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  • Zusammenschluss der Arbeitskräfte: Stimmen von Arbeiter*innen in Europa

  • Von Roberto Morea , Andrea Allamprese , Nathan Gaborit , Edoardo Esposto , Beatriz Casas González | 30 Apr 21
  • In den letzten Jahrzehnten haben sich die Arbeits- und Lebensbedingungen von Millionen von Arbeiter*innen in ganz Europa enorm verschlechtert. Die Organisator*innen dieses Forschungsprojekts haben nicht nur über diese Menschen geschrieben, sondern auch mit ihnen gesprochen, über Themen wie ihre Arbeits- und Lebensbedingungen, welche Faktoren sie für ihre Situation verantwortlich machen und welche Auswirkungen die Pandemie auf sie persönlich hat.

    In semistrukturierten Interviews, die zwischen August und November 2020 mit 46 Arbeiter*innen aus drei europäischen Ländern (Frankreich, Deutschland und Italien), die sich in sicheren wie auch in prekären Beschäftigungsverhältnissen befinden, geführt wurden, standen die folgenden Forschungsfragen im Zentrum:

    1. Wie nehmen die Befragten sich selbst und ihre Lebensbedingungen in Relation zu ihrer Beschäftigungssituation wahr?
    2. Wem schreiben sie die Verantwortung für ihre Bedingungen zu?
    3. Welche Auswirkungen hatte die erste Pandemiewelle für sie?
    4. Welche Hoffnungen und Wünsche haben die Befragten? Können sie sich einen Weg vorstellen, wie diese erfüllt werden können, und beinhaltet dies ein kollektives politisches Handeln?

    Die Interviews veranschaulichen die allgemeine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen in Europa, die zwischen Arbeiter*innen verschiedener Länder und Bereiche variieren. Eine erhebliche Vertragsunsicherheit und das Empfinden eines zunehmenden Verlusts der Kontrolle über die eigene Beschäftigungssituation waren typische Antworten. Ungesicherte Arbeitsverhältnisse in Kombination mit niedrigen Löhnen erhöhen die Bereitschaft, menschenwürdige Beschäftigungsbedingungen gegen eine angemessenere Bezahlung einzutauschen. Arbeiter*innen bleibt angesichts niedriger Löhne als einzig brauchbare Lösung, zunehmend Überstunden zu machen und mehrere Jobs anzunehmen. Selbst wenn – wie in Deutschland – Arbeiter*innen die Arbeitsmarktbedingungen größtenteils als günstig einschätzten, gab es unter den Befragten zahlreiche Slash Workers – Arbeiter*innen mit mehr als einem Standbein.

    Die Meinungen der Befragten zur Reaktion der Regierung auf die Gesundheitskrise und die sozioökonomische Krise vor dem Hintergrund der Pandemie unterscheiden sich deutlich von Land zu Land: Befragte aus Deutschland zeigten eine besonders positive Einstellung, Befragte aus Frankreich äußerten sich verhalten positiv und die Befragten aus Italien vertraten besonders negative Meinungen.

    Während jedoch die Ansichten über die Art und Weise, wie die Regierungen auf die Pandemie reagiert haben, weit auseinandergehen, sind die Auswirkungen der Pandemie auf die Arbeitsbedingungen und die Beschäftigungssituation sehr ähnlich. Die Folgen der ersten Coronawelle waren vor allem unter den besonders vulnerablen Arbeiter*innen, die sich in besonders instabilen und ausbeuterischen Arbeitsbeziehungen befinden, schwerwiegender – das betrifft vorwiegend junge Erwachsene und Frauen. Allerdings berichteten nicht alle flexibilisierten Arbeiter*innen von einer Verschlechterung ihrer Beschäftigungssituation. Einige der Befragten, die beispielsweise für Plattform-Unternehmen arbeiten, erlebten eine höhere Arbeitsauslastung und eine bessere Bezahlung (aufgrund von Akkordlöhnen). Da die Pandemie geschlechtsspezifisch unterschiedliche Auswirkungen zeigte, hat sie festgefahrene Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen hinsichtlich des Zugangs zum oder Wiedereintritts in den Arbeitsmarkt verschärft. Die verschiedenen Auswirkungen reichten über den Arbeitsmarkt hinaus. Auch in Bezug auf die reproduktive Arbeit im häuslichen Umfeld hat die Pandemie bestehende Ungleichheiten zwischen Geschlechtern vertieft.

    Die objektive Fragmentierung des Arbeitsmarkts ist von den meisten befragten Arbeiter*innen verinnerlicht worden. Nur wenige nahmen explizit Bezug auf Gewerkschaften als Instrument zur Verbesserung ihrer materiellen Bedingungen. Für viele sind die Gewerkschaften abwesend oder von ihrem tagtäglichen Erleben entfernt. Noch weniger wurde über die Idee kollektiver Interessen aller Arbeiter*innen gesprochen. Vielmehr herrschte ein Gefühl der Ablösung vor: zwischen den unterschiedlichen Arbeitsplätzen, sogar innerhalb desselben Sektors, und zwischen der öffentlichen Sphäre und institutionellen Politik auf der einen Seite und dem Arbeitsplatz auf der anderen.

    Auch wenn die Rolle der Gewerkschaften als Katalysator der Solidarität unter Arbeiter*innen zurückgegangen zu sein scheint, ist gegenseitige Hilfe unter Kolleg*innen noch immer weithin vorhanden. Allerdings wird sie zunehmend innerhalb der individuellen Sphäre persönlicher Beziehungen am Arbeitsplatz praktiziert und weniger in der kollektiven Sphäre sozialer und politischer Mobilisierung – was Ausdruck eines Prozesses der Entpolitisierung ist.

    Die Trennung zwischen Arbeiter*innen und Gewerkschaften verändert die Art und Weise, wie Konflikte innerhalb der Arbeitswelt ausgedrückt werden. Zwar werden sie nicht unterdrückt, doch nehmen sie zunehmend die Form individuellen Handelns oder arbeitsplatzspezifischer Mobilisierungen an. Allerdings widersprachen die Befragten, die sich am leidenschaftlichsten über Politik und soziopolitische Themen äußerten, vehement der Idee, dass die Verbesserung der eigenen Beschäftigungssituation und der eigenen Arbeitsbedingungen eine individuelle Verantwortung sei, und sind sich des kollektiven Wesens von Arbeiter*innenkämpfen durchaus bewusst.

    Das ePaper ist in "Dokumente" auf der rechten Seite/unten (mobile Version) zum Download verfügbar (Englisch, PDF).

    Inhaltsverzeichnis

    INTRODUCTION, by Roberto Morea
    RESEARCH FRAMEWORK AND MAIN ANALYTICAL DIMENSIONS
    THE MAIN GOALS AND RESEARCH QUESTIONS
    THE CASE OF GERMANY, by Beatriz Casas González
    THE CASE OF FRANCE, by Nathan Gaborit
    THE CASE OF ITALY, by Edoardo Esposto
    THE NEOLIBERAL "REFORM POLICIES" IN FRANCE, GERMANY, ITALY
    AND THE ALTERNATIVE NARRATIVES OF LABOUR, by Andrea Allamprese
    CONCLUDING REMARKS
    RESEARCHERS PROFILES


    Wir bedanken uns für die Unterstützung bei:
    Roberto Musacchio
    Maria Pia Calemme
    Vanna Derosas
    Michele Losindaco