• Sozialstaatsmodelle in Europa: Umbau, Perspektiven und Strategien

  • 26 Apr 11
  • Dies ist der Titel eines transform!-Workshops, der am 13. und 14. Juni in Stockholm stattfinden wird. Ziel dieses Workshops ist es, anhand empirischer Berichte und theoretischer Untersuchungen Beiträge zur Analyse des Umbaus der europäischen Sozialstaaten zu liefern, die eine progressive Strategie jenseits des Wohlfahrtsstaates aufzeigen. Auf empirischer Ebene sammeln wir Daten zu den Veränderungen in den vergangenen 15 bis 20 Jahren. Dies betrifft im Wesentlichen grundlegende Merkmale der einzelnen Sozialstaaten. Im Mittelpunkt stehen jedoch die theoretische Analyse dieser Prozesse sowie die Grundlagen für eine Strategie, die über die Errungenschaften des universellen Sozialstaates hinausweist.

    Ein wichtiger grenzüberschreitender Faktor, der Einfluss auf den Umbau der Sozialstaaten hatte, lässt sich mit dem Terminus „negative Integration“ Europas beschreiben. Dieser bezeichnet den Druck, der durch die neoliberale Globalisierung und die marktbestimmte europäische Integration auf die vorhandenen europäischen Sozialsysteme ausgeübt wird. Es handelt sich um eine negative Integration, die in der Auflösung der einzelstaatlichen Sozialsysteme resultiert, ohne dass europäische Sozialsysteme an ihre Stelle treten (zu entsprechenden Diskussionen siehe transform 1/2007).

    Welche sozialen Folgen hatten diese Prozesse auf Gleichheit, Geschlechterverhältnis, Staatseigentum usw.? Kann man sagen, dass wir uns auf ein europäisches Sozialmodell zu bewegen? Welche grundlegenden Merkmale hat ein solches Modell? Finden sich auch Elemente eines Prozesses der „positiven Integration“ Europas? Welche Perspektiven für alternative Verknüpfungen zwischen einzelstaatlicher und europäischer Sozialpolitik gibt es? Wie lässt sich der Kampf um den Sozialstaat heute am besten in eine Strategie einbinden, die darauf abzielt, die breiten und progressiven sozialen und politischen Allianzen zu stärken und sogar Möglichkeiten jenseits des universellen Sozialstaates Transf_de_0208_RZ 14.05.2008 11:04 Uhr Seite 190 aufzuzeigen? Was sind mögliche Grundelemente einer neuen radikalen Subjektivität – einer neuen Hegemonialkraft –, die auf die Transformation der kapitalistischen Produktions- und Regulationsweise ausgerichtet ist? Dies sind zentrale Fragen, die in den Vorträgen und Debatten des Workshops zu behandeln sind.

    Als Ausgangspunkt dieser Debatten kann die von Gösta Esping-Andersen (1990) entwickelte Typologie der „Sozialordnungen“ dienen. In seiner bekannten Typologie werden in Weiterführung der Arbeiten von Titmuss (1974) drei verschiedenen Sozialordnungen postuliert: das allgemeine/ universelle, das selektive/marginale und das korporatistische Modell. In seinem Aufsatz „The Three Worlds of Welfare Capitalism“ analysiert Esping-Andersen am Beispiel Frankreichs, Italiens und Deutschlands (in einer Tradition, die auf Bismarck zurückgeht) die „kontinentalen“ Modelle sowie am Beispiel der USA das marginale oder angelsächsisch-liberale Modell. Das korporatistische (auch als konservativ bezeichnete) Modell mit seinen traditionellen Familienwerten ist historisch eng mit der Kirche verknüpft. Der Staat ist in diesem Wohlfahrtssystem stark, greift aber in der Regel nicht ein, solange die Familie für sich selbst sorgen kann. Im marginalen (oder angelsächsisch-liberalen) Modell hat die soziale Sicherheit selektiven Charakter. Bezieher niedriger Einkommen erhalten hier geringe Unterstützung. Der Staat greift in begrenztem Rahmen in die Marktmechanismen ein. In diesem Modell gibt es (insbesondere im Vergleich zum universellen Modell) eine geringe Umverteilung innerhalb der Bevölkerung. Die empirische und theoretische Untersuchung des Umbaus dieser verschiedenen Modelle in den vergangenen Jahrzehnten ist von zentraler Bedeutung. Dies ist die Prämisse des Stockholmer Workshops.

    Im Mittelpunkt werden die skandinavischen Sozialmodelle stehen. Sie sind von besonderem Interesse, weil sie das Gleichgewicht der Klasseninteressen in einer Gesellschaft mit starker sozialdemokratischer Arbeiterbewegung widerspiegeln. Als Ergebnis der politischen Macht der Sozialdemokratie können sie als die fortschrittlichsten Sozialmodelle gelten. Der schwedische Sozial- oder Wohlfahrtsstaat beispielsweise zeichnet sich hinsichtlich Klasse und Geschlecht durch die egalitärsten Sozialstrukturen der westlichen Welt aus. Er war das bekannteste Beispiel für das von Esping-Andersen postulierte skandinavische oder sozialdemokratische Wohlfahrtsstaatsregime (Universal Welfare Regime). Wie andere Sozialmodelle war es in den letzten 20 Jahren tiefgreifenden Änderungen unterworfen. Uns scheint es wichtig, dass die europäische Linke diese Erfahrungen analysiert und aus ihnen lernt, um Strategien für ein Sozialmodell der Zukunft und darüber hinausweisende Strukturen zu entwickeln.

     

    Der schwedische „Wohlfahrtskapitalismus“

     

    Über vierzig Jahre, von 1932 bis 1976, wurde Schweden von der Sozialdemokratischen Partei (SAP) regiert. Dank dieses langen Zeitraums mit einer stabilen Mehrheit konnte eine ganze Reihe sozialer Reformen durchgesetzt werden, die in ihrer Gesamtheit den häufig als „Volksheim“ bezeichneten Sozialstaat entstehen ließen. Fundamentaler Bestandteil dieses sozialdemokratischen Wohlfahrtsregimes war laut Esping-Andersen und anderen ein umverteilendes Steuersystem, über das ein großer öffentlicher Sektor mit Wohlfahrtsprogrammen für die gesamte Bevölkerung finanziert werden konnte. Die schwedische Sozialdemokratie, unterstützt und gefördert von der kommunistischen Partei, etablierte ein komplexes Sozialversicherungssystem, in dem mehr oder weniger die gesamte Bevölkerung erfasst war und das Lücken zwischen verschiedenen Klassen und Segmenten überbrückte. So gesehen war es im Gramscischen Sinne eine hegemoniale Struktur. Das heißt, die Sozialdemokratie war der dominierende Akteur in Politik, Ideologie und Kultur (nicht jedoch in der Wirtschaft).

    Das Modell garantierte einen nahezu vollen Einkommensausgleich bei Einkommensverlusten durch Kinderbetreuung, Arbeitslosigkeit und Krankheit. Die Sozialdemokraten ließen öffentliche Krankenhäuser und Gesundheitszentren, Altenheime, Schulen, Kindereinrichtungen, Sozialwohnungen usw. bauen. In den späten 1950er Jahren setzte die Arbeiterbewegung in Schweden nach langem und zähem Ringen mit den vereinten bürgerlichen Kräften zudem ein staatliches Rentensystem durch (Olson 1990).

    Einer der Stützpfeiler des schwedischen Modells war die sozialdemokratische Arbeitsmarktpolitik, die auf aktiven Maßnahmen zur Sicherung der Vollbeschäftigung im Verbund mit einer solidarischen Lohnpolitik fußte. Grundlegendes Merkmal dieser Politik waren die zurückhaltenden Forderungen nach höheren Löhnen und besseren Arbeitsbedingungen von Seiten der Arbeiter und Gewerkschaften in Hochlohnunternehmen und -branchen zugunsten der Arbeiter in Niedriglohnbranchen, wo im Gegenzug höhere Forderungen erhoben werden konnten (Clement & Mahon 1994). Auf diese Art sanken die Einkommensunterschiede innerhalb der Arbeiterklasse, und bei gleichzeitiger Vollbeschäftigung wurden Lohnempfänger im hegemonialen Kampf mit den Arbeitgebern zu einer stärkeren und stärker geeinten Kraft.

    Im Vergleich mit anderen Ländern Westeuropas, in denen es andere Formen von Wohlfahrtskapitalismus gab, machte dieses Sozialmodell laut Esping-Andersen Schweden zur Gesellschaft mit dem höchsten Grad an Gerechtigkeit und Gleichheit. Dies galt für die Klasse, z. B. hinsichtlich Einkommensniveaus und Lebensstandard, in vielerlei Hinsicht aber auch für das Geschlecht. Die universellen Sozialleistungen (z. B. staatliche Kinderbetreuung) und Sozialversicherungen (z. B. Mutterschutz) ermöglichten den Frauen die Teilnahme am Arbeitsleben und anderen öffentlichen Bereichen. Dank des großen öffentlichen Sektors und der aktiven Arbeitsmarktpolitik arbeiteten viele Frauen, und die Einkommensunterschiede zwischen Mann und Frau wurden geringer.

    Seit Anfang der 1990er Jahre ist das schwedische Sozialmodell jedoch von enormen Kürzungen betroffen. Der Anteil des öffentlichen Sektors am BSP sank in den vergangenen 20 Jahren von zwei Dritteln auf circa 50 %. Konkret heißt das, dass die Ausgaben der öffentlichen Hand pro Jahr um circa 20 Mrd. Euro schrumpften. Für eine relativ kleine Wirtschaft wie die schwedische ist dies erheblich. Dies führte zu Problemen im staatlichen Gesundheitswesen. Die Kürzungen gingen einher mit der neuen Marktphilosophie des „New Public Management” und einer Privatisierungspolitik. Heute spielen große Aktiengesellschaften eine entscheidende Rolle im „Gesundheitsmarkt“. In der Altenpflege stieg der Anteil der privaten Unternehmen zwischen 1993 und 2000 (Szebehely 2005) beispielsweise von 3 auf 13 %. Seitdem ist er noch größer geworden. Vor noch nicht einmal 15 bis 20 Jahren hatten Privatunternehmen im Prinzip keinen Zugang zum Gesundheitswesen. Auch bei den sozialen Sicherungssystemen gab es Kürzungen. Einen vollen Einkommensausgleich gibt es nicht mehr; heute liegt das Einkommensniveau bei Arbeitslosigkeit, Krankheit und kindbedingten Auszeiten bei 80 % des früheren Einkommens (sofern man im System ist). Eine wichtige Änderung stellt auch das 1994 von vier bürgerlichen Parteien zusammen mit der Sozialdemokratie eingeführte neue Rentensystem dar. Das Rentensystem ist jetzt mit einem privaten System gekoppelt, in dem die Versicherten angeblich die freie Auswahl aus hunderten von Rentenfonds haben, die von privaten Banken, Versicherungsfirmen usw. geführt werden. Dieses System wurde von derselben, eigentlich aber seither stark gewandelten Sozialdemokratie eingeführt, die noch in den 1950er Jahren hart für die Einführung des staatlichen Systems gekämpft hatte. So waren es auch die Sozialdemokraten, die den öffentlichen Sektor in den späten 1980er Jahren für private Alternativen öffneten. Eine bürgerliche Regierung, die zwischen 1991 und 1994 an der Macht war, konnte diese Entwicklung fortführen und einen bereits eingeleiteten Prozess beschleunigen (Montin 1992). Diese eingeschlagene Entwicklung wurde unter sozialdemokratischen Regierungen beibehalten und unter liberal-konservativer Führung, wie sie Schweden gegenwärtig erlebt, noch beschleunigt.

     

    Das post-fordistische Regulationssystem

     

    Für das theoretische Verständnis dieser Veränderungsprozesse im schwedischen und in anderen europäischen Sozialsystemen ist es sinnvoll, diese im Rahmen des Übergangs zu einer Produktionsweise, einem Akkumulationsregime und – für den Workshop in Stockholm von besonderer Relevanz und vielleicht von größtem Interesse – einem Regulationssystem post-fordistischer Prägung zu betrachten. Wie kann uns dieser theoretische Rahmen bei der Analyse der Änderungen in den Sozialsystemen helfen? Welche grundlegenden Beziehungen zwischen fundamentalen Veränderungen der Produktionsweise und Akkumulationsregimes sowie dem Umbau der Regulationssysteme und Wohlfahrtsmodelle gibt es?

    Das post-fordistische Akkumulationsregime ist ein Konzept, das eng mit der „Regulationsschule“ (Aglietta 1979, Lipietz 1988, Boyer 1990) verknüpft ist. In seinem bahnbrechenden Aufsatz widerspricht Michel Aglietta der Gleichgewichtstheorie neoklassischer Ökonomen, die er als losgelöst von der Realität empfindet. Statt einer harmonischen, linearen Entwicklung des Kapitalismus sieht Aglietta häufige Krisen und versucht, die langfristigen Ursachen von Brüchen im Akkumulationsprozess zu ergründen.

    Dies bedeutet eine langfristige Perspektive über den Keynesschen Horizont hinaus – insbesondere die konkrete Politik des Keynesianismus zielte auf die Dämpfung von Konflikten und Krisen im Sinne einer harmonischen Entwicklung der Produktionsweise ab. Aglietta ermittelt drei verschiedene parallel auftretende Muster der kapitalistischen Entwicklung: Paradigmen der Industrialisierung, Akkumulationsregimes und Regulationsweisen. Diese Aspekte sind natürlich eng miteinander verflochten, aber der Workshop wird sich auf den dritten Aspekt, die Regulation, konzentrieren. Sie umfasst Gesetze, Institutionen, Kultur, Verhalten und Erwartungen hinsichtlich des Akkumulationsregimes. Merkmale der fordistischen Regulationsweise sind ein bürokratischer Wohlfahrtsstaat auf nationaler Basis, Sozialgesetzgebung, reformistische Massenparteien, Korporatismus und der „fordistische Kompromiss“ zwischen Arbeit und Kapital bei gleichzeitig starken Eingriffen durch den Staat. Das bedeutendste Beispiel für diesen Kompromiss war vielleicht das schwedische Modell.

    Der fordistische Kompromiss zielte auf eine Abschwächung institutionalisierter Konflikte ab. Der Staat fungierte dabei als neutralisierender Faktor. Es herrschte eine hegemoniale Struktur aus korporatistischen Verhandlungen, Sozialstaat und staatlicher Intervention (Häusler, Hirsch 1987). Auf der Ebene der volkswirtschaftlichen Theorie funktionierte der Keynesianismus als die Theorie, die dieser Regulationsweise entsprach. Er diente als Basis einer Wirtschaftspolitik mit dem Ziel einer Abschwächung und des Gegensteuerns gegen wirtschaftliche Entwicklungen und Krisen der Produktionsweise. Wie der Fall des schwedischen sozialdemokratischen Modells zeigte, funktionierte und überlebte der Kompromiss auch dadurch (während der ungelöste latente Konflikt von Besitz und Konzentration von Kapital ungelöst blieb). Das sozialdemokratische Modell implizierte eine „Keynesianisierung“ der Gesellschaft (Buci/Glucksman & Therborn, 1981).

    Die 1970er Jahre waren die Zeit des Umbruchs: Ölkrisen, Überproduktion, Gewinnrückgang, Stagflation, Arbeitslosigkeit, Rationalisierung und Automatisierung durch neue Technologie. Gleichzeitig entbrannten in dieser Zeit radikale Klassenkämpfe. Die 1970er Jahre bedeuteten die Krise des Fordismus und den Zusammenbruch der keynesianischen Regulationsweise.

    Eine zunehmend multinationale Produktionsweise und ein „multinationaler High-Tech- Kapitalismus“ (Haug 2001) entstanden. Die Weise der Kapitalakkumulation brach aus der sozialen Regulationsweise aus, in der sie sich entwickelt und funktioniert hatte (Häusler, Hirsch 1987). Eine strukturelle Krise des Akkumulationsregimes bedeutet soziale und politische Konflikte und gesellschaftliche Veränderungen, einen Prozess der Suche nach einem neuen Akkumulationsregime und neuen sozialen Strukturen.

    Damit einher geht eine post-fordistische Regulationsweise mit neuen Formen der Organisation des Industrie-/Finanzkapitals auf internationaler Ebene, Internationalisierung der Konzentrationsprozesse, Globalisierung bisher nationaler Beziehungen zwischen Arbeit und Kapital, Zerfall des nationalen fordistischen Korporatismus und gleichzeitig ein selektiverer und dezentraler Korporatismus sowie eine Liberalisierung und Deregulierung von Kapital und Kapitalflüssen. Dies sind Prozesse des Zerfalls des gesamten fordistischen Kompromisses und der hegemonialen Struktur. Gleichzeitig bedeutet dies einen fundamentalen Wandel der Sozialstaaten. Ein anschauliches Beispiel für diese Prozesse bildet der Fall Schwedens.

     

    Auf dem Weg zu einem neuen Sozialmodell?

     

    Der Übergang von einer auf einem nationalen fordistischen Kompromiss basierenden Produktionsweise zu einer postfordistischen Produktionsweise, die von einem globalen Finanzkapitalismus bestimmt wird, ist für die Analyse der Veränderungen in den europäischen Sozialmodellen von großer Bedeutung. Und eine der Fragen lautet, ob dieser Prozess einen Beitrag zur Entwicklung einer neuen Regulationsweise, eines europäischen Sozialmodells, leistet. Das Beispiel Schwedens zeigt, dass das universelle Modell schwächer geworden ist, und dass Elemente aus dem marginalen (und bis zu einem gewissem Maß aus dem korporatistischen) Modell stärker in Erscheinung treten. Wenn dies ein Beispiel für die europäische Integration des Sozialmodells ist, stellt es aus linker Sicht für Schweden eine negative Erfahrung dar, berücksichtigt man die Folgen für die Klassen und Geschlechter. Die postfordistische Veränderung von Produktionsweise, Akkumulation und Regulation bildet die wesentliche Grundlage der Transformation des schwedischen Sozialmodells. In diesem Kontext sind auch Teile der europäischen Integration zu erläutern: Die Integration des Binnenmarktes sowie der europäischen Politik sind Zeichen neuer Akkumulations- und Regulationssysteme.

    Diese Art der europäischen Integration trug zum Zerfall des schwedischen universellen Sozialmodells bei. Für den Beitritt zur EU im Jahre 1994 musste Schweden verschiedene EU-Regelungen übernehmen, darunter den Maastrichter Vertrag. In Erfüllung der Vorgaben für die Mitgliedstaaten war Schweden gezwungen, die Höhe seiner Ausgaben für den öffentlichen Sektor zu reduzieren. Zusammen mit anderen Faktoren wie innenpolitischen Fragen hatte diese negative Integration starke Kürzungen beim schwedischen Sozialmodell und damit dessen Schwächung zur Folge. Um es provokant zu sagen: Für viele europäische Länder war die EU-Integration nach dem 2. Weltkrieg eine Art Befreiung. Für die schwedische Gesellschaft hatte sie katastrophalere Folgen als der Krieg. Dies muss man sich vergegenwärtigen, wenn man die negative Haltung der Schweden zur EU verstehen will.

    Das universelle Wohlfahrtsmodell Schwedens war und ist für viele Linksorientierte ein fortschrittliches Beispiel. Sollten wir daher versuchen, dieses Modell in Schweden und anderen europäischen Ländern wieder einzuführen? Ist dies überhaupt möglich? Soll der Kampf auf nationaler oder europäischer Ebene fortgesetzt werden? Wenn es um die Verteidigung des skandinavischen Universalmodells geht, sollte der Kampf meines Erachtens auf die Arbeiterund Linksbewegungen in den skandinavischen Ländern beschränkt bleiben. Dort findet die konkrete Transformation statt, dort haben die Akteure das Wissen, dort hat die Arbeiterbewegung eine starke Tradition der Bildung einer hegemonialen Kraft, und dort muss zurückgeschlagen werden. Meines Erachtens gibt es in der postfordistischen Produktionsweise noch Platz für „relative Autonomie“ (Althusser 1971), z. B. in Bezug auf die Etablierung von Wohlfahrtseinrichtungen. Was den Grad dieser Autonomie angeht, bin ich jedoch pessimistisch, und ich glaube nicht, dass es in einer globalen postfordistischen Produktionsweise noch möglich ist, ein spezielles umfassendes Regulationssystem wie das schwedische Wohlfahrtsmodell zu schaffen, das sich so stark von den anderen europäischen Modellen unterschied.

    Sollten wir daher versuchen, auf europäischer Ebene ein fordistisches universelles Sozialmodell zu schaffen? (Meines Erachtens gingen einige der Beiträge in transform! 1/2007 in diese Richtung.) Natürlich ist es gut und notwendig, linke Strategien auf europäischer Ebene zu entwickeln. Das gilt auch für die Sozialpolitik. Es ist jedoch nicht möglich, ein auf einem neuen fordistischen Klassenkompromiss basierendes Regulierungsmodell zu schaffen, wenn es die fordistische Produktionsweise gar nicht mehr gibt – und das skandinavische universelle Wohlfahrtsmodell basiert auf genau diesem Klassenkompromiss.

    Der schwedische „historische Kompromiss“ wurde 1938 in einer Vereinbarung zwischen der sozialdemokratischen Gewerkschaft und dem Arbeitgeberverband aus der Taufe gehoben. Im Rahmen dieses Kompromisses erhielten die Arbeitgeber das Recht, die Arbeit zu lenken und zu organisieren. Die Gewerkschaften erhielten ihrerseits das Recht, sich zu organisieren, zu streiken usw. Die fundamentale Frage der Macht und der Besitzverhältnisse wurde aus dem Kompromiss ausgeklammert; sie war tabu, und es wurde stillschweigend davon ausgegangen, dass diese Verhältnisse von der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung nicht in Frage gestellt werden. Der Kompromiss sicherte der schwedischen Gesellschaft von den frühen 1930ern bis in die späten 1970er Jahre einen ständig wachsenden Lebensstandard für die Arbeiterklasse. Die grundlegenden Macht-/Besitzinteressen der Großindustrie waren nie wirklich in Gefahr. Man könnte sagen, dass eine politische und soziale Demokratie, nicht aber die wirtschaftliche Demokratie erreicht wurde. Dieser Kompromiss, der die Basis des schwedischen Modells bildete, war nur in einem bestimmten historischen Zeitraum mit speziellen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Rahmenbedingungen möglich. Mit dem Verschwinden dieser Bedingungen und dem Wandel der fordistischen Produktionsweise begann die Auflösung des gesamten Kompromisses. Innerhalb der Arbeiterbewegung wurde der Kompromiss in Frage gestellt, weil man es als ungerecht empfand, dass die solidarische Lohnpolitik in höheren Gewinnen für die Kapitaleigner münden sollte. Die sozialdemokratische Gewerkschaft thematisierte die Frage der wirtschaftlichen Demokratie und machte einen konkreten Vorschlag (Meidner 1978) für die Transformation der Wirtschaft in Richtung eines demokratischen Sozialismus (Sjöberg 2007). Mit sinkenden Gewinnen begannen Kapitaleigner, Arbeitgeber und liberale bzw. konservative Politiker ihrerseits, den Kompromiss in Frage zu stellen, und die Arbeitgeberseite gab die zentralen Übereinkünfte mit der Gewerkschaft auf. Der fordistische Klassenkompromiss war Geschichte (Ekdahl, Johansson 1996).

    Eine soziale Formation mit politischer und sozialer Demokratie ohne wirtschaftliche Demokratie ist ein Widerspruch, der nur unter den speziellen Bedingungen einer Produktionsweise, eines Akkumulationsregimes, einer Regulation und eines Klassenkompromisses fordistischer Prägung eine Perspektive hatte. Auf lange Sicht ist soziale Demokratie ohne wirtschaftliche Demokratie nicht möglich. Ein europäischer Linker, der sich als Sozialist definiert, muss sich erneut dem ungelösten sozialen Konflikt, der Frage des Besitzes, zuwenden. Deshalb kann es nicht das Ziel der europäischen Linken sein, ein universelles Wohlfahrtsmodell auferstehen zu lassen. Vielmehr ist die Frage der wirtschaftlichen Demokratie zu stellen. Unter einer globalen Produktionsweise und einem Akkumulationsregime postfordistischer Prägung kann eine solche Strategie nicht auf einzelne Länder beschränkt sein. Das heißt, die europäische Linke hat die Aufgabe, die Sozialsysteme zu verteidigen und gleichzeitig zu versuchen, eine neue europäische hegemoniale Kraft zu etablieren, die einen modernen demokratischen Sozialismus zum Ziel hat.

    Das heißt Überwindung der zeitgenössischen liberalen Hegemonie sowie das Sprengen der Grenzen des sozialdemokratischen Wohlfahrtsdiskurses. Die Ausarbeitung solcher das System transformierender Strategien ist die Aufgabe der europäischen Linken, darunter auch der GUE/NGL. Der Stockholmer Workshop liefert hoffentlich nützliche Analysen für diese Strategiediskussionen.

     

    Aus dem Englischen von Echoo Konferenzdolmetschen

     

     

     

    Literaturverzeichnis

     

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    Althusser, L. (1971): For Marx, London: Allen Lane The Penguin Press.

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    Clement, W. & R. Mahon (1994): Swedish Social Democracy: a Model in Transition, Toronto: Canadian Scholars’ Press.

    Ekdahl, L. & Johansson, A.: Den historiska kompromissen som tillfällig maktallians, in: Häften för kritiska studier, 2/1996.

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    Häusler, J. & Hirsch, J. (1987): Regulation und Parteien im Übergang zum „Post-Fordismus“, Das Argument 165.

    Lipietz, A. (1988): Mirages and Miracles: the Crises of Global Fordism, London: Verso.

    Meidner, R. (1978): Employee Investment Funds, an Approach to Collective Capital Formation, London: George Allen & Unwin.

    Montin, S.: Privatiseringsprocesser i kommunerna, teoretiska utgångspunkter och empiriska exempel, in: Statsvetenskaplig tidskrift, 1/1992.

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    Szebehely, M. (2005): Äldreomsorgsforskning i Norden, en Kunskapsöversikt, Köpenhamn: Nordiska Ministerrådet. Titmuss, R. (1974): Social Policy: an Introduction, London: George Allen.

    transform!; european journal for alternative thinking and political dialogue, 1/2007.