• Im Zentrum der „Zivilisationskrise“: Die Frage des „guten Lebens“

  • 20 Dec 11 Posted under: Theorie
  • Das Kolloquium, das von Espaces Marx im Januar 2011 zum Thema „Eine Zivilisationskrise?“ organisiert wurde, hat gezeigt, dass eine relativ große Übereinstimmung darüber besteht, dass die Krise, mit der sich gegenwärtig die Gesellschaften und die gesamte Menschheit auseinanderzusetzen haben, auf der Ebene der Globalität analysiert werden muss. Obwohl in der Diskussion der Inhalt dieses Begriffs „Zivilisationskrise“ nicht umfassend bestimmt wurde, machten die Beiträge doch eins deutlich: Allein schon seine Verwendung legt nahe, dass es sich nicht um eine reine Wirtschafts- oder Finanzkrise und auch nicht um eine Systemkrise, sondern um Widersprüche und ausweglose Situationen handelt, die miteinander verflochten sind und sowohl wirtschaftliche als auch soziale, politische, ideologische usw. Belange berühren. „Zivilisationskrise“ drückt die Notwendigkeit aus, die Beziehungen der Menschen untereinander und das Verhältnis Mensch-Natur aufgrund der tiefgreifenden Veränderungen der letzten Jahrzehnte in sämtlichen Lebensbereichen zu überdenken, und verweist auf die Tatsache, dass das sich über die ganze Welt erstreckende kapitalistische System ein Hindernis für die Suche nach progressiven Lösungen darstellt.

    Eine tiefe, dem kapitalistischen System immanente Krise

    Die Krise der Zivilisation steht in engem Zusammenhang mit der Krise des Kapitalismus. Zum einen, weil der Kapitalismus ein Produkt der westlichen Zivilisation und durch sein Fortschrittsverständnis auch der „Aufklärung“ und der „Vernunft“ ist; was Geneviève Azam zu der Äußerung veranlasste, dass man „rational“ nicht mit „vernünftig“ verwechseln dürfe. Ebenso wenig lässt er sich von bestimmten Darstellungen des Menschen und der Art, „Gesellschaft zu gestalten“, von einer bestimmten Arbeitsauffassung und ihren Zweckbestimmungen und ganz allgemein von einer bestimmten Vorstellung von Wohlstand und Lebensart, die gegenwärtig diskutiert werden, trennen. Zum anderen, weil die so genannte „Krise“ im wesentlichen von den unüberwindbaren Gegensätzen herrührt (ohne über das eigentliche System hinauszugehen), die zwischen dem Kapitalismus und der unerlässlichen Transformation der bestehenden Ordnung existieren. Demzufolge könnte man davon ausgehen, dass es sich um eine Krise der westlichen kapitalistischen Zivilisation handelt, die der übrigen Welt von der Kolonialisierung bis zur finanziellen Globalisierung  übergestülpt wurde.

    Damit untrennbar verbunden ist es eine Krise der westlichen Welt selbst bzw. zumindest ihrer jahrhundertealten Herrschaft über den Rest der Welt. Während in der Vergangenheit Interessenkonflikte zwischen den verschiedenen Teilen der Welt per Kanonenboot beigelegt wurden, stößt der Westen heute in den Klimaverhandlungen, im Handel oder bei der Lösung internationaler Krisen auf die Schwierigkeit, seine Standpunkte nicht mehr mit Gewalt durchsetzen zu können. China, Indien und in Zukunft sicher auch noch andere Länder sind auf dem besten Wege, die großen westlichen Mächte zu verdrängen. Schon heute ist es nicht mehr möglich, diesen Ländern irgendetwas aufzuzwingen. Aber diese Krise des Westens stellt nur einen Aspekt der „Krise der Zivilisation“ dar, denn die restliche Welt, der das kapitalistische System übergestülpt wurde, scheint spontan nicht in der Lage zu sein, Alternativen zur gegenwärtigen Zivilisation anzubieten. Die Völker der Welt werden durch eine Art Solidarität zusammengehalten: Ungeachtet der jeweils spezifischen Situation eines Landes stehen alle vor denselben Herausforderungen des Wandels und vor den gleichen Hindernissen.

    Eine grundlegende Triebkraft der gegenwärtigen Krise ist die Ausweglosigkeit des kapitalistischen Systems selbst. Festzustellen ist ein grundlegender Widerspruch: Die permanenten Bemühungen des Kapitals, seine Profitraten aufrechtzuerhalten bzw. zu maximieren, ziehen eine endlose Spirale nach sich, in deren Verlauf „soziale Kosten“ gedrückt und die Nachfrage, d.h. die Absatzmärkte strukturell geschwächt werden. Hinzu kommt als entscheidender Faktor, dass das verzinste Kapital umso exorbitanter wird, je stärker das kolossale „virtuelle“ Finanzkapital (Jean-Christophe Le Duigou sprach von einem „fiktiven“ Kapital) die „reale Wirtschaft“ beherrscht und erdrückt und auf diese Weise die Gesellschaft erpresst. In diesem Rahmen stellt sich die Frage, ob dem Kapital überhaupt noch Handlungsspielräume verbleiben, d.h. ob es noch möglich ist, bestimmte Widersprüche durch die Ausdehnung der Ausbeutung auf neue Felder zu lösen. Hier kommen Hypothesen über einen „grünen Kapitalismus“ oder über die Möglichkeiten ins Spiel, durch neue Technologien die Ozeane und das Weltall zu erschließen usw. Immanuel Wallerstein und andere gelangten zu dem Schluss, dass das kapitalistische System seit dem Ende der 1960er Jahre in die Endphase eines strukturellen Ungleichgewichts und damit in eine immer chaotischere (im physikalischen Sinne des Wortes „Chaos“) Phase eingetreten ist, in deren Verlauf selbst kleine Energiemengen beträchtliche Auswirkungen nach sich ziehen können. Das steht im Gegensatz zu früheren Phasen, in denen selbst auf kritische, das System in Frage stellende Situationen stets die Rückkehr zu einem Gleichgewicht folgte: Wir leben in einer Zeit, in der unsichere, vielleicht gefährliche Weichen gestellt werden, in der aber dennoch der „freie Wille“ der Völker zum Tragen kommen und dadurch Einfluss auf den Ausgang der Dinge nehmen kann.

    Zur ausweglosen Situation der Akkumulation riesiger „realer“ und „virtueller“ Kapitalmengen, deren Verzinsung ganze Wirtschaften und Gesellschaften zu Grunde gehen lässt, gesellt sich ein weiteres Krisenfeld im Zusammenhang mit der Unmöglichkeit, ein kapitalistisch-westliches Entwicklungskonzept, das auf die natürlichen und sozialen Gegebenheiten stößt, aufrechtzuerhalten, indem es erst recht auf die gesamte Welt übertragen wird. Das betrifft zum einen die Grenzen der Biosphäre (Ausbeutung der Ressourcen, vor allem der Energieressourcen, Klimaerwärmung, Bedrohung der Biodiversität usw.), die die Frage des Fortbestandes des Ökosystems aufwerfen, in dem sich menschliches Leben entwickelt hat. Zum anderen betrifft es die sprunghafte Zunahme von sozialen Leidensformen, vor allem bei der Arbeit, wodurch sich ein direkter Widerspruch zum Wohlstandsversprechen durch „Fortschritt“ und „Wachstum“ ergibt. Frédéric Lebaron wies nach, wie stark der Zusammenhang zwischen Wachstum und sozialem Wohlstand gegenwärtig in Frage gestellt wird, was umfangreiche, sehr unterschiedliche Forschungsbemühungen auslöste, um die komplexe Realität dieses historischen Bruchs zwischen Kapitalismus und menschlichem Fortschritt mit neuen „Indikatoren“ zu objektivieren und zu messen. Er betonte gleichzeitig, dass die Debatte über die „Indikatoren der menschlichen Entwicklung“ zwangsläufig zu der Frage nach „Sinn und Zweck von Arbeit“, also zu einer neuen Auffassung von Entwicklung führt. Anstatt sich in den Streit voller „Tabus“ um Wachstumsanstieg oder Wachstumsreduzierung verwickeln zu lassen, schlägt er unter Bezugnahme auf Edgar Morin vor, sich konkret zu fragen, was genau wir steigern oder reduzieren wollen: die Lebenserwartung der Menschen, die Ungleichheiten oder was?

    Eine Sinnkrise

    Wie der Titel des Kolloquiums bereits nahelegt, werden all diese Krisenerscheinungen von einer tieferen Sinnkrise begleitet, die an sich eine wesentliche Dimension dessen ausmacht, was als „Zivilisationskrise“ in Erscheinung tritt. Welchen Weg wird die Menschheit gehen? Welche Art von Menschheit wollen wir sein bzw. in welcher Art von Menschheit wollen wir leben? An dieser Stelle schließen wir uns den Analysen Immanuel Wallersteins an, der von den kommenden Jahrzehnten sagt, dass sie auf einen neuen Zustand der Welt hinauslaufen werden, wobei die alles entscheidende Frage darin besteht, ob diese neue Welt härter und autoritärer oder egalitärer und demokratischer, d.h. schlechter oder besser als die heutige sein wird. Im Grunde genommen treibt diese Frage alle Gesellschaften um und steckt – vielfach unterschiedlich formuliert – hinter der Aussage „so kann es nicht weitergehen“. Aber wohin soll der Weg führen? Vielleicht ist diese grundsätzliche Frage in der Geschichte der Menschheit noch nie derart deutlich gestellt worden. Das liegt wohl daran, dass zum ersten Mal der Fortschritt dauerhaft rückläufig zu sein scheint und die kommenden Generationen offenbar weniger gut leben werden als die vorangegangenen. Und das, obwohl die Kenntnisse und das Wissen, die das Maß des Fortschritts bestimmt haben bzw. sogar als dessen Ursprung gelten, weiterhin rasant zunehmen. Es ist ein unverständliches Paradoxon, das ganz direkt die Frage nach der Zukunft der Menschheit stellt. In ihrer tiefen Radikalität stellt diese Frage eine echte Herausforderung für die Zivilisation dar, die darin besteht, dass man, wie Alain Hayot es formulierte, unter Strafe der Wirkungslosigkeit „in der Lage sein muss, seine Wünsche zu benennen“. François Miquet-Marty formulierte es ähnlich: „Was fehlt, ist eine Ideologie, eine Vision der Geschichte, die dem Leben der Menschen einen Sinn verleiht“ und die „enorme Anstrengungen in intellektueller und politischer Hinsicht erfordert“.

    Eine Krise der Politik

    Nun ist aber genau die Politik arg in Mitleidenschaft gezogen. Sie hat sich in einer verengten Sicht auf die Herausforderungen der Macht versteift und interessiert sich heute weniger denn je für Wissen und noch weniger für Theorie. Und trotzdem kann man erste (noch sehr zaghafte) Anzeichen einer Rückkehr der Theorie auf die öffentliche Bühne erkennen. Die Symptome des Übels, an dem sie leidet, sind in Ländern mit langer und starker Demokratietradition besonders augenscheinlich. Die Linke mit ihren verschiedenen Tendenzen ist auf dem Rückzug und meist schon geschlagen, während die Politik insgesamt in Verruf geraten ist. Das soziale Leiden kann sich nur durch Wahlenthaltung oder durch Wählen faschistoider und rassistischer, extrem rechter Parteien ausdrücken. Die demokratischen Institutionen erleben eine Abwertung: So zeigte beispielsweise eine vor einigen Jahren durchgeführte Umfrage, dass die Mehrheit der befragten Franzosen die Abschaffung des Parlamentes im Grunde genommen nicht für eine Katastrophe halten würde.

    Maryse Dumas und Marcel Gauchet, die ganz unterschiedlichen ideologischen Ausrichtungen zuzuordnen sind, stimmten auf dem Kolloquium überein, dass die politische Bühne gegenwärtig einem Schattentheater gleicht. Im Zentrum dieser Feststellung stand die Unfähigkeit der Politik, den Staat in Zeiten der Globalisierung zu reflektieren und die Globalisierung selbst zum Gegenstand der Reflexion zu machen. „Was nützt die Politik?“, fragte sich Maryse Dumas, und „Wo befinden sich die tatsächlichen Orte von Entscheidungen?“. Marcel Gauchet dagegen betonte, dass „die europäische Linke keine relevante Aussage zur Globalisierung vorzuweisen hat“ und „in der Falle eines ihrer ältesten Ideale steckt: in der Falle des Internationalismus“. „Die linken Kräfte“, fuhr er fort, „wurden von der Flanke angegriffen und entwaffnet.“ „Die Eliten haben sich von ihren nationalen Räumen gelöst.“ „Der blinde Fleck ist das Fehlen politischen Denkens.“ Und er schließt mit der Feststellung, dass es notwendig sei, „den strukturierenden Rahmen zu überdenken, der ein demokratisches Leben und insbesondere die Beherrschung der wirtschaftlichen Prozesse ermöglicht“.

    Das ist ein hartes Urteil über die linken Kräfte, die für die sich mehrenden Alarmzeichen offensichtlich blind und taub sind. In Anbetracht dieser Riesenbaustelle von zentraler Bedeutung sind keine Antworten zu hören. Man braucht sich nur das lächerliche Programm für einen institutionellen Wandel der französischen Sozialistischen Partei anzuschauen, das im Hinblick auf die 2012 anstehenden großen Wahltermine vorgelegt wurde: Da ist keine Rede mehr davon, ein Regime des „permanenten Staatsstreichs“, das die PS seit immerhin 1958 anprangert, in Frage zu stellen, da wird keine 6. Republik vorgeschlagen, sondern werden lediglich ein paar Reförmchen ohne nennenswerte Konsequenzen gefordert. Dabei stellt dies zweifellos den Kern des Problems dar! Aus den Beiträgen von Maryse Dumas und Marcel Gauchet wird ersichtlich, dass die „demokratische Ordnung“ gegenwärtig faktisch keinerlei Möglichkeit besitzt, die „wirtschaftlichen Prozesse“ zu steuern. Die einseitige finanzielle Ausrichtung und Globalisierung des Kapitalismus haben die territoriale Einbindung zerstört, die die großen Unternehmen früher veranlasste, in gewissem Maße die Bedürfnisse der Bevölkerung vor Ort zu berücksichtigen. Die großen Multis verzeichnen nur wenige Monate nach „der Krise“ erneut Rekordgewinne, von denen fünfzig Prozent als Dividende an die Aktionäre fließen. Ihr Einfluss auf das Leben und das Schicksal ganzer Völker ist enorm. Doch „der Staat kann nicht alles“ hatte vor weniger als zehn Jahren ein linker französischer Premierminister gesagt, was im Klartext hieß, dass er gar nichts kann.

    Unter diesen Bedingungen versteht man, dass die linken Bewegungen ohne politisches Projekt dastehen und das Feld weitgehend rechten bis hin zu extrem rechten Kräften überlassen. Immanuel Wallerstein analysierte dieses Problem am Beispiel Lateinamerikas, wo sich die „Bewegungen einer indigenen Linken“ und die „Bewegungen einer politischen Linken“ in einer Grundsatzdebatte (Zivilisationsdebatte?) gegenüberstehen. Letztere scheinen die Länder verändern und ihnen zu mehr Wachstum und höheren Staatseinnahmen verhelfen zu wollen, wobei sie der „indigenen Linken“ vorwerfen, diesen Prozess zu bremsen und sich objektiv wie Verbündete der USA zu verhalten. Die „indigene Linke“ wiederum hält der Idee des Wachstums ihre Vorstellung von einem „guten Leben“ entgegen und wirft der „politischen Linken“ vor, die gleichen Ziele wie die Rechte zu haben und die Autonomie des Landes zu zerstören. Diese latente Spannung zwischen beiden linken Polen ist nach Ansicht Wallersteins ein allgemeines Phänomen, das nicht nur Lateinamerika betrifft. Seiner Auffassung nach müssen beide linke Bewegungen miteinander „ausgesöhnt“ werden, da andernfalls an die Stelle des gegenwärtigen kapitalistischen Systems ein noch weitaus schlimmeres treten könnte. Dazu bedarf es seiner Meinung nach einer internen Debatte innerhalb der Linken über die Frage der künftigen Zivilisation, die es zu schaffen gilt: Soll sie auf unendlichem Wachstum oder auf einer anderen Sicht vom Leben beruhen? Hierin sieht er die Herausforderung des „Scheidewegs“, an dem die Welt steht. Durch diese Anstrengung wäre es endlich auch möglich, „seine Wünsche zu benennen“, da Begriffe wie „Sozialismus“ und „Kommunismus“ nicht mehr in der Lage sind, eine wünschenswerte Zukunft zu beschreiben, und bisher keine neuen Begriffe an ihre Stelle getreten sind.

    Man könnte nun voreilig zu dem Schluss gelangen, dass die Debatte innerhalb der Linken in Europa zwischen einer „sozial-liberalen“ und einer „radikalen“ oder „transformatorischen“ Linken, im Zusammenhang mit dieser Zivilisationsdebatte zu sehen ist. Dies wäre allerdings zu optimistisch gedacht, denn die Konfrontation wird in weiten Teilen noch von der traditionellen Konfrontation zweier Visionen von Gesellschaft bestimmt: die liberale und die staatliche Sicht. Da es in der Tat kein neues politisches Denken gibt, das die Begrifflichkeiten einer solchen Debatte festlegen könnte, sieht die Gesellschaft keinen Unterschied zwischen der liberalen Linken und dem konservativen Lager und nimmt die „transformatorische Linke“, deren politischer Einfluss bei Wahlen in den Ländern der Europäischen Union über durchschnittlich fünf Prozent nicht hinauskommt, kaum wahr. Hinzu kommt, dass besagte Wählerschaft oftmals im fortgeschrittenen Alter ist und sich vornehmlich auf althergebrachte inhaltliche Konzepte bezieht. Vielleicht ist das der tiefere Grund für die verbreitete Annahme, dass die Linken ungeachtet ihrer zahlreichen Bemühungen kein Projekt anzubieten haben. Diese Kritik verschweigt allerdings die Tatsache, dass die linken politischen Kräfte noch nicht in der Lage sind, die Frage einer politischen Alternative im Zusammenhang mit der „Zivilisationsentscheidung“ zu stellen, die für einen progressiven Ausweg aus der Krise notwendig ist. Und ist es nicht genau das, was während der Auseinandersetzungen um die Renten passierte, die in den meisten europäischen Ländern die Gemüter erhitzten? Die Diskussion wurde zwischen Fachleuten geführt, die sich vor allem auf Finanzfragen konzentrierten und dabei das wesentliche außer Acht ließen, da sie diese Fragen nicht in den Zusammenhang mit einer gemeinsamen Vorstellung von Arbeit und dem Platz der Arbeit in der Gesellschaft und überhaupt im Leben, mit einer Konzeption von den Zielen eines Unternehmens und der Arbeitnehmer, oder mit einer Vision von den Bedürfnissen der Menschen und schließlich von einem „guten Leben“ stellten.

    Die neuen Bedingungen des Klassenkampfes

    Doch auch die Frage des „Scheidewegs“ kann nicht einfach so auf der Ebene der Ideen stehen bleiben. Aus diesem Grunde versuchte das Kolloquium abschließend, über die „neuen Bedingungen des Klassenkampfes“ nachzudenken. Es ging aus von der inzwischen schon klassischen Feststellung der Asymmetrie zwischen einer zahlenmäßig immer kleiner werdenden Finanz-Klasse (Kaste?) auf der einen Seite, die mehr und besser als je zuvor ihre Interessen kennt und sich für deren Verteidigung organisiert, und der überragenden Mehrheit des Proletariats auf der anderen Seite, das den von anderen geschaffenen Lebens- und Arbeitsbedingungen ausgesetzt ist. Dieses Proletariat ist sehr verschiedenartig zusammengesetzt und wird von zahlreichen widersprüchlichen Interessen geprägt, es hat wenig „Bewusstsein“ und ist schlecht organisiert.

    Aber was bedeutet „bewusst sein“? Die Antwort scheint auf der Hand zu liegen: Bewusst sein heißt, mit manchen bestimmte Interessen zu teilen, die denen einer anderen sozialen Klassen entgegenstehen, so dass die Verteidigung dieser gemeinsamen Interessen zur Aufstellung eines politischen Projekts führen kann, für das man sich mobilisieren wird. Das ist vermutlich der wunde Punkt. Wie Roger Martelli sagte, „braucht es eine Polarität zwischen Klassen und kein Aneinanderreihen von Akteuren“, und diese Polarität entsteht, „wenn eine Gruppe in der Lage ist, sich aufgrund einer Hoffnung oder eines Projektes, das das Ende der Beherrschung einer ganzen Klasse verkündet, zusammenzufinden“. Mit anderen Worten, das fehlende Bewusstsein rührt nicht von einem Mangel an Interesse, sondern von der kollektiven politischen Unfähigkeit, ein solches Projekt auszuarbeiten und sich zu seinem Träger zu machen. Das bringt uns einmal mehr zur Zivilisationsdebatte zurück, die in der Linken unbedingt geführt werden muss, will man zu neuer Hoffnung gelangen.

    Welche Lehren aus den arabischen Revolutionen ziehen?

    Interessanterweise fanden diese Debatten Ende Januar statt, inmitten der arabischen Revolutionen, ohne dass sich irgendjemand in der Lage gefühlt hätte, zu diesem frühen Zeitpunkt einen Zusammenhang zwischen diesen so bedeutenden Ereignissen und den vorstehenden Überlegungen anzustellen. Auch einige Tage später sah es auf dem Weltsozialforum in Dakar nicht anders aus, obwohl dort zumindest einige sich die Frage nach der (fehlenden) Verbindung zwischen diesen Revolutionen und der globalisierungskritischen Bewegung stellten. Vielleicht kann heute mit ein wenig Abstand eine erste grundlegende Lehre in Bezug auf das Verhältnis zwischen sozialer Transformation und Demokratie gezogen werden. Es scheint auf der Hand zu liegen, dass eine der stärksten Triebkräfte dieser Revolutionen der soziale Leidensdruck war, der durch die systematische Ausplünderung dieser Länder sowie die Aberkennung der zivilen und politischen Rechte und Freiheiten erzeugt wurde, wobei die Konfiszierung der Freiheiten die Voraussetzung der Ausplünderung ist. Genau dieses Bewusstsein hatte die Aufständischen veranlasst, sich zunächst das Terrain der Freiheit und Demokratie vorzunehmen. Indem sich diese Bewegungen ein konkretes, unmittelbar umsetzbares Ziel setzten, brachten sie eine mobilisierende Hoffnung hervor, die ihnen Kraft verlieh.

    Man hat den Eindruck, dass diese Bewegungen sich mit Problemen auseinandersetzen, die unsere Gesellschaften bereits in den letzten zwei Jahrhunderten gelöst haben. Sollte man nicht lieber davon ausgehen, dass die Frage der Rechte, Freiheiten und Einflussmöglichkeiten, also im weitesten Sinne die Frage der Demokratie auch heute noch angesichts notwendiger tiefgreifender sozialer Reformen ein Schlüsselelement darstellt, um eine „realistische“ politische Mobilisierung in Gang zu setzen? Das heißt mit anderen Worten: Ein politisches Projekt, wenn es an ein zivilisatorisches Projekt geknüpft werden soll, kann sich nur dann entwickeln, beziehungsweise überhaupt erst einmal entstehen, wenn die politischen Bedingungen (im Sinne von Machtverhältnissen) für seine Umsetzung geschaffen werden. Diese Reflexion als Reaktion auf die arabischen Revolutionen kann sich als entscheidend herausstellen, denn in der Politik gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen dem Gefühl der Ohnmacht und der Ohnmacht selbst, ebenso wie zwischen dem Bewusstsein von der eigenen Macht – als unmittelbare Folge oder in Verbindung mit dem Klassenbewusstsein – und der realen Fähigkeit, die Ordnung der Dinge zu verändern.

    Das „Schattentheater“, von dem Marcel Gauchet im Zusammenhang mit der politischen Szene sprach, erhält auf diese Weise eine andere Bedeutung: Es ist nicht mehr nur ein Produkt des Machtverfalls des Staates, sondern bildet auch die organisierte Voraussetzung für die Entstehung des Gefühls der Ohnmacht, also der realen Ohnmacht der Völker. Als Priorität hatte Maryse Dumas vorgeschlagen, die realen Orte der Macht, von der lokalen bis zur globalen Ebene, in der Politik ebenso wie in der Wirtschaft, den Medien, der Kultur usw. zu ermitteln. Auf dieser Basis sind in allen Bereichen konkrete Transformationen anzubieten, die den Arbeitnehmern, Bürgern und Völkern neue Machtbefugnisse verleihen und ihnen ein Gefühl der Stärke geben, das auf diese Weise zur realen Macht wird. Die Fragen der Demokratie, d.h. ihrer Institutionen, scheinen also im Mittelpunkt zu stehen. Das ist die Voraussetzung dafür , dass die Debatte über ein neues Zivilisationsprojekt über die intellektuellen und politischen Kreise hinausgehen und in der Gesellschaft selbst geführt werden kann.


Related articles