• Honduras: Anatomie eines Staatsstreichs

  • 24 Jun 11 Posted under: Lateinamerika
  • Heimgesucht von Epidemien und Fluten, ist Honduras seit den Tagen Francisco Morazáns1nicht nur eines der ärmsten Länder der Region, sondern auch heimliches Schlachtfeld von Konservativen und Liberalen. Seit Beginn des letzten Jahrhunderts hingen die politischen Mächte stets von einer Armee im Dienst von United Fruit und anderen US-Unternehmen ab. Nach dem „Fußball-Krieg“ (Ryszard Kapuscínski2), auch „100-Stunden-Krieg“ genannt, in dem es um territoriale Streitigkeiten mit El Salvador ging, und einem Jahrzehnt extremer militärischer Spannungen in den 1980er Jahren, als Honduras als Rückzugsgebiet der von den USA gestützten nikaraguanischen „contras“ diente, wurde dieses relativ kleine zentralamerikanische Land mit seinen etwa 6 Millionen Einwohnern am 28. Juni 2009 zum Gegenstand der Schlagzeilen in aller Welt: „Staatsstreich in Honduras!“

    Schon bald wurde klar, dass dieser Putsch nicht nur das Resultat innerer Konflikte zwischen Präsident Manuel Zelaya und dem Präsidenten des honduranischen Parlaments, Roberto Micheletti, um politische Macht und die Führung der Liberalen Partei war, wie es einige Journalisten zunächst so darstellten. Es stellte sich heraus, dass dieser Putsch ein komplexes und multidimensionales Szenario eröffnete, das zwei antagonistisch entgegengesetzte politische Kulturen widerspiegelt: die eine, die im althergebrachten Nationalismus des 19. Jahrhunderts wurzelt, der immer noch in den führenden Eliten vorherrscht (wie in vielen lateinamerikanischen Ländern); die andere, die auf der Tradition der Volkskämpfe beruht, lange Zeit charakteristisch für Zentralamerika, insbesondere seit der sandinistischen Revolution in Nikaragua und der revolutionären Bewegung der FMLN in El Salvador.

     

    Der Putsch: Déjà vu neuen Formats

    „Sie hätten uns leicht ermorden können“, erinnert sich Xiomara Hortensia Zelaya, die Tochter Manuel Zelayas, während sie auf die Einschüsse in der Mauer des Gebäudes zeigt, das einst als Privatsitz des Präsidenten diente. In der Tat erinnerten die Gefangennahme des Präsidenten und sein erzwungener Flug nach Costa Rica in vielerlei Hinsicht an die Ereignisse vom 11. September 1973, als Soldaten in das Büro Salvador Allendes in der Palacio de la Moneda in Santiago de Chile eindrangen. Nicht wenige Analysten sind der Meinung, dass es der Armeechef selbst, General Romeo Vásquez Velásquez, war, der letztlich vor dem Wunsch der golpistas3zurückschreckte, Zelaya zu ermorden. Carolina Echeverría, eine Parlamentarierin aus dem südlichen Departamento Cabo gracias a Dios, die bis zum Tag des Staatsstreichs zum inneren Kreis der politischen Gefolgschaft Roberto Michelettis gehörte, meint, dass dies der Grund war, weshalb in einer derart sorgfältig geplanten Operation die Machtübernahme so reibungslos verlief.

    „An dem Brief, in dem Zelaya angeblich abdankte, war alles gefälscht: Das Datum war gefälscht, die Unterschrift war gefälscht, und da die Behörden verfassungsmäßig nicht berechtigt, eine Amtsenthebungsklage zu initiieren, blieb also nur ein Haftbefehl für den Staatschef“, erklärt sie. Gefragt, warum sie dies nicht während der Parlamentssitzung sagte, auf der Zelaya seines Amtes enthoben wurde, antwortet sie: „Da ich mir sicher war, dass niemand zugunsten des Präsidenten würde sprechen dürfen, erschienen wir einfach nicht, um diesen kriminellen Akt nicht durch unsere Anwesenheit zu legitimieren.“

    Auch eine aus 17 internationalen Beobachtern zusammengesetzte europäisch-lateinamerikanische Menschenrechtsmission, die drei Wochen später nach Honduras kam, um vielfältige mit dem Putsch verbundene Übergriffe zu untersuchen, kam zu denselben Schlussfolgerungen:

    Die Kommission stellt fest, dass die Institutionen nicht ihren Aufgaben nachkamen, angefangen von der Abwesenheit wechselseitiger Kontrolle der staatlichen Machtorgane, der exzessiven Politisierung des Rechtssystems, bis hin zum Fehlen jeglichen Schutzes der Exekutive, der zweifelhafte Straffunktionen übertragen wurden, wie etwa „Hochverrat gegen den Staat“…, alles Fakten, die grundlegende Änderungen in den Staatsstrukturen erfordern würden, um die öffentlichen Interessen, die kollektive Wohlfahrt und den vollen Respekt der Menschenrechte und des sozialen Friedens zu gewährleisten.

     

    Die Wurzeln des Putsches

    Es handelte sich genau um diese Veränderung der Machtstrukturen des Landes, der undemokratischen Herrschaft zweier hegemonialer Parteien, die, wie Manuel Zelaya selbst, zu den traditionellen Eliten der Landeigentümer, der großen Handelsunternehmen und, seit jüngerer Zeit, der in den Händen weniger Familien befindlichen transnationalen Unternehmen gehörten, als Manuel Zelaya versuchte, mit der sogenannten „consulta“ einen ersten Schritt in Richtung einer Verfassungsreform zu gehen. Und diese „consulta“ sollte am 28. Juni darüber entscheiden, ob das Volk in einer künftigen Präsidentschaftswahl mit einem vierten Votum – neben demjenigen über den Präsidenten, das Parlament und die lokalen Behörden – über die Bildung einer verfassungsgebenden Versammlung abstimmen würde.

    Das war der eigentliche Grund für den Putsch und nicht, wie die Opposition behauptete, Manuel Zelayas Wunsch nach einer Wiederwahl – wofür es ohnehin zu spät war, da die Kandidaten beider Parteien bereits im November 2008 aufgestellt worden waren. Wie dem auch sei: Anders als in Bolivien, Ecuador und Venezuela (wo Anfang des Jahres ähnliche „consultas“ abgehalten wurden) standen die bewaffneten Kräfte von Honduras geschlossen auf der Seite des politischen Establishments, das in Sorge geriet, seine Privilegien zu verlieren. „Das ist nicht bloß ein politischer Konflikt oder ein Problem der ‚Menschenrechte‘ im traditionellen Sinne des Wortes“, sagt der anerkannte Soziologe und Theologe François Houtart, der Mitglied der Menschenrechtsmission war, „das ist vor allem ein Klassenkampf“. Und Rafael Alegría, der Gründer und langjährige Generalsekretär von Via Campesina, der weltweit größten sozialen Bewegung, erklärt: Zelaya kommt aus dem konservativen Bereich der großen Landeigentümer, doch in den letzten Jahren engagierte er sich für das einfache Volk und für solche Projekte wie ALBA.4 Er hob die Mindestlöhne an, erließ den Bauern die Schulden und widersetzte sich Privatisierungen insbesondere im Dienstleistungssektor. Das hat die Bourgeoisie und die Oligarchie so gestört, dass sie nach Wegen suchten, ihn zu stürzen.

    In der Tat: Die überwiegende Mehrheit der „Weißen Hemden“ (der Anhänger Roberto Michelettis) sind Angestellte und Arbeiter des privaten Sektors, während die Lehrer, Studenten, Kleinbauern, die Land- und Arbeitslosen sich zu den vielen Tausenden gesellten, die für die Rückkehr Zelayas demonstrierten und nun das Movimiento de Resistencia contra el Golpe (Widerstandsbewegung gegen den Putsch) bilden.

     

    Die Methodologie der Unterdrückung

    Einem Staatsstreich zu widerstehen, ist nicht einfach – insbesondere dann, wenn die Menschen nicht darauf vorbereitet sind. Zuerst einmal versuchten die golpistas, durch Schließung solcher Fernsehsender wie Canal 36, von Radio Progresso (das von Jesuiten betrieben wird) und Radio Globo, jegliche Form nichtoffizieller Kommunikation zu verhindern. Letzteres wurde mehrfach von Polizeikräften angegriffen, konnte aber durch spontane Mobilisierung von Unterstützung irgendwie überleben; insoweit ist es die beste inländische Informationsquelle über den honduranischen Widerstand (http://www.radioglobohonduras.com).

    Aber auch Zeitungen wie die radikale Wochenzeitung El Libertador wurden massiv unter Druck gesetzt, zunächst durch militärische Intervention, später durch Morddrohungen gegen Journalisten, die den Putsch kritisierten. „Manchmal erkannten wir in diesen Angriffen selbst die Stimme des Generalstaatsanwalts“, sagt Eduardo Maldonado, ein Journalist von Radio Globo, „und wir fühlen uns schrecklich allein – wie ein David gegen viele, viele Goliaths.“ Doch nicht nur die Drangsalierung der Medien macht die Situation so schwierig. Jede Art öffentlichen Auftretens wird systematisch unterdrückt. David Murillo, einer der Gründer des Movimento ambientalista de Olancho (MAO) und Vater des jungen Demonstranten, der am 5. Juni auf dem Flughafen von Toncontín erschossen wurde, als Zelaya versuchte, mit dem Flugzeug zurück zu kehren, wurde verhaftet – und zwar wesentlich deshalb, weil er die Armeedarstellung in Zweifel zog, wonach der Tod seines Sohnes die unbeabsichtigte Folge des Einsatzes von „Gummigeschossen“ war. Statt das Verbrechen zu untersuchen, verhaftete die Polizei David Murillo und sperrte ihn in das Gefängnis von Juticalpa, Departamento Olancho, angeblich, weil er nach einem Streit mit seinem Nachbarn im Jahre 2004 nicht vor dem Richter erschienen war.

    Die Putschisten scheinen eine Doppelstrategie zu verfolgen: Auf der einen Seite versucht die de facto-Regierung von Roberto Micheletti verzweifelt, sich ein ziviles und zivilisiertes Gesicht zu geben, indem sie jeden Repressionsakt mit legalistischen Argumenten rechtfertigt und vertuscht; auf der anderen Seite ermutigt sie Armee, Polizei und paramilitärische Truppen, sich frei zu fühlen, alles tun zu können, was immer sie wollen, einschließlich Morddrohungen, Raub und Mord. Dieser Widerspruch zwischen „legalen“ Argumenten der Regierungsinstitutionen und der Logik der Macht in ihrer brutalsten Form (beispielweise, wenn die „Kräfte von Gesetz und Ordnung“ während oder nach einer Demonstration Menschen gewaltsam angreifen oder ermorden) macht den entscheidenden Unterschied aus zwischen diesem Staatsstreich und den fünf anderen, die seit 1966 in Honduras stattgefunden haben, sowie all den anderen Machtübernahmen durch das Militär im 20. Jahrhundert.

    Die Gründe dafür, warum dies in diesem Moment der Geschichte auftritt, sind nicht einfach zu finden. Vielleicht, weil die de facto-Regierung meint, ansonsten würde sie der Gefahr eines Interventionskrieges von Seiten Nikaraguas, Venezuelas oder selbst der USA ausgesetzt sein, oder doch zumindest der Bildung einer Guerilla-Bewegung, die es bislang in Honduras noch nicht gibt. Oder vielleicht, weil einige ausländische Berater glauben, angesichts der Tatsache, dass die ganze Welt den Putsch verurteilt, sei ein schmutziger Krieg „geringer Intensität“ praktikabler als ein offener Krieg?

     

    Die Wiederkehr der Vergangenheit

    Allerdings hat die Frage noch eine andere, eine internationale Dimension. Das zeigte sich beispielsweise im Fall von Pedro Magdiel Muñoz, eines jungen Aktivisten aus Tegucigalpa, der am 24. Juli auf seinem Weg nach El Paraíso in der Nähe der Grenze zu Nikaragua verhaftet wurde. Pedro Magdiel war einer der vielen Menschen, die Präsident Zelaya treffen wollte, um ihn auf seinem Weg nach Tegucigalpa zu begleiten. Am nächsten Morgen wurde seine Leiche gefunden, mit fatalen Stichwunden und Foltermalen, nur wenige Meter entfernt von der Menge. Nach Ansicht von René Andrés Pavón, Vorsitzender des Komitees für Menschenrechte in Honduras (CODEH), gibt es israelische Kommandos, „deren Aufgabe darin besteht, die bewaffneten Kräfte und die Polizei auszubilden, aggressiv und gewaltsam gegen Demonstrationen vorzugehen, indem ausgewählte Verbrechen ausgeführt werden, um Angst und Furcht zu verbreiten und so den Widerstand zu demobilisieren.“

    Doch wie immer agieren die Israeli nicht allein; da gibt es eine kolumbianische Connection. Söldner von der paramilitärischen AUC werden rekrutiert, um die November-Wahlen „vorzubereiten“, was den Neid der Belegschaften der Polizei hervorrief, die immer noch auf ihren Lohn warten. Kürzlich koordinierte der Generaldirektor der Nationalen Polizei, Salomón de Jesús Escoto Salinas, das Training von Spezialeinheiten in Kolumbien. Escoto war nicht nur Mitglied des berühmt-berüchtigten Batallions 3–16, welches durch Billy Joya gegründet worden war, seinerseits für die Folter, das Verschwinden und die Ermordung hunderter linker Aktivisten in den 1980er Jahren verantwortlich und heute Top-Sicherheitsberater von Präsident Roberto Micheletti. Gemeinsam mit René Maradiaga, dem Geheimdienstchef, ist Polizeichef Escoto auch verantwortlich für die Massaker an Hunderten von jungen Leuten in La Ceiba und San Pedro Sula während Präsident Roberto Maduros „Null- Toleranz Kampagne“ in den Jahren 2003 und 2004.

    Mit anderen Worten: Unter dem Cover des legalistischen Erscheinungsbildes des Micheletti-Regimes gibt es ein transnationales Netzwerk zum Teil sehr bekannter Mörder. Diese werden wahrscheinlich durch Figuren unterstützt wie Otto Reich, Unterstaatssekretär für Lateinamerikanische Angelegenheiten, und John Negroponte, ehemaliger Präsident des Nationalen Sicherheitsrates der USA, der in den 1980er Jahren den „schmutzigen Krieg“ gegen die zentralamerikanische Linke befehligte. In den Monaten vor dem Putsch besuchte Negroponte Honduras dreimal. Von Zeit zu Zeit interviewt CNN Ex-Staatssekretäre der Bush-Administration, um ein „Gegengewicht“ zu Barack Obamas offiziellem und festem Standpunkt herzustellen, der nicht nur den Putsch verurteilte, sondern auch jegliche militärische und bilaterale Hilfe einstellte (mit Ausnahme humanitärer Hilfe).

     

    Zelaya: „Friedlicher Widerstand“

    All dies führt Manuel Zelaya zu der politischen Schlussfolgerung, dass „trotz der öffentlichen Verurteilung des Putsches durch Präsident Obama die konservativen Gruppen in den USA, die den Putsch unterstützen, noch immer das Machtmonopol dieser Nation dominieren.“

    Von transform! nach seiner Strategie befragt, mit der er diesem mächtigen Gegner entgegentreten will, sagt Zelaya: „Es gibt zwei Wege, um dieser Situation zu begegnen: einen kurzen, der blutige Auseinandersetzungen mit einer Vielzahl von Opfern impliziert, und einen langen, der mehr Menschen verschont. Ich habe den letzteren gewählt, weil ich die Methoden des friedlichen Widerstands von Martin Luther King und Mahatma Ghandi nicht nur studiert habe – ich wende sie auch an!“

    „Ist das auch der Grund, weshalb Sie zu den örtlichen Militärführern sprechen?“, frage ich ihn, während er an der nikaraguanischen Grenze von Las Manos herumtelephoniert.

    „Schauen Sie sich doch mal um, dann werden Sie sehen, wer in Honduras die Macht hat. Wen sehen Sie? Zivilisten oder Militärs?“, fragt er und fügt hinzu: „Deshalb muss ich zu ihnen sprechen.“

    Die Situation an der Grenze war wirklich eigenartig: Während Tausende von Menschen versuchten, sich mit Holzknüppeln ihren Weg zu bahnen und improvisierte Barrikaden zu errichten, versuchten andere, die Felder bei Nacht zu durchqueren und die andere Seite zu erreichen. Die Szenerie erinnerte sehr an die Situation während der sandinistischen Revolution von 1979, mit dem Unterschied, dass die Menschen nunmehr unbewaffnet und unorganisiert waren. Sie hatten keinen Führer, der das Territorium kannte. Es gibt Aussagen von Zeugen, die Leichen in den Feldern gesehen hatten, welche verschwanden, als das Rote Kreuz kam, um sie zu bergen.

    Trotz dieser enorm ungleichen Beziehung zwischen den beiden Kräften, dem zivilen Widerstand auf den Barrikaden und den Militärs an den Grenzübergängen, schafften es mehrere hundert Menschen, durchzukommen und Zelaya zu begrüßen, als dieser auf der nikaraguanischen Seite der Grenze

    ankam. Die meisten von ihnen dachten und denken immer noch, dass die Rückkehr des legitimen Präsidenten von Honduras nur eine Frage von Tagen oder weniger Wochen ist und dass die internationale Gemeinschaft mit einer Lösung dieses für die Mehrheit der honduranischen Bevölkerung immer unerträglicher werdenden Konflikts aufwarten würde.

     

    Der Arias-Plan: eine Falle für die internationale Gemeinschaft?

    Doch bislang erfüllt die internationale Gemeinschaft, einschließlich der OAS, der UNO, der Rio Gruppe und selbst UNASUR, nicht die in sie gesetzten Erwartungen und wird dies voraussichtlich auch nicht tun. Zur Schlüsselfrage wird, ob sie die von der Micheletti-Regierung als Weg aus der Krise betrachteten Wahlen verurteilen und boykottieren wird. Für jeden Beobachter Lateinamerikas ist es kurios genug, dass die von Barack Obama geführte Regierung eine der ersten war, die es ablehnte, die Wahlen unter den gegebenen Bedingungen zu akzeptieren. Erneut haben die USA in diesem Fall eine kohärentere Stellung bezogen als die EU, die nur den Putsch verurteilte, ihre Botschafter abzog, Mittel für die honduranische de facto-Regierung einfror und weitere Verhandlungen über den Freihandelsvertrag mit Zentralamerika unterbrach. Auf der anderen Seite konnten oder wollten weder die USA noch die EU den IWF daran hindern, Honduras im Rahmen des G20-Programms für die ärmsten Länder der Welt 150 Millionen Dollar zur Verfügung zu stellen.

    Zu einem großen Teil ist das Zögern der großen Spieler in der Weltpolitik dem Gewicht geschuldet, welches sie dem Friedensplan beimessen, den der Präsident von Costa Rica und Nobelpreisträger Oscar Arias ausgearbeitet hat. Dieser 12-Punkte-Plan empfiehlt die Rückkehr von Präsident Zelaya – allerdings um den Preis der Aufgabe weiterer Schritte hin zu einer Verfassungsreform. Anders ausgedrückt: Der vom Micheletti-Regime abgelehnte Arias-Plan will, dass Zelaya nach Honduras zurückkehrt wie ein Erzengel mit gebrochenen Flügeln.

    In diesem Sinne stellt sich der Arias-Plan als Falle nicht nur für Präsident Zelaya heraus, sondern auch für die internationale Gemeinschaft, die diesen Putsch verurteilte. Jüngsten Gerüchten zufolge denkt Oscar Arias selbst über eine Anerkennung des Wahlprozesses in Honduras nach, was sicher einen Wandel in der Position der EU mit sich bringen würde, die auf ihrer letzten Ratssitzung am 14. September verlautbarte: Der Rat bekräftigt seine feste Unterstützung der OAS und der Vermittlungsbemühungen des Präsidenten von Costa Rica, Oscar Arias, und ruft alle beteiligten Akteure, insbesondere die de facto-Regierung, dazu auf, auf der Basis des Übereinkommens von San José an einer schnellen und friedlichen Lösung der gegenwärtigen Situation und an der Wiederherstellung der verfassungsmäßigen Ordnung in Honduras zu arbeiten, insbesondere vor den November-Wahlen …

    Das bedeutet, dass sich die EU noch hinter Arias, der zum Dreh- und Angelpunkt im honduranischen Konflikt geworden ist, verstecken und seinen Arm möglicherweise umdrehen kann, der sich in der Vergangenheit so flexibel wie Gummi erwiesen hat, ohne die Kernfrage zu berühren: Können unter den gegebenen Umständen in Honduras überhaupt faire Wahlen stattfinden?

     

    Die Notwendigkeit internationaler Solidarität

    Die honduranischen sozialen Bewegungen, die sich mittlerweile unter dem Schirm der Frente Nacional contra el Golpe (Nationale Front gegen den Putsch) zusammengeschlossen haben, haben dem Wahlprozess ein klares „Nein“ erteilt. Ursprünglich wollten sie die Kandidatur von Carlos H. Reyes unterstützen, eines Gewerkschafters und Aktivisten des Weltsozialforums, der während einer friedlichen Demonstration von der Polizei schwer verletzt worden war. Darüber hinaus wiesen sie deutlich auf die dringende Notwendigkeit einer „consulta“ hin, um eine verfassungsgebende Versammlung vorzubereiten, ob nun die EU, die USA oder selbst Zelaya dies akzeptieren oder nicht.

    In diesem Sinne geht das politische Ziel der Bewegungen weit über die sogenannte „Wiederherstellung der verfassungsmäßigen Ordnung“ und die Rückkehr von Präsident Zelaya hinaus. Es ist auf einen sozialen Wandel ausgerichtet, der nur durch eine Veränderung der politischen Struktur im Sinne der Etablierung einer wahrhaft partizipatorischen Demokratie in Honduras erreicht werden kann – und dies zum ersten Mal in der Geschichte des Landes!

    Aus diesem Grunde hat die honduranische Widerstandsbewegung eine andere Art von Unterstützung dringend nötig, als sie die „internationale Gemeinschaft“ bereit ist zu geben. Je länger der Kampf des honduranischen Volkes anhält, je mehr er anwächst, desto mehr brauchen diese Bewegungen politische und ökonomische Unterstützung der unterschiedlichen zivilgesellschaftlichen Netzwerke weltweit.

    Wegen seiner geopolitischen Lage und seiner relativen Schwäche ist Honduras zur Zielscheibe der in- und ausländischen Neocons und der extremen Rechten geworden – weil diese sich bewusst sind, dass sie mit dem politischen Weggang von George W. Bush einen ihrer stärksten Posten verloren haben. Mit dem Staatsstreich vom 28. Juni füllte Honduras diese Lücke aus und wurde zum Schlachtfeld, auf dem die reaktionärsten Kräfte des Kontinents ihre blutigen Strategien für ein Comeback auf globaler Ebene ausprobieren. Lasst uns Ausschau halten, wer der nächste sein wird!

    Nachsatz: Die Masken abnehmen

    Die bereits alarmierende Übernahme der honduranischen Machtstrukturen durch das Militär wurde zu einem Albtraum, als Präsident Zelaya drei Monate nach dem Putsch plötzlich in der Brasilianischen Botschaft in Tegucigalpa erschien. Für einen Moment hegte das honduranische Volk die Hoffnung, Roberto Michelettis de facto-Regierung würde Zelayas Angebot eines bedingungslosen Dialog auf Basis des Arias-Plans akzeptieren.

    Doch nur zu bald setzte die Wirklichkeit diesen Hoffnungen ein Ende, als die Sicherheitskräfte nicht nur die vor der Brasilianischen Botschaft versammelte Menge in schwere Bedrängnis brachte, sondern die Demonstranten bis in ihre Häuser verfolgte und es zahlreiche Tote und Verletzte gab. Ein paar Tage nach der Ankunft von Zelaya und seiner Frau Xiomara setzte eine Spezialeinheit der Polizei vor der Botschaft zwei Antiterror-Waffen ein: das LRAD (Long Range Acoustic Device), auch „Schallkanone“ genannt, das schrecklichen Krach macht, der zu ernsthaften Gehörschäden führt, und eine Giftgasbombe, deren Substanzen bei den betroffenen Personen Übelkeit und Ohren- und Nasenbluten hervorruft. „La Tribuna“ zufolge, die normalerweise überhaupt nicht kritisch ist, wurden diese illegalen „Antiterror-Waffen“ von Yehuda Leitner zur Verfügung gestellt, einem Ex-Offizier der israelischen Armee, der in Tegucigalpa residiert.

    Um diese erschreckenden Aktionen der Sicherheitskräfte zu legitimieren, erließ die Micheletti-Regierung ein Dekret, das alle verfassungsmäßigen Garantien für 45 Tage aussetzte, jegliche Demonstration verbot und den bewaffneten Kräften Honduras gestattete, solche Aufgaben der inneren Sicherheit zu übernehmen, die der Polizei vorbehalten sind. Darüber hinaus verhinderte sie die Einreise einer OAS-Delegation und drohte der brasilianischen Botschaft, sie innerhalb von zehn Tagen zu schließen.

    Obwohl der Oberste Gerichtshof von Honduras eine Woche später, und in Reaktion auf die Verurteilung durch den UN-Sicherheitsrat, dabei war, diesen Regierungserlass zu revidieren, drangen die Sicherheitskräfte am 30. September in das Hauptquartier der honduranischen Bauernorganisation ein und verhafteten 50 seiner Mitglieder.

    Der letzte Fetzen des durch die Putschisten nach dem 28. Juni benutzten legalistischen Schleiers ist verschwunden, und trotz der einstimmigen internationalen Proteste nahmen die Mörder ihre Masken ab. Während die Repression fortgesetzt wird, gibt es in der brasilianischen Presse ernsthafte Stimmen, die eine militärische Aktion der Vereinten Nationen fordern.

     

    Aus dem Englischen von Effi Böhlke

     

    Anmerkungen

    1) General Francisco Morazán (1792–1842) versuchte als Präsident von Honduras, El Salvador

    und Costa Rica, Zentralamerika zu vereinen und mit den Mitteln liberaler Reformen in

    eine progressive Nation zu transformieren. Aber die Kühnheit dieser Veränderungen für

    diese Zeit führten 1837 in Guatemala zu einer Revolution, die die Föderale Republik von

    Zentralamerika zu Fall brachte.

    2) Vgl. Ryszard Kapuscínski: Der Fußballkrieg. Frankfurt am Main 1990.

    (poln.: Wojna futbolowa, Warschau 1978.)

    3) Golpistas: die Putschisten.

    4) Alternativa Bolivariana de las Americas – die Initiative von Hugo Chavez zur Integration

    Lateinamerikas zu einem gemeinsamen Markt auf der Basis der Konvergenz der politischen

    Kulturen.


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