• Editorial

  • Von Walter Baier , Effi Böhlke | 20 Apr 11
  • Liebe Leserin, lieber Leser,
    wir freuen uns, Ihnen bereits die zweite Nummer der Zeitschrift transform! in deutscher Sprache vorlegen zu können. Wir haben diese nun auch in Umfang, Format und Layout der englischen Ausgabe angeglichen. Im Herbst vergangenen Jahres war die erste Nummer unserer Zeitschrift erschienen, die im Rahmen des thematischen Schwerpunkts „Die Europäische Union neu gründen?“ unterschiedliche Positionen der Linken zur Europäischen Integration zur Diskussion stellte. In den vergangenen Monaten intensivierte sich diese Debatte im Zusammenhang mit dem Prozess der Ratifizierung des Vertrags von Lissabon. Zwei Beiträge der jetzigen Nummer des Journals beschäftigen sich mit dem widersprüchlichen Verlauf dieses Prozesses (siehe die Beiträge von Raquel Garrido und Jose Cordon).

    Den thematischen Schwerpunkt der vorliegenden Nummer bilden linke Konzeptionen emanzipatorischer Theorien („Reform der Revolution“). Diesem Thema war auch eine im vergangenen November von transform.italia und transform!europe gemeinsam organisierte Konferenz gewidmet.

    Die erste Nummer unserer Zeitschrift war in einer englischen, griechischen und deutschen Ausgabe erschienen. Nun gesellt sich zu den bisherigen noch eine spanische Ausgabe. Für den Herbst werden weitere Ausgaben in Französisch und Italienisch vorbereitet. Weitere Sprachen sollen folgen. Die Multilingualität – eine der Voraussetzungen für die Entwicklung einer gemeinsamen politischen Kultur der europäischen Linken – ist damit eines der charakteristischen Merkmale der Zeitschrift transform! Die Zeitschrift und die website sind Instrumente des europäischen Netzwerks transform!, das derzeit aus 13 Organisationen und Zeitschriften aus neun europäischen Ländern besteht. Alle diese Einrichtungen arbeiten im Bereich der politischen Forschung und Bildung. Im Unterschied zu den meisten Organisationen der radikalen Linken umfasst transform!europe Organisationen sehr unterschiedlichen Charakters. Manche unter ihnen stehen im nationalen Rahmen Parteien nahe, die sich auf europäischer Ebene zur Partei der Europäischen Linken zusammengeschlossen haben; andere unterhalten enge Beziehungen zu Parteien, die der Nordisch Grün Linken Allianz angehören. Eine dritte Gruppe von transform!-Mitgliedern ist überhaupt parteiunabhängig. Diese Pluralität der Akteure stellt das zweite entscheidende Charakteristikum der Erneuerung der politischen Kultur dar, der sich das Netzwerk transform! verpflichtet fühlt.

    Über alle Unterschiede hinweg sind sich die Partnerorganisationen von transform! aber in ihrem Widerstand gegen die ideologische neoliberale Hegemonie und im Ringen um Alternativen einig, die das emanzipatorische Potential der Linken erhöhen sollen. Damit fühlt sich das Netzwerk als Teil der europäischen Linken im breiten Sinn. In diesem Verständnis wurde es vergangenes Jahr durch die Partei der Europäischen Linken als Partnerorganisation beim Aufbau einer politischen Stiftung der Linken anerkannt, was auch den Zugang zu Mitteln der Europäischen Union ermöglicht und die Kapazität des Netzwerks erhöht, konkrete Kooperationen zu unterstützen. Im Zentrum dieser gemeinsamen Forschungsarbeit steht das Projekt „Europäisches Sozialmodell und linke AkteurInnen“. In einem Beitrag wird das in diesem Rahmen vorbereitete Seminar zum Europäischen Wohlfahrts- und Sozialstaat vorgestellt, das im Juni in Stockholm stattfindet (siehe den Beitrag von Stefan Sjöberg).

    Der große, linke österreichische Bildhauer, Zeichner und Druckgrafiker Alfred Hrdlicka feierte im Februar seinen 80. Geburtstag. Aus diesem Anlass drucken wir mit freundlicher Genehmigung des Künstlers und der Wiener Galerie Ernst Hilger Radierungen aus seinem 1998 erschienenen Zyklus „1848“ und einen von Alfred Hrdlicka im Jahre 1998 verfassten Text zum 150. Jubiläum der 1848er Revolution. Hrdlicka studierte von 1946 bis 1952 Malerei bei Gütersloh und Dobrowski an der Akademie der Bildenden Künste in Wien. Nach dem Malerdiplom setzte er mit dem Bildhauerstudium bei Wotruba fort, das er 1957 abschloss. Hrdlickas Credo lautete: „Zurück zur Wirklichkeit“. Damit stand er zu jener Zeit zwar im Schatten der großen Avantgardekünstler, jedoch bereits als herausragende eigenständige Persönlichkeit. Hrdlicka ist bis heute ein Künstler, der auf Tuchfühlung mit den abendländischen Klassikern der Bildhauerei steht – von Michelangelo bis Rodin. Der Torso wird jedoch bei ihm keineswegs als Sinnbild für das Vergängliche der antiken Kultur angesehen; er steht vielmehr als Ausdrucksform des gequälten geschundenen Leibs, der Gräueltaten des Zweiten Weltkriegs und des Faschismus. Im Hässlichen, im Schmerz sieht Hrdlicka die Wahrheit, nicht im Schönen. Das bekannteste bildhauerische Werk Hrdlckas im Kontext der körperlichen Gewalt ist das mehrteilige Mahnmal gegen Krieg und Faschismus in Wien, das nach heftigen innenpolitischen Kontroversen 1988 enthüllt und 1991 vollendet wurde. In Hrdlickas OEuvre befruchten sich Bildhauerei und Zeichnung bzw. Radierung gegenseitig. Die Medien stehen gleichwertig nebeneinander, sie zeigen ihre eigenen Qualitäten, ob kammermusikalisches Radierblatt oder monumentale orchestrale Marmorstudie. Beides sind Resultate eines der großen klassischen Peintregraveurs unserer Zeit. Hrdlicka, der 1956 – nach den Ereignissen in Ungarn – aus der Kommunistischen Partei Österreichs ausgetreten war, griff mit der ihm eigenen Verve immer wieder in politische Auseinandersetzungen ein, so 1986 in die Kontroverse um den späteren österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim, dessen Mitgliedschaft in der Reiterstaffel der SA im Verlauf seines Wahlkampfes bekannt geworden war.

    Der Bildhauer widmete ihm ein drei Meter hohes Holzpferd, das zu einem Symbol wider das Vergessen wurde. 1999 trat er als Spitzenkandidat der KPÖ in Kärnten an, der politischen Wahlheimat des österreichischen Rechtspopulisten Jörg Haider. Nicht zuletzt kann sich Alfred Hrdlicka als Pate der neuen deutschen Partei DIE LINKE bezeichnen, brachte er doch im Jahre 2000 Oskar Lafontaine und Gregor Gysi zu einem Abendessen in Saarbrücken zusammen.

    Wir schließen uns mit unseren Geburtstagswünschen der großen Schar der Gratulantinnen und Gratulanten an.

    Walter Baier, Herausgeber
    Effi Böhlke, Co-Herausgeberin