• Die Reise ins Zentrum der Transition. Ein Bericht.

  • 14 Jun 11 Posted under: Zentral- und Osteuropa , Serbien , Soziale Bewegungen und Gewerkschaften
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    Das Ereignis

    Am 23.04.2009 trat eine Gruppe der organisierten arbeitslosen TextilarbeiterInnen in Novi Pazar, Südserbien, in Hungerstreik. Die Hauptforderung der Gruppe, die im Namen von 1532 anderen Mitgliedern der Vereinigung der „Textilarbeiter von Novi Pazar, Sjenica und Tutin“ auftrat, war die Auszahlung der ausstehenden garantierten Löhne, die teilweise seit 1992 nicht mehr ausbezahlt wurden. Am 24.04.2009 schnitt sich Zoran Bulatovic, der Vorsitzende der Vereinigung und ein Teilnehmender des Hungerstreiks, den kleinen Finger der linken Hand ab und sagte vor laufenden Kameras, dass er aufgehört habe, am Hungerstreik teilzunehmen, weil er seinen eigenen Finger essen werde. Und noch dazu: Wenn die Regierung in Belgrad keine Bereitschaft zu Verhandlungen zeige, werde jeden Tag ein anderer der streikenden ArbeiterInnen einen Finger abschneiden. Und wie die letzte Botschaft im Video auf You Tube heißt:  „Alle sind bereit, das zu tun, falls wir keine positiven Antworten bekommen werden.“ Dieses Bild wurde vom regierungsunabhängigen TV Sender B92 in die Öffentlichkeit gebracht und von den anderen Fernsehsendern übernommen, um anschließend ein kurzes Thema in den europäischen Medien zu werden.1

    Die Situation

    Es ist der 11. August 2009. Ich bin gerade in Novi Pazar angekommen, wo sich im April 2009 der letzte Höhepunkt des jahrelang andauernden Arbeitskampfes der arbeitslosen TextilarbeiterInnen abgespielt hat. Im Büro seiner Organisation treffe ich ihren Vorsitzenden, Zoran Bulatovic, gemeinsam mit zwei seiner MitstreiterInnen bei einer Besprechung. Ich muss nicht viele Fragen stellen. Das Gespräch an diesem Abend dauerte zweieinhalb Stunden. Niemand griff während dieser Zeit nach der Uhr. Entstanden ist eine lange und aufschlussreiche Tonbandaufzeichnung, welche die Grundlage des folgenden Textes bildet.

    Die derzeitige Verletzlichkeit der ArbeiterInnen in Serbien ist vergleichbar mit derjenigen, welche während der Krise der dreißiger Jahre im industriellen Europa herrschte. Die Volksküchen in den Großstädten offerieren den am härtesten Betroffenen die Mahlzeiten.2 Das dichte jugoslawische soziale Netz wurde unter der neoliberalen Umstrukturierung vollkommen außer Kraft gesetzt. Das Vermögen der Menschen wurde in den Inflationswirbeln Anfang der 1990er Jahre vollkommen vernichtet, und das durchschnittliche Einkommen beträgt derzeit 32.000 Dinar (ca. 320 Euro). Die Lohnabhängigen stürzen in Armut, und dies umso mehr, wenn sie ihre Lohnarbeit verlieren. Die Armutsgrenze in Serbien liegt bei 8.883 Dinar (95 Euro) und trennt  490.000 Menschen vom Rest der Bevölkerung. Doch dieses Bild täuscht. Denn würde diese Grenze nur auf 10.000 Dinar (110 Euro) erhöht werden, würde die Zahl der Armen sich verdoppeln (Lopusina, 2009, 5). Wohlgemerkt: Wir reden hier von einem ehemaligen Industrieland, dessen Lohnniveau sich demjenigen einzelner westlicher Länder anzunähern begann. Serbien ist ein Land, dessen nationalistische und neoliberale Regierungen innerhalb von zwei Jahrzehnten einen Großteil der Industrialisierung verspielt haben, welche die sozialistische Regierung Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg durchgeführt hatte. Es stellt sich natürlich die Frage, wer dafür die Schuld trägt. Wessen Interesse könnte es gewesen sein, auf diese Weise ein Land zurück zu werfen? Und wessen Interesse könnte es gewesen sein, die Arbeitenden so in die Armut zu bringen, dass sie aus Verzweiflung zu Formen der Selbstzerstörung greifen? Viele Fragen, auf die eine ernsthafte Antwort erst mit der Zeit gegeben werden kann. Ein lokaler Gewerkschaftsfunktionär in Novi Pazar drückte diesen Sachverhalt folgendermaßen aus: „Erst in zwanzig Jahren wird es vielleicht klar sein, wer was und für wen wie viel gekauft hat und wie viel davon die herrschenden Eliten in Serbien und anderswo in ihre eigene Tasche reinstecken konnten.“ Vielleicht wird dann jemand auch etwas über die Zerstörung der Arbeiterschaft schreiben, eine Zerstörung, deren Opferzahl von niemandem gezählt wird.

    Die Entmachtung der ArbeiterInnen

    In Novi Pazar traf ich viele selbstbewusste ArbeiterInnen und fragte mich, wie es möglich ist, dass diese Menschen bis jetzt geschwiegen haben. Dass sie, die zumindest in Ansätzen die jugoslawische Selbstverwaltung in den Fabriken und überhaupt Vieles kennen gelernt haben, von dem die ArbeiterInnen im Westen nur träumen könnten, sich auf diese Weise „kampflos“ dem Feind ergeben.3 Die Antwort darauf kenne ich bis jetzt nicht genau, es ist aber sicher, dass es mehrere Linien der Entmachtung der ArbeiterInnen gegeben hat.

    Zunächst einmal war da der Verrat der gesamten Führungselite der kommunistischen Partei Anfang der 1990er Jahre, indem sie das Privateigentum ermöglichte, ohne dem Kollektiveigentum eine Garantie für die Zukunft zu geben. So war es nur eine Frage der Zeit, wann das gesamte Kollektiveigentum privatisiert würde. Dazu kam die offizielle Rhetorik der „Sozialistischen Partei“ von Milosevic, die sich nach wie vor als „links“ bezeichnete.  Diese Selbstbezeichnung wurde zu einem geschichtlich einmaligen Simulacrum linker Position. (Blagojevic, 2008, 125-128)

    In Zusammenhang damit kam es zu einer starken nationalistischen Propaganda und zur Schaffung eines Feindbildes, das die anderen Völker Jugoslawiens ins Visier nahm, was die Aufmerksamkeit der ArbeiterInnen lenkte. Die anschließenden wirtschaftlichen Sanktionen und die NATO-Bombardements gegen die Bundesrepublik Jugoslawien kamen den wirtschaftlichen Eliten sehr gelegen, führten sie doch zu einer Minderung des Wertes zahlreicher Immobilien, die zu kaufen sie sich gerade anschickten. In dieser Hinsicht waren die Sanktionen ein optimaler Weg zur preisgünstigen Aufstockung privaten Kapitals. Sieht man von den Wirtschaftssanktionen ab, deren Hauptziel Serbien war, kann durchaus behauptet werden, dass dieser Prozess im gesamten jugoslawischen Raum so ablief.

    Die fünfte Kolonne der ArbeiterInnen waren ihre Eliten, die alles darauf setzten, weiterhin Eliten zu bleiben. Von der materiell gesicherten ideologischen Elite zur ökonomischen Machtelite: Das war der Gang der Geschichte im Osten Europas. In der Geschichte ist das nichts Neues. Der Film „Der Leopard“ von Luchino Visconti führt genau vor Augen, wie das in Italien beim Übergang vom Feudalismus in einen kapitalistisches Nationalstaat vor sich ging. In diesem Film kommt der Satz vor: „Man muss sich verändern, damit alles beim Alten bleibt.“ Was aber im Fall Jugoslawiens und des gesamten Ostblocks neu ist, ist, dass die gesamte Elite sich in den Dienst einer Ideologie stellte, die sie bisher als „rückschrittlich“ betrachtet und bekämpft, mehr noch, durch deren Bekämpfung sie ihre Eliteposition erreicht hatte. Verraten durch die Direktoren, die alle dabei waren, die bis dahin im Namen der Arbeiter verwaltete Arbeitsstätte für sich zu verwerten, und durch den Verlust des ideologischen Raums der marxistischen Interpretation der Entwicklungen (viele ehemaligen „Marxisten“ waren plötzlich Neoliberale geworden), blieb die Arbeiterklasse in einem leeren theoretischen und praktischen Raum, der sich durch die Sorgen um die eigenen und die Existenz der Familie noch vergrößerte.

    Die Hoffnungen auf eine „demokratische Erneuerung der Gesellschaft“ wurden enttäuscht. Die Arbeiterrepräsentanten der neu entstandenen Gewerkschaften repräsentierten vor allem sich selbst.  In den Gremien versuchten sie möglichst viel Macht anzuhäufen, um möglichst nahe an den exklusiven Umverteilungsorten der Privatisierung zu bleiben. Stojan Drcelic (2009, 13) vergleicht in der Wochenzeitung NIN die bestehenden Gewerkschaften mit denjenigen in der Zeit von Milosevic und kommt zu dem Schluss, dass diese den ArbeiterInnen zumindest billige Nahrungs- und Waschmittel besorgt hatten. Der Soziologe Djokica Jovanovic (2008, 33) beschreibt die derzeitige Käuflichkeit der Gewerkschaften in Serbien folgendermaßen: Selten könne man einen Gewerkschaftsführer und eine Gewerkschaftszentrale finden, bei denen nicht bereits auf den ersten Blick ein angeklebtes Preisschild sichtbar würde. 

    Die ArbeiterInnen wurden völlig allein gelassen, so dass einzelne Gruppen unter ihnen überhaupt aufgehört haben, darüber nachzudenken und rational zu überlegen, was da mit ihnen passiert. Somit ist ein neuer Moment des kollektiven Bewusstseins entstanden: Den größten Exodus und das größte Opfer für die Zerschlagung Jugoslawiens musste – neben der „Nation der Jugoslawen“, die ca. 1,5 Millionen zählte und völlig zum Verschwinden gebracht wurde – die Arbeiterklasse erbringen. Genau das schien niemanden zu stören, auch die Linken nicht. Die westliche institutionelle Linke, eingewickelt in ihre eigene Nationsposition, war unfähig, über die eigenen Grenzen hinaus zu schauen. Dergleichen passiert mit den Gewerkschaften im Westen, die unfähig sind zu begreifen, dass ein gemeinsamer Raum, den der Kapitalismus alltäglich durch die Ansiedelung von Firmen überall auf der Welt erreicht, auch die tatkräftige Verpflichtung einer Solidarität mit den ArbeiterInnen überall auf dieser Welt nach sich zieht. Wie konnte sich z.B. die österreichische Angestelltengewerkschaft, die die Angestellten derjenigen Banken vertritt, die sich massiv im Osten niedergelassen haben, der Verantwortung für das entziehen, was mit den Angestellten, wohlgemerkt der gleichen Firmen, außerhalb der Grenzen Österreichs, passiert? Die gleiche Frage kann man allen Gewerkschaften stellen, die in Firmen agieren, welche überall auf der Welt Niederlassungen haben. Wie können sich jene der Verantwortung für ihre Kollegen entziehen, nur weil diese nicht innerhalb der Grenzen des Staates leben, in welchem diese neokolonialen Globalplayer ihren Sitz haben? Dieses engstirnige, nationalistische Verhalten wird diesen Gewerkschaften eines Tages einen massiven Legitimationsverlust bringen – wenn das nicht schon jetzt der Fall ist!

    Die neue Elite in der Zwickmühle

    Die derzeitige Situation der Eliten in Serbien ist sehr spezifisch. Ihre Geldgeber aus dem Westen sind nicht mehr bedingungslos da. Es muss also überlegt werden, wie die gesammelten Güter gesichert werden können. Es gibt nicht mehr allzu viel, was sich noch in kollektiven Eigentum befindet. Alles gehört jemandem, und das Meiste gehört den ehemaligen Parteifunktionären, den Generaldirektoren der ehemaligen Fabriken, die dies im Dienst ihrer westlichen Chefs verwalten sollen. Die Verwaltung bestand bis diesen Sommer in einer eklatanten Ignoranz gegenüber der Vernichtung der Arbeitstätten durch die Privatisierung. Serbien kehrt dorthin zurück, wo es sich vor der Industrialisierung befand: In den Status einer Agrargesellschaft, die, am Rande des Zentrums befindlich, in einer halbkolonialen Beziehung zu diesem steht.

    Die Hauptgegner auf diesem Weg der Deindustrialisierung sind diejenigen, die alles zu verlieren haben – die ArbeiterInnen. Denn Jugoslawien, als Land der Selbstverwaltung, war ein Land der Arbeitenden. Die Arbeitenden hatten in den Fabriken (Arbeiterräte) und in der Gesellschaft eine starke Position. Sie waren der tatsächliche Gegner, der, um die Privatisierung lückenlos durchzusetzen, vernichtet werden musste. Die dazu verwendete Taktik ist der Nationalismus (Bulatovic distanziert sich gleich zu Beginn unseres Gesprächs vom Nationalismus!). Der Rückgriff auf den Nationalismus als Kampfinstrument und strategischen Einsatz diente vor allem als eine Art ideologischer Nebelbombe, um den Raub zu rechtfertigen.

    Derzeit, wo der Nationalismus nicht mehr zieht, wo auch diejenigen enttäuscht wurden, die sich vom Ausrauben ihres Nachbarn eine Besserung ihrer Situation erhofft hatten, und wo die Bosse im Westen aufgrund der wirtschaftlichen Verhältnisse nicht mehr bereit sind, viele Flüchtlinge aufzunehmen, kommt es zu einer Weitung des Blicks. Je mehr sich der Nebel hebt, desto deutlicher zeigt sich der Öffentlichkeit eine Landschaft, die bis dahin nur schemenhaft sichtbar war: Die Landschaft der Arbeitsverhältnisse. Objektiv waren sie immer da, nur waren sie nicht Teil der öffentlichen Rede, da diese etwas anderes zu verkünden hatte: Entsolidarisierung der Arbeitenden mittels Nationalismus. Dieser zeigt derzeit, wie sie in den letzten zwanzig Jahren von diversen neoliberalen und nationalistischen Regimes zerstört wurden... Aber dahinter zeigen sich Menschen, es zeigen sich diejenigen, die von dieser Zerstörung direkt betroffen waren, die in den Verhältnissen leben, von denen in den Mainstream-Medien nicht berichtet wird – die alltäglich kämpfen, um auf dem angekündigten Weg in die helle Zukunft der „Demokratie“ nicht zu verrecken, die also für das Allernotwendigste kämpfen: für ihre körperliche Integrität. Und in dieser Situation interveniert die Gruppe um Bulatovic und erklärt diese körperliche Souveränität für real existent, indem sie das Recht auf eigenen Körper verkündet – bis hin zur Selbstvernichtung.

    Die neuen Kämpfe

    In Novi Pazar und Serbien gibt es eine Arbeiterklasse, und es gibt sie auch in ganz Serbien und überall dort, wo es Arbeiterkämpfe gibt. Denn allein der Kampf, die Einübung in einen Dissens, ist Indikator der Existenz politischer Subjekte. Allein im Juni und Juli 2009 gab es in Serbien über 40 zumeist „wilde“ Streiks.

    Wie lässt sich die Tatsache erklären, dass sich die sozialen und politischen Unruhen erst jetzt ausbreiten, fast zwanzig Jahre nach dem Beginn der Transition? Zunächst einmal daraus, dass die Umverteilung des Kollektiveigentums durch die Ethnisierung der Konflikte erfolgreich verdeckt wurde. In der Öffentlichkeit war von „Serben“, „Kroaten“; „Albaner“ usw. die Rede, während sich im Hintergrund, angestachelt und koordiniert durch die westlichen Multis, ein beispielloser Raub vollzog. Nun gibt es jetzt nicht mehr sehr viel, was nicht einen privaten Besitzer hat, und es zeigt sich, dass die Welt nach wie vor, aber nun in einer weitaus mörderischeren Variante, aus Armen und Reichen besteht. Und die Armen haben nichts mehr, woran sie sich halten können, wenn sie von den Reichen zum Verrecken auf die Straße gesetzt werden. Die ArbeiterInnen sind trotz aller „ethnischen Säuberungen“ noch immer da, und, wie jetzt alle zu realisieren beginnen, sie sind um vieles verletzlicher als jemals in den letzten hundert Jahren. Die ArbeiterInnen im Osten befinden sich in einer Situation der „ursprünglichen Akkumulation des Kapitals“ und werden entsprechend entrechtet und ausgebeutet.

    Dazu kommt eine kleine, aber nicht unwesentliche Differenz: Die Akkumulation des Kapitals im Westen erfolgte durch eine Schicht von Menschen, die, letztlich auch, um negative Auswirkungen auf die ihnen nachfolgenden Generationen abzuwenden, die ursprüngliche Gier sozial verträglich zu kanalisieren strebten (Sozialstaat). Die Piraten mussten im selben Staat wie die von ihnen Ausgeplünderten leben. Im Osten ist es heute jedoch so, dass ein Großteil des akkumulierten Kapitals in Richtung Westen fließt.  Das zeigte sich, trotz gegenteiliger Beteuerungen, als zu Beginn der Finanzkrise im Jahr 2007 die investierten Milliarden Euro sehr schnell den Weg vom Osten in den Westen fanden.4

    Dadurch aber, dass die tatsächlichen Nutzer durch die Nationalgrenzen geschützt sind, werden sie nie zu Opfern der neuen sozialen Unruhen werden können – das ist die ausgeklügelte taktische Vorgangsweise der neuen Herrscher im Osten. Auch wenn es zu sozialen Unruhen kommt – davon betroffen sein werden nur die stellvertretenden Eliten5 in diesen neokolonialen Staatenhülsen. Die tatsächlichen Herrscher werden sich umso mehr über die „Barbaren dort unten“ auslassen können.6 Dieser Situation lässt sich nicht anders entgegen treten, als durch eine konsequente weltweite Solidaritätsbewegung all jener, die unter dem Kapital leiden. In dieser Hinsicht besteht unbedingter Handlungsbedarf seitens der europäischen Linken.

    Der Akt von Bulatovic

    Zoran Bulatovic hat durch seine Tat nichts anderes gemacht hat, als die Grenze der Körperlichkeit, diesen heutzutage unhinterfragten Fetisch der materiellen Selbsterhaltung, durch seine Geste in Frage zu stellen: Er verwendet Gewalt (und mit ihm auch die arbeitslosen TextilarbeiterInnen), um auf eine viel größere Gewalt hinzuweisen, die ihn und alle anderen um ihn herum bedroht, und sich ihr entgegenzustellen. Öffentlich betont er immer wieder, dass seine Handlung im Namen von Vielen erfolgte: von allein stehenden Müttern, von Kranken, von Arbeitsinvaliden, und auch im Namen von inzwischen verstorbenen ArbeiterInnen aus der Textilfabrik. Indem er sie aufzählt, zählt er die Verdammten dieser Erde. Genau dieser Akt der Grenzsetzung einer erniedrigenden und alles verbrennenden Gewalt der Transition (im Zeichen der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals und der Deindustrialisierung des Landes) in seiner individuellsten und unmittelbarsten Form als Gewalt an sich selbst, als Selbstverstümmelung, ist die aus seiner Sicht absolute Negation des Zieles der neoliberalen Umstrukturierung. Denn wenn es, mit Hegel gesprochen, keinen Knecht gibt, weil dieser Knecht bereit ist, selbst seine körperliche Unversehrtheit in der Knechtschaft aufs Spiel zu setzen, setzt er auch die davon abhängige Position des Herren außer Kraft. Zumindest symbolisch. Das scheint die letzte Pointe des Ereignisses in Novi Pazar zu sein.

    Darum hat sich auch die Meinungsproduktionsmaschine der Mainstream-Medien auf ihn so gewaltig gestürzt. Es ging in diesem Angriff darum, diese Form eines so basalen Widerstandspotentials der Armen und Entrechteten gegenüber den Reichen wieder in Vergessenheit zu bringen, zu verdecken. Es ging darum, ihn (durch die Psychologisierung, Psychiatrisierung, Viktimisierung und andere übliche Techniken der Entpolitisierung der Situationen) in die Kategorie der Anormalen (in Novi Pazar und Serbien) und jener der „Balkanmentalität“ (im Westen) einzuordnen. Als ich die wenigen Berichte in den westlichen Medien las, konnte ich mich kaum des Eindrucks erwehren, dass es wieder einmal darum ging, ein Opfer zu konstruieren. Ein Opfer, dem anschließend an diese Berichte die ganze Armee der mittelmäßigen Bediensteten der westlichen NGOs im Namen der Entwicklungshilfe – und gut besoldet! – zur Hilfe eilen würden. Es ging darum, den subversiven Gehalt seines Aktes der direkten Aktion ad acta zu legen. Senada Rebronja, die Stellvertreterin von Zoran Bulatovic, betont im Gespräch, dass sie in ihrer Gruppe diese Tendenz in der öffentlichen Wahrnehmung sofort erkannt hatten: „Wir haben uns dagegen gewehrt, dass aus ihm (Zoran Bulatovic – A. d. A.) ein Psychopath gemacht wird. Es muss allen klar sein, dass, wenn er als Präsident der Vereinigung ein Psychopath ist, die anderen 1500 arbeitslosen Mitglieder es auch sind.“ Der Kampf, der da geführt wird, ist nicht einer von einem Individuum, das so leicht als psychotisch abgetan werden könnte, sondern einer, der im Namen der Gruppe und als Gruppe geführt wird und für den Gruppe auch in jeder Hinsicht die Verantwortung übernimmt.

    Dass dieser Fall auch unter den Linken sehr wenig diskutiert wurde, zeigt die Ratlosigkeit, die, angesichts der neoliberalen Offensive und der gerade durch die Krise stattfindenden Umstrukturierung herrscht.

    Was aber tun, wenn diese Arbeitskraft in vollem Bewusstsein und durch eine rationale Entscheidung beginnt, sich selbst zu vernichten? Es geht nicht mehr um Maschinenstürmer, sondern um eine Verstümmelung des Selbst in der Überzeugung, dass dadurch nicht nur der Arbeiter, sondern die gesamte, auf der Arbeitskraft dieses Arbeiters aufgebaute, Logik zum Stürzen gebracht werden könnte. Die letzte und die heiligste Bastion der kapitalistischen Verwertungslogik und des Dispositivs der Wertvermehrung, die Arbeitskraft, sagt in einem letzten, verzweifelten, aber durchaus rationalen Akt: Nein!

    Diese mögliche Waffe der Arbeitskämpfe, gewissermaßen der Nullpunkt solcher Kämpfe, haben die hungerstreikenden ArbeiterInnen in Novi Pazar, und mit ihnen Zoran Bulatovic, wieder ins Bewusstsein gerufen. Auf der anderen extremen Seite dieser Kampfinstrumentarien befindet sich der Generalstreik. Die Selbstvernichtung der so begehrten (allerdings möglichst billigen) Arbeitskraft und ihre höchste Organisation als Generalstreik: Zwischen diesen zwei Extrempolen befinden sich abertausend anderer Techniken und notwendiger Maßnahmen, die über die Jahrhunderte entwickelt und ausprobiert wurden. Und von denen leider viele in Vergessenheit geraten sind. Heutzutage geht es nicht allein – und nicht nur in Osteuropa – darum, diese anzuwenden, sondern auch darum, sie den ArbeiterInnen ins Bewusstsein zu bringen. Ihnen die Angst vor dem Heiligenschein der Privatbesitzer und deren Beschützern zu nehmen, um deren Maßnahmen durch die Verwendung dieser Techniken zu bekämpfen. Die Arbeitenden haben also sowohl auf der Mikro-, als auch auf der Makroebene Instrumentarien entwickelt, die sie dem Inhaber der Produktionsmittel entgegen setzen können. Der Verdienst der hungerstreikenden arbeitslosen ArbeiterInnen in Novi Pazar ist es, diese Tatsache wieder in Erinnerung gerufen zu haben.


    Literatur

    Blagojevic, Goran: Levica u Srbiji na prelazu iz industrijskog u informacijsko drustvo. In: Mladenovic, Ivic / Timotijevic, Milena (Hg.): Sloboda Jednakost Solidarnost Internacionalizam. Izazovi i perspektive savremene levice u Srbiji. Cugura print, Beograd, 2008, 113-138.

    Bratic, Ljubomir (2008): Zur Frage der Transformation der Elite im Osten Europas. Auf: http://eipcp.net/transversal/0208/bratic/de (Zugriff: 19.08.2009)

    Boltanski, Luc/ Chiapello, Éve (2003) Der neue Geist des Kapitalismus. UVK, Konstanz.

    Drcelic, Stojan: Raspirivanje socijalnog mira. In: NIN, 13.08.2009, 13.

    Golic, Slavko (2009): (Ne)probojnost istine. Auf: http://www.republika.co.yu/456-459/07.html (Zugriff: 18.08.2009)

    Interview mit Zoran Bulatovic und Senada Rebronja am 10.08.2009 in Novi Pazar, Serbien

    Interview mit Fam. Murtezic am 10.08.2009 in Novi Pazar, Serbien.

    „Investitionsgewinne bleiben Osteuropa selten treu“. In: NZZ; Nr. 131, 10.06.2009, 15.

    Lopusina, Marko: Prosjacki stap sve blize. In: Novosti, 03.08.2009, 5.

    Jovanovic, Djokica: Jutarnje pitanje jednog sociologa. In: Mladenovic, Ivic / Timotijevic, Milena (Hg.): Sloboda Jednakost Solidarnost Internacionalizam. Izazovi i perspektive savremene levice u Srbiji. Cugura print, Beograd, 2008, 17-36.

    Mojic, Dusan: Radnicka participacije danas. Svetska iskustva i nasa stvarnost. In: Mladenovic, Ivic / Timotijevic, Milena (Hg.): Sloboda Jednakost Solidarnost Internacionalizam. Izazovi i perspektive savremene levice u Srbiji. Cugura print, Beograd, 2008, 231-259.

    Popov, Nebojsa: Lek kao otrov. Auf: http://www.republika.co.yu/456-459/03.html (Zugriff: 22.08.2009)

    Todorova, Maria (1999): Die Erfindung des Balkans. Europas bequemes Vorurteil. Primus, Darmstadt.

    Ugresic, Dubravka: Warum hauen die nicht ab? In: NZZ FOLIO, 03/2005, 16-20.

    Anmerkungen

    1 Darüber berichteten die Wiener Tageszeitung „der Standard“ und die Berliner Zeitung „taz“ und Wochenzeitung „Jungle World“. Diese Aufnahme von Bulatovic kann noch immer auf http://www.youtube.com/watch?v=prXdfVnM GE0 (22.08.2009) angesehen werden.

    2 Die Monatsration beinhaltet „fünf Kilo Mehl, 300 g Salz, einen Liter Öl, ein Kilo Zucker, jeweils ein halbes Kilo Nudeln, Reis und Bohnen, 100 g Hefe, eine Fleischkonserve, zwei Fischdosen und eine Dose Leberpastete.“ (Novosti, 25.07.2008, 13)

    3 Diese „Kampflosigkeit“ stellte sich allerdings mit der Zeit als meine eigene Projektion heraus. Es hat die ganze Zeit Kämpfe gegeben. Viele aber sind, da sie nicht ins offizielle Bild passten, kaum wahrgenommen worden. Die Idee der Selbstverwaltung lebt nach wie vor in den Vorstellungen der ArbeiterInnen; so hat sich in den repräsentativen soziologischen Untersuchungen 1989, 1996 und 2003 eine „große Mehrheit der Befragten in Serbien zugunsten der nur teilweisen Privatisierung und einer Herstellung oder Vergrößerung der Formen der Teilnahme der Beschäftigten ausgesprochen.“ Mojic, 2008, 253. (Ü. d. A.)

    4 „Im Jahr 2008, so zeigen die Daten des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche, wurden in den osteuropäischen EU-Staaten bereits rekordnahe 70%  der mit FDI (ausländische Direktinvestitionen, A. d. A.) erzielten Erträge ins Land des Investors zurückgeführt.“ NZZ, 10.06.2009, 15.

    5 Zur Transformation der Elite im Osten vgl. Bratic 2008.

    6 Vgl. Todorova 1999.


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