• Anmerkungen zur Produktiven Rekonstruktion in der südlichen EU-Peripherie

  • Von Javier Navascués | 01 Mar 16 | Posted under: Spanien , Transformationsstrategien
  • Ungleichgewichte der Leistungsbilanz, Investitionen und Profite: Was kommt zuerst?

    Seit ihren Anfängen wurde sich an zahlreichen Deutungen der Krise versucht und wurden folglich ebenso viele Rezepte zu ihrer Lösung vorgeschlagen. Die gängigsten Meinungen unter Progressiven nennen als Krisengründe Handelsungleichgewichte und eine Deflationspolitik in den EU-Kernländern, vornehmlich in Deutschland. Letzteres hat demnach die interne Nachfrage niedrig gehalten und eine aggressive merkantilistische Orientierung mit tödlichen Konsequenzen für die Peripherie verfolgt. Dagegen müssten Lohnerhöhungen in Deutschland verordnet werden, die helfen sollen, das Handelsgleichgewicht wiederherzustellen, da dann hoffentlich besser bezahlte deutsche Arbeiter die Badeorte in der Peripherie bevölkern werden. Darüber hinaus müsste die EU ein großes Investitionsprogramm auflegen, um (nachhaltiges) Wachstum wieder anzukurbeln. Obwohl nicht immer erwähnt, ist offensichtlich, dass dieses Programm durch den deutschen Handelsüberschuss finanziert werden würde. Die (logische) Konsequenz wäre der Schritt hin zu einer Vergemeinschaftung von Schulden, zum Steuerföderalismus und natürlich auch zu einer wichtigeren Rolle des Europäischen Parlaments.

    Doch diese Vorschläge sind mit einigen Problemen verbunden, die sie wenigstens fragwürdig erscheinen lassen. Einerseits existiert eine alternative Sicht auf Außenhandelsbilanzen, die durch folgende Frage zum Ausdruck gebracht werden kann: Könnte es sein, dass die finanziellen Ungleichgewichte, obwohl sie notwendigerweise Leistungsbilanzungleichgewichte widerspiegeln, gar kein direktes Resultat Letzterer sind? Bilanzielle Gleichgewichte haben für sich genommen keine Aussagekraft. Für kerneuropäische Vermögen mag es angesichts der erwarteten Profite eine rationale Entscheidung gewesen sein, in den südeuropäischen Immobilienboom der 2000er Jahre investiert zu haben. Genauso erleichterten Finanzinvestitionen in der Peripherie die Exporte aus dem Kern. Aber das war ein die Tendenz verstärkendes Nebenprodukt, nicht das Resultat überlegter Planung. Tatsächlich fiel der Anteil der  südeuropäischen EU-Mitgliedsländer am deutschen Handelsüberschuss zwischen 1999 und 2008 von 39,1 auf 30,8%. (Simonazzi et al. 2013)

    Der Kreditboom finanzierte Konsumption und Wohnungsbau in der Peripherie und trieb dabei die Inflation in die Höhe, während er temporär das Versprechen eines Profits für alle einlöste – für Immobilienhändler, Bauunternehmer und Banker. Aber die Annahme, dass Profite aus dem innereuropäischen Handel als Kredite für die importierende Peripherie recycelt wurden, stimmt selbst mit den Bilanzergebnissen nicht überein. Wie Hale und Obstfield feststellten, haben europäische Kernbanken seit der Einführung des Euro verstärkt bei Finanzzentren wie den USA oder dem Vereinigten Königreich Anleihen gemacht und ihre Bilanzsummen ausgeweitet. (Hale/Obstfeld 2014) Das fordert einen anderen Blick auf die Verhältnisse heraus: Investitionen werden zur Ursache von Profiten, wie Michael Kalecki im Unterschied zu Marx meinte. Der fiktive Charakter dieser Investition bedeutet nicht, dass aus dem produktiven Prozess, den sie finanzieren, keine Profite zu realisieren wären. Die Erwartungen waren hoch genug, um Kreditaufnahmen zu animieren, die die Lücke zwischen Handelsüberschüssen und Gesamtfinanzierung füllen sollten. Das Handelsdefizit der Peripherie kann als Resultat dieser Kapitalzuflüsse erklärt werden, die sowohl den Import erhöhten als auch das Inflationsgefälle verstärkten und so den Verfall der realen Wechselkurse verursachten.

    Symbiose innerhalb der EU und der Eurozone

    Warum ist der Enthusiasmus für eine Deflationspolitik, die gemeinhin als von Deutschland aufgezwungen gilt, unter Kapitalisten in der gesamten EU verbreitet? Warum folgen insbesondere die griechischen, spanischen und portugiesischen Bourgeoisien diesen strengen Verordnungen? Die Europäische Währungsunion war ein logischer Schritt der Schaffung eines Binnenmarktes, dessen zentrales Leitmotiv die Wettbewerbsförderung ist. Die Erklärung von Milios und Sotiropoulos lautet: Hat ein kapitalistisches Land eine bestimmte Entwicklungsstufe erreicht, ist die angemessenste Strategie für die bourgeoise Macht, es einem gestiegenen internationalen Wettbewerb auszusetzen, um sowohl Arbeit permanent reorganisieren als auch ineffiziente Konkurrenten loswerden zu können. (Milios/Sotiropoulos 2010) Dies führe, sagen sie, zu einer Symbiose zwischen den verschiedenen regionalen Bereichen des europäischen Kapitals. In diesem Sinne können wir die EU als institutionelle Einbettung einer Reihe gemeinsamer Regeln und Verpflichtungen verstehen, die die Agenda dieser transnationalen Allianz vorantreiben sollen. Eine Agenda, die die EU nicht ausschließlich als Hinterland für das europäische Kapital betrachtet, sondern vor allem auf den globalen Akkumulationskreislauf ausgerichtet ist. Das erklärt die Anstrengungen zur permanenten Restrukturierung der Instrumente, mit denen das Lissabonner Vertragsziel erreicht werden soll: die wettbewerbsfähigste und dynamischste wissensbasierte Ökonomie der Welt zu werden. Daher finden sich im institutionellen Rahmenwerk der EU kaum Maßnahmen zur Verhinderung von innereuropäischen Ungleichgewichten.

    Während heftig darüber debattiert wird, ob der Euro nun die in den 1990er Jahren versprochenen Effekte für den innereuropäischen Handel hatte, ist unumstritten, dass er zu einer umfassenden Restrukturierung der produktiven Sektoren aller Mitgliedsstaaten der Eurozone führte. Ohne die Möglichkeit kompetitiver Abwertungen, wurde der Schwerpunkt von der Produktion zu vor- und nachgelagerten Tätigkeiten wie Produktdesign, Werbung, Marketing und Distribution verschoben. Entsprechend ging der Anteil der Arbeiter_ innen an den gesamtökonomischen Aktivitäten zurück. Fusionen und Übernahmen, Ausgliederungen oder Verlagerungen der Produktion spiegeln sich in einem nominalen Wachstum des Handelsverkehrs, zum Beispiel durch den Austausch von Komponenten zwischen Mutterfirmen und ihren Töchtern innerhalb der EU und jenseits ihrer Grenzen wider.

    Die zweite, sehr wichtige Folge der Euro-Einführung war die Intensivierung der Integration der nationalen Finanzsektoren, die sich tatsächlich schon vor der Handelsintegration vollzog. Erwähnt wurden hier schon die von internationalen Finanzzentren finanzierten und durch die großen Kernbanken vermittelten Kredite für die Peripherie. Diese Gelder wären ohne diese, mit dem institutionellen Design des Euro gepanzerte Vermittlung niemals in die Peripherie geflossen. Die Nivellierung der Differenz zwischen den Zinssätzen machte es notwendig, die Risiken gering zu halten. So verpflichteten sich die Eurozonen-Mitglieder mit dem Stabilitätspakt zu Fiskalregeln, die einen »moral hazard« ausschließen sollten, um das von der freien Kapitalbewegung erzeugte einheitliche Wettbewerbsterrain noch weiter zu verfestigen.

    Konvergenz: Theorien und Praxis

    Griechenland trat der EU 1981 bei, Portugal und Spanien folgten 1986. Viel wurde seitdem darüber diskutiert, ob es tatsächlich zu einer Konvergenz dieser relativ rückständigen Länder mit dem europäischen Kern gekommen ist. Selbst die EZB gibt inzwischen zu, dass zwischen den Gründerländern der Eurozone wenig Konvergenz stattgefunden hat. (European Central Bank 2015)

    Um das zu erklären, stützt sie sich auf orthodoxe ökonomische Auffassungen von Marktversagen oder -verzerrung. Diese Erklärungen rechnen Mängel beim »Humankapital«, das Fehlen von Investitionen in Forschung und Entwicklung, Koordinationsmängel, die die Realisierung von Größenvorteilen und/oder Netzwerkökonomien verhinderten, fehlerhaftes institutionelles Design und selbst Vetternwirtschaft und Korruption mit ein. Selbst radikale Ökonomen haben diese Deutungen als Analyserahmen zur Beschreibung der Globalisierung benutzt – und auch, um Alternativen für staatliche Interventionen vorzuschlagen.1 Irgendeine Art staatlicher Intervention ist also gerechtfertigt und sogar vonnöten. Zwei Marschrichtungen werden angeboten: Einerseits »factor policies«, das heißt die Aufwertung von Infrastruktur, von »Humankapital« und Hebung des technologischen Niveaus, andererseits eine institutionelle Reform. Ersteres war Kern der EU-Regionalpolitik seit der Reform des Europäischen Strukturfonds 1988. Letzteres hat die EU in Richtung Deregulierung und marktfreundlicher Reformen, kombiniert mit dem Abbau des Wohlfahrtsstaates, getrieben – exakt das Gegenteil dessen, was die breiten Massen in der Peripherie sich vom Europäischen Sozialmodell erhofft hatten. 2004, einige Jahre vor der Krise, wurde offensichtlich, dass die sozialen Ziele des Lissabon-Vertrags unerreichbar waren. Angesichts dieser Realität argumentieren wohlmeinende Progressive, dass die Europäischen Institutionen nicht den politischen Willen besäßen, diese Sozialpolitik ernsthaft zu verfolgen. Damit spiegeln sie die Argumente ultraliberaler Ökonomen, die behaupten, die Wunder des freien Marktes hätten sich noch nicht eingestellt, weil ihre Rezepte nicht zur Gänze befolgt würden. Die simplifizierende Erklärung der EU-Regionalpolitik ist die oben genannte Symbiose: Große infrastrukturelle Projekte bieten einen Markt für die Transportmittelhersteller Kerneuropas und die Bauunternehmen der Peripherie; Agrarfonds helfen, die Kohärenz der herrschenden Klassenkoalition zu schützen, während sich die lokale Landwirtschaft globalisiert; lokale Partikularinteressen vermischen sich mit dem generellen Trend. (Rodrik 2008)

    Wie ergeht es den peripheren Eliten in diesem Rahmenwerk? Beispiele aus Spanien

    In historischer Unterentwicklung wurzelnd, scheinen die peripheren Eigenschaften der griechischen, portugiesischen und spanischen Ökonomie unverändert. Selbst die Konvergenz bezüglich des BIP pro Einwohner während der Periode vor Einführung des Euros ist zu hinterfragen. Die drei Länder traten dem gemeinsamen Markt in einer Phase der Entfaltung einer neuen internationalen Arbeitsteilung bei, die auf die Krise der 1970er Jahre folgte. In diesem Zusammenhang bestand die Restrukturierung der Wirtschaft entweder aus Demontagen oder Übernahmen durch ausländische Eigner, die den Erwerb später aushöhlten. Nichtsdestotrotz zog die kapitalistische Klasse zumindest im Fall von Spanien große Gewinne aus dieser Restrukturierung, zunächst durch Vermittlung und Kanalisierung der Finanzflüsse aus den Strukturfonds und durch Privatisierungen, später aufgrund des Devisenhandels auf Basis der Differenz zwischen den durch die EZB gesetzten einheitlichen Nominalzinssätzen und verschiedenen nationalen Inflationsraten. Währenddessen durchliefen Spaniens ökonomische Strukturen große Veränderungen. Diese folgten dem Wettbewerbspfad und der gemeinsamen Währung als Restrukturierungsmittel, wurzeln jedoch in der Geschichte des spanischen Kapitalismus.

    Im Frühling 2011 fand ein wichtiges Treffen statt – zwischen Premierminister Zapatero und einer ausgesuchten Gruppierung von rund 40 spanischen, die höchsten Wirtschaftsränge repräsentierenden Unternehmern. Diskutiert wurde die Implementierung des Euro-Plus-Pakts. Diesbezüglich zeigten sich die spanischen Wirtschaftseliten außerordentlich kooperativ. Und bei der Anpassung an und der erfolgreichen Eingliederung in die neu globalisierte Ökonomie erwiesen sie sich als äußerst effektiv. Die Eingliederung geschah durch die Reduzierung industrieller Investitionen, durch eine Reihe von Anpassungen, Privatisierungen und Fusionen während der ersten Phasen des Beitritts sowie durch Konzentration auf die wettbewerbsfähigen Sektoren: Banking, Baugewerbe und alle Arten von Dienstleistungen im Bereich der Infrastruktur. Damals wurde die Umsetzung deregulierender Reformen gezielt mit dieser Restrukturierung synchronisiert, während die Strukturfonds den Weg dafür ebneten. Als schließlich die gemeinsame Währung kam, waren die führenden spanischen Unternehmen längst darauf vorbereitet. Sie begannen Kredite zu Zinssätzen aufzunehmen, die zuvor praktisch undenkbar waren, und lösten so den Internationalisierungsprozess aus. Die Entwicklung der spanischen transnationalen Unternehmen unterscheidet sich dabei stark von der in den Kernländern. Ihre Expansion basierte anfangs nicht auf technologischen Kompetenzen und ihre Aktivitäten fokussierten auf ein oder zwei Regionen, insbesondere auf Lateinamerika. Es gelang ihnen, die Märkte, auf denen sie konkurrenzfähig waren, zu gewinnen und sich dort nun als führende europäische Unternehmen zu positionieren. Unter den 35 Konzernen des spanischen Börsenindex (IBEX) erzielen nur zwei oder drei kleinere Banken und das teilweise staatliche Netzwerk der Stromversorger weniger als 50% ihrer Umsätze auf den internationalen Märkten. (Chislett 2011)

    Das zeigt, wie erfolgreich das spanische Kapital sich in den globalen Kreislauf der kapitalistischen Reproduktion eingegliedert hat. Allerdings war das auch mit negativen Folgen verbunden. Dafür steht der Fall des Olivenöl-Komplexes, eine Geschichte, die nicht so bekannt ist wie die der Banco Santander, von Telefonica oder großen Bauunternehmen. Spaniens Olivenhaine expandierten um 500.000 Hektar und überall in den Oliven produzierenden Regionen Spaniens wurden die Öl extrahierenden Anlagen modernisiert – finanziert durch die EU. Heute ist Deoleo, ein an der spanischen Börse notierter Konzern, der weltweit führende Olivenölexporteur. Seine italienischen Konkurrenten hat er längst überholt. Die Schattenseite dieser Erfolgsstory ist, dass sich die traditionell nachhaltige Kulturpflanze, die für den Lebensunterhalt in vielen ländlichen Gebieten sorgt, in ein ökologisches Problem verwandelt hat, mit nur geringer sozialer Rendite. Das Land bleibt zwar in den Händen der Bauern, aber die Kooperativen wurden durch eine in London ansässige Risikokapitalfirma (CVC Capital Partners) und ein paar spanische Banken zu einem von diesen kontrolliertes Unternehmen aufgebläht. (Cabeza 2014) Die Agrarfrage ist zu einer »neuen Agrarfrage« geworden.

    Statistische Aussagen über ökonomische Performance erzählen nicht die ganze Wahrheit über die Veränderungen. Die Art, wie die herrschenden Klassen ihr Überleben organisieren, sollte als Warnung davor dienen, eine ausschließlich regionale oder nationalistische Sicht auf Ungleichgewichte einzunehmen. Sie verdeutlicht auch die Grenzen einer Übernahme von »entwicklungsorientierten« Politiken in den peripheren Ländern ohne eine bedeutende Verschiebung in der sozialen Machtbalance.

    Gibt es Raum für die produktive Rekonstruktion in der südeuropäischen Peripherie?

    In der Diskussion über das »Neue Produktivmodell« im heutigen Spanien geht es um sektorale Schwerpunkte einer produktiven Rekonstruktion nach der Krise. Übereinstimmend  orientieren Gewerkschaftssprecher, Umweltaktivisten, linke Parteien und progressive Think-Tanks auf eine umweltfreundliche Sanierung der traditionellen Sektoren, alternative Energien und die Befriedigung sozialer Bedürfnisse (Pflege, Gesundheit, Bildung), die alle mit umfassenden Bemühungen auf dem Gebiet der Forschung und Entwicklung und einer technologischen Aufrüstung assoziiert werden. Doch so sinnvoll und begrüßenswert die Vorschläge auch sind: Das Kapital betrachtet sie ebenso gut als neue Nachfrage nach neuen Gebrauchswerten, die es kommodifizieren und vermarkten, und durch die es schließlich neues Wachstum schaffen kann. Die Frage ist daher nicht, auf welchem Sektor die Betonung liegen soll. Genauer fasst das Problem Michael H. Best, wenn er von den »sozialen Strukturen der Konsumtion« spricht. (Best 2013) Ein neues Produktivmodell muss mit den Strukturen brechen, die den gegenwärtig nicht-nachhaltigen Modi der Urbanisierung, des Transports, des Energie- und Naturressourcenverbrauchs zugrunde liegen. Das Gleiche lässt sich über die geschlechterspezifischen Differenzierungen sagen, die durch unzureichende soziale Leistungen verursacht und die wiederum durch (weibliche) häusliche Pflege substituiert werden. Diese Strukturen zu ändern, ist die Sache einer Politik, die sich auf eine breitgefächerte Beteiligung der Bevölkerung und ein Höchstmaß an Transparenz stützen muss, das heißt: mit mehr Demokratie; auch um zu vermeiden, dass sie von den Interessen der Elite gekapert wird, wie das im Fall der Strukturfonds geschehen ist.

    Sollte die Peripherie versuchen, mit dem Kern mitzuhalten? Und wie?

    Die größten Exporteure in Spanien sind Industriefirmen und die meisten von ihnen sind komplett in die globalen Wertschöpfungsketten (Fahrzeuge, Chemie, Nahrung und Getränke) integriert. Viele davon gehören transnationalen Unternehmen (TNCs). Diese Unternehmen sind die andere Seite der spanischen Ökonomie. Im Unterschied zu den schon genannten »einheimischen« Firmen sind sie normalerweise in den Händen ausländischer Eigentümer. Ihr Verhalten wirft die Frage nach den räumlichen und zeitlichen Begrenzungen eines »industrial upgrading« in einer durch Überkapazitäten gekennzeichneten Weltwirtschaft auf. (Arrighi et al. 2003)

    Im Handel wird Spanien von Deutschland und Frankreich dominiert. Spanien dominiert dafür Portugal, Marokko und Algerien, während seine Beziehung zu Italien in den globalen Warenketten als komplementär gelten kann; nach Griechenland sind die Verbindungen wiederum minimal. (Piana 2006) Das heißt, dass Spanien die großen Länder als Importquelle wie auch als Exportziel braucht, während nur Frankreich Spanien als Exportziel benötigt. Die umgekehrten Verhältnisse bestehen zu Portugal, Marokko und Algerien, wobei nur Portugal von Spanien als Exportpartner gebraucht wird. Italien und Spanien sind als Exporteure jeweils auf den anderen angewiesen. Ziel sollte hier vielleicht eine Neujustierung dieser Beziehungen, die Förderung der Integration beider Seiten des Mittelmeeres auf einer weniger ungleichen Basis sein, um die Dominanz des zentraleuropäischen Kerns zunehmend zu reduzieren. Dies würde aber auch einen großen politischen und ökonomischen Wandel mit sich bringen. Beispielsweise ist nicht zu erwarten, dass Spaniens gegenwärtiges Finanzsystem etwas zu einem solchen Schritt beiträgt. Um dies zu ändern, sind ein neues Werkzeugset und neue Kräfteverhältnisse sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene notwendig.

    Wer sind die Akteure des Wandels?

    Die Entwicklungen in Griechenland zeigen, dass die Wiederherstellung nationaler Souveränität die peripheren Bourgeoisien nicht reizt. Der Steuerföderalismus, den einige Progressive vorgeschlagen haben, wurde nicht aufgegriffen, obwohl er zum Beispiel im Interesse Frankreichs und Italiens wäre. Trotz nationaler Funktionsmängel herrscht der Wille vor, die EU zusammenzuhalten, weil sie jene Art von Wettbewerbsumgebung bietet, die die nationalen Bourgeoisien brauchen, um ihre nationalen Sozialsysteme loszuwerden. Noch sollte man nicht die Möglichkeit ausschließen, dass eine Verschärfung dieser Widersprüche die Kernländer spalten könnte und insbesondere einen Graben zwischen Frankreich und Italien auf der einen und Deutschland samt seiner Verbündeten auf der anderen Seite aufbrechen lässt. Von den peripheren Ländern kann angesichts der gegenwärtigen inneren Kräfteverhältnisse viel weniger erwartet werden.

    Tatsächlich sollten wir mit ganz anderen, sich in den peripheren Ländern entwickelnden inneren Widersprüchen rechnen, wie zum Beispiel in der Art dessen, was gegenwärtig in Katalonien passiert, oder der Wiederbelebung der italienischen Nord-Süd-Spaltung. Wie Lutz Brangsch feststellt, gilt die Europäische Integration für den gesamten Reproduktionskreislauf des Kapitals, nationale makroökonomische Gesamtsummen liefern also kein akkurates Bild; das Pro-Kopf-Einkommen kann dasselbe bleiben, während sich aber die Basis für diese Einkommen gewandelt hat. (Brangsch 2012) Was wiederum komplett andere Anforderungen an die Kapitalreproduktion zur Folge haben kann, wie das Beispiel von Spanien zeigt.

    Eine Aktionseinheit gegen den Euro, wie er gegenwärtig existiert, ist das, was am dringendsten benötigt wird und versucht werden sollte. Die Frage des Euroexit, der Euro-Reform oder alternativer Währungsabkommen sollte eine Zeitlang zurückgestellt werden. Bei der griechischen Wahl im September 2015 sahen wir, dass jene, die einen sofortigen Euroexit favorisieren, über keinen Plan B verfügen. Oder dass ein solcher zumindest in den Augen der griechischen Bevölkerung nicht glaubwürdig ist. Wahrscheinlich kann dasselbe von anderen Bevölkerungen der südlichen Peripherie gesagt werden. Erleidet aber die globale Ökonomie einen weiteren Einbruch, wird das die Hardliner der Fiskaldisziplin vor große Probleme stellen. Die Linke sollte dann sowohl in den nationalen als auch in den europäischen politischen Strukturen eine Krise auszulösen versuchen und bereit sein, mittels der Aufkündigung von Schuldendiensten und Sozialkürzungsprogrammen sowie der Forderung nach einem demokratischen Prozess zu intervenieren. (vgl. z.B. Samary 2015) Wie dies sich im Weiteren bezüglich der Währung entwickelt, wird vom Kräfteverhältnis und der mehr oder weniger gleichmäßigen Verläufe zwischen den Ländern wie auch innerhalb der nationalen Grenzen abhängen.

    Währenddessen sollten wir eine weitere von Griechenland gelernte Lektion berücksichtigen: Es kann keine Veränderung in den Außenbeziehungen geben, wenn diese nicht durch eine Veränderung der internen Beziehungen begleitet wird. Deshalb muss die Linke hinsichtlich der produktiven Transformation Strategien entwickeln, die eine Bestandsaufnahme vergangener Fehler einschließt. Es liegen genug Leitfäden auf dem Tisch, die vorgeben, was im Sinne einer Spezialisierung zu tun ist. Bleibt aber die Frage: wie und durch wen? Benötigt werden Experimente in ökonomischer Demokratie, alternativen Währungen und Finanzinstitutionen, eine partizipatorische und soziale Wirtschaft, öffentliche Beschäftigungsprogramme, soziales Auditing, faires Wirtschaften und alle Arten von Praktiken, die darauf abzielen, teilweise von den Euro-Regeln befreite Räume zu schaffen. Das ist der einzige Weg, die Abhängigkeiten zu brechen, die von den gesellschaftlichen Strukturen in Konsumtion und Produktion aufgezwungen wurden. Natürlich ist eine demokratische zentrale Planung, zusammen mit der Vergesellschaftung von Schlüsselbereichen, entscheidender Teil einer produktiven Transformationsstrategie – nebst der einen oder anderen Form von kollektiver Selbsthilfe unter den Staaten. Wenn die Agenten des Wandels jedoch die Menschen selbst sein sollen, ist eine aktive Antwort von ihrer Seite unabdingbar. Und das kann nur durch die Praxis erreicht werden.

     

    Literatur

    Arrighi, Giovanni/Silver, Beverly J./Brewer, Benjamin D. (2003): Industrial Convergence, Globalization and the Persistence of the North-South Divide, in: Studies in Comparative International Development 38, 1, S. 3-31.

    Best, Michael H. (2013): Productive Structures and Industrial Policy: The missing link in EU Cohesion Policy? Working Paper (http://www.michaelhbest.com/recentpublications.html).

    Brangsch, Lutz (2012): Der »harte Kern« der europäischen Integration, in: transform! 11, S. 15-24.

    Cabeza, Manuel Delgado (2014): La globalización de la agricultura andaluza: evolución y vigencia de la cuestón agraria en Andalucía: nuevas perspectivas, Centro de Estudios Andaluces, Sevilla.

    Chislett, William (2011): Spain’s Multinationals: the Dynamic Part of an Ailing Economy, Working Paper 17, Madrid.

    European Central Bank (2015): Real convergence in the euro area: evidence, theory and policy implications. ECB Economic Bulletin, 5.

    Hale, Galina/Obstfeld, Maurice (2014): The Euro and the Geography of International Debt Flows’, CEPR Discussion Paper No. 9337.

    Milios, John/Sotiropoulos, Dimitris P. (2010): Crisis of Greece or crisis of the euro?, Journal of Balkan and New Eastern Studies, 12, 3 (2010).

    Piana, Valentino (2006): The »pattern approach« to world trade structures and their dynamics, presented at the conference Observing Trade: Revealing International Trade Networks (Princeton Institute for International and Regional Studies) Thursday, 9 March.

    Rodrik, Dani (2008): Normalizing Industrial Policy, UN Commission on Growth and Development, Working Paper No. 3, Cambridge/Washington.

    Samary, Catherine (2015): Against the neocolonial consolidation of the Eurogroup – Lessons from Greece for a Europe of social and democratic rights, 9. August (http://www.europe-solidaire.org/spip.php?article35932) (letzter Zugriff am 27 Oktober 2015).

    Simonazzi, A./Ginzburg, A./Nocella, A. (2013): Economic relations between Germany and Southern Europe, Cambridge Journal of Economics, Vol. 37 (3), S. 653-675.


    Anmerkung

    1. z.B. Yann Mouliere-Boutang (1997) (http://www.multitudes.net/La-revanche-des-externalites/) (letzter Zugriff am 27 Oktober 2015)


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