• Prekarisierung und Finanzialisierung

  • 14 Jun 11 Posted under: Theorie
  • Ich möchte zwei Thesen zum Thema „Prekarisierung und Finanzialisierung“, das mir Rosa Reitsamer vorgeschlagen hat, entwickeln und ihre Konsequenzen für unsere Handlungsweise, Arbeitsweise und zu guter letzt, unsere Lebensweise betrachten.

    Die erste These ist, dass die Prekarisierung eine der Konsequenzen der so genannten „Großen Transformation“ ist, die in den 1970er Jahren begann und in der Hauptsache die Zersetzung der Arbeiterklasse durch die fordistische Produktionsweise erbrachte. Auf die Zersetzung folgte deren Aufhebung mit der als postfordistisch bekannten Produktions- und Prekarisierungsweise. Obwohl beide als Ausgeburt ein und desselben bedeutsamen Geschehens im Kapitalismus, nämlich der „Entfesselung des Kapitals“, anzusehen sind, behandele ich diesen Zusammenhang ausgehend davon, was Santiago López Petit kürzlich in seinem Buch über die „Globale Mobilisierung“, einer „kurzen Abhandlung zur Auseinandersetzung mit der Realität“ (La movilisación global. Breve tratado para atacar la realidad, Barcelona, Juni 2009, spanisch), dargelegt hat. Die in den 1970er Jahren aufgetretene Zersetzung der Arbeiterklasse durchlief einen Prozess des erneuten Zusammenfügens, weil die postfordistische Produktionsweise „Ordnung“ mittels einer großen Unordnung erzwang, nämlich dem Prozess der Prekarisierung, der aufgezwungene Unsicherheit, Mobilität, Instabilität usw. bedeutet. Petit argumentiert zwar, wir sollten zu all dem noch hinzufügen, dass der globale Kapitalismus das Stadium erreicht hat, worin er den Namen des Finanzkapitalismus bekam (wenigstens wurde er vor der Krise so benannt, aber es ist auch möglich, dass der Name verschwinden wird, was nicht unbedingt bedeutet, wie ich in meiner zweiten These entwickle, dass damit die Finanzialisierung als Paradigma des Funktionierens gegenwärtiger kapitalistischer Gesellschaften und des globalen Kapitalismus vom Tisch sei). Entgegen den üblichen Katastrophen-Storys in Bezug auf die Krise bringt Petit vor, dass die zutiefst innere Logik des Kapitalismus seine ständige Wiederholung ist, weil der Kapitalismus sein Hauptgeschehen wiederhole, das heißt, „die Entfesselung des Kapitals“. Die Prekarisierung ist nur eine der Ausgeburten dieser Entfesselung des Kapitals.

    Die zweite These ist: Obwohl wir vielleicht eine leise und optimistische Erholung des neoliberalen globalen Kapitalismus erleben und Intellektuelle im Westen sich über den Kommunismus verbreiten (seltsam genug, denn seit dem Fall der Berliner Mauer wurde dieser fast zwanzig Jahre lang nicht behandelt), sind die Konsequenzen der Finanzialisierung des Kapitals einstweilen auf jeder Ebene der gegenwärtigen Gesellschaft tief verinnerlicht. Vielleicht ist das gerade, wie Petit feststellte, das Ende der offenkundig neoliberalen Ideologie, obwohl die Praktiken, Rituale und Theorien der Finanzialisierung als die Hauptlogik des neoliberalen globalen Kapitalismus, der uns in die jetzige Lage gebracht hat, im Augenblick nicht nur lebendig, sondern in jedem Bereich der Gesellschaft zutiefst zugegen sind: in unserer Arbeit, unseren Anschauungen, unserem Leben.


    I.


    Die Große Transformation, die in den 1970er-Jahren einsetzte, befindet sich heute mit dem globalen Kapitalismus, wie Petit sagte, in ihrer abschließenden Phase und präsentiert in ihrem Resultat einerseits die freie Kapitalzirkulation, den Zusammenbruch der kommunistischen Staaten sowie die „Revolution“ der neuen Medien und digitalen Technologien, andererseits die Explosion der Ungleichheiten, die Festung Europa, die europäische Art, Migranten als niedere Klasse zu behandeln und so weiter. Die Entfesselung des Kapitals erzeugt eine paradoxe Raumordnung, die zwei Wiederholungen verlangt. Petit zufolge gibt es einerseits eine Wiederkehr der Gründungen, die eine Hierarchie etablieren soll, um damit abermals ein Zentrum (die kapitalistische Erste Welt) und eine Peripherie zu konstruieren, und andererseits sozusagen den Gegenzug, den Zerstreuung und Vielfalt darstellen. Die multikulturelle Matrix in den 1990er-Jahren ist ebenfalls ein Ergebnis des letztgenannten Vorgangs. In seinem 2001 veröffentlichten Buch On the Postcolony vermerkt Achille Mbembe diese Prozesse bereits in seiner Analyse Afrikas. Ich kann kurz wiedergeben, was Mbembe vor einem Jahrzehnt als Umschwenken vom Postkolonialismus zur Postkolonie behandelt hat. Zum Einen schreibt Mbembe über Endzeit-Hierarchien, die mit purer Gewalt etabliert werden, weil die heutzutage als natürlich und normal geltende brutale Geschichte des Kolonialismus jetzt nicht als einer „Abkehr der kapitalistischen Ersten Welt von ihrer kolonialen Vergangenheit samt Ausbeutung und Enteignung“ zugehörig angesehen, sondern dass im Gegenteil dieser Kolonialismus von ehedem heute vom so genannten „Ethno“-Marketing nachgenutzt wird.i Zum Anderen fasste die EU 2009 einen Beschluss über die europäische Einstellung zum Totalitarismus, die allen Opfern totalitärer und undemokratischer Regimes in Europa Achtung zusagen und denen, die gegen Tyrannei und Unterdrückung kämpften, Anerkennung zollen werde. Nun wird einer der genannten Prozesse sehr wohl darin bestehen, dass in den Ländern des alten Osteuropas „Säuberungen“ von der kommunistischen Vergangenheit stattfinden und zugleich der Kommunismus – geschichtslos und als Markenzeichen verstanden – von westlichen Intellektuellen als das Zukunftsprojekt angepriesen wird.

    Ich werde weiterhin auf Petit zurückgreifen, der erklärt, dass es zur Entfesselung des Kapitals zwecks Umgangs mit den Konflikten, die dem Kapital innewohnen, eines formalen Rahmens namens Demokratie bedarf. „Demokratie“ versteht sich dabei als Verbund zweier Modelle: Kriegsstaat und postmoderner Faschismus. Ihr Wirken wird wiederum wie ein Gitterwerk von vertikalen und horizontalen Kräften aufgefasst. Um nun aus der alten Darstellungsweise Fredric Jamesons herauszukommen, können wir uns meines Erachtens das Zusammenwirken jener Kräfte wie im Fall der Computertomographie denken. Das bedeutet auch, wie ich bereits sagte, dass es nicht möglich ist, den globalen Kapitalismus zu verstehen, wenn wir nicht die neue Medientechnologie in ihrer Funktionslogik einbeziehen. Computertomographie (CT) ist eine spezielle Röntgenbildtechnik. Sie kann „einfach“ oder mittels Injektion eines „Kontrastmittels“ angewandt werden. Das ergibt eine perfekte Metapher für die Analyse. „Einfach“ wird sie in Afrika, im Kosovo, in Tschetschenien , auf die Arbeiter aus dem ehemaligen Jugoslawien in Slowenien oder beim Ausbeuten papierloser Migranten in der EU verwendet. Einfach bedeutet schlicht gewaltsam. Darum schert sich sowieso niemand. Oder sie kann mit dem „Kontrastmittel“ angewandt werden wie in Irak oder Afghanistan. Denn dort stehen große ökonomische Interessen wie Erdöl oder Heroin auf dem Spiel und deshalb werden Agenzien gebraucht, um diese im Schussfeld zu behalten. CT erzeugt das Bild durch Verwendung einer Menge von kleinen Einzelsensoren für Röntgenstrahlen und einen Computer. Durch Rotation der Röntgenstrahlenquelle werden Daten unter vielen Blickwinkeln gesammelt. Ein Computer verarbeitet diese Information dann zur Abbildung auf dem Videoschirm.

    Der Kriegsstaat ist das eine Antlitz dieser „Demokratie“, die Seite der Herrschaft. Das andere ist der postmoderne Faschismus. Er besorgt die Auflösung des demokratischen Staates in eine vielfältige Realität von Sozialtechnologien. Der postmoderne Faschismus fußt auf der Autonomie jedes Individuums. Und dergestalt ist er eine auf die Selbstverwaltung der eigenen Autonomie gegründete Herrschmentalität („govermentality“). Der Kriegsstaat erzeugt Kohärenz. Er homogenisiert. Er agiert mit Propaganda. Man denke zum Beispiel an die Mobilisierung der Massen gegen den Terrorismus. Der postmoderne Faschismus der anderen Seite ist informell, zusammenhanglos, denn er beruht auf der Autonomie der Unterschiedlichkeiten. Er produziert Unterschiedlichkeiten. Er agiert per Kommunikation. Das ist alles in dem oben genannten Buch von Petit brillant beschrieben.

    Ich möchte anmerken, dass der Kriegsstaat in seiner Vertikalität, in seinem Wirken per Zwang, per Gewalt nur ein reinweg faschistischer Staat ist, so wie Milošević’s Serbien, Tudjmans Kroatien usw. Doch es wäre zu einfältig, nicht effizient, sogar irreführend, diese historische Beschreibung zu benutzen, denn wir würden nicht hervorheben, was heutzutage die weltweit wichtigste Herrschaftslogik ist; und das ist die Logik des Krieges. Der Kriegsstaat hat entschieden Elemente des klassischen Faschismus: Er hat einen souveränen Führer, das Volk und den Tod als das Management des Lebens. Zugleich gegeben ist andererseits der neoliberale Kontext der Autonomie des Einzelnen, der zu Recht als postmoderner Faschismus zu benennen ist. Wie Petit sagt, sterilisiert der postmoderne Faschismus den anderen; er vertreibt den Konflikt aus dem öffentlichen Raum und neutralisiert das Politische. Es ist nicht verwunderlich, dass wir andauernd wiederholen, dem globalen Kapitalismus gehe es um die Entpolitisierung. Der postmoderne Faschismus wirkt mittels ständiger Selbstmobilisierung. Was mir in den Sinn kam, das war die letzte Weltumrundung der U2.


    II.


    Heute können wir eine Form intensivierter Biopolitik identifizieren; ich bezeichne sie fortan unter Rückgriff auf Achille Mbembe als Nekropolitik. Biopolitik ist eine Auffassung der jetzigen kapitalistischen Gesellschaften vom Standpunkt der so genannten Lebenspolitik, wobei das Leben schlechthin (via Agamben, egal ob bloßes, nacktes Leben oder Leben mit Formen) als Nullpunkt der Intervention jeglicher Politik in die gegenwärtigen Gesellschaften angesehen wird. Heute gewinnt das Kapital jedoch seinen Mehrwert durch Kapitalisierung von Welten des Todes (latein. Necro). In dem Text Necropolitics ( 2003) diskutiert Achille Mbembe diese neue Logik des Kapitals und dessen Herangehen an die geopolitische Abgrenzung von Weltzonen aufgrund der Mobilisierung der Kriegsmaschinerie. Mbembe behauptete, der Begriff Biopolitik sollte, weil die Kriegsmaschinerie und der Ausnahmezustand zu einer der Hauptlogiken der gegenwärtigen Gesellschaften geworden sind, besser durch den Begriff Nekropolitik ersetzt werden. Nekropolitik ist verbunden mit dem Begriff des Nekrokapitalismus, das heißt des heutigen Kapitalismus, der seine Formen von Kapitalakkumulation mittels Enteignung und Unterwerfung des Lebens unter die Macht des Todes organisiert. Die nekrokapitalistische Beschlagnahme des Sozialen führt zu neuen Arten möglicher Regierungsführung, die von den Normen der Konzernrationalität geprägt sind und im Managen von Gewalt, sozialen Konflikten und der Menge entfaltet werden. Unzulässig ist ein Konflikt, der die obersten Erfordernisse kapitalistischer Rationalisierung – Wirtschaftswachstum, Profitmaximierung, Produktivität, Effizienz und dergleichen mehr – anficht.

    Nekropolitik ist nicht nur für die Zweite und die Dritte Welt bestimmt, sondern auch in den kapitalistischen Gesellschaften der Ersten Welt am Werk. Heute zielt die Logik der Lebensorganisation und der Arbeitsteilung in der EU und den USA nicht auf das Maximum für das Leben, sondern auf den minimalen Lebensunterhalt und zuweilen nicht einmal auf diesen. Gerade dieser (nekropolitischen) Logik zufolge wird gegenwärtig der neoliberal-globalkapitalistische Gesellschaftskörper organisiert. Dass das Minimale aufgezwungen wird, verdeutlicht die Analyse all der Kämpfe, die zur Zeit in Europa um das Beibehalten des Sozialstaates, der einst (Dank Kampfaktionen der Arbeiterschaft) vereinbarten sozialen und gesundheitlichen Sicherheit, geführt werden. Das Nekropolitische erscheint auch deutlich in den Kontrollmaßnahmen (Abriegelung, Abschiebung und wild Migranten-feindliche Rechtspolitik der EU) in und an den Grenzen des europäischen Schengen-Raumes.

    Die heutigen Kunst- und Kulturpraktiken sind Bestandteile einer sehr mächtigen Kunstinstitution, die eine neue Generation letzten Endes von alten Machtstrukturen abhängig macht. Über multinationale Banken, Versicherungen und mächtige Familienunternehmen entscheiden sie, wer zum Kern gehört, und von Zeit zu Zeit auch, wer in der jungen Generation dazu berufen werden soll, die Kunstszene aufzufrischen. Die Gründe sind sehr einfach; die heutige Kunstinstitution ist abhängig vom Geld, der Markt und die Sammler werden diese Macht nicht aufs Spiel setzen; alle teilen die Ideologie des neoliberalen Kapitalismus und seines Wohllebens. Wie Suely Rolnik sagt, stecken sie alle im Teufelskreis der „Erzeugung luxuriöser Subjektivität“, um in der Elite der Bourgeoisie zu verbleiben, die Kunstfestivals zu bereisen, gut zu essen und zu trinken und Spaß zu haben.

    Unter Nekropolitik sollten wir ebenso zwei weitere Hauptprozesse aus der Grundmethodik heutigen neoliberalen Vorgehens anführen – die Privatisierung und Deregulierung aller und jeglicher Seiten der Gesellschaft, ihrer Institutionen und der sozialen, politischen, ökonomischen, Kultur- und Kunstpraktiken.

    Ich interessiere mich speziell für die Analyse der Institutionen insbesondere im Bereich von Kunst und Kultur. Weshalb? Wie es scheint, sind Deregulierung und Privatisierung wesentlich; sie treten im Kunst- und Kulturbereich machtvoll auf und werden dort verbissen vor Kritik und Analyse in Schutz genommen. Das geschieht nicht nur im Einzellfall Slowenien, sondern im gesamten EU-Raum und außerhalb, wenn auch mancherorts gewitzt verborgen und auf anderen Ebenen deutlich bezweckt und sogar noch weiter voran getrieben.

    Am wichtigsten ist es zu begreifen, dass der neoliberale Nekrokapitalismus von der Intensivierung seiner beiden erstrangigen Reproduktionsbedingungen lebt – der Deregulierung und der Privatisierung. Beim Behandeln und Erläutern der Logik dieser beiden Bedingungen und anderer Merkmale, die als dem Neoliberalismus innewohnend anzuführen sind, werde ich mich auf zwei Texte und ein kleines Vokabular beziehen, die unlängst in der Zeitschrift AREA Chicago, Heft 6, erschienen sind.ii

    Auf jene beiden Bedingungen einzugehen heißt sich mit einer Situation zu beschäftigen, die erst als psychotische oder Ausnahmesituation angesehen, aber bald als vollkommen normal betrachtet und akzeptiert wird. Privatisierung bedeutet, dass sich der Staat Schritt für Schritt aus dem sozialen, kulturellen und öffentlichen Leben zurückzieht und es den öffentlichen Sektoren überlässt, um private Gelder zu kämpfen. Privatisierung beinhaltet jedoch auch Privateigentum von Format oder private Instrumentalisierung der öffentlichen Institution durch ihre Betreiber. Um diese Prozesse und den Neoliberalismus genau verständlich zu machen, möchte ich das kurze, aber äußerst präzise Fachausdrucksverzeichnis heranziehen, das im angegebenen Heft von AREA Chicago erschienen ist. Ich zitiere: „Neoliberalismus ist ein Projekt radikaler institutioneller Transformation. Der Ausdruck betrifft eine einzigartige Periode im Kapitalismus. Gewisse Wirtschaftseliten einiger Länder stifteten darin einen Freihandels-Fundamentalismus, wie es ihn vor der Großen Depression nie gegeben hatte. Diese fundamentalistische Ideologie förderte den weitgehenden Abbau der Regelungen, die regionale und nationale Wirtschaften vor auswärtiger Konkurrenz geschützt hatten, sowie eines Großteils der sozialen und politischen Errungenschaften der sozialen Bewegungen (einschließlich der Gewerkschaften). Die Transformation verläuft vielerorts durch Privatisierung zuvor als Staatsmonopol betriebener Industrie- und Versorgungsunternehmen und vieler Sozialfürsorgeprogramme. Kennzeichen dieser Periode ist auch die Öffnung neuer Märkte in Lebensbereichen, die noch ungenutzte potentielle Ressourcen für Profitmacherei boten, darunter die staatlich geleistete Daseinsvorsorge, wie auch die wachsende Bedeutung von Betätigungsgebieten wie Kultur, Gesundheit, Umweltanliegen und Bildung (um nur einige zu nennen). Die Konzepte entspringen einer ‚liberalen’ Tradition aus dem späten 19. Jahrhundert, als die Theoretiker des Frühkapitalismus von Konzepten purer Freiheit ausgingen. Für den Liberalen war ‚Freiheit’ das Ideal. Für den Neoliberalen ist der durch keinerlei staatlichen Eingriff gestörte ‚freie Markt’ ideal. Wir müssen ständig bedenken, dass das Ideal der Wahrheit fern liegt und die so genannten neoliberalen Politiken von heute massives staatliches Eingreifen verlangen – nur diesmal ausschließlich zugunsten der Wirtschaftselite, ohne den Anspruch, Politiken ökonomischer Umverteilung, gleicher Möglichkeiten oder staatsbürgerlicher Teilhabe zu fördern.“

    Im neoliberalen Nekrokapitalismus wurde die gesamte Gesellschaft in ein einziges zur Kapitalisierung von Kapital bestimmtes GROSSES ANLAGEFELD transformiert. Ich möchte betonen, dass die Zeiten für Sonderstellungen von Ebenen der Gesellschaft (denken wir an Kultur und Kunst als sozusagen „außerhalb“ der in den weiteren ökonomischen, sozialen und politischen Kontexten ablaufenden Prozesse stehend) vorbei sind. Es bestand immer eine feste Wechselbeziehung zwischen dem Überbau (Kunst, Kultur, soziales Feld usw.) und der ökonomischen Basis. Der Unterschied lag darin, dass diese Logik früher verdeckt war; im Neoliberalismus sind diese Zusammenhänge deutlich zu sehen.

    Was wir sehen, ist, dass diese Kunst-, Kultur-, Sozial-, Öffentlichkeits- usw. Felder, die zuvor hauptsächlich für die ideologische Reproduktion der Produktionsweise und ihrer erwerbstätigen Bevölkerung benutzt wurden, heute für den unmittelbaren Zuwachs von Kapital aus Kapital lebenswichtig sind. Wenn wir von der nekrokapitalistisch-neoliberal radikalen Deregulierung einer jeden Institution in der Gesellschaft sprechen, ob nun der Institution Kunst oder Kultur, Politik, Gesundheitswesen, Sozialversicherung, Öffentlichkeit, Rechtswesen, Religion usw., bedeutet dies, dass das nicht nur ihre (Nicht-) Beteiligungspolitik, sondern auch die jeweilige Geschichte, die Interventionsstrategie, die Ideologie, die Rituale und die Organisationsformen anbetrifft.

    Im Neoliberalismus wirken, wie das Team von AREA Chicago formuliert, vier Prozesse: Finanzialisierung des Kapitals, spekulative Bewegungen des Finanzkapitals, Konkurrenz zwischen Gebieten und Standort-Vermarktung. Ich schlage vor, nicht nur die im Bereich von Kunst und Kultur ablaufenden Vorgänge als offen restrukturiert und dereguliert zu bezeichnen, sondern sich auch einen radikalen Prozess vorzustellen, der über die Finanzialisierung des Kapitals auch die Finanzialisierung von (kulturellen) Institutionen als solchen erfasst, und zwar ebenfalls mit den deutlich sichtbaren Merkmalen des Spekulativen, des Konkurrierens zwischen Gebieten und der Standortvermarktung. Im neoliberalen Nekrokapitalismus wirkt ein Prozess der Überdeterminierung, der eindeutig Finanzialisierung ist, nicht nur auf alle Ebenen der Gesellschaft ein, er ist auch in der gegenwärtigen Kunst und Kultur sehr stark am Werk.

    Finanzialisierung des Kapitals bedeutet, dass der Mehrwert als einziges triebhaft angestrebtes Ziel des Kapitals mittels eines Blasenmechanismus „virtueller“ Geldbewegungen, Investitionen usw. produziert wird. Das ist nicht mehr sozusagen in irgendeiner „Produktion“ verwurzelt wie während der direkten Enteignung von Menschen, Gegenden und Territorien in der noch nicht so fernen, eindeutig kapitalistischen Kolonialvergangenheit. Selbst wenn solch ein Prozess noch aktiv ist – denken wir nur an Erdöl – macht Finanzialisierung doch (virtuell) mehr Geld aus Geld, ohne den so genannten Produktionshintergrund. Es überrascht nicht, dass in der letzten Septemberwoche 2008, der Woche, als die Wall Street das düsterste Zusammenbruch-Szenario seit der Großen Depression von 1929 durchspielte, Milliarden Euro buchstäblich über Nacht verschwanden. Wir erleben einen Aspekt der angewandten Spekulationsmacht einer Kapitalisierung von Geld, das keinerlei andere Basis hat als sich selbst. Das Ergebnis solch einer Situation ist ein Sich-Selbst-Verzehren und zugleich ein mehr als vampirisch blutgieriger Zustand.

    Was sagt uns das? Wenn Finanzialisierung des Kapitals im heutigen Kapitalismus die Vorherrschaft der Finanzmärkte (Handel mit Devisen, Futures, Schuldscheinen, USA-Staatsschuldverschreibungen und anderen spekulativen Anlagenformen) gegenüber industriellen Ökonomien bedeutet, wie das Team von AREA Chicago erklärt, bringe ich deshalb das Paradigma der Finanzialisierung der Institutionen als Parallele zur Finanzialisierung des Kapitals ein. Es bedeutet die übermäßige Ermächtigung von Institutionen einzig und allein durch vollzogene spekulative Prozesse, die auf nichts anderem basieren als auf den Institutionen selbst. Diese spekulativen Prozesse werden wichtiger als jede Kunst- und Kultur-Produktion, wichtiger als jedes Kunstwerk, wichtiger als die Einstellung irgendeines Künstlers oder einer Künstlergruppe usw.

    Wie die AREA Chicago-Gruppe formuliert, ließe sich Spekulation „verstehen als Aufkaufen, Behalten und Verkaufen von etwas (alles von Grund und Boden bis zur Schönen Kunst) zum Zweck, von den Fluktuationen im Markt zu profitieren (etwa wie ‚billig kaufen, teuer verkaufen’)“. Was hier gekauft und verkauft wird, ist sozusagen Information an sich, ohne jeden Inhalt. Außerdem muss ein Prozess der „Geländesäuberung“ gestartet werden, wie man durch die Balkankriege erfuhr. Praktiken und Theorien, die den unablässigen Produktionsstrom von Information stören, haben zu verschwinden und sollten ausgemerzt werden. Sehr ähnliche Prozesse wurden und werden noch immer – nicht nur in Bezug auf die Brutalität in den Balkankriegen der 1990er-Jahre, in Tschetschenien usw., sondern auch bezüglich der in Slowenien umgebrachten Menschen – implementiert. Deshalb ist zusammenzufassen: Was stattfindet, ist ein doppelseitiger Prozess; einerseits sind Spekulationen Ergebnis einer Hyperaktivität, nicht von Kunst- oder Kulturproduktionen, sondern einer Hyperproduktion von Information an sich; und andererseits werden Institutionen als Brutkästen für ständige Produktion von Information über sich selbst aktiviert. Das ergibt, einfach gesagt, ein tägliches Bombardement mit einer unglaublichen Informationsmenge über Projekte und Aktivitäten, das niemand mehr verfolgen kann. Mit dem endlosen spekulativen Versenden und Verteilen von irgendetwas wird ein Boom gemacht. Andererseits sehen wir einen rein psychotischen Prozess totaler Entleerung.

    Überdies sind an diesem Gesamtprozess andere, weniger sichtbare Verfahren beteiligt, womit die finanzialisierte Institution ihre Macht aufrechterhalten kann, koste es, was es wolle. Wir denken an Vorgänge, wo die Institution einen „Krieg“ erklärt und damit einen Ausnahmezustand provoziert, um ihre eigene Unverantwortlichkeit zu kaschieren. Das heißt einen Raum von Kunst und Kultur als Umkreis einer zerstückelten, problematischen und verderbten offiziellen Institution hinzustellen. Für die deregulierten und spekulativen Kunstinstitutionen ist es schwierig, diesen Raum als Raum von Bündnissen zu erfassen. Aus ihrer Sicht werden marginalisierte Gruppen und Praktiken als diejenigen mit der maximalen Macht dargestellt und marginalisierte Positionen mit staatlich-institutionellen Machtpositionen gleichgesetzt. Es ist ein Verdunkelungsprozess, der schließlich auf eine Situation verweist, wo jeder sozusagen wechselseitig destruktive Standort-Vermarktungsstrategien gegen andere betreibt. Zugleich wird die offizielle Kunstinstitution jeder Verantwortung ledig und stellt sich selbst als bloßes Opfer des Systems hin.

    Was bedeutet es, einen Ausnahmezustand als Strategie zum Verdunkeln einer Eigenposition zwecks Machterhalt zu provozieren? Um zu überleben und ihre Macht im landesweiten Bereich zu reproduzieren, braucht die Institution einen totalen Krieg oder einen Oppositionsstatus. Erzeugt wird er in einem Prozess, der seine Anstiftung an einen anderen delegiert und in einem Format, das die Verantwortung der Institution verdeckt. Zu delegieren bedeutet, einerseits ein passendes (Kunst-)Format oder ein vollkommen skrupelloses Individuum zu finden, oder andererseits sogar eine internationale Institution zu finden, die gewillt ist, das ganze (schmutzige) „Kunstgeschäft“ finanziell zu unterstützen, vorausgesetzt, dass es sich in einem anderen (nationalen) Kulturbereich abspielt. Gleichwohl ist solch eine internationale Institution weit entfernt davon, dieselben „Maßnahmen“ im eigenen nationalen Kontext zu „implementieren“, denn sie werden nur in Ländern implementiert, welche die internationale „Unterstützungs“institution nicht als genügend zivilisiert ansieht. Zur Zeit wendet die internationale „Unterstützungs“institution einen Zustand von Unordnung und Machtspielen, die als Balkanisierung bekannt sind, zu ihrem Nutzen. Sich selbst stellt sie als „subversiv“ und vollkommen „autonom“ dar.

    Infolge dieser Prozesse wurden die Kategorien des öffentlichen Raumes, des öffentlichen Geldes und der Öffentlichkeit als solcher total instrumentalisiert und privatisiert.

    Zum Schluss kommend, kann ich feststellen: Institutionen und Nicht-Institutionen funktionieren durch einen Prozess der Finanzialisierung mit völlig spekulativen Szenarios ähnlich wie Banken und Nicht-Banken. Elemente des Zusammenbruchs können bereits in der Art und Weise gesehen werden, wie die Institution Kunst öffentlich funktioniert und dabei jede Grenze des guten Geschmacks übertritt.

    Kurzum, der neoliberale Nekrokapitalismus wird ständig produziert und reproduziert, nicht nur ökonomisch und politisch, sondern offenkundig auch institutionell. Diese Prozesse haben sämtlich eine Wirkung, die total und unverblümt gesellschaftlich „disfunktional“ ist. Sie erzeugt Folgen, die sich nur sehr schwer vollständig begreifen lassen. Jetzt ist es notwendig, uns aus einem Krieg aller gegen alle, des Ver-Tauschens von allem mit jedem, von jedermann mit jedermann herauszuarbeiten; es ist notwendig, eine Unterscheidungslinie im Raum kennzeichnen zu können, während lokale und internationale Bündnisse aufgebaut werden. Das sind die einzig möglichen Wege zum Wandel der zur Zeit deregulierten und privatisierten ökonomischen, sozialen und institutionellen Bereiche unseres Lebens und Werkens.

    Außerdem ist es wichtig zu sagen, dass die gegenwärtige Situation dem Kapital freie Hand für seine dringlichste Zielsetzung geben wird, nämlich für die Intensivierung des Zusammenbruchs und/oder einer vollständigen De- und Umstrukturierung der werktätigen Klasse längs der beschriebenen Linie intensivierter Prekarisierung des Lebens vom Biopolitischen zum Nekropolitischen. Das wird mittels einer bereits stattfindenden Intensivierung geschehen; laut Ignacio Ramonetiii kann diese mit den vier großen Prinzipien der Rationalisierung benannt werden:

    1. Abbau der Beschäftigtenzahl;

    2. Abbau von Löhnen und Gehältern;

    3. andauernd erhöhte Arbeitspflichten und

    4. Umstrukturierung der Unternehmen und Umverteilung von Gütern und Ressourcen.

    Diese Prozesse wird das Kapital in vielen unterschiedlichen Situationen durchziehen, so durch Ausüben der Kontrolle über das Leben, durch Betreiben des Krieges gegen den Terrorismus oder zum Zivilisieren derjenigen, die noch nicht genügend zivilisiert sind!


    Aus dem Englischen von Joachim Wilke

     

    Literatur


    Giorgio Agamben: State of exception. University of Chicago Press, Chicago 2005.

    Achille Mbembe: On the Postcolony. University of California Press, Berkeley 2001.

    Achille Mbembe: “Necropolitics”. In: Public Culture, 15 (1), 2003, S. 11-40

    Marina Gržinić and Rosa Reitsamer (eds.): New Feminism: Worlds of Feminism, Queer and Networking Conditions. Löcker Verlag, Wien 2008.

    Santiago López Petit: La movilización global. Breve tratado para atacar la realidad. Editorial Traficantes de Sueños, Barcelona 2009

    Reartikulacija, Artistic-Political-Theoretical-Discursive-Platform and Journal,

    www.reartikulacija.org





    i Dieses „Ethno“-Marketing, das in der EU und in der kapitalistischen Ersten Welt schlechthin immer häufiger auftritt, war unlängst Thema einer Debatte unter Studenten, Professoren und Nachwuchswissenschaftlern der Fachrichtung „Post-konzeptuelle Kunstpraktiken“ an der Wiener Akademie der Künste. Diskussionsteilnehmer berichteten von einem der jüngsten Vorkommnisse, worin dieses „Ethno“-Marketing seinen puren Rassismus offenbarte. Das geschah am 26. August 2009, als zwei Fotos aus einer Werbesendung auf einer Microsoft-Website in Internetforums und Blogs zu zirkulieren begannen. Das eine zeigte einen Konferenztisch mit vergnügten Mitarbeitern, einem Asiaten, einem Schwarzen und einer Weißen. Das andere Bild war aus der polnischen Fassung der selben Site und identisch mit der zuerst genannten, nur war der Kopf des Schwarzen ersetzt durch den Kopf eines weißen Mannes. Siehe mashable.com/2009/08/26/microsoft-photoshop-trainwreck/

    ii

     Ich beziehe mich auf Daniel Tucker und sein Editorial „Inheriting the Grid“ sowie auf Nik Theodore, Jamie Peck und Neil Brenner: „The City as Policy Lab“, AREA Chicago (ART/RESEARCH/EDUCATION/ACTIVISM), n°6, August 2008.


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