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  • Wie Tschechien zur Kolonie wurde

  • Von Ilona Švihlíková , Dagmar Švendová | 25 Jul 22 | Posted under: Zentral- und Osteuropa , Tschechische Republik , Economic Governance , Geschichte
  • ‘Jak jsme se stali kolonií’ wurde 2015 erstmals veröffentlicht. Es gelang der Publikation, den Mythos des „Übergangserfolges“ zu entzaubern und zeigte, dass die Rolle Tschechiens in der Weltwirtschaft keine nachhaltige ist. Dieses eBook ist eine adaptierte und aktualisierte Version für nicht-tschechische Leser:innen.

    Das eBook steht rechts bzw. unten (Mobilversion) unter „Dokumente“ zum Download bereit (Englisch, PDF).

    Jak jsme se stali kolonií („Wie wir zur Kolonie wurden“) wurde 2015 veröffentlicht und bald zum Bestseller, da sich die Publikation mit einem Tabuthema befasste. Der Text entzauberte den Mythos des ‘Übergangserfolges’ und zeigte, dass die Rolle Tschechiens in der Weltwirtschaft nicht nachhaltig ist und für die tschechische Bevölkerung nicht von Vorteil ist. Darüber hinaus werden in der Publikation die Interessen bestimmter Akteur:innen hinter der Übergangspolitik beleuchtet, sowie die Tendenz, Billiglohnpolitik zu fördern, was bestimmten Gruppen nützte. Die Autorin bereiste mit diesem Buch ganz Tschechien, da es scheinbar einen gewaltigen Diskussionsbedarf zu diesem Thema bei den Leser:innen ausgelöst hatte. Das breite Interesse an diesem Buch spiegelt die tiefgreifende Unzufriedenheit der tschechischen Bevölkerung wider. Das Wort ‘Kolonie’ fand seither Eingang in den Sprachgebrauch einiger Politiker:innen und Themen wie der Dividendenfluss ins Ausland, die Gehaltsschere und die Rolle transnationaler Unternehmen sind nun Teil von ‘Mainstream’-Diskussionen und werden nicht bloß als ‘kommunistische Kritik’ verbucht.

    Dieses eBook ist mehr als nur eine Übersetzung des Originaltextes ins Englische. Es bezieht sich auf die Perspektive einer nicht-tschechischen Leser:innenschaft, für die der Kontext möglicherweise völlig neu ist und schließt auch aktuelle Entwicklungen bis April/Mai 2022 ein. 

    Dieses eBook deckt einen Zeitraum von mehr als dreißig Jahren ab. Nach einer kurzen Einführung zur zentralen Planwirtschaft, ihren Eigenschaften und der Stellung der Tschechoslowakei im Ostblock wird in der Folge auf den Übergangsprozess eingegangen. Dieser wurde stark von der neoliberalen Ideologie und dem Washington-Konsens beeinflusst. Die Fehler, die im Zuge des Übergangsprozesses gemacht wurden, waren schnell augenscheinlich, aber es stellte sich als äußerst schwierig heraus, den ‘Pfad der Abhängigkeit’ zu verlassen.

    In den darauf folgenden Kapiteln wird die Entwicklung der tschechischen Wirtschaft in Hinblick auf ihre Stellung und Kategorisierung innerhalb der internationalen Arbeitsteilung, Tschechiens Status als Billiglohnland und alle Eigenschaften einer abhängigen Wirtschaft beschrieben. Tschechien wird unterstellt, sowohl politisch als auch wirtschaftlich den Status einer Kolonie zu haben – daher auch der Buchtitel. Die Tatsache, dass individuelle Merkmale einander bedingen, wird betont. Diese Faktoren umfassen Dividendenflüsse ins Ausland, Lohnobergrenzen, hohes Engagement für ausländischen Direktinvestitionen, transnationale Unternehmen und den Einfluss ausländischer Interessen. Gemeinsam ergeben sie ein klares Bild und repräsentieren ein sozioökonomisches Modell, das längst überfällig ist.

    Darüber hinaus wurde der politische Kontext Tschechiens einbezogen, besonders der Niedergang der linken Parteien, die schon länger an Einfluss verloren hatten und schließlich seit 2021 nicht mehr im Parlament vertreten sind. Die politische Lage wird anhand der wichtigsten vorherrschenden Trends und Entwicklungstendenzen dargelegt, ohne die Leser:innen mit vielen ihnen unbekannten Politiker:innen zu langweilen. 

    Das eBook umfasst auch zahlreiche Tabellen und Grafiken, die die Entwicklung bestimmter wirtschaftlicher Indikatoren illustrieren, z.B. die Entwicklung des Mindestlohns. Sie bieten auch einen Vergleich mit anderen Staaten, z.B. in der Kategorie des Dividendenflusses ins Ausland. 

    Die sozioökonomische Entwicklung Tschechiens wird in den Rahmen der Weltwirtschaftsentwicklung und der jeweils aktuellen vorherrschenden Ideologien eingebettet. Somit werden auch die Globalisierungsära und ihr Hintergrund analysiert, die Auswirkungen der Weltfinanzkrise und der Covid-19-Pandemie auf die internationale Arbeitsteilung werden diskutiert. Tschechien wurde stark von externen Faktoren beeinflusst und leidet an einer langfristigen Unfähigkeit, Wirtschaftsstrategien in ihrem eigenen Interesse zu planen und umzusetzen. Solche Strategien zielen darauf ab, eine würdevollere Stellung in der Weltwirtschaft, eine Lohnannäherung und strategischere Ziele (wie die autarke Versorgung mit Lebensmitteln) zu erreichen. All diese Schritte würden natürlich nicht nur ein Verständnis der aktuellen globalen Veränderungen bedingen, sondern auch die Umsetzung einer modernen Industriepolitik. 

    How the Czech Republic Became a Colony
    von Ilona Švihlíková
    herausgegeben von Dagmar Švendová
    im Auftrag von transform! europe
    eBook ISBN: 978-3-903343-20-7
    82 Seiten | Juli 2022

    Inhaltsverzeichnis

    Einführung
    Eine kurze Einführung in die zentrale Planwirtschaft
    Veränderungen in der Weltwirtschaft seit den 1970er-Jahren; die zentrale Rolle des Washington-Konsenses
    Der Washington-Konsens und seine Konsequenzen
    Der Übergangsprozess – Gemeinsamkeiten
    Der Übergangsprozess in Tschechien
    Tschechien und die internationale Arbeitsteilung
    Die Folgen einer abhängigen Wirtschaft
    Der Arbeitsmarkt und Produktivität
    FDI, Gewinnabflüsse und Verrechnungspreise
    Das Steuersystem und seine Verzerrungen
    Der Wandel der politischen Landschaft
    Die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie: die tschechische Wirtschaft und Politik
    Wirtschaftliche Auswirkungen
    Globale Auswirkungen der Covid-19-Pandemie
    Die aktuelle sozioökonomische Lage Tschechiens
    Schlussfolgerungen 

    Biografien

    Ilona Švihlíková  ist Vizerektorin am University College of Business in Prag. Sie schloss ein Doktorat in Politikwissenschaft ab; ihr Spezialgebiet ist die Weltwirtschaft. In ihrer Arbeit konzentriert sie sich auf die politischen und wirtschaftlichen Aspekte der Globalisierung. Sie ist (Mit-)Verfasserin einer großen Anzahl von Monographien, einschließlich How the Czech Republic Became a Colony, The Greek Tragedy und Capitalism, Socialism and the Future. 2010 gründete sie die Bürger:innenplattform Alternativa Zdola, die sich besonders mit der lokalen Wirtschaft und dem Thema Bürger:innenbeteiligung befasst. Seit 2017 betreibt sie die analytische Website !Argument. Sie arbeitet als makroökonomische Analytikerin für den böhmisch-mährischen Gewerkschaftsbund und war Mitglied des Nationalen Wirtschaftsrates der tschechischen Regierung (NERV), einem Beratungsgremium der Regierung.

    Dagmar Švendová  ist Juristin und schloss ein BA-Studium in Recht und Betriebswirtschaft, sowie ein LL.M-Studium in tschechischem Wirtschaftsrecht in der Europäischen Union ab. Sie war politische Beraterin und Assistentin eines tschechischen EP-Abgeordneten. Seit 2017 ist sie Facilitator für Zentral- und Osteuropäische Strategie bei transform! europe und Mitglied des Editorial Board des transfrom! Jahrbuchs. Sie ist außerdem Mitverfasserin des tschechischen Kapitels von Studies on challenges in post-coal regions: in southwest Poland, North Czech Republic, and East Germany und Mitherausgeberin des eBook Hundert Schattierungen der EU — eine Kartierung der politischen Ökonomie der EU-Peripherien.


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