• Aktuelle und künftige Auswirkungen der Krise

  • 15 Mar 11 Posted under: Kapitalismus heute
  • Es wurde bereits viel zu den Auswirkungen der Krise auf die Fundamentals der Wirtschaft und über ihre sozialen Konsequenzen gesagt, die, wegen des künstlichen und ungleichen Charakters des Wachstums und seiner zur Schau gestellten Anfälligkeit, sowohl entwickelte als auch sich entwickelnde Staaten betreffen. Dennoch ist die derzeitige Situation, verglichen mit anderen Finanzkrisen, insbesondere mit derjenigen der 1930er Jahre, charakterisiert durch eine Konvergenz verschiedener Krisen: der Nahrungsmittel-, Energie und Klimakrise, verbunden mit einer Kombination sozialer Konsequenzen für Beschäftigung, Armut und Migration.

    Eine derartige Koinzidenz ist nicht zufällig. Da ist eine grundlegende historische Logik, die sie alle miteinander verbindet. Die im vorherrschenden Wirtschaftssystem periodisch als Reinigungsmechanismus wiederkehrende Krise wurde durch die unkontrollierte globale Entwicklung des Finanzkapitals verstärkt, welche hohe und schnelle Profitraten ermöglichte. Die Nahrungsmittelkrise wurde konjunkturell durch spekulative Investitionen und strukturell durch die Tatsache forciert, dass Landwirtschaft, insbesondere die Entwicklung von Monokultur, zu einer neuen Front für Kapitalakkumulation geworden ist. Die Energiekrise war verbunden mit dem Anstieg der Ölpreise, zum Teil aus Gründen von Spekulation, während notwendige Investitionen in einen Strukturwandel im Energiezyklus (Übergang von fossilen zu anderen Quellen) durch den breiten Einsatz von Geld zur Rettung des Finanzsystems behindert wurden. Durch den irrationalen Verbrauch natürlicher Ressourcen, insbesondere fossiler Energie, wie er dem Wachstumsmodell in der Periode nach dem Zweiten Weltkrieg geschuldet war, wurden klimatische Veränderungen beschleunigt. Dies war auch die Ursache für wachsende Ungleichheiten, die ein spektakuläres Wachstum für ca. 20 % der Weltbevölkerung mit unmenschlicher Armut von mehr als einer Milliarde Menschen auf dem Planet verbanden.

    Angesichts derartiger Effekte, die mit einer gemeinsamen Logik von steigenden Profitraten und der Ignoranz der ökologischen und sozialen Auswirkungen verbunden sind, können zwei Hauptfragen aufgeworfen werden: Wie lange soll das Finanz- und Währungssystem reguliert, und wozu soll es repariert werden?

    Die erste Frage muss im Lichte der großen Krise Ende der 1920er Jahre betrachtet werden. In der Erkenntnis dessen, dass die Selbstregulation des Markts eine reine Illusion ist, bestand auch damals die Lösung darin, ein neues Set von Regeln zu seiner Regulierung aufzustellen. Das waren der New Deal und seine zahlreichen Anwendungen. Doch als sich das Wirtschaftssystem wieder zu erholen begann (auch Dank des Wiederaufbaus nach einem Weltkrieg), stieg der Druck zu Deregulierung derart an, dass schließlich das etabliert wurde, was dann der „Washington Consensus“ genannt wurde, d.h. das neoliberale Zeitalter des Kapitalismus. Wird dieselbe Logik weiter vorherrschen, wie es in vielen Verlautbarungen den Anschein hat? Wenn dem so ist, dann werden wir in wenigen Jahren mit denselben Problemen konfrontiert sein. Eine erste logische Konsequenz besteht demnach darin, für den kurz- und mittelfristig bevorstehenden Zeitraum permanente Regulationen vorzuschlagen und nicht bloß zeitlich befristete Kuren.

    Die zweite Frage ist noch viel grundlegender. Um Wachstum, Entwicklung und Wohlstand wieder herzustellen, wurden effiziente Maßnahmen vorgeschlagen, die es dem Finanz- und Währungssystem gestatten, wieder auf einer gesunden Basis zu funktionieren. Aber was heißt das? Wieder mit derselben Logik zu beginnen, die zur aktuellen Situation geführt hat?

    Soll die Menschheit weiterhin die Naturressourcen ausbeuten und so das ökologische System zerstören? Werden die Finanzinstitutionen, welche die Automobilindustrie (wenn diese auch ein bisschen „grüner“ wird) stützen, dabei helfen, Monokulturen auszuweiten, die, insbesondere zur Herstellung von Kraftstoffen, die Biodiversität, Böden und Wasser zerstören? Wenn die Kopenhagener Klimakonferenz, eine Initiative der UN, effektiv sein soll, dann muss sie sehr strikte Maßnahmen zur Rettung des Planeten vorschlagen – und zwar in direktem Widerspruch zu mächtigen wirtschaftlichen Interessengruppen, die bereits Lobbyarbeit leisten, um die Resolutionen zu entschärfen.

    Wird die Restauration des Finanzsystems erneut auf der Logik ungleicher Entwicklung basieren, möglicherweise mit großen Hilfsprogrammen für arme Teile der Weltbevölkerung, jedoch ohne Infragestellung der Leitphilosophie der Weltwirtschaftsorganisation? Wird sie dazu dienen, Kriege um die Kontrolle knapper Naturressourcen und Energievorräte zu finanzieren? In anderen Worten, wird sie bedeuten „business as usual“?

    Es wurde wiederholt darauf hingewiesen, dass die Millenniums-Entwicklungsziele von der Krise betroffen sein werden. Doch diese Ziele sind bereits in sich selbst fehlerhaft. Wenn sie erreicht wären, würde im Jahre 2015, trotz der ungeheuren Reichtümer auf dieser Welt, immer noch eine halbe Milliarde Menschen an Hunger und Armut leiden. Ein sprechendes Beispiel dafür ist, dass die Afrika versprochenen internationalen Hilfen geringer ausfallen als die Beihilfen der US-Regierung zur Rettung von General Motors.

    Es besteht also die Notwendigkeit, die Frage nach den Paradigmen aufzuwerfen. Wir brauchen nicht bloß Regulationen, sondern auch Alternativen. Wir brauchen eine andere Definition von Wachstum, Entwicklung, von Wohlstand und Zivilisation. Das betrifft die fundamentalen Aspekte des menschlichen Lebens auf dem Planeten: die Beziehungen zur Natur, die Produktion von Waren und Dienstleistungen für das Leben, die gesellschaftspolitische Organisation und die Bedeutung von Leben und Ethik.

    Um diese vier Themen herum sollten neue Paradigmen entwickelt werden für das gemeinsame Gut der Menschheit. Erstens: Ein neuer und verantwortlicher Umgang mit den Naturressourcen, der die Natur respektiert und nicht als eine Ware ausbeutet, da sie die Quelle des Lebens ist. Zweitens: Da die Wirtschaft die menschliche Aktivität zur Produktion der Grundlagen des physischen, kulturellen und geistigen Lebens aller menschlichen Wesen auf dieser Welt bildet, ist dem Gebrauchswert Vorrang vor dem Tauschwert einzuräumen. Drittens: Generelle Demokratie in allen Institutionen und zwischenmenschlichen Beziehungen, einschließlich derjenigen zwischen den Geschlechtern. Und schließlich viertens: Multikulturalismus, um die Partizipation aller Kulturen, Wissensformen, Philosophien und Religionen an der Definition von Bedeutung und Ethik des menschlichen Lebens auf unserem Planeten zu gewährleisten.

    Das mag utopisch erscheinen, doch all diese Prinzipien haben direkte und konkrete Anwendungen, die bereits in vielen Teilen der Welt bestehen. Sie werden auf lokaler Ebene von sozialen Bewegungen ausprobiert, von Regierungen in politische Formen übersetzt, durch Intellektuelle theoretisch systematisiert. Eines Tages könnten die Vereinten Nationen eine Allgemeine Erklärung zum Gemeinsamen Gut der Menschheit („Universal Declaration of Humankind’s Good“) verabschieden, analog zu derjenigen über die Menschenrechte.

    Eine solche Perspektive ist eine Art von Utopie, die die Welt heute braucht, um kollektives Handeln zu motivieren, soziales Engagement zu ermutigen, politische Projekte zu verwirklichen. Es sind viele Anzeichen einer kollektiven Vitalität in der Welt, wie der Appell sozialer Bewegungen an die afrikanischen Staatshäupter, die vorgeschlagene Charter der Rechte der Bauern und andere derartige Initiativen, zuweilen Früchte härtester Kämpfe für Gerechtigkeit. Sie bilden die Quellen der Hoffnung für die Zukunft der Menschheit.

     

    Aus dem Englischen von Effi Böhlke

     

    Anmerkungen

    1) Beim vorliegenden Text handelt es sich um einen Vortrag, den der Autor auf der

    UN-Konferenz „Die Finanzkrise und ihr Einfluss auf die Entwicklung“ gehalten hat,

    die vom 24. bis 26. Juni 2009 in New York stattfand.

     


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