• Jan Willem Stutje, Ernest Mandel: A Rebel’s Dream Deferred*

  • 20 Apr 11 Posted under: Rezensionen
  • Dies ist die erste systematische Biografie eines der führenden Theoretiker der Vierten Internationale nach 1945 und – wie Tariq Ali in seinem Vorwort erwähnt – eines der kreativsten und unabhängigsten revolutionären Denker unserer Zeit. Der Autor ist ein niederländischer Historiker, die erste Ausgabe des Buches erschien 2005 auf holländisch. Seine Forschung ergibt nicht nur eine umfangreiche Bibliografie, sondern umfasst auch viele Aufzeichnungen persönlicher Treffen und Interviews mit alten Freunden und Genossen und vor allem Dokumente aus Ernest Mandels persönlichen Archiven. Das Ergebnis ist eine sehr wertvolle Arbeit, die die Genauigkeit des Historikers mit einer offensichtlichen persönlichen Sympathie für die Person verbindet, während eine deutlich kritische Distanz gewahrt bleibt, die jedwedes Abgleiten in die Apologie vermeidet.

    In dieser Rezension werden wir derselben Abfolge wie die Kapitel folgen, die teilweise der Chronologie der Ereignisse und teilweise Themenbereichen geschuldet sind. 1923 in Antwerpen in eine nicht-gläubige jüdische Familie geboren, die aus Polen ausgewandert war und einen deutschen Kulturhintergrund hatte, entdeckte der junge Ezra (später als Ernest bekannt) im Alter von 13 den Sozialismus … durch die Lektüre von Victor Hugos Roman Les Misérables. Zu einem späteren Zeitpunkt erklärte er: „Das war der Augenblick, der mein politisches Denken maßgeblich und für den Rest meines Lebens bestimmen sollte“. Henri Mandel – Ernests Vater –, bereits links eingestellt, schloss sich den Kreisen der deutschen Trotzkisten an, die nach den Moskauer Tribunalen nach Belgien geflohen waren. Was Ezra betrifft, so trat er 1938, im Alter von 15, der RSP (der Revolutionären Sozialistischen Partei) bei, der belgischen Sektion der Vierten Internationale. Der Krieg und die Besetzung Belgiens durch die Nazis ließen ihn nicht den Mut verlieren; er schloss sich dem Widerstand an und wurde das erste Mal im Jänner 1943 verhaftet. Er nützte einen kurzen Augenblick der Unaufmerksamkeit auf Seiten seiner Gefängniswärter, um zu fliehen. Regelmäßig schrieb er Artikel für die in deutscher Sprache erscheinende Zeitung Das freie Wort, die an deutsche Soldaten gerichtet war. 1944 ein zweites Mal eingesperrt, wurde er von einem Lager zum anderen herumgeschoben. Er entkam ein weiteres Mal im Juli 1944, wurde aber kurz darauf erneut gefangengenommen. Es war erst im März 1945, dass er endgültig frei kam, befreit von der Armee der USA. Mandels tief verwurzelter Optimismus, der zeitweise auf einer Art Blindheit beruhte, findet Ausdruck in seiner Haltung im Augenblick seiner Deportation, wie er es später ausdrückte: „Ich war glücklich, nach Deutschland deportiert zu werden, da mir dies ermöglichte, ins Zentrum der deutschen Revolution zu gelangen!“ Diesem anhaltenden Glauben an die deutsche Revolution, den er vom klassischen Marxismus geerbt hatte, blieb er bis 1990 treu.

     

    In den Jahren von 1944 bis 1945 war Mandel davon überzeugt, dass die europäische Revolution bevorstünde: der Kapitalismus hatte seine letzte Phase erreicht; er wand sich im Todeskampf, um Trotzkis Formulierung aus dem Jahr 1938 zu verwenden. Allmählich, wenngleich widerwillig, musste Mandel jedoch anerkennen, dass die revolutionäre Welle am Abebben war.

    Infolge der Orientierung der Vierten Internationale auf Parteibeitritte, den so genannten Entrismus, wurde er Mitglied der Belgischen Sozialistischen Partei, ohne seine Identität als trotzkistische Führungspersönlichkeit zu lüften; gleichzeitig schrieb er seine brillanten Artikel, die in der internationalen Presse unter dem Pseudonym „E. Germain“ veröffentlicht wurden.

     

    Parallel zu seiner politischen Aktivität in Belgien investierte „E. Germain“ seine Anstrengungen in das Verfassen theoretischer Werke. Sein erstes bedeutendes Buch, der Traité d’èconomie Marxiste (1961) (Titel der deutschen Ausgabe: Marxistische Wirtschaftstheorie, 1968) ist ein – heutzutage selten anzutreffender – Versuch, Wirtschaftstheorie und Geschichte zusammen zu denken. In Anbetracht der internen Auseinandersetzungen hinter den Kulissen der Vierten Internationale unterstützte es auch Michel Pablos These, wiewohl es eine bestimmte kritische Distanz dazu wahrte: Angesichts des „kommenden Krieges“ müssen wir in die Parteien der arbeitenden Massen investieren (Entrismus), seien diese nun kommunistisch oder sozialistisch und jeweils abhängig von den jeweiligen Ländern. Dieser anmaßende Versuch, die französische Sektion dazu zu zwingen, sich in der französischen Kommunistischen Partei, jener verlorenen Vertreterin des Stalinismus zu engagieren, führte letztendlich dazu, dass sich Frankreich aus der Internationale löste, was bald zu einer Spaltung der gesamten Internationale führte.

    i Stutje, der sich an anderen Stellen mit seinen Kommentaren durchaus zurückhält, kann seine Überraschung nicht verbergen: „Warum ein solch exzessiver Zentralismus? Warum Zwang?“ Seiner Ansicht nach entschied sich „Germain“ dafür, seine persönliche Meinung zugunsten einer Einheit mit Pablo zu opfern. Erst 1963 wurde in Folge eines freundschaftlichen Treffens zwischen Mandel und James P. Cannon, dem alten Vorsitzenden der US-SWP (Socialist Workers’ Party) die Internationale (zumindest teilweise) wieder vereinigt. Während des Wiedervereinigungsparteitages präsentiert „Germain“ eine These über die drei Abschnitte der Weltrevolution – die proletarische Revolution in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern, die koloniale Revolution und die politische Revolution in den östlichen Ländern – womit er mit der Orientierung auf die Dritte Welt brach, zu der sich Pablo bekannte, der 1962 nach Algerien ausgewandert war.ii

     

    Das bedeutete aber nicht, dass Mandel nicht an der Dritten Welt interessiert war, insbesondere an Lateinamerika. 1964 wurde er nach Kuba eingeladen, wo er Che Guevara traf.

    Im Mai 1968 hielt sich Mandel in Paris auf und nahm in der Nacht des 10. Mai an der Barrikade in der Rue Gay Lussac teil, einer Straße im Herzen des Quartier Latin. Seine Partnerin Gisela Scholtz – eine junge militante Frau aus dem deutschen SDS, die er 1966 geheiratet hatte – und auch seine französischen GenossInnen von der LCR (Revolutionären Kommunistischen Liga), Alain Krivine, Daniel Bensaïd, Henri Weber, Pierre Rousset, Janette Habel, und ein Besucher aus Südamerika, der gerade auf der Durchreise war – Robert Santucho, der wichtigste Führungspersönlichkeit der PRT (Revolutionären Arbeiterpartei), der argentinischen Sektion der Vierten Internationale, stehen ihm zur Seite.

    Kurz danach, 1969, nahm der 9. Parteitag der Vierten Internationale mit einer Mehrheit und mit Mandels Stimme, eine Resolution zur Unterstützung des bewaffneten Kampfes in Lateinamerika an. Stutje spekuliert dazu, ob Mandel einmal mehr seine persönliche Meinung zur Wahrung der Einheit hintan gestellt hätte, diesmal mit den jungen Mitglieder aus der LCR und den Lateinamerikanern, die diesen neuen Kurs unterstützten. Da ich diesem Ereignis selbst beiwohnte, teile ich die Meinung des Biografen nicht. Allerdings zitiert er eine Erklärung – die Mandel vermutlich 1972 als Reaktion auf die Denunziation deutscher Akademiker abgegeben hat – deren Wahrheitsgehalt kaum bezweifelt werden kann: Wenn einmal die demokratischen Rechte außer Kraft gesetzt sind, ist das Recht zur Selbstverteidigung unbestreitbar.iii

     

    In jenen Jahren schrieb Mandel zwei seiner wichtigsten Werke: La Formation de la pensée économique de Marx [dt.: Entstehung und Entwicklung der ökonomischen Lehre von Marx] (1967) und Le Troisième Âge du capitalisme [dt.: Der Spätkapitalismus] (1974). Letzteres ist wohl sein einflussreichstes Buch, trotz einiger Mängel – z.B. einer notwendigen synthetischen Zusammenschau, die über die brillanten Kapitel zu den verschiedenen Aspekten des zeitgenössischen Kapitalismus hinausgehen hätte können, wie manche seiner Freunde bedauern. Weitere wichtige Schriften, die zu jener Zeit veröffentlicht wurden, waren jene zu Trotzkis Debatte mit Nicolas Krasso in der New Left Review, die die Herausgeber dahingehend sehr beeinflussten, dass sie sich einem revolutionären Marxismus annäherten, und Les Ondes longues du développement capitaliste. Une interprétation marxiste [dt.: Die langen Wellen im Kapitalismus] (1980), die auf den legendären Vorträgen basierten, die er zwei Jahre vorher an der Universität Cambridge gehalten hatte. Mandels Einfluss auf die rebellierende Jugend befand sich nun auf seinem Höhepunkt und ihm wurde offiziell die Einreise in fünf Länder untersagt, Frankreich, die USA und Westdeutschland unter anderem. Der deutsche Innenminister, der „Liberale“ Genscher, rechtfertigte das Einreiseverbot wie folgt: „In seiner Lehre unterstützt Professor Mandel nicht nur die Doktrin einer ‚Permanenten Revolution’, sondern handelt auch aktiv nach dieser“. An diesem Punkt schrieben ihm Karola und Ernst Bloch – der berühmte deutsche Philosoph des Marxismus und eng mit Ernest und Gisela befreundet: „Du musst wirklich ein Gigant sein, wenn sie sich so vor dir fürchten! Du bist der Feind Nummer 1 der herrschenden Klassen“. Es muss erwähnt werden, dass ihn all das nicht daran hinderte, mehrere Male nach Frankreich zu reisen, etwa 1971, als er anlässlich einer Zusammenkunft der Vierten Internationale vor dem Friedhof Père Lachaise vor 20.000 Menschen eine unvergessene Rede im Gedenken an den 100. Jahrestag der Pariser Commune hielt.

     

    Sowohl der Tod seines Freundes Rudi Dutschke 1979 und vor allem der Tod seiner Partnerin Gisela unter tragischen Umständen im Jahr 1982 waren schwere persönliche Schläge für ihn. Stutje verhehlt nicht seine Kritik an Mandel ob seiner Unfähigkeit mit Gisela zu kommunizieren und ihr zu helfen, ihre emotionale Krise zu überwinden. Ein Jahr später heiratete er die um 30 Jahre jüngere Anne Sprimont, deren Beständigkeit und unabhängiges Denken ihm immer eine große Stütze waren.

     

    Mandel wollte immer gerne ein Historiker sein – es war Michel Pablo, der ihn davon überzeugte, sich der politischen Ökonomie zuzuwenden. Jedoch brachte er erst 1986 seine erste historische Publikation heraus: La significacion de la Deuxième Guerre Mondial [dt.: Der Zweite Weltkrieg] (1991). Dies ist sicherlich ein intelligentes und innovatives Werk; jedoch glaube ich nicht wie Stutje, dass er dem besonderen Stellenwert der Endlösung gerecht wird. Erst nachdem ihm in diesem Punkt die Kritik entgegenschlägt, veröffentlicht er 1990 einen wichtigen Aufsatz, den er schließlich der deutschen Ausgabe seines Buches unter dem Titel Materielle, soziale und ideologische Voraussetzungen des nazistischen Genozids [Prémisses matérielles, sociales et idéologiques du génocide nazi] anfügt.

     

    Gorbatschows Reformen in der Sowjetunion weckten in Mandel große Hoffnungen und ließen ihn eine bevorstehende „politische Revolution“ erwarten; die Möglichkeit einer kapitalistischen Restauration hat er jedoch nicht in Erwägung gezogen. Noch größeren Enthusiasmus zeigte er anlässlich der riesigen Kundgebungen im November 1989 in Ostberlin, an denen er teilnahm und die schließlich zum Fall der Mauer führten. Er glaubte, dies sei das Erwachen der wirklichen deutschen Revolution, die durch die Ermordung von Rosa Luxemburg niedergeschlagen worden war, jedenfalls hielt er sie für „die größte Bewegung in Europa seit Mai 1968, wenn nicht gar seit der spanischen Revolution“. Nach der deutschen Wiedervereinigung 1990 und der Rückkehr des Kapitalismus nach Ostdeutschland war er zunehmend desillusioniert.

     

    Trotz dieser Enttäuschung veröffentlichte Mandel noch einige wichtige Werke: Pouvoir et Argent [dt.: Macht und Geld], eine Analyse des sozialen Ursprungs der Bürokratie, und Trotsky comme alternative [dt.: Trotzki als Alternative]. Beide Werke anerkennen die Legitimität von Rosa Luxemburgs Kritik an den Bolschewiki (im Kapitel zu Demokratie im letzt genannten Buch) und Trotzkis Neigung zum „Substitutionismus“ während der „finsteren Jahre“ 1920/1921. In den letzten Jahren hatte Mandel seine Betonung vom klassischen Dilemma zwischen „Sozialismus oder Barbarei“ weg verlagert, hin zu dem apokalyptischen „Sozialismus oder Tod“; Kapitalismus führt zur Zerstörung der Menschheit durch Atomkrieg oder durch ökologische Zerstörung, unterstrich er. Im Gegensatz zu Stutje glaube ich nicht, dass dies eine Art „wütender Messianismus“ darstellt, sondern vielmehr eine bewusste Einschätzung der Gefahren.

     

    Stutje weist richtigerweise darauf hin, dass Mandel zu einer Trennung von Körper und Geist neigte, die sich in einem sehr ungesunden Lebensstil niederschlug: zu viel Essen, nicht ausreichend Bewegung. Infolge eines Herzinfarkts im Jahr 1993 musste er seine Aktivitäten reduzieren; allerdings und ungeachtet des Rats von Freunden, willigte er ein, im November 1994 in New York an einer Debatte mit einer „trotzkistischen“ Sekte, der Spartacist League, teilzunehmen, deren Hauptaktivitäten darin bestanden, Kampagnen gegen die Vierte Internationale zu organisieren. Er veröffentlichte auch seine lange Stellungnahme gegen ihre Hetzreden. Stutje erwähnt einen Brief, den ich damals an Mandel geschickt hatte: „Diese obskure amerikanische Sekte wir nur aufgrund deiner Polemik gegen sie überhaupt im Gedächtnis der Arbeiterbewegung bleiben“. Anlässlich des 14. Parteitages der Vierten Internationale im Juni 1995 erscheint er das letzte Mal in der Öffentlichkeit. Kurz danach stirbt er im Juli an einem weiteren Herzinfarkt. Er wird am Friedhof Père Lachaise im Rahmen einer militanten Aktion und im Beisein von Mengen an Menschen aus der ganzen Welt beigesetzt.

     

    In seinen Schlussfolgerungen würdigt Stutje Mandels ungewöhnliche intellektuelle und literarische Qualitäten und sein grenzenloses Vertrauen in die menschliche Kreativität und Solidarität. Er zitiert meine eigenen Kommentare zu Mandels „anthropologischem Optimismus“, sein Vertrauen in das Potential der Menschen, Widerstand gegen Ungerechtigkeit zu entwickeln. Jedoch scheint mir, dass der Biograf meine darauf folgende Aussage nicht verstanden hat, der zu Folge Mandels Optimismus – der in seiner Willenskraft begründet wat – nicht immer durch den Pessimismus aufgewogen wurde, der in der Vernunft liegt.iv

     

    In jedem Fall aber gebührt dem Autor Dank für seine ausgezeichnete Arbeit. Mandel wird aufgrund seiner beständigen Nichtakzeptanz von Fatalismus und Resignation künftigen Generationen weiterhin ein Beispiel sein.

     

     

    *Jan Willem Stutje, Ernest Mandel: A Rebel’s Dream Deferred. – London: Verso 2009; ins Englische übersetzt von Christopher Beck und Peter Drucker, 329 S.

    Deutsche Ausgabe: Rebell zwischen Traum und Tat. Ernest Mandel (1923-1995). – Hamburg: VSA-Verlag 2009, 480 S.

     

     

    Notes

    1)Michel Lequennes Buch Le Trotskysme, une histoire sans fard, Paris [Ungeschönter Trotzkismus] bietet wertvolle Information zu dieser Geschichte. Syllepse 2005.

    2)Pablo hatte aufgrund einer Verurteilung wegen versuchter Fälschung von Geldscheinen zur Unterstützung der FLN zwei Jahre in einem Amsterdamer Gefängnis zugebracht!

    3) Es sollte gesehen werden, dass er sich 1974 wieder von den Illusionen einer solchen Strategie distanzierte. Ich kann mich an eine informelle Diskussion mit ihm im Rahmen des 10. Weltparteitages erinnern, in der ich die politisch-militärische Orientierung unserer Genossen von der „Roten Fraktion der PRT“ eifrig verteidigte, die Santucho aufgrund eines Trotzkismusvorwurfs ausgeschlossen hatte, während Ernest meinte, sie seinen zum Scheitern verurteilt. Natürlich hatte er recht.

    4) Vgl. M. Löwy, E. Mandel’s Revolutionary Humanism [E. Mandels revolutionärer Humanismus]. – In: Gilbert Achcar, The Legacy of Ernest Mandel [Das Vermächtnis von Ernest Mandel]. London: Verso 1999.

     


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