• Egalität der Geschlechter? Feminism Reloaded

  • 26 Apr 11 Posted under: Feminismen
  • Dieser Text ist in Form einer ungehaltenen Rede gehalten.

     

    Sehr geehrte Damen und Herren, werte Versammelte!

     

    Gebeten wurde ich hier um einen Beitrag über „den (linken) Feminismus als eine Befreiungstheorie“, und das unter Berücksichtigung dessen, dass „die Kenntnis der theoretischen Probleme im Zusammenhang mit den Geschlechterverhältnissen noch immer im Allgemeinen erstaunlich gering“ sei. Ich muss gestehen, dass mich dies in dreierlei Hinsicht bange macht. Zum einen: Trifft das tatsächlich zu? Zum anderen: Wie ist das möglich? Schließlich: Bin ich diesem Ansinnen gewachsen?

    Die erste Frage wird durch die hoffentlich anschließend rege Diskussion in aller Vorläufigkeit sich beantworten. Der zweiten Frage sind die folgenden Ausführungen gewidmet, und das dritte Fragezeichen bewegt sich im Moment ambivalent zu einer Antwort hin: Denn es lässt sich ein schlichtes „ja“ etwas unbescheiden ebenso behaupten, wie die Unmöglichkeit bezeichnen, in solch einer Verdichtung Jahrzehnte währende Theorie- und Politikbildungen und eine jahrhunderte-, ja jahrtausendelange Geschichte zu reflektieren. Und nicht zuletzt ist meine Perspektive eng mit den Frauenbewegungen verbunden, um deren Aufklärung – im doppelten Sinn – es hier zu tun ist. Ich gehe davon aus, dass ich mich an einem Ort befinde, dem „Parteinahme“ nicht suspekt ist, und möchte über einige Aspekte – denn mehr kann es in diesem Augenblick nicht werden – zu den Geschlechterverhältnissen als politische Relation Auskunft geben. Ich werde dies, die feministischen Theoriebildungen kursorisch beschreibend, versuchen, sowie daraus erste kleinere Schlussfolgerungen für den hiesigen Kontext wagen.

    Zu Beginn, zur Einhörung ein paar Mottos, die den Einsatz sogleich markieren:

    Und der Tausch von Reichtümern findet also in Realität (zu 90%) unter Männern statt. (Mascha Madörin) Mein Traum ist, mit den Augen einer Frau sehen zu können. (Gregor Gysi) Der männliche Imperialismus verstößt die Frauen entweder an die Grenzen oder macht sie, wenn er sie erzieht, den Männern gleich (homolog). (Jean-François Lyotard) Die Geschlechter sind „egal“ geworden, deren Arbeitsteilung den geschichtlichen Erfolg des Kapitalismus in Europa und in den USA für sich verbuchen kann. Seine Globalisierung heißt für Frauen, dass sie zwei Drittel der Weltarbeit verrichten, während sie nur ein Zehntel des männlichen Einkommens erhalten: „Würden die Frauen die Rechnung für ihre Leistung präsentieren, ginge die Welt bankrott“. (Gerburg Treusch-Dieter) Unsere gesamte Gesellschaft versucht die Andersheit zu neutralisieren … im aseptischen Fluss der Kommunikation, im interaktiven Erguss, in der Illusion von Austausch und Kontakt. … Das ganze Spektrum der geleugneten Andersheit steht als Selbstzerstörungsprozess wieder auf. (Jean Baudrillard) Wir wollen kein größeres Stück vom vergifteten Kuchen. (Devaki Jain) Darf ich annehmen, dass das, was die indische Feministin mit der Symbolik des „Kuchens“ meint, wir hier alle nicht wollen? Oder heimlich vielleicht doch?

    „Die Teleologie der Linken, die einzige, die uns interessiert – zu Recht oder zu Unrecht –, mag viel von sich reden machen und bei Wahlen günstige Abstimmungsergebnisse erzielen; trotzdem, niemand lebt nach ihren Werten und wahrscheinlich ist niemand bereit, deswegen seine realen Lebensverhältnisse aufzugeben… .“2 Diese Wahrnehmung, vor 30 Jahren formuliert, klingt nicht nur aktuell – finden Sie nicht auch? – und sie scheint sich, wider alle Eindrücke grundsätzlicher Veränderungen „der“ Linken in jüngsten Zeiten, zu wiederholen: die fortgeschrittene (Ego-) Individualisierung macht vor keinem und keiner Halt und Abstimmungsergebnisse lassen sich auch wieder blicken. Ist doch schön, wenn man im Europäischen Parlament sitzt, zum Beispiel. Also geht es doch um das Erheischen eines Stücks vom „vergifteten Kuchen“?

     

    Verblendetes Mitmachen

     

    An diesem Punkt sind wir bereits der Problemlage, um die es hier geht, näher gerückt. Ein kleiner Exkurs zu einer Frage, die nicht mehr gestellt zu werden scheint, spurt den Pfad zur kritischen Geschlechterpolitik: Wer bäckt den „Kuchen“? Und wer möchte an diesem Kaffeekränzchen teilnehmen? „Partizipation“ ist ja heute in a l l e r Munde, im Mainstream genauso wie in alternativen Szenarien. Also günstig abzugeben und umsonst zu haben. Aber fragt sich noch eine/r, woran denn da zu partizipieren gewollt wird?

    Die im Begriff selbst angelegte Doppeldeutigkeit von „Teil-habe“ und „Teil-nahme“ verweist auf eine passive (=„Haben“-) und eine aktive (=„Nehmen“-) Seite. Je nach Geschmack und Präzision lässt sich zwischen „etwas Gemeinsames auf-teilen“ und „mitbestimmen am Gemeinwesen“ unterscheiden. Heute wird Partizipation jedoch oft mit der Unteilbarkeit des wörtlich genommenen In-Dividuums versehen, das sich dort und da und sonst noch wo be-teiligen will/muss. Was dabei eher vergessen wird, ist die damit – ganz im Sinn des Citoyen – inkludierte Dialektik von Mit/Bestimmung und Verantwortung. Wird hier eine alte Tugend postfordistisch gewendet? Des Kaisers neue Kleider – nun für alle? Möglicherweise ist dies die Falle, die der Fall ist. Seit der neokonservativen Wende, also seit der Entwertung institutionalisierter Mitbestimmungsorganisationen, ist Partizipation hoch im neo-liberalen Dis/Kurs: im ‚Zentrum’ wie in den Peripherien. “Seitdem die Teilhabe- Phase (Tarifverträge, Mitbestimmung, konzertierte Aktionen) samt ihren Gratifikationen (Arbeitsplätze, Mindestlöhne, Sozialpläne) unaufhaltsam zu Ende geht, steigt … das Teilnahme-Ethos kontinuierlich an … Wer nichts mehr hat, der nimmt, was er kriegt.“

    Aber wer bestimmt die Verteilung (die bekanntlich alles andere als eine Umverteilung ist), bzw. das (Aus)Maß dieser? Wieso schielt das „Oben“ plötzlich auf die Partizipation von „Unten“ ? Welche „List der Vernunft“ steckt hinter dem allgemeinen Lobgesang der Partizipation? Sukzessiv wird ein demokratisches Mittun suggeriert, wozu es erstmal der heute überall plakativ eingesetzten Strategie der Selbst/Ermächtigung (self/empowerment genannt) bedarf. D.h., die Partizipierenden müssen sich selbst regieren und regulieren lernen. Deutlicher: Sie werden zu Mit- MacherInnen stimuliert. Die Befürchtung pointiert zum Ausdruck gebracht: Leben wir in einer simulierten Demokratie?

    An diesem Punkt nähern wir uns „bedenklich“ dem Problem der bislang uneingelösten Geschlechterdemokratie – substanziell verstanden. So möchte ich gleich ins kalte Wasser springen und auf eine vergessene (verleugnete, verdrängte?) politische Konzeption aus der Frauenbewegungstradition verweisen, und zwar derjenigen feministischen Reflexion und Handlungsoption, die weder einem Staatsfeminismus, einem Parteifeminismus noch einem Gleichheitsfeminismus frönte – obwohl all dies als alltagspolitische Notwendigkeit durchaus anerkannt wurde –, sondern die eine „radikale“ Perspektive der Verweigerung des Vorgegebenen im Blick hatte. Denn eine Haltung tiefer Skepsis gegenüber einer patriarchalen Ordnung – in Form großer und kleiner realexistierender Communities –, die vom Frauenausschluss lebt, kann nicht ungetrübt oder leichtsinnig an etwas teilnehmen, dessen Bestreben es ist, die Unpassenden zu degradieren und die Passförmigen zu graduieren. An etwas teilzuhaben, das Gleichheit suggeriert und Systemimmanenz meint, das war die Sache der autonomen Frauen (-bewegung) nicht. In dieser Deutung ist Partizipation – trotz des Bewusstseins einer zwangsläufigen (verinnerlichten) Teilhabe am System – keine Positionierung für greifende Veränderungen. Denn Teilnahme schützt, über den Weg der Beteiligung, nicht vor Vereinnahmung. Das Bestehen auf Differenz/en – als das gewollte Abseits, als der kritische Abstand, als der Verzicht auf das Mitrühren am Kuchenteig, als Distanz zur Macht (die vom mitmachen ja lebt) – entgeht un/heimlichen Normkonformitäten. Der Gemengelage einer anderen als der Realpolitik stünden Begriffe wie Widerstehen, Dissidenz und Subversion wieder gut zu Gesicht. „Geschlechtslose“ Linke Den aufmerksam Zuhörenden unter Ihnen mag inzwischen nicht entgangen sein, wo mein politisches Herz schlug – und, wenn auch in „transformierter“ Weise, noch nicht zum Stillstand gelangt ist. Mein politisches Tun bezog sich ein viertel Jahrhundert lang auf selbstorganisierte Frauenzusammenhänge und hat seine Wurzeln in der sog. Autonomen Frauenbewegung, was u.a. bedeutet hat, keiner Partei beizutreten, gerierte diese sich noch so links, fortschrittlich und frauenfreundlich. „Partei“ jedwelcher Couleur, das hieß – und heißt leider noch immer – strukturelle und damit inhaltliche Männerdominanz – und die Verleugnung dieses Tatbestandes durch die uneingesehene und uneinsichtige Gleichsetzung von Mann und Menschsein sowie die damit einhergehende Annahme, dass „Geschlecht“ vorgeblich egal (bzw. egalitär) sei.4 Es war evident, dass eine feministische Frauenpolitik ausschließlich mit Frauen Sinn macht, und es war klar, dass die „revolutionäre“ Perspektive nicht den Klassen-, sondern den Geschlechterwiderspruch zum primären Gegenstand hatte.Die Auflösung der Männerherrschaft war idealiter verbunden mit der Einlösung aller Herrschaftslosigkeit, weshalb die Triade von „race, class und sex“ als d i e Unterdrückungs- und Ausbeutungsmarkierungen schon immer in einem Atemzug genannt wurden. Um es ganz vereinfacht zu sagen: Der Kampf gegen das Patriarchat stand deshalb im Vordergrund, weil es der Hintergrund des Kapitalismus und des Imperialismus ist. Es gab unzählbare Dispute zwischen Links- und „Radikal“ feministinnen – das füllt halbe Bücherregale – und führte zumeist in Abgrenzungen – theoretisch wie praktisch. Der einen Strategie war „nur Frauen“ zu wenig, der anderen waren die Genossen nicht genießbar, insbesondere deren Anspruch auf politische Stellvertretung eines universellen Humanismus.

    Diese Wahrnehmung steht gegenwärtig mehr oder weniger auf verlorenem Posten, suggeriert der Kapitalismus in seinen neoliberalistischen Aus- und Einwüchsen doch die Freiheit eines/einer jeden zu tun was – und zu sein wie – beliebt (ist). Zumindest in unseren wohlhabenden Territorien. In dieser „Freiheit“ und auf Basis erkämpfter – und inzwischen als selbstverständlich erlebter – weiblicher Grundrechte scheint die Frauenemanzipation vollbracht zu sein und sich damit erübrigt zu haben. Jedes öffentliche Kundtun einer kritisch- feministischen Sichtweise wirkt nachgerade antiquiert und peinlich. Überall. Überall?

    Radikal linken Positionen geht es wohl nicht sehr anders, oder sie werden wie der Teufel an die Wand gemalt. Es ist ein zeitgeistig eigentümliches Phänomen zu konstatieren: die Verurteilung jeglicher sich positionierender politischer Haltung als (überholte) Ideologie bei gleichzeitig wachsendem Unbehagen an und in den verhältnislosen Verhältnissen. An ein Bonmot (als treffendes Wort) von Günter Anders (1964!) lässt sich da anknüpfen: „Genieren wir uns nicht. Seien wir unmodern. Sprechen wir über Kapitalismus“. Ich möchte ergänzen: Genieren wir uns nicht. Seien wir unmodern. Sprechen wir über Sexismus. Momentan perspektiviert sich mein Interesse hin zu mehr Mittun und -denken in „gemischten“ alternativen Kontexten (und wenn dann „links“ – what else?), allerdings ohne dem heute so beliebten Gesellschaftsspiel – von links über die Mitte bis nach rechts – des Abklatschens der Frauenbewegungen zu applaudieren. Angesichts der Weltlage – und der Frauen in dieser – ist eine Dringlichkeit angemahnt, sich wieder mit Sozial- als Kapitalismuskritik auseinander zusetzen sowie die Geschlechterfrage darin n i c h t wieder „links“ liegen zu lassen. Und deshalb stehe ich wohl jetzt hier – aufgefordert wie ebenso freiwillig. Und mit keinen oder weniger Berührungsängsten als viele junge oder auch einige Menschen meiner Generation, die ich kenne, zu einer institutionalisierten Linken; wahrscheinlich, weil keine Beschädigungen durch Parteidisziplinierungen vorhanden sind, weil den großen (auch marxistischen) Meistererzählungen sowieso misstraut wird, und weil eine feministisch geprägte Lebens- und Wissenserfahrung vor Vereinnahmungen schützt. Denn, und das muss mal in aller Deutlichkeit gesagt werden: Die Genossen und (die meisten) praktizierenden Genossinnen haben sich (historisch) einen feuchten Kehricht um die sog. Frauenfrage geschert – weil eben jener Kehricht als nicht wesentlicher Bestandteil einer Weltverbesserung gegolten hat.

     

    Bericht aus der Frauenbewegung

     

    Die feministischen Theoriebildungen, die Frauen- und Geschlechterforschungen sowie die gender-studies haben dazu ganze Büchereien gefüllt – und dabei auch vieles Kontradiktorisches zutage gebracht.7 Doch glauben Sie nicht, dass dies in irgendeiner Art und Weise Eingang gefunden hätte in den allgemein anerkannten Wissenschaftskanon. Im Gegenteil – mit den Universitätsreformen zeitigt sich eine rückläufige Tendenz und die Frauenforschung – trotz ihrer modischen Erscheinung als Genderexpertise – wird aufs Nebengleis von Spezialstudienangeboten abgestellt. Doch das wäre eine andere Geschichte. Aber Sie werden jetzt verstehen, dass ich bloß sehr reduziert (und hoffentlich nicht redundant) die Komplexität der Materie präsentieren kann, also eine Wahl treffen muss.

    Das tue ich erstens durch Bezeichnung der verschiedenen Frauenbewegungsrichtungen und zweitens durch eine kurze Darstellung der unterschiedlichen Paradigmen feministischer Theorien.

    Eine im Prinzip alle Theoreme und Praxen verbindende politische Aussage könnte so lauten: „Feminismus als transformative Politik ist darauf gerichtet, gesellschaftliche Institutionen zu verändern, jede Form von Unterdrückung zu überwinden, und nicht darauf, bestimmten Gruppen von Frauen innerhalb bestehender Strukturen mehr Raum zu verschaffen. Diese Politik ist nicht nur im Interesse aller Frauen, sondern aller Menschen, aber dennoch – oder gerade deshalb – eine Herausforderung für die Verteidiger traditioneller patriarchaler Machtverhältnisse.“9 Zum ersten: Es lassen sich chronologisch fünf Strömungen nachzeichnen, die bis in die Gegenwart ebenso neben- und gegeneinander wie durch- und miteinander vorkommen. Dies ist wichtig zu erwähnen um zu betonen, dass die Frauenbewegungen nicht autoritativ, also hierarchisch organisiert waren, obwohl es selbstredend immer wieder wilde Debatten um die jeweils richtige Perspektive gab. liberale (bürgerliche) Feminismen gleiche gesellschaftliche Rechte sozialistische Feminismen Klassen- und Produktionsverhältnisse radikale Feminismen Patriarchat, Zwangsheterosexualität kulturelle (gynozentrische) Feminismen Aufwertung weiblicher Identität poststrukturalistische Feminismen symbolische Ordnung;

     

    „doing gender”

     

    Diese Stichworte müssen hier ausreichen; aber auch in der Kürze spiegeln sie die Bandbreite der Kampf-/ und Denk/Schauplätze sowie die komplexen und in einander greifenden Ebenen des subordinierten Status von Frauen. Ein wesentliches, weil sich dadurch von anderen alternativen Bewegungen und kritischen Wissenschaften unterscheidendes Merkmal dabei ist die Einbeziehung des Privaten ins Feld der Politik und in die Sphäre der Reflexionen. Die Erkenntnis, dass das Politische privat sei und umgekehrt, gehört zu den essentiellen „Errungenschaften“ einer politischen Mentalitätsgeschichte des 20. Jahrhunderts und wird, da sie männliche Gewalt thematisiert hat, als solche „natürlich“ nicht anerkannt. Quer zu und in diesen divergierenden Fokussierungen gab es wellenartig heiße Debatten um Interpretationshoheiten, erkenntnistheoretische Prioritäten und politische Forderungen und Ziele.10 Zu erinnern wäre dabei an die Hausarbeitsbezahlungsdebatte und die Lesben/Heterodebatte und die Mittäterinnenschaftsdebatte und die Subsistenzwirtschaftsdebatte und die Institutionalisierungsdebatte und die Internationalisierungsdebatte und die PorNodebatte und die Migrationsdebatte. Soweit Schlaglichter auf eine lange kurze Geschichte. Allgemeine (globale) Dynamiken produzieren große Fragezeichen. Und etwas ohnmächtigen Zorn. Eine der substantiellen Maximen der Frauenbewegung – die Selbstbestimmung der Frauen – wurde diskursiv enteignet und zur Kategorie des neoliberalen Selbst verdreht, dem es um die Optimierung seiner Interessen zu gehen habe, bzw. wo es zum schieren Überleben sich wendet – und Letzteres wieder mal besonders der weiblichen Existenzen. Ideengeschichtlich lässt sich diese Verschiebung u.a. auch an der postmodernen „Subjekt“-Debatte im Kontext feministischer Theorien fassen. Der Kampf gegen Unterdrückung und Ausbeutung war allererst gerichtet gegen den weiblichen Objektstatus (Gleichheitsfeminismus) und in Folge auf die Subjektwerdung der Frau (Differenzfeminismus). In diesem historischen Moment – so ab den 80er Jahren – erklärte eine bestimmte männliche „List der Vernunft“ unter dem Vorzeichen der Enthauptung des Meistermannes das Subjekt für tot, jede Autorschaft für obsolet und fortschrittliche Politik für re-aktiv. Die avancierte feministische Theorie nahm dieses Angebot der Auflösung des Subjekts insofern gern in Kauf, als ein Begriff von „Weiblichkeit als Alterität“ sich nicht in der Adaption eines starren, genuinen, quasinatürlichen und vorgeschriebenen Frauensubjekts erschöpfen sollte (Dekonstruktionsfeminismus). Mit der diskursiven Wende zur gänzlichen Abschaffung des Subjekts Frau als bloß ein- und zugeschriebener Körper – bei dessen gleichzeitiger Entmaterialisierung – wurde die „Frau“ (und damit das Subjekt des Feminismus) verworfen zugunsten einer niemals zu fixierenden, aber ständig selbstbestimmbaren Identität (Konstruktions- bzw. Postfeminismus).

    Ich kann mir an dieser Stelle die Bemerkung nicht verkneifen, dass mir bis jetzt noch kein „normaler“11 Mann (im Kollektiv) untergekommen ist, der sich fragen muss, ob er existiert, existieren darf als solcher. Bevor ich nun zum letzten Teil komme, der sich eine persönlich-politische Einschätzung erlauben wird – inklusive eines kleinen Appells –, möchte ich trotz der gerade angedeuteten internen post/feministischen, schwierigen und zum Teil auch schmerzhaften Auseinandersetzungen deren Notwendigkeit als kritische Stimme unterstreichen. Sie birgt nach wie vor Sprengstoff, sozusagen werden permanent Gemäuer des anscheinend Selbstverständlichen brüchig, was erfordert und erlaubt, nie zur Ruhe zu kommen.

     

    Feministische Aufklärung

     

    Auch wenn ich gerade ein persönliches Urteilen angekündigt habe, so möchte ich dies nicht privat verstanden wissen und werde von daher Ihren hoffentlich noch geneigten Ohren einige Zitierungen anbieten, da ich sie für sehr zutreffend (ein)schätze. Zu den Geschlechterverhältnissen ist zu sagen: „Der Begriff Geschlechterverhältnisse soll tauglich sein, die Einspannung der Geschlechter in die Gesamtverhältnisse kritisch zu untersuchen. Er setzt voraus, was selbst Resultat der zu untersuchenden Verhältnisse ist: die Existenz von ‚Geschlechtern’ im Sinne der je historisch vorfindlichen Männer und Frauen. Die Komplementarität bei der Fortpflanzung ist die natürliche Basis, auf der im historischen Prozess sozial geformt wird, auch was als ‚natürlich’ zu gelten hat. In dieser Weise treten die Geschlechter als Ungleiche aus dem Gesellschaftsprozess, wird ihre Nicht-Gleichheit zur Grundlage weiterer Überformungen und werden Geschlechterverhältnisse fundamentale Regelungsverhältnisse in allen Gesellschaftsformationen. Sie durchqueren bzw. sind wiederum zentral für Fragen von Arbeitsteilung, Herrschaft, Ausbeutung, Ideologie, Politik, Recht, Religion, Moral, Sexualität, Körper und Sinnen, Sprache, ja im Grunde kann kein Bereich sinnvoll untersucht werden, ohne die Weise, wie Geschlechterverhältnisse formieren und geformt werden, mit zu erforschen. Davon abzusehen gelingt nur, wenn man zugleich – wie dies in der Wissenschaft traditionell üblich – davon ausgeht, dass es nur eines, das männliche Geschlecht, gibt und dass alle Verhältnisse also als männliche abzubilden sind.“

    Zu den Frauen ist zu sagen: „Sie stehen weiterhin ihren Mann, indem sie doppelt so lang und härter arbeiten wie Männer, als ob sie an sich selbst bestrafen, dass sie vorhanden sind. In der Familie unbezahlt und im Beruf unterbezahlt, sind sie die letzten, die eingestellt und die ersten, die gefeuert werden, obwohl neuerdings das Gegenteil versichert wird. Dennoch stellen Frauen fast zwei Drittel aller Erwerbslosen, Sozialhilfeempfänger, Teilzeitarbeitenden und nicht sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, die mehrheitlich Alleinerziehende sind: sie aber nehmen jede Doppelbelastung in Kauf, auch wenn sie ausschließlich auf ihre Kosten geht. Zwar zielen Frauen dabei auf einen Gewinn ihres Selbstwerts ab, aber er ist innerhalb dieses Zirkels … nicht zu realisieren. Denn er wird in dem Maß negiert, wie nichts profitabler ist als jemand ohne Wert, der Werte produziert, ohne dass er – sprich: sie – wenigstens das Äquivalent gesellschaftlicher Anerkennung dafür erhält. Auch im Hinblick darauf wird inzwischen das Gegenteil versichert: Frauen seien, obwohl noch unterrepräsentiert, auf allen Ebenen der Gesellschaft präsent, auch in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik. Doch eben dieses ‘auch’ drückt die Verweigerung dieser Anerkennung aus, die bedingt, dass die Emanzipation bisher nie mehr als eine weitere ‘Zivilisierung’ von Frauen brachte, ohne dass eine einzige ihrer Forderungen eingelöst wurde.“

    Zur Geschlechterdifferenz ist zu sagen: „Dies ist der Weg, auf dem der Mann/Mensch die Parabel des Selbst durchläuft. Er findet und erkennt sich als das Besondere seiner Universalisierung wieder. Der Frau hingegen geschieht es, dass sie sich nur als das Besondere vor-findet, als das endlich andere, das im universalen Neutrum Mensch/Mann enthalten ist. … Das geschlechtlich Begrenzte in seiner männlichen Form, das sich universalisiert, indem es sich verabsolutiert, feiert in diesem Selbst-Verabsolutierungsprozess sein Geschlecht, ohne jedoch die Differenz, die darin verwurzelt ist, und das Sich-Unterscheiden, in dem es besteht, zur Kenntnis zu nehmen. … Für die Frau folgt daraus, dass sie sich im Denken und in der Sprache eines universalen Subjekts, das sie nicht umfasst, ja sie sogar ausgrenzt … nicht erkennen kann. … Somit ist die Frau der universale ‚Mensch’ mit dem ‚Zusatz’ des weiblichen Geschlechts. … Die Geschlechterdifferenz zu denken ist deshalb eine schwierige Aufgabe, denn sie ist der Auslöschung unterworfen, auf deren Basis das abendländische Denken beruht und sich entwickelt hat.“14 Ich fasse in fünf Thesen zusammen:

    Geschlechterverhältnisse sind gesellschaftlich produzierte Verhältnisse und regeln Geschlechterverhältnisse als Herrschaftsverhältnis. Politik ist strukturell und inhaltlich „Männersache“. Männer stiften den „Sinn“. Das, was Frauen tun, wird unterbewertet und nicht anerkannt, egal was und wie viel sie schuften. Emanzipation hieß bis jetzt Anpassung an männliche Maßstäbe. Das Abendland kann die Geschlechterdifferenz nicht wissen und denken, da der Mann sich als universelles Subjekt gesetzt hat. In dieser Be/Deutung ist „Feminismus als eine Befreiungstheorie für PolitikerInnen und AktivistInnen der ‚Europäischen Linken’“ allererst als eine Erkenntnis- und Wahrnehmungstheorie zu verstehen.

    Was kann eine Europäische Linke nun, so sie gewillt ist, von feministischen Ein- und Aussichten lernen?

    • „Re-Form the Revolution“ wäre endlich in/mit feministischen Sinn/en zu verstehen, da bisher alle „Revolutionen“, diesseits ihres Plakativen, ganz gut mit dem „zweiten Geschlecht“ leben konnten.

    • Eine wirklich plurale Politik machen zu wollen, bedeutet damit zuerst einmal, dem Geschlechterwiderspruch nicht mehr auszuweichen, sondern ihn durchzuarbeiten. Lippenbekenntnisse der üblichen Art, nämlich dass man sowieso „Frauen, MigrantInnen, Homosexuelle, Behinderte usw. usf.“ mit meint, verweisen ja nur darauf, dass Männer in dieser Äquivalenzkette nicht vorkommen, also Vor(aus)gesetzte sind.

    • Dies wiederum zeigt, dass von einer vermeintlichen bzw. voluntaristischen Stellvertreterpolitik immer noch die Rede ist. Und Pluralität zu einem leeren – analog neoliberaler Ideologie – Pluralismus zu verkommen droht.

    • Feminismus als politische Befreiungstheorie – wovon, wohin? Ein erster Vorschlag: als das Zusichkommen der Frauen, als das Zusichkommen der Männer. Was nicht das gleiche ist. Die Freiheit der Frauen wäre nicht eine gegen etwas (die Männer), sondern für etwas (die Frauen); die Freiheit der Männer bestünde zunächst im Gegen-Etwas, nämlich sich von sich selbst als das allgemeine „Selbst“ zu distanzieren.

    • Eine Folgerung: Institutionalisierung von politischen Bildungsprozessen, die Selbstbestimmung und Selbstentwicklung in der „Trialektik“ von Sachverhalten, kollektiven Verhältnissen und subjektiven Verhältnismäßigkeiten fordern und fördern: für Männer in der Bedeutung von Selbstdiagnose – da ginge es unter anderem gegen die Wiederholung des Ewiggleichen; für Frauen in der Bedeutung von Selbstbewusstsein – da ginge es mit anderen ums Widerständige gegen das Ewiggleiche. Wie dies konkret vorstellbar wäre – davon könnten eine nächste Rede und viele Gespräche handeln.

    Ich möchte vorerst die Worte der schwarzen, lesbischen, feministischen Schriftstellerin und Aktivistin Audre Lorde mit auf den Weg geben: „Ich bin nicht frei, solange eine einzige Frau unfrei ist, auch wenn sie ganz andere Fesseln trägt als ich. Ich bin nicht frei, solange noch ein einziger farbiger Mensch in Ketten liegt. Und solange seid auch Ihr nicht frei!“


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