• 14 Mai 2022 - 15 Mai 2022
  • Klagenfurt/Celovec und online
  • Veranstaltungsort:
    Klagenfurt/Celovec, Volkshaus/Ljudski dom, Südbahngürtel 24

  • Symposium
  • ¡No Pasarán! Umkämpfte Erinnerungen

  • Ein Symposium zu Geschichtspolitiken, Revisionismus und antifaschistischer Widerstand in der Alpen-Adria-Region des Interregionalen Forums der Europäischen Linkspartei in der Alpen-Adria-Region mit Unterstützung von transform! europe.

    Seit dem Ende der Ost-West-Blockkonfrontation sind wir auch auf geschichtspolitischer Ebene mit verstärkten geschichtsrevisionistischen Versuchen konfrontiert, die Erinnerung an die verschiedenen Formen des europäischen Faschismus zu relativieren oder gar ganz unsichtbar zu machen. Den Hintergrund dafür bilden die jahrzehntelange Hegemonie des Neoliberalismus nicht nur in Europa und die damit verbundenen Angriffe auf die von den sozialen Bewegungen erkämpften Rechte, die Zerstörung wohlfahrtsstaatlicher Zugeständnisse.

    Die Situation ist widersprüchlich. Einerseits sehen wir sehr wohl Veränderungen in Bezug auf den Umgang mit der Shoah, andererseits beobachten wir im Kontext des Wiederauflebens der Nationalismen auch zahlreiche Versuche, antagonistische Erinnerungskonflikte anzuzetteln oder wieder aufzunehmen, die die nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte ideologische Stigmatisierung des Faschismus revidieren helfen sollen. Die 2019 im Europäischen Parlament verabschiedete Entschließung Bedeutung der Erinnerung an die Europäische Vergangenheit für die Zukunft Europas unterstützt die Intention der polnischen Regierung, international eine neue, revisionistische Erinnerungspolitik zu etablieren, die die alleinige Verantwortung des Nazi-Faschismus in Deutschland (und in Österreich) am Vernichtungskrieg relativiert und den Anteil der Linken und der Arbeiter*innenbewegung, insbesondere der kommunistischen, am Widerstand gegen Nazismus und Faschismus verschweigt.

    In ähnlicher Weise sind in allen Ländern der Alpen-Adria-Region Tendenzen zu beobachten, die nicht das Ziel haben, ein genaueres oder kritisches Bild des antifaschistischen Widerstand zu ermöglichen, sondern seinen Sinn und seine Berechtigung in Gänze in Abrede zu stellen.

    Die Ausgangslage für die zahlreichen antagonistischen Erinnerungskonflikte in den einzelnen Ländern der Region in der Alpen-Adria-Region (wie in ganz Europa) ist unterschiedlich. Dennoch verfolgen wir in allen Ländern zahlreiche antagonistische Erinnerungskonflikte, die nicht das Ziel haben, ein genaueres oder kritisches Bild des antifaschistischen Widerstand zu ermöglichen, sondern seinen Sinn und seine Berechtigung in Gänze in Abrede zu stellen.

    In Italien wird seit 2004 mit dem Giorno del Ricordo versucht, die Erinnerung an die Kollaboration und der Beteiligung an faschistischen Verbrechen auf institutioneller Ebene zu unterlaufen. Hier sehen wir ein Bündnis von Neo-Faschismus und rechtskonservativer Erinnerungspolitik, in dem es darum geht, den antifaschistischen Partisanenwiderstand zu delegitimieren.

    In Kroatien beobachten wir seit dem Zerfall Jugoslawiens, wie etwa das Gedenken an die mit dem Ustascha-Konzentrations- und Vernichtungslager Jasenovac verbundenen faschistischen Verbrechen auf höchster staatlicher Ebene durch eine systematische Rehabilitation der Kollaborateure des Ustascha-Regimes relativiert wird. Das alljährliche Treffen in Bleiburg/Pliberk in Kärnten/Koroška wird nicht nur von klerikal-faschistischen Kräften, sondern auch von Regierungskreisen unterstützt.

    In Slowenien wird zwar der »beispiellose historische Revisionismus« in Italien kritisiert (Premierminister Marjan Šarec), tatsächlich ist aber auch hier ein gegen den jugoslawischen Antifaschismus gerichteter Revisionismus am Werk. Einerseits ist das Wort »Versöhnung« (sprava) in die Debatte geworfen worden und es ist sogar zur Gründung eines Studienzentrums für nationale Versöhnung gekommen – dabei geht es letztlich jedoch um eine revisionistische Umdeutung der Mittäterschaft der bewaffneten NS-Kollaborateure. Andererseits wird der Partisan*innenwiderstand auf seine Dimension als nationale Befreiungsbewegung begrenzt und folglich für ein nationalistisches Reframing der slowenischen Identität missbraucht, wobei die sozial-emanzipatorische Dimension des Partisan*innenwiderstands gleichzeitig negiert und verdrängt wird.

    In Kärnten/Koroška gibt es seit Jahrzehnten einen Doppelsprech (double speak), der einerseits die Verbrechen des Nazi-Regimes anerkannt, andererseits aber die eigene Involviertheit unsichtbar macht; darüber hinaus ist immer noch eine Erinnerungskultur hegemonial, in dem die Parteigänger*innen des Nazi-Faschismus zu Opfern des antifaschistischen Widerstands umgedeutet werden bzw. der antifaschistische Partisan*innenwiderstand in eine Kriminalgeschichte umgedeutet wird.

    Vor dem Hintergrund dieser erinnerungspolitischen Konflikte stellen sich verschiedene Frage:

    • Wie können wir den revisionistischen Versuchen entgegengetreten?
    • Welche Spezifika finden wir in der Alpen-Adria-Region?
    • Welche Rollen spielen hierbei lokale Gruppen, die sich mit dem antifaschistischen Widerstand, aber auch mit den lokalen Ausformungen des Faschismus beschäftigen?
    • Welche Potentiale trägt ihre pädagogische Auseinandersetzung mit regionalen Faschismen und den antifaschistischen Widerstandsbewegungen für eine gegenwärtige Rechtsextremismusprävention?
    • Wie verstehen wir das Verhältnis von gegenwärtiger faschistischer bzw. rechtspopulistischer Mobilisierung, Neorassismus und Nationalismus mit den historischen Faschismen?
    • Wie gehen wir mit den Widersprüchen des historischen antifaschistischen Widerstands um, der der ideologische Angriffspunkt revisionistischer Projekte ist? Genügt es, die Intention des Revisionismus zu entlarven oder müssen wir nicht doch fragen, inwieweit unter kriegerischen Bedingungen die Idee einer umfassenden allgemeinen gesellschaftlichen Emanzipation beschränkt war?
    • Wie vermeiden wir in der Zurückweisung des Revisionismus eine unkritische Apologie der historischen Figur des männlich-heroischer Partisanen. Wie können wir die Rolle des alltäglichen Widerstands (insbesondere von Frauen) stärker ins Bewusstsein rücken?
    • Wie tappen wir nicht in die Falle, die historischen Bedingungen des Antifaschismus mit den gegenwärtigen Anforderungen zu verwechseln bzw. vorschnelle Analogien zu ziehen?
    • Welche Aspekte der historischen antifaschistischen Widerstandsbewegungen wollen wir wie wem nahebringen, welche Konnexe mit der gegenwärtigen Situation herstellen, die nicht nur durch ein Revival des Rechtsextremismus, sondern auch durch neue friedenspolitische Herausforderungen in Europa gekennzeichnet ist? Und wie müssen wir mit Instrumentalisierungen der Erinnerung an den antifaschistischen Widerstand (z. B. in den gegenwärtigen Corona-Debatten) reagieren?

    Um diese Fragen und Widersprüche zu diskutieren, laden wir Sie zum antifaschistischen Alpen-Adria-Symposium in Klagenfurt/Celovec ein.

    Sprachen: Englisch, Deutsch


Programm

Samstag, 14. Mai                

10:00        Registrierung

10:15       Begrüßung durch den Vertreter der Europäischen Linkspartei Fabian Figueiredo

10:30       Intro: Markus Gönitzer

10:45       Input Kroatien: Milena Ostojić: Erinnerungspolitik und liberaler Revisionismus

11:15        Diskussion

11:45        Kaffeepause

12:00       Input Slowenien: Ana Hofmann: Aktivistisches Erinnern an den jugoslawischen, antifaschistischen Widerstand in Slowenien

12:30        Diskussion

13:15        Mittagspause

14:30       Input Italien: Piero Purich: Die italienisch-slowenischen Widersprüche im historischen Widerstand der Region

15:00        Diskussion

15:30        Kaffeepause

15:45       Input Kärnten: Klaus Schönberger: Antagonistische Erinnerungskonflikte

16:15        Diskussion

17:00        Tagesresümee

18:00        Abendessen

Sonntag, 15. Mai

10:00       Vorstellung von Ideen für intensivierte antifaschistische Kooperation in der Region durch Protagonist*innen aus den Regionen

11:15        Diskussion

12:00       Plenum, Absichtserklärung bezüglich weiterer interregionaler Kooperation und diesbezüglicher europäischer Optionen

13:00        Abschlussworte

Zu den Referentinnen und Referenten

Ana Hofman

Musikologin und Anthrophologin. Arbeitet als Forscherin und Vortragende am Institut für Kultur- und Erinnerungsstudien in Ljubljana. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Musik und Politik in post­sozialistischen Gesellschaften mit besonderem Fokus auf Aktivismus im Bereich von Erinnerungs­kulturen. In ihrem aktuellen Forschungsprojekt beschäftigt sie sich mit der Rolle von aktivistischen Chören in der post-jugoslawischen Erinnerungslandschaft.

Milena Ostojić

Absolventin der Soziologie und Französischen Sprache und Literatur an der Philosophischen Fakultät der Universität Zagreb. Aktivistin und Organisatorin mehrerer antifaschistischer und feministischer Gruppen und Initiativen. Recherchen Für das Lupiga-Portal zu Revisionismus und Erinnerungspolitik (durch Memorialisierung im öffentlichen Raum, Geschichtsunterricht u. Schulbüchern). Co-Autorin des Handbuchs Antifascist Guide to a Better World. Mitbegründerin und Redaktionsmitglied des Antifašistički vjesnik.

Piero Purich

Historiker und Musiker. Absolvierte sein Studium an der Universität Triest unter der Leitung von Jože Pirjevec. Nach seinem Abschluss studierte er in Ljubljana und promovierte an der Universität Klagenfurt (Betreuer: Karl Stuhlpfarrer). Sein Hauptinteresse gilt der Migration, der Vertreibung und dem Einsatz von Propaganda zur Umsiedlung von Bevölkerungs­gruppen, insbesondere im nordadriatischen Raum. Im Jahr 2014 produzierte er ein musikalisch-historisches Theaterstück über Deserteure und Meutereien während des Ersten Weltkriegs. Verfasser mehrerer Bücher und Artikel in europäischen Zeitschriften.  2017 nahm er wieder seinen ursprünglichen Nachnamen an, der während des Faschismus in Purini italianisiert wurde. Unterrichtet Geschichte am Carducci-Dante-Gymnasium in Triest.

Klaus Schönberger

Universitätsprofessur für Kulturanthropologie am Institut für Kulturanalyse der Alpen­Adria-Universität Klagenfurt/Celovec. Seit 2016 Vorstand des Instituts für Kulturanalyse. Forschungsschwerpunkte: Arbeitskultur/en, Arbeiter & Arbeiterinnen-Kultur, Sozialgeschichte, Volkskunde, audiovisuelle Medien, cultural Heritage, Alpen-Adria-Region, Historische Anthropologie, Ethnographie, Europäische Ethnologie, Kulturanthropologie, Kulturerbe, Kulturgeschichte, Kultur­wissenschaft. Vorstandsmitglied des WertStattMuseums im Margarete Schütte-Lihotzky Haus (Klagenfurt/Celovec).


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