• Die linke Alternative: Suche nach dem Subjekt von Geschichte und Kultur

  • Von Ludmilla Bulavka-Buzgalina | 18 Jul 17 | Posted under: Kunst und Kultur , Linke , Geschichte
  • Die Globalisierung beeinflusst uns immer mehr. Sie eröffnet auf der einen Seite neue Formen einer vernetzten Internetzivilisation, auf der anderen Seite bringt sie unlösbare Widersprüche mit sich. Die Ereignisse der letzten Zeit zeigen, dass heute sowohl für den Westen, wie auch für die russische Gesellschaft nicht das Problem der Modernisierung immer wichtiger wird, dieser Zug ist lange abgefahren, sondern eine Revision der Grundlagen ihrer zukünftigen Entwicklung selbst erforderlich ist. Diese Grundlagen, die von der Bestätigung der Idee des Menschen als Subjekt sozialhistorischer und kultureller Entwicklung der Gesellschaft ausgehen müssten, wären eine linke Idee. Aber das ist nur möglich, wenn das schöpferische Individuum selbst die gesellschaftlichen Verhältnisse verändert, in denen es lebt.

    Nach Marx fällt in der revolutionären Tätigkeit die Selbstveränderung mit der Veränderung der Umstände zusammen. Diese Idee wurde in den Arbeiten führender Marxisten sowohl in Russland (Georgi Plechanov, Wladimir Lenin), als auch in Europa weiterentwickelt. Erich Fromm sagte zutreffend, dass Marx sah, dass keine politische Kraft etwas prinzipiell Neues ins Leben rufen kann, wenn dieses Neue nicht im Schoß der gesellschaftlichen und politischen Entwicklung der gegebenen Gesellschaft schon herangewachsen sei. Deshalb muss und kann man Alternativen zu einer Existenz suchen, in der dem modernen Individuum nur die Rolle einer Funktion zugewiesen ist.

    Die Notwendigkeit einer Erneuerung, die das Wesen des gesellschaftlichen Systems angeht, ist sowohl im Westen als auch in Russland unmittelbar mit der Suche nach einem neuen Vektor der historischen Perspektive verbunden. Wie stellt sich dieses Problem heute dar und wie kann man es lösen?

    Alternativlosigkeit erzeugt eine rückläufige Dialektik

    Vor fast 100 Jahren, im Jahre 1917, forderten die Bolschewiki am Ausgang des Ersten Weltkrieges mit ihrer sozialistischen Alternative den Weltimperialismus heraus. Im postsowjetischen Russland, im Jahre 1991, geschah das Gegenteil. Es wurde nicht nur der liberale Vektor, der Vektor des Rückschritts gewählt. Die Absage an die Suche nach einer Alternative sowohl zum neoliberalen Kapitalismus als auch zum sowjetischen Bürokratismus führte dazu, dass nach dem Fall der UdSSR die Entwicklung des russischen Systems in den Gleisen einer rückläufigen, reversiven Logik verlief. Diese rückläufige Bewegung führte auf der einen Seite zum Zerfall all dessen, was das Potenzial tatsächlicher Entwicklung hätte darstellen können, und auf der anderen Seite zu einer Stärkung alter (sowjetischer) Formen der Entfremdung sowie zur Entstehung einer schon neuen »mutantenkapitalistischen« Form der Entfremdung. Beispiele dafür begegnen uns ständig. Die Ideologen des russischen Liberalismus meinen, eine Alternative zum sowjetischen Bürokratismus kann nur der Markt sein; aber im Ergebnis der Marktreformen erhielten wir als Resultat einer Synthese der schlechtesten Züge des sowjetischen und des kapitalistischen Systems eine korrumpierte Bürokratie.

    Die im Wesentlichen rückläufige Dialektik der Unterordnung der früheren sozialistischen Länder unter die kapitalistische Globalisierung hat ebenfalls eine negative Konvergenz zur Folge. Es ist nicht zufällig, dass die ihnen zugewiesene Rolle im globalen Kapitalismus auf dem Zerfall der eigenen Identität beruht. Deshalb werden wir uns in der weiteren Analyse einem der wichtigsten und am wenigsten erforschten Aspekte der Lehren der vergangenen Jahrzehnte widmen, den sozial-kulturellen Alternativen der Linken.

    Von der UdSSR zu Russland: sechs Lehren aus der Degradation des kulturellen Potenzials des Landes

    Der reversive Kapitalismus in Russland saugt alles Lebendige auf, das in Produktion, Wissenschaft und Kultur noch geblieben war. Das traf alle hart, aber die Linken besonders. Der Grund dafür ist einfach. Die Absorption des kulturellen Potenzials Russlands im Zuge der liberalen Reformen schnitt die Möglichkeit der Formierung einer linken Alternative als kulturelles Projekt ab. Das betrifft sowohl die Ebene der politischen Forderungen als auch die Ebene der praktischen Realisierung.

    Nicht nur der Verlauf der Ereignisse, sondern auch die Lehren dieses schrecklichen Prozesses sind prinzipiell wichtig für die Zukunft. Deshalb werden wir hier die entscheidenden Punkte herausarbeiten.

    Erstens. Im Verlauf der Reformen war das gesellschaftliche Interesse von der Herrschaft des privaten Interesses real überlagert. Dessen Realisierung wurde zum Hauptinhalt aller grundlegenden sozialökonomischen Institute: Markt, Staat, politische Parteien und auch der Kirche.

    Zweitens. In den Jahren der Reformen vollzog sich ein qualitativer Wechsel der Grundlagen des Systems, die seine Entwicklung bestimmen: Während das sowjetische System (bei all seinen Widersprüchen) zur Grundlage das Prinzip der praktischen Veränderung der Wirklichkeit hatte, so ist die Grundlage des modernen russischen Systems das Verhältnis von Kauf und Verkauf, der totale Markt. Der Zerfall der UdSSR stellt sich für die Mehrheit ihrer Bürger auf der einen Seite als historische Katastrophe und persönliche Tragödie und auf der anderen Seite als Eröffnung von Konsumtionsmöglichkeiten der westlichen Zivilisation (in dem Maße und nur für die, die über Geld verfügen) dar. Damit veränderte sich der Sinn ihrer Existenz. In dem Maße, wie die Lebenstätigkeit kulturell-geistiger Inhalte entleert wurde, setzte sich mehr und mehr der Geist des Konsumierens durch. Und wie sich das Marktsortiment beständig erneuert, so wird die Möglichkeit der Konsumtion (bei Vorhandensein der Mittel) unstillbar. Sie schafft den Anschein beständiger Erneuerung. In Wirklichkeit jedoch bringt sie, mit den Worten Hegels, eine »schlechte Unendlichkeit« hervor, die Entwicklung lediglich simuliert. Den beherrschenden Platz im Koordinatensystem des postsowjetischen Individuums nimmt der Raum des Kaufens und Verkaufens ein. In ihm sind die Geschichte der Bewegung und die Kultur aller lebendigen Beziehungen entkleidet. Und diese der Form nach markt­orientierte und dem Inhalt nach tote Existenzweise preisen die Ideologen des russischen Liberalismus als Ideal der modernen westlichen Zivilisation an, zu dem wir angeblich streben müssten. Die Jagd nach Marktglück ist eine Simulation von Bewegung, die nur Sinnleere hervorbringt.

    Drittens. Die Absage an Subjektivität: vom neuen Menschen zum Spießbürger. Der neue Mensch war vor allem ein Mensch, der die Grenzen der alten Welt (die Welt der sozialen Entfremdung) überwand. Er war das Subjekt der Umgestaltung der ihn umgebenden Welt auf der Grundlage der Lösung der Widersprüche, die von der Herrschaft verschiedener Formen der Entfremdung hervorgebracht werden. Aber das ist kein Übermensch. Der neue Mensch ist das Subjekt, das Geschichte und Kultur schafft, für den das Wesen seiner Tätigkeit das Schaffen neuer gesellschaftlicher Beziehungen ist. Im Unterschied dazu verwirklicht der Übermensch seine Kraft nicht in schöpferischer Praxis, sondern in einem System von Machtbeziehungen, bei der Errichtung seiner Herrschaft über die Massen. Aber selbst eine absolute Macht über Massen ist nicht in der Lage, den Übermenschen in ein Subjekt von Geschichte und Kultur zu verwandeln. Er ist durch seine Entfremdung von schöpferisch-gestaltender Tätigkeit immanent auf seine Nicht-Subjektivität zurückgeworfen.

    Ein weiterer Unterschied ist: Wenn der neue Mensch die konkret allgemeine Form des revolutionären Individuums ist, so ist der Übermensch die Quintessenz der konformistischen spießbürgerlichen Massen, über die er seine Herrschaft errichten will.

    Das Wesen des neuen Menschen, hinter dem immer eine konkrete Persönlichkeit stand, bestand darin, dass seine Tätigkeit grundsätzlich darauf gerichtet war, gesellschaftliche Widersprüche der sowjetischen Realität zu identifizieren, um sie tatsächlich zu lösen. Das tat er unter den Bedingungen eines ununterbrochenen Kampfes nicht nur mit inneren und äußeren Feinden, sondern auch mit dem Spießbürger sowie mit der sowjetischen Bürokratie. Ungeachtet dessen war der neue Mensch in der Lage, die Kulturrevolution in den 1920er Jahren zu vollbringen; die Industrialisierung in den 1930er Jahren zu verwirklichen; den Weltfaschismus im Jahre 1945 zu besiegen; als erster 1961 in den Kosmos zu fliegen und im Verlauf der Jahrzehnte der Existenz der UdSSR eine neue internationale Kultur, die sowjetische Kultur zu schaffen.

    Der neue Mensch trägt in sich den Widerspruch seiner Epoche, »fiel aus ihr heraus« und brachte die Widersprüche der Zukunft, die er selber schuf, zum Ausdruck. Dafür zahlte er selbst einen hohen Preis, oft den des eigenen Lebens.

    Das Gegenstück dieser Lebenstätigkeit, die Absage an das Prinzip der Subjektivität, ist dem Wesen der Sache nach nichts anderes als die Absage an die Idee des Menschen als Schöpfer von Geschichte und Kultur. Aber das verwandelt das Individuum objektiv in einen Spießbürger, für den der Raum des Marktes organisch geworden ist.

    Viertens. Die Eliminierung des Menschen als Persönlichkeit. Das moderne System der totalen Entfremdung bietet dem Menschen nur die Rolle einer Funktion. Deshalb existiert er hauptsächlich nicht als Persönlichkeit, sondern als Träger der einen oder anderen abstrakten Zeichen, zum Beispiel einer Reihe verschiedener Ziffern (Bank- oder Kreditkarten, Versicherungsnummern usw.), die er für seine virtuelle Existenz im Internet benötigt.

    Als im 19. Jahrhundert der junge Liberalismus seine Positionen und Ideale klärte, wurde in der russischen Literatur die Frage nach der Tragödie des »überflüssigen Menschen« gestellt. Der nach zwei Jahrhunderten reanimierte russische Zombieliberalismus sagt das unverhohlen und zynisch anders: »Der Mensch ist überflüssig.« In der ökonomischen Sphäre ist der Mensch eine Funktion des Kapitals und des totalen Marktes. In der Politik ist er nicht mehr als eine Einheit elektoralen Planktons. In der Kultur ist er nicht Autor, sondern im besten Falle Interpret fremder Texte oder privater Kommentator von Nachrichten.

    All dies ist gesetzmäßig: Die globale Hegemonie des Kapitals ist nur fähig, ein privates Individuum hervorzubringen, anonym der Form und entfremdet dem Inhalt nach. In der Regel treibt dies das Individuum in reaktionär-konservative Formen privaten Daseins, verwandelt es in einen Träger der Entfremdung. Eine Epidemie, die heute nicht weniger gefährlich ist, als es die mittelalterlichen Pestepidemien waren.

    Fünftens. Die Entfremdung des Individuums von der Kultur. Soziale Praktiken, die Alternativen zur Welt der Entfremdung sind, stellen die Frage eines alternativen kulturellen Raumes. Und das ist eines der aktuellsten Probleme der Linken im 21. Jahrhundert.

    Das private Individuum heute wird einerseits immer mehr anonymisiert, andererseits immer abhängiger von den globalisierten Netzen des Marktes und der Bürokratie. Dieser ungelöste Widerspruch wird zur wichtigsten Voraussetzung der Entwicklung der gesellschaftlichen Realität durch die »Globalisierung der totalen Entfremdung«. Damit wird die Entfremdung des Individuums von der Kultur ebenfalls immer totaler. In seiner Eigenschaft als Funktion der Netze beginnt das Individuum selbst gewollt oder ungewollt an der Reproduktion dieser Netze zu arbeiten, und schließlich an der Produktion von Simulationen der Kultur, wie es zum Beispiel im Falle der Gamer oder Cybersportler ist. Das private Individuum der Epoche der neoliberalen Globalisierung wird im Unterschied zum »Massenmenschen« der Konsumgesellschaft des 20. Jahrhunderts nicht nur zum Träger, sondern auch zum Produzenten verschiedenartiger Kultursimulationen. Wenn man berücksichtigt, dass sich die Produktion massenmedialer Inhalte in eine Lokomotive der Weltwirtschaft verwandelt hat, schrittweise auch zur dominierenden Form des modernen globalen Marktes wird, so wächst objektiv auch die Bedeutung der Konsumenten, die an der Reproduktion dieser Art von Geschäft arbeiten. Die Konsumtion simulierter Kultur macht schließlich das Leben des Menschen selbst zu einer Simulation.

    Sechstens. Die Entfremdung des Individuums von schöpferischer Tätigkeit. Die Entfremdung des tätigen Menschen von der eigenen schöpferischen Tätigkeit wird immer mehr zu einem Paradox des gegenwärtigen Kapitals, das das Wachstum einer sogenannten »kreativen Klasse« provoziert. Die Gewalt des »Technologismus« verwandelt den schöpferischen Menschen schrittweise in eine Funktion, die die Bestellungen des Marktes bzw. politischer Institute bedient – daher die massenhafte Beschäftigung der talentiertesten Beschäftigten in solchen Sphären der Produktion von Simulationen wie Reklame, Public Relations, Finanzgeschäfte usw.

    Der moderne Mensch verbindet Schöpfertum mit etwas Abgeschlossenem, Sich-Entwickelndem, Verändertem. Aber die reversiven Formen der Wirklichkeit, die über ihn herrschen, empfindet er schon als etwas Transzendentes, in Zeit und Raum absolut Unveränderliches, und daher nicht Kritisierbares. Seine Weltanschauung beruht, in der Regel, auf der Anerkennung der herrschenden Beziehungen der Entfremdung als absolut unveränderlicher Realität, die sein Dasein bestimmt, aber die von ihm in keiner Weise abhängt. Da das Individuum wegen seiner Entfremdung von der Realität nicht sozial-tätiges Subjekt werden kann, ist ihm die Möglichkeit genommen, die Widersprüche dialektisch aufzugreifen und kritisch zu analysieren. Diese Veränderungen der Kultur, die Resultat der 25 Jahre anhaltenden liberalen Reformen in Russland sind, spiegeln in einer karikaturistischen, grotesken Weise analoge Probleme im Westen wieder.

    Das Ideal des neuen Menschen als Subjekt der historischen Umgestaltung wurde ersetzt durch das kleinbürgerliche Ideal des Spießbürgers, dessen Wesen eine Existenz ist, die komfortabel in der Form und markt- und prestigeorientiert dem Inhalt nach ist. Der Gerechtigkeit halber muss gesagt werden, dass die spießbürgerliche Tendenz auch in der UdSSR existierte (Majakowski schrieb viel darüber). Aber das wichtigste ist, dass der postsowjetische reversive Kapitalismus sie intensiv entwickelt und geistig und ethisch legitimiert hat.

    Ausbruch aus der Welt der Entfremdung: Herausforderungen

    Eine Kulturpolitik der Linken muss davon ausgehen, dass die gegenwärtig herrschenden Spielregeln, die vom globalen Kapital bestimmt werden, nicht unsere Sache sind. Wir müssen und können entschieden nein sagen: Das betrifft erstens die totale Kommerzialisierung des menschlichen Lebens überhaupt und der Kultur im Speziellen; zweitens sagen wir nein zum privaten Menschen und seinem Alter Ego, dem Individualismus des Privateigentümers; drittens sagen wir nein zur Absage an Subjektivität und zur Verspießbürgerlichung des Menschen; viertens zur Eliminierung des Menschen als Persönlichkeit: fünftens zur Entfremdung des Menschen von Kultur und schöpferischer Tätigkeit.

    Diese Imperative scheinen offensichtlich zu sein (auf jeden Fall sind sie offensichtlich für die Mehrheit der demokratischen Linken in Russland), aber bei ihrer Entzifferung und Verwandlung in praktische Losungen erweisen sie sich für viele Linke im Westen als unbestimmt. Das hängt damit zusammen, dass diese Imperative nicht nur eine Absage an die Methodologie, sondern auch an die Praxis des postmodernen Monismus voraussetzen. Es geht um die Wiederherstellung großer Narrative, und das nicht nur in Theorie und Politik, sondern auch in Ideologie, Ethik und Ästhetik.

    Sie setzen eine Bestimmtheit unserer Position zu Kriterien des Fortschritts voraus; und das bedeutet Positionen zu Gut und Böse, Schönheit und Hässlichkeit, Bestimmtheit in Fragen der Ethik und Ästhetik. Es geht nicht darum, welches Bild dem Kriterium des Fortschritts entspricht und welches nicht. Die Menschen und die Gesellschaft müssen wir davon überzeugen, dass Kriterien des Fortschritts bestehen. Wir schlagen sie jedoch vor und drängen sie nicht auf.

    Für viele Linke erscheinen solche Worte veraltet und als Nachklang totalitären Bewusstseins. Auf dem Feld postmoderner Gleichgültigkeit werden Linke jedoch ohne Bestimmtheit der Politik in Bezug auf soziale Fragen der Kultur dem Neoliberalismus stets unterliegen. Außerdem werden wir im Kielwasser neoliberaler Politik auch gegen die extreme Rechte verlieren. Sie hat eine reaktionäre, aber bestimmte Position, und für die dem Geist des Postmodernismus fernstehende Mehrheit ist eine jede Bestimmtheit besser als keine.

    Wenn wir über das Subjekt der sozialistischen Alternative sprechen, müssen wir noch eine weitere wichtige Frage stellen: Auf welcher Grundlage ist es heute möglich, die Kräfte zusammenzubringen, die eine Alternative zur Globalisierung der Entfremdung errichten können? Kann es sein, dass der Nationalstaat hier Lösungen anbietet? Eine derartige Tendenz wird unter Konservativen immer populärer. Hier ist es wichtig, sich wiederum an positive Praktiken und Lehren der UdSSR zu erinnern. Das Prinzip des Universalismus war eine der wichtigsten Stützen der drei Eckpunkte der sowjetischen Erfahrungen: der Revolution, der Kultur und des Widerstehens gegenüber dem Faschismus. Genau aus diesen drei miteinander verbundenen Säulen des sowjetischen Erbes erwuchs die große Brüderlichkeit der Völker nicht nur unseres Landes, sondern, und das ist besonders wichtig, der Welt insgesamt. Und schließlich die wichtige Frage: Auf welcher Grundlage kann man die Beziehungen zwischen verschiedenen Völkern mit unterschiedlichen Kulturen, Religionen und Gewohnheiten ordnen? Notwendig ist ein Dialog aller Seiten. Hier kann eine kritische Analyse der Vergangenheit viel für das Heute und Morgen bringen.

    Auf die Zukunft durch die Analyse der Vergangenheit schauen

    Es mag sein, dass man sich deshalb heute in Russland, in einem Land, wo sich wie in einem Brennglas die Widersprüche des globalen Kapitals bündeln, immer öfter der Analyse der sowjetischen Praxis zuwendet. Allerdings suchen unterschiedliche Kräfte dabei Unterschiedliches.

    Man kann vielleicht drei grundlegende Tendenzen ausmachen:

    • die stalinsche-imperiale,
    • die sozial-paternalistische,
    • die subjektiv-handlungsorientierte.

    Die Hinwendung zur Idee der UdSSR ist auch damit verbunden, dass dahinter ein historischer Präzedenzfall steht, dessen Entwicklungslogik, ungeachtet aller Widersprüche, die Gesellschaft und das Individuum auf die Magistrale der Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts gehoben hatte. Das heutige Interesse am Sowjetischen ist neben der Nostalgie auch ein Versuch, durch eine kritische Analyse der Vergangenheit Brücken in die Zukunft zu errichten. Es geht nicht um Nostalgie, sondern um eine Renaissance, eine kritische Erforschung der sowjetischen Erfahrung, und in erster Linie der kulturellen.

    Soziales Schöpfertum – Durchbruch zur Kultur

    Eine eigene Art der Provokation in einer solchen Diskussion könnte die Hinwendung zu sozialen und kulturellen Praktiken in der Sowjetunion der 1920er Jahre sein. In dieser Periode spielten die Stalinschen Deformationen noch keine bestimmende Rolle und die Keime der sozialen Befreiung wie auch die Widersprüche bei der Geburt einer neuen Welt und Kultur waren verhältnismäßig klar sichtbar. Letzteres gilt auch für den Widerspruch zwischen der objektiven Notwendigkeit der Einbeziehung der breiten Massen in den Prozess der sozialen Umgestaltung und dem Fehlen des dafür notwendigen kulturellen Potenzials.

    Die Lösung dieses Widerspruchs und die Vereinigung des Enthusiasmus des Proletariats mit der Kultur waren Gegenstand scharfer Diskussionen, die schon vor der Revolution begonnen hatten. Charakteristisch für das Herangehen der Mehrheit der Intelligenz an die Lösung dieses Widerspruchs war, dass man erst das kulturelle Niveau des Proletariats heben müsse, erst dann würde es die Revolution in Angriff nehmen.

    Die Position der Bolschewiki zu dieser Frage war auf marxistische Weise dialektisch: Nur durch die unmittelbare Einbeziehung der revolutionären Massen in die Praxis der gesellschaftlichen Umgestaltungen kann man bei ihnen ein objektives Bedürfnis nach Kultur erzeugen, wobei es wichtig ist, dies eng mit ihren materiellen Interessen zu verbinden. Versucht man das zu umgehen, riskiert man bei den ersten Brüchen in der sozialen Realität einen Zerfall.

    Die Notwendigkeit des Einschlusses des revolutionären Individuums in die gesellschaftliche Umgestaltung bringt bei ihm das objektive Bedürfnis nach Kultur hervor. Dieses Bedürfnis wurde von drei Umständen diktiert: Erstens, der Notwendigkeit des materiellen Umbaus der Welt, die von Krisen zerstört und verkrüppelt und durch einen gerade beendeten Krieg erschüttert war. Zweitens, dem Bestreben, die politischen Errungenschaften zu sichern, die in einem schweren Klassenkampf verteidigt worden waren. Drittens, von der Aufgabe zu verstehen, wie man die Welt in Übereinstimmung mit den eigenen Klasseninteressen umbauen könnte. All das verwandelte Kultur in eine unabweisbare Notwendigkeit.

    Die Praxis der sozialen Umgestaltung brachte beim revolutionären Individuum nicht nur ein Bedürfnis nach Kultur hervor, sondern forderte von ihm auch diese Kultur im umfassendsten Sinne des Wortes ein. Die Bestätigung der Subjektivität des revolutionären Individuums war in dieser Periode Folge der Tätigkeit, die mit der grundlegenden Veränderung des gesellschaftlichen Systems verbunden war und die man mit vollem Recht »soziales Schöpfertum« nennen kann. Das Individuum selbst schuf qualitativ neue gesellschaftliche Verhältnisse, indem es die Herrschaft der äußeren Mächte der Entfremdung (die Macht des Marktes, Kapital, Staat usw.) beseitigte.

    Deshalb trug das soziale Schöpfertum der 1920er Jahre nicht nur die Logik der Lösung gesellschaftlicher Widersprüche in sich, sondern war auch eine Form der Entwicklung der Persönlichkeit des revolutionären Individuums in all seinem Reichtum konkreter Erscheinungen und potenzieller Möglichkeiten. Diese Erfahrung der UdSSR zeigt, dass die gemeinsame Praxis der Veränderung der realen Welt nicht einfach eine abstrakte Idee (eine nationale, religiöse oder politische) war, sondern die materielle Grundlage für das Entstehen eines echten Internationalismus in der sowjetischen Geschichte und des Prinzips des Universalismus in der sowjetischen Kultur.

    ***

    Fassen wir zusammen: Die Absage an das subjektive Sein des Menschen in Geschichte und Kultur bedeutet real das Ende von Kultur und Geschichte – und schließlich des Menschen selbst. In einem seiner Gespräche mit Gustav Janouch antwortete Franz Kafka auf die Frage, ob er meine, dass der Mensch nicht mehr Mitschöpfer der Welt sei, dass er ihn offensichtlich nicht richtig verstanden habe. Im Gegenteil – so Kafka – der Mensch habe sich selbst von der Teilnahme an der Schaffung der Welt und damit seiner selbst verabschiedet. Die Mehrheit der Menschen lebe ohne Bewusstsein der überindividuellen Verantwortung. Darin liege die Quelle allen Übels.

    Aus dem Russischen von Lutz Brangsch


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