• Arbeit und Leben: Memorandum für eine künftige Untersuchung des (Klassen-?)Bewusstseins

  • 26 Apr 11 Posted under: Theorie
  • Das Paradoxon unserer Zeit besteht darin, dass je stärker die Klassenposition das Leben der Menschen bestimmt, desto weniger sich die Menschen selbst als Angehörige einer Klasse (oder einer Koalition von Klassen) betrachten. Anders gesagt: Während die gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse weiterhin eine entscheidende Rolle spielen, organisieren die sich – wenn auch nur im embryonalen Stadium – herausbildenden kollektiven Einheiten in ihren politischen Initiativen anscheinend nicht hauptsächlich um diese gesellschaftlichen Verhältnisse herum. Was hat zu diesem Paradoxon geführt, und wie ist es zu interpretieren? Mein Versuch einer Antwort beruht auf nachfolgenden Annahmen (die im Rahmen dieses kurzen Beitrages weder theoretisch erörtert noch empirisch belegt werden können):

    1) Die Tatsache, dass heute Arbeit und Leben (Produktion und Reproduktion) tendenziell miteinander verflochten sind, bedeutet nicht, dass beides identisch ist – im Gegenteil: Je mehr sie miteinander verflochten sind, desto stärker müssen sie konzeptuell auseinandergehalten werden.

    2) Wenn das Leben in die Arbeit „eindringt“, sind es in den meisten Fällen nicht die Beziehungsfähigkeiten der Menschen, die zu einer positiven Veränderung der Arbeit führen, vielmehr ist es die Arbeit, die die Beziehungsfähigkeiten ihrer eigenen Logik unterwirft.

    3) Der grundsätzliche Unterschied zwischen Arbeit und Leben liegt in der Tatsache begründet, dass die Arbeit (die unmittelbar auf die Valorisierung des Kapitals gerichtet ist) eine formalisierte, regelmäßige und sichtbar anders ausgerichtete Tätigkeit ist, wohingegen das Leben weniger formalisiert, regelmäßig und anders ausgerichtet ist und deshalb über Innovationspotential verfügt.

    Beginnen wir mit der Arbeit. Die Arbeit unterwirft sich heutzutage zweifelsohne dem Kapital weit mehr als in früheren Jahrzehnten. Aber aufgrund der jetzigen Form des Kapitalismus geht die größere Konzentration der Macht in den Händen der Unternehmensführung mit einer Aufsplitterung der Arbeit einher – nicht nur einer organisatorischen, sondern vor allem einer rechtlichen und kulturellen Fragmentierung –, die es der Arbeit schwer macht, darauf zu reagieren. Die bekannteste Methode der Aufsplitterung der Arbeit ist das Outsourcing, also die Produktionsauslagerung. Diese Fragmentierung ist aber auch zurückzuführen auf unterschiedliche arbeitsvertragliche Regelungen für Arbeitnehmer, die für gleiche Aufgaben eingestellt wurden, auf die Umwandlung vieler Arbeitnehmer in unabhängige (und oftmals individuelle) Dienstleister und auf die Organisation der Arbeit in Gruppen (oder Teams), die als Kunden, Zulieferer oder Wettbewerber anderer Gruppen im vor- oder nachgelagerten Produktionsprozess betrachtet werden. In solchen Gruppen werden Arbeiter darüber hinaus dazu gebracht, sich selbst zu disziplinieren und als Kontrolleure ihrer Kollegen aufzutreten.

    Ich muss wohl kaum auf die Auswirkungen all dessen auf das Klassenbewusstsein oder auch nur das einfache Gewerkschaftsbewusstsein eingehen. Worauf ich jedoch hinweisen möchte, ist, dass einerseits dieser Prozess der Individualisierung der Arbeit dazu führt, dass die Arbeit eine noch größere Auswirkung auf das Leben hat als sie von jeher gehabt hat, während andererseits die Arbeiter (und deren Lebensumstände) weit weniger frei sind, als diejenigen behaupten, die (immer weniger überzeugend) die angebliche Überwindung der repressiven und nivellierenden „fordistischen“ Ordnung preisen.

    Viele von uns können sich glücklicherweise noch an die Zeit erinnern, als es einen deutlichen Unterschied zwischen Arbeit und Leben gab. In jener Zeit war außerdem die Lebenszeit, die Zeit, in der die Menschen frei sind, in eigener Entscheidung Beziehungen aufzubauen, stets wichtiger als die Arbeitszeit. Heute jedoch erleben nur allzu viele Menschen, dass die Arbeitszeit in die Lebenszeit eindringt und beides durcheinander gerät. Längere Arbeitstage, frenetisches Hin- und Herwechseln zwischen verschiedenen Aufgaben am gleichen Tage, angsterfüllte und endlose Suche nach Arbeit – in all diesen Erscheinungsformen dringt die Arbeit in das Leben ein und scheint ihm keinen Freiraum mehr zu geben. Es gibt aber auch eine gegenläufige Bewegung: Da die relativ regelmäßigen Beziehungen und relativ stabilen Hierarchien, die der früheren Form des Kapitalismus eigen waren, der Aufsplitterung der Produktion und der Schwächung der direkten Beschäftigung gewichen sind, müssen die gesellschaftlichen Beziehungen (kooperative und hierarchische) immer wieder ganz neu aufgebaut werden. Das Ende des Automatismus bedeutet, dass jeder einzelne Funktionen der Beziehungspflege ausführen und immer wieder neu definieren muss; sehr oft ist er gezwungen, risikobehaftete Entscheidungen zu treffen statt einfach nur Anweisungen auszuführen. (Es muss darauf hingewiesen werden, dass sich diese Situation aufgrund einer regelrechten Strategie der übergeordneten Instanzen ergibt. Heute scheinen sich die Autoritäten zurückzunehmen und weniger repressiv zu sein, weil lediglich Ergebnisse gefordert sind und nichts darüber gesagt wird, wie diese zu erreichen sind. In einer Situation knapper Ressourcen jedoch zwingt gerade dieses Schweigen über Mittel und Wege die Arbeiter, immer gewagtere Dinge zu tun, anstatt nur einfach klaren Anweisungen zu folgen.)

    Die Folge ist, dass die Menschen all ihre Erfahrungen einschließlich ihrer Beziehungsfähigkeiten in die Arbeit investieren müssen, die, wie wir noch sehen werden, tendenziell durch diese neue Funktion geformt und zur besseren Effizienz formalisiert werden.

    Es wäre demzufolge schwer zu argumentieren, dass Arbeit (und in letzter Konsequenz die Klassenposition) nicht entscheidend das Leben konditioniert und nicht ein signifikantes Element bei der Entwicklung einer Identität darstellt. Was in der derzeitigen Produktionsform aufgehoben wurde, ist die Zentralität der Arbeit für das Leben und die Identität; vor allem ist es die Verbindung zwischen Arbeit und kollektiver Aktion für die Emanzipation. Arbeit ist eine dringende Notwendigkeit oder der Versuch, ein Einzelprojekt (oder ein Gruppen- oder Unternehmensprojekt) zu verwirklichen; die Arbeit ist nicht mehr der Ort zur Herausbildung einer kollektiven Einheit, die entschlossen ist, die Zukunft zu gestalten. Dieser Bruch steht offensichtlich in Zusammenhang mit der historischen Niederlage des (Staats-)Sozialismus und den Auswirkungen des Massenkonsums, ein Thema, auf das ich gleich noch zu sprechen kommen werde. Hier muss allerdings noch angemerkt werden, dass der derzeitige Mangel an Vertrauen in kollektive Aktionen mit einem klaren, hartnäckig verfolgten Ziel auch auf die Arbeitsmodalitäten zurückzuführen ist, die es schwer machen, sich das Leben des Einzelnen als rational beschreibbare Kette von Ereignissen vorzustellen.

    Tatsächlich wird Arbeit ja nicht nur – technisch und juristisch – ausgelagert und fragmentiert, sondern auch noch von zwei weiteren Dimensionen bestimmt. Einerseits tritt sie immer häufiger als „Projektarbeit“ in Erscheinung (selbst wenn sie permanent in großen Produktionsanlagen ausgeführt wird). Andererseits steht sie ständig im Risiko – dem Risiko des Scheiterns des Projekts, was gleichzeitig zum persönlichen Scheitern wird. Wie Richard Sennet feststellt, muss nach Abschluss eines Projekts ein anderes in Angriff genommen werden. Sobald ein Risiko gebannt ist, taucht eine weitere riskante Situation auf. Das Wiederauftauchen eines Risikos hindert die betroffenen Personen daran, über ihr Leben nachzudenken, denn jedes Mal fangen sie wieder von vorn an; die Chancen auf Gewinn oder Verlust sind jedes Mal, wenn der Würfel rollt, die gleichen.1 Luc Boltanski und Eve Chiapello weisen darauf hin,2 dass von einem Arbeiter heute nicht so sehr die Fähigkeit verlangt wird, ein Projekt umzusetzen, zu überprüfen und zu verändern und über dessen Nutzen für sein Leben nachzudenken, sondern die Fähigkeit, sofort für ein anderes Projekt zur Verfügung zu stehen, was immer dies ist.

    Ein Leben „von Projekt zu Projekt“, wie es Mauro Magatti und Mario De Beneditis definierten,3 hat somit das „Projekt Leben“ des Einzelnen und, so möchte ich hinzufügen, auch der Kollektiveinheiten ersetzt. Was diese Form kapitalistischer Gesellschaftsverhältnisse besonders signifikant macht, ist, wie immer, die Tatsache, dass es sich nicht einfach um einen Schleier handelt, unter dem man (vielleicht dank einer bewussten, aufgeklärten Avantgarde) den wirklichen, einfachen und krassen Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit suchen und erkennen kann. Dieser Widerspruch existiert nie in „reiner“ Form, sondern jeweils in historisch determinierten Formen. Die Individualisierung der Arbeit, die sie kennzeichnenden Merkmale relativer Freiheit und Autonomie sind keine ideologische Nebelwand, die eine andere Wirklichkeit verbirgt – genau so wird die Unterwerfung der Arbeit unter das Kapital heute erreicht. Deshalb ist diese Unterwerfung besonders schwer als solche zu erkennen. Selbst wenn die harte Realität der Tatsachen die Trivialität eines Lebens von Projekt zu Projekt „enthüllt“, wird das als persönliches Scheitern oder momentaner Rückschlag verstanden, nicht aber als Ergebnis einer gemeinsam erlebten Lage, die gemeinsames Handeln abwenden könnte. Es sieht also sowohl aus internen und externen Gründen so aus, als ob kollektive Einheiten (und eher noch Einzelne), die imstande sind, eine transformatorische und rationale Beziehung zur eigenen historischen Situation einzugehen, nicht aus der Erfahrung der Arbeit entstehen können. Die Vorstellung von einer sozialistisch orientierten Einheit scheint definitiv der Vergangenheit anzugehören.

    Aber in dem Moment, in dem die Vergangenheit vergangen und unwiederholbar zu sein scheint, zeigt sie uns, wie wir die aktuelle Wirklichkeit sehen und verändern müssen. Sie tut dies indirekt, voller Anspielungen, mitunter auch beziehungsreich, aber sie zeigt uns, wie.

    In unserem Falle erinnert uns die Vergangenheit daran, dass der Gedanke der Arbeit als kollektiver Einheit – einer Einheit mit politischen und sozialen Rechten, die also berufen ist, historisch aktiv zu werden – nicht notwendigerweise (oder vielleicht fast nie) das Ergebnis der Konzentration von Arbeitermassen in der „Großindustrie“ ist, von der Marx spricht. Aus vielen in Frage kommenden Beispielen greifen wir uns Thompson heraus und was er über die Herausbildung der englischen Arbeiterklasse zu sagen hat. Es war nicht der Kollektivarbeiter in der Textilindustrie, der die Klasse als politische Einheit verkörperte; es war das London von Tausenden unterschiedlicher – und unterschiedlich unterstellter – Gewerke, das London der Handwerker und ungelernten Arbeiter. Es war das England, das widerhallte von den Prinzipien einer konstitutionellen Regierung (und dem dazugehörigen Mythos des „frei geborenen Engländers“), von Reden und Flugblättern über die Rechte des Menschen und den anhaltenden Spuren des religiösen Millenarismus, deren Katalysator das Echo der Französischen Revolution und die in ihrem Kielwasser segelnden Bewegungen in England waren.4 Kurz gesagt: Es waren die Überreste der präindustriellen (jedoch nicht präkapitalistischen) Arbeit, die dank der besonderen historischen und kulturellen Situation die Ideen, Gepflogenheiten und Institutionen hervorbrachten, die das Konzept der Autonomie und des Wertes der Arbeit als Einheit an und für sich als Kontrapunkt zu anderen begründeten und sie dem Industrieproletariat in die Hand gaben.

    Dies bestätigt (auch) die Stichhaltigkeit der Beobachtung von Raniero Panzieri, dass Schlussfolgerungen über das „Niveau der Arbeiterklasse“ nicht vom „Niveau des Kapitals“ aus gezogen werden können.5 Es gibt keine notwendige Beziehung zwischen einer bestimmten Produktionsanordnung und einer bestimmten Herausbildung der Arbeiterklasse und ihrer Subjektivität. Diese These geht Hand in Hand mit der, die Thompsons Rekonstruktion der Geschichte zugrunde liegt: Klasse ist weder eine Struktur noch eine Kategorie; sie ist eher ein Ereignis, das Ergebnis einer Begegnung völlig heterogener sozialer, kultureller, ideologischer und politischer Elemente. Sie ist ein „Werden“, in dem die führende Rolle davon abhängt, wie die Arbeiter ihre Erfahrungen einer historisch determinierten Klasse beschreiben und erzählen; was ihre Beschreibung mit ihren Erfahrungen verbindet, ist nicht ein Gesetz, sondern eine Logik, die ex post zu rekonstruieren ist.

    Wenn man aber Klasse nicht vom Kapital her ableiten kann, wenn Klasse das Ergebnis kultureller Elaboration durch die arbeitenden Menschen selbst ist, und wenn diese Elaboration nur aus der Verdichtung zahlreicher heterogener Elemente resultieren kann, dann ist die Struktur des Arbeitsprozesses eines und nur eines der Elemente, die zur Schaffung des Klassenbewusstseins beitragen.

    Wenn es also weiterhin zutrifft (und es trifft zu), dass diese Struktur das entscheidende Element zur Erklärung der gesamten Dynamik des gesellschaftlichen Prozesses ist, dann trifft gleichermaßen zu, dass bei der Analyse der Dynamik der Herausbildung der Subjektivität die Struktur so gewichtig ist wie die anderen Elemente im Erfahrungsschatz eines Individuums. Wenn es zutrifft, dass die Umgestaltung der Beschäftigungsbedingungen entscheidend ist für die Umgestaltung des gesamtgesellschaftlichen Prozesses, dann ist mitnichten sicher, dass Notwendigkeit und Idee einer solchen Umgestaltung zwangsläufig in der Arbeiterschaft entstehen müssen und keine externen Motivationen haben können, die letztendlich die Arbeit selbst betreffen und verändern.

    Selbst wenn das Klassenbewusstsein letztendlich fast einen „homogenen“ materiellen Zustand zu widerspiegeln scheint – und hier denke ich an den Protagonisten der 1970er Jahre, der näherungsweise als „Massenarbeiter“ definiert wurde –, gelingt es dieser gemeinsamen sozialen Basis nur aufgrund des gleichzeitigen Vorhandenseins anderer Bedingungen, die besondere Form des Bewusstseins und der Politik zu erzeugen. Sehen wir uns die Lage in Italien in jenen Jahren an: Schaffung eines einheitlichen nationalen öffentlichen Raumes durch das Mainstream-Fernsehen, frühe Auswirkungen des homogenen Massenschulbetriebes, Verankerung standardisierter Konsummodelle. Weiterhin das zeitweilige Missverhältnis, das einerseits aus den präindustriellen Reminiszenzen der Arbeitsmigranten (die mit der „Absurdität“ der Arbeitsvorschriften kollidierten) und andererseits aus einem politischen System und einem Sozialstaat herrührten, die, verglichen mit der immanenten Logik des Fordismus, auffallend „zurückgeblieben“ waren. Ohne das Zusammentreffen all dieser Elemente könnte man die Wirksamkeit und die Radikalität der Arbeiterbewegung in jenen Jahren nicht erklären. Außerdem müssen wir die von der kommunistischen Kultur, der sozial-katholischen Kultur und der Kultur kritischer Minderheiten sowie der Studentenbewegung getragenen Elemente der Sozialisation berücksichtigen, die allesamt nicht auf spontane und natürliche Weise am Fließband entstehen.

    Die obigen Ausführungen geben Anlass für eine weitere theoretische Überlegung. Nach Charles Tilly, einem bedeutenden Forscher auf dem Gebiet der sozialen Bewegungen, entstehen diese immer am Schnittpunkt zweier Dimensionen. Eine dieser Dimensionen ist die Mitgliedschaft in einer gemeinsamen sozialen Kategorie (Tilly bezeichnet das als „catness“), die andere ist die Fähigkeit der Mitglieder dieser Kategorie, Beziehungsnetze aufzubauen, die unabhängig von denen sind, die die dominierenden Sozialakteure aufspannen (von Tilly „netness“ genannt). Das Ergebnis ist ein „catnet“ – die Kombination einer „objektiven“ Klassenposition und einer „subjektiven“ Fähigkeit, Institutionen und Werte zu schaffen, die diese Position auf ihre eigene Weise interpretieren.7 Wenn das Beziehungsnetz verbunden ist mit der produktiven Dimension (wie im Falle vieler fordistischer Fabriken), dann könnte es eine eindeutige Verbindung zwischen der Zugehörigkeit zu einer Kategorie und der Subjektivität geben, aber das hat nur den Anschein. Arbeit entsteht und wird zu einem signifikanten Faktor des kollektiven Handelns, weil sie mit den anderen Dimensionen des Lebens verknüpft ist. Zum Abschluss dieses Abschnitts sei ein Vorschlag für künftige Untersuchungen gemacht: Fragen wir uns und unsere Gesprächspartner, welche Erfahrungen und welches Bewusstsein des Individuums und des Kollektivs von außerhalb des Arbeitsplatzes herrühren und ob und wie sich diese Erfahrungen und dieses Bewusstsein mit der Wahrnehmung der Arbeit überschneiden.

    Wenn die Ergebnisse einer derartigen Untersuchung bestätigen, dass heute wie gestern Ansätze kollektiven Bewusstseins sich vor allem außerhalb der Arbeitswelt entwickeln, dann würde dies erhärten, dass – besonders in der heutigen Zeit – ein potentielles Klassenbewusstsein nicht vorrangig in der Produktion, sondern im Leben selbst mit all seinen Erscheinungsformen entsteht. Bedeutet dies nun eine Schwächung des sozialistischen Diskurses? Gestatten Sie mir den Hinweis, dass sich eine auf eine soziale Umgestaltung hinwirkende kollektive Bewegung der Arbeiter (und anderer) nur entwickeln kann, falls und wenn das „Bewusstsein“ die Form der Verarbeitung eines „ganzen Lebens“ annimmt, denn starke Ideen, die die Politik tatsächlich verändern können („öffentliche“ Ideen, die jedem zugänglich sind, unabhängig von Klasse oder Familie, Ideen, die als Sache organisiert sind, was Valerio Romitelli seit einiger Zeit bereits diskutiert8), entstehen nur im Ergebnis des Gesamtensembles der Lebenserfahrungen.

    Hinzufügen möchte ich, dass die höchste Bewusstseinsebene nicht über das Klassenbewusstsein, sondern über das Bewusstsein der historischen Situation (individuell und kollektiv) erreicht wird:9 Bewusstsein, das, um tatsächlich realistisch zu sein, das Bewusstsein der Klassenposition einschließen muss, aber nicht darauf reduziert werden kann. „Nicht in der Produktion, sondern im Leben selbst“, formulierte ich gerade. Dies mag griffig klingen, ist aber zweifellos zu allgemein, so dass ich etwas näher darauf eingehen möchte. Statt der Produktion per se sollten wir uns die Verbindung zwischen Produktion und Reproduktion anschauen. Eine Analyse dieser Verbindung zeigt, wie schwierig die Lage heute ist. Alle Räume außerhalb der Arbeitswelt, die Foren für die mögliche Herstellung von alternativen Beziehungen zu kapitalistischen waren, werden immer stärker vom Kapitalismus kontrolliert. Und zwar nicht nur durch ideologische Beeinflussung, so stark diese auch sein mag, sondern weit subtiler und umfassender. Was wir heute erleben, ist tatsächlich die industrielle Produktion von immer größeren Bereichen des gesellschaftlichen Lebens. Alles, angefangen von den Grundelementen der Reproduktion (Lebensmittel und vor allem die damit in Beziehung stehenden kulturellen Modelle) bis hin zu symbolischen Prozessen, sind zu Geschäftsbereichen bestimmter Sektoren der kapitalistischen Industrie geworden, die die soziale Reproduktion zu einem gewinnbringenden Unternehmen machen und die Ausbildung von Menschen sichern, die darauf ausgerichtet worden sind, noch aktiver in den Bereich der Produktion einzutreten.

    Das hat nicht nur etwas mit dem Fernsehen zu tun, auch wenn dem Fernsehen hier eine entscheidende Rolle zukommt, denn es ist eine regelrechte Maschine, deren Rohmaterial Menschen und deren Produkt Zuschauer sind – eine Maschine, die unsere Wünsche und Empfindungen umformt und organisiert, so dass wir für eine bestimmte Art der Sprache aufgeschlossen und empfänglich werden. Konsum wird heute als symbolische Maschine organisiert, die kohärenter und überzeugender ist als je zuvor. Mit ihren neuen Formaten (oder zumindest ihrem entscheidenden virtuellen Aspekt) nimmt sie immer breitere Schichten der ärmeren Klassen gefangen. Seltene Fälle ausgenommen gibt es keine Alternativstruktur, die zwischen Gütern und Konsumenten vermittelt, die die Preise senken und das symbolische Gewicht der Waren ändern könnte. Die Aufgaben derjenigen, die den Aufbau solcher Alternativstrukturen versuchen, ist deshalb wichtiger denn je, aber auch viel schwieriger. Dieser Zustand ist besonders unheilvoll, denn heute ist für die meisten der Konsum und nicht die Arbeit die Hauptsphäre der Sozialisation. 10 Arbeit wird gerade deswegen geschätzt, weil sie der Schlüssel zum Eintritt in die Sphäre des Konsums ist, die einzige Sphäre, die wirklich dem Handeln der Menschen (in überreichem Maße) eine Bedeutung verleiht. Die Menschen bringen in ihre Arbeit Wünsche, Ideen und Realitätsvorstellungen ein (die wiederum auch von der Logik der Selbstbestimmung und einem Leben „von Projekt zu Projekt“ beherrscht werden), die vor allem in der Sphäre des Konsums gereift sind und von sozialen Gruppen (Familie, Freunden usw.) vermittelt werden, innerhalb derer Waren konsumiert werden.

    Und hier noch ein Vorschlag für künftige Untersuchungen unter Arbeitern: Man sollte sie fragen, welche Waren sie für die wichtigsten halten, wie und wo (d.h. in welchen Sozialisierungsgruppen) sie diese konsumieren, wie und wo sie über ihren Konsum reden, inwieweit solche Diskussionen auch am Arbeitsplatz geführt werden und mit welchen Folgen. Der Vorschlag geht auch an unsere Politik: Man sehe sich die Orte des Konsums an (so wie es die frühen Arbeiterbewegungen aus der Not heraus und mit Intelligenz getan haben), von der Unterschrift unter einen Immobilienhypothekenvertrag bis hin zum Wocheneinkauf, denn auch das sind Orte des Konflikts und der Identitätsfindung und ebenso wichtig wie die „Fabrik“.

    Und auch weil, teilweise dank der Ambivalenz des herrschenden Denkens, Zwänge, die in der Produktionssphäre anscheinend unstrittige und unvermeidliche soziale Normen darstellen (aufgrund der Globalisierung, des Wettbewerbs, des Risikos des Arbeitsplatzverlusts usw.), in der Sphäre des Konsums oft als unnötige und inakzeptable Zuschläge erscheinen.

    Neben dem Eindringen der „mittleren“ Sphäre des gesellschaftlichen Lebens, wie wir sie nennen könnten, gibt es die Umgestaltung der massiveren und subtileren Strukturen der Sozialisation: des Staates einerseits und der Sprache andererseits.

    Der Staat verliert rasch seine Fähigkeit zur Koagulation einheitlicher Konzepte der Bürgerschaft und damit die Fähigkeit, die Herausbildung einer gleichermaßen einheitlichen sozialen Bewegung zu fördern. Einen Beweis für diesen Verlust liefert das Anwachsen des Föderalismus, ein Subsidiaritätsprinzip, das die Möglichkeit der Zuschreibung von Verantwortung auflöst, und die Bildungsautonomie und die daraus resultierende Fragmentierung der schulischen Lehrpläne und Unterrichtsformen. Auch hier wieder gehorcht alles einem Prinzip wachsender Freiheiten (womit die Freiheit der verschiedenen sozialen Gruppen und Institutionen gemeint ist), was jedoch oft zu einer engen Logik führt, die sich negativ auf die auswirkt, an die sich die öffentliche Politik richtet, ohne dass die Menschen einen konkreten und regelmäßigen Ansprechpartner für ihre Wünsche und Initiativen feststellen können. Aber vielleicht hat die Sprache – insbesondere die in der subtilen Verwaltung gesellschaftlicher Beziehungen verwendete Sprache – die stärkste und radikalste Umgestaltung erlebt. Es ist nicht nur eine Frage der sozialen und medial gesteuerten Konstruktion von Gesten, ein Phänomen, das bis in die 1950er Jahre zurückreicht, jetzt jedoch (und das ist möglicherweise das einzig wirklich Neue) auch die intimsten Bereiche der sexuellen Beziehungen erfasst, von denen subtil und stetig enge öffentliche Modelle geschaffen werden, womit sie die prophetischsten Theorien von Michel Foucault belegen.

    Der Akt des Aufbaus sozialer Beziehungen selbst – angefangen von Beziehungen zwischen Freunden oder Paaren bis hin zu solchen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer – ist zum Ziel einer kapitalistischen Industrie geworden, die ich als Ratgeberindustrie bezeichnen würde. Wir haben es zu tun mit einer Flut verschiedenster Publikationen und Kurse mit allerlei „hilfreichen“ Anleitungen, die alle monoton um immer wieder dieselben Begriffe kreisen: Manager, Erfolg, Selbstachtung und Selbstbehauptung. Hier erscheint die Forderung, „das Leben in die Pflicht zu nehmen“, als eine Formalisierung des Lebens: Alles wird strikt utilitaristisch ausgerichtet. Zwischenmenschliche Beziehungen, die im normalen Leben ständig zwischen Uneigennützigkeit und Mittel zum Zweck schwanken, sind hier rein instrumentell. Die „Gruppe“ hat für sich keinen Wert, sondern nur im Blick darauf, was sie bringt; der „andere“ ist vor allem ein Mittel, nur gelegentlich ein Zweck.

    Nach dieser Theorie gestaltet das Leben nicht die Arbeit um, sondern die Arbeit das Leben, indem sie die Freiheit und Unordnung des Lebens einschränkt und im wesentlichen dem eigenen Impuls unterwirft. Und die heterogene Vielfalt der Beziehungen, die lebendige Erfahrungen gestalten, neigt dazu, in einheitlichen, neutralisierten Modellen zu konvergieren. Nichts bleibt dem Zufall überlassen, alles wird nach bereits feststehenden Codes entwickelt – oder soll zumindest entwickelt werden. Die Praxis des Aufbaus von Beziehungen, die große Entdeckung, die in den 1970er Jahren die Menschen den Grad der Künstlichkeit in den familiären und gesellschaftlichen Hierarchien verstehen ließ und dazu motivierte, dies zu ändern – jene unerschöpfliche Quelle der Rebellion und sozialen Erfindung ist zu einer normalen Aufgabe geworden, und das sich daraus entwickelnde Denken versteht nicht mehr die wirklichen Neuheiten (ob nun auf individueller Ebene oder im Kollektiv entstanden), denn diese können nur als unvorhersehbare Ereignisse auftreten und wären als solche in der aktuellen reduktionistischen Managerlogik undenkbar.

    Der Konsum, die öffentliche Sphäre und die Sprache, die alles belebt, scheinen eine Umwandlung zu durchlaufen, die den Veränderungen in der Arbeitswelt ähnlich ist. Sie scheinen Formen der Unterordnung zu unterliegen, die oft in Gestalt der Freiheit und eines dialogischen Aufbaus von Beziehungen daherkommen. Und es scheint, als ob es auch in der Sphäre der Reproduktion sehr schwer ist, die für die Bildung einer Kollektiveinheit notwendigen Bedingungen zu entdecken. Aber auch in diesem Fall sollten wir nicht linear aus den sozialen Mechanismen auf die Formen der Subjektivität schließen. Die oben angeführten logischen Mechanismen sind sicherlich dominant, aber diese Dominanz ist nicht totalitär. Produktion und Reproduktion sind immer konfliktbeladene Bereiche. Eine Beschreibung der dominierenden Trends in der Arbeitswelt und im Leben bedeutet nicht, ein Ergebnis zu prognostizieren; vielmehr wird das Gebiet beschrieben, zu dem sich der unvermeidliche Konflikt zwischen den Beteiligten jetzt und in Zukunft hinverlagern wird. Deshalb kann uns nur eine Untersuchung (und nicht eine Apriori- Schlussfolgerung) Aufschluss über das Ausmaß der Unterdrückung und der Freiheit in einer gegebenen Situation geben.

    Tatsache ist, dass in der Reproduktion – und heute vor allem in der Reproduktion – praktischer Widerstand wirklich existiert, der oft sehr selbstkritisch und effektiv ist. Eine Untersuchung solcher Formen der Subjektivität sollte mit einer empirischen Übersicht über diese Praktiken beginnen. Alternative Formen des Konsums, Einkaufsgenossenschaften, solidarische Netzwerke unterschiedlichster Art und kollektive Schutzinitiativen sind wieder auf dem Vormarsch, und hier lässt sich die Herausbildung eines „Wir“-Gefühls mit guten (wenn auch intermittierenden und sektorspezifischen) Erweiterungseigenschaften testen. Kämpfe von Umweltaktivisten gegen die kapitalistische „Bauwut“ (die weniger aus einem Faustischen Geist als aus dem Streben nach relativ leichten Profiten herrührt) summieren sich zu einem „Wir“-Gefühl, das sich nur gelegentlich als ethnische Gruppe darstellt und eher in einem Raum wurzelt, der als rechtmäßig wahrgenommen wird. Gruppen, die öffentliche Dienstleistungen fordern und kontrollieren, versuchen, der Staatsbürgerschaft neuen Inhalt und neue Form zu geben. Es gibt zunehmend Erfahrungen eines freiwilligen sozialen, politischen und bürgerschaftlichen Engagements gegen utilitaristische Beziehungen. Die Menschen probieren, gezwungenermaßen oder freiwillig, neue Beziehungsmodelle und neue Familienstrukturen aus, die sich in den Sprachen von heute bewegen können, ohne die Kreativität der Erfahrung aufzugeben.

    Eine künftige Untersuchung der Lage und des Bewusstseins der Arbeiter sollte genau in dem Raum beginnen, wo diese Praktiken auftreten. Dieser Raum wird vom Territorium – oder besser von den Territorien, der sich ändernden Geografie – definiert, wo die unterschiedlichen Widersprüche zum Ausdruck kommen: ein Wohnviertel, eine anscheinend willkürliche Auswahl urbaner und suburbaner Gebiete, eine Gruppe von Einkaufszentren, ein umstrittenes oder gesuchtes Netz virtueller oder realer Kommunikation. Zum Territorium gehört auch die Fabrik, die selbst häufig aus unterschiedlich zusammengesetzten Territorien besteht. Das Bewusstsein einer Individualität, das allmählich die Ressourcen akkumulieren kann, die u.a. notwendig sind, um die Frage der Arbeit und des Kapitals explizit zu stellen, bewegt sich innerhalb dieser Territorien und nimmt dort Gestalt an.

    Eine künftige Untersuchung sollte nicht den Mangel an Klassenbewusstsein beklagen, sondern einen Katalog der unterschiedlichen „Wir“- Erfahrungen der Arbeiter in dem Bewusstsein zusammenstellen, dass diese Erfahrungen früher oder später mit den laufenden Erfahrungen in der Arbeitswelt zusammenfließen.

    Diese neue Untersuchung ähnelt sehr stark der, die zu einer neuen Politik werden sollte: der Verbindung tausender heterogener Erfahrungen, aus denen sich eine völlig neue kollektive Einheit herausbilden könnte. Diese Einheit entsteht nicht aus Abstraktionen: nicht aus der Arbeit, nicht aus dem Leben, nicht aus der Politik. Arbeit, Leben und Politik sind in gewisser Weise „neutral“: Sie sind Schlachtfelder mit unterschiedlichem Ergebnis, darunter Labourismus, Rückzug vom Alltag oder Opportunismus. Die neue Einheit wird vielmehr hervorgebracht durch konkrete, also unvorhersehbare Entscheidungen von Millionen von Männern und Frauen, die auf jedem dieser Schlachtfelder Partei ergreifen möchten, um eine Lösung zu ermöglichen, die die Hierarchien der Gegenwart nicht reproduziert: eine sich nicht wiederholende, nicht vorab entworfene Lösung, eine, die dem Bewusstsein der historischen Situation am besten entspricht und die Fähigkeit zur Neubenennung der Gegenwart und der Zukunft hat.

     

    Aus dem Englischen von Echoo Konferenzdolmetschen


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