• Doppelte Transformation – strategische Herausforderungen der Linken

  • Von Michael Brie | 23 Feb 16 | Posted under: Commons , Transformationsstrategien
  • Der Ursprung von Transformation – Die Große Französische Revolution und die Deklaration der Menschen- und Bürgerrechte

    Wiralle,obAnhängerderpolitischenLinkenoderRechten,handelnimLicht, das durch die Große Französische Revolution von 1789 geworfen wird. Alle Begriffe, die wir benutzen, weltweit, auch die von »links« und »rechts«, alle Strategien,aufwirunsbeziehen,geradedievon»Reform«und »Revolution«, das Verständnis von Nation und Menschheit sind durch das Feuer dieser Revolutiongegangen.SozialismusundKommunismus,Liberalismusund Konservatismus,NationalismusundInternationalismussinddiegeistigenKindervon 1789. Hegel war es, der dafür die entscheidenden Worte fand: »Solange die Sonne am Firmament und die Planeten um sie herum kreisen, war das nicht gesehen worden, dass der Mensch sich auf den Kopf, d.i. auf den Gedanken stelltunddieWirklichkeitnachdiesemerbaut.«(Hegel1986: 529) DieserGedanke waren dieMenschenrechte.

    Was als Selbstverständnis weißer freier Privateigentümer proklamiert wurde, die ihre bürgerliche Gesellschaft einrichten wollten, wurde von den »Enterbten« universell gedeutet und praktisch eingefordert: Als gleicher Zugang derEigentumslosenzuArbeit,Bildung,sozialerSicherheitundpolitischem Einfluss.AlsRechtderFrauenaufEigenständigkeitundgleichberechtigte Partizipation,alsRecht,sichauchmitGewaltausderSklavereizubefreien.FrançoisNoëlBabeuf,OlympedeGougesund Toussaint LouverturesinddieprominentestenMärtyrerdesrevolutionärenJahrzehntsnach 1789. JedeVerletzung der Menschenwürde ist immer konkret, jedes Unrecht trägt ein besonderes Gesicht,Ausbeutungistnichtabstrakt,GewaltwirdaneigenemLeibundeigenerSeeleerfahren.AberdieMenschenrechtetauchendieseVerschiedenheit ineingemeinsamesLicht,gebendenbesonderensozialenBewegungeneingemeinsames Ziel am Horizont universeller Emanzipation. Albert Camus fasste dies in die Worte: »Was ist ein Mensch in der Revolte? Ein Mensch, der nein sagt. Aber wenn er ablehnt, verzichtet er doch nicht, er ist auch ein Mensch, derjasagtausersterRegungheraus…IngewisserWeisestellterderOrdnung, dieihnbedrückt,eine Art Rechtentgegen,nichtbedrücktzuwerdenüberdas hinaus, was er zulassen kann.« (Camus 1997: 21)

    Die Große Französische RevolutionlegtedasFundamentfüralleBewegungenuniversellerEmanzipation. Seitdem ist klar, dass jede politische, soziale und wirtschaftliche Ordnung, in jedem Land und global, daran gemessen werden wird, ob sie die Menschenrechtefürjedeundjedeneinzulösenimstandeistunddiesuntersichständig umwälzenden Bedingungen. Als Handlungsimperativ durch den 25-jährigen Karl Marx wurde dies so formuliert: Es komme darauf an, »alle Verhältnisse umzuwerfen,indenenderMenscheinerniedrigtes,eingeknechtetes,ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist« (Marx 1981: 385). Man kann es auch mit Jürgen Habermas etwas abgeklärter ausdrücken: »Mit der Positivierung deserstenMenschenrechtsisteineRechtspflicht zur Realisierungüberschießender moralischer Gehalte erzeugt worden, die sich in das Gedächtnis der Menschheit eingegraben hat.« (Habermas 2010: 52). Die Menschrechte sind dieser »Gehalt«. Siebildeneine»realistischeUtopie«undwerdenständigneu bestimmt.GemessenandemsichindenKämpfenvonBürgerinnenund Bürgern, Klassen, sozialen und kulturellen Gruppen, ganzen Völkern und Kontinenten verändernden Verständnis der Menschenrechte, erscheint jede vorhandene Ordnung alsveränderungsbedürftig.

    Die Große Französische Revolution ist damit der Ausgangspunkt dessen, waswirheuteTransformationnennen.Transformationisteinesehrbesondere FormdesgesellschaftlichenWandels.Transformation ist ein intendierter Prozess gesellschaftlicher Umgestaltung mit dem Ziel des Fortschritts bei der Einlösung der Menschenrechte. SiekannrevolutionärauftretenoderalsReform, siekannganzeGesellschaftenerfassenodereinzelne Teilbereiche, dieMenschheitoderauchnurRegionen.NormativsindnurjeneProzesseTransformationen,diesichdemZielstellen,das»utopischeGefälle«(Habermas)zwischen denMenschenrechtenundderRealitätzuverringernundFortschrittebeider universellenEmanzipationzuerreichen.SowieesKonterrevolutionen,RestaurationenundGegenreformengibt,sogibtesseitdemauchGegentransformationen.DerNeoliberalismuswareinesolchebewussteGegentransformation –wegvonSozialstaatundDemokratieundhinzuMärktenundOligarchie,der HerrschaftderSachzwängeimInteressederWenigen,alsSchocktherapiemit brutaler Gewalt und durch Integration der oberen Mittelschichten (Klein, D. 2008;Klein,N.2008).WiederumsolltediegefährlicheUtopieeinerMarktgesellschaft durchgesetzt werden (Polanyi 2001, 31).

    Transformation als besonderer Typ sozialen Wandels

    Sozialwissenschaftlich gesprochen, ist Transformation »ein intendierter Prozess der … Um- und Neuformierung von Strukturen, Institutionen … und Ordnungsmodelle (Reißig 2009: 59), der bei seiner Realisierung enorme Eigendynamiken auslöst. Ein solcher Wandel kann dann als Transformation definiert werden, wenn die zwei folgenden Bedingungen erfüllt sind: (1) Die Dynamiken des sozialen Wandels werden durch ein zielgerichtetes und mittelbewusstes Eingreifen von Akteuren geprägt; (2) ihr Wirken zielt darauf ab, Grundstrukturen einer Gesellschaft zu verändern (sektoral, territorial oder in ihrer Gänze). Dies bedeutet, dass solche Akteure auch eine bestimmte Wirkungsmacht zu entfalten vermögen und es sich nicht bloß um reine Absichten handelt, die keinen Einfluss haben.

    Das prägende Wirken kann geistig, politisch, sozial, ökonomisch und nicht zuletzt auch gewaltsam erfolgen. Durch ein solches, auf Transformation zielendes Eingreifen werden die Eigendynamiken komplexer Gesellschaften folgenschwer modifiziert. Da Akteure nie die Gesamtheit der Bedingungen ihres Handelns kontrollieren können, da andere Akteure immer eine bestimmte Eigenmacht haben (sonst wären sie keine Akteure), da komplexe Gesellschaften durch eine unübersehbare Zahl von Rückkopplungen charakterisiert sind, da Ziele und Mittel sich nie decken und in sich selbst oft widersprüchlich sind – die Liste ließe sich fortsetzen –, reduziert sich Transformation nie völlig auf Transition im Sinne der weitgehenden Identität von Zielen und Ergebnissen.

    Doppelte Transformation – im Kapitalismus und über ihn hinaus

    Kapitalismus verwandelt die Grundgüter der Produktion des Lebens und des Austauschs – Arbeit, Natur, Geld, Kultur – in Waren und unterwirft Wirtschaft und Gesellschaft der Kapitalakkumulation. Aus dieser Marx-Polanyi-Perspektive ist Kapitalismus mit Emanzipation und demokratischer Selbstbestimmung unvereinbar.

    Die gemeinschaftlichen Grundlagen eines freien Lebens werden privatisiert, und die Imperative einer kapitalistischen Marktgesellschaft stehen im direkten Widerspruch zu sozialer und ökologischer Demokratie. Im Wesen sind Kapitalismus und Demokratie unvereinbar. Aus dieser Unvereinbarkeit resultieren die autoritären, imperialistischen und faschistischen Tendenzen kapitalistischer Gesellschaften (Poulantzas 1973) und der tödliche, kannibalistische Charakter dieser Gesellschaft für die Schwächsten (Ziegler 2014).

    Kehrseite dieser Verwandlung der Grundgüter des Lebens ist die Möglichkeit, die Bedingungen von Produktion und Reproduktion immer neu zu kombinieren, die Gesellschaft ständig zu revolutionieren und einen unendlichen Prozess von Innovationen in Gang zu setzen. Joseph Schumpeter paraphrasierend, könnte man von zerstörerischer Schöpfung sprechen. Bis heute gilt das Diktum von Marx und Engels aus dem »Manifest der Kommunistischen Partei«:

    »Die Bourgeoisie reißt durch die rasche Verbesserung aller Produktionsinstrumente, durch die unendlich erleichterten Kommunikationen alle, auch die barbarischsten Nationen in die Zivilisation.« (Marx/Engels 1974: 466) Es bleibt bisher dabei: »Die Marktgesellschaft hat mehr Einkommen, Wohlstand, Güter und Dienstleistungen hervorgebracht als jede andere gesellschaftliche Organisationsform.« (Fligstein 2011: 15) Wolfgang Fritz Haug hat die Kritik am hilflosen Antikapitalismus auf den Punkt gebracht, als er schrieb: »Ein Antikapitalismus, der nicht über das ›Anti‹ im Verhältnis zum Kapitalismus hinausgeht und zu einem ›Pro‹ gelangt, das jene Produktivität aus der konkurrenziellen Profitlogik des Kapitalismus und damit zugleich von ihrer Destruktivität zu befreien verspricht, kann diesem sein Daseinsrecht nicht streitig machen.« (Haug 2007: 20)

    Aus dieser Ambivalenz des Kapitalismus erwächst die Aufgabe einer doppelten Transformation. Sie ist in zweierlei Hinsicht doppelt: Zum einen hat sie die Aufgabe, den ausbeuterischen, unterdrückenden und zerstörerischen Charakter der heutigen kapitalistischen Gesellschaft zu überwinden und dabei zugleich Formen hervorzubringen, die die Entwicklungsfähigkeit moderner Gesellschaften in solidarischer, demokratischer, ökologischer Form »auf- heben«. Zum anderen ist es eine doppelte Transformation, da sie angesichts der realen Möglichkeiten Transformation im Kapitalismus ist und doch über ihn hinaus weist. Es geht um die Verbindung der »Transformation zu einem sozial und ökologisch regulierten Kapitalismus mit dem Beginn einer zweiten Großen Transformation über den Kapitalismus hinaus« (Klein 2013: 15).

    Drei Formen der Transformation

    Seit dem Entstehen der sozialistischen und kommunistischen Bewegung hat es immer drei Ansätze gegeben, wie der Kapitalismus überwunden werden kann. Die erste Strömung beginnt mit Babeuf auf der einen und dem sozialistischen Flügel des Chartismus auf der anderen Seite. Durch Aufstand (Babeuf, Blanqui) oder Wahlen sollte die politische Macht ergriffen werden, um dann eine Umgestaltung der Eigentumsverhältnisse und schließlich der ganzen Gesellschaft einzuleiten. Eine zweite Strömung, die mit Robert Owen und der britischen Kooperativbewegung, aber auch den Anhängern von Fourier oder Cabet Einfluss gewann, setzte auf die Kraft des Beispiels: Sozialistisch oder kommunistisch organisierte Siedlungen, Produktions- und Konsumtionsgenossenschaften, Banken der Arbeiter_innen, genossenschaftliche Wohnprojekte sowie Kultur- und Bildungseinrichtungen sollten Keimzellen einer neuen Gesellschaft werden. Konkrete Veränderung der eigenen Lebensumstände und Selbstveränderung, gelebte Solidarität und Demokratie sollten deutlich machen, dass es anders als kapitalistisch geht, wie es geht und dass es so viel besser geht. Die dritte Strömung setzte auf grundlegende Reformen, die erkämpft und erstritten werden (dazu gehören auch Lassalle oder Bernstein). Dies begann mit dem Kampf erst für den Zehn-, dann für den Achtstundentag (eine Forderung, die zuerst Owen aufgestellt hatte, der auch die erste Einschränkung der Kinderarbeit durch das britische Parlament wesentlich beeinflusste), dann ging es um soziale Rechte, Bildung, Gesundheit, Umwelt. Der marxistische Transformationsforscher Erik O. Wright spricht in diesem Zusammenhang von Strategien des Bruchs, der Nischen und der Symbiose (Wright 2010: 273ff.).

    Erfolg dabei, dem Finanzmarkt-Kapitalismus »das Genick« zu brechen, wird die Linke unseres Erachtens nur dann haben, wenn sie alle drei Wege zu gehen vermag, in breitesten Bündnissen, mit Ansätzen, die nicht gegeneinander gestellt werden, sondern sich wechselseitig verstärken, wenn deutlich wird, wie Reformen einen Bruch verlangen, wie »Keimzellen« sich nicht ausbreiten können, wenn Reformen und Brüche dafür die Bedingungen erweitern, wenn konkrete Erfahrungen ausstrahlen und die Kraft geben, für Reformen und Brüche auch mit aller Entschiedenheit zu kämpfen. Nur dadurch kann ein hinreichend breites Bündnis geschaffen werden, entstehen die subjektiven wie die objektiven Voraussetzungen einer sehr weitgehenden Transformation.

    Am Scheideweg

    »Was tun?« und »Wer tut es?« sind immer die zentralen Frage der Linken gewesen. Zumeist in der Defensive, konfrontiert mit scheinbar unlösbaren Problemen und getrieben von höchsten Ansprüchen radikaler Veränderung, hat sich keine andere politische Kraft derart unter Handlungszwang gestellt wie die Linke. Die Epoche wurde vor allem als Handlungs-Raum-Zeit gedacht. Nicht zufällig war es der brillante Stratege Lenin, der die marxistischen Epochebestimmungen (siehe Jameson 1997) mehr als jeder andere mit unmittelbarer Handlungsorientierung verband: Wer kann wie und mit welchen Zielen und Mitteln wirksam werden und einen möglichen Strukturbruch in ein epochemachendes Ereignis mit strukturierender Wirkung verwandeln? Zur Epochebestimmung gehörten für Lenin (1) »welche Klasse im Mittelpunkt dieser oder jener Epoche steht«, (2) ihr »wesentliche(r) Inhalt,dieHauptrichtungihrerEntwicklung« sowie (3) »diewichtigstenBesonderheitendergeschichtlichenSituation«.(Lenin1960:134)WieJoachimBischofffeststellt,entstandindensiebzigerJahrendes20.Jahrhundertsschrittweiseein»finanzgetriebenesAkkumulationsregime«, dessen Grundmerkmale er wie folgt charakterisiert: »Das … ›neue‹ FinanzregimeverfügtüberdreiSäulen:erstens dieAusbreitungeinesNetzes vontransnationalenFinanzinstitutionen,diejenseitsderKontrollederZentralbankenoderFinanzmarktagenturenarbeiten;zweitens derrascheAufstiegder institutionellenAnleger(VermögensfondsundVersicherungsgesellschaften); drittens der Bedeutungsverlust der Bankkredite gegenüber dem Leihkapital aufdeninternationalenFinanzmärkten.«(Bischoff2005: 70).

    Der entstandene Finanzmarkt-Kapitalismus basiert auf einer Struktur, die Judith Dellheim als Kapitaloligarchien zusammenfasst, die die Gesamtheit der wesentlichen technologisch-stofflich-energetischen Prozesse der Kapitalakkumulation kontrolliert. Sie schreibt: »Energie, Transport, Agrobusiness und militärisch-industrieller Komplex sind in ihrer wechselseitigen Verquickung die größten Ressourcenverbraucher und Klima-/Naturverschmutzer bzw. -zerstörer. Ihre Dynamik wird immer wieder neu angetrieben durch Hochtechnologien und Finanzbewegungen. Dieses ›zerstörerische Quartett‹ sowie der Hightech-Bereich und der Finanzbereich (4+2)  bestimmen«, so Judith  Dellheim, »die gesamten Produktions- und Konsumtionsstrukturen, die Produktions- und Lebensweisen der Gesellschaft.« (Dellheim 2014: 97f.; siehe ausführlich Dellheim et al. 2012: 105ff.) Der durch die USA im Bündnis mit Großbritannien seit 1971 schrittweise entfesselte neoliberale Finanzmarkt-Kapitalismus ist heute in einer organischen Krise (Candeias 2014), die ihren Ausdruck in einer Vielfachkrise findet (Demirović et al. 2011). Diese Krise ist Gefahr und Chance zugleich.

    Vier Wege

    In dieser organischen Krise des Finanzmarkt-Kapitalismus zeichnet sich die Möglichkeit von vier Szenarien ab (Institut für Gesellschaftsanalyse 2011; Candeias 2012). Diese Szenarien bestimmen die Handlungs-Raum-Zeit und Epochesituation der Linken:

    Erstens gibt es das Szenario eines neoliberal dominierten Weiter-So mit starken autoritären Tendenzen, wobei auf der Ebene der EU wie in den MitgliedsstaatenmitsehrunterschiedlichenElementenundAnsätzenexperimentiert werden wird, um die damit verbundenen Widersprüche auszutragen. Dies ist gegenwärtig der vorherrschende Elitekonsens. Großbritannien mit derZentralitätdesFinanzplatzesLondonsfürdieGesamtvolkswirtschaftund DeutschlandmitseinerstarkenExportorientierungsindprominenteNutznießer einer solchenEntwicklung.

    Zweitens könnte es zu einer systematischen Verstärkung der autoritären, repressiven und exkludierenden Tendenzen des Kapitalismus kommen. Ein Festungseuropa mit unterschiedlichen Bastionen, die selbst wieder in Abgrenzung und Konkurrenz liegen, wäre die Folge. Die Dominanz der finanzmarktgetriebenen Akkumulation müsste deutlich eingeschränkt werden. Schon jetzt gibt es in einigen europäischen Ländern klare Tendenzen in diese Richtung. Der Aufstieg rechtspopulistischer und nationalistischer Kräfte ist ein Indikator, dass ein Bündnis von Teilen der nationalen Eliten und größeren Gruppen der Bevölkerung möglich ist.

    Drittens bestehtdieMöglichkeit,dassgeradeimBereichdererneuerbaren Energien und einer ökologischen Effizienzsteigerung der Produktions-, Verkehrs- und Lebensweise Möglichkeiten erweiterter Akkumulation erschlossen werden. Dies könnte vor allem dann der Fall sein, wenn entsprechende SchritteauchinAsiengegangenwerdenunddieNachfragenachNachhaltigkeitstechnologien entsprechend steigt, worauf Deutschland setzt. Auch sicherheitspolitischeErwägungenmögeneinesolcheWendehin zum »grünen Kapitalismus«stimulieren.

    Viertens gibt es verschiedene konzeptionelle Ansätze, zugleich die ökologischen und die neuen sozialen Fragen anzugehen, einen sozial-libertären GreenNewDealzurealisieren.DieserwürdedieAkkumulationsweiseunddas Regulationsregimetiefgreifendändern,müsstevoneinergrößerenUmverteilungausgehen,einenöffentlichgefördertenundbegleitetenStrukturwandel in der Breite der Volkswirtschaft einleiten. Dazu gehören dann auch Forderungen nach einem globalen »Marshall-Plan«. Ansätze für einen derartigen »Kurswechsel« entwickeln auch Vertreter der Gewerkschaften.

    Die Aufgaben der Linken

    Was bedeuten solche Annahmen und Einschätzungen für die Linke in Europa? In aller Kürze seien vier Punkte genannt, die für eine Bestimmung der gegenwärtigen Epoche als aktueller Handlungsraum der Linken relevant sein könnten:

    Erstens agiert die Linke weder unter den Bedingungen eines stabilen Kapitalismustyps noch unter denen des akuten Systemzusammenbruchs und absehbaren Endes kapitalistisch dominierter Gesellschaftsentwicklung. Es geht darum, (1) ein neoliberales Weiter-So mit den starken autoritären Tendenzen zu beenden, (2) einem Abgleiten in einen repressiven Festungskapitalismus offensiv und mit breiten Bündnissen zu begegnen, (3) Ansätze von Ökologisierung, wie sie mit dem Grünen Kapitalismus verbunden sind, ernst zu nehmen, wenn damit Möglichkeiten gegeben sind, (4) die Entwicklung hin zu einem sozial-libertären Green New Deal zu befördern und letztendlich dies mit eigenen Positionen für einen sozialökologischen Gesellschaftsvertrag zu verbinden und (5) Ansätze eines »grünen Sozialismus« (Rilling 2011) voranzutreiben. Es ist eine mehrdimensionale Strategie gefordert, die die Widersprüche in und zwischen den dargestellten Szenarien ernst nimmt und den sozialistischen Zielhorizont von Transformation nicht aus dem Auge verliert.

    Zweitens wird man sich auf eine Zeit hoher Unsicherheit und auf die Notwendigkeit schneller Veränderungen der Strategien einstellen müssen. Wenn das außerparlamentarische wie parlamentarische Wirken bisher keine durchgreifenden Erfolge gebracht hat, kann sich dies auch plötzlich ändern, muss es aber nicht. Es ist sinnvoll, sich beweglich und mit verschiedenen Optionen zugleich aufzustellen. Klarheit der grundlegenden Ziele und strategische wie taktische Flexibilität sind gefordert. Widerstand, Entwicklung konkreter praktischer Projekte und Suche nach möglichen Bündnissen sind drei Elemente einer solchen Strategie. Dies schließt unter bestimmten Bedingungen auch die antagonistische Kooperation mit Teilen der politischen Eliten und Kräften des Kapitals ein.

    Drittens macht die Gegenüberstellung des Wirkens auf nationaler und EU- Ebene als ein Entweder-Oder keinen Sinn. Der Regierungswechsel in Griechenland unter Führung von Syriza hat zugleich die nationalen wie die europäischen Handlungsbedingungen der Linken verändert und die Machtverhältnisse auf europäischer Ebene haben auf Griechenland gewirkt. Der Kampf um soziale Gerechtigkeit und einen sozialökologischen Umbau, so André Brie vor fast zehn Jahren, muss als Kampf »in einem politischen Mehrebenensystem« (Brie 2005: 104) begriffen werden. Auch hier ist Flexibilität und die Fähigkeit des koordinierten Agierens mit Bezug auf die unterschiedlichen Handlungsebenen gefordert.

    Viertens gilt es der Tendenz zu widerstehen, Frieden und Sicherheit als Nebenproblem anzunehmen. Das Ende des kurzen US-amerikanischen unilateralen Moments in der Geschichte ist ein ambivalenter Segen. Er verlangt den Übergang zu einer neuen Runde von Rüstungskontrolle, sicherheitspolitischer Transparenz, Verzicht auf besonders gefährliche Offensivwaffen und Erstschlagskapazität sowie letztlich auch Abrüstung, wenn diese neue Situation nicht in Katastrophen münden soll. Dies aber wird nur dann gelingen, wenn anders als im Kalten Krieg zugleich das gleichfalls damals entwickelte Konzept von gemeinsamer Sicherheit und kooperativer Entwicklung realisiert werden würde.

    Das utopische Gefälle zwischen den Menschenrechten und der Wirklichkeit ist durch die Entfesselung des neoliberalen Finanzmarkt-Kapitalismus zu einem Abgrund geworden. Kriege und Flucht haben ein Ausmaß wie seit 1945 nicht mehr angenommen. Die Zerstörung der irdischen Lebensumwelt wurde beschleunigt. Die sozialen Spaltungen und die hemmungslose Bereicherung sind eskaliert. Deshalb ist Transformation erneut auf der Tagesordnung. Gelingt keine Einleitung einer wirklichen und dauerhaften doppelten Transformation, die den Kapitalismus sozial und demokratisch bändigt und Ansätze des Sozialismus ins Heute holt, dann droht eine Katastrophe, die schlimmer sein wird als die nach 1933. Die Elemente repressiver Herrschaft und Barbarei breiten sich aus. Nur eine doppelte Transformation kann verhindern, dass sie zu einem neuen menschenverachtenden Totalitarismus werden. Dazu beizutragen, ist die Aufgabe einer transformatorischen solidarischen Linken.

     

    Literatur

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    Camus, Albert (1997): Der Mensch in der Revolte, Reinbek bei Hamburg.

    Candeias, Mario (2012): Szenarien grüner Transformation, in: Brie, Michael/Candeias, Mario (Hrsg.): Transformation im Kapitalismus und darüber hinaus. Beiträge zur Ersten Transformationskonferenz des Instituts für Gesellschaftsanalyse der Rosa- Luxemburg-Stiftung, Paper der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Berlin, S. 135-150.

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    Dellheim, Judith (2014): Zur Kritik der Finanzialisierung. Ein Diskussionsbeitrag aus der Perspektive laufender Arbeit zur sozialökologischen Transformation, in: Brie, Michael (Hrsg.): »Wenn das Alte stirbt...« Die organische Krise des Finanzmarktkapitalismus. Zweite Transformationskonferenz der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Manuskripte Neue Folge. Rosa-Luxemburg-Stiftung. Berlin, S. 95-130.

    Dellheim, Judith/Brangsch, Lutz/Wolf, Frieder-Otto/Spangenberg, Joachim (2012): Den Krisen entkommen. Sozialökologische Transformation, Berlin.

    Demirović, Alex/Dück, Julia/Becker, Florian/Bader, Pauline (Hrsg.) (2011): Vielfachkrise. Im finanzmarktdominierten Kapitalismus, Hamburg.

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    Haug, Wolfgang Fritz (2007): Zur Dialektik des Antikapitalismus, in: Argument, Vol. 269, S. 11-34.

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    Jameson, Frederic (1997): Epoche, in: Haug, Wolfgang Fritz (Hrsg.): Historisch-Kritisches Wörterbuch des Marxismus. Bd. 3: Ebene bis Extremismus, Hamburg, S. 659-682.

    Klein, Dieter (2013): Das Morgen tanzt im Heute. Transformation im Kapitalismus und über ihn hinaus, Hamburg.

    Klein, Dieter (2008): Krisenkapitalismus. Wohin es geht, wenn es so weitergeht, Berlin.

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    Polanyi, Karl (2001): The Great Transformation: The Political and Economic Origins of Our Time, Boston.

    Poulantzas, Nikos (1973): Faschismus und Diktatur. Die Kommunistische Internationale und der Faschismus, München.

    Reißig, Rolf (2009): Gesellschafts-Transformation im 21. Jahrhundert. Ein neues Konzept sozialen Wandels, 1. Aufl., Wiesbaden.

    Rilling, Rainer (2011): Wenn die Hütte brennt... »Energiewende«, green new deal und grüner Sozialismus, in: BdWi Forum, abrufbar unter: http://www.bdwi.de/forum/archiv/archiv/5415969.html(letzter Zugriff: 26.6.2014).

    Wright, Erik Olin (2010): Envisioning real utopias, London/New York.

    Ziegler, Jean (2014): Ändere die Welt! Warum wir die kannibalische Weltordnung stürzen müssen, München.


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