• Solidarisches Québec

  • 22 Apr 11
  • Eine Einführung für potentielle Sympathisanten in Europa

    Als am 8. Dezember 2008 allgemeine Wahlen stattfanden, wurde der erste Abgeordnete von Solidarisches Québec1 in die Nationalversammlung des Québec gewählt. Dieser Wahlerfolg zeugte von der Relevanz einer neuen politischen Gruppierung auf der Linken, die bislang in Europa noch recht unbekannt ist,2 und die doch von fortschrittlichen Leuten jenseits des Atlantik besser gekannt werden sollte. Da ich drei Jahre lang für die politische Orientierung der Partei verantwortlich war,3 nehme ich mir die Freiheit, Solidarisches Québec aus meiner persönlichen Sicht darzustellen, die jedoch wahrscheinlich von anderen Mitgliedern der Partei geteilt würde.

    Beginnen möchte ich mit einem Exkurs in den historischen Kontext, der zur Bildung dieser Partei führte. Diese erklärenden Vorbemerkungen sind, wie mir scheint, nicht nur deshalb wichtig, weil unsere nationale Geschichte außerhalb des Québecs nicht allzu bekannt ist, sondern auch deshalb, weil ich hier eine besondere Interpretation darbieten kann, welche die Entstehung einer Partei wie Solidarisches Québec verständlich werden lässt. Dem folgt eine kurze Erläuterung der politischen Positionierung der Partei und ihrer organisationellen Funktionsweise. Ich schließe mit der Darstellung der Herausforderungen, vor denen wir stehen.

     

    Eine kleine Geschichte4

    Tiefes Dunkel

     

    Nach dem Zweiten Weltkrieg war Québec eine kanadische Provinz unter der Regierung von Maurice Duplessis, einem Mann mit einem Verhalten wie Salazar in der Soutane. Obzwar selbst Laie, delegierte Duplessis de facto das, was heute als öffentlicher Dienst bezeichnet wird (Gesundheit, Bildung etc.), an die katholische Kirche. Der Rest seiner politischen Organisation basierte auf einem weltfremden Nationalismus und institutionalisierter politischer Günstlingswirtschaft, nicht viel anders als diejenige, die sich heute in einigen lateinamerikanischen Ländern findet.5

    1959/60 brach das System Duplessis aus verschiedenen Gründen zusammen. Hier seien einige angeführt: der plötzliche Tod des Mannes selbst, der nicht nur seinen extravaganten Stil mit sich nahm, sondern auch einen großen Teil des Systems, das die Partei an der Macht hielt; die Herausbildung einer Kaste von Technokraten, Ingenieuren und Absolventen der Sozialwissenschaften, welche in der kirchlichen Bürokratie keinen Platz fanden, die vom „Chef“ auf ein Minimum reduziert wurde;6 die Entstehung einer frankokanadischen Mittelklasse, die nicht über die Mittel verfügte, sich angesichts der britischkanadischen und amerikanischen Mittelklassen zu entwickeln;7 der Beginn eines gewissen politischen und kulturellen Aufschwungs, der das alte Machtsystem in Frage stellte und eine bestimmte Transformation der Gesellschaft des Québec bezeugte.

     

    Stille Revolution

     

    Bereits unter Premierminister Paul Sauvé (1959–60) begonnen, wurden unter der Regierung Jean Lesage (1960–66) bedeutende Reformen durchgesetzt.8 Die Schaffung wichtiger Ministerien entzog der Kirche die Oberhand über die öffentlichen Dienste, was eine große Anzahl junger Leute in den Staatsdienst einführte und zugleich in große staatseigene Unternehmen, die mit dem Management der Schlüsselressourcen des Québec beauftragt wurden. 9 Frankokanadische Kapitalisten fanden das Kapital, das sie brauchten, als die Mandarine des Staates beschlossen, dass die Zeit gekommen sei, private nationale Champions entstehen zu lassen, die jedoch ihr schnelles Wachstum und ihre Entwicklung großen öffentlichen Investitionen verdanken sollten.10 Während dieser Periode zeigte sich der kulturelle und politische Aufschwung in verschiedenen Formen: im Aufstieg eines besonderen kulturellen Universums des Québec; und in einer zunehmenden Macht gesellschaftlicher Organisationen, einschließlich der Gewerkschaften natürlich, aber auch von sozialen Bewegungen wie Nachbarschaftsgruppen und der Frauenbewegung. Und diese kulturelle und politische Emanzipation spiegelte noch eine andere Dynamik: den Wunsch nach nationaler Emanzipation.11

    An sich ist Nationalismus im Québec nichts Neues. Die Duplessis-Regierung und viele ihrer Vorgängerinnen stützten sich auf die Unterscheidung zwischen Frankokanadiern und Britischkanadiern sowie auf diejenige zwischen den Regierungen in Québec und Ottawa, um die Wählerschaft zu mobilisieren oder Verfassungserfolge zu erzielen. Dennoch: Der deutliche Wille, das Québec zu einem Land zu machen, geht keinen geraden Weg, hat doch das Schicksal die Menschen des Québec nur selten an die Spitze ihrer eigenen Geschichte gestellt.

     

    Die Québec Partei

     

    Der Wunsch nach Emanzipation wurde politisch durch die Vereinigung für Nationale Unabhängigkeit (Rassemblement pour l’Indépendence Nationale, RIN, links) und durch die Nationale Sammlung (Ralliement National, RN, rechts) ausgedrückt. Im Jahre 1968 versammelte René Lévesque, ein früherer Minister der Liberalen, der seine Partei verlassen hatte, diese beiden Organisationen hinter seiner eigenen Bewegung Souveränität-Assoziation (Mouvement Souveraineté-Association, MSA) und gründete die Québec Partei (Parti Québecois, PQ).12 Sich von der PLQ abspaltend, machte die PQ Fortschritte, indem sie nationalistische Wähler an sich zog, die bis dato für die PLQ unerreichbar waren, und gewann an Popularität und 1976 sogar die Wahlen. René Lévesque wurde Premierminister des Québec.

    Die erste Mission der Québec Partei war ihre fortschrittlichste, und sie nahm für sich in Anspruch, mit der stillen Revolution in Einklang zu sein. Zu Beginn präsentierte sich die PQ selbst als Arbeitern und Arbeiterinnen gegenüber „positiv eingestellt“. Abgesehen von bestimmten Maßnahmen, die tatsächlich von Vorteil waren für die arbeitenden Klassen, kann man jedoch behaupten, dass die PQ eine ökonomische und politische Machtstruktur etablierte, welche eher die in den frühen 60er Jahren entstehende Technokraten- Kaste sowie bestimmte Kleinkapitalisten des Québec begünstigte, die potentiell (oder unmittelbar) aus dem Nationalismus der „Péquisten“ (Bezeichnung für die Mitglieder der PQ) Gewinn ziehen konnten. Das Referendum, mit dem die Lévesque-Regierung die Bevölkerung um das Mandat für Verhandlungen über eine „neue Verständigung“ mit Kanada bat, wurde mit 60 % Nein-Stimmen zu einem harten Fehlschlag. Die kanadische Regierung von Pierre-Elliott Trudeau nutzte die Gelegenheit, um die Kanadische Verfassung ohne Zustimmung des Québec zu repatriieren. Politische Desillusionierung ging einher mit einer Wirtschaftskrise, die zu jener Zeit die ganze Welt in Mitleidenschaft zog. In derselben Periode lösten sich verschie- dene Gruppen der extremen Linken auf, und viele politisch Aktive zogen es vor, in lokalen, ökologischen und feministischen Gruppen zu arbeiten: Die politische Partei war nicht länger das politische Vehikel der Québec-Linken. Nach dem Referendum und bis in die Mitte der 90er Jahre durchlief das Québec eine dunkle Periode seiner Geschichte, überschattet von Neoliberalismus und Thatcherismus, die den gesamten Planeten heimsuchten. Der Vorsorgestaat und die guten Beziehungen zwischen Regierung und Arbeit wurden zu heiligen Kühen, die zu schlachten waren. Die Lévesque-Regierung eröffnete den Reigen mit antisozialen und gegen die Gewerkschaften gerichteten Maßnahmen, die später durch die Regierung von Robert Bourassa übernommen wurden. Mit seinem kanadischen Amtskollegen Robert Mulroney versuchte Bourassa, das „Verfassungsproblem“ des Québec zu lösen. Dieser Versuch schlug fehl und inspirierte die PQ – nunmehr geführt durch Jacques Parizeau, vormals Finanzminister von René Lévesque –, im Jahre 1995 ein zweites Referendum über die Souveränität des Québec durchzuführen: 49,5 % der Bevölkerung votierten mit Ja. Ein Fast-Sieg, der sich nichtsdestotrotz wie eine Niederlage anfühlte.

     

    In Richtung Solidarisches Québec

    Soziales Momentum

     

    Seit 1996 traten Schritt für Schritt die für die Entstehung von Solidarisches Québec notwendigen Bedingungen in Kraft. Im Kontext eines Wirtschaftsgipfels im Jahre 1996 vertauschte der damalige Premierminister von Québec und Chef der PQ, Lucien Bouchard, das Image des Standard-Predigers der Souveränität13 gegen dasjenige des Wortführers des ökonomischen Konservatismus. Angesichts eines Budget-Defizits gelang es der Regierung, die Unterstützung bestimmter Gruppen der Zivilgesellschaft dafür zu erlangen, die öffentlichen Dienste anzuzapfen, um das Defizit auszugleichen. Danach stiegen einige linke Organisationen aus, da sie die Unterstützung eines derartigen Vorschlags ablehnten. Zu diesen Organisationen gehörten der Bund der Frauen des Québec (Fédération des femmes du Québec, FFQ), repräsentiert durch Françoise David, und die Volksaktionsfront für urbane Umgestaltung (Front d’action populaire en réaménagement urbain, FRAPRU), ihrerseits repräsentiert durch François Saillant.

    Dieser Ausgangspunkt ist wichtig, da er die ganze Zwiespältigkeit der politischen Positionierung der PQ zum Vorschein brachte. Im Gegensatz zu dem, was sie zuweilen behauptet, ist das keine linke oder selbst sozialdemokratische Partei, vielmehr ist es eine sozialliberale Partei, die die rechte Mitte des politischen Spektrums einnimmt. Wenn bis dahin die Meinungen über die politische Positionierung der Partei auseinander gingen, so wurde doch nach diesem Wirtschaftsgipfel deutlich, dass ein rechter Flügel mit neoliberalen Überzeugungen aktiv und wirkmächtig war. In diesem Moment wurden politische Aktivisten der Linken zweifellos zu Waisen ohne Partei. Die Aufstellung der PQ auf der Rechten wurde begleitet vom Aufstieg einer neuen politischen Partei, ebenfalls einer Abspaltung der Liberalen Partei: der Demokratischen Aktion des Québec (Action Démocratique du Québec, ADQ), die zu Beginn in Sachen Wirtschaft eine rechte Hardlinerposition bezog, bevor sie ihren Ansichten später (in der Mitte des Jahres 2000) einen gewissen sozialen Konservatismus hinzufügte.

    Von diesem Moment an wurden soziale Bewegungen immer aktiver. So führte die Frauenbewegung in den Jahren 1995 und 2000 zwei große Märsche durch, die es ermöglichten, ihre Organisationen zu reaktivieren und ihre Plattform über die Grenzen typischer „Frauenthemen“ hinaus auszudehnen. Hatte sich Anfang der 90er Jahre, mit der Auflösung ihrer nationalen Organisation, die Studentenbewegung nach rechts bewegt, so bildete sich 1996 die Bewegung für das Recht auf Bildung (Mouvement pour le Droit à l’Éducation, MDE), welche in ihrem Umfeld zur Herausbildung einer neuen linken Organisation im Jahre 2001 führte, der Assoziation für eine gewerkschaftliche Solidarität der Studenten (Association pour une Solidarité Syndicale Étudiante, ASSÉ). Diese Organisation war für den historischen Studentenstreik von 2005 verantwortlich.

    Wie überall in der Welt fand die globalisierungskritische Bewegung auch im Québec ihren Widerhall, und zwar insbesondere nach den Ereignissen in Seattle im Jahre 1999. Als im April 2001 im Québec der Amerikagipfel stattfand, brachte sich die globalisierungskritische Bewegung in voller Stärke ins Bewusstsein. Tausende im Québec Versammelte brachten nicht nur das zuwege, was für eine ganze Generation von Aktivisten zum Initialereignis wurde; sie setzten dem auf dem Gipfel debattierten Projekt einer Freihandelszone der beiden Amerikas (Free Trade Area of the Americas, FTAA) einen solchen Widerstand entgegen, dass diesbezügliche Pläne aufgegeben werden mussten.14

     

    Eine Gruppierung von Organisationen

     

    Seit den 1980er Jahren hatte im Schatten der PQ der politische Wille überlebt, eine wahrhafte Partei der Linken zu bilden. Marcel Pepin, der Gewerkschaftsführer, organisierte um ein von ca. 100 politischen Persönlichkeiten unterzeichnetes Manifest herum die Sozialistische Bewegung des Québec (Mouvement Socialiste du Québec, MSQ). 1985 taten sich einige Aktivisten zusammen, um die Neue Demokratische Partei des Québec (Nouveau Parti démocratique du Québec, NPDQ) zu gründen, die zunächst ein Ableger einer föderalen Mitte-Links-Partei mit Repräsentanzen in fast allen kanadi- Solidarisches Québec: Eine Einführung für potentielle Sympathisanten in Europa schen Provinzen war, bevor sie sich 1989 von ihrer föderalen Schwester trennte. In der Mitte der 90er Jahre wurde die NPDQ zur Partei der Sozialistischen Demokratie (Parti de la démocracie socialiste, PDS), die ihre Energie im Wesentlichen aus der Sektion Québec der 4. Internationale zog. Diese Partei nahm 1998 mit 97 Kandidaten an den allgemeinen Wahlen teil. Der Kommunistischen Partei des Québec (Parti Communiste du Québec, PCQ) gelang es nicht, großen öffentlichen Raum einzunehmen, und sie verstrickte sich in mehrere Auseinandersetzungen mit ihrer kanadischen Schwester, v.a. auch in Sachen Souveränität des Québec.

    1998 wurde die Vereinigung für eine Progressive Alternative (Rassemblement pour l’alternative progressiste, RAP) gegründet. Linke Persönlichkeiten aus dem gewerkschaftlichen und linken Spektrum und aus der Bevölkerung um sich versammelnd, hatte sie ein deutliches Ziel: Québec eine linke politische Alternative zu den herrschenden Parteien anzubieten. Eine neue Option entstand: die PDS, die PCQ und die RAP zu einer einzigen Partei zu verschmelzen. Als sich 2001 im Wahlbezirk Mercier, der progressiven Ideen gegenüber besonders offen ist, eine Wahlchance ergab, hatte die Partei noch nicht einmal offiziellen Status. Der langjährige linke Aktivist Paul Cliché trat an und gewann 25 % der Stimmen. Dieser unerwartete Erfolg ermutigte die Aktivisten, und kurz danach wurde die Vereinigung der fortschrittlichen Kräfte (Union des forces progressistes, UFP) gegründet. Die UFP nahm 2003 an den allgemeinen Wahlen teil, und ihr Sprecher, Amir Khadir, ein Physiker iranischer Abstammung, der sich in der internationalen Solidaritätsbewegung engagierte, gewann 18 % der Stimmen, wieder im Bezirk Mercier, in dem er schließlich fünf Jahre später gewählt werden würde.

    Beunruhigt durch den Anstieg der Rechten, versammelten sich im Herbst 2002 feministische und lokale Aktivisten um Zuerst Solidarisch (D’abord solidaire, DS). Diese dem politischen Bewusstsein und der Volksbildung verpflichtete Organisation zielt darauf ab, soziale Fragen aufzuwerfen und zu diskutieren, die gewöhnlich von der politischen Tagesordnung gefegt werden. DS bietet eine Analyse der politischen Programme der verschiedenen Parteien ebenso wie ein umfangreiches Verständnis dessen, was Neoliberalismus ausmacht. Innerhalb dieser Formation wollten Einige weiter gehen und eine politische Partei gründen, die den Werten feministischer, ökologischer und sozialer Gruppen entspricht. Im Jahre 2004 führten Françoise David und François Saillant diese Aktivisten zusammen und gründeten die Bürgeroption (Option citoyenne, OC), eine politische Bewegung mit der Intention, sich in eine Partei zu transformieren. OC und UFP begannen zu verhandeln, um sich auf eine künftige Vereinigung vorzubereiten. In Anwesenheit von 1000 Menschen wurde dann im Februar 2006 Solidarisches Québec (Québec solidaire, QS) gegründet.

    Von der Straße bis hin zur Wahlurne – ein politischer Prozess Nicht wie die anderen

    Dieser kurze Überblick über die Geschichte des Québec beweist: QS ist ein ziemlich seltsames zoon politikon. Es ging nicht aus einer Spaltung in der Liberalen Partei über die Frage der Unabhängigkeit hervor, wie dies bei der PQ und der ADQ der Fall ist. Diese Partei ist sehr langsam entstanden, durch Versuch und Irrtum, auf Betreiben von Organisationen mit ganz unterschiedlichem Outlook. Das ist eine Prozess-Partei,15 die nicht immer in ihrer gegenwärtigen Form bleiben wird und auf diese Weise andere Kräfte in sich integrieren kann.

    Auch ihre Funktionsweise unterscheidet sich von derjenigen anderer Parteien. Es gibt keinen Chef. Stattdessen gibt es ein Koordinationskomitee von 16 Personen, einschließlich zweier Sprecher: Françoise David und Amir Khadir. Regelmäßig, zwei- bis dreimal pro Jahr, finden Sitzungen zu Entscheidungen auf nationaler Ebene statt. In ihren Reihen sind ganz unterschiedliche Strömungen vertreten (Kommunisten, Anhänger des Nullwachstums, Web-Aktivisten etc.), was für das Québec ziemlich ungewöhnlich ist. Mitglieder werden dazu aufgerufen, sich für Fragestellungen zu engagieren, die weit über die Wahlinteressen der Partei hinausgehen und oftmals solche Themenfelder betreffen wie Umwelt, soziale Gerechtigkeit, internationale Solidarität etc. Auch will QS Debatten nicht ersticken und konfrontiert ihre Mitglieder bereits sehr frühzeitig mit wesentlichen Fragen, ohne dabei einen Zustand permanenten Konflikts zu erzeugen: Die unterschiedlichen Positionen werden deutlich, doch die Debatten werden ruhig und mit wechselseitigem Respekt geführt. Ihr hervorstechendster Zug ist natürlich ihre Philosophie. Sie ist die einzige Partei im Québec, die das kapitalistische System in Frage stellt und dieses System mit der Zerstörung der Umwelt und deren verderblichen Wirkungen in Zusammenhang bringt. Und QS bezieht auch eine eigenständige Position zur Frage der Québec-Nationalität. Die Partei schlägt vor, dass die im Québec lebenden Menschen ihre Volkssouveränität nutzen können, um eine verfassungsgebende Versammlung ins Leben zu rufen, so dass die Idee der Bildung eines Landes mit der Möglichkeit zusammenfällt, eine neue Art von Gesellschaft zu schaffen und zu implementieren. Statt sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu stützen, um keine Leute zu verlieren, sind wir der Ansicht, dass wir nur dann erfolgreich sein können, aus Québec nicht nur ein Land zu machen, sondern ein Land, in dem es sich zu leben lohnt, wenn wir einen aufregenden Plan zur Transformation der Gesellschaft in Vorschlag bringen. Im selben Atemzug schlagen wir vor, dass das Québec vollkommen das Recht auf Selbstbestimmung der Kanadischen Urvölker – der Indianer – respektieren sollte, und zwar bei Anerkennung der territorialen Konsequenzen, die aus diesem Recht resultieren. Solidarisches Québec: Eine Einführung für potentielle Sympathisanten in Europa

     

    Die großen Herausforderungen

     

    Auch wenn die politische Linke des Québec mit der Bildung von QS erfolgreich war und jüngst sogar einen Abgeordneten in die Nationalversammlung schicken konnte, so harren ihrer doch noch viele Herausforderungen. Auf der Programmebene legte QS letzten November den ersten Teil ihres politischen Programms vor, das die Unabhängigkeit des Québec, die Integration der Bürger und demokratische Institutionen betrifft. In diesem Jahr werden wir uns auf gleichermaßen wichtige Themen konzentrieren: Ökologie, die Welt der Arbeit und Landwirtschaft. In dieser Zeit der Krise ist es notwendig, ein Programm zu haben, das in diesen Fragen klar und deutlich ist. Das ist entscheidend für die Zukunft der Partei.

    Zudem muss QS ihren Aktionsraum in der Québec-Gesellschaft besser abstecken. Die Partei ist nicht bloß auf Wahl- oder parlamentarische Politik fokussiert. Dennoch ist nicht klar, wie weit auf den unterschiedlichen Feldern gegangen werden soll. Welche Rolle spielen angesichts anderer sozialer Bewegungen und linker Gruppen? Wie an notwendigen Kooperationen mit der Linken teilhaben, ohne in die Falle zu geraten, sich mit früheren Parteien zu identifizieren, die glaubten, die Bewegungen „zu führen“? Wem (und wie) sich als Partei der Linken annähern, ohne sich in der veralteten Identifikation mit dem Arbeiter zu verlieren, aber bei Beibehaltung einer antagonistischen Analyse der Gesellschaft? Wie sich aufstellen, um, trotz knapper Ressourcen, an der Wahlurne und auf der Straße zugleich präsent zu sein?

    Das Leben einer linken Partei im Québec ist bestenfalls prekär. In den nächsten Jahren muss QS ihre Bedeutung auf nationaler Ebene beweisen. Einerseits durch die Verwandlung bereits erwiesener Sympathien in Wählerstimmen, andererseits dadurch, dass sie zur unerlässlichen Kraft einer sozialen Transformation wird, die so tiefgreifend ist wie aufregend.

     

    Aus dem Englischen von Effi Böhlke

     

    Anmerkungen

     

    1) Die vom Autoren analysierte Partei trägt im Französischen den Namen „Québec solidaire“ (QS), also zu deutsch „Solidarisches Québec“, der hier auch zugrunde gelegt wird. Im Englischen wird der Begriff „Quebec Solidarity“ verwendet. (Anm. d. Ü. – E.B.)

    2) Ein Porträt des Abgeordneten brachte Libération: www.liberation.fr/portrait/010184613- saint-laurent-rive-gauche.

    3) Von November 2006 bis November 2009.

    4) Eine detaillierte Darstellung der Geschichte des Québec findet sich in: Linteau u. a.: Histoire du Québec contemporain. Montreal : Boréal Express, 1989, 2 Bde.

    5) Eine jüngst veröffentlichte Biographie eines seiner engsten Mitarbeiter offenbart die engen Verbindungen des Duplessis-Regimes mit einer bestimmten latenten Ideologie der extremen Rechten: Nadeau, Jean-François: Rumilly, l’homme de Duplessis. Montreal : Lux, 2009, 416 S.

    6) Siehe Guindon, Hubert: The Social Evolution of Quebec Reconsidered. In: Hubert Guindon: Quebec Society : Tradition, Modernity, and Nationhood. Toronto, University of Toronto Press, 1988 (c. 1960), 180 S.

    7) Diese These wird verteidigt u. a. von Bourque, Gilles et Anne Legaré: Le Québec: La question nationale. Paris: Maspero, 1979, 232 S.

    8) Die beste Quelle für diese Periode ist nach wie vor McRoberts, Kenneth, Dale Posgate: Développement et modernisation du Québec. Montréal : Boréal Express, 1983 (c. 1980), 350 S.

    9) Ein exzellentes Beispiel ist Hydro-Quebec, verantwortlich für die Entwicklung des enormen hydroelektrischen Potentials der Region.

    10) Man denke etwa an die Maschinenbaufirma mit dem heutigen Namen SNC-Lavallin oder den Luft- und Raumfahrtkonzern Bombardier.

    11) Der frankokanadische kulturelle Aufschwung der frühen 60er Jahre war Gegenstand einer breiten Literatur, die hier nicht vollständig aufgeführt werden kann. Aber der Kontext wird in dem Film C.R.A.Z.Y. unter der Regie von Jean-Marc-Vallée ausgeleuchtet, der, trotz einiger Schwächen, die Atmosphäre der Zeit sehr gut wiedergibt. Für ein besseres Verständnis der Beziehung zwischen Kultur und Politik siehe Reid, Malcolm: Notre parti est pris. Un jeune reporter chez les écrivains révolutionnaires du Québec, 1963-1970. Québec : Presses de l’Université Laval, 2009, 364 S.

    12) Die Wahl des Wortes „Québecois“ rührt vom dramatischen Anstieg im Gebrauch dieses Ausdrucks, der sich von „Frankokanadisch“ durch die Distanz unterscheidet, die es gegenüber Kanada markiert. Heute wird der Ausdruck „Frankokanadier“ kaum noch zur Bezeichnung der Bevölkerung des Québec verwendet.

    13) Während der Referenden-Kampagne von 1995 stand er an vorderster Front.

    14) Siehe Graeber, David: Direct Action: an Ethnography. Oakland: AK Press, 2009.

    15) Der Terminus „Prozess-Partei“ („parti-processus“) ist von François Cyr und Gordon Lefebvre übernommen.