• Editorial

  • Von Effi Böhlke | 20 Apr 11
  • Liebe Leserin, lieber Leser,
    die vorliegende Nr. 6 der Zeitschrift transform! präsentiert eine breite Auswahl von Texten, die für den linken Diskurs von Relevanz sind. Am Anfang stehen Judith Butlers Auseinandersetzung mit dem Krieg und seiner medialen Präsentation sowie Moishe Postones Aufsatz über die Kritik des Kapitalismus. Mit der Veröffentlichung der beiden Texte wollen wir in erster Linie zur Entwicklung einer linken Kultur der Debatte beitragen. Vor dem Hintergrund der derzeitigen Euro-Krise und des Umgangs der EU-Staaten, allen voran Deutschlands, mit der Situation in Griechenland, ist der Aufsatz von Haris Golemis unter der Frage, ob denn PIGS fliegen können, von hoher politischer Aktualität.

    Der thematische Schwerpunkt der Zeitschrift ist dem zehnjährigen Jubiläum des Weltsozialforums und dem von ihm initiierten Prozess gewidmet. Dem Charakter des Gegenstands entspricht es, das Thema aus sehr unterschiedlichen Perspektiven zu behandeln. (Siehe dazu auch die Einleitung des Schwerpunktthemas durch Louis Weber.) Die inhaltliche Arbeit des transform!-Netzwerks zentriert sich 2010 um zwei hauptsächliche Projekte. Eines beschäftigt sich mit der multiplen Krise des globalen kapitalistischen Systems. Das erste Seminar im Rahmen dieses Projekts fand Anfang des Jahres in Wien statt. Die Ergebnisse sind über die transform!-Website abrufbar. Eine der grundsätzlichen Schlussfolgerungen aus dem Seminar, dass nämlich die 2008 ausgebrochene Finanz- und Wirtschaftskrise keineswegs schon überwunden, sondern in eine weitere Etappe eingetreten ist, wurde bereits wenig später durch den Ausbruch der Schuldenkrise in einer Reihe von Mitgliedsländern der Euro-Zone manifestiert. Inzwischen sind die daraus resultierenden Risiken für die gesamte europäische Konstruktion in ihrer bisherigen Verfasstheit einer breiten Öffentlichkeit bewusst geworden. Elisabeth Gauthier fasst die diesbezüglichen Diskussionsergebnisse im Rahmen von transform! zusammen. Ergänzt wird dieser Teil der Zeitschrift durch Hans-Jürgen Urbans Überlegungen zur notwendigen Neuausrichtung der Europapolitik der Gewerkschaften sowie durch die Betrachtungen von Jacques Fath über die Realitätsnähe bzw. -ferne derzeitiger linker Bewegungen.

    Das zweite „major project“ unseres Netzwerks hat die strategischen Perspektiven der Linken in Europa zum Gegenstand. Im Frühjahr fand in dieser Forschungslinie ein erstes Seminar statt, dessen Ergebnisse ebenfalls über die Homepage abrufbar sind. Aus den dort zur Diskussion gestellten Beiträgen präsentieren wir in dieser Ausgabe Maria Karamessinis Analyse des unterschiedlichen politischen Umgangs mit sozialen Problemen in verschiedenen europäischen Staaten sowie Barbara Steiners Überblick über Wahlerfolge der Linken in den letzten Jahren, der Teil einer umfangreichen, noch zu veröffentlichenden Arbeit ist.

    Schließlich berichten wir wie immer über die jüngsten Schritte in der Entwicklung von transform!. Hervorgehoben werden in diesem Zusammenhang zwei Ereignisse: Einerseits die Gründung der transform!-Arbeitsgruppe Brüssel, deren Ziel vor allem darin besteht, in Brüssel einen Raum für eine kontinuierliche Diskussion innerhalb der internationalen Community bereit zu stellen. Die Arbeitsgruppe trat mit zwei bemerkenswert gut besuchten Veranstaltungen an die Öffentlichkeit, der einen zum Europäischen Jahr der Armut (vgl. den Artikel von Nicolás Muzi), und einer weiteren über die Schuldenkrise in Südeuropa. Vom erstmaligen Auftreten des transform!- Netzwerks auf dem Linken Forum in New York berichtet Eric Canepa. Und während Louis Weber die Regionalwahlen in Frankreich analysiert, führt Simon Tremblay-Pépin in die Entstehungsgeschichte einer linken Partei neuen Typus’ im Québec ein.

    Das Titelblatt zur vorliegenden Arbeit sowie die Bilder im Innenteil hat uns freundlicherweise die in Wien lebende Malerin Lisi Misera zur Verfügung gestellt, wofür wir uns sehr herzlich bedanken. Die 1951 in Wien geborene Künstlerin studierte an der Universität für Angewandte Kunst, Wien sowie an der Académie des Beaux Arts, Paris. Sie lebte und arbeitete unter anderem in New York und Südafrika. Ausstellungen aus ihrem Werk wurden in New York, Paris, Budapest, Mailand und Wien und vielen weiteren Städten gezeigt.

    Das Titelblatt ist dem Zyklus „AFTER MILES“ entnommen, der durch die Musik von Miles Davis inspiriert ist und in Paris entstand. Die Bilder im Innenteil entstammen einer Installation desselben Zyklus’ an der Universität für Angewandte Kunst, Wien, in Kooperation mit dem Lisi Misera Studio Wien sowie mit Jazzmusikern. Wir hoffen, mit dem vorliegenden Magazin eine interessante, anregende Lektüre zu bieten. Über Kritiken und Hinweise freuen sich wie immer Redaktion und HerausgeberInnen.