• Jugend, öffentliches Engagement und gesellschaftliche Transformation

  • Von Michel Vakaloulis | 15 Nov 12 | Posted under: Jugend und Studierende
  • Es sei vorneweg klargestellt, dass der Begriff „Jugend“ unscharf – womöglich sogar unhaltbar – ist, sofern man darunter einen Schmelztiegel versteht, der in homogener Weise eine ganze Generation umfasst; vielmehr gibt es innerhalb der Jugend zahlreiche Bruchlinien, die sich schneiden und überlagern. Die generationbezogene Dimension ist weit davon entfernt, in abstrakter Form zu bestehen, sondern ist kontinuierlich durchzogen von grundlegenden gesellschaftlichen Markierungen, wie Herkunftsschicht, ethnische Herkunft oder Geschlecht, die sich häufig in Form von Diskriminierungen bemerkbar machen. Die politische Sozialisation der Jugend findet unter ganz bestimmten historischen Bedingungen statt, die sich aus Kontinuitäten und Brüchen, Konvergenzen und Divergenzen zusammensetzen. Im Laufe dieses Prozesses hat die Jugend vielfältige Prüfungen zu durchstehen, und auch die Zeiträume können sich erheblich strecken, so dass sich ein sehr kontrastreiches Bild von der Jugend in der Politik ergibt, mit erheblichen Verwerfungen, wenn man das gesamte Spektrum von der Wahlbeteiligung bis zum Engagement im Nahbereich ausleuchtet.

    Eine weitere Fehleinschätzung gilt es zu relativieren: Es wird vielfach angenommen, dass die Jugend ein gesellschaftliches Segment darstellen würde, innerhalb dessen die Verhaltensweisen und Werte der Gesamtgesellschaft in überzeichneter Form anzutreffen wären. Demnach wären in der Jugend eher negative Tendenzen wie Individualismus, Entpolitisierung ja sogar Konformismus stark ausgeprägt.1 Dabei wird gleichsam in einem Spiegelspiel eine andere gedankliche Verkürzung in ihr Gegenteil verkehrt, der zufolge die Jugend spontan „aufbegehrend“ und „bewegt“ wäre, auf bürgerschaftliches Engagement und Handeln – wie beispielsweise in der Indignados-Bewegung – geradezu brennen würde und deshalb berufen wäre, Veränderungen zu bewirken.

    Faktisch unterscheidet sich die Jugend zwar kulturell in bestimmten Aspekten von den übrigen Bevölkerungsgruppen, etwa hinsichtlich der Kommunikation in Netzen oder der Verwendung bestimmter Informationstechnologien, doch in vielen anderen Bereichen gibt es kaum Abweichungen. Wie Guy Michelat und Michel Simon in ihrem Buch Les Ouvriers et la politique2 darlegen, ist die französische Jugend gegenüber dem wirtschaftlichen Liberalismus nicht positiver eingestellt als die älteren Generationen. Dagegen neigt sie in viel stärkerem Maße dem kulturellen Liberalismus zu. Im Übrigen wählt die Jugend zwar insgesamt nach wie vor stärker links als die übrigen Altersgruppen, doch das Klischee, dass das jugendliche Herz zwangsläufig links schlage, verblasst langsam. An der Wahlurne wird der Abstand zwischen den Generationen im Laufe der Zeit geringer.

     

    Eine von Unsicherheit geprägte Wirtschaft

    Die Jugend lebt in einer von Konkurrenz geprägten Welt, die – laufend und massiv – Unsicherheit erzeugt. Die jungen Menschen sind sich bewusst, dass man all seine Ressourcen mobilisieren muss, um sich beruflich zu behaupten. Sie wissen, dass „Erfolg“ sich nur einstellen wird, wenn sie ihr Fortkommen als „unternehmerisches Projekt in eigener Sache“ angehen. Einen Arbeitsplatz zu finden ist heutzutage kein Grundrecht mehr, sondern das Ergebnis adäquater Performance bei der Selbstpositionierung auf dem Arbeitsmarkt. Bei dieser Situation handelt es sich um die strukturelle Reproduktion individualistischer Motive. Mit dem Unterschied allerdings, dass wir es nicht mit einem Rückzug ins Private und mit Isolation zu tun haben, sondern mit Vernetzung und Interaktion.

    Was die für die gegenwärtige Krise ursächlichen Mechanismen anbelangt, so nimmt die Jugend eine fragende Haltung ein. Die jungen Menschen begreifen eigentlich nicht, „was da läuft“. Sie erkennen bestimmte Herausforderungen, sind jedoch nicht in der Lage, die Krise in ihrer Gesamtheit zu durchschauen. Gegen die liberale Ideologie sind sie nicht gefeit, wie bestimmte Äußerungen belegen, bei denen es sich um Versatzstücke aus dem fatalistischen Diskurs der herrschenden Medien handelt: Krise als „Schicksal“, „Einsicht in wirtschaftliche Notwendigkeiten“, Abbau der öffentlichen Verschuldung als unausweichlicher Sachzwang usw.

    Andererseits ist den jungen Menschen bewusst, dass sie selber die Krise in keiner Weise verursacht haben, sondern sie teilen die Einschätzung, dass daran ausschließlich ein bestimmter seit den 1980er Jahren vorherrschender „einseitiger“ Ansatz im Wirtschafts- und Finanzwesen schuld sei. Sie wissen, dass das, was in Ländern wie Griechenland – das am Rande des Abgrunds steht – geschieht, sehr schnell auch andernorts passieren kann. Niemand ist geschützt, keine Situation dauerhaft gesichert. Die Vorstellung, dass es auf der Welt schlecht laufe, ist in den Äußerungen der Befragten prominent vertreten. Die jungen Menschen konstatieren die Schäden, die durch ein Organisationssystem hervorgerufen worden sind und werden, das „den Markt und den freien Wettbewerb“ zum obersten Ordnungsprinzip erhoben hat. Sie sind mehrheitlich der Ansicht, dass mit dem Ausbruch der Krise die Rückkehr auf den Boden der Tatsachen begonnen habe. Eine harte Landung, die vom „unausgewogenen“, „irrationalen“ und „unkontrollierbaren“ Charakter des herrschenden Wirtschaftssystems zeuge.

    Zugleich betonen sie, dass die Krise seitens der Unternehmen instrumentalisiert werde, um ihre Umstrukturierungsprozesse zu forcieren, ihre Belegschaften zu reduzieren und die Tarifschraube zurückzudrehen. Das heißt, die Krise wird zum Vorwand genommen, um längst getroffene Entscheidungen zu rechtfertigen. Sie verstärkt die Fragilisierung der Lebensverhältnisse der Jugend, verschärft die Prekarisierung und verringert die Erwartungen in Sachen Lohn, Arbeitzeit und Karriere. Die Irrungen und Wirrungen, bis man einen Arbeitsplatz gefunden hat, die immer weitere Verbreitung des Typus „Wegwerfarbeiter“, die mangelnde Anerkennung innerhalb des Unternehmens… all das trägt dazu bei, dass viele junge Menschen das Verhältnis zur Arbeit als permanente Erpressung empfinden.

     

    Unternehmen und Kampf um Anerkennung

    Die jungen Menschen begreifen, dass jedes Unternehmen in einem instabilen wirtschaftlichen Umfeld agiert. Das Unternehmen hat keine langfristige Vision für seine „Humanressourcen“. Im Allgemeinen erwartet es, dass seine „Humanressourcen“ sofort einsatzbereit sind. Zugleich bietet es ihnen jedoch weder Beschäftigungssicherheit noch Anerkennung für ihren Einsatz. Zudem ist klar, dass es sich in einer schwierigen Situation ohne zu zögern von ihnen trennen würde. Daraus ergibt sich eine weitgehend desillusionierte, kritische, zuweilen trotzige Haltung der jungen Menschen gegenüber dem Unternehmen. Sie treten bereitwillig ins Unternehmen ein, aber ohne dabei einen „Blankoscheck“ auszustellen. Sie fügen sich nicht mehr in die Logik des „Aufgehens“ in der Firma ein.

    Vielmehr sind die jungen Menschen zu einer grundlegend neuen Einsicht gelangt: dass das Unternehmen selbst „vergänglich“ ist, nicht nur als juristische Person, sondern vor allem auch als Gemeinschaft von Arbeitenden. Unter diesen Bedingungen ist das Verhältnis der neuen Generation zum Unternehmen gekennzeichnet durch eine Prekarisierung des Zugehörigkeitsgefühls. Die kulturelle Neuerung, dass sie ihre Berufslaufbahn nicht innerhalb eines einzigen Unternehmens absolvieren werden, haben sie längst verinnerlicht. Wer künftig seines Glückes Schmied sein möchte, muss laufend an seiner „Beschäftigungsfähigkeit“ arbeiten. Die lebenslange Karriereleiter innerhalb eines einzigen Betriebs gehört der Vergangenheit an, vielmehr ist das Unternehmen heute nur noch ein Trittstein unter vielen.

    Der Großteil der Befragten betrachtet Arbeit nicht als bloßes Werkzeug zur Deckung der materiellen Bedürfnisse, die sie und ihre Familie haben, sondern sie möchten mit ihrer Arbeit auch einen wesentlichen Beitrag für die Allgemeinheit leisten. Das Gefühl des gesellschaftlichen Nutzens bleibt sogar bestehen, wenn man in der Arbeit keine persönliche Erfüllung findet. Die befragten jungen Menschen äußern den Wunsch, sich in der Arbeitswelt nützlich einzubringen. Es ist ihnen ein Bedürfnis, qualitativ effizient zu sein, und nicht nur quantitativ. Das bewegt sie dazu, mobiler zu sein als die älteren Generationen, insbesondere zu Anfang ihrer beruflichen Laufbahn, um ihre beruflichen Möglichkeiten zu entfalten, aber auch um auszuprobieren, welche Arbeit zu ihrer Persönlichkeit passt.

    Die befragten Beschäftigten beschreiben ihr Verhältnis zur Arbeit mit Begriffen wie „Bewährungsprobe“, „Herausforderung“, „Erfolgsdrang“ und „Entfaltung“ ihrer kreativen Fähigkeiten. Um es leicht übersteigert zusammenzufassen: sie unterwerfen sich bereitwillig einer Logik, bei der es ganz zentral darum geht, sich selbst und seine Tätigkeit zur Geltung zu bringen. Diese charakteristische Haltung setzt voraus, dass man sich einbringt und die Herausforderungen annimmt, die der Beruf mit sich bringt. Erst recht gilt diese Feststellung für die jungen Beschäftigten mit Hochschulabschluss.

    Die Problematik des Engagements am Arbeitsplatz eröffnet eine neue Perspektive: Es ist nämlich so, dass das Verhältnis zur Arbeit, der Erwerb von Kompetenzen, die Qualität des beruflichen Einsatzes als eine Art generationenübergreifende Investition erlebt wird, so dass mit dem persönlichen Erfolg oder Misserfolg bestimmte gesellschaftliche Werte stehen und fallen.

    Die befragten jungen Menschen erklären jedoch nicht nur, dass sie sich ohne zu zögern in den Beruf einbringen, sondern sie werfen zugleich ganz ausdrücklich die Frage nach der Anerkennung auf. Die Modernisierung der Unternehmen macht jedoch die Verwirklichung beruflicher Ziele und die Anerkennung ausgesprochen schwierig, auf jeden Fall aber ungewiss und zufallsbedingt. Die berufliche Tätigkeit ist heutzutage an Rentabilitätskriterien oder bürokratische Beurteilungswerkzeuge gebunden, was die Betroffenen häufig als Behinderung, Negation oder Herabwürdigung ihrer Arbeit empfinden. Dadurch verliert die Arbeit an Substanz, ihre Sinnhaftigkeit zerfällt. Viele junge Menschen erklären, dass sie ihre Arbeit als uninteressanten „Job“ betrachten, der ihnen „nichts gibt“, in dem sie keine Verantwortung übernehmen und keine Perspektiven sehen. Die Krise verschärft die Wahrnehmung der Berufstätigkeit als bloße „Geldquelle“. Das führt zu Demotivation und „innerer Kündigung“. Genau dieses Scheitern, das nur relativ aber wiederkehrend und nicht kontinuierlich aber allgegenwärtig ist, stellt die Ursache für die Distanzierung der Jugend von der heutigen Organisation der Arbeit dar.

     

    Ist die Jugend individualistisch?

    Die oben angestellten Überlegungen ermöglichen eine Relativierung oder Nuancierung des viel zitierten „Individualismus“ der jungen Generation. Es liegt auf der Hand, dass die Desillusionierung gegenüber dem System unausweichlich Reflexe wie den Rückzug ins Private oder sogar Gleichgültigkeit gegenüber den Altersgenoss_innen auslöst, die nicht mehr als „Partner_innen“, sondern als „Konkurrent_innen“ gesehen werden.

    Somit fällt es den jungen Menschen angesichts der bedrohlichen Außenwelt schwer, ihre Persönlichkeit aufzubauen. Trotzdem streben sie nach „Erfolg“ in der Schule, in der Arbeitswelt, im öffentlichen Leben – und möchten dabei die konkurrenzgeprägte und „konsumistische“ Vereinzelung, zu der sie angeblich „verurteilt“ sind, überwinden. Ihrem Bekunden nach sind sie entschlossen, ihr Leben in seinen unterschiedlichen Facetten in die Hand zu nehmen. Das ist Ausdruck eines berechtigten Strebens nach Selbstverwirklichung, die als authentischer und unverzichtbarer Wert begriffen wird. Dadurch ergibt sich allerdings ein Konflikt mit der Tendenz des gegenwärtigen Kapitalismus, auf das von ihm selbst genährte Streben nach Individualität nur in einer verstümmelten und letztlich frustrierenden Weise zu antworten.

     

    Welche Hoffnungen hegt die Jugend?

    Die Ernüchterung angesichts der Welt bewegt die jungen Menschen nicht dazu, den Kopf hängen zu lassen oder zwangsläufig zu erklärten Pessimisten zu werden. Es ist paradox: ihre Skepsis hinsichtlich der Perspektiven ihrer Generation schlägt sich keineswegs als psychische Niederlage des Einzelnen nieder. Soweit die jungen Menschen aktiv sind, bewahren sie die Hoffnung. Sie setzen sich kurzfristige Ziele, widmen sich „Mikroprojekten“, tragen in aller Stille die Hoffnung in sich, zurechtzukommen, sind bereit, am Ball zu bleiben, sich anzupassen – oder ins Ausland zu gehen, wie viele junge Griech_innen erklären.

    Für manche stellt die Krise nicht nur eine Katastrophe dar, sondern vielleicht auch eine Möglichkeit, alles infrage zu stellen: das Entwicklungsmodell, das Fehlen von Belohnung für die Tüchtigen, die Korruption, die Abwertung der Jugend, die ungerechterweise „geopfert“ wird. So gesehen heißt Optimist_in bleiben eine Waffe gegen die Krise in Händen zu halten. Der Optimismus untergräbt in sichtbarer Weise die gesellschaftliche Abwertung, der die junge Generation unterworfen ist. Andernfalls bleiben nur Depression und Selbstaufgabe. Damit gelangt man an einen Scheideweg, an dem man sich für den Widerspruch entscheiden, sehr strenge Maßstäbe anlegen und eine Gesamtablehnung formulieren muss, um auf den Weg zur Besserung zu gelangen. Der Ausgang einer solchen Konfrontation ist ungewiss, doch viele der Befragten sind überzeugt, dass sich zu ihren Lebzeiten große gesellschaftliche Veränderungen ereignen werden.

     

    Formen des Aktivismus und öffentliches Handeln

    Während sich die überwältigende Mehrheit der jungen Menschen in Sachen Wirtschaft und Umwelt für Nachhaltigkeit ausspricht, scheuen sie beim gesellschaftlichen Engagement langfristige Bindungen. Sie können sich mit den traditionellen Formen des Aktivismus – in Gewerkschaften und politischen Parteien – nicht identifizieren. Stattdessen bevorzugen sie Solidaraktionen, örtlich begrenzte Experimente, gezielte Maßnahmen zur Unterstützung eines bestimmten Projekts oder einer guten Sache (Tierschutz, Umweltschutz, Antirassismus, Kampf gegen Diskriminierung usw.).

    Gemeinsames Fundament dieser spezifischen Bereitschaft zum gesellschaftlichen Engagement ist eine verantwortungsbewusste Grundhaltung, in deren Mittelpunkt der Mensch und menschliche Werte stehen. Ehrenamtliches Engagement entspricht dem Ideal der jungen Menschen, da es sich durch folgende Merkmale auszeichnet: Fehlen von beruflichen Zwängen und Gewinnstreben, freiwillige Teilnahme, Wertorientierung, gesellschaftlicher Nutzen und unmittelbare Wirksamkeit. Dagegen erscheint ihnen organisierter Aktivismus, in den man einen erheblichen Teil seiner Lebenszeit investiert, ziemlich fremd.

    In ihren Äußerungen zeigen sich die jungen Menschen aufgeschlossen für Umweltschutz, kulturelle Vielfalt und Menschenwürde. Sobald sie aber den Dunstkreis von Schule und Universität verlassen und sich auf dem Arbeitsmarkt positioniert haben, geht ihre Bereitschaft zum öffentlichen Engagement stark zurück. Auch wenn sie objektiv betrachtet verfügbar wären, sind sie es „subjektiv“ weitaus weniger. Vorrang hat für sie die Notwendigkeit, ihrem Leben Gestalt zu geben: Entscheidungen treffen, Erfahrungen in der Arbeitswelt sammeln und sich der Selbstentfaltung widmen. Daraus ergibt sich eine geringere Bereitschaft, sich in der Gemeinschaft zu engagieren, als Bürger_innen und im öffentlichen Handeln, gemeinsam mit anderen. Die jungen Menschen im erwerbsfähigen Alter zeigen – sowohl im Vergleich zu ihrer frühen Jugend als auch zu ihrem reifen Erwachsenenalter – eine deutlich geringere Bereitschaft, sich gesellschaftlich zu engagieren.

    Es lohnt sich, wenn wir uns noch etwas näher mit dem Kontext beschäftigen, in dem Engagement stattfindet. Die strukturelle Gegebenheit, die die gesellschaftliche Landschaft erheblich verändert, ist die Massenarbeitslosigkeit und die zunehmende Prekarisierung. Das für den Eintritt ins Erwachsenenleben charakteristische Gefühl der Fragilisierung wird immer stärker. Die Priorität lautet, „sich durchzuschlagen“, und man ist bereit, den Rest im Namen des Realitätssinns als „überflüssig“ aufzuschieben. Somit verlassen die jungen Menschen den elterlichen Haushalt immer später, ja viele von ihnen kehren sogar dorthin zurück, nachdem sie versucht haben, allein oder in einer Paarbeziehung zu leben, aber keine eigene Wohnung finanzieren können. Diese Rückkehr ins „Kinderzimmer“ erstickt in vielen Fällen jegliche Form von Engagement.

     

    Kämpfen, ohne sich einer Organisation anzuschließen

    Trotzdem überwindet ein Teil der jungen Menschen die Schwelle und engagiert sich doch – oder erklärt sich zumindest zum Engagement bereit. Es gibt vielfältige Formen von Engagement: beruflich, gewerkschaftlich, politisch sowie in Vereinen und sonstigen Gemeinschaften. Allerdings sind die Anpassungen und Übergänge von einer Form des Engagements zu einer anderen weder automatisch noch für die Betroffenen unbedingt wünschenswert. Allem Anschein nach ist die Haltung zum Handeln nicht länger in eine umfassende Weltsicht eingebettet, sondern erfolgt „pragmatisch“, d. h. im Hinblick auf das Erreichen konkreter Lösungen.

    Bei der Analyse der gesellschaftlichen Bedeutung des Engagements in bestimmten widerstandsbereiten Gruppen, die gegen die Prekarisierung der Jugend ankämpfen (wie etwa Génération Précaire oder Jeudi noir, die sich mit dem Thema Praktika bzw. Wohnungsnot befassen), lassen sich sechs Merkmale unterscheiden: Organisations- und Mobilisierungsstrukturen, Aktionsressourcen und -mittel, Aktionslogik, Haltung zur traditionellen Gewerkschaftsbewegung der Lohnabhängigen, Folgen der Mobilisierung sowie Form gesellschaftlicher Bewegungen.

     

    1.Organisation

    Gesellschaftliche Aktivist_innen schließen sich informell zusammen und lehnen die Zwänge einer hierarchischen Organisation ab. Die Gemeinschaft funktioniert „horizontal“ oder sogar als lockeres Netzwerk autonomer Einzelknoten. Beschlüsse werden in der Regel nicht durch Mehrheitsentscheidung getroffen, sondern einvernehmlich. Allerdings könnte ein Anwachsen derartiger Gruppierungen die mühevolle Dialektik der einvernehmlichen Entscheidungsfindung unmöglich machen.

     

    2.Ressourcen

    Die Aktionsressourcen der jungen Aktivist_innen fallen durch ihren hohen symbolischen Gehalt auf. Gemeinsamer Wesenszug ist die Entschlossenheit, Probleme aufzudecken, die öffentliche Meinung wachzurütteln sowie Vorschläge und Lösungen zu skizzieren. Auf diese Weise erarbeiten die jungen Aktivist_innen regelrechte Kommunikationsstrategien, um die Legitimität ihres Anliegens im öffentlichen Raum zu vertreten. Sie nutzen geradezu verschwenderisch und in spektakulärer Form unterschiedliche Elemente aus dem Repertoire des gemeinschaftlichen Handelns, wie etwa Hausbesetzungen, Besetzung von öffentlichen Gebäuden oder Protestmärsche, um die Aufmerksamkeit der Massenmedien zu gewinnen. Dabei sind der Kampf um Sichtbarkeit für eine bestimmte gesellschaftliche Problematik und der Kampf für bestimmte Forderungen unauflöslich miteinander verbunden. In dieser Hinsicht bildet das Internet zugleich eine Kampfressource für den „neuartigen Aktivismus“ und ein Feld, um gesellschaftliche Konfrontationen auszutragen.

     

    3.Aktionslogik

    Die gesellschaftlichen Aktivist_innen gestalten ihre Auftritte im öffentlichen Raum gemäß einer Logik der direkten Aktion. Sie sind keine (gewerkschaftlichen, politischen oder intellektuellen) Profi-Aktivist_innen, die für eine beliebige „gute Sache“ eintreten, die außerhalb ihrer eigenen Person steht. Im Gegenteil: sie sind Akteur_innen und Autor_innen ihrer eigenen Kämpfe, die nahtlos an die widerstandsbereite eigene Lebenserfahrung anschließen. Die neuen Formen des gemeinschaftlichen Handelns drehen sich nicht um eine einzige „Sache“, sondern um eine Vielzahl von Anliegen: „Sklavenarbeit“ in unbezahlten Praktika, Wohnungsnot, Verteidigung sozialer Rechte…

     

    4.Bündnisse

    Die Beziehungen zwischen den jungen Aktivist_innen und der traditionellen Gewerkschaftsbewegung der Lohnabhängigen sind gekennzeichnet durch die ausdrückliche Bereitschaft zum gegenseitigen Kennenlernen und Austausch. Es bereitet jedoch große Schwierigkeiten, überhaupt zusammenzutreffen und den Kontakten Dauer zu verleihen. Auf beiden Seiten gibt es viel Unwissen, Misstrauen und Distanz. Allerdings bildet die Gewerkschaftsbewegung einen Resonanzboden für die Verbreitung des gemeinschaftlichen Handelns, selbst wenn die jugendlichen Aktivisten die Funktionsweise der traditionellen Gewerkschaften mit sehr kritischen Augen sehen.

     

    5.ErgebnissederMobilisierung

    Die Widerstandsarbeit der gesellschaftlichen Aktivist_innen zielt darauf ab, eine Reihe von Problemen sichtbar zu machen, die verdeckt oder unterdrückt sind, so dass sie in der offiziellen Debatte keine Berücksichtigung finden. Ein Problem offenkundig zu machen, ist der erste Schritt im Kampf um die Anerkennung seiner Rechte. Es geht nicht bloß darum, Protestreflexe auszulösen, sondern auch darum, konkrete Maßnahmen vorzuschlagen, einschließlich der Änderung des jeweiligen Gesetzesrahmens. So wurde beispielsweise dank der durch Génération Précaire seit 2006 geleisteten Mobilisierungsarbeit, bei der systematisch die Gewerkschaftsverbände und die traditionellen politischen Parteien sensibilisiert wurden, in Frankreich eine Mindestvergütung von 400 Euro pro Monat für alle Praktika mit einer Dauer von über zwei Monaten eingeführt.

     

    6.FormendergesellschaftlichenBewegung

    Die jungen gesellschaftlichen Aktivist_innen bringen sich in das gemeinschaftliche Handeln ein, ohne zuvor ein offizielles Beitrittsformular auszufüllen und zu unterschreiben, das ihre Zugehörigkeit zu einer bestimmten Organisation besiegeln würde. Manche Forscher_innen vertreten in diesem Zusammenhang die These, es handle sich um einen „Selbstbedienungsaktivismus“, der einen Bruch gegenüber dem „traditionellen“ Modell markiere. Die Zurückhaltung beim förmlichen Beitritt zu Organisationen ist leicht zu erklären. Das „zentralistische“ Image der großen politischen und gewerkschaftlichen Organisationen wirkt auf die meisten jungen Menschen abstoßend. Die bürokratische Funktionsweise der „Apparate“, die Machtkämpfe innerhalb der Organisationen, die Furcht vor der Einreihung in eine vertikales Gefüge, in dem das „Ich“ durch das „Wir“ erdrückt werden könnte, – all das sind erhebliche Beitrittshindernisse. Trotzdem speist sich die Motivation für das Engagement aus dem gleichen System solidarischer Werte, deren Träger im bisherigen Verlauf der Geschichte die fortschrittlichen Parteien und die Arbeiterbewegung gewesen sind: Kampf gegen Ungerechtigkeit, Ausbeutung und Unterdrückung sowie Verteidigung der Gleichheit und der sozialen Demokratie.

     

    Die Wahrnehmung der Politik

    Die Äußerungen der Befragten bestätigen, dass die Jugend gegenüber der institutionalisierten Politik misstrauisch ist, wobei die Stärke dieses Misstrauens direkt proportional zur wirtschaftlichen Lage und zur politischen Moral im jeweiligen Land ist. Die vorherrschende Idee lautet, dass die offizielle Politik mit „finanziellen Interessen“, „Korruption“, „Vetternwirtschaft“, „falschen Versprechungen“, „Heuchelei“ und „Lüge“ einhergeht.

    Die dominierenden politischen Parteien werden als extrem strukturfixierte, vertikale und professionalisierte Apparate wahrgenommen, die sich der Reproduktion ihrer eigenen Interessen verschrieben haben und dabei versuchen, die öffentliche Meinung von der „Selbstlosigkeit“ ihrer Bestrebungen zu überzeugen. Doch das ist Blendwerk: Diese Parteien sind nicht nur austauschbar hinsichtlich ihrer Grundausrichtungen, sondern ihr zügelloser Stimmenfang behindert die Mitwirkung der Bürger_innen in grundlegenden Fragen.

    Unter diesen Umständen ist es kaum erstaunlich, dass die Politiker_innen bei der neuen Generation eine schlechte Presse haben. Nach Einschätzung der befragten jungen Menschen sind diese Politiker_innen nicht einfach „Geschäftsleute“, sondern „Geschäftemacher_innen“, entweder indirekt, indem sie sich für private wirtschaftliche Interessen einsetzen, die sie bereitwillig verteidigen und legitimieren, oder direkt, auf eigene Rechnung. Der Abstand, der sie von den gewöhnlichen Bürger_innen trennt, wird immer größer. Die Krise beschleunigt also die Krise der politischen Repräsentation.

    Einige Befragte zeigen eine noch stärkere „Protesthaltung“ und werfen der politischen Klasse vor, ihre Regulierungsbefugnisse im Finanzsektor gegen eine potenzielle Beteiligung am erwarteten Gewinn eingetauscht zu haben. Daraus ergibt sich ihre mangelnde Glaubwürdigkeit und ihre ideologische Verblendung. „Wir haben alles dem Autopiloten überlassen, und nun stellen wir fest, dass das Flugzeug abstürzt.“

     

    Auf der Suche nach einer anderen Politik…

    Die derzeitige Wirtschaftskrise zwingt uns, die Positionierung und die Vorstellungen der Jugend in Sachen Politik einer erneuten Überprüfung zu unterziehen. Wie das Vordringen einer Reihe von Gruppen in den öffentlichen Raum in Frankreich sowie – in jüngerer Zeit – die Idignados-Bewegungen, insbesondere in Spanien und Griechenland zeigen, haben viele junge Menschen inzwischen wieder Freude daran, alle Hebel in Bewegung zu setzen, um gegen die zunehmende Prekarisierung anzukämpfen. Sie möchten die Würde des realen Lebens verteidigen gegen die gemeine Verachtung, wie sie aus den zahlreichen Formen der Unterdrückung spricht. Doch diese Haltung entspricht häufig mehr einem Wunsch nach Veränderung als einer kohärenten Konzeption, die eine Alternative zu den vorherrschenden Kräften erschließen würde.

    Man wirft den Indignados-Bewegungen oft vor, dass sie keine Vorschläge formuliert hätten. Im Verlauf der Geschichte hat es jedoch noch nie eine gesellschaftliche Bewegung gegeben, die selbst Trägerin komplexer Antworten zur Lösung komplexer Probleme gewesen wäre. Die Bewegungen sind vielmehr Vektoren der politischen Innovation, denn sie schaffen Ereignisse, setzen den Lauf der Geschichte in Gang – sind jedoch nicht berufen, komplexe Strategien zu formulieren. Fürs Erste ergeht die Botschaft an die Gesellschaft, dass die Politik in ihrer jetzigen Form gescheitert ist. Darin liegt die Stärke – aber auch die Grenze – dieser Demokratieversuche.

    Im Übrigen erachten die jungen Menschen die Politik für zu kostbar, um sie den Berufspolitikern zu überlassen. Einer der Wesenszüge der institutionalisierten Politik, der sie besonders abstößt, ist nämlich das politische Unternehmer_innentum: das Ersticken der politischen Mitwirkung durch bürokratische Strukturen, das politische Marketing, der Karrierismus innerhalb der Parteien.

    Der Umstand, dass aus Führungseliten Medienstars werden, ist fatal für das Engagement der Jugend, denn er bestärkt sie in ihrer Einschätzung: „Politik = Politiker_innen“. Die von den Medien ausgehende Unterminierung aller Formen von Politik verschärft diese schreckliche Fehlentwicklung.

    Fassen wir abschließend zusammen: Warum können sich die jungen Menschen mit der offiziellen Politik nicht identifizieren? Das liegt wohl daran, dass das Feld der Politik es ihnen nicht erlaubt, ihr gemeinsames Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Die politischen Parteien befassen sich nämlich gar nicht mit den wirklichen Problemen der Jugend: Sie hören ihr nicht zu und geben ihr nichts.

    Welche Hauptachsen sollte man also für eine Neuausrichtung der Politik heranziehen, damit die neuartigen Formen der Politisierung, von denen die junge Generation durchzogen ist, tatsächlich Berücksichtigung finden? Die fortschrittlichen Parteien müssen konkrete und glaubwürdige Antworten auf diese Frage liefern. Das ist die notwendige Bedingung, um den Menschen wieder Hoffnung zu geben, um die Politik neu zu begründen und um die Jugend in den Mittelpunkt des demokratischen Lebens zu stellen, sowohl auf der Ebene der EU-Mitgliedsstaaten als auch auf EU-Ebene.

     

    Beim vorliegenden Artikel handelt es sich um einen Auszug aus einem Zwischenbericht einer bei rund fünfzig Jugendlichen in mehreren europäischen Ländern – insbesondere Frankreich und Griechenland – durchgeführten soziologischen Untersuchung. Diese auf Initiative der Fondation Gabriel Péri und der politischen Stiftung Espaces Marx im Zusammenwirken mit dem Netzwerk transform! in Angriff genommene Untersuchung zielt darauf ab, die Haltung der jungen Generation zum politischen Handeln und zum öffentlichen Engagement zu analysieren sowie die gemeinsamen Charakteristika angesichts der Transformationen der europäischen Gesellschaften herauszuarbeiten, die derzeit eine noch nie dagewesene „Kulturkrise“ durchleben.

     

     

    Anmerkungen

    1)     Olivier Galland: Sociologiedelajeunesse (Soziologie der Jugend), Paris, Armand Colin, 2007, vierte Auflage.

    2)     Guy Michelat und Michel Simon: LesOuvriersetlapolitique (Die Arbeiter und die Politik), Paris, Presses de Sciences Po, 2004.

     

     

     


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