• Hegemonie, Gewaltlosigkeit und Transformation

  • 18 Apr 11 Posted under: Theorie
  • Gramsci hat die Eroberung der Macht durch Erstürmen ihres Palasts gewiss nicht gering geschätzt. Doch seine Revolutionsidee hätten die Gründerväter womöglich als „revisionistisch“ aufgefasst, obwohl sie dem Reformismus nichts zugestand. Lieber die Welt transformieren, als sie umzustürzen und dann doch im Wesentlichen so zu belassen, wie sie vorher war! Er definierte einen (friedlichen) „Kampf zwischen Hegemonien“, nicht unähnlich dem, was einer seiner Schüler, der nicht immer schlecht war, als „fortschreitende Demokratie“ bezeichnen sollte. Er verwendete militärische Metaphern. Osten und Westen waren auch Synonyme für zwei unterschiedliche Arten der Kriegführung (Stellungskrieg und Bewegungskrieg), mögen aber eine Alternative zwischen Krieg und Nicht Krieg unterstellt haben, nämlich die „Strategie“ für einen sichereren und zivileren Sieg – in der Zivilgesellschaft, statt über den Staat. Er konnte nicht ahnen, dass die Welt binnen siebzig Jahren immer „weiter und schrecklicher“ werden würde, teils dadurch, dass überall die Gewalt im Alltag zum Normalzustand wird. Ich meine hier nicht nur die Gewalt „im Großen“ – das permanente Kriegführen und den Terrorismus, den Viele mittels jener Methode auszurotten hoffen und der Dank jener Methode stärker, weiter verbreitet und selbst „permanent“ wird. Ich meine auch den (zur Zeit „friedlichen“) Wirtschaftskampf zwischen großen und kleinen Unternehmen.

     

    1) Hegemonie und Gewaltlosigkeit

     

    Zu glauben, dass der Neoliberalismus heute obsiege, ist irrig, selbst wenn die fortdauernden Protektionsmaßnahmen für die Landwirtschaft außer Betracht gelassen (oder als „Ausnahmen von der Regel“ angesehen) werden. Ein Boxkampf wird nach den rationalen Regeln des Sports geführt, aber die oberste Regel ist, dass der Stärkere gewinnen soll. Unser globaler Markt ist globale Gewalt: Ein Krieg Aller gegen Alle – und nach derselben immanenten Rationalität ist vorherbestimmt, dass der Stärkere siegt. Stehen diejenigen, welche die fortgeschrittensten Technologien kontrollieren oder in Monopolbesitz halten (ich spreche nicht von „geistigem Eigentum“, weil ich derart widerliche Ausdrücke nicht zu gebrauchen pflege) oder strategische Naturschätze allein beherrschen, die jenigen, welche durch Betriebsverlagerungen oder andere Druckmittel gegen die Arbeitskräfte regelrechtes Lohndumping betreiben können, auf gleicher Basis auf einem „freien Markt“ im Wettbewerb mit den Anderen? Zählt der permanente Krieg, mit militärischen Waffen oder ohne diese, zu den gegenwärtigen Erscheinungsformen jener ständigen Umwälzung, die der Marx des Manifests als eine der Techniken der kapitalistischen Produktion nahezu hochlobte und die Gramsci als typisch so wohl für das Erscheinen der Bourgeoisie auf der politischen Bühne wie auch für die späteren Gegenangriffs-Phasen zwecks Wahrung der Herrschaft der Bourgeoisie über das neue Proletariat und schlechthin über ihre Subalternen ansah?

    Der „große Theoretiker“, auf den Gramsci in seinen Gefängnisheften anspielt, ist Lenin. Als Protagonist der Revolution in einem rückständigen „Osten“ habe „der größte moderne Theoretiker der Philosophie der Praxis auf dem Terrain des politischen Kampfes und der politischen Organisation in der politischen Terminologie im Gegensatz zu den verschiedenen ‚ökonomistischen’ Tendenzen die Front des kulturellen Kampfes aufgewertet und die Lehre von der Hegemonie als Ergänzung der Theorie des Zwangs-Staates und als aktuelle Form der Achtundvierziger-Lehre von der ‚permanenten Revolution’ geschaffen.“ Die „permanente Revolution“ erhält mit der im Osten konzipierten und realisierten Oktoberrevolution eine neue Form, bleibt aber dennoch eine „48erLehre“. Demnach denke ich nicht, dass man folgern könne, jeder unter dem Banner der Philosophie der Praxis geführte Kampf um Hegemonie – sei es auch im Westen und im neuen Stellungskrieg – entspreche der „48er“ permanenten Revolution, oder dass man ohne Weiteres wie Fabio Frosini in ei nem noch unveröffentlichten Essay sagen kann: „Die Berufung auf die ‚permanente Revolution’ ist nicht einfach durch die Berufung auf die Hegemonie zu ersetzen, die eine Form derselben ist.“ Frosini behauptet so gar noch ausdrücklicher, wenn sich die Arbeiterklasse als fähig erweise, die kapitalistische Herausforderung der passiven Revolution „theoretisch und praktisch“ aufzugreifen, könne sie „die permanente Revolution wieder aktuell machen“. Mir scheint Gramsci im Gegenteil, obwohl die Hegemonie des Kapitalismus im Westen eine permanente Revolution selbst unter der Form der verschiedenen bisher ausgeführten passiven Revolutionen prolongiert, die nach-Leninsche antikapitalistische Hegemonie in einem „fortgeschritteneren“ Westen nicht mehr als eine Form der permanenten Revolution, sondern als deren „Ersetzung“ zu betrachten. Mit anderen Worten, die „Permanenz“ bleibt, aber nicht die „Revolution“, und die Permanenz bleibt unter der „Form“ einer „moralischen und intellektuellen“ Reform, die Wirtschafts- und Sozialreformen beinhaltet. Tatsächlich ist die passive Revolution in Gramscis Denken eine der möglichen Synthesen in dem dialektischen Gegensatz zweier widerstreitender Kräfte, von denen eine das „Alte“ und die andere das „Neue“ repräsentiert. Gramsci verweilt eingehend bei der konservativen Synthese und erwähnt die mögliche innovative Synthese nur gelegentlich, aber deutlich. In Wirklichkeit ist die passive Revolution als konservative Synthese eine aktive Operation, die von der konservativen Seite ausgelöst wird. Und weil aktiv – hier ist Frosini im Recht –, hat sie noch die Züge einer permanenten Revolution. In dem oben genannten Essay erfasst Frosini einen weiteren Aspekt der passiven Revolution: Ihre Passivität beruht nicht nur darauf, dass die Subalternen sie ohne energische und wirksame Gegenaktion erdulden; unter Umständen können sie sie bereitwillig akzeptieren, entweder wegen der hegemonialen Durchdrin gung mit den herrschenden Ideen (wie üblicherweise aufgefasst), oder weil sie eine Art unangebrachten Vertrauens in die Unvermeidlichkeit ih res künftigen Aufstiegs hegen und meinen, ihnen gebühre das „Abwarten“, bis sich die Dominanz der anderen „abnutzt“, was zum Teil auf die Konzessionen zurückgeht, die den subalternen Schichten in der passiven Revolution gewährt werden. Ich möchte hinzufügen, dass das Eindringen der herrschenden Ideen und die daraus folgende Entpolitisierung der Massen im Zug der heutigen Globalisierung weit mehr hervortreten als die messianischen Erwartungen und die fatalistische, aber hoffnungsvolle Unbeweglichkeit der Unterlegenen. Venezuelas Präsident Hugo Chávez versuchte Gramsci auf seine Art zu „nutzen“, als er in einer Rede am 7. Juni 2007 sein Land als Verkörperung eines Sonderfalls dar stellte, wo Staat und Regierung potenziell eher fortgeschrittenere reformistische Positionen beziehen, während eine rückständige Zivilgesellschaft (in den Medien, den Schulen und der Kirche) unter der Hegemo nie der globalen konservativen „passiven Revolution“ steht. Chávez folgerte, dass Staat und Regierung in diesem Fall die Aufgabe hätten, die subalternen Schichten und ihre Haltung in der Zivilgesellschaft zu erziehen oder umzuerziehen.

    In der neuen Situation müssen sich die Gegner jener „globalen“ Restauration zwangsläufig Gramsci zuwenden. Nun hatte Gramsci, der die „passive Revolution“ dem konservativen SyntheseVersuch zuordnete, für die Erbauer des künftigen Gemeinwesens und für die alternative Synthese, die sie womöglich zustande gebracht haben würden, die Fügung „intellektuelle und moralische Reform“ verwendet – eine mit historischen Sinngehalten aufgeladene Fügung, denn sie erinnert an Prozesse, die bereits in der italienischen Renaissance und insbesondere seit der protestantischen Reformation ausgelöst worden sind. Gab es in Gramscis Sichtweise eine religiöse Komponente? Benedetto Croce theoretisierte eine weltliche Religion der Freiheit (oder vielmehr des klassischen Liberalismus); dachte Gramsci derweil an eine weltliche Religion des Sozialismus oder Kommunismus? War er nicht antireligiös? Er hat die katholische Kirche gewiss nicht gemocht, aber er hat emanzipatorische Bestrebungen im Frühchristentum anerkannt und, wie gesagt, die Reformati on deswegen (wie auch Weber) gepriesen, weil sie einen starken „An stoß“ zur Geburt der modernen kapitalistischen Zivilisation gegeben habe, wenn er auch bei allen Religionen eine historische Begrenztheit sah. Zudem war schon bei Kant eine historische Kritik der Religion auf getreten, als er schrieb, religiöse Kulte enthielten Pflichten, die von der dem Herren geschuldeten Ehrfurcht abstammten, das heißt von den Regeln, die im historischen Klima weltlicher Feudalherrschaften galten, und nicht vom praktischen Gebrauch der menschlichen Vernunft. Gramsci teilte keineswegs den messianischen Geist Walter Benjamins oder Ernst Blochs, aber auch er verstand seine Reformation als sehr innovativ oder transformativ, langwierig, aber permanent (das Gegenteil des Reformismus), als Gestaltung der Zukunft (abermals das Gegenteil des Reformismus) durch Lernen aus der Vergangenheit – nicht nur aus unseren Fehlern und Niederlagen, sondern auch und insbesondere aus den Siegen der anderen, der Leute, die wir bekämpfen und dauerhaft besiegen wollen.

    Auf der ersten Sitzung der Konferenz, die in Rom zu Ehren von Grams cis 70. Todestag stattfand (27.29. April 2007), sprachen mehrere Redner von indischen Gelehrten, die sich besonders für Gramscis Ideen interessierten, speziell für seine Konzepte von Unterordnung und Hegemonie. Als Zuhörer stellte ich mir einen möglichen Vergleich zwischen Gramsci und Gandhi vor, wie ihn bisher noch niemand versucht hat. Ich kann schon die Einwände hören: Gramsci war kein Theoretiker der Gewaltlosigkeit und Gandhi war kein Sozialist. Hier und da kritisiert Grams ci den Gandhiismus, so wie er auch das Tolstoijanertum kritisiert. Er re det von einer gründlichen, ununterbrochenen Reform; er spricht vom Kampf zwischen Hegemonien, der Demokratie bedeuten könnte. Er spricht nicht von einer auf Gewaltlosigkeit setzenden moralischen und politischen Anspannung, aber er könnte sie womöglich zwischen den Zeilen nahe legen.

    Die Fügung „intellektuelle und moralische Reform“ ist voller antiökonomistischer theoretischer Weiterungen und folglich unorthodox im Vergleich zum kanonischen Marxismus und Leninismus. Mit dem Reformismus des 19. und 20. Jahrhunderts hat sie nur das Konzept einer Reise gemein, die notwendigerweise aus allmählichen Schritten hervorgeht (nicht aus revolutionären Sprüngen, geschweige denn aus permanenten Revolutionen), das allein zur sozialen und politischen Aufmachung des „Westens“ passende Konzept. Aber die Fügung geht deutlich auf Ab stand sowohl zum Reformismus alten Stils als auch zu Experimenten sowjetischen Typs, denn Gramsci hatte (zumindest implizit) das Konzept einer unwahrscheinlichen „totalen Ablösung“ verabschiedet. Diese soll te allen Marxismen alter Schule zufolge sämtliche Spuren oder Überbleibsel der kapitalistischen Vergangenheit hinwegfegen. Stattdessen verfocht er die Idee eines Kampfes zwischen widerstreitenden Hegemonien. Der mögliche reformierende und wahrhaft innovative Ausgang wäre der Erfolg der einen Hegemonie, die sich fähig zeigen würde, eine „ethischpolitische Katharsis“ herbeizuführen und zugleich in der Produktionsweise eine wachsende Vorherrschaft des allgemeinen oder öffentlichen Wohls gegenüber dem privaten – mit anderen Worten, des Kommunismus gegenüber dem Kapitalismus – aufkommen zu lassen, mit einem „Bruch“Moment (bezogen auf die früheren Kräfteverhältnis se), das jedoch nur in der Rückschau sichtbar würde. In diesem Zusammenhang könnten wir den Ausdruck „permanente Reform“ prägen, um eine „gute“ Unendlichkeit zu bezeichnen, insofern als sie nun von der „schlechten“ Seite des dialektischen Gegensatzes befreit und eine ande re mögliche, aber nicht notwendige oder erforderliche Synthese ist. Obwohl Raul Mordenti in seinem ausgezeichneten Buch Gramsci weiterhin als Theoretiker „der Revolution“ (im Westen) interpretiert, erwähnt er die von Eugenio Curiel 1944 in seinem Buch „La nostra lotta“ nahe gelegte Interpretation: „Eine verwässerte qualitative Veränderung“ als passend.

    Wie mir scheint, spielt Mordenti hier auf zwei Beispiele hege monialer Synthesen an, die auf der antithetischen Seite operieren. Das erste ergäbe sich aus einer Auslegung der Stelle, wo Gramsci Lenins HegemonieKonzept demjenigen von Croce gegenüber stellt: Lenin zufolge habe der Marxismus einige Elemente der idealistischen Philosophie um gestülpt aufgenommen.

    Betrifft die „Aufnahme“fähigkeit nur die Superstrukturen (Marxismus versus Idealismus) oder auch die Struktur (Kommunismus versus Kapitalismus)? Das zweite Beispiel zieht eine „schwache“ und nebensächliche Variante des Konzepts einer innovativen Synthese heran, denn es fügt einige Entschlüsse zu (wirklichem oder anscheinendem) Zurückweichen von einer fortgeschritteneren strategischen Linie hinzu. Mordenti könnte auch auf die NÖP als notwendige Wiederaufnahme von vorschnell abgeschafften kapitalistischen Elementen anspielen.

    Die Abschaffung der NÖP durch Stalin öffnete die Schleusen. Aber die heutige Sicht auf die Bahn der Oktoberrevolution kann nicht derjenigen des ausgehenden 20. Jahrhunderts gleichen. Heute sind wir besser ver traut mit der Macht des Kapitalismus und seiner Fähigkeit, seine Gegner zum „Rückzug“ zu zwingen, ob sie wollen oder nicht. Und wir wissen besser um die „Gräuel“ des voll globalisierten Spätkapitalismus. Ich will nicht sagen, dass wir den Stalinismus von seinen Gräueltaten „freisprechen“ sollten. Ich will sagen, wir sollten die notwendige Kritik dieses Phänomens entideologisieren, zum Teil dadurch, dass wir sie mit den danach begangenen Missetaten im globalen Maßstab und im vormals sowjetischen Gebiet vergleichen, bis hin zum Regime des „Zaren“ Putin, dessen „Cäsarismus“ alles andere ist als „progressiv“. Gott bewahre mich davor, Togliatti als Vorläufer der heute hoch geheiligten Ablehnung je der Kollision von Zivilisationen anzusehen; aber der Historiker Togliatti suchte den Menschen begreiflich zu machen, dass jeder Kontinent oder jedes Land seine eigene Geschichte hat und dass bestimmte „asiatische“ Formen (insbesondere der Jahrhunderte alte Zarismus) nicht ohne Weiteres, von einem Tag zum anderen, zu beseitigen sind.

    Doch eine neue und weit radikalere ethischpolitische Reform samt intellektueller Reform wäre untrennbar verbunden mit einer ebenso durch greifenden sozioökonomischen Reform. In der Tat (und auch hier sind historische Vergleiche hilfreich) kann die Wirtschafts und/oder Sozialreform vorangehen, um die (höhere) Reform vorzubereiten, die in einer möglichen Zukunft die komplexen Superstrukturen mit dem Schwer punkt Ethik betreffen und ihnen eine Art von „Primat“ geben wird. „Kann es eine kulturelle Reform und damit zivile Hebung der niedergehaltenen Schichten der Gesellschaft geben ohne eine vorausgehende ökonomische Reform und eine Veränderung in der gesellschaftlichen Stellung und der ökonomischen Welt? Deshalb kann eine intellektuelle und moralische Reform nur an ein Programm ökonomischer Reform gebunden sein, ja, das Programm ist geradezu die konkrete Weise, in der jede intellektuelle und moralische Reform auftritt.“

    Und Dank der ökonomischen Reform wird das Einvernehmen – ein Erfordernis für die Bündnisse, welche die neue politische Ordnung festigen werden – Wurzeln schlagen und sich ausbreiten.

    Der gemeinsame Wille entsteht so in drei Etappen. Ich werde die erste und die zweite überspringen. „Ein drittes Moment ist dasjenige, in dem das Bewußtsein erlangt wird, dass die eigenen ‚korporativen’ Interessen in ihrer gegenwärtigen und künftigen Entwicklung den ‚korporativen’ Umkreis, also den der ökonomischen Gruppierung, überschreiten und zu Interessen anderer untergeordneter Gruppierungen werden können und müssen; dies ist die eigentlich ‚politische’ Phase, die den klaren Übergang von der bloßen Struktur zu den komplexen Superstrukturen bezeichnet, es ist die Phase, in der die zuvor aufgekeimten Ideologien in Kontakt kommen und in Kontrast treten, bis eine einzige von ihnen, oder zumindest eine einzige Kombination derselben, dazu tendiert, das Über gewicht zu erlangen, sich durchzusetzen, sich über das gesamte Gebiet zu verbreiten.“

    Hervorzuheben an dieser Passage ist zuerst die Fügung „ … dass ihre eigenen ‚korporativen’ Interessen … zu Interessen anderer untergeordneter Gruppierungen werden können und müssen“. Für Gramsci sind „soziale Gruppe“ und „ökonomische Gruppierung“ gleich bedeutend mit „soziale Klasse“. Demnach müssen die Menschen in der „eigentlich ‚politischen’ Phase“ die Interessen ihrer eigenen Klasse und auch diejenigen, die sie mit anderen Klassen gemein haben, verteidigen. Letzten Endes muss der Reformer wissen, dass sich selbst auf dem Feld der Ideologien „eine einzige von ihnen oder zumindest eine einzige Kombination von ihnen“ nach der KonfliktPhase tendenziell verbreitet, aber auch die Oberhand über die anderen Ideologien gewinnt. Und da nach Gramsci die verschiedenen Ideologien Ausdruck verschiedener politischer Richtungen und diese wiederum Sendboten verschiedener sozialer Klassen sind, scheint er implizit nahe zu legen, dass sich auch nach dem Sieg des Reformers verschiedene politische Organisationen (Parteien), mithin verschiedene soziale Gruppen (Klassen) betätigen können oder müssen, vorausgesetzt, dass eine einzige politische Ideologie oder eine einzige soziale Klasse die Oberhand über die anderen hat. Und im Licht dieser Reflexionen Gramscis, die uns einen hegemonisierten Pluralismus voraussehen lassen, scheint er uns implizit nahe zu legen, dass mit der Betätigung verschiedener politischer Organisationen eine der klassischen Requisiten der Demokratie im Sozialismus nicht verschwindet, und dass mit dem Verbleiben unterschiedlicher sozialer Klassen die kapitalis tische Produktionsweise nicht vollkommen verschwindet, ebenso wie in allen anderen historischen Produktionsweisen Spuren früherer Produktionsweisen, wenn auch untergeordnet, so doch nicht verschwunden sind. Inbegriffen oder zumindest von Gramsci nicht ausgeschlossen ist der Folgesatz: Wenn der „Konflikt“ gewaltsam wird, ist es höchst unwahrscheinlich, dass die GewinnerSeite ihre Hegemonie über die Verliererseite durchsetzen können wird.

    Aus der marxistischen Theorie können wir die Idee, dass das Eigentum an den Produktionsmitteln entscheidend ist, nicht mehr akzeptieren. Bettelheim und andere erläutern das überzeugend genug. Aber ist die Zentralstellung des Klassenkampfs zwischen Lohnabhängigen und Kapitalisten in der marxistischen Theorie noch eine gültige Theorie? Im modernen Zeitalter ist das Gültige nicht die Zentralstellung, sondern der Charakter des ursprünglichen Konflikts, dem heute neue und unterschiedliche Konflikte, neue und unterschiedliche Widersprüche nachfolgen, „neben“ dem Kampf der Lohnabhängigen und nicht als zweitrangig ihm ge genüber, obwohl sie alle aus dem und innerhalb des (neuen) Kapitalismus hervorbrechen. Der kapitalistisch/antikapitalistische Charakter, den sie gemein haben, hält uns davon ab, sie „nebeneinander“ zu erwä gen. Im September 2007 beantwortete der angesehene und kluge Herausgeber einer kommunistischen Tageszeitung einen Leserbrief etwa wie folgt: Zu sagen, dass ich Kommunist bin, genügt mir nicht mehr, denn ich bin auch Feminist und auch Umweltschützer und auch Verteidiger der Migranten, der Ausgegrenzten, der Andersartigen usw. Meiner Ansicht nach liegt die Ungenauigkeit dieser Antwort in dem Wort „auch“, weil die verschiedenen oben genannten Seitenwahlen nicht zur kommunistischen Entscheidung hinzutreten; in Gramscis Konzept des Kommunismus sind sie organisch verbunden als dessen Rückgrat oder dessen Rippen.

    Das ist nicht schwer zu erklären. Bei Gramsci finden wir das Gegensatzpaar oder die Antithese von Bourgeoisie und Arbeiterklasse, dies je doch als besondere (oder vielleicht beispielhafte) Art einer weiter greifenden und umfassenderen Antithese, derjenigen von Herrschaft und Subalternität. Nicht zufällig analysiert Gramsci sehr kenntnisreich die „Südfrage“ und die zwangsweise, aber auch hegemonial aufgenötigten Formen der Unterjochung Süditaliens (und analog dazu des Südteils der Welt). Und ebenso nicht zufällig sind „Subalternität“ und „Hegemonie“ heute die Termini von Gramsci, die besonders ausdrücklich in postkolonialen, kulturellen und anderen Studien über die verschiedenen Erdteile hervortreten. Bei Gramsci schließt das Konzept der subalternen Gruppen die Arbeiter, das so genannte Subproletariat, die Bauern und die nieder gehaltenen Schichten der Gesellschaft und jener Länder ein, die wir jetzt als peripher bezeichnen. Und Gramsci diskutiert subalterne Kulturen ebenso wie den im Vergleich zur herrschenden oder innovativen Kultur herabgesetzten gesunden Menschenverstand. Wir nun können gewiss in Treue zum Geist von Gramscis Kommunismus dieselben Konzepte von Oberherrschaft und Subalternität heranziehen, um patriarchale Bräuche oder die untergeordnete Stellung der Frauen (einschließlich der Unterordnung, die zuweilen noch in Tradition und Mentalität der Arbeiterbewegung zu finden ist) oder die herrische und zerstörerische Macht der Technologie in der Gestalt kapitalistischer Unternehmungen zum Raub bau an Naturschätzen zu kennzeichnen. Wenn, wie gesagt, Herrschaft über subalterne Gruppen oder periphere Völker sowohl mit hegemonialen Formen von Durchdringung oder Assimilierung wie auch mit repres iver Gewalt ausgeübt werden kann, hat die politische Bewegung, die auf Emanzipation der Subalternen und Ausschluss jeglicher Herrschaft sowie jeglicher Scheidung zwischen Herrschern und Beherrschten ab zielt, in das Ganze der Gesellschaft eine hegemoniale Befähigung so ein zubringen, dass sie die Oberhand über die Zwangsfunktionen gewinnt und letzten Endes jeden Zwang ersetzen kann. Diejenigen, die heute die Idee der Gewaltlosigkeit aufwerten, können sich mit Recht insofern auf Gramscis Hegemonieauffassung berufen, als diese weder die Nebenbedeutung von Herrschaft noch auch von Erhebung gegen die Herrschaft besitzt, sondern auf höherem Niveau eine „intellektuelle und moralische Reform“ zum Prinzip der radikalen Transformation innerhalb der „Superstrukturen“ und in der „Struktur“ erhebt.

     

    2) Politik als Geschichte und als Projekt:

     

    Ein Beispiel für eine transformierende Transition Von 1945 bis zu Beginn der 1970erJahre eröffneten die zentralen und lokalen Führer der Italienischen Kommunistischen Partei gewöhnlich Versammlungen mit einer ausgedehnten weltgeschichtlichen Umschau, bevor sie Anweisungen und Losungen für die unmittelbar anstehende Arbeit ausgaben. Diese Sitte rührte einerseits von der Dritten Internationale der Zeit nach Lenin her und war demnach von doktrinärem Schematismus und pedantischem Ritual beeinträchtigt; andererseits folgte sie einer Sichtweise Gramscis auf die Politik als Geschichte, da diese die Voraussetzung für Politik als Projekt und auch als kurzfristiges Abzielen auf „molekulare“ Prozesse mit kapillarem Eindringen sei. Auf den folgen den Seiten will ich dieses Modul nachahmen und dabei zunächst die Geschichte des 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart umreißen. […] Beginnen können wir mit dem Fordismus oder mit einigen von Grams ci analysierten Zügen des Fordismus: An erster Stelle hatte der Fordismus begriffen, dass eine relativ abgeschlossene Wirtschaft wie jene, die damals in einzelnen Ländern (einschließlich der USA) operierte, wo Arbeiter und sonst wie Beschäftigte die Bevölkerungsmehrheit stellten, über kurz oder lang wegen der Unterkonsumtion ebendieser Unter schichten der Bevölkerung von einer Überproduktionskrise getroffen werden würde. Der Fordismus begriff somit, dass Kostensenkungen mittels Produktivitätssteigerung per Taylorismus und Montageband nicht ausreichten, sondern dass es notwendig wurde, einen „Tugendkreis“ zwischen Profitzuwachs und Lohnerhöhungen zu etablieren. Die Profite würden zunehmen, wenn der ProKopfAusstoß der Arbeiter und zugleich ihre Kaufkraft anstieg, denn die Arbeiter waren auch Verbraucher. Diese Abhilfe gegen drohende zyklische Krisen funktionierte, wenigstens zum Teil. Sie hätte wirksamer sein können, wenn sich das fordistischtayloristische Experiment allgemein auf alle Sektoren der Industrie und der industrialisierten Landwirtschaft übertragen lassen hätte. Und doch war es nicht wirksam genug. Insbesondere die Krise von 1929 mit ihren langwierigen Effekten überzeugte einen Teil des Kapitals davon, dass es möglich und notwendig war, den Massenkonsum durch öffentliche Intervention weiter zu steigern. Diese musste fähig sein, die bislang chronische Erwerbslosigkeit großenteils in Arbeitstätigkeit (speziell an öffentlichen Versorgungsbetrieben) zu absorbieren, und so aus gestattet werden, dass sie den unselbständig Beschäftigten Zusatzleistungen in Form von unentgeltlicher oder preisgünstiger Gesundheitsfürsorge, Pensionen, Krankengeld und befristeten Arbeitslosenbezügen so wie in manchen Fällen auch durch partielle Wirtschaftsplanung gewähren könnte. Letztere war, Gramsci zufolge, in den USA bereits von der Autoindustrie und in Italien in größerem Maß von der faschistischen Regie rung erprobt worden. In theoretischer Hinsicht wurden diese Ideen als Keynesianismus bekannt. In politischer Hinsicht waren sie die Grundlagen des künftigen Wohlfahrtstaats. Nach dem Zweiten Weltkrieg und speziell innerhalb der geografischen Grenzen des alten Europas erweiterte der Wohlfahrtstaat seinen Verantwortungsbereich und seine Funktion, die noch subsidiär war (in Bezug auf die Löhne, die anstiegen). In jenem Zeitraum und in jener geopolitischen Region tauchten zwei neue und miteinander verbundene Faktoren auf: Verstärkter Kampfgeist in den arbeitenden Klassen und auf Seiten des Kapitals verstärkte Furcht vor Rückwirkungen des Sozialismus. Die beiden Faktoren hingen zusammen, weil beide aus der Existenz und der neuen Macht des Sowjetblocks Anstöße bezogen (aus dem für die Arbeiter ermutigenden und für das Kapital alarmierenden Beispiel, das in der Sowjetunion und ihren Satelliten gesehen wurde).

    Bis hierhin ist das nichts Neues jenseits der allgemeinen Diagnosen zahlreicher Experten, Historiker und Ökonomen, die nicht ideologisch auf die Seite des Kapitals ausgerichtet waren. Was geschah danach, und weshalb? Das ist komplizierter, weil viele zusammenwirkende Ursachen von Transformation und Krise im Kapitalismus ins Spiel traten. Einerseits bewirkte der Zusammenbruch der so genannten sozialistischen Länder, dass die Welt der Arbeit weniger mutig, aber das Kapital auch weniger furchtsam wurde. Zum Anderen macht die so genannte Globalisierung des Marktes – also die Wiedervereinigung der Welt unter der Herrschaft des Kapitals und die Überwindung der alten relativ dezentralisierten Märkte, die sich hauptsächlich auf die Binnenregionen ihrer Länder kon zentrierten – die Politik der hohen Löhne im Inland und der staatlichen Garantien für die Arbeitskräfte hinfällig. Mit der Globalisierung wird das, was früher das Wachstum des Kapitals begünstigte, im Gegenteil zum Hindernis für seine Expansion. Heute ist das Kapital zunehmend darauf erpicht, auswärtige Märkte zu erobern und zugleich selbst außer Landes zu gehen, um sich billige Arbeitskräfte zu beschaffen. Wahr ist, dass die von Innovationen in Produkt und Verfahrenstechnologie ge speisten Wachstumsraten der Produktivität speziell in Europa im Ver gleich zu denen in der Zeit des Wohlfahrtstaats absinken. Wahr ist, dass das Wachstum der Warenproduktion und somit des BIP (was mehr oder minder dasselbe ist) im Westen absinkt. Und wahr ist, dass heute die Wachstumsraten des BIP in den USA und in Europa weit hinter denen von Ländern wie China und Indien herhinken. In der Tat pflegten der Druck der Löhne und stärkerer Gewerkschaften rapides Innovieren, somit auch Steigerungen der Produktivität zu stimulieren. Aber in dem neuen Weltmarkt wird, wenn ich wiederholen darf, auf technologischen Umwälzungen, insbesondere auf Umwälzungen in der Informationstechnologie (Silicon Valley usw.) beruhende Konkurrenzfähigkeit zu einem zwar nicht zu vernachlässigenden, jedoch sekundären Element im Vergleich zum Kappen der Arbeitskosten, zum Rückbau der öffentlichen Wohlfahrt und ihrer Kosten und nicht zuletzt zur Größe des Unternehmens, das heißt seiner Befähigung, Kosten und Gewinne in größerem Maßstab umzuverteilen, was die Geldauslagen wie auch die auf den Markt geworfenen Mengen an Gütern anbetrifft.

    Manche der neuen „Kosten“ wurden von vielen Ökonomen irrtümlich übersehen. So wurden etwa die aus der immer ernsteren Umweltkrise unserer Zeiten herrührenden Kosten übersehen (aber nicht von James O’Connor). Wenn wir vor allem diese Krise bedenken, scheint die kreative Destruktion des Kapitalismus (so Schumpeter) jetzt stattdessen destruktive Kreation zu sein, worauf antagonistische Kräfte sozusagen mit konservativer Konstruktion zu entgegnen hätten: Konstruktion einer radikal neuen Ordnung mit der Befähigung, die fundamentalen Natur schätze und zugleich das Kulturerbe aus der Geschichte unserer Gattung zu bewahren. Wir sagen gewöhnlich mit Recht, dass Unternehmen nach Profit streben und deshalb kein Interesse daran haben, der Umweltkrise vorzubeugen; sie sind im Gegenteil gezwungen, diese zu verschärfen. Aber wir versäumen gewöhnlich, bestimmte negative Effekte der Umweltschädigung, die sich immer stärker in den Konzernbilanzen nieder schlagen, zu berücksichtigen. Vor allem stellen wir nicht in Rechnung, für wie viele Fehlschichten die Unternehmen den Beschäftigten Krankengeld zahlen müssen, weil diese unter Luftverschmutzung oder ähnlichen Geißeln zu leiden haben, so auch unter Fehlernährung infolge der Manipulation von Lebensmitteln seitens der multinationalen Konzerne, unter dem Stress des unerträglichen Wohnens in Ortschaften, die zu Ameisenhaufen mit einem Gewimmel langsam fahrender Personen und Lastkraftwagen geworden sind, und so weiter. Die Lebenserwartung ist ge stiegen, aber wir berücksichtigen gewöhnlich nicht, dass auch die Häufigkeit von Erkrankungen pro Lebensjahr gestiegen ist, und zwar nicht nur bei Älteren, sondern auch bei Menschen im arbeitsfähigen Alter und in deren Familien, sodass die Kosten der Gesundheitsfürsorge angestiegen sind, ob sie nun vom Staat bezahlt werden (aus dem Ertrag von Steuern einschließlich der Körperschaftssteuer) oder von Versicherungsgesellschaften (die als Unternehmen die Durchschnittsprofitrate herab drücken, wenn sie ihren Versicherten mehr auszahlen müssen). Gesagt werden muss, dass auch die Arbeiterbewegung im „Goldenen Zeitalter“ des 20. Jahrhunderts die schon damals allgemeine Schädigung der Umwelt durch zügelloses Wachstum der Warenproduktion (insbesondere von unnötigen Waren) weder wahrgenommen noch ernst genommen hat. Erkrankungen der Atemwege verursachen in der Europäischen Union pro Jahr schätzungsweise Kosten von etwa 102 Mrd. €. Pro Kopf gerechnet sind das 118 €. Der größte Anteil dieser Kosten, 47,4%, entsteht durch den Ausfall von Arbeitstagen, der sich auf 48,3 Mrd. € summiert. An nächster Stelle stehen die Klinikaufenthalte mit 17,8 Mrd. € oder 17,5% der Gesamtkosten. Die ambulante Versorgung kostet 9,1 Mrd. € (8,9%), die Verordnung von Medikamenten 6,7 Mrd. € (6,6%). 100.000 EU Einwohner sind pro Jahr etwa 66.155 Tage lang wegen Erkrankung der Atemwege arbeitsunfähig. Bronchiopneumonie ist die Hauptursache der Arbeitsunfähigkeit (62,4%); es folgen Asthma (21,4%) und Pneumonie (7,6%) (Quelle: ELF). Diese Daten bieten dem Management und sei nen politischen Vertretern einen weiteren guten Grund gegen Einschränkungen der Zeitarbeit. Wenn ein Zeitarbeiter zu oft krank wird, kann das Unternehmen einfach seinen Vertrag nicht verlängern.

    Ich muss weitere wohlbekannte Transformationen aus der „Fordis mus“Periode und der jetzigen Phase erwähnen. Das Wachstum der Konsumtion, insbesondere der Massenkonsumtion, hatte allmählich viele Formen der kommerziellen Vermittlung zwischen Produktion und Massenkonsum heranwachsen lassen. Das führte zur Expansion des Dienst leistungssektors und zum Aufgliedern seiner Funktionen in den Verkauf von Produkten oder das Anbieten von Diensten. In der fordistischen Zeit und während eines großen Teils des 20. Jahrhunderts bestand der Dienstleistungssektor zumeist aus kleinen Geschäften, die einerseits ei nen kleinen Gewinn aus industriellen und agroindustriellen Produkten zogen, andererseits aber die Menge der Verbraucher von Industrieprodukten erweiterten und somit Profite zu den IndustrieUnternehmen zurückfließen ließen. Insgesamt war das Handelskapital dem industriellen Profit untergeordnet, sodass es die beherrschende Funktion des letzteren nicht antastete, sondern bestärkte. Dagegen besteht ein Kennzeichen der jetzigen Periode in der wachsenden Konzentration des Handelskapitals, das heißt, im Entstehen von Giganten, die den kleinen Händlern das Leben tendenziell sehr erschweren oder sie aus dem Geschäft verdrängen, sodass sie selbst an der Herrschaftsposition des Industriekapitals teilhaben. In vielen Fällen erzeugen sie eine wahrhafte Symbiose zwischen Produktions und Distributionsaktivitäten (z. B. durch SupermarktAktienbesitz in den Händen von Industriellen oder Eignern von Informationsmedienketten). Sogar die Mafias haben sich modernisiert; sie sind von parasitären Zwischenstufen in das Management von Produktionsunternehmen umgestiegen; ein typisches Beispiel ist die Bauindus trie mit ihren Anhängseln von Spekulation und Korruption. Ähnliches geschieht mit Rohstoff und Energiequellen, insbesondere bei fossilen Brennstoffen. In der Vergangenheit konnten die Eigner oder Beherrscher von Gruben oder Ölfeldern (wie die alten arabischen Emirate) mit Grundbesitzern gleichgesetzt werden und ihre Einkünfte ergaben sich aus Investitionen von Industriekapitalisten. Heute gehören die großen Ölgesellschaften zum industriellen Komplex oder, so in den Vereinigten Staaten, zum MilitärIndustrieKomplex.

    Gegen Ende des 20. Jahrhunderts änderte sich etwas infolge der Globalisierung, die teils als unaufhörliche Kapit albewegung von Land zu Land oder Kontinent zu Kontinent und teils als Erfordernis, Konzentrationen zu bilden, in Erscheinung trat. Um auf dem globalen Markt konkurrieren zu können, mussten letztere größer werden und größere Mengen von Produkten anbieten. Wegen dieser beiden Aspekte des heutigen Kapitalismus erleben wir eine Expansion des Finanzkapitals, dessen her rische Tendenz schon Lenin – vielleicht verfrüht – angemerkt hatte. Die Kreditierung oder vielmehr die Vergabe von fremdem Geld, das Unternehmer benötigen, um ihre zunehmenden Investitionen in riskante Produktionsgeschäfte zu finanzieren, macht letztere (in gewissen Hinsichten) zur abhängigen Variable. Die führende Rolle übernimmt die Hochfinanz. Und damit Industrieunternehmen die Zinsen für das entliehene Kapital sowie die Kosten des im Wettbewerb unentbehrlich gewordenen Instruments Werbung bezahlen können, müssen sie mehr als je andere Kosten einsparen, vor allem Arbeitskosten. Dieses Phänomen hat einen sozialen Aspekt, der nicht übersehen werden darf: Verschuldung der Verbraucher. Zum einen ist es schlechter entlohnten Arbeitern zuwider, jetzt weniger zu kaufen, weil sie weniger verdienen, ein Widerstreben, das von den neuen Medien mit aller Macht durch Werbung und Verbreitung der KonsumIdeologien geschürt wird. Zum anderen betrachten sich viele arme Seelen im Westen, besonders in den Vereinigten Staaten, als potentielle Kapitalisten – ein weiterer Effekt einer perversen ideologischen Kampagne – und kaufen deshalb auch miese Wertpapiere oder nehmen Darlehen und insbesondere Hypotheken auf. Verschuldete Kapitalisten, verschuldete Verbraucher, die mächtigste Nation der Welt tiefer in Schulden steckend als irgendeine andere – dieser Mix kann kaum umhin, ex plosiv zu werden, sofern dem Kapital nicht ein Mittel einfällt, die Bom be zu entschärfen. Der Arbeiter wird zum Teil „Kapitalist“, indem er sich die „animalischen Triebe“ des inwendig konkurrierenden Kapitalismus zu eigen macht, das heißt, sich von alten und neuen Ideologien vereinnahmen und dazu bringen lässt, nicht in seinem Boss, sondern in seinem Arbeitskollegen – speziell, wenn es ein Einwanderer ist – den „wahren“, hassenswerten und zu bekämpfenden Feind zu sehen.

    Manche Leute, sogar manche Verfechter des extremen Neoliberalismus, halten das angeblich von Marx verkündete und begründete Primat der Ökonomie für unbestreitbar. Meistens schreiben sie deren neueste Ober hoheit den finanzwirtschaftlichen Magnaten zu. Doch wenn wir Marx und speziell dessen unveröffentlichte Schriften nachlesen, so erkennen wir: Die „Entwicklung der Produktivkraft“, die er für die Triebkraft der Ge schichte hielt (er hätte sagen müssen: „die Triebkraft der modernen kapitalistischen Geschichte“) – das heißt, für deren Voraussetzung, – war und ist in Wirklichkeit ein Ergebnis der unaufhörlichen Umwälzung der Technologie, die er feierte und in vielen Schriften kenntnisreich analysierte, vor allem in dem berühmten Fragment über die Maschinerie. Was die radikalen Veränderungen von heute antreibt, das ist das rapide „Ver schwinden“ der riesigen alten Maschinen und deren Ersetzung durch immer agilere elektronische Geräte, die leicht von den alten Industriestäd ten in die fernsten Winkel der Welt verbracht werden können. Das Ergebnis ist nicht das Ende der Lohnarbeit, sondern die abermals primäre Re levanz der Arbeitskosten. Zwecks Konkurrenzfähigkeit müssen das Finanzkapital und im Gefolge das Industrie und das Handelskapital die se Kosten auf xbeliebige Art senken, und die Regierungen werden gezwungen, eine perverse Logik zu unterstützen, die vorgibt, den so ge nannten „Reichtum der Nationen“ zu „bewahren“, indem sie die globale Gesellschaft ruiniert. Dieser Trend kann nur dadurch umgekehrt werden, dass dem Primat der wissenschaftlichtechnologischen Revolution und ihrer „Gesetze“ ein Ende gesetzt wird. Gramsci verlangte an dessen Stelle das Primat der ethischpolitischen Vernunft. […]

    Heinrich Sichrovsky schmuggelt, als Arbeiter verkleidet, Wertpapiere und persönliche Dokumente der Kaiserin Anna Karolina aus der Stadt.

     


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