• Was für eine Wissenschaft für welche Demokratie?

  • Von Janine Guespin-Michel | 02 May 12 | Posted under: Demokratie
  • Der Ausdruck „Wissenschaft und Demokratie“ greift um sich. Dementsprechend wird sein Inhalt mehrdeutig. Geht es einerseits um eine ewige „Wissenschaft“ (mehr oder weniger imaginiert) und andererseits um eine „Demokratie“, die mit Hilfe dieser Wissenschaft und im Hinblick auf ihre „Weiterentwicklung“ „verwaltet“ wird? Oder sollten wir nicht viel grundsätzlicher im Sinne von Ko-Evolution zwischen Wissenschaft und Gesellschaft denken?

    Folglich kann die aktuelle Situation, in der sich die Wissenschaft befindet, zweifelsohne nicht verstanden werden ohne das gegenwärtige ultraliberale, globalisierte und finanzialisierte Stadium kapitalistischer Vergesellschaftung zu berücksichtigen, innerhalb dessen sie sich entwickelt. Muss nicht umgekehrt jedes Projekt einer Demokratisierung der Gesellschaft im Gegenzug – und seinem Vorlauf – einen Wechsel in der Wissenschaft vollziehen, den es schon hier und heute sich vorzustellen und mit Substanz zu füllen gilt?

    Der neoliberale Kapitalismus benutzt den Ausdruck der „Wissensgesellschaft und -ökonomie“ und zielt damit auf die Eingliederung der Wissenschaft unter sein Banner, um sie zur Stütze zu machen für Wirtschaftskrieg und Konkurrenz. Dabei musste er die westliche Wissenschaft zu einem Schlüsselinstrument für Profit, Konsumismus … und für die Krise machen. Es geht um Wissenschaftspolitiken, die der Forschung durch die Ausrichtung auf – nicht weiter definierte – Innovationen die Rolle einer Profitquelle zuweisen.2 Diese Politiken werden durchgesetzt einerseits durch die Forschungsfinanzierung und andererseits durch das Forschungs-„Management“, das sich am Unternehmensmodell orientiert (was einen hohen Grad an Unsicherheit in die akademischen Arbeitsverhältnisse bringt). Dementsprechend müssen Forscher als Voraussetzung für die Finanzierung ihrer Forschungsarbeit Auskunft geben über die Anzahl der ihnen erteilten Patente und darüber, welche Innovationen sie mit dem Forschungsprojekt im Auge haben, für das sie Fördermittel beantragen. Diese Zusammenhänge werden immer weiteren Kreisen bewusst und sind ausführlich untersucht.3

    Dennoch kommt es darauf an, sich vor Augen zu führen, dass dies das Wesen von Forschung, ihre Aussagekraft und die Natur wissenschaftlicher Arbeit grundlegend verändert. Die heutige Wissenschaft in öffentlichen Labors ist nicht mehr die gleiche wie die, die dort Mitte des 20. Jahrhunderts betrieben wurde. Erst recht ist eine Wissenschaft, die der kapitalistischen Konkurrenz dient, nicht zu vergleichen mit einer, die zur „Konzeptionalisierung und demokratischen Umsetzung einer anderen Form von Globalisierung“ beiträgt.4

    Wissensökonomie

    Ein „Wesen von Wissenschaft“ gibt es also nicht, nicht einmal in der westlichen Wissenschaft. Forschung ist eine soziale Aktivität, die gesellschaftlichen Vorgaben folgt und Beschränkungen unterliegt, die sich als epistemologische (Methoden, materielle und begriffliche Werkzeuge, Theorien, herrschende Paradigmen… und das Vorhandensein eines tatsächlichen Gegenstands für die Erforschung der Erkenntnis) und politische (Forschungspolitik privater und öffentlicher Institutionen) fassen lassen. Vor diesem Hintergrund bedeuteten die Veränderungen, die mit dem Schlagwort der Wissensgesellschaft einhergingen, eine Verschiebung von Forschung als einer als autonom erfahrenen Tätigkeit (was teils illusorisch war) hin zu einer in erster Linie profitorientierten. Zwei Begriffe fassen zusammen, wie die Wissenschaft sich entwickeln musste, um diesen Vorgaben gerecht zu werden: Techno-Wissenschaft und Innovation. Ich beschreibe diese Verschiebungen als „Techno-Wissenschaft“, obwohl ich mir der Missverständnisse, die dieser Begriff hervorrufen könnte, bewusst bin. Keinesfalls rede ich einer Rückkehr auf die Bäume das Wort oder leugne die Bedeutung und den Einfluss von Technik in diversen Disziplinen und bei wichtigen Forschungsaktivitäten. Ich habe größten Respekt für die Techniken, die tiefgreifende Verbesserungen des menschlichen Lebens und sogar der menschlichen Natur ermöglicht haben (und noch viel mehr leisten könnten, wenn sie besser angewandt würden).

    Die Wissenschaft in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war relativ reif für diese Transformationen, da es sich bereits um eine im Kern reduktionistische Wissenschaft handelte, die den Schwerpunkt auf die Analyse immer kleinerer und feiner voneinander abgegrenzter Gegenstände legte, immer ausgefeiltere Techniken zum Einsatz brachte und dabei den Forschungsprozess als Ganzes oft aus den Augen verlor, sowohl was die Globalität angeht, als auch im Hinblick auf seine Dynamiken. Daraus ergab sich eine ausufernde Zergliederung der wissenschaftlichen Disziplinen in kleinteilige Unterdisziplinen, in denen es zunehmend um angewandte Wissenschaften ging, die wissenschaftsmethodisch nicht zu schwierig und auch unter finanziellem Druck zu bearbeiten waren. Hinzu kam, dass für eine Karriere (im Namen der Exzellenz) eher Quantität als Qualität zählte. Der wachsende Druck und die immer engeren Zeitpläne, die entstanden, weil sie immer mehr Output generieren sollten, während sie gleichzeitig die eigene Finanzierung sicherstellen mussten, drohten die Forscher zu ersticken und produzierten sehr schnell einen weltabgewandten Wissenschaftlertypus, der sich statt im „Elfenbeinturm“ in seinem Labor verschanzte und weder Zeit hatte noch disponibel genug war, um Bürger (Citoyen) zu sein.

    Damit ergibt sich eine Situation, in der sich Führungs- und Managementstrukturen einrichten lassen, die den Wissenschaftlern die Kontrolle über die Forschung komplett aus den Händen nehmen. Sie nehmen dies hin, um das Überleben der Forschung zu garantieren, auch wenn diese kaum noch dem entspricht, was sie, oder zumindest die Älteren unter ihnen, bisher unter Forschung verstanden. Was die jüngeren Wissenschaftler betrifft, so kannten sie ja nie etwas anderes! Dadurch wird Wissenschaft darauf reduziert (Ausnahmen bestätigen die Regel), Beiträge zu Innovation, Wettbewerbsfähigkeit, Wirtschaftskrieg und Profit der Finanziers der Forschung (in Form einer „Ökonomie der Leistungsverpflichtungen“5) zu liefern, d. h. genau das zu tun, was die heutige Welt unaufhaltsam in die Krise stürzt.

    Der Europäische Forschungsraum

    Sollten wir so gesehen nicht zwischen Natur- und Humanwissenschaften unterscheiden? Nein, denn letztere sind ebenso in all den Bereichen zum Aussterben verurteilt, die sich nicht unmittelbar in die Wissensökonomie einordnen. Das alles geschah weltweit innerhalb einer einzigen Dekade, in allen entwickelten Ländern, wenn auch Geschwindigkeit und Methoden von Land zu Land unterschiedlich gewesen sein mögen. In Europa richtete die Europäische Kommission den Europäischen Forschungsraum (EFR; engl. European Research Area, ERA) ein, um die gemeinsame Entwicklung der Forschungspolitiken aller Mitgliedsstaaten sicherzustellen. Allerdings erzählt auch japanisches und australisches Forschungspersonal die gleiche Geschichte der gleichen Verschiebungen und des gleichen Leidwesens.

    Selbstverständlich lief das alles nicht ohne Konflikte und Widerstand ab – die zahlreichen gewerkschaftlichen Kämpfe in Frankreich lassen sich da etwa als Beispiel heranziehen. Allerdings geht es in diesen Auseinandersetzungen eher um die Methoden des Forschungsmanagements und der -finanzierung als um das Wesen wissenschaftlichen Tuns oder dessen Sinn. Es wäre jedoch gefährlich, wenn diese Widerstände lediglich auf eine Rückkehr zur Wissenschaft, sagen wir, der 1960er Jahre zielten – zu der Wissenschaft, die so einfach in die Techno-Wissenschaft zu verwandeln war. Ein weiterer Fehler etwa wäre die Idee, um die Situation umzukehren genügte es, der jetzigen Wissenschaft ein demokratisches Feigenblatt anzuheften.

    Wir brauchen eine ganz andere Wissenschaft als die Techno-Wissenschaft – die aber gleichzeitig auch ganz anders ist, als die des vergangenen Jahrhunderts –, um zur Herausbildung einer alternativen Gesellschaft und ab sofort auch zum Kampf gegen die Krise beizutragen. Hier bewegen wir uns allerdings in einem Wechselverhältnis der Tugend! Ideen und Experimente gibt es bereits; ich möchte hier die Möglichkeit und die Notwendigkeit betonen, die defensiven Kämpfe gegen die Unterordnung der Forschung unter den Profit mit den kreativen Kämpfen zur Einführung einer ganz anderen Forschung zu verbinden. Und dass es erforderlich ist, damit jetzt zu beginnen.

    Die moderne westliche Wissenschaft entwickelte sich entlang der Idee der Naturbeherrschung. Andere Wissensformen wie etwa die sogenannter „indigener Völker“ nehmen eine andere Perspektive ein, die den Menschen in ihre Naturvorstellung integriert. Führt die Idee der Naturbeherrschung notwendigerweise zu der Wissenschaft, wie wir sie kennen? Oder sogar zu einer spezifischen Form der Wissenschaftsausübung, einem spezifischen Paradigma, wie ich es hier als Techno-Wissenschaft bezeichnet habe?6 Ich folge hier der Idee, dass Wissenschaft Gesellschaft nicht nur in ihren Managementmethoden widerspiegelt, sondern auch in ihrer Struktur, ihrem Wesen – mit anderen Worten: auch in den Fragen, die sie stellt, die sie als wissenschaftlich anerkennt oder als unwissenschaftlich verwirft, für einschlägig oder unangemessen hält, für wichtig oder trivial, oder, um es mit Kuhn zu sagen: in den dominanten Paradigmen.7

    Damit will ich keinesfalls die Möglichkeit objektiver Erkenntnis leugnen oder andeuten, dass alles, was heute Wissenschaft ist, verworfen werden sollte. Bedeutet das die Rückwendung zu einer Art Lyssenkoismus, einer „proletarischen (oder demokratischen) Wissenschaft“ im Gegensatz zur „bürgerlichen Wissenschaft“?8 Vor dieser Frage sollte man sich nicht drü-cken.- Meines Erachtens liefert der Philosoph Hugh Lacey das geeignetste Werkzeug zum Umgang mit diesem Problem, indem er zwischen Unvoreingenommenheit („impartiality“) und Parteilosigkeit (wörtl. Neutralität, „neutrality“) in der Wissenschaft unterscheidet. Unvoreingenommenheit umfasst für ihn die erkenntismäßigen Werte, die die wissenschaftliche Community (bis auf weiteres) als wahr anerkennt, wie etwa Theorien oder Modelle oder Interpretationen von Fakten.9 Diese Werte haben mit Werten im ethischen Sinne nichts zu tun. Radioaktivität oder Gene gelten als wahr unabhängig von ihrer Verwendung, und die Quantentheorie kann hinsichtlich ihres Wahrheitsbeweises auf den Konsens der öffentlichen Meinung oder der Banken verzichten.

    Andererseits stellt Lacey fest, dass daraus nicht folgt, dass Forscher und Wissenschaftler gleichgültig gegenüber den Folgen ihrer unvoreingenommenen Forschungsarbeit zu sein haben oder dass sie arbeiten sollten, ohne gegenüber der Gesellschaft verantwortlich zu sein für ihr Tun. Forschungsarbeit muss unvoreingenommen, darf aber nicht unparteiisch sein. Das gilt auch für den Rahmen, innerhalb dessen die Zielsetzungen eines Forschungsprojekts festgelegt werden.

    Lacey stellt zwei Strategietypen einander gegenüber.10 Kontextfreie Strategien nennt er solche, die ihr Thema und die einschlägigen Datenbestände so eingrenzen, dass nur noch aus dem Gegenstand abgeleitete Strukturen, Prozesse und diesen zugrundeliegende Gesetze in den Blick kommen, die dabei helfen ersteren zu analysieren und zu beherrschen. Sie sind „kontextfrei“, weil sie den gesamten Kontext (Handlungen, Werte, Beschreibungen und Erfahrungen) ausdrücklich ausblenden, in den der Gegenstand der Forschung eingebettet ist. Im Falle reduktionistischer Ansätze handelt es sich definitionsgemäß um kontextfreie Strategien. Demgegenüber beziehen kontextbezogene Strategien schon in der Anlage des Forschungsprojekts Faktoren ein, die die Art und Weise beeinflussen, wie der Forschungsgegenstand um Handlungsweisen herum strukturiert ist, ins Ökosystem eingebettet ist, in Wechselbeziehung mit seinen Akteuren steht usw. Keiner dieser beiden Strategietypen ist weniger wissenschaftlich oder weniger wichtig als der andere. Doch obwohl beide wichtig sind, privilegiert die heutige Wissenschaft ganz einseitig kontextfreie Strategien. Dabei gelingt es kontextbezogenen Strategien viel eher, neue Methoden und Beteiligungen zu ermöglichen und den Begriff des gesellschaftlichen und demokratischen Verhältnisses mit neuer Bedeutung zu füllen.

    In beiden Fällen wird der Pluralität von Ansätzen hohe Priorität eingeräumt, doch die kontextbezogene Herangehensweise führt zur Entfaltung komplexeren Denkens. Ziel ist es, damit nicht nur im Vergleich zur heutigen Wissenschaft sondern auch zu der der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, zu umfassenderem Wissen zu gelangen. Reduktionismus wird wieder zu einer wissenschaftlichen Methode unter anderen und gilt nicht mehr als das Maß aller Dinge innerhalb der wissenschaftlichen Kultur.

    Politische und wirtschaftliche Herausforderungen

    An einem Beispiel lässt sich das zeigen, und zwar an der Auswahl von Samen in der Landwirtschaft. Bonneuil und Thomas11 haben gezeigt, dass der Großteil der Forschung auf diesem Feld, die kontextfrei und nur auf die Eigenschaften der Samen oder sogar nur deren Gene gerichtet scheint, in Wahrheit sehr wohl kontextualisiert ist – und zwar mit einer sehr spezifischen Perspektive. Bei den Kontextfaktoren, die in den Blick kommen, handelt es sich nicht etwa um landwirtschaftliche Praxen, sondern um die dominanten politischen und wirtschaftlichen Anforderungen.

    Die Entwicklung einer Landwirtschaft, die steigende Ernten ermöglicht, den Umfang landwirtschaftlicher Lohnarbeit reduziert, den Aufbau einer Saatgutindustrie begünstigt, der Industrie Absatzmärkte eröffnet, die Vorgaben der Mühlen und industriellen Bäckereien erfüllt – all diese Faktoren bestimmen die öffentliche Forschung in ihrem Innersten, die in enger Kooperation mit den Züchtern stehen. Es handelt sich dabei um sehr einflussreiche Kontextfaktoren, die die genetischen Auswahlkriterien festlegen. Sie fördern den Rahmen der Erkenntnis, zunächst Mendel, dann die Genetik und jetzt Genmanipulation. Sie lassen diejenigen Varianten zu, die am besten zum Wachstumsmodell angewendet auf die landwirtschaftliche Produktion passen. Diese Strategie, die innerhalb eines implizit kapitalistischen Kontextes angesiedelt ist, basiert zu weiten Teilen auf einer Unterdisziplin (Pflanzengenetik), erscheint insofern kontextfrei und verstärkt so den Eindruck, nur kontextfreie Forschung könne wissenschaftlich sein.

    Lacey seinerseits untersuchte die Auswertung und Auswahl von Saatgut in der agroökologischen Forschung.12 Dort wird das Saatgut im Kontext eines Systems der Nahrungsmittelproduktion betrachtet. Damit kommt die Nachhaltigkeit einer solchen Produktion auf wirtschaftlicher, technischer und sozialer Ebene in den Blick (nämlich die Auswirkungen auf die Biodiversität, die sozialen Verhältnisse und den Boden). Diese Strategie, eindeutig kontextbezogen, erfordert die Kooperation einer Anzahl von Unterdisziplinen und legt oft auch eine partizipatorische Herangehensweise nahe. Dennoch tragen beide Forschungsstrategien wissenschaftlich gesehen zur Sammlung von Erkenntnis über Saatgut bei – keine ist „wissenschaftlicher“ als die andere.

    Es geht also um die Frage, nach welchen Kriterien Entscheidungen für die eine und gegen die andere Strategie fallen und um die Folgen derartiger Entscheidungen. Auf jeden Fall lässt sich beobachten, dass im Rahmen wissensökonomisch determinierter Wissenschaft alles daran gesetzt wird, kontextbezogene Strategien herabzuwürdigen. Letzteres geschieht aus Gründen, die mit Wissenschaft nichts zu tun haben, dafür mit Werten – und zwar denen des Neoliberalimus. Die vorherrschende Position der kontextfreien Tradition (die, wie wir gesehen haben, in Wirklichkeit gar nicht kontextfrei ist) verschleiert ihre Kontextfaktoren sorgfältig. Dem entspricht die gegenseitige Verstärkung zwischen ihr und den Werten einer Gesellschaft, die auf Herrschaft beruht und die Problemlösung durch solche technologischen Innovationen begünstigt, die die massive Ausbeutung natürlicher Ressourcen ermöglichen.

    Dieses Beispiel verdeutlicht die Wechselbeziehungen zwischen der Wahl einer Strategie und der Wahl einer Gesellschaft. Demokratie würde heißen, eine Vielzahl von Herangehensweisen und Strategien zu ermöglichen (und nicht das Gegenteil: einfach eine andere Strategie zu bevorzugen). Ich habe dieses Beispiel bemüht um zu zeigen, was ich damit meine: Die ganze Struktur von Wissenschaft muss sich ändern. So wird etwa klar, dass kontextbezogenen Strategien notwendigerweise zur grundsätzlichen Überprüfung des gegenwärtigen Schubladensystems der Disziplinen führen. Das bedeutet nicht nur eine andere Forschungspraxis, interdisziplinär und gesellschaftsverbunden, sondern auch eine andere Art der Lehre in der Wissenschaft. Noch grundsätzlicher bedeutet das auch eine andere Denkweise, innerhalb derer Reduktionismus und linearer Rationalismus nicht mehr als die Schlüssel zur Vernunft erscheinen. Das Nachdenken über Wissenschaft im Verhältnis zu gesellschaftlichen Problemen kann demzufolge auch zu erkenntnistheoretischen Fragen führen.

    Wie dem auch sei, dies ist nur ein Beispiel, eine Illustration, die ein Forschungsfeld öffnen und weiteres Nachdenken anregen soll, und nicht etwa ein fertiges Patentrezept. Die Rede über die Pluralität der Ansätze beinhaltet die Notwendigkeit (oder wenigstens Möglichkeit) unbeschränkter Suche nach neuen Herangehensweisen, neuen Strategien, neuen Denkmodellen. Das bedeutet nicht, zu tun was man will und wie man es will. Die Bedingungen von Wissenschaftlichkeit (Unvoreingenommenheit), die z. B. die Peer-Begutachtung von Forschung ermöglicht, gelten, so lange niemand (implizit oder nicht) die Unterwerfung unter das eine oder andere Paradigma als Bedingung hinzufügt, und sei es das dominante.

    Ist es möglich, wünschenswert und überhaupt notwendig, eine solche Aufgabe gerade jetzt anzugehen?

    Möglich ja, denn die Wissenschaft komplexer Systeme fängt gerade an, innerhalb der Erkenntnistheorie genau die Konzepte einzuführen, die es für weiteres Nachdenken in Richtung pluralistischer Forschungsstrategien braucht. Es ist auch deshalb möglich, weil dieser Pluralismus sich auf die notwendige Kooperation zwischen Wissenschaftlern, den verschiedenen sozialen Akteuren und den Bürgerinnen und Bürgern einlässt, die durch eine gesellschaftliche Reaktion auf den techno-wissenschaftlichen Terrorismus zustande kommt. Schließlich ist die Möglichkeit durch die bereits existierenden Vorbilder belegt und dadurch, dass uns das Leben die Grenzen und sogar Gefahren kontextfreier Wissenschaft zunehmend vor Augen führt.13

    Es ist wünschenswert, da heutige Wissenschaft so von Nutzen für die Wissenschaft von morgen sein wird, auch weil es eine sich gegenseitig verstärkende Wechselwirkung zwischen einer Praxis und ihrer Akzeptanz in der Bevölkerung gibt. Während viele Wissenschaftler heute (vor allem jene Nachwuchswissenschaftler, die nichts anderes kennen) nur kontextfreie Strategien als wissenschaftlich anerkennen, stellt die Herausforderung dieses Dogmas zugleich die Legitimität der Gesellschaft, in der es sich durchgesetzt hat, in Frage.

    Schließlich ist es notwendig, da kontextbezogene Strategien die Zusammenarbeit zwischen professionellem akademischen Personal und Akteuren der „Zivilgesellschaft” ermöglichen – Kooperationen, die wiederum das gegenseitige Verständnis verbessern und die Einbindung von Bürgerinnen und Bürgern in demokratische Prozesse hinsichtlich wissenschaftspolitischer Entscheidungen ausweiten. Mit anderen Worten, indem sie jetzt an ausgesuchten Projekten zusammenarbeiten, und seien sie noch beschränkt, machen sich bürgerschaftliche Wissenschaftler (Scientifiques-Citoyens) und Bürger (Citoyens) gemeinsam auf, die Wissenschaftspolitik zu demokratisieren.14

    (Frauen sind bei allen Bezeichnungen und männlichen Ausdrücken ausdrücklich mitgemeint.)

     

    Anmerkungen

    1. Dieser Text, der im Rahmen des Gegengipfels zum G 20-Gipfel in Nizza (Oktober 2011) entstand, hat durch Diskussionen im Umfeld einer Arbeitsgruppe von Espaces Marx viel gewonnen. Ausdrücklich danke ich Annick Jacq für ihre Anregungen.
    2. “l’OIN du plateau de Saclay: science contre démocratie ou science sans démocratie”  (Die nationale Angelegenheit auf dem Plateau von Saclay: Wissenschaft gegen Demokratie oder Wissenschaft ohne Demokratie) A. Jacq: Espaces Marx. Pamphlet 2011.
    3. Für eine Analyse der Auswirkungen der Wissensökonomie auf die Live Sciences vgl.: “Le vivant entre science et marché: une démocratie à inventer”, eine Gemeinschaftsarbeit, koordiniert von J. Guespin und A. Jacq, syllepse/espaces Marx 2006. Vgl. auch die Artikel auf der Webseite von Espaces Marx, unter dem Titel “science et démocratie” (http://www.espaces-marx.net/spip.php?rubrique123).
    4. Wie es im Titel des Forums heißt, das auf dem Gegengipfel gegen den G 20 in Nizza (Oktober 2011) stattfand.
    5. Für “économie de la promesse” vgl. “la trajectoire d’une promesse” www.espaces-marx.net/spip.php.
    6. Besteht nicht ganz im Gegenteil derzeit durch die Klimakrise und die Unfähigkeit des globalen Kapitalismus damit klarzukommen die Gefahr der Beherrschung des Menschen durch die Natur?
    7. Thomas Kuhn: The Structure of Scientific Revolutions, Chicago 1962, 2. erw. Ausg. 1970 (dt. Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, Frankfurt am Main 1976).
    8. Trofim. D. Lyssenko (1898–1976) war ein sowjetischer Biologe und Agronom, der in den 1950er und 1960er Jahren in der Sowjetunion wissenschaftspolitisch großen Einfluss hatte. Im Namen vermeintlicher „dialektischer Gesetze“ versuchte er, eine „sozialistische Genetik“ zu schaffen, die der „bürgerlichen Genetik“ entgegengesetzt und überlegen sei. Dabei wendete er sich von der wissenschaftlichen Herangehensweise ab (ein Teil seiner Forschungsergebnisse wurde später als Fälschung entlarvt) – und diskreditierte damit zugleich die dialektische Logik für lange Zeit und auf destruktive Weise.
    9. Hugh Lacey: Is Science Value Free? Values and Scientific Understanding, Routledge 1999, 2005.
    10. Hugh Lacey: The Many Cultures and the Practices of Science, 2010, vorgestellt beim I Encuentro Internacional de Culturas, Cientificas y Alternativas Tecnologicas. Vgl. auch Nicolas Lechoppier: Sciences, valeurs et pluralisme, in: Hugh Lacey.
    11. Christophe Bonneuil, Frédéric Thomas: Gènes, pouvoirs et profits: Recherche publique et régimes de production des savoirs de Mendel aux OGM (Gene, Macht und Profit: Öffentliche Forschung und Wissensproduktionsregime von Mendel bis GVOs), Éditeur Quae, Co-éditeur Fondation pour le progrès de l’Homme, Oktober 2009.
    12. Hugh Lacey: Values and Objectivity in Science, 2005, Lexington Books.
    13. Zum Beispiel Agrotreibstoffe.
    14. Jeder, der sich mit diesen Fragen beschäftigt, weiß, wie schwierig die Materie ist. Wissenschaftler ebenso wie Bürger sind damit einverstanden, für die Wissenschaft (wie für die Wissenschaftspolitik) einen exklusiven Schutzbereich gelten zu lassen, während dessen Erträge dann de facto in den Taschen multinationaler Konzerne hängen bleiben.

     


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