• Studierenden-Aktion Helsinki

  • 22 Apr 11 Posted under: Finnland , Jugend und Studierende
  • Erfahrungen mit Freiheit und Widerstand

    In diesem Artikel wollen wir darstellen, wie das Opiskelijatoiminta-Netzwerk (Studierenden-Aktion, im Folgenden: OT) während des akademischen Jahres 2008/09 an der Universität von Helsinki entstand. Wir hoffen, dass wir mit diesem Artikel darüber hinaus eine Art „Standbild“ des Prozesses und unserer Erfahrungen mit den Protesten in Helsinki während dieser Zeit abliefern, Ideen weitergeben und diejenigen dafür begeistern, die sich selbst zusammentun möchten und die Kontrolle über ihre Leben und ihre Gesellschaften übernehmen wollen, unabhängig von universitären oder anderen Stellvertreterstrukturen. Methodisch haben wir uns für diesen Text auf kollektive Textproduktion eingelassen und uns gegenseitig interviewt. Wir haben AktivistInnen so umfassend wie möglich befragt: Solche, die im Netzwerk zu unterschiedlichen Zeiten und auf unterschiedliche Weisen aktiv waren, und solche, die am Rand der Bewegung unterwegs waren. So hoffen wir subjektive Erfahrungen Einzelner, die hinter der Bewegung steckten, und unterschiedliche Perspektiven auf unsere Aktion zu erfassen.

    Unser zentralen Fragen zielten auf unsere Organisierungsweise als Bewegung und wie sich das angefühlt hat. Dabei beschreiben wir Erfahrungen politischer Ermächtigung, liefern aber auch kritische Beobachtungen von Schwächen in der Organisation der Bewegung.

    Dabei wollten wir diese Erfahrungen lebendig in einem breiten Spektrum von Stimmen darstellen. Da der Artikel auf vertraulichen Interviews beruht, haben wir weder einzelne oder individuelle Antworten oder Personen zitiert, sondern versucht, unserer Aktion stattdessen eine kollektive Stimme zu verleihen.

     

    Wie alles losging

     

    „Ich hatte immer den Eindruck, die Universität ist irgendwie ein deprimierender Ort; ein Gefühl der Enteignung und Marginalisierung, wie wenn du nie wirklich die Anforderungen erfüllst. Es war toll, andere Leute zu treffen, die die einengenden Regeln auch nicht mochten. Ich fand eine neue Gesprächsebene mit den Leuten in der Uni.“

    OT entstand im Herbst 2008, als eine Gruppe Studierender während der Nacht der Obdachlosen, einer jährlichen Veranstaltung in Helsinki (17. Oktober 2008), das Hauptgebäude der Universität besetzte. Nach der Besetzung wurde eine Mailingliste aufgesetzt, und eine Diskussionsgruppe begann damit, sich mit Fragen der Wohnsituation, des Lebensunterhalts und der Universitätsreform zu beschäftigen. Die AktivistInnen dieser Phase waren von der Studierendenbewegung in Italien, Anomalia Sapienza, beinflusst und von der Idee der Organisierung einer politischen Bewegung aus der universitären Gemeinschaft heraus.

    In jenem Herbst ging es der Diskussionsgruppe darum herauszufinden, wie Veränderungen im öffentlichen Raum und in der Universität das Leben von Studierenden beeinflusst haben und wer die Bedingungen für diese Veränderungen gesetzt hat. Wir fragten uns außerdem, wie unsere Forderungen hinsichtlich der Schaffung von Möglichkeiten für ein besseres Leben aussahen und welche Protestformen zu organisieren wären, um diese Ansprüche umzusetzen.

    Die Mehrheit der finnischen Studierenden greift im Studium auf die Unterstützung der staatlichen Studienförderung zurück. Allerdings ist diese Förderung in den vergangenen 15 Jahren kaum erhöht worden, obwohl die Lebenshaltungskosten mehr und mehr anzogen, vor allem in Helsinki. In der Folge entwickelten sich Teilzeit-Jobs zur weit verbreiteten Ergänzung zum Lebensunterhalt während des Studiums. Gleichzeitig will das Bildungsministerium die Studiendauer durch ausdrückliche Fristen und Fortschrittskontrollen begrenzen: Als Mittel dient die Studienförderung, die nur noch ausgezahlt wird, wenn eine bestimmte Anzahl an Studienpunkten erreicht worden ist. Das bringt viele Studierende an den Rand der Verzweiflung, wenn die Studienförderung ein Vollzeitstudium verlangt, das aber wegen der Teilzeitbeschäftigungen nicht möglich ist, die notwendig sind, um etwa die hohen Mieten in Helsinki bezahlen zu können.

    Vielen von uns wurde klar, dass unsere individuellen Erfahrungen de facto gemeinsame waren und alles andere als ungewöhnlich: Frustration im Uni- Leben, aufgrund der Lebensverhältnisse und der Universität, und speziell mit den (fehlenden) demokratischen Strukturen dort. In unserem Diskussionskreis verwandelte sich der Frust des Studierendenalltags in den Anspruch auf ein besseres Leben.

    Im August 2008 veröffentlichte die finnische Regierung den Entwurf für ein neues Universitätsgesetz. In unserem Diskussionskreis arbeiteten wir die noch strengeren Regeln für Studium und Forschung heraus, die der Entwurf enthielt. Die Beamten, die das neue Gesetz ausgearbeitet hatten, behaupteten, es sei für die finnische Gesellschaft zweckdienlich, da es die Universitäten an das „nationale Innovationssystem“ anbinde. Der ausdrückliche Zweck war es, die universitäre Forschung auf mögliche kommerzielle Innovation auszurichten, um das sogenannte Wirtschaftswachstum zu beschleunigen. Das war nicht das, wofür wir studieren wollten.

    Die Leitung der Universität Helsinki führte die Universitätsreform offen als „Gemeinschaftsprojekt der gesamten Universität“ in die Diskussion ein, was wir heftig bestritten. Auch sehr etablierte Akteure wie die Studierendenvertretungen und die Finnische Union der Universitätsforscher und -lehrer protestierten mit öffentlichen Erklärungen gegen das Gesetz. Unzufriedenheit mit dem Entwurf für ein neues Universitätsgesetz war weit verbreitet. Um Aufmerksamkeit auf die gegenwärtigen gesellschaftlichen Probleme zu lenken, entstand die Idee der Besetzung des Alten Studierendenhauses für den Abend der Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der Besetzung dieses Hauses durch Studierende aus Helsinki im Jahre 1968. Damit sollte die Aufmerksamkeit der Bevölkerung von nostalgischen Rückblicken auf die konkreten Probleme gelenkt werden, die uns an der Universität heute betreffen. Für das Event wurde ein Nachdruck des offiziellen Studierenden-Magazins („Vallankumousylkkäri“ oder „Das Revolutionäre Studierenden-Magazin“) hergestellt. Es enthielt das Manifest von OT und verschiedene bildungspolitische Artikel, Berichte aus internationalen Studierendenbewegungen und eine Presseerklärung zur Besetzung. Etwa 300 Studierende nahmen an der Besetzung teil. Wir unterbrachen die Eröffnungszeremonie des Wissenschaftsforums, das vom 7. bis 9. Januar 2009 stattfand, mit Transparenten und verlasen eine Erklärung über die Zustände in Forschung und Lehre. Wir schlossen die Ansprache mit einem Aufruf zu einer universitären Vollversammlung für den 29. Januar.

    Plakate für die Vollversammlung wurden bestellt und Flugblätter in der Universität und in den Einrichtungen einiger Arbeitgeber von Aktivisten ausgedruckt; in den folgenden Wochen wurden sie auf dem Campus verteilt. Auf den Postern kündigten wir an, dass die Veranstaltung im großen Hörsaal eines der zentralen Universitätsgebäude auf dem Campus stattfinden würde. Wir waren willens, den Hörsaal mit Gewalt zu besetzen, wenn es anders nicht möglich sein sollte. Allerdings überließ uns die Uni-Verwaltung den Hörsaal kostenlos. Mehr als 500 Menschen kamen zu der Versammlung, und damit hatten wir schließlich eine gemeinsame Grundlage für Aktionen und Diskussionen gefunden. Die dünnen und vereinzelten Fäden der Kritik an der Vorlage für ein neues Universitätsgesetz wurden zusammengeführt, gestärkt und vereinigt.

    Die Idee der Einberufung einer Vollversammlung verbreitete sich auch in anderen finnischen Universitätsstädten, und innerhalb von ein paar Wochen fanden ähnliche Versammlungen in Tampere, Jyväskylä und Joensuu statt. Am 19. Februar veranstalteten wir eine Demonstration unter dem Motto „Die Universitätsreform reformieren!“. Nachdem die Demonstranten durch die Hauptstraßen des Stadtzentrums von Helsinki gezogen waren, kamen sie zur Universität zurück und besetzten spontan das Verwaltungsgebäude auf dem Campus – anstatt die traditionelle Route zum Parlament zu nehmen und dort den Lippenbekenntnissen der Abgeordneten zu lauschen. Wir besetzten das Gebäude bis zum nächsten Morgen und empfingen die zur Arbeit kommenden VerwaltungsmitarbeiterInnen mit Kaffee, gewürzt mit einem Flugblatt, in dem wir forderten, den universitären Reformprozess auf demokratischer Basis neu anlaufen zu lassen.

    Das neue Universitätsgesetz wurde im Juni 2009 parlamentarisch verabschiedet – mit kleineren Änderungen gegenüber dem ursprünglichen Entwurf, was zum Ende der Widerstände gegen die Reform führte. Allerdings blieb ein Netzwerk von Menschen übrig, die weiterhin autonom agierend für eine andere Art von Universität arbeiten und dabei auch die Wohn- und Lebenshaltungsproblematik nicht vergessen wollten. Auch wenn das Gesetz verabschiedet worden ist, sind wir sicher, dass ohne OT die kritischen Stimmen gegen die Reform wohl nicht zusammengekommen wären. Und mehr noch: Der Widerstand hat uns miteinander in Verbindung gebracht; wir haben gelernt, Widerstand zu organisieren und das Leben von einem politischen Standpunkt aus zu betrachten.

    Natürlich macht es viel mehr Spaß, direkt zur Revolution überzugehen OT ist außerhalb offizieller Institutionen und entscheidungsbefugter Körperschaften organisiert. Frustration mit den gegenwärtigen Zuständen an den Universitäten ließ den Willen entstehen, sich mit konkreten Dingen zu beschäftigen, statt die Politik ein paar studentischen Vertretern in Verwaltungsstrukturen zu überlassen. Einerseits gingen wir autonom vor und gestalteten eine neue Art studentischer Kultur, andererseits versuchten wir, innerhalb des repräsentativen Systems Lobbyarbeit zu machen. Besonders während des Kampfes gegen die Universitätsreform war OT ein Verbindungsnetzwerk, das die unterschiedlichen, nicht immer übereinstimmenden, kritischen Stimmen zusammenbrachte. Anstatt Partikularinteressen zusammenzufassen, erlaubten wir uns viele verschiedene Ziele: die Gesetzesnovelle zu stoppen und den Prozess von innerhalb der universitären Gemeinschaft neu zu beginnen, die Situation der Studierenden zu politisieren, eine Gegenkultur an der Universität zu etablieren.

    Die informelle Organisation der Gruppe passte gut zu vielen Menschen, die im Rahmen von OT aktiv waren. Die Struktur ähnelte eher einem Netzwerk als einer pyramidalen Organisationshierarchie. Die Leute können sich selbstgewählten politischen Vorhaben verschreiben und an diesen dann zusammen mit anderen auf sehr konkrete und aktive Weise arbeiten. Bei OT wirft jemand eine Idee in den Raum – und schon geht es los. Es gibt kein Antragsverfahren, das erst durchlaufen werden muss, bevor du tatsächlich tun kannst, was du tun willst. Weil alle Aktionen zusammen mit anderen AktivistInnen von Angesicht zu Angesicht vorbereitet und durchgeführt werden, können alle wirklich mitentscheiden, was ansteht und wie viel Verantwortung sie übernehmen wollen. Sobald Menschen Sachen selbst machen können und nicht durch andere für sie gehandelt wird, weicht Frustration zugunsten von Optimismus. Der Unterschied zwischen Mitgliedern und Nicht-Mitgliedern, der traditionelle Bewegungen auszeichnet, spielt bei einer Netzwerkstruktur keine Rolle, wenn alle potentiell aktive TeilnehmerIn sein können. Nur die Ziele und die Kämpfe selbst begrenzen das Netzwerk. Da die Struktur von OT der Frage nach der legitimen Mitgliedschaft ihren Sinn nimmt, bestimmt die Bewegung sich selbst auf der Basis der Ziele, mit der sie die Leute zur Arbeit ruft, auf der Basis ihrer Selbstpräsentation und auf der Basis dessen, was die Öffentlichkeit von ihr wahrnimmt, immer wieder neu. Da wir keine festgeschriebenen Regeln hatten, formte sich OT selbst durch die Aktionen, die stattfanden, und durch diejenigen, die daran teilnahmen. Da Entscheidungen in offenen Treffen erarbeitet wurden, war es allen möglich, an der Planung der Aktivitäten teilzunehmen. „Da die Teilnehmer von OT keine offiziellen Funktionen innehaben, kommt das Vertrauen untereinander durch gegenseitiges Kennenlernen zustande.“ Die Netzwerk-Struktur hat aus OT eine offene Organisation gemacht, aber auch als Brutstätte zur Herausbildung verschiedenartiger innerer Zirkel geführt. Einige TeilnehmerInnen kommen miteinander besser aus und wollen zusammen etwas machen. Aufgrund des Fehlens offizieller Funktionen wurden diese inneren Zirkel für die Entwicklung der Aktivitäten entscheidend. Andererseits waren die inneren Zirkel nie geschlossen und unveränderlich, sondern bereit, aktive Neulinge aufzunehmen. Die offene Netzwerkstruktur hat auch Probleme verursacht. „Wir haben keine Strukturen, um Konflikte zu lösen (weder Personen noch Übereinkünfte), lediglich unseren eigenen guten Willen und die Bereitschaft, über die Angele- genheit zu reden.“ Konfliktlösung war schwer, da es keine dazu geeigneten Institutionen gab. Wenn alle bei der Planung einer Aktion die gleichen Teilnahmerechte haben, dann hat niemand Einzelnes das Recht zu entscheiden: die Angelegenheiten sollten bereinigt werden, indem wir darüber reden. Konsensfindung war schwierig unter der Voraussetzung, dass die Teilnehmer verschiedene Ansichten über politische Betätigung, die Universität und die Art der zu planenden Aktionen hatten. „Aber wenn die Aktion sich in Strukturen zur inneren Konfliktlösung verwandelt hätte, dann wären die zielgerichteten Aktivitäten eingegangen.“ Zu Streits kam es vor allem dann, wenn es zu Unstimmigkeiten über die Botschaft kam, die wir der Außenwelt übermitteln wollten. Der Versuch, alle Aktionen unter eine gemeinsame Botschaft zu stellen, mündete in den Zusammenprall unterschiedlicher Ideologien und Sprechweisen. Da OT keine offiziell eingetragene Organisation ist, haben wir auch keine Förderung von der Universität oder irgendeiner anderen Stelle erhalten. Finanzierung ist das Problem mit der Form des freien Netzwerks: Wie kommen wir an das Geld für die notwendigen Aktionsmaterialien? Da wir keine direkte Finanzierung hatten, hingen die Aktivitäten weitgehend von Privatpersonen ab. Transparente entstanden aus unseren eigenen Bettüchern, Flugblätter vervielfältigten wir in der Universität oder in den Einrichtungen unserer Chefs. Das Essen bei den Besetzungen bestand aus aussortierten Supermarktbeständen oder von Leuten, die mehr mitbrachten, um zu teilen. Das für die Organisation von Demos notwendige Geld sammelten wir, während wir auf der Straße unterwegs waren, oder es kam als Spende von einzelnen Aktivisten. Darüberhinaus gab es einige Organisationen, die OT z. B. dabei halfen, Plakatdruck zu bezahlen. Bei einigen stehen wir immer noch in der Kreide. Der finnische Widerstand gegen markt- und kapitalorientierte Reformen und Angriffe ist aus unterschiedlichen Gründen immer noch ziemlich feucht hinter den Ohren, und Geldmangel und die fehlenden Ressourcen des autonomen Netzwerkes haben das schmerzhaft deutlich gemacht.

    Neben den Diskussionskreisen waren die Besetzungen wichtig für die Organisierung der Aktivitäten von OT. Zunächst verschafften sie uns den Raum, den wir benötigten, um unsere Aktionen zu planen – offene Räume für Studierende gibt es an der Universität nicht wirklich. Darüberhinaus bringen Besetzungen neue Menschen ins Netzwerk und zwingen sie, sich neu zu organisieren. Als Aktion macht eine Besetzung Spaß und ist anregend und zweckdienlich. Menschen lernen einander durch Aktion und autonome Organisierung kennen. Während unserer Besetzungen haben wir z. B. öfters Arbeitsgruppen entlang der Interessen und Zielsetzung der Leute eingerichtet. Eine Besetzung symbolisiert auch die Aneignung unseres eigenen Raumes. Sie ist ein Mittel, das zusammenschweißt, Solidarität stiftet und Aktionsbewusstsein – ein Mittel, den Status Quo in Frage zu stellen. Es ist unsere bewusste Absicht, über den Einsatz direkter Aktion autonome Räume zu schaffen, genauso wie wir versucht haben über die repräsentative Demokratie Einfluss auszuüben. Es gibt Dinge, die kann die Studierendenvertretung nicht sagen, aber OT kann es. Das führte zu Druck, der unseren studentischen Vertretern tatsächlich die Arbeit erleichtert hat. Es hatte Auswirkungen auf den Umgang mit den Studierenden und ihren Anliegen bis hinauf in den Rat der Universität, als die Studierenden anfingen, umherzuziehen und Gebäude zu besetzen. Allerdings kann der Focus auf Lobbyarbeit Kraft von der eigentlichen Hauptaktion abziehen. In den Worten einer der von uns interviewten Personen: „Sie kann der Bewegung die Spitze und die Wirkung nehmen.“ Sie meinte auch, wir sollten uns auf die Entwicklung unserer eigenen Aktionen konzentrieren, anstatt Lobbyarbeit zu machen. D. h., zuerst eine Gegenmacht aufbauen, und dann vielleicht in den Dialog mit der anderen Seite treten. Wir sollten also eher sagen: „Gebt uns zuerst, was wir wollen, dann können wir reden“.

     

    Mediale Siege

     

    Wir haben die Öffentlichkeit bewusst für unsere Anliegen genutzt. Zum Beispiel konnten wir die Nostalgiegefühle anlässlich der Besetzung des Alten Studierendenhauses nutzen, um die Situation der Studierenden zu politisieren. Die Besetzungen und Demonstrationen sprachen zur Öffentlichkeit, genauso, wie sie unter uns Anlass zur Kommunikation gaben. Sie wirkten als Organisierungs- und Vernetzungsräume, aber auch als Mittel der Öffentlichkeitsarbeit zugunsten unserer Forderungen und zur Einbeziehung weiterer Kreise in die Diskussion. Die Aufmerksamkeit der Medien für die Probleme und Anliegen, wie sie die Studierenden selbst zum Ausdruck brachten, stärkte die Bewegung. Sie erzeugte das Gefühl, dass wir den Raum um uns in dem Moment verändern können, in dem wir zusammenkommen – nicht nur den physischen Raum, sondern auch den Raum der öffentlichen Debatte, wie die Massenmedien ihn schaffen, den wir mit andersartigen Stimmen bestücken konnten, die man sonst kaum im massenmedialen Konsens hört. „Die mediale Sichtbarkeit bewirkte eine sichtbare Stärkung in der Bewegung. Andererseits zwang es unsere Gegenüber, auch die Bewegung ernster zu nehmen.“ In den Besetzungen versammelten wir uns, um der Berichterstattung zu folgen, und wir hatten gemeinsame Erfolgserlebnisse, wenn wir unsere Botschaft in die Medien gebracht hatten und Politiker auf unsere Aktionen reagieren mussten, nachdem sie von ihnen in den Nachrichten gehört hatten. Als wir unseren Forderungen mit Besetzungen Nachdruck verliehen, schützte uns die Aufmerksamkeit der Medien auch vor polizeilicher Einmischung. Die allgemeine Öffentlichkeit in Finnland betrachtet die Studierenden immer noch gewohnheitsgemäß als Teil der akademischen Gemeinschaft, so dass das Endergebnis in den Medien, nachdem die Universitätsverwaltung in Tampere die Polizei gerufen hatte, damit sie Flugblätter verteilende Studierende vom Campus entfernt, für die Verwaltung sehr unangenehm aussah. OT hat in den Medien speziell durch die Konnotation mit dem hervorgehobenen Status von Studierenden in der finnischen Gesellschaft und mit der Geschichte der Studentenbewegung positive Aufmerksamkeit erlangt.

    Allerdings entstanden die allerstärksten Momente der Besetzungen durch unabhängige Botschaften von Quellen außerhalb des medialen Mainstreams: der kurze Skype-Anruf von den Demonstrierenden in Tampere während der Besetzung des Verwaltungsgebäudes; die Nachricht von der zeitgleichen Besetzung der New York University und ein Unterstützungsbrief von den Organisatoren der früheren Universitätsbesetzung (1990). Wenn unterschiedliche Gruppen mitten in ihren eigenen Kämpfen miteinander jenseits der Mainstream-Medien Kontakt aufnehmen, dann ist eine andere Welt nicht nur möglich: Dann leben wir sie in der Tat schon.

     

    Erfahrungen mit Geschlechterrollen in der Bewegung und bei Direkten Aktionen

     

    Geschlechterrollen standen zu keinem Zeitpunkt offen auf der Agenda von OT. Wir haben nicht den Versuch gemacht, die Geschlechterrollen bei unseren Kundgebungen zu politisieren oder ihnen unter unseren Prinzipien einen hervorgehobenen Stellenwert zu verleihen. Allerdings sind Geschlechtergerechtigkeit und die Aufdeckung von Unterdrückungsstrukturen für Viele von uns wichtige Ziele.

    Schaut man sich an, wer was getan hat, dann fällt auf, dass Gender eine Rolle gespielt hat. Männliche Aktivisten landeten in prominenteren Rollen bei Aktionen, während Aktivistinnen eher die praktischen Arbeiten erledigten: Arbeiten, die nicht notwendigerweise nach außen sichtbar, aber unentbehrlich für eine funktionierende Bewegung sind. AktivistInnen nannten unter anderem die Herstellung von Transparenten und die Protokollführung bei Treffen als Beispiele für die Art von Aufgaben, die an den Frauen hängen blieb. Eine Aktivistin fasst ihre Erfahrungen mit den Genderrollen im OT zusammen: Es ist eine Schande, dass die Sachen, die die Jungs machen, mehr Anerkennung erfahren, und das, was die Mädchen machen, von oben herab betrachtet wird. Die Tatsache, dass so beiden etwas entgeht, fällt dabei unter den Tisch. Innerhalb der Bewegung haben wir versucht, die Rollenverteilung bei der Verteilung der Arbeiten auszubalancieren. Bei der Auswahl von Vorsitzenden und RednerInnen für Treffen wurde die Verteilung der Geschlechter berücksichtigt. Das war nicht unbedingt die Regel bei der Verteilung der unsichtbaren Aufgaben: Vielleicht ist es so, dass wir uns der hervorgehobenen Rollen, die Jungs in der Regel haben, von Anfang an bewusst waren und das auch immer wieder angeprangert haben, aber den unsichtbaren Rollen kam dabei nicht die gleiche Aufmerksamkeit entgegen. Wir mögen den Frauen genauso viel Macht zugestehen wie den Männern. Aber warum wollen wir nicht auch dafür Sorge tragen, dass die Männer genauso viel an Transparenten herumnähen wie die Frauen? Die Männertätigkeiten genießen höheres Ansehen. Die Mittel der Direkten Aktion selbst fühlen sich männlich an. Sie sind verwandt mit der Darstellung von Macht und der Besetzung von Raum. Die Männlichkeit der Mittel, die beim Versuch, die Gesellschaft zu beeinflussen, zum Einsatz kommen, ist in Direct Action-Bewegungen und Alternativkulturen sichtbar. In OT ging es darum, zwei Extreme auszubalancieren. Aggressivität kann Aktionen in gewalttätiges Machogehabe verwandeln. Andererseits kann eine akademische Teeparty-Kultur die Bewegung in Richtung eines endund belanglosen akademischen Diskurses verwässern. Muss die Bewegung aggressiv und militant sein, um das hegemoniale politische System herausfordern zu können und um außerhalb der parlamentarischen Einflusskanäle erfolgreich zu sein? Könnten wir nicht vielleicht andere Ansatzpunkte für unsere Aktionen finden? Femininer Einfluss könnte dazu führen, Dinge zusammen zu erledigen und Diskussionen innerhalb der Bewegung zu führen, und zwar solche, die in der gegenwärtigen politischen Kultur vielleicht nur schwer zu führen sind. Was könnte femininer Einfluss auf die Gesellschaft bedeuten? Vielleicht ist es eine Teeparty. Sie könnte Ideen am Leben erhalten – solche, die ihre Wirksamkeit erst nach einer Weile entfalten, irgendwie ruhig unter der Oberfläche vor sich hin brodelnd. Das würde dann als gegenseitige diskussionsförmige Beeinflussung funktionieren, erreicht aber andere Gruppen nicht. Außer durch die Ausweitung der Teeparty.

    Andererseits hat OT auch als ein Ort für das Ausbrechen aus Genderrollen funktioniert, wo sich die Einflusssphäre eines Individuums ausweitet. Eine Aktivistin über ihre Erfahrungen im OT: „Während dieses Jahres hatte ich wesentlich mehr Mut Dinge zu tun, die ich normalerweise nicht tue. Mut, Rollen im Vordergrund zu übernehmen. Ich wurde ermutigt zu sprechen. Ich habe auch angefangen zu kapieren, warum es so anstrengend ist, z. B. in der Universität einen Fuß auf den Boden zu kriegen. Ich kann das Phänomen jetzt benennen. Diese Erfahrung hat mir die Augen geöffnet.“

     

    Die Zukunft des Opiskelijatoiminta-Netzwerks

     

    „Die Studierenden sind zu einer politischen Kraft geworden. Wenn Menschen in Bewegung geraten sind, stehen die Chancen gut, dass die Arbeit weitergehen wird.“

    Wir werden die Fragen nach dem Status der Studierenden und den Zuständen an der Universität weiterhin als politische Fragen behandeln. Politisches Bewusstsein innerhalb der Universität muss mehr beinhalten, als sich einfach nur durch repräsentative Institutionen vertreten zu lassen. Die Wohnungsund Lebensunterhaltsproblematik sowie das Problem der industriellen Produktion von Abschlüssen werden in Zukunft immer wichtiger werden. Wir wollen diese Probleme hinsichtlich ihrer Bedeutung für die Situation von Prekarisierten und WissensarbeiterInnen analysieren. Zum Beispiel muss der Status Studierender auf dem Arbeitsmarkt politisch verhandelt werden: Welche Alternativen gibt es zur gegenwärtigen Situation, in der die Studierenden als billige und unorganisierte, aber wertvolle Arbeitskraftreserve zur Verfügung stehen? Welche Möglichkeiten hat das Prekariat, sich zu organisieren und dabei die Universität als Rahmenbedingung zu nutzen?

    Ein eigener Raum an der Uni für Treffen und Aktivitäten würde uns helfen, unsere Arbeit in der Praxis fortzusetzen. Forschungsarbeit könnte ebenfalls in vielfältiger Form Teil der OT-Aktivitäten werden: Einer der Interviewten sucht nach einer neuen Art von Studiengemeinschaft, die die herrschende Tradition des Alleine-Lernens, -Schreiben und -Überlebens in Frage stellt. Wir könnten Forschung auch als politisches Werkzeug einsetzen, z. B. in unseren Kämpfen auf dem Arbeitsmarkt und in Wohnungsfragen.

    Unser Ziel ist es, immer mehr Studierenden, die ohne Organisierungshintergrund an die Uni kommen, die Verbindung zwischen diesen Fragen und ihrem eigenen Leben klar zu machen, so dass sie bei unseren Aktivitäten mitmachen. Universitätsstudierende haben in der Regel keine klare Vorstellung von ihren Rechten oder davon, dass sie Teil der universitären Gemeinschaft sind. Aufgrund der ständig verschärften Prüfungsbedingungen und immer enger werdender Studienpläne wird ihre Rolle entweder die von „Schuljungen“ oder Kunden sein. Wir wollen zeigen, dass viele der Probleme an der Universität, die zunächst wie persönliche aussehen, meist gemeinsame Probleme sind, die ihre Ursache in den gegenwärtigen Strukturen haben.

    OT hat Universitätsmitglieder radikalisiert und die Erfahrung der aktionsförmigen Veränderung der Gesellschaft verbreitet. „Die Menschen haben Erfahrungen mit Protesten gesammelt und die Wirkung dieser Erfahrungen zeigt sich vielleicht noch einmal viel später.“

    Wir schließen mit einem Unterstützungsaufruf an alle Leser von transform! – Unser fortlaufender, weltweiter Widerstand hängt von geteilten Ressourcen und geteiltem Wissen ab, von Solidarität und der Schaffung von Räumen für Widerstand, Liebe und Freundschaft. Helsinki steht an Eurer, an unserer Seite.

     

    Kontakt: opiskelijatoiminta@gmail.com

     

     

    Aus dem Englischen von Markus Euskirchen


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