• Revolution in Kairo - Ein Livebericht

  • 11 Sep 11 Posted under: Afrika , Soziale Bewegungen und Gewerkschaften
  • Ein Erlebnisbericht

    I. Teil

    Kairo am Montag, 7. Februar 2011

    Wir haben turbulente Tage hinter uns, und noch immer ist die Revolution im Gange. Doch immerhin haben wir wieder Telefon und Internet, und die Stadt ist seit heute zu einem halbwegs normalen Leben zurückgekehrt mit den revolutionsüblichen Einschränkungen wie gesperrten Straßen um den Tahrir-Platz herum und Ausgangssperre, von der allerdings niemand so genau weiß, ob sie noch gilt, und wenn ja, von wann bis wann.

    Die Polizisten an den Straßenecken und auf den Kreuzungen nimmt niemand ernst, weil sie tagelang verschwunden waren, als es brenzlig wurde. Zum Teil hatten sie sich in Zivil unter‘s Volk gemischt, um für Aufruhr, Ärger und Plünderungen zu sorgen und einen Angriff auf den Tahrir-Platz zu bestreiten. Nun sind sie wieder in Uniform und tun so, als ob nichts gewesen wäre. Die Bevölkerung will sich jedoch nun nicht mehr drangsalieren lassen. Dafür sind zu viele Polizeireviere in Flammen aufgegangen und Polizisten verprügelt worden. Man merkt ihnen an, dass sie möglichst nicht provozieren wollen. Sie stehen an den Kreuzungen und Straßenecken, regeln den Verkehr, aber sonst stören sie im Moment lieber niemanden.

    Manche sehen die Rückkehr der Polizei positiv. Die Präsenz der schwarzen Uniformen gibt dem Straßenbild den Anschein von Normalität, und man wünscht sich etwas Alltägliches in diesen anstrengenden Tagen. Manche meinten sogar, jetzt sei endlich wieder jemand da, der für Ruhe und Ordnung sorge. Diese Leute haben vergessen, dass diese Polizisten vor kurzem auf höheren Befehl schlagartig verschwunden waren und die Demonstranten ins Chaos gestürzt haben. Die letzten Tage haben endgültig den Beweis geliefert, dass wir ohne Polizei auskommen. Es war beeindruckend, wie schnell die Nachbarschaftsgruppen sich organisiert haben. Tagelang haben Freiwillige an den Straßenkreuzungen geregelt.

    Besser als jeder andere Schutz funktionierte die Bürgerwehr. Die Regierung hatte den Abzug der Polizei und die Öffnung der Gefängnisse angeordnet, um Kriminelle freizulassen und Plünderungen zu provozieren. Die erste Nacht war grauenvoll: Überall Gebrüll, Schüsse und Feuer. In dieser Nacht wurden Wohnungen von Armen und Reichen gleichermaßen aufgebrochen, gestürmt und ausgeraubt. Die Machthaber wollten die Bevölkerung mit dieser Verunsicherung vom Aufstand gegen das Regime ablenken. Die Nachbarschaftsgruppen entpuppten sich als effektvolle Ordnungskraft.

    Junge und erwachsene Männer bewachten nachts abenteuerlich bewaffnet die Straßen. Rasch wurde ein System entwickelt, das nachts die lückenlose Kontrolle von Straßenabschnitten durch Posten aus der Nachbarschaft erlaubte. Die einzelnen Patrouillen waren untereinander in Kontakt und wussten genau, wer sich in der Gegend bewegte. Die Männer wechselten einander ab, um zur Ruhe zu kommen. – Beeindruckend!

    Nicht ohne Waffen

    Auch tagsüber ging man nicht mehr ohne Waffe aus dem Haus, sei es ein Messer in der Handtasche, eine Haarspraydose mit Feuerzeug oder ein Bambusrohr oder Knüppel. Jeder war bereit, sich selbst zu verteidigen und Übergriffe nicht zuzulassen. Innerhalb von zwei Tagen wurde es merklich ruhiger, viele Verbrecher und Plünderer waren von den Bürgern gefasst und dem Militär übergeben worden. Eine Art Heiterkeit und Zuversicht erfasste die Menschen, diese Stimmung war in der ganzen Stadt zu spüren. Die Menschen merkten, sie können etwas leisten, etwas bewegen, etwas verändern. Durchschnittsbürger fegten die Straßen und räumten den Dreck weg.

    Einige Wochen vor dieser Entwicklung sind die Tunesier gegen ihre Regierung aufgestanden. In Ägypten fand die Selbstverbrennung eines jungen Mannes in Tunesien drei Nachahmer. Dies löste zwar Unruhe und Betroffenheit aus, doch es blieb zunächst noch eine Weile ruhig. – Bis zum „Tag der Polizei “am 25. Januar, der vor zwei Jahren eingeführt wurde, vielleicht um das Volk durch einen zusätzlichen freien Tag dem repressiven System gegenüber freundlich zu stimmen.

    Nach den Ereignissen in Tunesien gärte es unter der Oberfläche in Ägypten, und es waren viele Demonstrationen für diesen Tag angekündigt worden. Tausende Mitglieder der speziell trainierten „Riot Police“ (der Gendarmerie zur Aufstandsbekämpfung) wurden in der Innenstadt postiert, um die erwarteten Manifestationen zu zerschlagen. Die mit Helmen, Schlagstöcken und Acrylschilden ausgestatteten Polizisten formieren eine schwarz gekleidete Phalanx, deren rhythmischer Marschtritt ein unheimliches Geräusch erzeugt und extrem einschüchternd wirkt. Diese Polizeitruppe steht bei jeder Demo bereit, und folgte blind ihren Befehlen – sei es, Zurückhaltung zu üben oder auf die Menge einzuprügeln. Jedem hiesigen Demoteilnehmer ist diese unheimliche schwarze Masse mit dem leeren Blick bekannt, und er erinnert sich mit Gänsehaut an die eigene Machtlosigkeit angesichts dieser autoritären Übermacht.

    Dennoch konnte die „Riot Police“ diesmal die Masse nicht zurückhalten. Das brutale Vorgehen der Polizisten löste in Ägypten eine Protestwelle und Straßenkämpfe aus. Der Zorn der Menschen auf die Polizei und das Regime entlud sich im ganzen Land in lautstarken Demonstrationen und entschlossenem Widerstand. Das Volk hatte seine Furcht abgelegt und stand auf. Nachdem die Revolution spontan am Dienstag, den 25. Januar, mit dem „Tag des Zorns“ begonnen hatte, war an den folgenden Tagen überall eine gespannte Stimmung spürbar. – Würden die Ägypter es bei einem einmaligen heftigen und wütenden Protest belassen oder weitermachen?

    Die Polizei war mit äußerster Härte gegen die Demonstranten vorgegangen; Tränengas und Gummigeschosse hatten viele Menschen verletzt und einige getötet; das Mobilfunknetz war an einigen Stellen unterbrochen. Der Staat hatte seine brutale Macht demonstriert. In entlegenen Kleinstädten tobte seit diesem Tag der erbitterte Krieg der Bevölkerung gegen die Regimevertreter weiter. In Kairo war es hingegen relativ ruhig. Man wartete gespannt auf den Freitag, denn schon bei anderen Gelegenheiten hatten sich nach dem Gebet spontan Protestkundgebungen entwickelt.

    Tatsächlich uferten die Proteste an dem Tag aus. Die Regierung hatte diesmal das Mobilfunknetz im ganzen Land ausschalten lassen, um die Kommunikation und Koordination zwischen den Protestierenden zu unterbinden. Sie hatte jedoch nicht damit gerechnet, dass die Wut dadurch weiter gesteigert wurde und die Übereinstimmung herstellte, diese Unterdrückung beenden zu wollen.

    Eine ägyptische Freundin, die am anderen Ende der Stadt in der Nähe des Flughafens wohnt, berichtete mir, dass nach dem Gebet in der Moschee ein Mann auf der Straße gerufen hatte, alle sollten zum Tahrir Platz ziehen – und alle sind spontan mitgegangen, Männer, Frauen und Kinder. Plötzlich hatten sich Tausende und Hunderttausende in Bewegung gesetzt. Nach einem kilometerlangen Fußmarsch waren sie ein paar Hundert Meter vor dem Platz in einen Tränengashagel geraten und mussten vor den Polizeischlägern fliehen. Meine Freundin schaffte es allein nach Hause. Stundenlang blieb sie ohne Nachricht von Tochter, Sohn und Bruder, die gemeinsam mit Hunderttausenden für ihr Recht auf Meinungsfreiheit weitergekämpft hatten.

    Es gab eine Straßenschlacht. Regierungseinrichtungen brannten. Die Zentrale der regierungstreuen NDP (National-Demokratische Partei) wurde zerstört. Polizeistationen wurden gestürmt. Die Kastenwagen der „Riot Police“ brannten. Tränengasbomben konnten die Menge nicht zurückhalten. Jugendliche schleuderten die Granaten einfach zurück. Die Protestierenden behaupteten sich gegen die Schläger der Regierung und forderten den Rücktritt des Präsidenten. Es gab viele Verletzte und Tote.

    Schwenk der Westmedien

    Während die westlichen Medien nach und nach von der Unterstützung Mubaraks zur Solidarität mit den Demonstranten umschwenkten, hatten wir hier im Land alle Hände voll damit zu tun, die plötzlich veränderte Lebenssituation zu meistern. Am Tag nach dieser Auseinandersetzung waren Telefon und Internet weiter abgeschaltet. Die Polizisten waren von der Bildfläche verschwunden. Freiwillige regelten den Verkehr. Die Armee war in Kairo präsent. Panzer standen und fuhren in der Innenstadt. herum. Die Kämpfe zwischen Bevölkerung und Polizei dauerten an: Auf der Fahrt in einen anderen Stadtteil, musste ich wegen einer Schießerei vor einem Polizeirevier plötzlich umkehren.

    Es war unklar, wohin die Entwicklung führen würde, und es herrschte große Spannung. Kairo war von der Welt abgeschnitten. Der Fernsender Al Jazeera wurde abgeschaltet: Es gab kein Internet und die Handys waren abgeschaltet. Die Regierung hatte damit zwar die Kommunikation erschwert, aber auch die gesamte Wirtschaft lahm gelegt und bisher zögernde Kritiker gegen sich eingenommen. Gleichzeitig nahmen die Sorgen um den Lebensunterhalt zu. Die Bankautomaten gaben kein Geld mehr. Lebensmittel wurden teuer und knapp. Unsicherheit breitete sich aus. Auf dem Tahrir übernachteten die Demonstranten. Auch in anderen Teilen der Stadt gab es große Manifestationen. In den Provinzen ging der Kampf ebenfalls weiter.

    Wer sich in der Stadt bewegen wollte, musste kilometerweit zu Fuß laufen, Busse oder Taxis gab es nicht und für Privatautos nur begrenzt Benzin. Dennoch verstärkte die Protestbewegung sich Tag für Tag. Auch wir waren am Dienstag, den 1. Februar, alle auf dem Tahrir, wo wir Freunde und Bekannte in der Menge getroffen und die Stimmung genossen haben – mit dem Gefühl, etwas gegen die Ungerechtigkeit zu tun. Die gute Stimmung unter den Menschen machte einem Mut, an den Erfolg der Revolution zu glauben. Die Demonstranten hatten sich auf wenige klare Forderungen geeinigt:

    • Rücktritt des Präsidenten,
    • Abschaffung des Ausnahmezustands und aller die Freiheit einschränkenden Gesetze,
    • Auflösung des auf Wahlfälschung beruhenden Parlaments,
    • Übergangsregierung aus Vertretern demokratischer Parteien bis zu den Neuwahlen,
    • Erarbeitung einer neuen Verfassung.

    Hosni Mubarak dachte jedoch nicht daran abzutreten, sondern ernannte Omar Suleiman zum Vizepräsidenten, kündigte Reformen an und tauschte fünf Minister aus. Der seit dreißig Jahren bestehende Ausnahmezustand, der die repressive Innenpolitik ermöglichte, wurde mit keinem Wort erwähnt, und die Sanktionen gegenüber der Bevölkerung blieben zum Großteil aufrechterhalten. Die Regierung hatte eine Ausgangssperre verhängt. Da deren Zeiten sich jeden Tag änderten, wusste man nicht Bescheid, wann sie galt. Sie wurde aber auch nicht ernst genommen. Als gedroht wurde, sie würde mit äußerster Härte umgesetzt werden, fragte man sich, wer das denn bitte umsetzen sollte, denn es gab ja keine Polizei. Nachts gab es noch immer die privaten Straßensperren und Privatwachen, so dass man sich nur eingeschränkt bewegen konnte.<s> </s>

    Dann kam der Tag des Angriffs auf die Demonstranten am Tahrir, die Regierung übte Rache und veranstaltete ein Massaker: Am 2. Februar stürmten Pro-Mubarak-Demonstranten den Tahrir Platz und versuchten, die Demonstranten zu vertreiben. Abgesandte des Regimes hatten in Armenvierteln für die Teilnahme an der Pro-Mubarak-Demonstration und die Räumung des Platzes zum Teil hohe Summen Geldes angeboten. Ferner wurden Polizisten in Zivil und bezahlte Schlägertrupps aufgeboten, die korrupte Regimegewinnler schon immer unterhalten hattenen. Die Pro-Mubarak-Meute war bewaffnet, trug Messer, Steine und Knüppel, während die Demonstranten gegen das Regime den Zutritt zum Platz nur unbewaffneten Personen gestattet hatten. Das Militär riegelte die Straßen um den Platz ab und kontrollierte den Zugang. Die bewaffneten Schlägertrupps wurden durchgelassen. Von Neutralität der Armee konnte keine Rede sein.

    Am Tag vor dem Massaker hatten wir, wie viele andere, den Tahrir besucht. Das Handynetz und das Alltagsleben begannen wieder zu funktionieren. Die Arbeit wurde wieder aufgenommen. Tankstellen waren geöffnet. Der Straßenverkehr kam in Gang. Niemand erwartete einen solchen Schlag. Am Nachmittag kam die Nachricht vom Massaker. Viele Freunde waren auf dem Platz. Verzweifelt versuchten wir herauszufinden, wie es ihnen ging. Niemand war zu erreichen. Eine Katastrophe!

    Die Verteidiger kämpften unter Einsatz ihres Lebens. Sollte das Regime sich durchsetzen, wäre ihr Leben nichts mehr wert. Und sie schafften es, den Platz zu halten. In der ganzen Welt war Ägypten plötzlich Thema des Abends. Viele Medien berichteten, Gegner und Anhänger Mubaraks hätten einander eine Schlacht geliefert, als ob es dabei unbezahlte Parteigänger des Präsidenten gegeben hätte. Auch von Bürgerkrieg war die Rede. Langsam setzte sich die Erkenntnis durch, dass es sich um einen Krieg der Regierung gegen ihre Bürger handelte.

    Wie ausgestorben

    Die Stadt war am nächsten Tag wie ausgestorben. Nur wenige Menschen wagten sich auf die Straße. Die Stimmung war gekippt und angespannt. Zwar wurden die Proteste im ganzen Land und auf dem Tahrir Platz fortgesetzt, aber viele Mitläufer waren eingeschüchtert und blieben zunächst deprimiert und entmutigt zu Hause. Man fragte sich, ob mit den Protesten etwas zu erreichen war, oder ob das übermächtige alte System sich am Ende doch wieder durchsetzen würde. Auf den Straßen begegnete man nicht mehr den freundlichen und hilfsbereiten Menschen, sondern Trupps von aggressiven jungen Männern. Man konnte nicht unterscheiden, ob es einfache Mitläufer aus dem Volk oder Polizisten in Zivil waren.

    Das staatliche Fernsehen hetzte gegen Ausländer und behauptete, ausländische Geheimdienste hätten die Proteste organisiert. Es kam zu Übergriffen gegen ausländische Journalisten und Angriffe auf ausländische Fernsehsender. Am folgenden Tag half ich bei einem deutschsprachigen Fernsehsender aus und erlebte die Gefahr mit, die plötzlich für die Berichterstatter bestand. Wir mussten uns verbarrikadieren und arbeiteten im Dunkeln beim Licht des Computerbildschirms, um nicht eine Zielscheibe abzugeben. Ich war überrascht, wie schnell der Umgangston sich gegenüber Fremden auf der Straße verändert hatte. Spät nachts auf dem Heimweg von der Arbeit wurde ich an den Straßensperren nicht mehr gewohnt freundlich behandelt. Erstmals fühlte ich mich bedroht und fürchtete mich, als meine Autotür von einer Gruppe grimmiger junger Männer aufgerissen und ich von ihnen zum nächsten zum Militärposten begleitet wurde. Da dieser mit mir nichts anfangen konnte, schickte er mich einfach weg. Diese Szene wiederholte sich an den einzelnen Sperren in einem weitgehend menschenleeren Stadtteil. Dadurch wurde die Rückkehr in meine Wohnung zu einem Nervenkrieg.

    Das Militär wollte offensichtlich die Demonstranten nicht unterstützen. Ausländer wurden ausgegrenzt und den Medien die Berichterstattung erschwert. Es hieß zwar, das Militär würde nie auf das Volk schießen, doch der Zugang zum Schauplatz der Demonstrationen wurde von den Soldaten planmäßig erschwert. Wie es weiter gehen würde, war unklar. Ausländer und Ägypter, die es sich leisten konnten, begannen das Land zu verlassen. Mitglieder der Machtelite flohen in Privatjets. Der reguläre Flugverkehr war zwar eingestellt, aber die Botschaften organisierten Sonderflüge. Ich entschloss mich zu bleiben. Ich hatte noch immer das Gefühl, zu Hause sicher zu sein. Die gezielten Aktionen gegen Ausländer hielt ich für einen weiteren Trick des untergehenden Regimes, die Revolution zu isolieren.

    Ich war bereit, unter diesen schwierigen Umständen hier zu leben und fühlte mich solidarisch mit den Ägyptern, deren Land seit vielen Jahren meine Heimat ist. Ich war überzeugt, dass die Ägypter in der Lage sein würden, sollten sie die Ziele ihrer Revolution erreichen, das Land vernünftig zu verwalten. Das hatte die Selbstorganisation in den ersten Tagen des Aufbegehrens bewiesen. Um die Zukunft machte ich mir weniger Sorgen als die westlichen Medien, weil es genug intelligente Kräfte im Land gibt, um künftig besser zu regieren.

    Der Fokus richtete sich auf den Tahrir Platz. Zahlreiche Demonstranten hielten eisern die Stellung. Überall im Land tobten erbitterte Kämpfe. Der Platz in Kairo jedoch war international zum Sinnbild für das Freiheitsstreben des ägyptischen Volkes geworden. Die Demonstranten forderten weiter den Rücktritt des Präsidenten und die Auflösung des Parlamentes sowie die Aufhebung des seit dreißig Jahren bestehenden Ausnahmezustands und eine neue Verfassung. Trotz der andauernden Demonstrationen gab es keine rasche Entscheidung. Außer dass Mubarak Omar Suleiman als Vizepräsidenten einsetzte, geschah nichts. Es gab keinen Anlass zur Hoffnung, dass der Präsident abtreten würde. Ich habe in diesen Tagen viele Menschen verzweifelt gesehen. Nach der Euphorie der ersten Tage hatten die Brutalität und das Beharrungsvermögen des alten Regimes viele Menschen wieder entmutigt.

    Am Tag nach dem Massaker wachte die Stadt langsam auf, und die Leute fingen zögerlich an, sich wieder im Alltag einzurichten. Das Internet funktionierte wieder; die Arbeit wurde wieder aufgenommen. Die Banken begannen endlich wieder Geld auszuzahlen. In der Bevölkerung war die Unterstützung für die Demonstranten, die seit zwei Wochen am Tahrir Platz aushielten, ungebrochen. Die Nächte waren ungemütlich kalt und stürmisch. Die Aktivisten zeigten bewundernswerte Entschlossenheit. Tagsüber gingen alle, die Zeit dafür hatten, ebenfalls auf den Platz, um ihre Solidarität zu bekunden, obwohl der Weg durch die Sperren und Kontrollen einem Spießrutenlauf glich.

    An zwei Tagen bin ich selbst dort gewesen. Mir fiel mir auf, dass nicht nur die Facebook-Generation präsent war, wie die Medien es gerne darstellten. Sie hatte zwar mit Berichten und Photos dazu beigetragen, dass die Revolution überall bekannt wurde, doch von Anfang an hatten Ägypter aller Generationen, Klassen und Gesellschaftsschichten daran teilgenommen. Besonders berührte mich die Begegnung mit einer Frau und ihrer Tochter. Die Frau lächelte mich an und fragte freundlich auf Arabisch, ob ich zum ersten Mal hier sei. Sie trug ein Kopftuch, langärmelige Bluse und bodenlangen Rock. Sie beherrschte etwas Englisch, sprach aber lieber Arabisch. Es ging eine klare, ruhige Würde von ihr aus. Sie erzählte, dass sie mit ihrer Familie seit dem 25. Januar auf dem Platz ausgeharrt hat. Die Revolution zu gewinnen, sei im Moment das wichtigste Ziel, um ein lebenswertes Leben zu schaffen. Ich fragte sie, wie lange sie bleiben werde. Sie sah mich mit festem Blick an und sagte bestimmt: „Bis er abtritt!“

    Gut organisiert

    Der Tahrir Platz war unglaublich gut organisiert, und es herrschte eine friedliche und zuversichtliche Stimmung. Draußen versuchten die Kontrolleure der Regierung zu suggerieren, dass die Proteste vorbei seien und nur mehr ein paar Verrückte präsent seien. Drinnen war man umso mehr beeindruckt, wie viele Angehörige äußerst unterschiedlicher Schichten friedlich miteinander ihrer Meinung Ausdruck gaben und gemeinsam auf ein Ziel hinarbeiteten. Es herrschte Sauberkeit, ständig wurde Müll gesammelt. Die Leute hielten selbst gemalte Plakate hoch. Eine Wand mit Photos erinnerte an die Todesopfer der Revolution. Konservative und Progressive diskutierten miteinander. Es gab Ecken, in denen gemalt wurde, Künstler organisierten Aktionen, überall waren Trommeln zu hören. Sie untermalten die andauernden rhythmischen Protestrufe. Auf einer Bühne meldeten sich mehr oder weniger prominente Unterstützer der Volksbewegung zu Wort. In Foren wurden die Meinungen einzelner Gruppierungen diskutiert. In eigenen Zelten behandelten Ärzte rund um die Uhr Verletzte und Kranke.

    Armeepanzer flankierten den Platz. Um die Panzer und auf ihren Ketten lagerten Demonstranten, um ein Vorrücken der Fahrzeuge auf den Platz zu verhindern. Plötzlich war das Bewusstsein des einfachen Volkes für seine Rechte erwacht: Als ich in der Früh zwei Säcke voll Croissants für die Dauerdemonstranten zum Tahrir Platz brachte, ließ sie mir ein Offizier wegnehmen. Ich wollte spontan dagegen demonstrieren. Da der Offizier daraufhin Ärger mit meinem Pass machte, habe ich die Säcke hergegeben und bin ohne sie auf den Platz gegangen. Mich ärgerte, dass die Tüten mit Essen achtlos auf einen Riesenhaufen zusammen geschmissen wurden. Später bin ich wieder hingegangen, um meine Tüten zurückzufordern. Als ich ankam, luden sie die ganzen Tüten gerade in einen Panzer. Da habe ich ein Riesentheater gemacht, bis man bereit war, mir meine Tüten herauszusuchen.

    In der Zwischenzeit kamen viele weitere Menschen mit Essen, andere mit Klamotten und Decken und weigerten sich, alles herzugeben. Plötzlich forderte ein Mann, der wie ein Dorfvorsteher gekleidet war, alle auf, sich hinzusetzen. Arme Männer, die aus dem Süden Ägyptens angereist waren, um am Tahrir zu übernachten, führten große Plastiksäcke mit sich. Ich habe mich einfach dazugesetzt. Spontan hatte sich nun die Demonstration entwickelt, die ich mir von Anfang an gewünscht hatte. Einer rief den Slogan „Sitzstreik, bis das Essen hineinkommt!“ Und alle wiederholten die Losung im Chor. Der Sitzstreik reichte rasch bis zur Kasr El Nil-Brücke. Ein derartiges Bewusstsein der Möglichkeit, selbst Macht auszuüben, hatte es bisher nicht gegeben – weder den furchtlosen Protest noch die starke Solidarität unter den Menschen.

    II. Teil

    Kairo am Donnerstag, den 10. Februar

    Endlich war es soweit. – Dachten wir. Den ganzen Tag hatten Gerüchte kursiert, wonach das Militär den Platz gewaltsam räumen würde. Es war die Rede von Nervengas und scharfer Munition. Die Nachricht war aus zuverlässigen Quellen an die Öffentlichkeit gedrungen und sorgte für Aufregung und Spannung. Die Demonstranten auf dem Platz wollten dennoch um jeden Preis bleiben, obwohl mit dem Schlimmsten zu rechnen war. Unter ihnen befanden sich mehrere Freunde. Wir hatten große Angst um sie. Nachts hatte es geregnet Das stürmische und kalte Wetter spiegelte die düstere Stimmung wider. Am frühen Abend kam ein General auf den Platz, um die Leute zu beruhigen und eine Rede Mubaraks anzukündigen. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Alle hielten gespannt vor dem Fernseher aus. Die Rede ließ auf sich warten. Es wurde dunkel. Niemand wusste, was die Nacht bringen würde.

    Ich sollte wieder im Korrespondentenbüro aushelfen und machte mich schnell auf den Weg. Im Büro ging es hektisch zu, weil ständig ausländische Redaktionen anriefen. Nebenher lief der Fernseher. Dann kam plötzlich die Rede des Präsidenten.

    Mubarak sah wie gewohnt aus: Gepflegt, gestrafft, ungerührt, unantastbar. Für einen sehr kranken über 80-Jährigen seltsam künstlich. Später wurde gemunkelt, die Rede sei aufgezeichnet worden, und er sei dabei mehrfach zusammengebrochen. Auf dem Bildschirm war davon nichts zu merken. Mit ernstem Gesicht verkündete er gönnerhaft einige Reformvorhaben. Er wollte die Regierung in einigen Teilen an seinen Vize Omar Suleiman abgeben, doch bestimmte präsidiale Entscheidungen sollten weiterhin ihm vorbehalten bleiben.

    Der Zorn, den diese Rede im Volk auslöste, war sofort spürbar. Wir konnten vom Fenster des Büros aus auf die Corniche sehen, die östliche Uferstraße des Nils, wo das Staatsfernsehen untergebracht ist, und beobachteten, wie die Menschen vom Tahrir-Platz wütend in Richtung Fernsehgebäude strömten. Statt des ersehnten Abtritts hatte Mubarak eine weitere Verzögerung angekündigt. Das wollten die Menschen nicht mehr hinnehmen. Das Fernsehgebäude war von der Armee mit Panzern und Stacheldrahtrollen abgesichert worden. Hinter der Absperrung hatte eine Reihe Soldaten Schulter an Schulter Aufstellung genommen – die Waffen demonstrativ locker auf den Boden gestützt. Ihre Anwesenheit war lediglich ein Zeichen dafür, dass die Armee das Fernsehgebäude zu schützen bereit war. Die Soldaten verharrten regungslos. Hinter ihnen liefen Vorgesetzte mit Sprechfunkgeräten unruhig auf und ab.

    Sie wollten bleiben

    Schnell sammelten sich Tausende vor der Absperrung. Es war klar erkennbar, dass sie bleiben wollten, bis ihre Forderungen erfüllt würden. Die Demonstranten waren nach der wochenlangen Erfahrung auf dem Tahrir gut organisiert. Innerhalb kurzer Zeit errichteten sie eine Klinik und breiteten an manchen Stellen Decken und Schlafsäcke auf dem Boden aus. Das rhythmische Dröhnen von Trommeln unterstützte die ganze Nacht die unablässigen Rufe nach Mubaraks Rücktritt. Von den Demonstranten ging eine unglaubliche Energie aus; sie zeigten, dass sie sich nicht mehr von ihren Forderungen abhalten lassen würden. Am nächsten Morgen verstärkte sich der Strom der Menschen. Instinktiv drängten alle, die frustriert und wütend über Mubaraks Rede waren, in Richtung Tahrir. In Scharen kamen sie und viele blieben auf der Corniche vor dem Fernsehgebäude stehen. Bald waren es Zehntausende.

    Bis ans Nilufer standen die Reihen dicht gedrängt vor dem Stacheldrahtverhau. Dazwischen wogte die Masse der Demonstranten, die zum Tahrir drängte. Ein eindrucksvolles und Furcht erregendes Bild. Der Stacheldraht hatte scharfe Zacken. Bei dem Gewoge und Gedränge war eine Massenpanik nicht auszuschließen. Manchen war der Druck der Menge zu groß. Ohnmächtige wurden über die Köpfe der Menge hinweg weitergereicht. Der Lärm der Trommeln und der Protestchöre wurde immer intensiver. Vom Protest aus zehntausenden Kehlen ging eine unglaubliche Macht aus. Trotz aller Wut blieben die Menschen diszipliniert und kontrolliert. Die Demonstranten zeigten, dass sie alle Furcht abgelegt hatten und ein gemeinsames Ziel erreichen wollten. Sie forderten den Rücktritt unablässig und ohne zu ermüden. Von Morgen bis zum Einbruch der Dunkelheit steigerte sich die Spannung und die Ungeduld wuchs, aber es geschah nichts.

    Von unserem „Logenplatz“ im Büro über der Corniche erlebten wir spannende Momente. Den ganzen Tag über hatten die Kriegstrommeln unsere Arbeit begleitet. Dicht an dicht gedrängt stand die pulsierende Menge vor dem Stacheldraht um das Fernsehgebäude. Ihnen gegenüber die wenigen Soldaten, die sich seit dem Abend nicht gerührt hatten. Plötzlich ging ein Aufschrei durch die Massen. Hunderte Demonstranten warfen sich gleichzeitig zurück und zogen die Stützen der Stacheldrahtabsperrung mit sich. Bevor das Fernsehgebäude gestürmt werden konnte, sprangen die Soldaten in die Bresche. Offiziere sprachen erregt mit den vordersten Demonstranten. Schließlich wurde der Drahtverhau wieder aufgerichtet. Nun stand eine Reihe Demonstranten vor der Reihe Soldaten und sie hielten gemeinsam die Menge in Schach.

    Wir beobachteten, wie hinter dem Haus – für die Demonstranten nicht erkennbar – die Maschinengewehre der dort postierten Panzer scharf gemacht wurden. Wir fragten uns: Macht die Armee sich heimlich bereit, um auf die Menge zu schießen? Es geschah jedoch weiter nichts. Später verteilten Soldaten Kekse an die Demonstranten schenkten ihnen Zigaretten. Eine merkwürdige Situation – mit den scharfen Waffen im Hintergrund. Als es dunkel wurde, waren die Demonstranten erschöpft. Nach dem anstrengenden Tag sah es aus, als ob der Widerstand nichts ausgerichtet hätte. Die Proteste gingen zwar weiter, aber was würde geschehen, wenn die Nacht ohne Reaktion der Regierung anbräche?

    Endlich kam die Nachricht, Vizepräsident Omar Suleiman werde eine Ansprache halten. Mit versteinertem Gesicht verlas er seine Rede. Ein Aufschrei ging durch die Menge. Mubarak hatte abgedankt! Die Menschen fielen sich in die Arme und Tränen flossen. Die Spannung entlud sich in freudigem Lachen, das die innere Befreiung zeigte...

    Was für eine Party! Überall strömten Menschen mit der ägyptischen Flagge in der Hand auf die Straßen und machten sich auf zum Tahrir-Platz. Der Strom wuchs ins Unermessliche. Ein unbeschreibliches Getöse der Freude! Autohupen, Freudenschreie, Gesang und ekstatisches Trommeln. Zu dieser Musik tanzte die jubelnde Menge. Die gesamte Bevölkerung nahm teil – Alte und Junge, Männer, Frauen und Kinder. Ein unglaubliches Fest. Niemand machte sich Gedanken um den morgigen Tag. Dass die Armee und nicht eine demokratische Allianz von Vertretern des Volkes die Regierung übernommen hatte, dass ein Großteil der Minister im Amt blieb, die das Regime Mubarak gestützt hatten, dass noch immer Ausnahmezustand und Ausgangssperre herrschten, dass unter diesen Umständen von Demokratie keine Rede sein kann – all das zählte in diesem Moment nicht.

    Zuerst wurde der Sieg gefeiert!


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