• Die globalisierungskritische Bewegung und der Marxismus

  • 25 Apr 11
  • Die Dialektik der Interrelationen in der Epoche des Proto-Empires

    Auf dem Europäischen Sozialforum in Malmö fand eine Reihe von Seminaren statt, die transform! bzw. seine Partnerorganisationen veranstalteten. Die folgenden Beiträge wurden auf einem dieser Seminare mit dem Titel „Marxism and Altermondialism“ gehalten.

     

    Jorge Martín

     

    International Marxist Tendency

     

    Vor beinahe 20 Jahren, nach dem Zusammenbruch des Stalinismus in Russland und Osteuropa, startete die herrschende Klasse einen Propagandafeldzug gegen das Ideengut des Marxismus. „Sozialismus ist gescheitert”, „es gibt keine Alternative”, so lauteten einige der alltäglichen Kehrreime dieser Kampagne. Heute sind diese Vorstellungen nicht so populär und die Apologeten des Kapitalismus nicht so euphorisch, aber zu ihrer Zeit zeigte die Propaganda Wirkung. Viele Führer der linken Parteien und Bewegungen haben sie geschluckt oder sind sogar auf den Zug aufgesprungen und haben sich offen dem bürgerlichen Lager angeschlossen. Doch der Kapitalismus war nicht in der Lage, seine grundlegenden Widersprüche zu lösen, und so begann langsam aber sicher eine neue Welle von Kämpfen. Die Wahl von Chavez in Venezuela 1998, die antikapitalistischen Demonstrationen in Seattle 1999, der Aufstand in Ecuador 2000, der Krieg ums Wasser in Cochabamba (Bolivien) im selben Jahr, die massenhaften Antikriegsdemonstrationen rund um den Globus 2003 – all das markiert den Anfang einer Erholung der Arbeiter-, Jugend- und Bauernbewegung. In den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern entstand aus der wirren und instinktiven Zurückweisung des Kapitalismus und seiner Auswirkungen eine vor allem von jungen Leuten getragene Bewegung, die „Altermondialismus” genannt wird. (Im Deutschen hat sich die Bezeichnung „globalisierungskritische Bewegung“ durchgesetzt – die Red.) Diese neue Welle von Kämpfen begann genau zu der Zeit, als die Bedeutung des Marxismus an seinem Tiefpunkt angekommen war. Die Bewegung war zu Beginn in ihren Zielen, Ideen, Methoden, Strukturen etc. notwendig verworren. Aber dann wurden die Dinge zunehmend klarer. 2005 sagte Präsident Chavez öffentlich, dass „die Probleme von Ungleichheit, Armut und Massenelend innerhalb der Grenzen des Kapitalismus nicht gelöst werden können” und brachte damit zum ersten Mal den Sozialismus als vorwärts weisende Idee auf. Jetzt ist die Zeit gekommen, sich auf die Konzepte des Marxismus zurückzubesinnen und deutlich zu sprechen. Wir kämpfen gegen Kapitalismus und Imperialismus. Wir wollen die sozialistische Umgestaltung der Gesellschaft. Die Arbeiterklasse ist aufgrund ihres einzigartigen Platzes in der kapitalistischen Produktion die einzige Klasse, die diese Revolution führen kann. Einige argumentieren, dass „der Kapitalismus” sich seit den Zeiten von Marx und Lenin „gewandelt hat”. Das ist wahr. Der Kapitalismus hat sich zweifellos verändert. Kapitalismus kann nicht existieren, ohne „die Produktionsverhältnisse, also sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse fortwährend zu revolutionieren”, wie Marx sagt. Doch keine dieser Veränderungen erfordert eine Revidierung der grundlegenden Konzepte des Marxismus. Im Gegenteil: Die aktuellsten Analysen der gegenwärtigen Situation (imperialistische Kriege, Überproduktionskrisen, Dominanz des Finanzkapitals, Informalisierung der Lohnarbeit) finden sich auf den Seiten des „Kommunistischen Manifests“, Lenins „Imperialismus“ und den Schriften der marxistischen Klassiker. Und die beste Analyse der Gründe für den Zusammenbruch der Sowjetunion findet sich in Trotzkis „Verratene Revolution“. Revolutionäre Ereignisse geschehen in Wellen. Wir gedenken derzeit des 40. Jahrestags des Mai 1968, der den Beginn der letzten Welle markierte, als Millionen gewöhnlicher Menschen und Jugendliche rund auf der ganzen Welt den Himmel erobern wollten. Diese Welle wurde aufgrund des Mangels an klarer revolutionärer Führung niedergekämpft. Zehntausende der besten Aktivisten der Arbeiterbewegung bezahlten mit Desillusionierung, Gefängnis, Folter und Tod. Wenn jetzt eine neue revolutionäre Welle anhebt (beginnend in Lateinamerika, aber sich weltweit verbreitend), müssen wir dafür sorgen, dass wir uns mit den revolutionären Ideen des Marxismus rüsten und sie zum Sieg führen. Wir haben die Wahl. Die Alternative lautet: Sozialismus oder Barbarei.

    Aus dem Englischen von Christina Kaindl

     

     

     

     

    Christophe Ventura

     

    Christophe Ventura ist Mitglied von ATTAC-Frankreich und der Association Mémoire des Luttes (Vereinigung zur Erinnerung an die Kämpfe), Co-Autor von En finir avec l’eurolibéralisme, Editions des 1001 Nuits, Paris 2008.

     

    Die globalisierungskritische Bewegung ist eine „Bewegung der Bewegungen“, geboren nach dem Fall der Berliner Mauer. Seit dem Beginn der Krise des Washingtoner Konsenses (Ablehnung der Freihandelsabkommen durch die zapatistische Bewegung in Mexiko im Jahre 1994, Scheitern der Ministerkonferenz der Welthandelsorganisation 1999) vereinigt sie eine unendliche Anzahl an Organisationen und Netzwerken, die durch eine große Vielfalt an Traditionen wie philosophischen und politischen Praxen gekennzeichnet sind. Der „globalisierungskritische Konsens“ wurde gefestigt durch die Identifikation eines gemeinsamen und homogenen Gegners von Seiten aller Beteiligten: des Neoliberalismus. Aufgrund der Krise des kapitalistischen Systems ist der Begriff selbst heute in eine tiefe Krise geraten. Die Krise des Neoliberalismus und seiner internationalen Institutionen wird auf allen Ebenen ausgetragen. Während diese Situation den Zusammenhalt und die Sichtbarkeit der globalisierungskritischen Bewegung stärken sollte, ist jedoch das Gegenteil der Fall. Die Bewegung ist erschüttert und offenbart – anstatt über eine Strategie der Opposition zu verfügen – zahlreiche innere Widersprüche, insbesondere, was die Analysen der Globalisierung und die Formulierung von Alternativen anbelangt. Das gängige Argument ist, dass es einfacher und motivierender sei, gegen ein hegemoniales System zu kämpfen, das ein kohärentes Modell darstellt, als gegen ein System in der Krise. Letzteres schafft nicht nur viele Widersprüche im eigenen Inneren, sondern belebt auch jene bei seinen GegnerInnen. Was kann uns in diesem neuen Kontext der Marxismus lehren?

    Wir schlagen zwei mögliche, wenngleich nicht erschöpfende Antworten vor:

    l Jenseits der simplen Kritik an der „neo-liberalen Ideologie“ erinnert uns der Marxismus daran, dass es der Machtkampf zwischen Kapital und Arbeit ist, der die Quelle der Entwicklung des Kapitalismus darstellt. Es ist daher die Klassenanalyse, bei der wir nach der Ausrichtung einer strukturellen Kritik an diesem System suchen sollten. Die Klassenfrage stellt sich neuerlich, mit dem Ziel, Bündnisse mit den Klassen des Volkes herzustellen, um so zu einer neuen politischen Hegemonie zu gelangen. Seit ihren Anfängen hat sich unsere Bewegung mit dieser Frage nicht in angemessener Art und Weise auseinandergesetzt. Der Marxismus mahnt uns dahingehend, unsere Kämpfe und unsere Ziele zu radikalisieren.

    l Die Geschichte des Marxismus zeigt uns auch, dass die Entwicklung einer Protestbewegung immer auch in Keimform die Frage nach dem Übergang des „Sozialen“ zum „Politischen“ beinhaltet. Durch eine polemische Debatte unter den intellektuellen Kräften des Sozialismus im 19. Jahrhundert hat sich der Marxismus immer an der Mobilisierung der ArbeiterInnenklasse beteiligt. Unsere Bewegung steht heute vor dieser Herausforderung. Sie betritt gerade ihr post-altermondialistisches Stadium.1

    Aus dem Englischen von Hilde Grammel

    1 Lesen Sie dazu die Beiträge zum Symposium „Altermondialismus und Post-Altermondialismus“, das am 26. Januar 2008 in Paris abgehalten wurde: www.medelu.org. Es wurde von der Association Mémoire des Luttes in Zusammenarbeit mit dem internationalen Journal Utopie critique organisiert.

     

     

     

     

    Elisabeth Gauthier

     

    Elisabeth Gauthier ist Mitglied des Managing Boards von transform!, Direktorin von Espaces Marx und Mitglied des Nationalen Exekutivkomitees der FKP.

     

    Zehn Jahre nach Seattle haben sich die Themen, mit welchen die „Globalisierungskritische Bewegung” konfrontiert ist, und deren zahlreichen Aspekte, radikal gewandelt. Die Entwicklung der Krise zu einer umfassenden (Finanzen, Immobilien, Nahrungsmittel, Energie, Soziales und Internationale Beziehungen) kommt für diese Bewegung, die sich mit eben jenen Themenfeldern schon seit einigen Jahren beschäftigt, nicht überraschend. Dennoch stellen die Natur und das Ausmaß dieser Krise, deren weiterer Verlauf und Folgen immer noch schwer abzuschätzen sind, für diese Bewegung eine unvorhergesehene Herausforderung dar – und das tatsächlich auch für die Linke als Ganzes. Ein großer Kräfteeinsatz steht an, der die Infragestellung unserer eigenen Einstellungen notwendig macht. Außerdem gilt es jetzt, alles zu versuchen, um die Dynamik dieser Bewegung wiederherzustellen – vor allem, weil eine Krise dieses Ausmaßes nicht notwendigerweise linke Protestbewegungen hervorbringt, sondern durchaus auch Demagogie und autoritäre Reaktionen von Rechts auslösen kann.

    Die „anti-liberale” Stoßrichtung, diese gemeinsame Basis des sogenannten alternate world consensus (Konsens für eine Andere Welt), ist heute eindeutig an ihre Grenze gelangt. Sie muss sich weiterentwickeln, um es mit der Krise aufzunehmen, wenn erst einmal neue Aktionsdynamiken entstanden sind. Es reicht nicht, vom „Anti-Liberalismus” zum „Anti-Kapitalismus” überzugehen. In puncto globaler und systemischer Krise (mit ihren zerstörerischen Konsequenzen für die Völker der Welt) müssen wir ganz konkret darlegen, was wir damit meinen, wenn wir sagen: Eine andere Welt ist möglich. Um entlang dieser Linien voranzukommen, ist die kritische Prüfung der Errungenschaften und Defizite der globalisierungskritischen Bewegung nötig.

    Die zerstörerische Rolle der Finanzmärkte, von neoliberalen Politikentwürfen und internationalen Institutionen, die nur dazu dienen, die Welt finanziellen Interessen zu unterwerfen, wurde herausgearbeitet. Daraus ergab sich eine schlüssige Analyse und die Basis für eine Vielzahl von Aktionen. Die Kämpfe gegen die „Vermarktung der Welt”, gegen die „freie” Konkurrenz, gegen die Kräfte des Marktes und des Krieges und für das Allgemeinwohl und die Menschrechte erzielten Punktgewinne.

    Allerdings gibt es einen blinden Fleck, der sich im derzeitigen Kontext schwerwiegend auswirken könnte. Wir dürfen uns nicht auf die Zirkulationssphäre des Kapitals beschränken. Wir müssen uns ebenso die Akkumulationsweise anschauen. In dem Maße, in dem die Krise offensichtlich global ist, muss auch ihre Kritik „global” werden. Es gilt, die Transformationen in der kapitalistischen Produktionsweise der letzten dreißig Jahre zu verstehen, die zu dieser Serie von Krisen geführt hat. Denn über und jenseits der offensichtlichen Krise sind wir mit einem Wandel im Akkumulations- und Produktionsmodell konfrontiert, der zu einer schwerwiegenden Krise auch der sozialen Verhältnisse und der Arbeit führt. Trotzdem stand das Verhältnis zwischen der Ausrichtung der Ökonomie am Finanzmarkt und der Transformation der sozialen Beziehungen bisher nicht im Zentrum der Diskussionen innerhalb der globalisierungskritischen Bewegung. Auch wenn die massive Umverteilung des Reichtums von der Arbeit in Richtung Kapital Forschungsthema einiger globalisierungskritischer Forscher ist, so stand die Verbindung zwischen Distributions- und Zirkulationssphäre einerseits und Produktionssphäre andererseits bisher nicht im Zentrum der allgemeinen Überlegungen, auch wenn gewisse Gruppen innerhalb der globalisierungskritischen Bewegung diesem Aspekt große Aufmerksamkeit widmen. Wer in Zeiten einer schwerwiegenden und globalen Krise eine mögliche andere Welt diskutieren will, braucht eine umfassendere Kritik der grundlegenden Widersprüche und weiterreichende Bemühungen um Alternativen – was wiederum ein Hinausgehen über die gewöhnlichen globalisierungskritischen Ansätze voraussetzt.

    Wenn alle möglichen Ideen zu prüfen sind, um die Macht der Finanzmärkte einzudämmen, dann ist es gleichzeitig notwendig, die Macht der Aktieneigentümer über die Lohnabhängigen zu begrenzen und sich dagegen zu wehren, dass die Bevölkerung für die Kosten der Krise aufkommen muss – und zwar speziell Menschen aus den untersten und am meisten ausgebeuteten Klassen. Es reicht nicht, die neoliberalen Politikansätze dann stoppen zu wollen, wenn die politischen Führer neue Formen der Staatsintervention entwickeln, um das System und seine Logik zu retten und die Kosten der gewaltigen Zerstörungen den Lohnabhängigen und Steuerzahlern aufzubürden.

    Angesichts all dieser Herausforderungen kann es hilfreich sein, Marx zu Rate zu ziehen. Die polit-ökonomische Methode zielt darauf ab, die Regeln offenzulegen, nach denen die Welt jenseits oberflächlicher Erscheinungen funktioniert. Das ermöglicht die Untersuchung der Veränderungen, die sich in den vergangenen 30 Jahren ergeben haben hinsichtlich der Akkumulationsund Ausbeutungsweise, mit ihren Auswirkungen auf die sozialen Verhältnisse, das Bewusstsein, das Machtgleichgewicht zwischen Kapital und Arbeit, die ideologischen und politischen Realitäten, die Öffentlichkeit und die internationalen Beziehungen. So gesehen treten die tatsächlichen Konturen der Krise der Produktionsweise, der Krise der Arbeit und der sozialen Krise in den Vordergrund und lassen sich nicht länger hinter dem schwammigen Begriff der „Finanzkrise” verbergen. Viel zu oft wird der Ausdruck der „systemischen Krise” nur auf eine Krise des Finanzsystems bezogen, während es sich um eine Krise der Produktions- und Reproduktionsweise handelt, um eine Krise des globalisierten Finanzkapitalismus. Dieser Sichtweise folgend öffnen sich neue Wege der Globalisierungskritik, und ich möchte zwei davon kursorisch aufzeigen.

    1. Eine Herangehensweise, die von einer Analyse des Widerspruchs zwischen Arbeit und Kapital ausgeht, würde zum Umgang mit bestimmten bewegungstypischen Schwierigkeiten befähigen. Es gäbe solide sowie schlüssigere Antworten, die eher helfen würden, die sozialen Strömungen zusammenzufassen als Analysen, die Themenbereiche und soziale Kategorien trennen. Die rasende Destabilisierung der Arbeit und der Lohnabhängigen brachte die Desintegration der sozialen Sicherheitssysteme und des öffentlichen, arbeitsbasierten Einkommens mit sich. Das hatte Konsequenzen für den öffentlichen Sektor, für solidarische Mechanismen, für die Grundlagen der Gesellschaften und die Arbeit des Staates. Die Entwicklung hin zur Dominanz der Finanzmärkte im Kapitalismus bringt für Unternehmen und Arbeiterschaft harte Zeiten mit sich. Zuerst trifft es die Schwächsten: Immigranten, Frauen, Jugendliche. Beschäftigungsunsicherheit betrifft mittlerweile 40 % aller Lohnarbeitenden in der EU und ist selbst zu einem neuen Herrschaftsinstrument geworden, was die Folgen der Krise durch den Unsicherheitsanstieg noch verstärkt. Diese Zahl muss ins Verhältnis gesetzt werden mit dem 8,6 % BIP-Verlust seitens der Arbeit zugunsten der Kapitalseite innerhalb der letzten 13 Jahre. Umverteilung und Akkumulation lassen die Finanzströme anschwellen, was wiederum für die Unternehmen ungünstig ist. Eine Analyse dieser Vorgänge und ihrer übergreifenden Zusammenhänge würde den Aufbau einer stärker integrierenden Kampagne und einer Mobilisierung ermöglichen, die weiter reicht als das Nebeneinander verschiedener Zielsetzungen, die von Kräften verfolgt werden, die sich zu wenig aufeinander beziehen. Eine derartige Herangehensweise würde es den Sozialforen ermöglichen, sich auf andere Art und Weise zu organisieren, nicht auf der Basis von Kategorien wie „die Arbeitslosen”, „die Lohnarbeitenden”, „die Prekarisierten” und so weiter (was die gesellschaftlichen Spaltungen unfreiwillig immer wieder mit reproduziert). Stattdessen würde eine Organisierung auf der Basis einer Herausforderung wie „Unsicherheit als Modus der Unterdrückung” bruchlose Zusammenarbeit begünstigen, die stabiler wäre als eine, die nur auf dem Zusammenarbeiten-Wollen beruht. Das erfordert gemeinsame Anstrengung beim Entwurf von Kampagnen, die das Adjektiv „gemeinsam” verdienen und gleichzeitig reich sind an Unterschiedlichkeiten aus den verschiedenen Bewegungsbestandteilen.

    2. In einer erneuerten Perspektive ist auch die Frage der „Politik” verschoben, nicht aufgrund einer vorhergehenden Festlegung, sondern aufgrund einer Ableitung aus der schlüssigen Analyse des prozesshaften Konflikts. In der Phase des grenzenlosen Finanzkapitalismus wird nicht nur die Arbeit unterminiert, sondern auch die Gesellschaft, der öffentliche Sektor und die Demokratie – das Machtgleichgewicht wird durcheinandergebracht auf Kosten der Bevölkerung, der BürgerInnen. Wenn die globalisierungskritische Bewegung nun schon seit einiger Zeit Schwierigkeiten damit hat herauszufinden, wie sie die Verbindung von Widerstand und der Konstruktion einer tatsächlichen Alternative neu schaffen kann, dann bekommt diese Frage im gegenwärtigen Kontext neue Dringlichkeit. Es reicht nicht mehr, uns damit zu begnügen, eine Gegenmacht darzustellen. Das bedeutet jedoch nicht, sich um bestehende politische Kräfte herum anzusiedeln, die es den Kräften des Wandels nicht ermöglichen würden, weiter anzuwachsen. Es ist nicht Sache der globalisierungskritischen Bewegung, die Probleme der Linken zu lösen, aber sie könnte sich bemühen, über eine Orientierung hinauszukommen, die sich auf die Infragestellung der politischen Kräfte beschränkt. Sie könnte die heute notwendigen Debatten vorantreiben, in den Angelegenheiten Druck machen, die in Richtung eines Bruchs mit der Logik des krisenhaften Systems weisen und sich den Ansätzen verweigern, die dazu neigen, zu „reparieren” oder sich abzufinden. Es reicht heute nicht mehr, die althergebrachte Spaltung zwischen „Bewegung” und „Politik” aufrechtzuerhalten. Die Krise der Linken ist so ernsthaft, die Themen enthalten so viel Sprengstoff, dass die innerhalb der Gesellschaft zur Diskussion stehenden Fragen zu politisieren sind (eine Forderung, die in Malmö oft erhoben wurde), um ein breiteres Bewusstsein, einen besseren Ausgleich zwischen den Kräften, eine größere Wirksamkeit der Bewegung zu begünstigen. Die ideologischen Fragen, die das politische Feld direkt durchziehen (der Kampf um kulturelle und politische Hegemonie, die Gründe für die Erfolge der Rechten, und die Fehler und Schwächen der Linken) sind nicht alleine für politische AktivistInnen reserviert. Eine andere Welt ist möglich und oh, wie nötig! Diese Zielvorstellung im gegenwärtigen Kontext einer globalen Krise setzt eine große Offensive von unten voraus, die die Natur interventionistischer Politik berücksichtigt, rund um die Notwendigkeit einer neuen vieldimensionalen Politik der „Wirtschaftsdemokratie”, einer Transformation des Machtgefüges und der Beziehungen zwischen Politik und Wirtschaft. All das eröffnet neue Betätigungsfelder für die globalisierungskritische Bewegung. Die Machtfrage auf der Basis der Konfrontation zwischen Arbeit und Kapital, zwischen Kapital und Gesellschaft, zu stellen, enthebt uns außerdem einer Schwierigkeit im Umgang mit dem Thema der Bedeutung der Nationen. In dem Ausmaß, in dem die Analyse der Macht sich auf diese Ausprägung der Konfrontation richtet, die auf nationaler Ebene, auf Unternehmensebene, auf europäischer und auf Weltebene die gleiche ist, steht das Phänomen auf nationaler Ebene nicht mehr im Gegensatz zum dem auf europäischer Ebene.

    In verschiedenen Ländern und in größeren Regionen wie der EU oder Lateinamerika gibt es die Tendenz zur Suche nach neuen Bündnissen zwischen Kräften der Natur, der Tradition, in verschiedenen Anordnungen. Wie es gelingt, eine politische Einheit aus den verschiedenen Kräften im Kampf für eine neue Gesellschaft zusammenzubringen — das ist hier die Frage.1 Der Aufbau von Fronten, die in der Lage sind, sich anhand der Unterstützung gemeinsamer Zielsetzungen zu einen, scheint ein interessanter Weg, denn er ist flexibel, entwicklungsfähig und respektiert die Autonomie jeder einzelnen Fraktion.

    In der kommenden Periode wird viel abhängen vom Niveau der Krise und von dem der Gegenwehr von unten. In der jüngeren Vergangenheit gab es verschiedene Versuche und Vorschläge zur Weiterentwicklung, etwa unter dem Label „Postaltermondialismus” (Bernard Cassen/ Christophe Ventura), oder den Vorschlag, Sozialforen weiterzuentwickeln, um eine „verstärkte Kooperation” auf der Basis von Geistesverwandtschaften auszubauen (Pierre Khalfa), und der Internationale Rat eröffnete eine strategische Debatte auf dem Weltsozialforum. Die Sozialforen sind selbstorganisierte öffentliche Räume, dynamische und sich weiterentwickelnde Formen,2die sehr gut neue Funktionen übernehmen können, sobald die organisatorischen Kräfte diese akzeptieren.

     

    Aus dem Englischen von Markus Euskirchen

     

     

    Alexander Buzgalin

     

     

    Alexander Buzgalin ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Staatlichen Moskauer Lomonossov-Universität und Chefredakteur der russischen Zeitschrift “Alternativy”.

     

    Der Begriff der „globalisierungskritischen Bewegung“ ist noch jung. Erst seit Beginn des 21. Jahrhunderts werden die verschiedenen Bewegungen, die für „eine andere Welt“ kämpfen, darunter zusammengefasst. Zwar kursieren noch andere Namen und Konzepte, doch im Wesentlichen beschreiben sie das gleiche Phänomen:

    Massenproteste (z. B. gegen G8-Gipfel, gegen „lokale Kriege“ und gegen die derzeitige globale Klimapolitik) und Sozialforen (Weltsozialforum, sowie kontinentale, nationale und sogar regionale Sozialforen) zeugen davon, dass es einen realen globalen Widerstand gibt. Die Menschen sind nicht einfach nur Marionetten des globalen Kapitals. Sie (oder besser: Wir!) haben intellektuelle und praktische Alternativen. Wir verfügen über Fähigkeiten zur Selbstorganisation und wir haben gezeigt, dass unsere Slogans – „Eine andere Welt ist möglich“ und „Die Welt hat keinen Preis“ – durchaus konstruktiv sind. Die über 100 verschiedenen Sozialforen und Bewegungstreffen haben eine große Anzahl vielfältiger und breiter programmatischer Vorschläge hervorgebracht.

    Der klassische Marxismus ist traditionell mit der Idee des Klassenkampfes verbunden sowie mit derjenigen von der revolutionären Rolle des Proletariats, das von einer Avantgarde-Partei geführt wird. Sein Ziel ist die Überwindung der kapitalistischen Produktionsweise und die Errichtung einer neuen sozialistischen Gesellschaft. Dieses oft als „orthodoxer“ Marxismus bezeichnete Modell war vor allem im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert populär. Die später durch den Stalinismus verbreitete weitaus primitivere und brutalere Version des so genannten „Marxismus-Leninismus“ wurde zur theoretischen und ideologischen Basis des autoritären Sowjetsystems. Marx (und in gewisser Hinsicht auch Lenin) hatten freilich eine viel komplexere Theorie der Entwicklung hin zu einer neuen Gesellschaft entworfen, in der „wirkliche Freiheit“ als eine dialektische und positive Negation nicht nur des Kapitalismus, sondern jeglicher Formen der Entfremdung verwirklicht werden sollte. Diese Ideen wurden vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und in den vergangenen Jahren von westlichen und sowjetkritischen Marxisten weiterentwickelt.

    Lassen wir Stalins Modell einmal beiseite und vergleichen den „orthodoxen“ Marxismus mit den Prinzipien und Formen der globalisierungskritischen Bewegung, so können wir eine Reihe von Unterschieden feststellen. Vergleichen wir jedoch den modernen kritischen Marxismus mit der Globalisierungskritik, so sind die Unterschiede weit weniger dramatisch.

    In diesem Sinne ist die globalisierungskritische Bewegung zur „Negation der Negation“ der „alten“ Linken geworden. Die Krise der traditionellen Linken nach dem Zusammenbruch der UdSSR wurde durch die Globalisierungskritik überwunden. In vielerlei Hinsicht ist diese soziale Bewegung stark von den Ideen und Zielen der „neuen“ (oder mittlerweile nicht mehr ganz so neuen) anti-stalinistischen Linken der späten 60er geprägt. Doch gibt es auch einen fundamentalen Unterschied.

    Die in der globalisierungskritischen Bewegung vernetzten Gruppen und NGOs haben wichtige neue Prinzipien der Organisation (oder besser: der Selbstorganisation) entwickelt, die sich von ihren Vorläuferinnen aus dem 20. Jahrhundert erheblich unterscheiden. Sie basieren auf einem Imperativ der „Bedürfnisse“ und umfassen nicht nur eine Kritik der „klassisch“ kapitalistischen Ausbeutung, sondern richten sich auch gegen alle anderen Formen der Entfremdung von Arbeit, Kultur und Gesellschaft und der Naturzerstörung. Globalisierungskritik ist die Antwort der weltweiten Opposition auf die Herausforderungen der neuen globalen Probleme der gegenwärtigen Epoche und auf die neuen (netzwerkund wissensbasierten) Formen der technischen, wirtschaftlichen und sozialen Organisation, deren grundlegende und unvollständige Anlagen bereits Wirklichkeit geworden sind, ohne dass feststeht, wohin sie sich entwickeln werden. Das ist der Grund, weswegen die neuen Bewegungen sich aus offenen Gruppen ohne feste Mitgliedschaft zusammensetzen, auf der Grundlage freiwilliger Mitarbeit funktionieren (ohne formalen Status und Programm), dabei absolut transparente und sehr flexible Formen annehmen (die schnell vom Kampagnencharakter zum Forum oder zu direkten Aktionen wechseln können), nach dem Netzwerkmodell anstatt in festen hierarchischen Strukturen organisiert sind, auf dem Prinzip des Dialogs unter Gleichen basieren anstatt auf der Disziplin der Organisationsmitglieder, sowie auf Konsens und Selbstorganisation anstatt auf repräsentativer Demokratie.

    Diese Prinzipien sind natürlich zunächst einmal abstrakt. Sie sind noch im Begriff, sich zu entwickeln, und in der Praxis überschneiden sie sich oft mit traditionell-hierarchischen Organisationsformen. Außerdem kooperieren unsere Bewegungen oft mit Parteien; wir haben es hier typischer Weise nicht mit „reinen“ sozialen Bewegungen zu tun, sondern mit Mischformen zwischen Parteien oder parteiartigen Gruppen und Graswurzelbewegungen.

    Globalisierungskritik ist ein dynamisches und neues Phänomen, das durch eine Vielzahl innerer und äußerer Widersprüche charakterisiert ist, zum Beispiel zwischen „BewegungsfunktionärInnen“ und TeilnehmerInnen an der Basis, „reichen“ NGOs aus dem Globalen Norden und „armen“ Bewegungen aus dem Süden, linksradikalen und sozialdemokratischen Tendenzen, etc. Diese Widersprüche sind uns allerdings gut bekannt. Wir suchen nach Formen und Mechanismen, um sie zu lösen, und haben diese teilweise auch schon gefunden. In den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts waren wir – die Militanten und TheoretikerInnen der Bewegung – optimistisch. Doch wir müssen zugeben, dass die Widersprüche in den vergangenen zwei oder drei Jahren zugenommen haben und die Bewegung stagniert.

    Warum?

    Die Antwort auf diese Frage ist komplex. Drei Aspekte sollen hier angesprochen werden:

    1. Das traditionelle linke Modell zur Arbeit in und mit sozialen Bewegungen und Organisationen, wie es vor allem von den sozialistischen und kommunistischen Parteien repräsentiert wird, war und ist noch immer dem klassischen Kapitalismus und dem Monopolkapitalismus angemessen (also dem Stadium, das Lenin, Luxemburg und andere als „Imperialismus“ bezeichnet haben). Zugleich hat sich der Spätkapitalismus jedoch auch weit über diesen Typus bürgerlicher Gesellschaft hinausentwickelt, wobei große Teile der Welt außerhalb des Globalen Nordens freilich noch immer unter den Bedingungen des Kapitalismus des frühen 20. Jahrhunderts leben (Russland ist in dieser Hinsicht ein Vorzeigebeispiel).

    2. Die neuen Tendenzen des Spätkapitalismus im Globalen Norden sind nicht notweniger Weise progressiv. Die USA und selbst die EU entwickeln sich zu einer Art „Proto-Empire“- Kapitalismus, der sich auszeichnet durch a) die Dominanz immer stärker konzentrierter und aggressiver transnationaler Unternehmen, die in Superstaaten (imperialen Zentren) integriert sind; b) einen semi-autoritären Staat, in dem politische und ideologische Manipulation gegenüber formalen demokratischen Verfahren erheblich an Bedeutung gewinnt und in dem die Zivilgesellschaft eine immer geringere Rolle spielt; c) den Abbau des so genannten Sozialstaates sowie in der Folge all dieser Tendenzen d) eine wachsende Konformität der Bevölkerung und brutale (und teilweise sogar vorkapitalistische) Formen sozialer Widersprüche. All diese Faktoren unterminieren die soziale Basis unserer Bewegung und stellen neue Herausforderungen an eine politische Opposition.

    3. Subjektive Aspekte: Wir haben noch immer keine angemessenen Formen gefunden, mit den wirklich wichtigen Widersprüchen zwischen linken Parteien und neuen sozialen Bewegungen umzugehen. Doch sollten wir auch nicht zu pessimistisch sein. Selbst diese kurze Analyse zeigt, dass wir zumindest ein theoretisches Modell für die Beziehungen zwischen diesen zwei Akteursgruppen haben: zwischen dem sozio-politischen Modell des „orthodoxen“ Marxismus, dem modernen Marxismus und anderen Ansätzen einerseits und der globalisierungskritischen Bewegung andererseits. In etwas vereinfachter Form lautet die Antwort:

    In dem Maße, in dem in der Welt (bzw. in verschiedenen Teilen der Welt) wissensbasierte soziale Netzwerkorganisationen mit einer starken Zivilgesellschaft entstehen, benötigen wir die Entwicklung neuer sozialer Bewegungen, die auf den Prinzipien aktiver, offener, flexibler und transparenter Gruppen basieren. In dem Maße, in dem die Welt (bzw. verschiedene ihrer Teile) unter den Bedingungen eines „alten“ Imperialismus und/oder eines „neuen“ Proto-Imperialismus lebt, muss die Opposition stärker politisiert und mobilisiert werden, was auf eine Negation der Negation der alten Avantgarde-Partei hinauslaufen wird (bzw. bereits hinausläuft) – von der Parteiform zu neuen post-Partei-förmigen sozialen Bewegungs- und Organisationsweisen. Noch sind wir nicht in der Lage, konkrete Aussagen über das Modell einer post-partei-förmigen sozio-politischen Organisation zu machen. Aber die erfolgreichen Experimente in einigen linken Organisationen in der EU und in Lateinamerika zeigen, dass politische Gruppen von Aktivisten (seien dies nun kleine Gruppen oder Organisationen von der Größe einer „normalen“ Partei) zu durchsetzungsfähigen Akteuren, zum moralischen Herz und zu intellektuellen Beratern der Bewegung(en) werden, ohne dabei eine Führungsrolle zu beanspruchen oder die Bewegung dominieren zu wollen. Solche Gruppierungen könnten zu der angemessenen Antwort werden auf die gegenwärtigen Herausforderungen, wie sie oben skizziert wurden.

    Eine letzte Bemerkung, bzw. ein Vorschlag: Die Ergebnisse der bisherigen theoretischen Arbeit sollten so schnell wie möglich in neue praktische Maßnahmen umgesetzt und konsolidiert werden. Die Welt wird von Tag zu Tag gefährlicher und die Opposition könnte den Zeitpunkt verpassen, sich zu organisieren – genau so, wie wir es bereits in den 1980ern nicht geschafft haben, auf die Herausforderung des Untergangs der Sowjetunion zu reagieren und dann mit furchtbaren Schwierigkeiten konfrontiert waren.

    Im Hinblick auf die Praxis benötigen wir deswegen so bald wie möglich ein Treffen der wirklichen Köpfe aller wichtigen neuen sozialen Bewegungen und fortschrittlichen NGOs, der linken Parteien, die bereit sind, sich an den realen Kämpfen für eine neue Welt zu beteiligen, und derjenigen Staaten und Regierungen, die diesen Kampf bereits begonnen haben. Was die Theorie angeht, so brauchen wir dringend ein Treffen der führenden linken Intellektuellen, die dabei helfen können, die zentralen Fragen, Antworten, politischen Entscheidungen und zukünftigen Szenarien der Weltentwicklungen zu analysieren und linke Strategien zu entwickeln.

    Aus dem Englischen von Henrik Lebuhn