• Können PIGS fliegen?

  • 21 Apr 11 Posted under: Griechenland , Italien , Portugal , Spanien
  • „Schon wieder in Gedanken?“ erkundigte sich die Herzogin und half mit ihrem spitzen Kinn nach. „Denken darf ich wohl doch noch!“ rief Alice ärgerlich. „Oder ist das verboten?“ Ihr wurde das Ganze ziemlich unheimlich. „Nein doch“ sagte die Herzogin, „es ist dir ebenso wenig verboten, wie den Schweinen das Fliegen!“

    Lewis Carroll: Alice im Wunderland, Kapitel 9

     

    Man weiß nicht gewiss, ob die Abkürzung PIGS (Portugal, Italien, Griechenland, Spanien), die mir zum ersten Mal in der Ausgabe des Economist vom 9. Juli 2008 begegnete, aufgrund der rassistischen, ausländerfeindlichen und beleidigenden Konnotation von einem neunmalklugen Journalisten erfunden wurde oder nicht. Nichtsdestotrotz entspricht es, aus Sicht der Nordeuropäer, dem Klischee des Südeuropäers, und sowieso zeigt der extensive Gebrauch des Begriffes in der öffentlichen Debatte, wer heute die ideologische Vorherrschaft in der EU hat. Es besteht kein Zweifel darüber, dass Griechenland das schwächste der „Schweine“ ist, d. h. dass kein anderes Land in Südeuropa mit seinem Geld so verschwenderisch, unverantwortlich und leichtfertig umgeht. Griechenland hat ein extrem hohes Haushaltsdefizit. Nach den Wahlen im Oktober 2009 wurde „entdeckt“, dass es bei 12,7 % des BIP oder gar noch höher liegt.1 Die Staatsverschuldung liegt mit fast 300 Mrd. Euro oder etwa 113 % des BIP ebenso hoch (ein Großteil davon wird bis 2012 fällig), und das Land weist ein alarmierendes Leistungsbilanzdefizit auf (14 % des BIP). Es ist also kein Wunder, dass dieses Land durch den Fleischwolf der Finanzmärkte gedreht wird, auch wenn es den weit verbreiteten Verdacht gibt, dass das Ziel internationaler Spekulanten der Euro selbst ist. Zu dem Zeitpunkt, als dieser Artikel verfasst wurde, betrug die Rendite für 10-jährige griechische Staatsanleihen in den „Märkten“ fast 7 %. Das bedeutet, dass die Kreditaufnahme bei internationalen institutionellen Investoren und Spekulanten (z. B. ausländische Hedge Fonds, Pensionsfonds und große französische, deutsche und britische Banken, die zufällig 70 % der gesamten Schulden Griechenlands halten) für Griechenland doppelt so teuer ist wie für die deutsche Regierung. Das finanzpolitische Ungleichgewicht in Griechenland ist zum Großteil mit der so genannten „Staatsverschuldungskrise“ verbunden, der dritten Phase der anhaltenden Wirtschaftskrise. Die Finanzkrise und die Krise der „Realökonomie“ sind die erste und zweite Phase. Die Rettungspakete für den Bankensektor sind neben den antizyklischen Maßnahmen, mit denen eine tiefe Rezession bzw. eine soziale Explosion verhindert werden sollten, der Hauptgrund für den allgemeinen Anstieg der Staatsschulden in ganz Europa und in den meisten Teilen der entwickelten Welt. Nach Schätzungen der Europäischen Kommission wird die Staatsverschuldung in Zukunft kontinuierlich ansteigen, und das Verhältnis Verschuldung zu BIP könnte bis zum Jahre 2014 im EU-Durchschnitt der 27 Mitgliedstaaten 100 % erreichen, sollten die Regierungen an ihrer Politik festhalten.2 In diesem Zusammenhang ist das „griechische Problem“ ebenso ein „südeuropäisches Problem“ wie ein „EU-Problem“.

     

    Europäische Union: Die Stunde der Wahrheit

     

    Die Art und Weise, wie die EU bislang mit dem Problem Griechenlands umgegangen ist, spiegelt nicht nur ihre eigene Identitätskrise wider, sondern ist auch Ausdruck der Rivalitäten, die unter den Mitgliedstaaten sowie zwischen den Mitgliedstaaten und den EU-Institutionen bestehen (Europäische Kommission, Europäische Zentralbank, Europäisches Parlament). Entgegen jeden Prinzips der „europäischen Solidarität“ ist Griechenland der Gnade der Märkte überlassen worden. Der so genannte „finanzpolitische Unterstützungsmechanismus der EU“, der am 25. März 2010 beim Treffen der sechzehn Staats- und Regierungschefs der Euro-Länder (die Euro-Gruppe) beschlossen wurde, scheint nicht mehr zu sein als die Beschönigung eines Kompromisses, der für Deutschland annehmbar war – Deutschland, ein Land, das scheinbar nicht nur den rheinischen Kapitalismus aufgegeben hat, sondern auch seine traditionelle Führungsrolle im europäischen Einigungsprozess. Stattdessen hat sich Deutschland nun zum Ziel gesetzt, eine der neuen Weltmächte zu werden.3 Falls die Mehrheit der Euro-Gruppe Griechenland Kredite zur Verfügung stellen möchte, kann dies nach dieser Entscheidung nun gemeinsam mit dem Internationalen Währungsfonds zu marktüblichen Zinssätzen auch geschehen. Allerdings ist die Kreditvergabe an zwei Bedingungen geknüpft: Alle Mitglieder der Euro-Gruppe müssen diesem Schritt zustimmen, und Griechenland kann auf den internationalen Märkten keine Kredite mehr aufnehmen, d. h. das Land muss am Rande des Staatsbankrotts stehen. Da sich die Gefahr eines solchen Zahlungsverzugs auch auf die anderen südeuropäischen Länder übertragen könnte und letztendlich auf die Eurozone selbst, ist es nicht unwahrscheinlich, dass der „Unterstützungsmechanismus“ angewandt und Griechenland gezwungen werden kann, den Regeln der IWFKonditionalität zu folgen, was bei der Europäischen Zentralbank für erheblichen Unmut sorgen würde. Die Untätigkeit der EU zeigt auch die Instabilität des neoliberalen Kompromisses, der in den 90er Jahren unter den großen Gründungsstaaten (insbesondere Frankreich unter Mitterand und Deutschland unter Kohl, aber auch Großbritannien unter Thatcher) geschlossen wurde. Dieser spiegelt sich im Vertrag von Maastricht sowie in allen späteren Verträgen wider (Amsterdam, Nizza, Lissabon). Eine Währungsunion unabhängiger, kapitalistischer Staaten mit großen Produktivitätsunterschieden, die jeweils ihre eigene Steuer-, Einkommens-, und Sozialpolitik haben, mit einem winzigen gemeinsamen Haushalt und einer Zentralbank, die nicht einmal verlässlicher Kreditgeber in der Not ist (wie z. B. die Federal Reserve in den USA und die Bank of England in Großbritannien), sondern deren einziges Ziel darin besteht, die Inflation niedrig zu halten, kann langfristig nicht überleben. Jeder wusste, dass die EWU im Falle einer ernsthaften Krise wie der momentanen wohl oder übel ins Schwanken geraten würde, auch wenn die untergeordneten Klassen in Europa ständig unter die Räder des Stabilitätspaktes gerieten. Wie dem auch sei, nach dem Zusammenbruch des Sowjetkommunismus, als sich die westliche Welt äußerst arrogant verhielt, glaubten die in Europa den Ton angebenden politischen Kräfte, dass der krisenfreie, neoliberale Kapitalismus bald zum Ende der Geschichte führen würde. dennoch sollte man vorsichtig sein und das, was sich in den 90er Jahren ereignet hat und noch heute vor sich geht, nicht als „Fehler“ der Politik deuten. Der Beitritt Griechenlands, Portugals und Spaniens in die EU war kein Fehler. Es war das Ergebnis einer Entscheidung beider Seiten, die sowohl von den „neuen Mitgliedstaaten“ als auch von den alten Mitgliedstaaten in einer bipolaren Welt und vorwiegend aus geopolitischen Gründen getroffen wurde. Die Tatsache, dass die Löhne in Deutschland in den vergangenen fünfzehn Jahren nicht entsprechend der Produktivitätssteigerung angehoben wurden – eine Politik, die dem Land einen beträchtlichen Leistungsbilanzüberschuss einbrachte – sowie die bei den Partnern in Südeuropa entsprechenden beträchtlichen Defizite sind kein Fehler, sondern vielmehr das Ergebnis der Gewichtung gesellschaftlicher und politischer Kräfte in Deutschland, entstanden durch die Schwächung der geteilten Arbeiterklasse nach der Wiedervereinigung. Die Entscheidung, einen EU-Mitgliedstaat seinem Schicksal zu überlassen, was möglicherweise nicht nur die Stabilität des Euro teuer zu stehen kommen wird, sondern auch die Existenz der EU selbst betreffen könnte, ist kein Fehler, sondern ein Ergebnis. Einerseits das Ergebnis der Entscheidung der Mehrheit der EU-Staaten und ihrer konservativen und Mitte-Links- Regierungen, die Regeln der Finanzmärkte einzuhalten, und andererseits ist es das Ergebnis der Regierungspolitik von Frau Merkel, die offensichtlich den Willen der meisten Deutschen beeinflusst und gleichzeitig widerspiegelt.

     

    Griechenland: Ein nicht ganz unschuldiges Versuchskaninchen

     

    Es ist weder klug noch radikal, die äußerst schlechte Wirtschaftslage Griechenlands zu verheimlichen. Das extreme finanzpolitische Ungleichgewicht hängt nicht nur mit der Weltwirtschaftskrise zusammen, sondern auch mit vergangenen und aktuellen politischen Entscheidungen, die das Verhältnis gesellschaftlicher und politischer Kräfte in diesem Land widerspiegeln. Zudem hat es etwas mit der Nachahmung der kapitalistischen Gesellschaftsstruktur zu tun, die u. a. folgende Merkmale aufweist: eine schwache produktive Basis, geringe Ersparnisse und Investitionen, ein verschwenderischer und ineffizienter öffentlicher Sektor (unterfinanzierte und unterbesetzte Krankenhäuser, Schulen und Universitäten), Vetternwirtschaft und Korruption gepaart mit der Zugehörigkeit zu zwei Parteien, hohe Militärausgaben, extreme Einkommensungleichheit, eine kräftige Schattenwirtschaft, ein großes Prekariat aus Einheimischen und Zuwanderern, niedrige Renten und Löhne und letzten Endes eine sehr niedrige Steuerbasis aufgrund niedriger Steuersätze bei Firmen mit hohen Einnahmen sowie einer erheblichen Steuerhinterziehung, praktiziert durch ein „klassenübergreifendes“ Bündnis großer griechischer, ausländischer und Offshore-Unternehmen, aber auch von kleinen und mittleren Unternehmen ebenso wie von Freiberuflern (Anwälte, Ärzte, Taxibetreiber, Klempner usw.). Wie bereits erwähnt, hat die EU – und darauf bestand die deutschen Regierung – nicht nur keinerlei positive politische Maßnahmen ergriffen, um die Wirtschaft Griechenlands zu unterstützen, sondern ebenso wenig eine klare Erklärung zur Unterstützung abgegeben, die eventuell das „Biest“ der Finanzmärkte hätte zähmen können. Die griechische Regierung unter Papandreou hat ein Stabilitätsprogramm entwickelt, das von der Europäischen Kommission, der EZB und dem IWF bewilligt und geprüft wurde, wobei der Internationale Währungsfonds nach offiziellen Angaben nur „technisches Know-How“ liefert. Darin wurden Ziele festgeschrieben, die für die Wirtschaft und die Gesellschaft Griechenlands ebenso unrealistisch wie katastrophal sind. Das Haushaltsdefizit soll demnach von 12,7 % des BIP im Jahr 2009 auf 8,7 %, im Jahr 2010 und auf 5,6 % im Jahr 2011 reduziert werden! 2012 würde dann das Ziel des Stabilitätspaktes erreicht werden, denn bis dahin soll das Haushaltsdefizit auf 2,8 % sinken. Niemand, der bei gesundem Menschenverstand ist, kann glauben, dass dies möglich ist, ohne das Land dadurch in eine Stagnation und in extreme Armut zu treiben. Interessanterweise denkt die Regierung Großbritanniens trotz eines ähnlich hohen Haushaltsdefizits wie Griechenland nicht daran, konkrete Kürzungen vorzunehmen, und wird dabei sogar noch von der ansonsten so kritischen Financial Times unterstützt.4 Als „schwaches Glied“ in der EU, als kleines, verschuldetes und machtloses Land im Randgebiet Europas – und das nicht im anti-imperialistischen Sinne Lenins – ist Griechenland das Versuchskaninchen in einem großen, sozialen, politischen und geostrategischen Experiment. Die führenden Klassen und politischen Kräfte (vorwiegend, aber nicht ausschließlich) der großen EU-Staaten erwarten von diesem Experiment u. a. Antworten auf die folgenden Fragen: Wird es der Regierung des ungehorsamsten der PIGS-Staaten gelingen, die Reallöhne zu kürzen, „überflüssige“ Beamte zu entlassen, den Arbeitsmarkt flexibler zu gestalten, die Überbleibsel des öffentlichen Sektors einschließlich des Rentensystems zu privatisieren, das Renteneintrittsalter zu erhöhen usw.? Wird Papandreou in der Lage sein, einen sozialen und politischen Konsens im Namen der nationalen Interessen Griechenlands herbeizuführen? Wenn dies nicht möglich ist, wie wird er den Zorn der Bevölkerung im Zaum halten können? Wird es Griechenland letztendlich schaffen, die Märkte davon zu überzeugen, dass es das Stabilitätsprogramm einhalten kann, unabhängig von der Höhe der sozialen Kosten, oder wird es um die Nutzung des „Unterstützungsmechanismus“ bitten? Sollte dieser in Anspruch genommen werden, wie wird er umgesetzt und wie wird die griechische Bevölkerung darauf reagieren? Welche Bedeutung wird das Eingreifen des IWF für die Euro-Atlantischen Beziehungen haben? Werden Griechenland und möglicherweise andere unbeugsame Länder aus dem Süden Europas freiwillig die Eurozone verlassen, oder sollten sie daraus ausgeschlossen werden, wenn sie weiter nicht von ihrer Politik ablassen? Und welche Auswirkungen wird dies auf den Euro haben? Die von der griechischen Regierung praktizierte Politik, die viele Parallelen zum IWF aufweist und von allen Partnern in der EU gelobt wird, hat bislang nicht dazu geführt, dass der Zinsaufschlag griechischer Staatsanleihen im Vergleich zu Bundesanleihen geringer wird. Die Märkte und die bekannten Rating-Agenturen drängen das Land zum „Unterstützungsmechanismus“, um die Stärke des Euro auf den Prüfstand zu stellen. Außerdem scheint es so, als ob Deutschland, mit nachvollziehbaren Hintergedanken (im Interesse Deutschlands sowie der Eurozone), bei einer Entscheidung der EU kein Veto einlegen wird. Radikale linke Alternativen: leicht verständlich, schwer umsetzbar Die Radikale Linke in Europa kann sich bei ihrer Kritik gegenüber dem neoliberalen Konstrukt, das in den verschiedenen Europäischen Verträgen seit Maastricht geschaffen wurde, bestätigt fühlen. Das europäische neoliberale Projekt taumelt, und niemand kann sein Überleben garantieren. Schweine können nicht fliegen, und daran sind nicht die PIGS-Staaten schuld! Im Nachhinein Recht zu haben ist per se schließlich keine Errungenschaft, auch wenn es eine nützliche Waffe in der ideologischen und politischen Auseinandersetzung sein kann, sowohl was den Kampf gegen das rechte politische Lager und das Mitte-Links-Lager betrifft, die beide für diesen Zustand in der EU verantwortlich sind. Das Problem ist, dass die Linke den desaströsen neoliberalen Integrationsprozess weder aufhalten noch verändern konnte, als dieser bereits begonnen hatte. Heute gilt es mehr denn je, effizient zu sein, da die Situation in Europa für alle Arbeitnehmer in allen Ländern sehr schwierig ist. Ich weiß, dass Synaspismos in Griechenland ein kohärentes Programm für einen progressiven Ausweg aus der Krise vorliegen hat. Es beinhaltet konkrete Vorschläge für die Eurozone und die EU im Allgemeinen, und ich bin sicher, dass die meisten linken Parteien in Europa etwas Ähnliches ausgearbeitet haben. Wir wissen jedoch nicht, wie die Radikale Linke die ideologische und politische Vorherrschaft in unseren Ländern gewinnen kann, um die Gewichtung der politischen und sozialen Kräfte zu ändern. Und ohne diese Gewichtsverschiebung kann es auch keine gesellschaftliche Veränderung auf nationaler und europäischer Ebene geben. Hier ein paar nicht sehr originelle, aber persönliche Gedanken in diesem Zusammenhang: In Anbetracht der andauernden Krise und der Probleme in Griechenland, in den südeuropäischen Ländern, in der Eurozone und in der EU im Allgemeinen sollte die radikale Linke Europas Folgendes tun:

     

    l Die Chance, über die Irrationalität, die Instabilität und die Ungerechtigkeit des Finanzkapitalismus, sprich des heutigen Kapitalismus, zu sprechen, sollte genutzt werden. Es ist eine Schande für die Menschheit, von den Launen und Plänen einer Handvoll Hedge Fonds und großer Banken abhängig zu sein. Märkte sollten nicht über unser Leben bestimmen.

     

    l Die neoliberale Struktur des europäischen Projekts, die sich im Vertrag von Lissabon wiederfindet, sollte angeprangert werden. Gleichzeitig sollte die Notwendigkeit einer „Neugründung Europas“ propagiert werden, mit einer neuen Ausrichtung, die auf dem Willen der Bevölkerung fußt. Wenn dies nicht geschieht, wird der „real existierenden EU“ früher oder später das Schicksal des „real existierenden Sozialismus“ widerfahren.

     

    l Große politische und soziale Bündnisse auf nationaler, südeuropäischer und auf europäischer Ebene sollten gegründet werden. An dieser Stelle möchte ich die symbolische Bedeutung des Blitzbesuchs des Vorsitzenden von Synaspismos mit einer kleinen Delegation in Portugal und Spanien im vergangenen Februar erwähnen. Sie trafen sich mit den Führungsriegen von Bloco, der Kommunistischen Partei Spaniens und der Vereinigten Linken, um über die Koordinierung des Kampfes in den südeuropäischen Ländern zu sprechen. Dem Besuch folgte einige Tage später ein internationales Treffen in Athen mit dem Titel „Die Krise und der Süden Europas“. An diesem Treffen nahmen Lothar Bisky, Vertreter der radikalen linken Parteien Südeuropas, Pedro Pez von Banco del Sur und Vertreter von transform! (E. Gauthier und H. Golemis) teil.

     

    l Die Ausweglosigkeit der Politik, wie sie der Stabilitätspakt vorgibt und wie sie durch nationale Stabilitätsprogramme herbeigeführt wird, muss deutlich gemacht werden. Die Bevölkerung muss an die unsägliche Geschichte des IWF erinnert werden, der zunächst einige neue EU-Mitgliedstaaten maßregelte (Lettland, Ungarn, Rumänien) und nun eingeladen wird, ein Mitglied der Euro-Gruppe zu retten.

     

    l Glaubwürdige, aber nicht unbedingt detaillierte Programme für den Ausweg aus der Krise sollten vorgeschlagen werden, einschließlich radikaler Maßnahmen (d. h. Schuldenanpassung, teilweise oder gesamte Sozialisierung des Bankenwesens usw.), die in Bezug auf deren Effizienz und Konsequenzen sorgfältig ausgearbeitet werden müssen.

     

    l Man sollte nicht in die Falle tappen und glauben, dass „Sozialverträge“ einen Beitrag zur Verteidigung nationaler Interessen leisten. Unabhängig davon, was die etablierten Parteien behaupten, um einen klassenübergreifenden Zuspruch zu erlangen: Es gibt keine Lösung, bei der beide Seiten als Gewinner hervorgehen, insbesondere nicht während einer schwerwiegenden Krise.

     

    l Eventuelle Regierungsmaßnahmen zur Erhöhung der Steuerbasis sollten vorbehaltlos unterstützt werden, wenn sie nicht zu Lasten der Lohnempfänger gehen, denn sie tragen in den Ländern Südeuropas in der Regel die größte Steuerlast. Bei einer langfristigen Strategie der radikalen Linken zahlt sich Populismus nicht aus.

     

    l Feindliche oder freundliche Vorschläge zum Austritt eines Landes aus der Eurozone oder der EU müssen abgelehnt werden. Es gibt ein paar linke Intellektuelle und extrem linke Gruppierungen in Griechenland, aber auch vereinzelte Mitglieder von Synaspismos und Syriza, die jüngst mit dem Gedanken eines so genannten „progressiven“ Austritts aus der Eurozone spielen.5 Meiner Meinung nach ist unter den derzeitigen Machtverhältnissen ein Austritt Griechenlands oder eines anderen südeuropäischen Landes aus der Eurozone schlichtweg sinnlos, „konservativ“ und sogar gefährlich. Es würde die Rückkehr zu einer entwerteten nationalen Währung bedeuten. Dadurch würden sich die in Euro ausgewiesenen öffentlichen und privaten Schulden erhöhen, die Reallöhne und Renten mindern, und es käme zu einer erheblichen Kapitalflucht. Dies wiederum würde die finanzpolitische Situation und den Devisenhandel weiter verschlechtern und die Inanspruchnahme des IWF unausweichlich machen. Des Weiteren würde ein Austritt zum Vorteil der populistischen und extrem rechten Parteien die Kluft zwischen der Arbeiterklasse des betreffenden Landes und der Arbeiterklasse der anderen EU-Länder vergrößern. Die Situation in Griechenland, im Süden Europas und in der EU ist in der Tat besorgniserregend und instabil. Niemand weiß, ob die Krise das verwahrloste neoliberale Projekt der vorherrschenden Klassen und der etablierten politischen Kräfte Europas zerstören wird oder ob sie ein Auslöser sein wird für eine so genannte neoliberale „politische Regierungsführung“ einer Union mit oder ohne alle bzw. ein paar der PIGS-Staaten. Angesichts dieser historischen Umstände sollte die radikale Linke Europas ihren Ehrgeiz zur Veränderung wiederfinden, der einen wesentlichen Bestandteil ihrer Identität darstellt. Unsere Vorteile gegenüber Anderen in diesem schwierigen Unterfangen sind internationale Solidarität, Kooperation und gemeinsame Aktionen. Lasst uns versuchen, dieses Ziel wahr werden zu lassen.

     

    Aus dem Englischen von ECHOO Konferenzdolmetschen

     

    Anmerkungen

     

    1) Ursprünglich war die griechische Nea Dimokratia-Regierung in ihrem Haushalt 2009 von einem Verhältnis Staatsdefizit zu BIP von -2 % ausgegangen. Nach dem Kommissionsbericht wurden die Erwartungen im Januar 2010 auf -3,7 % und im Frühjahr ein weiteres Mal auf -3,7 % angehoben, siehe Entscheidung des Rates zur Feststellung, ob Griechenland wirksame Maßnahmen aufgrund der am 27. April 2009 vom Rat ausgesprochenen Empfehlung getroffen hat. Kommission für die Europäischen Gemeinschaften, Brüssel, 11.11.2009, SEK (2009) 1549 endgültig. Ein von der Europäischen Kommission am 12. Januar veröffentlichter Bericht, der auf Anfrage von EU-Finanzministern hin verfasst wurde, enthüllte die „vorsätzliche Fälschung der Zahlen durch die griechische Regierung im Jahr 2009“. Nach einem Artikel von Louise Story, Landon Thomas und Nelson D. Schwartz, der am 13. Februar 2010 in der New York Times veröffentlicht wurde, hat die bekannte Investmentbank Goldman Sachs ab dem Zeitpunkt des Beitritts Griechenlands zur Eurozone im Jahr 2001 bis vor kurzem der jeweils amtierenden griechischen Regierung geholfen, die Statistiken zu frisieren.

    2) Europäische Kommission, Generaldirektion „Wirtschaftliche und finanzielle Angelegenheiten“, Nachhaltigkeitsbericht 2009.

    3) Für eine hervorragende Darstellung der Veränderungen in diesem Land siehe Perry Anderson: A new Germany? In: New Left Review, 57, Mai–Juni 2009.

    4) Siehe „Führende Wirtschaftsexperten schließen sich an finanzpolitischen Kampf Großbritanniens an“, Leitartikel, Financial Times, 18. Februar 2010. Der Artikel bezieht sich auf einen von 67 prominenten Wirtschaftsexperten an die Zeitung geschriebenen Brief mit dem Titel „Oberste Priorität muss sein, ein stabiles Wachstum wieder herzustellen“, in dem es u. a. heißt: „es herrscht Einigkeit darüber, dass eine wirtschaftliche Konsolidierung notwendig ist, um den öffentlichen Haushalt Großbritanniens wieder zurück auf eine nachhaltige Grundlage zu stellen. Aber der Zeitpunkt der Maßnahmen sollte davon abhängen, wie gut sich das Land davon erholt“.

    5) Siehe C. Lapavitsas et al.: Eurozone Crisis: Beggar Thyself and Thy Neighbour. RMF occasional paper, Research on Money and Finance, SOAS, März 2010.


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