• Die Zukunft der Arbeit: Weder Utopien noch Dystopien, sondern neue Territorien der Akkumulation und des Kampfes

  • Von Ursula Huws | 18 Jul 17 | Posted under: Kapitalismus heute , Labour , Informationsgesellschaft
  • Vermutlich gibt es nicht allzu viele Marxist_innen, die an ein Leben nach dem Tod glauben. Von daher mag es manchen eher pervers erscheinen, sich Karl Marx vorzustellen, wie er irgendwo im Himmel auf einer Wolke sitzt, auf die Erde herabblickt und über den gegenwärtigen Zustand der Linken sinniert. Wenn man aber für einen Moment die eigene Ungläubigkeit beiseiteschiebt und sich dieser Phantasie hingibt, dann kommt man kaum umhin, sich auszumalen, wie Marx einen langen Seufzer von sich gibt, verärgert und enttäuscht über die kollektive Amnesie, die uns erfasst hat und uns offensichtlich daran hindert, aus der Geschichte zu lernen. Was er von seinem flauschigen Thron aus sehen würde, ist – genauso, wie er es vorausgesagt hatte – die verheerende Gewalt eines Kapitalismus, mächtiger denn je, der gerade dabei ist, sich von einer seiner vielen Krisen zu erholen. Er hinterlässt dabei eine Spur der ökologischen und menschlichen Verwüstungen, die noch schlimmer ist als all das, was wir bis dahin kannten. Genauso wie die Krise von 1973 und jene zu Beginn der 1990er Jahre hat die 2007/08 einsetzende weltweite Krise eine massive Welle der Zerstörung entfesselt. Unzählige Millionen an Vermögenswerten, sowohl materiell als auch immateriell, sind vernichtet und unzählige Fabriken geschlossen worden. Und Hunderttausende Arbeiter_innen haben dafür einen hohen Preis gezahlt. Vielerorts haben sich ihre Arbeitsbedingungen weiter verschlechtert, viele haben ihre Stelle verloren und leiden dazu noch unter der Wertminderung ihrer Ersparnisse sowie unter den negativen Folgen der mit der Krise gerechtfertigten Austeritätsmaßnahmen ihrer Regierungen.

    Jetzt, da sich der Staub allmählich zu legen beginnt, ist kaum zu übersehen, dass der Kapitalismus noch immer quicklebendig ist. Er hat Umstrukturierungen durchlaufen, neue Felder der Kapitalakkumulation aufgetan und sich neue Märkte erschlossen. Das Kapital hat selbst in den Bereichen, in denen die Arbeiterschaft früher einmal einen hohen Organisationsgrad hatte und relativ schlagkräftig war, eindeutig die Oberhand gewonnen und Wege gefunden, wie es sich die arbeitende Bevölkerung und die industrielle Reservearmee unterwerfen kann. Selbstverständlich ist solch ein Prozess, wie die Geschichte lehrt, voraussetzungsvoll. Jede kapitalistische Innovation benötigt Arbeiter_innen, die diese hervorbringen und umsetzen, jeder Umgestaltungsprozess setzt eine neue Dialektik in Gang, aus der sich neue Widersprüche ergeben können. Aber selbst die eifrigsten Optimist_innen unter uns müssen wohl zugeben, dass zum jetzigen historischen Zeitpunkt die Proletarier_innen dieser Welt alles andere als vereint sind und die Vorstellung von einer unmittelbar bevorstehenden Revolution relativ abwegig erscheint.

    Wie jedoch konnte es dazu kommen? Was verleiht dem Kapitalismus diese erstaunliche Fähigkeit, der augenscheinlichen Logik des tendenziellen Falls der Profitrate und der Sättigung der globalen Märkte dauerhaft zu trotzen und sich in dieser phönixhaften Weise immer wieder neu zu erschaffen?

    Ich werde im Folgenden – wie bereits zu verschiedenen Anlässen seit den 1970er Jahren – darlegen, dass ein Grund für die bemerkenswerte Zähigkeit des Kapitalismus mit seinem Vermögen zusammenhängt, sich auf immer weitere (Lebens-)Bereiche auszudehnen, die zuvor außerhalb seines Zugriffs lagen, und sich diese einzuverleiben. Bevor ich näher darauf eingehe, erscheint es sinnvoll, kurz auf gängige Argumente einzugehen, die uns einen nüchternen Blick auf die Zukunft der Arbeit verstellen, weil sie ganz maßgebliche Veränderungen der Arbeitswelt nicht als Teil der ökonomischen Entwicklung erkennen. Solche Argumente werden sowohl von linker Seite als auch vom akademischen Mainstream vorgebracht und haben inzwischen Eingang in die Alltagskultur gefunden.

    Die Zukunft der Arbeit: Begriffliche Verwirrung, Utopien und Dystopien

    Mitverantwortlich für die allgemeine Verunsicherung und Konfusion ist der gängige Technologiediskurs, der mit jeder Wendung im Boom-und-Bust-Zyklus frische Nahrung erhält und neue Mythen produziert. Es liegt in der Natur von Innovationen und Trends, dass bei ihrem Aufkommen zunächst die Begriffe fehlen, mit denen man sie angemessen kennzeichnen könnte. Sie lassen sich auch nicht mithilfe offizieller Statistiken, deren Grundlage bereits etablierte Kategorien sind, erfassen. Da es an verlässlichen empirischen Informationen mangelt, fühlen sich alle möglichen Fachleute dazu berufen, seien es Akademiker_innen, Journalist_innen, Politiker_innen oder Wirtschaftsvertreter_innen, aus welchen Motiven auch immer – Neugier, Unverständnis, Selbstdarstellungsdrang oder echte Sorge –, Interpretationen anzubieten und zum Teil waghalsige Thesen dazu aufzustellen, wie die Veränderungen, die sie mit ihren Schlagworten vorgeben zu beschreiben, in Zukunft unser Leben völlig umkrempeln werden. In den 1970er und frühen 1980er Jahren war noch viel von »Informatik«, »Telematik«, »Datenautobahnen«, einer neuen »Informa­tionsgesellschaft« oder ganz schlicht von »neuen Technologien« die Rede. Spätestens in den 1990ern wurden diese Begrifflichkeiten von Phrasen wie »wissensbasierte Ökonomie«, »gewichtslose Ökonomie«, »digitale Ökonomie« oder einfach »New Economy« abgelöst. Nach dem Platzen der Dotcom-Blase zur Jahrtausendwende gerieten diese Bezeichnungen wiederum aus der Mode und wurden durch neue ersetzt, die weiterhin die gegenwärtige Diskussion bestimmen, wie »Plattform-Ökonomie«, »Gig-Ökonomie«, »Sharing Economy«, »Netzwerk-Ökonomie« oder Ähnliches.

    Jedes Mal heißt es, es stehe eine neue industrielle Revolution bevor (ob diese als die zweite, die dritte oder die vierte gilt, hängt von der jeweiligen Weltanschauung ab), weswegen die bekannten ökonomischen Gesetzmäßigkeiten nicht länger greifen würden und für das neu angebrochene Zeitalter neu bestimmt werden müssten. Und immer wird stillschweigend vorausgesetzt, es handele sich bei diesem technologischen Wandel um einen unaufhaltsamen und wünschenswerten Fortschritt. Nach einer eher oberflächlichen Kosten-Nutzen-Analyse wird diesem in der Regel eine Reihe von gesellschaftlichen und kulturellen Errungenschaften attestiert, die alle weniger erfreulichen Nebenwirkungen wettmachen würden.

    Manche Beobachter_innen, insbesondere diejenigen Marxist_innen, die es noch gewohnt sind, Wissenschaft und Fortschritt gleichzusetzen, sehen mit jeder dieser technologischen Umwälzungen die postkapitalistische Welt ein Stück näher rücken, eine Gesellschaft, in der wir frei über unsere Zeit verfügen können, es Wohlstand für alle gibt und die Arbeit wieder schöpferisch und unabhängig sein kann. In dieser Perspektive werden uns die grenzenlosen Produktivitätszuwächse, die mit dem technologischen Fortschritt einhergehen, irgendwann dazu verhelfen, all unsere Bedürfnisse zu befriedigen, ohne dass sich dafür weiterhin jemand abschinden muss. Sie werden uns darüber hinaus eine Unmenge an freier Zeit schenken, wovon die gesamte Bevölkerung profitieren wird.

    Diesen utopischen Szenarien stehen pessimistische Einschätzungen gegenüber, die sich auf die Realitäten in bestimmten Industrien und Tätigkeitsfeldern stützen, in denen die Auswirkungen der fortschreitenden Automatisierung besonders deutlich zutage treten. Technologien, so die Argumentation hier, kommen nicht einfach deshalb zur Anwendung, weil es sie gibt, sondern deswegen, weil die Anwender_innen damit bestimmte Zwecke verfolgen. In einem kapitalistischen System sind die Unternehmen, insbesondere dann, wenn dieses System gerade eine weitere Krise überstanden hat, darauf aus, ihre Profitabilität wiederherzustellen. Und eine der naheliegendsten Methoden hierfür ist, gerade in jenen Sektoren, in denen die Arbeitskosten schon immer sehr hoch waren, zum Mittel der Automatisierung zu greifen – wohl kaum, um damit mehr Muße für die Arbeitenden zu schaffen, sondern um die Rentabilität und Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens zu stärken. Großkonzerne, die sich dies leisten können, werden daher in der Regel versuchen, mit modernsten Technologien insbesondere kapitalintensive Bereiche umzustrukturieren, weil hier die Beschäftigten meist gut verdienen und somit die größten Einsparungen zu erwarten sind. Und weil gute Löhne nichts sind, was einfach vom Himmel fällt, sondern in der Regel das Ergebnis von harten Kämpfen in der Vergangenheit, handelt es sich hierbei vermutlich um die Sektoren des Arbeitsmarktes, in denen die Beschäftigten noch relativ gut gewerkschaftlich organisiert sind und deswegen vom Kapital als besonders lästig wahrgenommen werden. So wie die Weber_innen im 18. Jahrhundert unter denjenigen waren, die an vorderster Front der damaligen Auseinandersetzungen standen, so waren es in den 1970er Jahren die Drucker_innen und Automobilarbeiter_innen.

    Diese gut organisierten Gruppen von qualifizierten, verhältnismäßig gut bezahlten Arbeiter_innen, dieser sichtbarste Teil der Arbeiterbewegung, neigen dazu, sich in bestimmten Gegenden und Landesteilen zu konzentrieren, was spezifische historische und räumliche Entwicklungsmuster des Kapitalismus reflektiert. Zu Beginn der ersten industriellen Revolution gab es eine hohe Konzentration von Weber_innen im Norden von Großbritannien; Detroit, Coventry und São Paulo waren lange Zeit Hochburgen der Autoindustrie, hier lassen sich heute die negativen Auswirkungen der Arbeitsplatzverluste in dieser Branche besonders gut studieren. Arbeiter_innen sind zugleich Konsument_innen, von daher schauen sich viele Analyst_innen den Niedergang dieser Städte an und versuchen, den daraus entstandenen wirtschaftlichen Schaden zu bemessen. Daraufhin werfen sie einen Blick auf die Arbeitsmarkt­entwicklung in anderen entwickelten Industriestaaten (definiert durch bestimmte Berufe und Tätigkeiten in den gängigen Wirtschaftssektoren) und nehmen (basierend auf Annahmen zu den Möglichkeiten der Technologien, mit denen sie vertraut sind) weitere Ableitungen vor. Webstühle, so ihre Argumentation, kaufen keine Kleidung und Roboter kaufen keine Autos. Daher ihre Warnung: Die fortschreitende Automatisierung wird zu einer Abwärtsspirale durch Überproduktion führen, verbunden mit Massenarbeitslosigkeit und Krise der Unternehmen, weil es nicht mehr genug Konsument_innen geben wird, die ihre Produkte kaufen. Die Schlussfolgerung: Der Kapitalismus wird implodieren, da die Märkte, auf deren ständige Expansion er angewiesen ist, um seinen unersättlichen Appetit auf Wachstum zu stillen, nicht ins Unendliche ausgedehnt werden können.

    Gegenwärtig stecken wir mitten in dieser Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Zukunftsentwürfen, wobei das eine Lager von utopischen Vorstellungen bestimmt ist, in denen die »Sharing-Ökonomie« oder »Peer-to-Peer-Netzwerke«[1] als Vorläufer einer »Welt ohne Arbeit«[2] gelten, einer Welt, in der Dienstleistungen und Güter (einige davon selbst hergestellt mithilfe von 3-D-Druckern) auf kybernetisch regulierten dezentralisierten Märkten individuell und bedarfsorientiert getauscht werden können. Dieser optimistischen Perspektive widersprechen alarmierende Berichte, mit denen Thinktanks und deren Wirtschaftsexpert_innen[3] vor einer drohenden, fast schon unvermeidlichen Massenarbeitslosigkeit warnen.

    Diesen sich scheinbar konträr gegenüberstehenden Ansichten bzw. Prognosen liegen ähnliche Falschannahmen zugrunde. Gemeinsam ist ihnen eine gewisse Kurzsichtigkeit oder gar Blindheit, weil sie beide von der uns vertrauten Arbeitswelt als einer festen Größe ausgehen und annehmen, dass, wenn sich diese verändern sollte, ihr Wandel sich im Rahmen der gegenwärtig vorhandenen Restriktionen und bekannten Bedingungen vollziehen wird. Wenn die Technologiebefürworter_innen etwa über Arbeiten sprechen, die in einer postkapitalistischen Welt von allen geteilt bzw. übernommen werden könnten, dann meinen sie in die Regel nur die Tätigkeiten, die im gegenwärtigen Kapitalismus entlohnt werden und auch in den Statistiken auftauchen. Hier gibt es Parallelen zu den utopischen Konzepten von André Gorz[4] und Ivan Illich[5] aus den 1970er und 1980er Jahren, die ähnlich über die neue Arbeitswelt nachgedacht haben. Meist verläuft die Argumentation folgendermaßen: Man nimmt die totale Zahl an geleisteten Arbeitsstunden in einer Nationalökonomie als Grundlage, rundet diese auf und teilt sie dann durch die Zahl aller Erwerbsfähigen, um damit zu zeigen, dass die durchschnittliche Arbeitszeit pro Woche heute schon deutlich reduziert werden könnte, ohne dabei größere Abstriche bei der Lebensqualität in Kauf nehmen zu müssen.

    Dabei findet die unbezahlte Reproduktionsarbeit, die Voraussetzung bezahlter Arbeit ist, wenn überhaupt, nur am Rande Erwähnung. Wir kommen allerdings nicht umhin, uns zu fragen, »wer die Toilette putzt, während Adam bloggt«.[6] Viele scheinen davon auszugehen, dass sowohl die Bedürfnisse des Menschen als auch die Arbeitsteilung, wie wir sie kennen, unveränderliche Konstanten sind.

    Bei einer Reihe von Ansätzen, die zu bestimmen versuchen, wie sich die Automatisierung auf die Beschäftigungssituation auswirken wird, stoßen wir auf eine ähnliche Nullsummenlogik. Es wird oft so getan, als seien »Jobs« eine fixe Größe, von der nur eine begrenzte Anzahl vorhanden ist. Stattdessen sollten wir uns stärker mit den zahlreichen Umstrukturierungen infolge der ausdifferenzierten neuen technischen Arbeitsteilung befassen, wie sie sich derzeit überall entlang der Wertschöpfungskette beobachten lassen. Sie führen nämlich dazu, dass an manchen Stellen und in bestimmten Bereichen Arbeitsplätze verlorengehen, zugleich aber anderorts neue entstehen.

    Denken wir etwa an die Entwicklung, Fertigung und Montage all der Komponenten, die für die Herstellung von Robotern, Drohnen und 3-D-Druckern benötigt werden, die in Zukunft bei der Rohstoffförderung viele menschliche Arbeitskräfte ersetzen werden. Sie müssen nicht nur entworfen und zusammengebaut, sondern auch ständig überprüft und gewartet werden. Es werden auch Arbeitskräfte für das Management der Lieferketten und den Kundenservice gebraucht sowie für den Aufbau und den Unterhalt der Logistik, mithilfe derer diese Maschinen von der Fabrik auf das Containerschiff und von dort aus auf den Zug, ins Lager und schließlich zum Kunden gelangen. Ganz zu schweigen von der vielen Arbeit, die Grundlage für die gigantische Informations­infrastruktur ist, mit der globale Wertschöpfungsketten am Laufen gehalten werden: Satelliten, Glasfaserkabel, Stromleitungen, unzählige Steckdosen, Adapter, Ladegeräte, Bildschirme, Keyboards, Smartphones, Headsets, Router, Batterien und all die anderen Utensilien, die meist kurz nach dem Kauf schon wieder im Müll landen und ständig erneuert werden müssen. Hinzu kommen die Arbeiten, die fast immer vergessen werden: All dies muss gereinigt und sauber gehalten werden.

    In diesem Beispiel geht es nur um die Ablösung bzw. Umgestaltung körperlicher Tätigkeiten bei der Rohstoffgewinnung und in der verarbeitenden Industrie durch die Einführung neuer Technologien und Instrumente, aber selbst dieser Bereich unterliegt ganz offensichtlich äußerst dynamischen Prozessen. Es entstehen neue Arbeitsplätze, während andere vernichtet werden und es zur Entwertung bestimmter Qualifikationen kommt. Es sind nicht immer die gleichen Bereiche oder dieselben Orte, in denen neue Aufgabenfelder und Stellen geschaffen werden. Zudem ist davon auszugehen, dass diese neuen Jobs oftmals andere Fertigkeiten und Kompetenzen von den Menschen verlangen. Zu diesen Umstrukturierungsprozessen gehören das Outsourcing ausgewählter Tätigkeiten und Aufgaben an andere Unternehmen oder Sektoren, Verschiebungen von einer Region in die nächste oder die Verlagerung ganzer Produktionsabläufe in andere Länder.

    Damit geht eine räumliche Reorganisierung der Arbeit einher, es ergeben sich neue Muster der Agglomeration und Verbreitung sowie neue zentripetale und zentrifugale Dynamiken. Und obwohl kapitalintensive Funktionen tendenziell auf die Konzentration von hoch qualifizierten Arbeitskräften an spezifischen Orten angewiesen sind, etwa in der Nähe von Forschungs- und Entwicklungszentren, und Routinefunktionen in der Regel räumlich stark verteilt sind, sind diese keine natürlichen oder unumstößlichen Gesetzmäßigkeiten. Je standardisierter und routinisierter die von ihnen durchgeführten Tätigkeiten sind, desto leichter können Arbeitskräfte durch andere ersetzt werden. Modularisierte Aufgaben können auf verschiedenste Weise kombiniert und neu zusammengesetzt werden, fast so wie Legobausteine, in allen denkbaren räumlichen und vertraglichen Varianten, abhängig davon, welche Konfiguration den Arbeitgeber_innen gerade am besten passt.

    Neue Territorien der Kapitalakkumulation

    Für viele Beschäftigte bringen solche Umstrukturierungen in verschiedenen Branchen und Industrien brutale Konsequenzen mit sich. Allerdings handelt es sich aus Sicht der Unternehmen um meist nicht viel mehr als eine notwendige Maßnahme zum Erhalt des früheren Gewinnniveaus, indem die Arbeitskosten reduziert werden und der Ausbeutungsgrad erhöht wird. Für seine Weiterentwicklung ist der Kapitalismus aber zusätzlich auf neue Felder der Akkumulation und auf die Herstellung neuer Warentypen angewiesen, aus denen er Profit schlagen kann.

    In anderen Worten: Er bedarf eines kontinuierlichen Prozesses, den englischsprachige Marxist_innen in der Vergangenheit häufig als »primitive Akkumulation« bezeichneten und den David Harvey später mit »Akkumulation durch Enteignung« umschrieben hat,[7] was man wiederum als eine Paraphrasierung von »Eigentum ist Diebstahl« verstehen kann, dem vielzitierten Satz von Pierre-Joseph Proudhon, einem der berühmtesten Vertreter des Anarchismus. [8]

    Kommodifizierung der Natur

    Kommodifizierung der Natur meint all diejenigen Akkumulationsstrategien, mit denen überall auf der Welt eine verschärfte Ausbeutung natürlicher Ressourcen vorangetrieben wird und die zur Grundlage neuer Industrien (und neuer Arbeitsplätze) werden. Hierzu zählen die massive Landnahme und die Kolonisierung selbst von Meeresböden zum Zweck der Ressourcenextrahierung, der Plantagenlandwirtschaft oder der Fisch- und Viehzucht – und dies in einem Ausmaß, dass diese Veränderungen selbst vom Weltall aus sichtbar sind. Weniger auffällig, aber dafür genauso einschneidend und problematisch sind die Aneignung, Manipulation und Privatisierung von genetischen Elementen des Lebens, um damit neue Arzneimittel, patentiertes Saatgut und andere »biobasierte Produkte« herzustellen.

    Kommodifizierung von öffentlichen Gütern und Diensten

    Mit dem Konzept »Akkumulation durch Enteignung« lässt sich darüber hinaus ein weiteres riesiges neues Feld der gegenwärtigen Kapitalakkumulation ganz gut erfassen: die Privatisierung und Kommodifizierung von öffentlichem Eigentum oder von dem, was unter »Commons« verstanden wird. Dabei werden verschiedenste Güter der öffentlichen Hand oder dem Gemeineigentum entzogen und komplett an private Unternehmen verscherbelt und immer mehr öffentliche Dienstleistungen (nachdem sie extra für diesen Zweck gewisse Standardisierungsprozesse durchlaufen haben) ausgeschrieben, womit Privatanbietern neue lukrative Gewinnmöglichkeiten erwachsen. Die Privatisierung von öffentlicher Infrastruktur und staatlichen Unternehmen war eines der ersten zentralen Anliegen des neoliberalen Projekts in den 1980er Jahren. Damals wurden vor allem staatliche Energie- und Transportbetriebe, Telekommunikationsunternehmen sowie große Bestände des kommunalen Wohnungsbaus verkauft. Einen weiteren enormen Privatisierungsschub erlebten wir nach 1989, als in den ehemals sozialistischen Ländern oder in Ländern mit staatskapitalistischer Tradition riesige Staatsvermögen in den Fängen von kleptokratisch agierenden Oligarch_innen landeten. Der zweite Aspekt dieses Privatisierungsprozesses nimmt derzeit rapide an Bedeutung zu. Hierzu gehört das Outsourcing von Dienstleistungen an kommerzielle Unternehmen, wobei häufig die Trägerschaft formal weiterhin öffentlich ist oder von undurchsichtigen Public-private-Partnerships übernommen wird oder von anderen dubiosen Körperschaften, deren komplizierte rechtliche Verfasstheit sie vor direkten Kontrollen sowie Haftungs- und Rechenschaftspflichten schützt.[9]

    Einige der größten und am schnellsten wachsenden Konzerne der Welt verdanken einen Großteil ihrer Dynamik und ihres Erfolgs dieser Tendenz. Beispiele hierfür sind EDF, Telefonica und DHL sowie Unternehmen, die mit der Übernahme von outgesourcten Diensten für Regierungen und andere staatliche Einrichtungen fetten Reibach gemacht haben, darunter G4H, Serco und Siemens Business Services, aber auch zahlreiche Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsfirmen, die das ganze System am Laufen halten, wie Capgemini oder Accenture.

    Es ist umstritten, inwieweit mit diesem Prozess die Schaffung neuer Arbeitsplätze verbunden ist. Zweifelsohne hatte er jedoch erhebliche Auswirkungen für diejenigen, die zuvor im öffentlichen Dienst beschäftigt waren. Mit einem Schlag wurden sie der direkten Kontrolle kapitalistischer Organisationen unterstellt, kapitalistischer Arbeitsdisziplin unterworfen und vielfach in prekarisierte Beschäftigungsverhältnisse gezwungen. Obwohl es zu Beginn dieser Entwicklung zumindest in Europa noch einige Beschränkungen gab, unter anderem durch die Existenz der »Transfer of Undertakings (Protection of Employment) Regulations« (TUPE) von 1981 oder den Widerstand der Belegschaften, konnten transnationale Konzerne, die sich auf die Übernahme von outgesourcten Diensten spezialisiert haben, mit der Zeit immer stärker Nutzen aus dem Vorhandensein einer globalen industriellen Reservearmee ziehen. Für Dienstleistungen, die vor Ort ausgeführt werden müssen (wie Reinigungstätigkeiten, Care-Arbeit, Sicherheits- oder Fahrdienste), können sie auf Arbeitsmigrant_innen zurückgreifen. Für solche, die auch aus der Entfernung erledigt werden können (wie IT- oder Callcenter-Dienste oder die Bearbeitung von Steuererklärungen), stehen ihnen global Beschaffungspraktiken zur Verfügung, das heißt, sie lagern die Aufgaben einfach in die sogenannten Entwicklungsländer aus, wo die Ware Arbeitskraft deutlich billiger ist.

    Kommodifizierung von privaten Dienstleistungen

    Bestimmte Unternehmen profitieren derzeit nicht nur enorm von der Übernahme vormals öffentlicher Aufgaben, der Bereich der Dienstleistungen in Privathaushalten hat sich inzwischen ebenso als riesige Geschäftsgelegenheit herausgestellt. Tätigkeiten wie Wohnungsreinigung, Gärtnerarbeiten, Kinderbetreuung und anderen Hilfen bei der Haushaltsführung haben Wirtschaftsexpert_innen in der Vergangenheit kaum Bedeutung zugemessen – vermutlich, weil sie früher meist von Hausangestellten oder Kleingewerbetreibenden übernommen wurden. Die meisten Sozialist_innen sind davon ausgegangen, diese würden genauso wie andere präkapitalistische Formen der Arbeit mit der Zeit verschwinden, wobei Feministinnen immer wieder darauf hingewiesen haben, dass eine entscheidende Voraussetzung für die halbwegs gleichberechtigte Beteiligung von Frauen am Arbeitsmarkt in den sogenannten entwickelten Ländern die Verfügbarkeit von mittellosen Migrantinnen ist, die ihnen für wenig Geld einen Teil ihren familiären Verpflichtungen und Reproduktionsarbeiten abnehmen.[10]

    Mithilfe von Internetplattformen wie Uber, Helpling und Handy wird nun von kapitalistischer Seite versucht, den Markt für solche Tätigkeiten neu zu strukturieren und unter die eigene Kontrolle zu bringen. Die Unternehmen kassieren bei jeder Transaktion um die 20 bis 25% des gezahlten Lohns oder Honorars. Inzwischen hat man die Aufgaben und Arbeitsabfolgen standardisiert und die Arbeitskräfte mit Mitteln diszipliniert, vor deren Anwendung die meisten individuellen Arbeitgeber_innen wohl eher zurückschrecken würden. Die Erfahrungen derjenigen, die heute von diesem neuen Arbeitsmarkt angezogen werden, sind vergleichbar mit denen von Arbeiter_innen in der Vergangenheit, die zum ersten Mal direkt mit kapitalistischen Verhältnissen in Berührung kamen. In mancher Hinsicht unterscheidet sich der unabhängige Fens­terreiniger, der heute mit seiner Leiter von Tür zu Tür zieht, kaum von einem präkapitalistischen Handwerker, der mit seinen Waren hausieren ging. Die Internetplattform des 21. Jahrhunderts, auf der irgendwann die Dienste des Fensterreinigers angeboten werden, hat viel mit dem Fabrikbesitzer im 18. Jahrhundert gemein, der sich dafür entschied, die Produktion an einem Ort zu zentralisieren, um sie besser kontrollieren zu können. Damit ist eine Formalisierung und Disziplinierung der Arbeit verbunden, während die Beschäftigungsbedingungen – solange sich die Arbeiter_innen nicht organisieren, um dem entgegenzutreten – in der Regel äußerst prekär bleiben. Für diejenigen, die ihre Dienste zuvor als Selbständige angeboten haben, bedeutet dies ganz klar einen Verlust an Selbstbestimmung. Für Neueinsteiger_innen auf dem Arbeitsmarkt eröffnet es jedoch zusätzliche Möglichkeiten, weil sie von Anfang an Geld verdienen können und nicht darauf angewiesen sind, sich über längere Zeiträume mühsam eine persönliche Reputation aufzubauen (etwa über Netzwerke von Freund_innen und Verwandten). Heute kann sich die verzweifelt nach Arbeit suchende Migrantin direkt online an eine Vermittlungsfirma wenden, genauso wie frühere Generationen von Migrant_innen, die typischerweise einen Großteil der industriellen Reservearmee bilden, auf die Plantagen oder zu den Fabriktoren strömten, jenen Stellen also, die ihnen als Einstieg auf den kapitalistischen Arbeitsmarkt dienten und wo sie ihre Zeit und ihre Arbeitskraft für einen Susbistenzlohn anbieten konnten.[11]

    Es finden sich weitere Gemeinsamkeiten, wenn man die neuen Formen der kapitalistischen Organisation wie Internetplattformen mit ihren Vorgängern vergleicht. In der Anfangszeit der ersten industriellen Revolution war es gang und gäbe, dass die Arbeiter_innen die für ihre Tätigkeiten benötigten Werkzeuge mitbringen mussten, manchmal hatten sie selbst für den Platz zum Arbeiten zu zahlen. In der neuen »Plattform-Ökonomie« gibt es auch genügend Unternehmen, die es vermeiden, ihr Geld in schnell an Wert verlierende Vermögensgegenstände zu stecken. Von daher verlangen sie von ihren Arbeitskräften, in ihre eigenen Produktionsmittel zu investieren. So wird zum Beispiel von Uber-Fahrer_innen erwartet, dass sie einen Wagen mitbringen. Manchmal werden sie sogar dazu gedrängt, bei Uber einen Kredit aufzunehmen, um sich ein geeignetes Fahrzeug anzuschaffen. Menschen, die vermittelt über Plattformen wie Upwork oder Amazon Mechanical Turk Digitalisierungstätigkeiten übernehmen, müssen dies in der Regel mit ihren eigenen Computern tun.

    Kommodifizierung von Kunst und Kultur

    Wenn es darum geht, wo sich für das Kapital neue Felder der Akkumulation auftun, dann müssen wir also zur Kommodifizierung von natürlichen Ressourcen und vormals öffentlichen Dienstleistungen auch noch die Formalisierung der informellen Ökonomie hinzurechnen. Aber es gibt noch weitere Wege und Mittel, mit denen sich der Kapitalismus Bereiche einverleibt, die zuvor außerhalb seines Zugriffs lagen. So streckt er zunehmend seine Fühler in Bereiche aus, die lange Zeit als Privatsphäre betrachtet wurden, darunter der Körper (man denke nur an das große Geschäft mit Schönheitsoperationen oder mit leistungsfördernden Medikamenten), oder in das, was wir Geselligkeit nennen, sowie in Richtung Kunst und Kultur.

    Manchmal greift man dabei zur althergebrachten Methode des simplen Diebstahls. Man klaut die Ideen, die Musik, die Kunst oder das kulturelle Erbe von anderen, kopiert sie, patentiert sie oder lässt sie urheberrechtlich schützen, ähnlich wie die DNA von Pflanzen, und nutzt sie als Grundlage für die Herstellung neuer replizierbarer Waren, die man verkaufen kann. Zunehmend werden künstlerische Tätigkeiten und Werke, die früher einmal ähnlich wie öffentliche Dienste oder informelle Tätigkeiten eher außerhalb oder an den Rändern der kapitalistischen Gesellschaft angesiedelt waren, gezielt in diese hineingeholt, wodurch sich das Wesen künstlerischen Schaffens verändert. Im 21. Jahrhundert wird es immer schwieriger, an kreativen Aktivitäten beteiligt zu sein, ohne dabei direkt oder indirekt mit multinationalen Konzernen in Berührung zu kommen.

    Man erkennt diese schleichende Entwicklung unter anderem daran, dass es kaum mehr eine Oper, eine Ballettaufführung, ein größeres Konzert oder eine bedeutende Kunstausstellung in den Weltstädten zu geben scheint, die ohne die Schirmherrschaft von Großkonzernen auskommt. Aber es gibt noch viel offensichtlichere Machtverschiebungen. So beobachten wir heute eine massive Kapitalkonzentration in einem Bereich, wo im 20. Jahrhundert noch eine Reihe voneinander getrennter Branchen existierte, in denen Filme oder Bücher produziert wurden, Fernsehsendungen oder Musikprodukte entstanden, Spiele entwickelt oder Zeitungen herausgegeben wurden. Heute sind daraus gigantische globale Konglomerate hervorgegangen. Walt Disney, Time Warner, Reed Elsevier, Thomson Reuters, Sony und Comcast zählen zu den weltgrößten Unternehmen, deren Interessen über den Wirtschaftszweig der Unterhaltungsindustrie weit hinausreichen. Die Wertschöpfungsketten, mithilfe derer sie ihre Produkte herstellen, sind genauso kompliziert wie in anderen produzierenden Gewerben. So werden die Animationen für Filme in Vietnam in Auftrag gegeben, das Copy-Editing in Indien, die speziellen digitalen Effekte in Argentinien und die Post-Produktion in Kanada. Viele Beschäftigte werden von Subunternehmen für die Dauer einzelner Projekte eingestellt und arbeiten oftmals viele Überstunden zu prekären Konditionen. Andere arbeiten als Praktikant_innen, ohne jemals dafür bezahlt zu werden, mit der Begründung, dass sie damit wertvolle Arbeitserfahrungen sammeln. Viele Kreative sind als Freiberufliche tätig. Wenn sie weiterhin physische Objekte herstellen, dann nutzen sie vermehrt Online-Marktplätze wie Etsy, um diese zu verkaufen. Dabei stehen sie in Konkurrenz zu Millionen anderer Anbieter_innen aus der ganzen Welt. Alternativ können sie sich einen Mäzen aus der Wirtschaft suchen oder sich an Crowdfunding-Plattformen wenden, um Geld für bestimmte Projekte aufzutreiben, was von ihnen verlangt, bereits im Vorfeld zu spezifizieren, welches Produkt am Ende herauskommen soll. Hier müssen sie ihre Ideen anpreisen und verkaufen, genauso wie wenn sie sich für die äußerst rar gewordenen öffentlichen Stipendien für Künstler_innen bewerben.

    Lang war es so, dass die meisten Schriftsteller_innen, Musiker_innen und andere Kreative keinen regelmäßigen Lohn bezogen, sondern von Honoraren und Einnahmen lebten, die sie entsprechend der Verkaufszahlen ihrer Bücher, ihrer Schallplatten oder DVDs erhielten, oder von Tantiemen, die sich nach der Anzahl der Aufführungen ihrer Filme oder Videos, an denen sie beteiligt waren, richteten. Das bedeutet, dass es in der Regel ein gemeinsames Interesse von Künstler_innen und Verleger_innen bzw. Produzent_innen gab. Man einigte sich auf die prozentuale Verteilung der Einnahmen, danach bemühten sich beide Parteien darum, möglichst viele Exemplare zum höchst möglichen Preis loszuschlagen. Mit Beginn des digitalen Zeitalters ist dieses gemeinsame Interesse verloren gegangen. Die Macht, die einstmals die Unternehmen hatten, die einzelne künstlerische Produkte vermarkteten (wie vertikal integrierte Buchverlage oder Plattenfirmen), ist auf Distributoren übergangen. Konzerne wie Amazon und Apple, die neben E-Books und digitalisierter Musik auch die Hardware verkaufen, um auf diese zugreifen zu können (den Kindle, das iPad etc.), sind interessiert daran, so viel Inhalt wie möglich zum niedrigsten Preis anzubieten. Das korrespondiert mit der immer weiter verbreiteten Erwartung, dass man möglichst alles aus dem Internet kostenlos herunterladen kann, womit der Abwärtsdruck auf die Preise noch erhöht wird. Abgesehen von einer kleinen Minderheit großer Stars kämpfen im Ergebnis fast alle Kreativarbeiter_innen darum, von ihrer Arbeit und ihren Produkten leben zu können. Viele werden niemals ordentlich für das bezahlt, was sie tun. Sie hoffen darauf, dass ihre Videos, die sie im Internet hochladen, dass ihre E-Books, die sie im Eigenverlag herausgebracht haben, oder die Blogs, die sie schreiben, irgendwann über Werbeeinnahmen oder gelegentliche Anfragen nach einem Auftritt oder Ghostwriter-Tätigkeiten ein bescheidenes Einkommen generieren werden. Neben den großen Vertriebshändlern gibt es einige wenige kleinere Unternehmen, die es schaffen, mit ihren Aktivitäten ausreichende Einkünfte zu erzielen (zum Beispiel Internet-Dienstleister, Software-Produzenten oder Firmen, die Blogs hosten), aber die kreativen Arbeiter_innen selbst werden zunehmend wie die selbständig tätigen Reinigungskräfte, Fahrer_innen, Gärtner­_innen und andere Dienstleister_innen in die Arme von Internet-Plattformen getrieben. Hier müssen sie gegen die globale Konkurrenz antreten und darum bieten, standardisierte »kreative« Aufgaben übernehmen zu dürfen, wie etwa die Gestaltung eines Logos, die Übersetzung eines Manuskripts, die Retuschierung eines Fotos oder die Herstellung einer Abbildung für eine Internetseite.

    Was sieht es mit der akademischen Welt aus? Sind die Universitäten denn nicht noch immer ein Ort, wo unabhängige intellektuelle und künstlerische Köpfe willkommen sind und ein Auskommen finden? Können Kreativarbeiter­_innen nicht mit Lehrtätigkeiten über die Runden kommen? Leider steht auch das moderne Universitätssystem unter einem starken Ökonomisierungsdruck. Es spielt mit seinen zahlreichen Forschungsprojekten und innovativen Erfindungen sogar eine maßgebliche Rolle bei den Bemühungen, den Kapitalismus auf immer weitere Bereiche auszudehnen. Es ist eine Art Trüffelschwein, immer auf der Suche nach neuen Aspekten der natürlichen und sozialen Welt, die kommodifiziert werden können. Viele Universitätseinrichtungen und -fakultäten sind inzwischen im Prinzip nichts anderes als öffentlich subventionierte Forschungs- und Entwicklungsabteilungen von multinationalen Konzernen. Auch im Bereich der Lehre finden massive Verschiebungen statt. Einerseits werden die Lehrenden enteignet, indem man ihre Lehrinhalte und Erfahrungen für den Aufbau von gebührenpflichtigen Kursen und Studiengängen benutzt, andererseits ist die Lehrbetrieb an den meisten Universitäten wie so viele andere menschliche Aktivitäten von einem Trend hin zu mehr Verdichtung, Routine und Standardisierung sowie dubiosen Evaluierungen (oftmals durch die Studierenden) und Leistungsindikatoren geprägt.

    Kurzum: Die Nischen, die unabhängigen Künstler_innen und Intellektuellen bislang ein Auskommen ermöglichten, schwinden in einem dramatischen Maße. Kreativarbeiter_innen sind zunehmend gezwungen, sich zwischen zwei Möglichkeiten zu entscheiden: Entweder sie werden zu Gliedern in den Wertschöpfungsketten von globalen Konzernen (mit all den Kompromissen in ethischer, künstlerischer und intellektueller Hinsicht, die damit einhergehen) oder sie landen in der Armut.

    Kommodifizierung von menschlicher Sozialität

    Je mehr man sich weniger greifbaren und weniger materiellen Bereichen der menschlichen Sozialität zuwendet, desto weniger zutreffend ist vermutlich die Metapher von der »Akkumulation durch Enteignung«. Fest steht, dass mit dem Aufkommen von sozialen Medien und Netzwerken ein riesiges neues Geschäftsfeld entstanden ist, weil man nun mit ganz unterschiedlichen Formen von oftmals trivialen menschlichen Bedürfnissen und Aktivitäten, die vormals nicht marktförmig organisiert waren (vom Erinnern an die Geburtstage von Verwandten bis hin zu Verabredungen mit neuen Freund_innen), Geld verdienen kann. Manche werden sicherlich einwenden, dies sei weniger ein Beispiel dafür, wie der Kapitalismus gezielt auf bestimmte Aspekte des persönlichen Lebens zugreift und sich diese aneignet, sondern dafür, wie immer mehr Menschen freiwillig ganz persönliche Informationen preisgeben, weil sie im Gegenzug von den Unternehmen, die diese sammeln und auswerten, etwas zurückbekommen, was für sie von hohem Gebrauchswert ist. Während einige Internetfirmen direkt neue Waren produzieren und neue Dienste anbieten oder zu deren Entwicklung beitragen, stammt ein Großteil der Einkünfte von anderen aus typischen Rentier-Aktivitäten.[12] Dazu zählen der Verkauf von Werbeflächen, der Wiederverkauf von Nutzerdaten oder die anteilige Beteiligung an Transaktionen, die über die eigene Internetplattform abgewickelt werden.

    Unabhängig davon, ob wir solche Praktiken als »Enteignungen« bewerten, steht außer Frage, dass hier Kapitalakkumulation stattfindet und hierdurch massenhaft neue Arbeitsplätze entstehen. Dafür ist die steigende Zahl von Beschäftigten in den Firmenzentralen von Google und Facebook nur ein Indiz, sozusagen die Spitze des Eisbergs. In den letzten Jahren sind, ohne dass die Öffentlichkeit davon groß Notiz genommen hätte, Zehntausende neuer Jobs geschaffen worden. Fleißige Netzarbeiter_innen erledigen die versteckte »Hausarbeit« des Internets, all die Dinge, von denen die meisten denken, dass sie von Algorithmen erledigt werden. Internetplattformen wie Amazon Mechanical Turk (benannt nach einer schachspielenden, angeblich intelligenten Maschine aus dem 18. Jahrhundert, deren Operationen jedoch von einem Menschen gesteuert wurden) bieten Kunden aus der Wirtschaftswelt einen Pool von zum Teil hoch qualifizierten Freelancern an, die diverse human intelligence tasks übernehmen: die Überprüfung von Inhalten und Bildern (z.B. welche Dokumente von Kindesmissbrauch, Enthauptungen oder anderen Bestialitäten aus dem Internet entfernt werden sollen), die manuelle Berichtigung von Google-Ratings, die Kennzeichnung von Fotos, die Hinzufügung von Likes auf Internetseiten bestimmter Unternehmen oder politischer Gruppierungen und Ähnliches. Eine Menge menschlicher Arbeitskraft fließt zudem in die Gestaltung und Aktualisierung von Websites, in die Bearbeitung von Videoclips, in die Moderation von Chatrooms und Spielen sowie in eine Vielzahl weiterer Online-Tasks. Diejenigen, die in den 1990er Jahren noch voraussagten, das Internet werde mehr Jobs aus anderen Sektoren abziehen als neue schaffen, haben demnach ziemlich falsch gelegen.

    Schlussfolgerung

    Abschließend kann also festgehalten werden: Die jüngsten technologischen Umwälzungen und Umstrukturierungen werden weder das weltweite Beschäftigungsvolumen dramatisch einbrechen lassen noch zu einem Kollaps des Kapitalismus führen. Trotzdem wird es in bestimmten Bereichen zu einem drastischen Rückgang von Arbeitsplätzen kommen. Vermutlich wird dies wie bereits bei ähnlichen Entwicklungen in der Vergangenheit vor allem zulasten von Facharbeiter_innen gehen, denen es irgendwann einmal gelungen ist, für sich relativ gute Löhne und Arbeitsbedingungen auszuhandeln. Aller Wahrscheinlichkeit handelt es sich bei dem Gros der neu geschaffenen Jobs eher um prekäre und schlecht bezahlte Beschäftigungsverhältnisse, und viele davon werden in den Teilen der Welt entstehen, wo die Gewerkschaften traditionell eher schwach sind. In anderen Worten: Die Auswirkungen der gegenwärtigen Umstrukturierungen sind mehr qualitativer als quantitativer Natur.

    Das stellt die Arbeiterbewegung in den entwickelten Industriestaaten vor eine gewaltige Herausforderung: die Wiederkehr dessen, was man als Problem der industriellen Reservearmee bezeichnen kann, und zwar in einer besonders akzentuierten Form. Das Problem besteht, etwas verkürzt formuliert, darin, dass durch das Vorhandensein einer industriellen Reservearmee die Arbeiter_innen sehr einfach gegeneinander ausgespielt werden können. Die gewerkschaftlich organisierten »Insider« können ihre vergleichsweise privilegierte Position und die halbwegs guten Arbeitsbedingungen, für die sie so lange und hart gekämpft haben, nur dadurch verteidigen, indem sie darauf bestehen, dass keine neuen Arbeiter_innen zu Konditionen angestellt werden, die diese ausgehandelten Ergebnisse unterlaufen. In der Praxis bedeutet dies oft, dass alle »Outsider« beargwöhnt werden und ausgeschlossen bleiben. Den »Outsidern« wiederum bleibt kaum etwas anderes übrig, als jedwede Beschäftigung, die ihnen angeboten wird, zu akzeptieren, ungeachtet der erkämpften Standards.

    In den Zeiten, als Marx und Engels über die industrielle Reservearmee schrieben, war diese noch ein weitgehend lokales Phänomen. Auf der Suche nach billigeren Arbeitskräften heuerten die Fabrikanten damals vor allem Zugezogene aus der Landbevölkerung an oder Arbeitslose aus den Großstadtslums. Viele griffen darüber hinaus zum Mittel der Frauen- und Kinderarbeit und stellten – wenn diese zur Verfügung standen – auch Arbeiter_innen aus dem Ausland ein, um die Löhne der männlichen Fabrikarbeiter zu drücken. In den Kolonien sah das Ganze selbstverständlich noch einmal anders aus: Hier schufteten Sklaven, Kulis und Plantagenarbeiter_innen zum Teil Seite an Seite, um die imperialen Zentren mit billigen Gütern und Rohstoffen zu versorgen.

    Im 20. Jahrhundert war es allerdings in den meisten entwickelten Ländern zeitweise gelungen, diesem Problem auf nationaler Ebene zumindest halbwegs beizukommen, und zwar durch die Herausbildung von wohlfahrtsstaatlichen Arrangements. Diese sorgten für gewisse Lebensstandards, die für die gesamte Bevölkerung galten, und ermöglichten ein bestimmtes Maß an Solidarität zwischen »Insidern« und »Outsidern«. Es war allgemein anerkannt, dass die Gewerkschaften und die sozialdemokratischen Parteien die Interessen der gesamten Arbeiterklasse vertraten. Dadurch und aufgrund des Grads an sozialstaatlicher Absicherung, die vor absolutem Elend schützte, konnten Arbeiter_innen, die erwerbslos oder prekär beschäftigt waren, insgesamt nicht so einfach gegen ihre glücklicheren Kolleg_innen in den gewerkschaftlich gut organisierten Belegschaften in Stellung gebracht werden.

    Man darf allerdings nicht verschweigen, dass damals gerade Frauen und Arbeitsmigrant_innen stark benachteiligt waren und sich häufig mit den schlechtesten Jobs zufriedengeben mussten. Obwohl die Lage damals also alles andere als ideal war, gab es in der Gesellschaft jedoch einen größeren sozialen Zusammenhalt als heute.

    Seit dem Fall der Berliner Mauer im Jahr 1989, der symbolisch den Beginn eines neuen Globalisierungsschubs markiert, der inzwischen die gesamte Welt erfasst hat, sind solche auf nationaler Ebene geschlossenen Kompromisse in Bedrängnis geraten. Wir haben es heute mit einer globalen industriellen Reservearmee zu tun, auf die das Kapital auf zweierlei Weise zugreifen kann: Es kann Arbeitsplätze ins Ausland verlagern oder es kann Arbeitsmigrant_innen importieren, um bestimmte Tätigkeiten zu übernehmen. Mit jeder Umstrukturierungswelle verlieren die »Insider« an Privilegien und können die Kapitalist_innen immer ungehinderter von den Möglichkeiten Gebrauch machen, die ihnen die wachsende Reservearmee bietet. Diese Arbeitskräfte als Teil eines permanenten »Prekariats« zu betrachten, halte ich für falsch. Erfahrungen aus der Vergangenheit legen nahe, dass diese Prekären, wenn sie erst einmal in die kapitalistischen Arbeitsbeziehungen eingesogen werden, damit beginnen, sich zu wehren, sich zusammenzuschließen und zu organisieren, um Forderungen nach mehr Sicherheit, höherem Verdienst und anderen Verbesserungen ihrer Situation durchzusetzen. Unorganisierte Arbeiter_innen sind also Teil einer organisierten Arbeiterschaft »im Aufbau« (selbst wenn sie in den ersten Generationen Ziel von Strategien sind, die auf Entqualifizierung und Lohndrückerei setzen).

    Ungeachtet dessen befinden wir uns in Europa in einer Situation, in der der ökonomische Strukturwandel zusammen mit den verheerenden Auswirkungen der Austeritätspolitik kurzfristig zumindest eine ernsthafte Krise der Solidarität in der Arbeiterklasse hervorgerufen hat. Ausdruck davon ist das Erstarken von Xenophobie, man sieht es an den jüngsten Wahlergebnissen in Österreich und Frankreich oder am Ausgang des Brexit-Referendums in Großbritannien, was alles zumindest teilweise als verzweifelter Protest von ehemals gut organisierten Industriearbeiter_innen interpretiert werden kann, die inzwischen überflüssig geworden sind und sich verraten fühlen von den sozialdemokratischen Parteien, denen sie in der Vergangenheit zum Teil blind vertraut haben. Ihre Wut wird von den rechtspopulistischen Parteien und den vergifteten Massenmedien aufgegriffen, aber anstatt ihren Unmut gegen ihre wahren Feinde, die globalen Konzerne, zu richten, stellen sie sich gegen die verzweifelten Angehörigen der industriellen Reservearmee, die genauso wie sie Opfer der Verhältnisse sind, deren unmittelbare Interessen aber, objektiv betrachtet, aufgrund der Art und Weise, wie kapitalistische Arbeitsmärkte funktionieren, im Gegensatz zu ihren eigenen stehen.

    Die Linke in Europa sieht sich vor die schwierige Aufgabe gestellt, die verloren gegangene Solidarität zwischen den Arbeitenden wiederzubeleben und an einem Manifest der Hoffnung zu arbeiten, das die »Insider« und »Outsider« zusammenbringt. Dies kann nur gelingen, wenn die Gewerkschaften dazu übergehen, nicht nur die Interessen ihrer gegenwärtigen Mitglieder zu vertreten, sondern sich stärker um die Bedürfnisse der gesamten Bevölkerung kümmern. Welche Belange und Forderungen sind von besonderer Dringlichkeit? Die Details müssen sicherlich im engen Dialog mit politischen Parteien der Linken und Vertreter_innen verschiedenster Bewegungen und Communities bestimmt und ausgearbeitet werden, aber zweifelsohne müssten folgende Forderungen dazugehören: mehr Mittel und Investitionen für das Gesundheits- und Pflegesystem, für die Kinderbetreuung, für das Bildungswesen und den Wohnungsbau; Erhöhung des Mindestlohns (wobei sowohl an Freiberufliche zu denken ist, die pro Auftrag bezahlt werden, als auch an Lohnabhängige, die für einen festen Stundenlohn arbeiten oder ein Monatsgehalt beziehen); die Einführung einer universellen Grundsicherung (oder zumindest eine Reform des sozialen Sicherungssystems, mit der gewährleistet wird, dass niemand jemals so in Not gerät, dass sie oder er jeden Job annehmen muss, der ihr oder ihm angeboten wird); bezahlte Urlaubstage; eine Reduzierung der Arbeitszeit sowie Unterstützung von Arbeitergenossenschaften. Vielen Gewerkschaften mag es schwerfallen, solch einen umfassenden Forderungskatalog ihren Mitgliedern schmackhaft zu machen (sehen viele doch verständlicherweise den Hauptzweck von Gewerkschaften darin, die Interessen ihrer zahlenden Mitglieder zu vertreten). Aber wenn es uns nicht gelingt, diese Aufgaben anzugehen und diese Forderungen irgendwann durchzusetzen, dann droht uns eine Situation, in der alle gewerkschaftlichen und auch anderen sozialen Errungenschaften aus der Vergangenheit in einem massenhaften Ausbruch xenophoben Furors hinweggefegt werden. In dieser Ära der Globalisierung sind wir auf internationale Solidarität entlang der gesamten globalen Wertschöpfungskette angewiesen, wir brauchen aber auch alle erdenklichen Formen der lokalen Solidarität auf jedem Fleckchen dieser Erde, auf jeder Ebene.

    Aus dem Englischen von Britta Grell


    Anmerkungen

    1. Vgl. z.B. Bauwens, Michel (2006): The Political Economy of Peer Production, Ctheory.Net, unter: www.ctheory.net/articles.aspx?id=499.
    2. Vgl. z.B. Srnicek, Nick/Williams, Alex (2015): Inventing the Future: Postcapitalism and a World Without Work, London; Mason, Paul (2015): PostCapitalism: A Guide to Our Future, London.
    3. Vgl. z.B. Frey, Carl Benedikt/Osborne, Michael A. (2013): The Future of Employment: How Susceptible are Jobs to Computerisation?, unter: www.oxfordmartin.ox.ac.uk/downloads/academic/future-of-employment.pdf; European Bruegel Thinktank (2014): The computerisation of European jobs, unter: http://bruegel.org/2014/07/the-computerisation-of-european-jobs/.
    4. Gorz, André (1985): Paths to Paradise: On the Liberation from Work, London (deutsch: Wege ins Paradies. Thesen zur Krise, Automation und Zukunft der Arbeit. Berlin 1983); ders. (1982): Farewell to the Working Class, London (deutsch: Abschied vom Proletariat – jenseits des Sozialismus. Frankfurt a.M. 1980.)
    5. Illich, Ivan (1982): Tools for Conviviality, London: Marion Boyars, 1973 und Gender, New York.
    6. Huws, Ursula (2015): When Adam blogs: cultural work and the gender division of labour in Utopia, The Sociological Review, Jg. 63 (2015), Heftbeilage, S. 157-173.
    7. Harvey, David (2004): The »New« Imperialism: Accumulation by Dispossession, Socialist Register 40/2004, S. 63-87.
    8. Proudhon, Pierre-Joseph (2014): Was ist das Eigentum? Untersuchungen über den Ursprung und die Grundlagen des Rechts und der Herrschaft, Münster.
    9. Vgl. zu diesem Aspekt ausführlicher Huws, Ursula (2008): The new gold rush: the new multinationals and the commodification of public sector work, Work Organisation, Labour and Globalisation, 2/2008, S. 1-8, und dies. (2012): Crisis as Capitalist Opportunity: New Accumulation Through Public Service Commodification, Socialist Register, 2012, S. 80-107.
    10. Vgl. hierzu z.B. Ehrenreich, Barbara/Hochschild, Arlie Russel (2004): Global Woman: Nannies, Maids and Sex Workers in the New Economy, New York; Young, Brigitte (2001): The »Mistress« and the »Maid« in the Globalized Economy, Socialist Register, Jg. 37, S. 315-327.
    11. Ich habe mich mit diesen Internetplattformen intensiver in diversen Forschungsberichten und Aufsätzen befasst. Vgl. z.B. Huws, Ursula (2015): The Future of Work: Crowdsourcing, Report to the EU-OSHA, unter: osha.europa.eu/en/tools-and-publications/publications/future-work-crowdsourcing/view; dies. (2016): Logged labour: a new paradigm of work organisation?, Work Organisation, Labour and Globalisation, 1/2016.
    12. Vgl. hierzu ausführlicher Huws, Ursula (2014): The Underpinnings of Class in the Digital Age: Living, Labour and Value, Socialist Register, Jg. 50, S. 80-107.

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