Maxime „Nicht an das gute Alte anknüpfen, sondern an das schlechte Neue“ bestimmt seine inzwischen weltbekannte Kunst seit ihren Anfängen in den 70er-Jahren.

    Es ist uns in diesem Zusammenhang nicht möglich, einen auch nur annähernd repräsentativen Querschnitt der zahlreichen Einzelausstellungen auf allen Kontinenten, Bühnenbilder, Bücher und Preise zu geben. Nähere Informationen finden sich unter:

    www.gottfried-helnwein.com

    en.wikipedia.org/wiki/Gottfried_Helnwein

    de.wikipedia.org/wiki/Gottfried_Helnwein

    Seit 2007 ist das Netzwerk transform! europe durch die Partei der Europäischen Linken als die mit ihr verbundene politische Stiftung anerkannt. Zurzeit besteht es aus 16 Mitgliedsorganisationen aus 13 Ländern. Ein Teil derselben steht nationalen Parteien außerhalb der Partei der Europäischen Linken nahe. Das gilt unter anderem für die Partnerorganisationen in Skandinavien. Andere Mitglieder bzw. Beobachter von transform! europe definieren sich als parteiunabhängig.

    Diese Spezifik einer inneren Diversität ermöglicht es unserem Netzwerk, zu sehr unterschiedlichen Kräften der sozialen, politischen und kulturellen Linken Arbeitskontakte zu unterhalten und zur Entwicklung einer gemeinsamen politischen Kultur der Europäischen Linken beizutragen. In diesem Sinne beteiligte sich transform! am Europäischen Sozialforum in Malmö und war in die Vorbereitung des Weltsozialforums in Belém (Brasilien) einbezogen.

    Ab 2009 erhält transform! aufgrund seiner Anerkennung durch die Partei der Europäischen Linken eine jährliche Finanzierung durch die Europäische Union, die es ermöglicht, eine schmale technische Struktur aufzubauen und aufrecht zu erhalten.

    Dies sowie die ständige Erweiterung des Netzwerks und die wachsende Komplexität seiner Aufgaben erforderten die Entwicklung einer neuen Arbeitsstruktur. An die Stelle des den Gründungsprozess von transform! europe anleitenden „legal representative“ Michael Brie wurde ein dreiköpfiges „Management board“ gewählt, bestehend aus Ruurik Holm (Linkes Forum, Finnland), dem neuen „legal representative“, Elisabeth Gauthier (Espaces Marx, Frankreich) und Haris Golemis (Nicos Poulantzas Institute, Griechenland), das gemeinsam mit dem Koordinator die Arbeit des Netzwerkes erleichtern soll.

    Wir wünschen den LeserInnen eine anregende Lektüre.

     

    Walter Baier, Effi Böhlke