• Contribution to Debate
  • Migration ist schlecht, Migration ist gut, Migration IST

  • Von Ulrike Kruh | 08 May 12 | Posted under: Österreich , Antirassismus/Migration
  • Ein menschliches Drama in drei Akten und ein paar Ideen

    Prolog

    Migration ist schlecht, posaunen die Propagandisten populistischer Politik hinaus, ihre Primitivmedien stoßen gerne ins gleiche Horn. Auf Migranten werden die sozialen und ökonomischen Probleme unseres Wirtschaftssystems projiziert und diese noch unwissenden „Fremden“ können sich nur schlecht dagegen wehren.

    Migration ist gut, meinen die Linken, Grünen und NGOs. Sie verweisen auf die Menschenrechte oder berufen sich auf die Erkenntnisse europäischer Demografen, die wissen, dass unser Kontinent Migranten braucht, um eine konkurrenzsichernde Bevölkerungsentwicklung halten zu können.

    Ich teile die menschenrechtlichen Anliegen und die sozio-ökonomische Analyse der zweiten Position, füge aber eine dritte und grundlegendere hinzu: Migration IST. Migration ist DAS Humanum, denn nur durch Migration konnte sich die Menschheit von ihren Entstehungsorten in Ostafrika über den ganzen Erdball ausbreiten. Nur dessen eingedenk können wir mit dem Phänomen Migration richtig umgehen und eine menschengerechte Migrationspolitik entwickeln.

    1. Akt: Migration ist schlecht

    Amir Kassaei, einer der erfolgreichsten Manager der Werbebranche weltweit, sprach sich vor kurzem im Fernsehen dafür aus, dass die Werbebranche sich in der Weltwirtschaftskrise ihrer sozialen und politischen Verantwortung und ihres möglichen Mitverschuldens bewusst sein müsse.

    Was hat ein Vertreter eines eindeutig dem Kapitalismus dienenden Wirtschaftszweiges in einer linken Zeitschrift zu suchen?

    Kassaei, so erzählte er auf Befragen, ist Migrant. Er musste ab seinem 12. Lebensjahr als Kindersoldat im iranischen-irakischen Krieg dienen, hat wahrscheinlich Leute erschossen, sah als Kind, wie sein bester Freund neben ihm starb. Kassaei kommt aus einer wohlhabenden iranischen Familie, die alles daran setzte ihren Sohn zu retten, er konnte über die türkische Grenze geschmuggelt werden, gelangte dann zu Verwandten nach Wien, wo er Erstaufnahme fand, sich kurze Zeit später – noch in der Schule – jedoch selbst durchbringen musste. Der Bürgersohn lernte Wien so von weit unten kennen. Dass er seinen Schulabschluss machte, war für ihn selbstverständlich. Danach setzte er ein Ökonomie-Studium in Fontainebleau drauf, erste Jobs als Controller bei Werbeagenturen führten wieder nach Österreich. Der inzwischen österreichische Staatsbürger zog nach Berlin um, nach anderen Stellen hatte er sich bis in die internationale Werbeagentur DDB gekämpft. Die übernahmen ihn jetzt in die New Yorker Zentrale, er soll einer der drei wichtigsten Leute der Werbebranche überhaupt sein. Eine Ausnahme, gewiss. Oder doch nicht?

    In der Freitagabend Talkshow des SWR vor wenigen Wochen erntete Kassaei allgemeine Bewunderung für seine Geschichte. Nur sein (winziger – und ich weiß das, denn ich bin Österreicherin) etwas weicherer und natürlich aus Wien stammender Tonfall in seinem perfekten Hochdeutsch wurde vom Talkmaster lächelnd bekrittelt. Irgendetwas an diesem erfolgreichen Menschen musste doch anders und irgendwie fremd sein.

    Weshalb stehen Medien und die öffentliche Meinung Migranten wie Kassaei positiv gegenüber, fallen aber über Migranten im allgemeinen unbarmherzig her? Dazu werden Katastrophen- und Kriegsvokablen benutzt. Fluten würden uns überschwemmen, gegen die Dämme und Mauern gebaut werden müssten, die Festung Europa müsse sich abschotten. Noch schlimmere sprachliche Vergleiche kommen aus dem Tierreich oder der Medizin. Wir und sie, wir die Guten und sie die Schlechten, wir hier drinnen und sie die Feinde draußen vor dem Schutzwall, dieses Gedankenbild muss eingehämmert und verfestigt werden. „Othering“ nennen das die Anthropologen und tausende ihrer Studien belegen, dass dieses Phänomen in vielen Gesellschaften und Kulturen existiert.

    Sebastian Kurz ist 24 und Student der Rechte. Mehr als mit seinem Studium hat er sich sicher mit seiner politischen Funktion als Vorsitzender der konservativen Parteijugend Wiens beschäftigt. Vor den letzten Gemeinderatswahlen versuchte er Stimmen zu angeln, indem er mit einem Riesenvehikel durch die Stadt fuhr, auf dem „Schwarz ist geil !“ stand. Dieser wirklich fesche, aber offenbar gern auch geile Typ wurde vom Vizekanzler zum Staatssekretär für Integration gemacht und sitzt seit wenigen Monaten hochdotiert im österreichischen Innenministerium.

    Die Nominierung von Kurz wurde wegen dessen Unerfahrenheit scharf kritisiert, Kurz musste also gegensteuern. Er erfand eine Art „Kassaei-Kampagne“. Mit von Steuergeld bezahlter PR soll die Öffentlichkeit auf die Nützlichkeit von Migranten hingewiesen werden, besonders erfolgreich Integrierte dienen als Vorzeigebeispiele. In diesem Zusammenhang kommt immer wieder der internationale Catering-Unternehmer Attila Dogudan vor, der die Identitätsdebatte geschickt zur Werbung für sein eigenes Unternehmen nützt und dabei stets auf seine türkischen Wurzeln und die guten österreichischen Möglichkeiten verweist. In der Öffentlichkeit erwähnt er weniger, dass er vom Vater das Geld für seine erste Unternehmensgründung vorgestreckt bekam.

    Womit wir beim politischen Kern der Sache wären. Sogenannte Erfolgreiche, also die, die sich dem Kapitalismus völlig verschrieben haben, sind selbstverständlich kein Problem für das Wirtschaftssystem und werden in der Konsequenz von Öffentlichkeit und Medien auch niemals als solches bezeichnet.

    Ein „Problem“ sind die andern, die sogenannten „Integrationsunwilligen“, die in den vielkritisierten „Parallelgesellschaften“ leben, diese mit Kopftuch und Moscheebesuch sogar verteidigen, zu wenig und zu schlecht Deutsch sprechen, und angeblich mit „uns“, der Mehrheitsgesellschaft, nichts zu tun haben wollen. Der Vater war jahrzehntelang Arbeiter. Die Mutter kochte zu Hause ausgezeichnet und mühte sich damit ab, die viel zu kleine Wohnung hygienisch zu halten. Nach ihrer Ankunft hier im Norden war sie mit Arbeit und Kindererziehung beschäftigt. Jedes Geldstück musste anfangs umgedreht werden, ein von der Familie selbst bezahlter Deutsch-Kurs war für die Frau da nicht drin.

    Zwischen ihnen und den Erfolgreichen wie Kassaei und Dogudan gibt es einen entscheidenden soziologischen Unterschied, ihre schichtspezifische Herkunft. Sie kommen nicht aus der Mittel- oder Oberschicht, sondern sind zumeist Kinder von Bauern aus den weniger entwickelten Regionen Ex-Jugoslawiens oder der asiatischen Türkei.

    Jetzt werden diese Menschen, die mit ihrer günstigen Arbeitskraft das zentraleuropäische Wirtschaftswunder des 20. Jahrhunderts mit-ermöglicht haben, genau WEGEN ihrer damaligen Leistung gebrandmarkt. Mehr als 30 Jahre betrieb die österreichische Industriellenvereinigung in Ex-Jugoslawien und der Türkei Anwerbebüros für „Gastarbeiter“. Mit dem Versprechen, sich schnell eine gute Existenz für sich und ihre Familie aufbauen zu können, wurden diese Anatolier oder Serben regelrecht nach Österreich gelockt.

    Von Integrationsmaßnahmen, die auch dem damaligen sozialwissenschaftlichen Forschungsstand entsprochen hätten, war keine Rede, wahrscheinlich war das zu teuer. Die Folgen dieser menschenrechtlichen Ungeheuerlichkeit nutzen Rechte wie Sarrazin (und er ist selbstverständlich ein Rechter, SPD-Mitgliedschaft hin oder her); der FPÖ-Politiker Strache schwingt auf der Wiener Ringstraße ein großes christliches Holzkreuz und plakatiert stolz „Daham statt Islam“ (hochdeutsch: Daheim statt Islam).

    Der vorwurfsvoll gemeinte Terminus „Parallelgesellschaft“ ist besonders perfide. Was hat ein österreichischer Unternehmer, der gerne Mitglied im Lions Club ist, mit einem österreichischen Arbeiter, der Fan des Fussball-Clubs Rapid ist, gemeinsam? Beide sind in Clubs, kleinen „Parallelgesellschaften“, engagiert. Was eine Linzer alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, die im Elternverein der Schule aktiv ist, mit einer FPÖ-Politikerin, die einen Kärntner Chor organisiert? Rund um uns herum, auch unter den „österreichischen Österreichern“ gibt es nur „Parallelgesellschaften“, ausschließlich. Wieso also sollte das bei Menschen, die von anderswo hierher gekommen sind, anders sein? Und warum macht man es nur diesen Menschen zum Vorwurf?

    Die sogenannte „Ausländer-Frage“ oder die – bereits etwas politisch korrekter genannte – „Integrationsfrage“ ist die gute, alte Klassenfrage. Wohlhabendere, aus dem Bürgertum stammende und sich schnell mit Verhältnissen und Wirtschaftssystem arrangierende Migranten sind gut, aus armen Schichten stammende, die hier Arbeiter wurden, sind schlecht. Ihre Kultur wird als rückständig bezeichnet und es wird vergessen, dass sich lange Zeit keine einzige Instanz des Ziellandes kulturell um sie gekümmert hat. Es wird verdrängt, dass die bürgerlichen Migranten sogar in ihrer Migrationssituation in der Regel auf viel mehr soziale Unterstützung zählen können als ihre viel ärmeren, im Herkunftsland wenig gebildeten Landsleute, die späteren Gastarbeiter.

    Diese Diskriminierung ehemaliger Arbeiter und ihrer anderen Kultur verfolgt ein klares politisches Ziel, sie kann als „Schuss vor den Bug“ der inländischen ArbeitnehmerInnen interpretiert werden, hält diese durch Angstmache ruhig und schreckt sie davor ab, ihre berechtigten Forderungen zu stellen.

    Außerdem wird so ein Keil in die Arbeiterschaft getrieben. Wenn es uns, den hiesigen ArbeitnehmerInnen, so schlecht geht, dann muss doch einer schuld sein, und das sind – wenn ich wenig politisch gebildet bin – dann nicht die Verhältnisse (die verändert werden müssen), sondern Savo, mein serbischer Kollege oder Mesud, der Türke am Gabelstapler. Die Taktik erfüllt also einen doppelten Zweck, ist wirklich schlau und geradezu teuflisch-genial.

    Seit in der Öffentlichkeit nicht mehr offen über Klassenkonflikte gesprochen wird, hat sich der Diskurs also verschoben, jetzt haben wir es mit der Ethnisierung und Kulturalisierung der sozialen Folgen des ökonomischen Ungleichgewichts, wie es für den Kapitalismus strukturell bestimmend ist, zu tun.

    Psychisch unverarbeitete Migrationsprozesse führen dazu, dass die Probleme unbewusst von einer Generation auf die nächste übertragen werden. Die Tatsache, dass der Gastarbeitervater verachtet wurde und die Mutter beschimpft, bewirkt vielleicht das Ausagieren des Sohnes, das schrille Verhalten der Tochter der Zweiten Generation. Die Unruhen in den Pariser Banlieus vor sechs Jahren und die von Tottenham ausgehenden britischen Revolten 2011 zeigen das tiefe „Unbehagen in der Kultur“ vieler MigrantInnen auf. Die Abschottungspolitik der vergangenen Jahrzehnte hat nichts Positives gebracht, sondern zu einem zusätzlichen und riesigen Problem für Alle geführt.

    Leider hat die postmoderne Mode in der sozial- und kulturwissenschaftlichen Forschung diesen Trend unterstützt bzw. mitbegründet. Die klassische soziologische Betrachtung sprach von Phänomenen wie chain migration (Migranten gehen in Länder, wo es schon andere Migranten ihres Herkunftslandes gibt, sodass sich eine Kette um die Welt spannt. Sie bekommen in ihrer Diaspora verstärkte Unterstützung in der schwierigen ersten Zeit des Fußfassens), orientierte sich am Push-pull-Modell (push-Faktoren sind die Negativa, die zur Migration zwingen; pull-Faktoren die attraktiven Eigenschaften des neuen Landes, die anziehend wirken), berücksichtigte Migranten in der Bevölkerungsentwicklung (die Gedanken des genialen Malthus fortführend), unterschied scharf zwischen Arbeitsmigration und Flucht.

    Postmoderne Theorien hingegen kommen ohne sozioökonomische Begründung sozialer Probleme aus, versuchen die Welt in turns zu erklären, so gab es einen linguistic turn, einen cultural turn, einen anthropological turn, sogar einen iconic turn u.v.m. Diese Erklärungsversuche konzentrieren sich auf die Oberfläche der Phänomene und verwenden dazu gerne auch von Marxisten Geschriebenes, weiden es wie eine Kuh aus, der Kern der (für sie: früheren) Sache, die Erklärung der sozioökonomischen Verhältnisse und die Analyse des Systems, ist aber verpönt. Das wäre altmodisch, unnötig und nicht kulturwissenschaftlich.

    Alle mit Migration verbundenen kulturellen und sozialen Phänomene werden mit Vorliebe von diesen „Kultur“-Wissenschaftlern untersucht. Mit diesem Kult der Verschiedenheit und Buntheit wird diese Verschiedenheit regelrecht einzementiert, die Migranten werden auf eine starre Rolle festgelegt, ihre unterlegene Position der Benachteiligung in der Gesellschaft wird im negativsten Fall wissenschaftlich verfestigt.

    Die Wissenschaft hat somit ihren emanzipatorischen Anspruch aufgegeben, auf den Unis hat sich ein postmoderner Mainstream etabliert, Migranten sind seine beliebten Forschungsobjekte. Dass sie längst Subjekte in unserer Gesellschaft sind, damit setzt sich diese Geistesrichtung wenig auseinander.

    2. Akt: Migration ist gut

    Angesichts des strukturellen Ungleichgewichts und dessen menschenrechtlichen Folgen, unter denen die meisten Zuwanderer zu leiden haben, verteidigen die Linken, die Grünen und viele NGOs in der Regel die Sache der Migranten.

    Viele echt Gläubige und Linke, viele Menschenrechtsbewegte haben sich in der Caritas, bei Amnesty International, der Asylkoordination, IOM, Zara, u. a. dieser Aufgabe verschrieben. Viele ihrer Anliegen werden vom UNHCR, der Flüchtlingsorganisation der Vereinten Nationen, unterstützt. Die Tapfersten unter ihnen haben sich auf das mühsame Geschiebe mit den Innenministerien eingelassen, lesen die immer wieder neuen Gesetze und ihre Novellierungen, verfassen Kommentare dazu. Durch diese strukturelle Ungerechtigkeit musste eine ganz neue Branche entstehen, sogar Studienzweige wurden adaptiert. Die gesetzliche Lage ist so kompliziert geworden, dass heute nur wenige AnwältInnen von sich behaupten können, sich im Dschungel des „Fremdenrechts“ wirklich auszukennen.

    Nur mehr die krassesten menschenrechtlich bedenklichen Fälle schaffen es bis in die Öffentlichkeit. Als im Herbst 2010 zwei achtjährige blonde Zwillingsmädchen aus dem Kosovo mithilfe eines bewaffneten Spezialkräfte-Einsatzes frühmorgens außer Landes geschafft werden sollten, ging ein Aufschrei durch Österreich, 100.000 Engagierte unterschrieben dagegen. Der Druck war sogar der sehr resoluten damaligen Innenministerin Fekter zu groß geworden, unter Anwendung von zig juridischen Finten musste sie die Wiedereinreise der kosovarischen Familie Komani erlauben.

    Die positive Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit gehört also den menschenrechtlichen Extremfällen, negative Aufmerksamkeit wird hingegen der Mehrheit der Migranten zuteil, den schon länger ansässigen Arbeitsmigranten.

    In welchem Rahmen bewegen wir uns hier: Das Europa der 27 hat 491 Millionen Einwohner, davon sind 41 Millionen (8,4 Prozent) Zuwanderer. 1,3 Millionen der 8,4 Millionen Einwohner Österreichs kamen im Ausland zur Welt (ca. 15 Prozent der Bevölkerung), davon sind 760.000 ausländische StaatsbürgerInnen (ca. 9 Prozent der Bewohner Österreichs). Die Zahl der Einbürgerungen ist durch den Einfluss der schwarz-blauen Periode (die rechtskonservative Koalition der „christlich“-demokratischen ÖVP mit der freiheitlichen FPÖ von 2000 bis 2006) drastisch gesunken, damals wurden diese Gesetze verschärft, sodass im Jahr 2010 nur 6.135 Menschen eingebürgert werden konnten, die meisten davon im gesellschaftlich liberaleren Wien.

    400.000 Beschäftigte des österreichischen Arbeitsmarktes sind „Ausländer“, das ist ein Anteil von zwölf Prozent. Sie stammen nicht aus der Türkei, sondern überwiegend aus Deutschland und dem ehemaligen Jugoslawien, die türkischen Bewohner Österreichs (darunter viele Kurden) kommen erst an dritter Stelle.

    In den politischen Diskussionen über Migration wird ein Faktum immer ausgelassen. Es gibt auch EuropäerInnen, die die Nase voll von Europa haben, ÖsterreicherInnen, die auswandern. Sie empfinden dieses überalterte Land als zu verkrustet, halten es hier einfach nicht mehr aus. Die Politiker erwähnen diese Gruppe wohlweislich nicht, da sie sich sonst eine selbstkritische Frage stellen müssten: „Womit haben wir diese Leute vertrieben, was haben wir falsch gemacht?“ Sie müssten ihren eigenen Anteil an der österreichischen Politik überdenken, ein hoher Grad an Selbstreflexion, der nur von Ausnahmepolitikern zu erwarten ist.

    3. Akt: Migration IST

    Halten wir einmal inne: Wie konnte sich die Menschheit von ihrem Entstehungsort in Ostafrika über den ganzen Erdball verbreiten? Wie schafften „wir“ die Entwicklung vom Australopithecus afariensis (der berühmten Lucy) bis in die Wolkenkratzer von Shanghai und New York? Durch Migration.

    Die Gattung homo spaltete sich von den Australopithecines vor ca. 2,4 Millionen Jahren ab, die Entwicklung zum homo sapiens war erst vor ca. 250.000 Jahren abgeschlossen, erdzeitgeschichtlich eine sehr kurze Zeitspanne. Nach der Southern Dispersal Theory begann die „große Migration“ des homo sapiens über den Erdball erst vor ca. 70.000 Jahren vom Horn von Afrika aus und erfolgte in mehreren Schüben.

    In Europa traf homo sapiens auf seinen früher aufgebrochenen genetischen Cousin, den Neandertaler, und vermischte sich teilweise mit ihm. Als letzte große Humanbesiedelung gilt die amerikanische nach der Überquerung der damals trockenen Bering-Straße von Sibirien nach Alaska, „der Mensch“ befindet sich nach der Erkenntnis einiger Forscher erst seit ca. 15.000 Jahren auf dem amerikanischen Kontinent.

    Migration ist also DAS Humanum schlechthin, der Begriff „Menschheit“ und der Begriff „menschliche Migration“ sind in Wirklichkeit Synonyme. Der zu Anfang des 19. Jahrhunderts entstandene nationalstaatliche Gedanke widerspricht dieser Erkenntnis auf einer politischen Ebene. In diesem idealen Nationalstaat würde EIN Volk mit EINER Sprache, mit gemeinsamen Traditionen, Volkstänzen und sogar Gewändern (Trachten) leben. Dieser – in Wirklichkeit so nie existente – Nationalstaat wäre eine Art Riesenfamilie, in dem diese angeblich Gleichen miteinander in Frieden leben könnten. Jeder „von außen“ Kommende wäre demnach eine potentielle Bedrohung dieses angenommenen Friedens, ein Fremder und in der Konsequenz sogar ein Feind.

    Abgesehen davon, dass die Familie eine äußerst krisenanfällige soziale Zelle ist (schließlich geschehen die meisten Morde im Familienverband), kann das Familienmodell schon wegen der Größenverhältnisse nicht von einer winzigen Gruppe auf mehrere Millionen Menschen übertragen werden. Soziologen wissen das, rechte Politiker, die den Unterschied zwischen Gesellschaft und Gemeinschaft nicht wahrnehmen, wollen das nicht wissen.

    Die Rechten, die so gerne mit den Vor-Rechten der „angestammten“ Bevölkerung argumentieren und in Zentraleuropa damit die Abfolge Kelten, Römer, Germanen, Slawen, Bayern meinen, müssen auf den größeren historischen Bogen verwiesen werden. Ihre Argumente sind im wahrsten Sinne des Wortes zu kurz gegriffen.

    Im Englischen wird die Verleihung der Staatsbürgerschaft als „naturalization“ bezeichnet, der Migrant bekommt dadurch einen natürlicheren Status. Das stimmt insofern, als dass er/sie sich als StaatsbürgerIn des neuen Landes endlich normal bewegen, niederlassen, eine Arbeit annehmen und wählen kann. Schon 1993 haben die ungarischen Soziologen Agnés Heller und Ferenc Féher darauf hingewiesen, dass der Begriff ergänzt werden muss, es darf nicht nur um naturalization, es muss auch um culturalization gehen. Und Kultur meint hier nicht die deutsche Kultur oder die französische, sie meint die humane, etwas Übergeordnetes, das uns allen kulturell gemeinsam ist, die Möglichkeit der Teilhabe.

    Identitätspolitik wird erst betrieben, wenn Identitäten angeblich gefährdet sind. Wer nicht genau weiß, wer er ist, muss sich seiner Identität(en) versichern. Wir müssen also zu einem Umgang mit Migration finden, die Identitäten nicht gefährdet, sondern unterstützt.

    Epilog: Was wäre vernünftig?

    Man könnte z. B. die Idee der Denizens weiterentwickeln, die der Jurist und Migrationsforscher Rainer Bauböck vom European University Institute in Florenz so engagiert vertreten hat. Denizens sind Bürger eines Ortes. Sie kommen von woanders und besitzen noch ihre „alte“ Staatsbürgerschaft. Sie stehen zwischen Fremden und Staatsbürgern und haben Niederlassungsfreiheit. Schon im Römischen Reich und im frühen englischen Common Law gab es einen ähnlichen juridischen Status.

    Ich kann mir vorstellen, die Denizens-Bürgerschaft nicht UNTER die Staatsbürgerschaft zu stellen und ihr nicht nachzuordnen, sondern sie ausdrücklich ÜBER sie zu stellen. Man wäre somit nicht Europäer, weil man Franzose ist, sondern man wäre Franzose, weil man Europäer ist. Das de Gaulle’sche Europa der Regionen würde von dem Gedanken der – in erster Linie – EUROPÄISCHEN Region ersetzt. Das ist keine unnötige Wortklauberei, sondern macht menschenrechtlich einen gewichtigen Unterschied.

    Jeder hätte so einen zweigeteilten Pass: Teil 1 – ähnlich einem UNO-Pass – würde ihm den Aufenthalt und die Zugehörigkeit zum großen Ganzen, Europa, die Niederlassungsfreiheit und das Recht auf Arbeit und Besitz am Ort seines Aufenthaltes zusichern; Teil 2 die Zugehörigkeit zu einer europäischen Nation garantieren, die ihn/sie auch verpflichtet, die Gesetze und Regeln dieses Landes einzuhalten, ihm/ihr aber auch ermöglicht, an Kultur und Sprache des gewählten Landes teilzuhaben. Teil 2 würde sich im Falle der Migration verändern, Teil 1 aber kann ihm/ihr niemand wegnehmen.

    Die einzelnen Nationalstaaten würden vom Betonen des politischen Assimilationsdrucks und der Notwendigkeit des Abschottungsdiskurses befreit, da sie selbstverständlich und viel ruhiger bei ihren eigenen Regeln und Bräuchen bleiben und sie nach eigenem Gutdünken weiterentwickeln könnten. Die von deutschen Fernseh-Journalisten an Migranten immer gestellte Interviewfrage „Und als was fühlen sie sich jetzt, als X oder als Deutscher?“ und ihre Diskriminierungsabsicht würden an Schwere verlieren. (Diese Idee bezieht sich auf die europäische Migration, sie berücksichtigt die Zuwanderung aus anderen Kontinenten nicht.)

    Vernünftig und problemlösungsorientiert würden sich die Gewerkschaften verhalten, wenn sie einsehen könnten, dass die Migranten für ALLE ArbeitnehmerInnen stehen, dass sie eine Art Avantgarde der ArbeitnehmerInnen sind und zwar in dem Sinne, dass an ihnen seit Jahrzehnten ein Exempel statuiert wird. An ihnen wird gezeigt, wie die Klassenauseinandersetzung verschoben und kulturalisiert, also neutralisiert wird, sodass die sozio-ökonomische Auseinandersetzung von ArbeitnehmerInnen-Seite nur mehr erschwert geführt werden kann. Eine breite gewerkschaftliche Vertretung dieser ArbeitnehmerInnen – und nicht nur ein paar Beratungsstellen wie heutzutage – nähme diesen notwendigen Konflikt konstruktiv und politisch auf.

    Vernünftig und politisch langfristiger gedacht wäre auch, wenn die Linken und Grünen in den Beratungsstellen, die vielen Menschenrechtsbewegten sich immer wieder vor Augen führten, was sie politisch eigentlich tun. Unterstützen sie die Kulturalisierung eines sozio-ökonomischen Gegensatzes und perpetuieren ihn dadurch oder wissen sie, dass sie mit ihrem Engagement jetzt einigen Menschen helfen (und das ist selbstverständlich richtig und notwendig), es aber um eine noch größere Auseinandersetzung geht?

    Die Experten streiten sich darum, was Freud wirklich gesagt hat: „Die Stimme der Vernunft ist leise“, sagen die Einen. Nein, „Die Stimme des Intellekts ist leise“, die Anderen. Fakt ist, dass sich die Ratio nur schwer durchsetzt. Überall und schon immer und erst recht in der Migrationsdebatte. Wir hoffen also.

     

    (Frauen sind bei allen Bezeichnungen und männlichen Ausdrücken ausdrücklich mitgemeint.)

     

    Quellen

    Rainer Münz: Migration in Europa und Österreich, Wien 2007.

    Ferenc Féher, Agnés Heller: Naturalization or “Culturalization“, Paper presented at the Workshop on: “From Aliens to Citizens“, Wien 1993.


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