• Wer waren all diese Menschen auf den Straßen von Paris? Überlegungen zur Bewegung Nuit Debout

  • Von Yann Le Lann | 09 Aug 17 | Posted under: Frankreich , Soziale Bewegungen und Gewerkschaften
  • Ende März 2016 beschlossen die Teilnehmer_innen einer Demonstration in Paris gegen das neue Arbeitsgesetz (loi travail), nicht einfach nach Hause zu gehen. Sie verabredeten stattdessen, sich am Place de la République zu versammeln, um eine Nachtwache abzuhalten und darüber zu diskutieren, wie eigentlich die Gesellschaft aussehen soll, die sie sich wünschen. Damit war die Bewegung Nuit Debout geboren. Es ist nicht einfach, genauer zu beziffern, wie viele Menschen sich daran beteiligt haben. Aber man kann wohl mit Fug und Recht behaupten, dass die Besetzung des Place de la République mitten in Paris einen äußerst positiven Widerhall in der französischen Gesellschaft gefunden und zahlreiche wichtige Diskussionen ausgelöst hat. Nuit Debout stellt in vielerlei Hinsicht eine neue Form der Mobilisierung dar und hat die gängigen politischen Codes durcheinandergewirbelt. Die Bewegung ist in der Gesellschaft beliebt. Obwohl die Umfragewerte schwanken, gaben um bis zu 60% der Befragten an, dass sie Nuit Debout und deren Ziele unterstützen würden, 47% der jüngeren Befragten erklärten sogar, sie seien bereit, sich an Aktivitäten der Bewegung zu beteiligen. Aufgrund des innovativen Charakters dieser neuen Form der politischen Artikulation und der Vielfalt der beteiligten Aktivist_innen, die verschiedenste Positionen vertreten, ist die Identifizierung der Basis dieser Bewegung schwierig. Wer sich da eigentlich über viele Wochen auf den Straßen von Paris und anderen Städten versammelt hat, bleibt hochgradig umstritten.

    Es scheint so, als hinge für die Medienwelt der Wert von Nuit Debout direkt von der sozialen Position derjenigen ab, die sich an den Besetzungen beteiligt haben. Dabei haben die meisten Journalist_innen keinen ernsthaften Versuch unternommen, dieser Frage tatsächlich nachzugehen. Sie geben sich genauso wie große Teile der politischen Klasse in der Regel mit vorschnellen Einschätzungen zufrieden. Die Gegner_innen von Nuit Debout haben sich darauf versteift, es handele sich um eine »kleinbürgerliche« oder um eine »Bobo-Bewegung«, völlig losgelöst von den wirtschaftlichen und sozialen Lebensrealitäten der arbeitenden Klassen. Desto rechter das Spektrum, dem die Beobachter­_innen angehören, umso eindeutiger fällt ihr Urteil aus. Sie werfen Nuit Debout vor, eine rein utopische Spinnerei von einer Handvoll privilegierter Schnösel zu sein. Diejenigen, die mit der Bewegung sympathisieren, haben in gewisser Weise dieses Label übernommen. Manche sehen in Nuit Debout eine Art Jugendbewegung mit großem kulturellen Kapital. Die Einschätzungen von außen überschneiden sich zum Teil mit dem Selbstverständnis der Träger_innen dieser Bewegung. François Ruffin, einer der Initiatoren, hat zum Beispiel von einer »Bewegung intellektueller Kleinbürger« gesprochen.

    Diese Selbstpositionierung als Teil der überlegenen intellektuellen Klassen kam in zahlreichen der Reden, die auf den öffentlichen Zusammenkünften der Bewegung gehalten wurden, zum Ausdruck. Viele thematisierten die Grenzen von Nuit Debout und die Schwierigkeit, für die in der französischen Gesellschaft am stärksten »unterdrückten« Bevölkerungsgruppen zu sprechen. Die vermeintliche Abwesenheit von Menschen, die in den Banlieues leben, von Prekarisierten und einfachen Arbeiter_innen war Gegenstand fast aller Diskussionen. Manche der Teilnehmer_innen gingen sogar so weit zu behaupten, diese »Abwesenheit« würde den Anspruch der Bewegung, emanzipatorische Ziele zu verfolgen, völlig unglaubwürdig machen.

    Die Frage, wer sich an den Besetzungen und Protesten beteiligt hat und wer nicht, steht daher im Zentrum eines Disputs über die Legitimation und Fähigkeit der Bewegung, »Belange des Volks« zu vertreten. Im Folgenden vergleichen wir die oben skizzierten Sichtweisen mit den Ergebnissen der einzigen quantitativen Untersuchung, die zu den Protagonist_innen von Nuit Debout existiert.[1] Sofort nach Beginn der Bewegung hatte sich die Forschungsgruppe, von der diese Studie stammt, um eine Erhebung der sozialen Merkmale der Besetzer_innen vom Place de la République bemüht. Die Gruppe hat viele faszinierende Ergebnisse zutage gefördert, von denen wir hier nur einige vorstellen können. Wir werden uns auf diejenigen konzentrieren, die den Beobachtungen von außen und den Eigenwahrnehmungen der Beteiligten erheblich zuwiderlaufen. In einem zweiten Schritt befassen wir uns mit verschiedenen theoretischen Erklärungsansätzen zu den Hintergründen der Mobilisierung und gleichen diese mit den Daten der vorliegenden Studie ab.

    Was die empirischen Daten sagen

    Aus der Erhebung geht zunächst hervor, dass die Bewegung vorwiegend männlich ist (zwei Drittel der Befragten waren Männer) und dass es sich ganz offensichtlich nicht vorwiegend um junge Leute handelte, die sich auf dem Place de la République versammelt hatten. In der Hochphase etwa setzte sich die Hälfte der Besetzer_innen im Zeitraum zwischen 18 und 18.30 Uhr aus Menschen zusammen, die älter als 33 Jahre waren. Insgesamt war jede/r Fünfte über 50. Entgegen üblicher Vorstellungen war Nuit Debout also kein spezifisches »Jugendphänomen«, noch war es allein ein Pariser Phänomen. Obwohl das Gros der Teilnehmenden aus Paris kam (um genau zu sein, mehrheitlich aus den weniger wohlhabenden östlichen Stadtteilen), gaben 37% an, in den Banlieues zu wohnen. Immerhin jede/r Sechste nannte einen Wohnort außerhalb des Großraums von Paris.

    Wichtig, um das Phänomen Nuit Debout besser einschätzen zu können, ist das soziale Profil der Teilnehmenden. Die Mehrheit (61%) verfügt über einen akademischen Abschluss, das heißt, hat mehrere Jahre erfolgreich studiert, was nur auf 25% der gesamten französischen Bevölkerung zutrifft. Wenn man genauer hinschaut, dann zeigt sich, dass nicht nur 20% aller Befragten zum Zeitpunkt der Besetzung erwerblos waren (diese Quote ist doppelt so hoch wie die allgemeine Arbeitslosenrate in Frankreich), sondern auch, dass 16% der Aktivist_innen zur Gruppe der Arbeiter_innen zählen, was im Vergleich zur Gesamtbevölkerung von Paris oder der der Île-de-France ein fast dreimal so hoher Wert ist. Von daher ist es vollkommen falsch, Nuit Debout als eine Bewegung von (angehenden) Studierenden auf der Suche nach Abenteuern und Nervenkitzel zu betrachten. Vielmehr setzt sich die Bewegung mehrheitlich aus Facharbeiter_innen, Hochschulabsolvent_innen und prekär Beschäftigten zusammen.

    Ein weiterer Kritikpunkt, der immer wieder gegenüber Nuit Debout geäußert wurde und eng mit der Vorstellung von den »verwöhnten Studenten« zusammenhängt, ist: Es handelt sich dabei um eine Ansammlung von apolitischen Menschen. Aber auch das kann schnell als ein Vorurteil entlarvt werden. Mehr als ein Drittel derjenigen, die sich an der Bewegung beteiligt haben, hatte zuvor bereits mindestens einmal gegen das loi travail demonstriert. Der Anteil der Befragten, die erklärten, trotz der Unzufriedenheit mit den etablierten politischen Strukturen Mitglied einer Partei zu sein, ist mit 17% bemerkenswert hoch. 22% gaben an, Mitglied einer Gewerkschaft zu sein und an diese Beiträge abzuführen. Bürgerengagement oder ehrenamtliche Tätigkeiten in gemeinnützigen Vereinen sind den Besetzer_innen des Place de la République alles andere als fremd. Die Hälfte beteiligt sich an mindestens einer der folgenden Aktivitäten: Flüchtlingshilfe, Suppenküchen, Eltern-Studenten-Vereine, Stadtteilinitiativen, Umweltschutz, Tutor-Tätigkeiten, Organisierung von Festivals, Nachbarschafts-Cafés oder Ähnliches.

    Anders als häufig dargestellt, richteten sich die Mobilisierungen von Nuit Debout nicht gegen die Aktivitäten der traditionellen politischen Organisationen wie linke Parteien oder Gewerkschaften. Diese mobilisierten ihre Anhängerschaft weiterhin gegen das neue Arbeitsgesetz. Zugleich hat man sich aber auf beiden Seiten bemüht, Brücken zwischen den Bewegungen zu bauen. So hat neben Yannis Varoufakis auch Philippe Martinez (Generalsekretär des Gewerkschaftsverbands Confédération générale du travail; Anm. d. Übers.) auf einer der öffentlichen Versammlungen von Nuit Debout gesprochen und der Bewegung Unterstützung zugesagt.

    Theoretische Überlegungen zu den Motiven der Bewegung

    Die hier vorgestellte Erhebung hat eine Reihe von interessanten Befunden zur sozialen Lage und Herkunft der Aktivist_innen von Nuit Debout beigesteuert. Damit können Diskussionen etwa zur beschränkten Reichweite und Repräsentanz der Bewegung qualifizierter geführt werden. Wenn man die hier zitierte Studie ernst nimmt, dann liefert sie zudem eine Reihe von Anreizen, noch einmal genauer über die Motive der Bewegung und die Zielsetzungen des von ihr aufgenommenen Kampfes nachzudenken. Was die Protagonist_innen vereint, ist sicherlich nicht nur das schiere Vergnügen, das es bereiten kann, an einer derart riesigen kollektiven Aktion und Anstrengung beteiligt zu sein. Darüber hinaus scheint es noch eine Reihe von weiteren Punkten zu geben, die diese Menschen verbindet und die vonseiten der Rechten, den wohlwollenderen Kritiker_innen von Nuit Debout und sogar von der Bewegung selbst bislang kaum thematisiert worden sind.

    Die These von einer bürgerlichen Bewegung und einem Generationenkonflikt

    Was sich nach den uns bekannten Forschungsergebnissen nicht länger halten lässt, ist die Behauptung von dem zutiefst bürgerlichen Charakter der Proteste der Nuit-Debout-Bewegung. So wohnt zum Beispiel nur eine Minderheit der Beteiligten in den wohlhabenderen Arrondissements von Paris. Und es gibt auch keine anderen Hinweise – wie zum Beispiel bestimmte Diskussionen oder Forderungen –, die diese These bestätigen würden. Vielmehr ist die grundlegende ideologische Ausrichtung der Bewegung eindeutig »antikapitalistisch«. Was es aber kompliziert macht, Nuit Debout angemessen einzuordnen, ist der hohe Anteil von Hochschulabsolvent_innen an der Bewegung. Die vorliegenden Daten zum sozialen Hintergrund der Protestierenden lassen die Vermutung zu, hier könne es sich vor allem um die Kinder von Eltern in mittleren Management-Positionen handeln, welche die Angst vor dem sozialen Abstieg umtreibt. Viele Kommentare zu Nuit Debout deuten in diese Richtung. Es seien vor allem junge Menschen beteiligt gewesen, die über ihre soziale Degradierung – im Verhältnis zum Status ihrer Eltern – wütend sind. Folgt man dieser Annahme, dann wären die Besetzung in Paris und die Aktionen in anderen Orten eine Art Aufstand von »Deklassierten« gewesen oder nüchterner formuliert: Ausdruck blockierter Aufstiegsmöglichkeiten für nachwachsende Generationen. Der Soziologe Bruno Maresca gehört zu denen, die eine solche These vertreten.

    »Es sind nicht länger die unteren Klassen oder die Arbeiterklasse, die es auf die Straße zieht, um dort für ihre Rechte oder für Lohnerhöhungen zu demonstrieren. Es sind vielmehr tatsächlich die Mittelschichten, die in der Vergangenheit stark vom Zugang zu Bildung und von der Ausweitung von Beschäftigungsmöglichkeiten profitiert haben. Dieses plötzliche Erwachen der »ungeschützten Flanke« der Gesellschaft steht in einem gewissen Widerspruch dazu, dass die Angst vor Deklassierung kein neues Phänomen ist, sondern viele junge Leute bereits seit Beginn der 2000er Jahre umtreibt, seitdem die soziale Ungleichheit in den kapitalistischen Ländern massiv zugenommen hat.
    Es zeigt sich jedoch, dass es der Bewegung um zwei voneinander unabhängige Anliegen geht: Zum einen protestiert sie gegen die Finanzialisierung der Wirtschaft und gegen die Politik der Regierungen, die im Wesentlichen die Interessen der Großkonzerne vertritt; zum anderen versuchen hier Angehörige der Mittelschichten sich gegen eine Entwicklung zu wehren, die mit der Dynamik einer intergenerationalen Aufwärtsmobilität bricht und eine Spirale der Deklassierung mit sich bringt, eine Tendenz, die wir in Frankreich bereits seit etwa zehn Jahren beobachten.«[2]

    Es soll hier nicht abgestritten werden, dass viele Kinder aus Familien, in denen die Eltern über höhere Bildungsabschlüsse verfügen, sich heute selbst in einer eher fragilen beruflichen und sozialen Lage wiederfinden, auch in Frank­reich. Aber es gibt zwei wichtige Aspekte, die der These vom Generationenkonflikt in Bezug auf Nuit Debout entgegenstehen. Zunächst einmal ist Nuit Debout im engeren Sinne keine Bewegung einer bestimmten Generation und sicherlich keine Jugendbewegung. Von Beginn an bemühte man sich in der Bewegung darum, Betreuungsstrukturen aufzubauen, um es Eltern mit kleinen Kindern zu ermöglichen, an den Platzbesetzungen und anderen Aktionen teilzunehmen. Die am besten repräsentierte Altersgruppe in Nuit Debourd ist die der 30-Jährigen, die meisten von ihnen in gehobenen beruflichen Positionen. Bestimmt haben einige von ihnen auch Erfahrungen mit Deklassierung gemacht, dabei handelt es sich jedoch eher um eine Minderheit. Von daher spricht wenig dafür, dass die treibende Kraft der Bewegung der Unmut von Mittelschichtskindern über blockierte Aufstiegschancen ist.

    Die These vom Kampf gegen die Zumutungen des Neoliberalismus

    Bis heute ist der überzeugendste Erklärungsansatz derjenige, der die Bewegung Nuit Debout mit Ereignissen in Verbindung bringt, die als Reaktionen auf die umstrittene Arbeitsmarktreform (loi travail) zu interpretieren sind. Die gemeinsame Großoffensive des französischen Arbeitgeberverbands Medef und der Regierung von Hollande, den Arbeitsmarkt über die Schwächung von Tarifflächenverträgen und eine Lockerung des Kündigungsschutzes zu liberalisieren, hat in Frankreich in 2016 eine riesige Kontroverse ausgelöst. Der erste Gesetzesentwurf hat massiven Protest hervorgerufen und zwischen Februar und Juni 2016 zu zahlreichen Massendemonstrationen und anderen Aktivitäten einer breiten Oppositionsbewegung geführt. Betrachtet man Nuit Debout in diesem Kontext, dann liegt es nahe, die Bewegung als eine Art Ausweitung des Konflikts um das loi travail zu begreifen. Es wurde die Gelegenheit ergriffen, Teile der Gesellschaft anzusprechen und zu mobilisieren, die nicht die unmittelbaren Zielgruppen der geplanten Arbeitsmarktreform, aber strukturell von anderen neoliberalen Dynamiken und Angriffen betroffen sind. So waren zwei Bevölkerungsgruppen in den Mobilisierungen gegen das loi travail besonders präsent: erstens die Beschäftigten im öffentlichen Dienst, die in dem Bereich arbeiten, den Bourdieu »die linke Hand des Staates« genannt hat (im Bildungswesen, in der Forschung, im Gesundheitssystem, als Sozialarbeiter_innen); und zweitens diejenigen, die in der Unterhaltungsindustrie und im Kulturbetrieb tätig sind: Künstler_innen und Schauspieler_innen. Obwohl sie nicht direkt unter die geplanten Gesetzesänderungen fallen werden, hatten sie trotzdem das Bedürfnis, auf die Straße zu gehen und aktiv zu werden, um eine bestimmte Vision zu verteidigen: den Respekt gegenüber der arbeitenden Bevölkerung, eine Wertschätzung und Anerkennung ihrer Leistungen, die in den Aussagen und Maßnahmen der politischen Klasse Frankreich verloren gegangen ist. Diese predigen seit etwa 40 Jahren »Aktivierung«, was in der Praxis bedeutet, das Rentenalter heraufzusetzen und die Rentenleistungen für all diejenigen zu kürzen, die sich nicht ausreichend um Arbeit bemühen, sowie eine verstärkte Lohnkonkurrenz und flexibilisierte Arbeitsbedingungen. Die Diskussionen in den öffentlichen Versammlungen von Nuit Debout waren sehr intensiv und divers, aber der Arbeitnehmerstatus war sicherlich der zentrale Gegenstand der Auseinandersetzungen, nicht als externer Kontext, sondern als gemeinsames Anliegen aller Demonstrant_innen und Platzbesetzer_innen.

    Schließlich kann die Geschichte von Nuit Debout vermutlich am besten verstanden werden, wenn wir sie vor dem Hintergrund von einer Reihe von Kämpfen und Auseinandersetzungen betrachten, die in verschiedenen Sektoren und Bereichen stattfinden. Von der Ankunft prekär beschäftigter Bühnenarbeiter_innen auf dem Place de la République, über die Besetzungen von Krankenhäusern, um Forderungen des Pflegepersonals Nachdruck zu verleihen, bis hin zu der Entstehung von »Taxi Debout«, um gegen Machenschaften des Fahrdienst Uber vorzugehen: Jeder dieser Schritte und Entwicklungen war begleitet von Debatten über die Möglichkeiten und Perspektiven einer Emanzipation der arbeitenden Klassen. Die Frage der Wertschätzung der Arbeitenden stand daher im Zentrum der Besetzungsdynamik und stellte die Frage der Konvergenz neu. Das Unvermögen, Nuit Debout wirklich auszuweiten, wurde sowohl von den Beteiligten als auch von diversen Kommentaren wiederholt thematisiert. In einem Interview mit der Zeitschrift l’Express stellte der Soziologe Olivier Galand zu Recht fest, dass »der Aufruf von Nuit Debout, verschiedene Kämpfe zusammenzuführen, bis auf Weiteres ein theoretischer Anspruch geblieben ist«.[3] Selbst wenn dieses Fazit vor dem Hintergrund der hier präsentierten Forschungsergebnisse, dass die Banlieues in dieser Bewegung der Plätze durchaus vertreten waren, in gewisser Weise modifiziert werden muss, steht fest, dass die Popularisierung und Verbreitung der eigenen Anliegen und Forderungen nur sehr bedingt gelungen ist. Bislang wurde in der Diskussion, warum es so schwierig ist, bestimmte Milieus in die Bewegungen hineinzubringen, meist auf Probleme bei der Ansprache und Mobilisierung verwiesen (langwierige öffentliche Versammlungen, Diskussionen auf einem zu hohen theoretischen Niveau etc.). Aber vielleicht lag das Problem bei Nuit Debout auf einer ganz anderen Ebene und hatte mit dem dort vertretenen Arbeitsbild und -ethos zu tun. Vermutlich unterscheiden sich das Selbstverständnis von Beschäftigten im öffentlichen Dienst oder von Kulturschaffenden sowie ihre Verteidigungsstrategien doch erheblich von denen anderer prekärer oder abgehängter Arbeitnehmer_innen. Damit die Gesamtheit der Lohnabhängigen zusammenfinden kann, wird es unter anderem notwendig sein, ein alternatives Projekt zur Umgestaltung des Arbeitsmarktes zu entwerfen, das auch die zahlreichen Unterstützer_innen der Bewegung aus den unteren Klassen anspricht, die sich bislang eher auf den Zuschauerplätzen oder an den Rändern der Plätze eingerichtet haben.

    Aus dem Englischen von Britta Grell


    Anmerkungen

    1. Die Studie wurde von Stéphane Baciocchi, Pierre Blavier, Erwan Le Méner (alle drei von der École des Hautes Études en Sciences Sociales), Alexandra Bidet, Carole Gayet-Viaud (beide vom Centre national de la recherche scientifique), Manuel Boutet (Universität Nizza) und Lucie Champenois (École normale supérieure de Cachan) durchgeführt. Die ersten Ergebnisse wurden in der Zeitung Le Monde veröffentlicht. Vgl. www.lemonde.fr/idees/article/2016/05/17/nuit-debout-est-un-rassemblement-plus-diversifie-qu-on-ne-le-dit_4920514_3232.html.

    2. Maresca, Bruno (2016): Vers quel nouveau monde nous emmène Nuit Debout?, in: Huffington Post, 20.4.2016, unter: www.huffingtonpost.fr/bruno-maresca/vers-quel-nouveau-monde-nous-emmene-nuit-debout/?utm_hp_ref=fr->.

    3. Galand, Olivier (2016): Nuit debout: »De quelle jeunesse parlons-nous?«, in: l’Express, 19.4.2016, unter: www.lexpress.fr/actualite/societe/nuit-debout-de-quelle-jeunesse-parlons-nous_1784169.html.

     


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