• Gemeinsame Anliegen und Lösungsansätze des ersten Weltforums zu Wissenschaft und Demokratie

  • 11 Apr 11
  • Nachstehender Text ist das Anfangsergebnis des ersten Weltforums zu Wissenschaft und Demokratie, das auf dem WSF in Belém 2009 stattfand. Mit ihm beginnt ein offener und weltweit nicht ausschließender Aufbauprozess. Angestrebt wird ein internationales Netzwerk von Bewegungen, Organisationen und Einzelpersonen, die sich um Fragen von Wissenschaft und Technologie wie auch anderer Wissensformen in Bezug auf sozietäre und demokratische Anliegen kümmern.

     

    Anliegen und Ansätze in Kürze

     

    1. Alles Wissen, die Wissenschaft einbegriffen, ist ein gemeinsames Erbteil der Menschheit. In ihrer gesamten Geschichte war es eine ihrer fundamentalsten Bestrebungen, das menschliche Wissen zu erweitern.

    2. Wissen und die Methoden, es zu gewinnen, können Emanzipation und Vorankommen von sozietären Interessen und/oder Domination und Unterdrückung hervorbringen.

    3. Wir sind für Regimes, die Gemeingüter schützen und befördern, sowie für andere Systeme der Vergütung von Innovationen, die nicht darauf abzielen, Wissen in Monopolbesitz oder Profitquell zu verwandeln.

    4. Fragen von Wissenschaft und Technologie (S&T) berühren einen bedeutenden Teil der Wirtschafts-, Klima-, Umwelt- und Demokratie-Krise, vor der die Welt heute steht, sowie auch der Krisen in Bezug auf Nutzung und Produktion von Energie, Ernährungssicherheit, Krieg und Militarismus. Wir müssen gründlicher begreifen, inwiefern Fragen von S&T einen Teil dieser Probleme, aber auch einen Teil der Lösungen ausmachen.

    5. Es muss anerkannt werden, dass die Werte wissenschaftlicher Communities in historisch- kulturellen Prozessen wurzeln und von ihnen geprägt werden. Unabhängigkeit und gesellschaftliche Verantwortlichkeit von Forschern sowie Offenheit und Universalität der Wissenschaft sind zu fördern, und dabei ist die soziokulturelle Mannigfaltigkeit der Gegenwart zu beachten.

    6. Wir erkennen an, dass es in verschiedenen Ländern und auf verschiedenen Ebenen wie wissenschaftlichen Einrichtungen und lokalen Kommunitäten unterschiedliche Regimes der Wissensproduktion gibt. Historische Kontexte beeinflussen die politischen, kulturellen, Bildungs- und Wissenschaftsentwicklungen in der Gesellschaft so, dass sowohl akademisches wie auch traditionelles Wissen auf mannigfaltige Art gewonnen werden. Gebraucht wird ein neuartiges Umweltwissen, das unterschiedliche Regeln für das Eigentum an Wissen beachtet. In diesem Kontext unterstützen wir Initiativen wie jene für den offenen Zugang zu wissenschaftlichen Zeitschriften und Quellen für eigene wissenschaftliche Archivierung.

    7. Bestrebungen, die informierte Teilnahme von Staatsbürgern an Entscheidungsprozessen über S&T-Politiken zu fördern, sind auf internationaler, nationaler und lokaler Ebene zu verstärken.

    8. Geändert werden muss der gegenwärtige Zustand, dass Marktinteressen, Konzernprofite, die Konsumkultur und Militärzwecke die Haupttriebkräfte für Forschung, Technologie und Innovation sind.

    9. Wir stehen zu dem Grundsatz, dass der Schutz des Menschenlebens ein Zentralwert der Wissenschaftspraxis ist, und rufen deshalb die S&T-Community auf, sich nicht auf Forschung für Militärzwecke einzulassen.

    10. Sehr notwendig ist es, das gesellschaftliche Verlangen nach und die Befähigung der Menschen zu demokratischer Kontrolle von Forschungs- und Innovationspolitiken zu fördern.

    11. Zu fördern sind auf Zusammenarbeit und Teilhabe von unten nach oben gestützte Forschungssysteme.

    12. Wir bezwecken den Aufbau eines internationalen Netzwerks, das die Bedeutung der S&T hervorheben und zugleich einige gefährliche Tendenzen in der heutigen S&T-Haltung zu Demokratie- und Umweltfragen sowie zur Dynamik der kapitalistischen Globalisierung kritisch verfolgen soll.

    13. Dieses offene Netzwerk sollte die Communities der Wissenschaftler wie auch der Techniker und unterschiedliche Sozialbewegungen einschließen. Wir werden darauf abzielen, einen demokratischen Dialog und ein Zusammenwirken von wissenschaftlichen und sozialen Organisationen einzuleiten.

    14. Dieses Netzwerk soll Bewegungen verstärken, welche die Art und Weise anfechten, in der Konzern-, Privat-, Militär-, Politik- und damit verquickte staatliche und andere Machtinteressen die Oberhand über die S&T gewinnen wollen, was die ethischen Werte und das Gewinnen von S&T-Wissen antastet.

     

    Dieser Text wendet sich an:

    ● Wissenschaftler, Techniker, Erzieher und Sachverständige sowie an ihre Institutionen in aller Welt;

    ● Urvölker, Bauernverbände, Gewerkschaften, andere soziale und politische Organisationen, NGOs, weitere Organisationen und Institutionen mit wissenschaftlich-technologischen Anliegen;

    ● alle aktiven Teilnehmer von weltweiten, regionalen und lokalen Sozialforen;

    ● internationale, regionale, nationale und lokale öffentliche Behörden in aller Welt.

    Wissenschaft, Forschung, Technologien und Innovation stehen im Zusammenhang mit umfassenderen großen Ansätzen für die Zukunft unserer Gesellschaften und der Umwelt. Deshalb appellieren wir an Sie alle, konkrete Zusammenhänge zwischen Ihren eigenen Agenden und politischen Prioritäten und dem Inhalt dieses Dokuments herzustellen.

    Wir appellieren an alle wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Organisationen, die aktiven Teilnehmer an Sozialforen und alle Bürger der ganzen Welt, diese Bewegung von nun an zu erweitern und zu kräftigen und sich an folgenden Aktivitäten zu beteiligen:

    Januar 2010: Regionalforen zu Wissenschaft und Demokratie

    Januar 2011: Zweites Weltforum zu Wissenschaft und Demokratie

    Wir appellieren an alle einschlägig befassten Menschen, an Organisationen, Bewegungen und Netzwerke aller Arten, nunmehr rings um die Welt öffentliche Debatten zu veranstalten, um die Mehrzahl unserer jeweiligen Gesellschaften und Kommunitäten für diese Ansätze zu befähigen.

     

    Diesen Text haben Staatsbürger von achtzehn Ländern auf vier Kontinenten verfasst und ratifiziert.

    Belém (Brasilien), 1. Februar 2009.

     

    Aus dem Englischen von Joachim Wilke, Zeuthen