• Arbeiterselbstverwaltung in Jugoslawien – eine ambivalente Erfahrung

  • 22 Dec 11 Posted under: Demokratie , Geschichte
  • „Produzentendemokratie“ und „Arbeiterselbstverwaltung“ sind Begriffe, die in der Diskussion über eine alternative Wirtschaftsordnung untrennbar mit dem „jugoslawischen Experiment“ verbunden sind. Der „Dritte Weg“ des jugoslawischen Sozialismus bildete einen wichtigen Referenzpunkt für die Debatten der internationalen Linken. Seit der Abkehr der jugoslawischen KommunistInnen von Moskau 1948 stand Jugoslawien für den erfolgreichen Bruch eines sozialistischen Landes mit dem „Stalinismus“. Die Proklamation der „Arbeiterselbstverwaltung“ knüpfte an die Ideen einer demokratischen Linken jenseits der konservativen Sozialdemokratie im Westen und des bürokratisierten „Staatssozialismus“ im Osten an.

    Das Experiment Jugoslawien faszinierte weltweit. In Jugoslawien selbst allerdings war das Selbstverwaltungssystem stets umkämpft. Beim Bruch mit Moskau verfügten die jugoslawischen KommunistInnen über keine vorformulierten Alternativen zum Sowjetsystem, das sie nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst zu kopieren versucht hatten. Eine Besonderheit waren allerdings lokale „Volksräte“, welche im Krieg zur Unterstützung der Partisanenbewegungen als revolutionäre Verwaltungsorgane entstanden waren. Sie sollten in den neuen Konzeptionen der jugoslawischen Parteitheoretiker zum Ausgangspunkt eines sozialistischen Modells werden, das in Anlehnung an Marx‘ Überlegungen zur Pariser Kommune an Formen der direkten Demokratie anknüpfen sollte, sowohl im politischen System als auch in der Wirtschaft.

    In einer ersten Phase der „Arbeiterselbstverwaltung“ ab Beginn der fünfziger Jahre wurden zunächst in großen Schlüsselbetrieben „Arbeiterräte“ gebildet. Deren Kompetenzen waren aber noch beschränkt und zentralen Planungsmechanismen unterstellt. Mit dem Elan der Aufbauzeit wurden große Erfolge bei der Modernisierung, Industrialisierung und Urbanisierung erreicht. Trotz verheerender Kriegszerstörungen konnte die Infrastruktur schnell wieder das Vorkriegsniveau erreichen. Bildungs- und Gesundheitssysteme expandierten genauso wie der Wohnungsbau und der Aufbau industrieller Kerne. Die Gesellschaft stand allerdings unter relativ autoritärer Parteikontrolle. Dieses extensive und zentral gelenkte Wachstumsmodell hatte sich am Ende der fünfziger Jahre erschöpft und konnte keine Antworten auf eine notwendige Diversifizierung der Produktion geben.

    Innerhalb und außerhalb des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens (BdKJ) entbrannten in dieser Situation heftige Auseinandersetzungen. Seit Beginn der sechziger Jahre profilierte sich innerhalb der Partei zunehmend ein „liberaler Flügel“, der von einer Reihe jüngerer Politikerinnen und Politiker getragen wurde und auch auf Titos Unterstützung zählen konnte. Auf dem VIII. Parteikongress im Dezember 1964 setzten die „Liberalen“ ein groß angelegtes Reformprogramm durch, das auf die Einführung von Marktmechanismen setzte, um eine Effektivierung und Intensivierung der Produktion zu erzielen. Unter „Selbstverwaltung“ verstanden die „Liberalen“ vor allem die Stärkung der Kompetenzen der Unternehmen. Unter dem Stichwort der „Entstaatlichung“ wurden zentralstaatliche Planungsmechanismen auf wenige Kernbereiche reduziert. Unter dem Stichwort der „sozialistischen Marktwirtschaft“ sollten die unter „Arbeiterselbstverwaltung“ stehenden Betriebe dagegen in verstärkte Marktbeziehungen zueinander treten. Durch fiskalische Maßnahmen sollte außerdem die Integration der jugoslawischen Ökonomie in den Weltmarkt intensiviert werden. Mit einem Konzept der „Föderalisierung“ und „Dezentralisierung“ sollten gleichzeitig die Kompetenzen der Republiken und Gemeinden verstärkt werden. Auch die Partei sollte föderalisiert werden.[1]

    Die Reformanstrengungen der „Liberalen“ lösten scharfe Konflikte aus. In einer ersten Phase opponierte zunächst ein „konservativer“ Flügel unter dem langjährigen Innenminister und Geheimdienstchef Aleksandar Ranković, der vor allem die Stärkung der Republiken ablehnte und an einem zentralistischen Modell festhalten wollte. Ranković, der seine Bastion in Serbien hielt, wurde im Juli 1966 gestürzt. In der Folgezeit sorgten soziale und politische Krisenerscheinungen für wachsenden Sprengstoff. Die wirtschaftspolitischen Hauptziele der Reform, eine Beschleunigung des Wachstums und die Rationalisierung der Produktion, wurden nicht erfüllt. Stattdessen wuchsen soziale und regionale Ungleichheiten. Lohndifferenzen wuchsen genauso wie die Arbeitslosigkeit. Mit den Kürzungen bei der Redistribution des nationalen Einkommens zwischen reichen und armen Regionen, wurden die ohnehin ausgeprägten inter-regionalen Disparitäten markanter. Im Kontext der Reformpolitik tauchten im Gewand von eskalierenden Verteilungskonflikten zwischen den zunehmend um Ressourcen konkurrierenden Republikführungen die überwunden geglaubten Konflikte um die „nationale Frage“ wieder auf. Der Höhepunkt dieser Auseinandersetzungen war der „Kroatische Frühling“, in dem die kroatische „liberale“ Parteiführung 1970/71 eine nationalistische Massenmobilisierung in Gang setzte, um u.a. die Devisen aus dem Tourismusgeschäft für sich zu beanspruchen.

    Ein Gegenmodell zum Reformprogramm der „Liberalen“ aber auch zu den zentralistischen „Konservativen“ wurde von einer linken Oppositionsströmung um die „Praxis-Gruppe“ und die jugoslawische „Neue Linke“ formuliert, die sich ebenfalls seit Beginn der sechziger Jahre zunehmend offen artikulierte. Die linke Oppositionsströmung stellte sich gegen die Marktreform der „Liberalen“, in der sie die Gefahr einer „Restauration des Kapitalismus“ erblickte. In einem „Manifest der 3.000 Wörter“ warnten linke Studentenaktivisten in Folge des Reformprogramms bereits 1969 vor regressiven Tendenzen in der Gesellschaft. Unter anderem beklagten sie wachsende „nationale Intoleranz“, „Republiks-Egoismus“ und „regionalen Partikularismus“. Diese Phänomene interpretierten sie als Resultat des „gemeinsamen Wirkens von Bürokratismus und kleinbürgerlichem Neoliberalismus“. Das „einseitige Insistieren auf ein Marktchaos bei offenem Einsatz für das Prinzip des Überlebens der Stärkeren und des Ruins der Schwächeren“ führe zum „Vordringen kleinbürgerlicher Auffassungen, Bedürfnisse und Bestrebungen in allen Bereichen und in allen Gesellschaftsschichten.“[2]

    Der Höhepunkt der Mobilisierung der „Neuen Linken“ waren die Proteste des Juni 1968, als ausgehend von einer Universitätsbesetzung in Belgrad in allen Teilen Jugoslawiens Studierende demonstrierten. Die zentrale Forderung der „Praxis-Gruppe“ und der studentischen „Neuen Linken“ bestand in einer tiefgehenden gesellschaftlichen Demokratisierung. Das alternative Reformmodell der Linksopposition zielte unter dem Stichwort der „integralen Selbstverwaltung“ auf die Aufhebung der Parteikontrolle und die Entwicklung einer direkten Produzentendemokratie. Im Gegensatz zu den „Liberalen“ zielten die Neuen Linken dabei nicht auf eine „sozialistische Marktwirtschaft“ und mehr „Effektivität“ sondern in Anlehnung an den „jungen Marx“ und zeitgenössische Autoren wie Herbert Marcuse auf eine Veränderung der Arbeitsweise und die „Überwindung der Entfremdung“. Der Praxis-Mitarbeiter Svetozar Stojanović schrieb 1967: „Die sozialistische Selbstverwaltung muss als ein integriertes gesellschaftliches System konzipiert sein“, das „alle Teile der Gesellschaft“ umfasse und die Gesellschaft „als Ganzes“ verwalte. Stojanović forderte die „Konstituierung vertikaler Assoziationen von Selbstverwaltungsgruppen, das Hervorwachsen der Vertretungsorgane von unten, die Unterstellung aller staatlichen Organe und das ganze gesellschaftliche Leben unter Kontrolle der Vertretungsorgane, eine grundlegende Demokratisierung und Anpassung der politischen Organisationen (vor allem der kommunistischen) an ein solches System.“[3] [Hervorhebungen im Original]

    Die Konflikte zwischen „Liberalen“, „Konservativen“ und „Neuer Linke“ wurden in der ersten Hälfte der siebziger Jahre durch eine Repressionswelle beendet.[4] In der Folgezeit wurde das System der Arbeiterselbstverwaltung in der Verfassung von 1974 als ein Hybrid konsolidiert, der in sich widersprüchlich blieb. Wie der Soziologe Laslo Sekelj bemerkte, zeigte sich in Jugoslawien eine „paradoxe Inkorporation“ des leninistischen Konzeptes der „Avantgarde und hierarchisch organisierten Partei“ in ein theoretisches „System der ‚direkten Demokratie‘ und des ‚antielitistischen Egalitarismus‘“, das auf der Grundlage rätekommunistischer Überlegungen ausgearbeitet worden war.[5] Trotz der nominellen Machtübertragung auf die Belegschaften konnte von einer Produzentendemokratie keine Rede sein. Wie Arbeitssoziologen feststellten, kontrollierten die an die Partei gebundenen politischen und wirtschaftlichen Eliten die Entscheidungsprozesse, während Belegschaften machtlos blieben.[6] Die Belgrader Soziologin Nada Novaković resümiert, aufgrund ihrer sozialen und politischen „Atomisierung“ sei die jugoslawische Arbeiterklasse immer eine „Klasse an sich“ geblieben und niemals zur „Klasse für sich“ geworden. Deshalb habe sie kein „Klassenbewusstsein über ihre gemeinsame Interessen“ entwickeln können.[7]

    Trotz dieser an den Ansprüchen der Arbeiterselbstverwaltung gemessenen äußerst kritischen Bilanz des „jugoslawischen Experimentes“ muss aus heutiger Sicht konstatiert werden, dass die Erfahrungen im sozialistischen Jugoslawien keine durchweg negativen waren. Unter dem Motto der „Arbeiterselbstverwaltung“ wurde zwar keine Produzentendemokratie entwickelt, aber immerhin eine relativ offene Gesellschaft. Vor allem konnten im sozialistischen Jugoslawien wichtige soziale Rechte durchgesetzt werden. Das Land und die Gesellschaft schafften den Sprung von einem peripheren Agrarland zu einer relativ modernen Industrienation. Diese Erfolge wurden in den Kriegen der neunziger Jahre weitgehend zerstört. Es ist daher kein Wunder, dass nach aktuellen Umfragen 81 Prozent der Bevölkerung der Meinung ist, dass sie im Sozialismus besser gelebt habe als heute.[8] In Arbeitskämpfen gegen die Privatisierung beziehen sich heute Arbeiterinnen und Arbeiter positiv auf die Selbstverwaltung.[9] Um die ambivalenten historischen Erfahrungen des „jugoslawischen Experimentes“ für aktuelle Debatten nutzbar zu machen, bedarf es einer kritischen und differenzierten Auseinandersetzung. Leider steckt die empirische Forschung aber noch in den Kinderschuhen.[10]


    [1] Der Leitgedanke, den Betrieb in seiner Selbständigkeit zu stärken und zum Dreh- und Angelpunkt einer Wirtschaftsreform zu machen, wurde am Beginn der sechziger Jahre auch in anderen sozialistische Ländern diskutiert. Ausgehend von Überlegungen des sowjetischen Ökonomen Jevsej Liberman wurde diese Vorstellung u.a. durch das 1963 von Walter Ulbricht in der DDR initiierte „Neue Ökonomische System“ (NÖS), das wirtschaftliche Reformprogramm von Ota Šik im Prager Frühling oder den „Neuen Ökonomischen Mechanismus“ in Ungarn aufgenommen. Vgl. Stefan Bollinger, Sozialismusreformen zwischen Effizienz, Demokratisierung und Repression, in: Angelika Ebbinghaus, Die letzte Chance? 1968 in Osteuropa. Analysen und Berichte über ein Schüsseljahr, Hamburg 2008, 208-213.

    [2] Vgl. 3000 reči, in Redaktion Praxis (Hg.), jun – lipanj 1968. Dokumenti, Zagreb 1971, S.442-447.

    [3] Stojanović, Svetozar: Društveno samoupravljanje i socijalistička zajednica, in: Praxis 3/5-6 (1967).

    [4] Siehe dazu ausführlich: Boris Kanzleiter: Die ‚Rote Universität‘. Studentenbewegung und Linksopposition in Belgrad 1964 – 1975, Hamburg 2011.

    [5] Vgl. Sekelj, Laslo: Yugoslavia: The Process of Desintegration, New York 1993, S.88.

    [6] Der Soziologe Vladimir Arzenšek fasst die Ergebnisse einer Langzeituntersuchung über die Mechanismen der Arbeiterselbstverwaltung so zusammen: „Staats- und politische [BdKJ, Anmerk. B.K.] Bürokratie besetzten die dominanten Positionen, während die partizipatorischen Strukturen (Selbstverwaltungsorgane und Delegiertensystem) untergeordnet blieben. Am machtlosesten waren Arbeiter und Bauern.“ Vgl. Arzenšek, Vladimir: Struktura i pokret, Beograd 1985 (Centar za filozofiju i društvenu teoriju), S.34.

    [7] Vgl. Novaković, Nada G.: Propadanje radničke klase, Beograd 2007 (Rad), S.153ff. Mit den Begriffen von der „Klasse an sich“ und Klasse für sich“ rekurriert Novaković auf Marx, der in seiner Schrift „Elend der Philosophie“ (1847) die soziale Herausbildung einer Klasse von der Entstehung eines Klassenbewusstseins trennt. Eine durch ihre Stellung in den Produktionsverhältnissen „an sich“ gegebene Klasse könne nur zur politisch „für sich“ handelnden Klasse werden, wenn sie gemeinsam lerne, kämpfe und Erfahrungen sammle.

    [8] Dieses Umfrageergebnis bezieht sich auf Serbien, dürfte aber in den meisten anderen ehemaligen Republiken ähnlich ausfallen. Vgl. Srećko Mihailović (Hg.): Kako građani Srbije vide tranziciju. Iztraživanje javnog menja tranzicije, Beograd 2010.

    [9] In der Industriestadt Zrenjanin in der Vojvodina (Serbien) haben die Belegschaften mehrerer Betriebe beispielsweise die Organisation „Ravnopravnost“ (Gleichheit) gegründet, die sich für ein Modell der Arbeiterselbstverwaltung einsetzt, das auf Belegschaftseigentum beruhen soll.

    [10] Junge, linksorientierte WissenschaftlerInnen leisten erste Ansätze für eine historische Analyse. Vgl. Musić, Goran: Yugoslavia: Worker Self-Management as state paradigm, in: Immanuel Ness/ Dario Azzellini (Ed.): Ours to master and to own Workers’ Control from the Commune to the Present, Chicago 2011.


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