• Das US- und das Europäische Sozialforum: Strategische Herausforderungen für das WSF

  • 21 Apr 11 Posted under: Sozialforen , Transformationsstrategien
  • 2010 wird es kein Weltsozialforum geben. Stattdessen finden weltweit ca. 40 Großveranstaltungen statt, mit dem Ziel, die globalisierungskritische Bewegung zu verbreitern, über die Krise reflektieren – unabhängig davon, ob sie nun als ökonomische, soziale oder „zivilisatorische“ bezeichnet wird – und um das WSF im Februar 2011 in Dakar, Senegal, vorzubereiten.

     

    Das Jahr begann mit einem äußerst erfolgreichen Event in Porto Alegre, dem Geburtsort des ersten Weltsozialforums. Er fand zwischen dem UN-Umweltgipfel in Kopenhagen und dem Cochabamba Volksgipfel im Mai 2010 statt. Das Ökologiethema gab dieser Sozialforumsveranstaltung richtigen Auftrieb, viele hoch motivierte junge Menschen nahmen daran teil. Die antikapitalistischen und Umweltthemen wurden erfolgreich miteinander verknüpft und ein neuer Slogan entstand: „Kapitalismus ist nicht unhaltbar / nicht nachhaltig“.

     

    Porto Alegre war heuer ebenfalls ein Moment der Reflektion, 10 Jahre nach dem ersten Weltsozialforum. Es ermöglichte interessante Debatten über die Krise der „Zivilisation“, die Verfasstheit des Neoliberalismus, den politischen Einfluss des WSF usw.

     

    Im Mai fand ein thematisches Sozialforum in Mexiko City statt. Während die Teilnahme nicht gerade überwältigend hoch war, war der Event hinsichtlich seines Inhaltes sehr interessant, mit Seminaren zur Landwirtschaft, zu ökologischen Themen, sozialen Fragen, globalen Steuern, Gender usw. Einige mögen etwas verwirrt gewesen sein, da es am „Zócalo“, dem Hauptplatz der Stadt – stattfand, gleichzeitig mit Hungerstreiks der ArbeiterInnen der Elektrizitätswerke und von AktivistInnen aus einem zapatistischen Lager, beides unabhängig vom Forum.

     

    Ende Juni stieg das zweite US-Sozialforum in Detroit. Für diejenigen, die mit den Sozialforen vertraut sind, war dies „wie in alten Tagen“: eine extrem begeisterte Menge von 15.000 Menschen, eine motivierende Demo zum Auftakt, ein zentraler Ort, an dem (beinahe) alle Seminare stattfanden und wo sich die Leute treffen, miteinander essen und trinken konnten. Die Vielfalt war gegeben, indigene, weiße, schwarze und Latino-Männer und -Frauen waren überall stark vertreten. Alle Seminare und Versammlungen waren lebendig und ermöglichten die Partizipation vieler. Die Organisation war perfekt, sogar für „Sprachgerechtigkeit“ in Form von ÜbersetzerInnen und DolmetscherInnen wurde gesorgt, falls notwendig.

     

    Eine Woche später kam das Europäische Sozialforum in Istanbul zusammen und war eine Art Ernüchterung. Während es eine gute Abschlussdemo, sehr gute Seminare und gute Kontaktmöglichkeiten gab, kann gesagt werden, dass das ESF eindeutig eine Rückwärtsbewegung durchmacht. Nach Florenz, London, Paris, Athen und Malmö muss man zu dem Schluss kommen, dass bei europäischen AktivistInnen die Formel nicht wirklich ankommt. In Istanbul waren kaum 2.500 Personen anwesend, im Verhältnis auch wenige TürkInnen. Die Organisation war minimal.

     

    Detroit war anders

     

    Was machte das US-Sozialforum so speziell? Vier Punkte müssen erwähnt werden:

    Erstens war der gesamte Vorbereitungsprozess sehr aufwändig und umfangreich. Der Ausgangspunkt war offensichtlich die Charta der Grundsätze des WSF und infolgedessen auch der „Freiraum“. Dennoch wurde, da „Freiraum“ nicht automatisch „gleiche Ausgangsbedingungen“ heißt, ein langer Prozess der Suche nach den erforderlichen PartnerInnen initiiert. Es gab viele Diskussionen darüber, wer aller mitmachen sollte. Die OrganisatorInnen wollten unbedingt, dass sich die am meisten marginalisierten Leute und Gruppen am Prozess beteiligten. Danach mussten sie eine weitere langwierige Phase der Kontaktaufnahmen und Diskussionen zurücklegen, weil viele der Gruppen einander nicht kannten oder noch niemals miteinander gesprochen hatten. Es ist dieser Prozess der – wie sie es nennen „Intentionalität“ / „Absichtlichkeit“, der das US-Sozialforum zu einem die Vielen inkludierenden basisdemokratischen Event machte, das auf Vertrauen beruhte.

     

    Zweitens wurde die alte Kontroverse von „Raum“ versus „Aktion“ mit „Versammlungen der Volksbewegungen“ gelöst. Diese Versammlungen, es gab derer an die 50, begannen lange vor dem Event selbst schon zu arbeiten. Ihr Vorteil ist nicht nur, dass sie mehrere thematische Gruppen zusammenbringen, die zum selben Thema arbeiten und dass sich so Netzwerke untereinander bilden, sondern auch, dass sie Resolutionen verabschieden und Handlungsagenden beschließen können. Am letzten Tag des Forums wurden alle Resolutionen zusammengetragen und viele von ihnen im Plenum präsentiert. Diese Versammlungen der Volksbewegungen fanden parallel zu den mehr als 1.000 selbstorganisierten Seminaren und Workshops statt. Während diese Seminare als Selbstzweck angesehen werden können, sind die Versammlungen nichts weiter als einzelne Ereignisse in einem langen Vorbereitungsprozess mit anfänglicher Implementierung und späterer Weiterentwicklung.

     

    Drittens waren die Seminare – zumindest jene, die ich besuchte – höchst motivierend und auf Teilnahme ausgerichtet. Podien wurden fast nie von der übrigen Öffentlichkeit getrennt, die Leute saßen im Kreis, niemand sprach länger als 5oder 10 Minuten, die Redebeiträge der TeilnehmerInnen wechselten sich mit musikalischen, literarischen oder getanzten Einlagen ab. Die „Öffentlichkeit“ wurde ständig dazu eingeladen, zu intervenieren. Auf Diversität wurde immer genauestens geachtet.

     

    Viertens bemerkte ich einen Unterschied in den persönlichen Haltungen der Leute. Ich möchte nicht naiv sein und glaube daher auch nicht, dass es keine Machtverhältnisse innerhalb und unter den Bewegungen und den Menschen in den USA gibt, aber die Art, wie damit umgegangen wurde, war für eine/n europäische/n TeilnehmerIn sehr ansprechend. Alle Ideen, woher auch immer sie kamen, wurden gemeinsam diskutiert und danach angenommen oder abgelehnt. Aber niemals wurde auch nur irgendein Vorschlag a priori ignoriert ohne Beratung darüber. Jede/r konnte den Eindruck gewinnen, dass er/sie ernst genommen wurde. Keine/r wurde jemals verletzt oder erniedrigt. Es gab eine prinzipielle Offenheit und Bereitschaft, anderen zuzuhören.

     

    Die Krise des Europäischen Sozialforums

     

    Die beiden zuletzt genannten Qualitäten stehen in deutlichem Gegensatz zu dem, was auf der europäischen Ebene passiert.

     

    Seminare und Podien waren auf „altmodische“ Art organisiert, mit überwiegend männlicher Beteiligung und Sprechern, die mindestens 15 bis 20 Minuten brauchten, um zum Punkt zu kommen. Wenn auf einem Podium sechs Leute sitzen, bedeutet das, dass man eineinhalb oder zwei Stunden sitzen und zuhören muss. Interventionsmöglichkeiten vonseiten der Öffentlichkeit sind daher stark begrenzt. Die Vielfalt war extrem reduziert oder fehlte überhaupt; es gab beinahe keine Übersetzung oder bestenfalls eine konsekutive. Das Forum war auf mehrere Veranstaltungsorte aufgeteilt, allerdings weniger als vor zwei Jahren in Malmö.

     

    Der größte Unterschied, den ich erlebte, war jedoch jener in der Haltung der Leute, die einander zumeist schon viele Jahre oder durch ihre Teilnahme am Vorbereitungsprozess kennen. Die meisten von ihnen tragen – wissentlich oder unwissentlich – ein Etikett und man hört ihnen nicht zu aufgrund dessen, was sie sagen, sondern aufgrund derer, für die sie sprechen. Die verwendete Sprache dient als Signal für die Position, aus der heraus sie sprechen. Das beeinträchtigt das Entstehen neuer Ideen und das Potential für Verständigung stark.

     

    Was den Inhalt anbelangt, sind die Gruppen noch immer entlang der alten Trennlinien von „Revolution“ und „Reformismus“ gespalten. Gewerkschaften werden willkommen geheißen, andererseits aber dafür gescholten, nicht radikal genug zu sein. Kritik an der Politik europäischer Gewerkschaften wird entweder im Rahmen eines gewerkschaftsfeindlichen Diskurses oder in einem Gegensatz von Akzeptanz-Antagonismus vorgebracht. VertreterInnen einer post- oder einer antimodernen Position treten jenen einer modernen Position feindselig gegenüber, wobei beide die Forderung nach sozialer und ökologischer Gerechtigkeit verteidigen, aber jeweils aus anderer Perspektive. Solange kein beabsichtigter Prozess der Klärung und Verständigung zwischen diesen verschiedenen Gegensätzen initiiert wird, können die Unterschiede sich zu dauerhaften und unüberbrückbaren Bruchlinien entwickeln. Eine offenere Diskussion ist dringend erforderlich.

     

    In Summe ist das ESF, verglichen mit dem USSF, ein Top-Down-Prozess, der von ein paar linken Gewerkschaften und einer kleinen Gruppe von AktivistInnen aus den sozialen Bewegungen organisiert wird, von Leuten, die einander schon seit etlichen Jahren kennen und die eher ihre eigenen Positionen verteidigen als den Prozess und dessen enormes Verständigungspotential. Das ist sicherlich völlig unbeabsichtigt und die meisten Leute arbeiten auch wirklich schwer und ehrlich für das ESF, obwohl sie sein eigentliches Ziel verfehlen. Die Frage ist, ob es ihnen gelingen wird, eine neue politische Kultur zu schaffen und die so dringend benötigte Verständigung zu fördern.

     

    Diese verschiedenen Punkte mögen erklären, warum die Teilnahme in Istanbul so gering war und warum so wenige Kontakte mit den türkischen Freundinnen und Freunden zustande gekommen sind. Während die wenigen TeilnehmerInnen höchst motiviert waren, verzeichnet die Mobilisierung in Europa insgesamt einen deutlichen Rückgang. Sehr wenige neue und gemeinsame Agenden wurden beschlossen. Die Erklärung der Schlussversammlung ruft zu einer Mobilisierung für den 29. September 2010 in ganz Europa auf, um gegen die Sparpolitik zu protestieren, es gab aber keine Einigkeit darüber, zu einer massiven Beteilung an der von den Gewerkschaften für diesen Tag in Brüssel organisierten Demonstration aufzurufen. Das ist wirklich eine Schande, da angesichts der Bedrohung sozialer Rechte gemeinsames Handeln und in der Folge irgendein bescheidenes Maß an Kompromiss notwendig sind. All das weist darauf hin, dass Rivalität eine bedeutendere Rolle spielt als gemeinsames Handeln und dass Machtbeziehungen wichtiger sind als Inhalte. Einige Linksradikale scheinen immer noch nicht zu realisieren, wie weit die Krise der Linken ihre Macht ausgehöhlt hat und wie dringend gemeinsames Handeln angesagt ist, will die Linke überleben.

     

    Lektionen für das Weltsozialforum in Dakar

     

    Es ist klar, dass die AfrikanerInnen ihre eigene Dynamik haben und vollkommen in der Lage sind, auf der Grundlage ihrer eigenen sozialen, kulturellen, politischen und organisatorischen Ressourcen ihr eigenes Forum zu organisieren. Aber da Dakar das Weltsozialforum 2011 ausrichten wird, wird es auch mit den Einflüssen aus dem alternden Europa, der dynamischen USA, der erfahrenen LateinamerikanerInnen und der kleinen Anzahl an AsiatInnen, die heutzutage zum WSF kommen, fertig werden müssen. Sowohl Erwartungen als auch Ziele sind hoch, da das erste WSF in Afrika, das 2007 in Nairobi stattfand, keine ungeteilt positiven Erinnerungen hinterließ. Die Vorbereitung von Dakar liegt aber in sehr guten Händen und ich erwarte daher, dass das WSF 2011 ein großer Erfolg werden wird. Viel wird von der Fähigkeit abhängen, miteinander zu sprechen und einander zuzuhören, zusammenzuarbeiten und zu teilen.

     

    Während es leicht ist, dies festzustellen, ist es möglicherweise nicht leicht, dies auch zu erreichen. Zurzeit macht sich eine Menge Frustration unter den „alten“ TeilnehmerInnen des WSF breit, denjenigen, die seit 2001, 2001 oder 2003 dabei sind. Konkrete Ergebnisse im Hinblick auf Kämpfe oder im Hinblick auf realpolitische Veränderung stehen noch immer aus, außer in Lateinamerika, wo einige links gerichtete Regierungen versuchen, die neoliberale Politik in Zaum zu halten. Der alte Gegensatz von Raum vs. Handeln ist noch nicht gelöst; viele Netzwerke sind entstanden und gefestigt worden und brauchen daher das WSF nicht mehr. Während über den notwendigen Widerstand gegen neoliberale Politik leicht eine Verständigung zustande kommen kann, ist dies im Hinblick auf die Formulierung von Alternativen schwieriger zu erreichen.

     

    Die aktuelle Strategiedebatte innerhalb des WSF widerspiegelt diese Gegensätze und muss an die Ziele des WSF gekoppelt werden. Laut Chico Whitaker, einem der Gründungsväter des WSF, bestehen diese Ziele in dreierlei: in der Schaffung einer neuen politischen Kultur, die auf Respekt und Vielfalt beruht; in einer Selbstermächtigung der Zivilgesellschaft und in der Organisierung politischen Handelns und sozialer Kämpfe zur Überwindung von Kapitalismus und Neoliberalismus. Obwohl diese Ziele nicht als Hierarchie formuliert sind, sollte doch klar sein, dass ersteres für das Erreichen des zweiten und dritten Ziels Voraussetzung ist. Die politische Relevanz des WSF, sein Potential, neue Inhalte zu thematisieren, wichtige Intellektuelle aus der ganzen Welt anzuziehen, den sozialen Bewegungen neue Alternativen zu bieten und eine entstehende Opposition zur kapitalistischen und neoliberalen Weltordnung zu bilden, hängt von seiner Fähigkeit ab, sich selbst neu zu erfinden und inspirierende intellektuelle Rahmenbedingungen zu bieten. Während es wichtig und dringend erscheinen kann, mit dem politischen Handeln und den sozialen Kämpfen zu beginnen, besteht das Risiko, die große Vielfalt der TeilnehmerInnen des WSF und ihre divergierenden Forderungen zu ignorieren, aber auch der Überschätzung der Stärke unserer Bewegungen. Die alte Linke hat keine starke demokratische Tradition und läuft Gefahr, einige der neuen, bei den neuen sozialen ProtagonistInnen vorhandenen Methoden und Denkweisen zu übersehen, die weniger auf Wettbewerb als auf Zusammenarbeit fokussieren.

     

    Dieser Punkt hilft den Unterschied zwischen dem ESF und dem USSF klarer darzulegen. Das ESF ist mehr auf Inhalt und Handeln ausgerichtet, während die Stärken des USSF eher bei der Methode und politischen Kultur liegen.

     

    Diese Unterschiede erklären auch die verschiedenen Vorschläge zur Frage der strategischen Zugänge. Zurzeit werden drei separate strategische Wege erprobt.

     

    Der erste ist jener der Versammlung der sozialen Bewegungen (VSB). Dieser Weg scheint zwei Strängen zu folgen, einerseits geht es um die Schaffung des dafür erforderlichen spezifischen Raumes im WSF-Prozess, andererseits um die Schaffung einer Parallelstruktur zum Internationalen Rat und zum WSF selbst. Die Versammlung der sozialen Bewegungen hat eine Koalition einiger wichtiger globaler Bewegungen zustande gebracht, die sich mit Themen wie Schulden, Gender, der Lage der Bauern usw. beschäftigen. Ihr Hauptanliegen ist allerdings die Suche nach einer gemeinsamen Agenda des Handelns, unabhängig vom politischen Inhalt ihres jeweiligen Antikapitalismus, aber auch ohne die stillschweigende Annahme eines gemeinsamen politischen Inhalts.

     

    Der zweite Weg besteht in der Organisierung einer strategischen Debatte auf der Webseite des 2011, die auf den verschiedenen Veranstaltungen von 2010 beruht, auf Aktionen der unterschiedlichen sozialen Bewegungen oder auf Beiträgen von globalisierungskritischen Intellektuellen. Die Organisierung von e-Debatten um einige der Hauptkontroversen der heutigen Zeit kann dazu beitragen, die Herausforderungen klarzumachen, mit denen das WSF konfrontiert ist, aber hoffentlich auch, um strategische Ideen abzuklären. Verschiedene Beiträge werden helfen, die verschiedenen strategischen Elemente in den sozialen Bewegungen und Veranstaltungen auf der ganzen Welt zu vermitteln.

     

    Die dritte Strategie könnte die Organisierung von sachbezogenen, lebendigen Debatten am WSF 2011 in Dakar und danach sein, zu einigen der Hauptthemen, die das Organisationskomiteee vorschlägt oder um Themen, die sich aus den Beiträgen auf der Webseite ergeben. Im Idealfall wären dies „mitorganisierte Veranstaltungen“, parallel zu den selbstorganisierten Seminaren des WSF. Das könnte helfen, die erhoffte Verständigung vorzubereiten, nicht in einer gelenkten oder bindenden Form, aber insofern, als Hinweise auf mögliche Verbindungen oder Überschneidungen zwischen den Themen, eine Übersicht zu globalen Debatten und die Orientierung auf wichtige, sich neu herausbildende Themen geboten werden. Diese Formel ist 2010 in Porto Alegre sehr erfolgreich zur Anwendung gekommen und ihr entsprechend wurde auch die „Plenarsitzung“ jeden Tag in Detroit organisiert. Der große Vorteil davon ist, dass die Debatten zu einigen wichtigen Themen eine Art Kontinuität bekommen und dass implizit die sozialen Bewegungen eine Art Inspiration daraus beziehen können, weil die Konferenzen ja die unterschiedlichen Meinungen zu einem Thema zum Ausdruck bringen. In der Tat erlaubt diese Formel die Verbindung verschiedener Ziele, indem sie die unterschiedlichen Ideenstränge zu einem bestimmten Thema oder einer Kontroverse zusammenbringt, weil sie die Diskussion und das Zuhören fördert und – während sie selbstorganisierte Veranstaltungen anregt –, zur Klärung dessen beiträgt, was am Spiel steht oder zukünftiges Denken und Handeln vorbereiten hilft.

     

    Diese drei Strategien können einander ergänzen und zur Schaffung eines politischen Impetus beitragen und zu einer gemeinsamen Agenda führen, die auf einer gemeinsamen Sprache und einem gemeinsamen Verständnis der heutigen politischen und sozialen Wirklichkeiten beruht.

     

    Die Krise der Linken

     

    Die allgemeine Schwierigkeit des Forums und der sozialen Bewegung bei der Neudefinition ihrer Strategien und bei der (Wieder)Erlangung politischer Relevanz ist mit der Krise der Linken in vielen Teilen der Erde eng verbunden, insbesondere in Europa. Die Krise ist nicht nur eine ideologischen Differenzen geschuldete, sondern auch von der ökologischen Krise mit ausgelöst, die eine wichtige Diskussion zur Moderne hervorgebracht hat. Da die Linke ein Kind der Moderne ist, stehen diese Fragen miteinander in Beziehung und bedürfen dringend der Klärung: Was genau meinen wir mit „Moderne“, was müssen / wollen wir zurückweisen, was müssen / wollen wir bewahren? Können die Probleme auf der Grundlage einer marxistischen Analyse der ökologischen Krise gelöst werden? Es gibt nun eine lange Diskussion über eine Krise „der Zivilisation“ und die „Okzidentalisierung“, zu Entwicklung, Wachstum, Menschenrechten, Staaten usw.

     

    Während eine solche Debatte zur „Moderne“ durchaus im Forum organisiert werden kann, ist es andererseits aber klar, dass es Jahre dauern wird, bevor ein gemeinsames – oder divergierendes – Verständnis erreicht wird and bevor auf dieser Grundlage neue Strategien entwickelt werden können. Eine solche Debatte kann unter dem Vorzeichen der Suche nach einer neuen emanzipatorischen Universalität geführt werden, wie von den afrikanischen FreundInnen vorgeschlagen, die das WSF 2011 organisieren. Sie wird sich notwendigerweise auf die Achtung vor den kulturellen und politischen Besonderheiten aller sozialen Bewegungen gründen und zur Definition neuer Werte hinsichtlich unserer Beziehung zur Natur und zur Wiederbelebung „alter“ Werte in einer neuen Sprache führen.

     

    Wenn die Linke überleben will, insbesondere in Europa, braucht sie einen innovativen Zugang, der in der Lage ist, junge Menschen anzusprechen, der einen Schwerpunkt auf Rechte und Demokratie legt, die Solidarität auf mehrschichtige Art neu definiert und die Ziele der Wirtschaft neu bestimmt, indem sie sie direkt mit der gesellschaftlichen und politischen Welt verbindet.

     

    Schlussfolgerung

     

    Auf diese Art kann das WSF den sozialen Bewegungen in Europa dabei helfen, ihre Problematik neu zu umreißen und ihre alten Gegensätze aufzugeben, die keine Lösungen für die Welt von heute bereitstellen können. Das bedeutet nicht, dass ideologische Perspektiven aufgegeben werden müssen, aber dass sie auf eine andere Art umgesetzt und gestaltet werden müssen. Das WSF kann sich auch beim dynamischen USSF einladen, um Basisbewegungen besser mobilisieren und ansprechen zu können.

     

    Das WSF ist ein Spiegel der sozialen Bewegungen, die daran teilnehmen. In Europa haben viele dieser Bewegungen ihre Wurzeln in einer auf den Staat bezogenen sozialistischen Orientierung. Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat einen Rückfall für verschiedene Bewegungen bedeutet, die ihrerseits wiederum nur ihre orthodoxe marxistische Vision verteidigen und dabei ganz auf deren Mängel vergessen und die globalen Veränderungen und die neuen politischen Akteure weiterhin ignorieren. Die „alte Linke“ ist noch immer ein wichtiges Rückgrat des Sozialforumsprozesses, aber insofern sie nur nach innen blickt, ist sie gleichzeitig auch eines der größten Hindernisse für die Überwindung der Unzulänglichkeiten des Forums.

     

    Die Herausforderung für Dakar besteht darin, einen Mittelweg zwischen dem ESF und dem USSF zu finden, wobei zuallererst die Dynamik der afrikanischen Bewegungen, die Stärken und Kapazitäten der alten Linken und die innovativen Methoden des USSF genutzt werden sollen. Das ist ein schwer herzustellendes Gleichgewicht und es ist sehr verständlich, dass die Gründungsväter sich sehr vorsichtig äußern, wenn sie über „Freiraum“, „Zivilgesellschaft“ und „neue politische Kultur“ sprechen, ohne sie jemals genau zu definieren. Die gegenwärtige Definition zu den „thematischen Achsen“ von Dakar 2011 zeigt, wie schwierig es ist, neue Themen anzuschneiden und neue Sichtweisen zu integrieren.

     

    Dennoch kann es sich das WSF nicht leisten, seine „alte Linke“ mit all ihrer analytischen Fähigkeit und ihrer Kenntnis der Vergangenheit zu verlieren. Wenn das WSF seine politische Bedeutung nicht verlieren möchte, wird allerdings eine Art von „Auftrieb“ erforderlich sein, um die Vagheit der „Zivilgesellschaft“ und die Risken des „Freiraumes“, aber ebenso die alten, untereinander zerstrittenen Zugänge der alten Linken zu überwinden. Es braucht neue Agenden mit neuen Diskursen.

     

    Heute ist das WSF die größte Bewegung der Zivilgesellschaft auf der Welt. Es steht vor der Wahl: entweder organisiert und bringt es weiterhin Mengen an Bewegungen zusammen, deren Inhalte unterschiedlich sind – diese Wahlmöglichkeit passt haargenau zum Wunsch, eine unausgereifte Repräsentationsform der Zivilgesellschaft zu werden –; oder es versucht, neue Wege des Denkens und der Organisierung zu erschließen, um neue Bündnisse möglich zu machen, die sich um bestimmte Inhalte organisieren und die ideologische Alternativen herausbringen, die zu gemeinsamen neuen Handlungsagenden führen. Beide Lösungen haben das Potential in sich, die Linke zu erneuern, obwohl der zweite Zugang im Hinblick auf die politische Kultur innovativer ist. Es geht um die Suche nach einem Mittelweg zwischen der Versammlung der sozialen Bewegungen und dem „Freiraum“-Zugang.

     

    Das WSF wurde einst von Chico Whitaker als ein „gemeinsames Gut der Menschheit“ beschrieben, was es sicherlich ist. Da es aber nichts mehr ist als ein Werkzeug für einen die politische Aktion transformierenden Modus, bedarf es ständig neuer Leute, die dieses Werkzeug erneuern, um mehr Innovation und Fortschritt in Richtung einer anderen und besseren Welt zu ermöglichen.

     

    Das Weltsozialforum 2011 in Dakar, Senegal, kann ein riesiger Erfolg werden, dank der Dynamik und des Inputs vieler AfrikanerInnen. Dakar kann die EuropäerInnen lehren, zu sprechen und vor allem zuzuhören und sie zu neuen Agenden und Diskursen hinführen; vom US-Sozialforum kann Dakar lernen, wie man die „Regeln“ des Sozialforums mit mehr politischem Inhalt verbindet.

     

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