• 23 September 2021 - 25 September 2021
  • Linz
  • Anmeldung
  • AK-Bildungshaus Jägermayrhof, Römerstraße 98, 4020 Linz, Österreich

     

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  • 56. ITH-Konferenz
  • Migration weltweit: Linke Strategien, migrantische Akteur:innen, und kapitalistische Interessen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart

  • 56. internationale Tagung der HistorikerInnen der Arbeiter- und anderer sozialer Bewegungen

    Sprachen:
    Englisch und Deutsch

    Zielsetzungen

    Nur wenige Themenfelder sind politisch derart aufgeladen wie „internationale Migration“. Auf der 56. ITH-Konferenz möchten wir das Thema aus einer globalen und historischen Perspektive diskutieren. Sich verändernde Beschäftigungsperspektiven und Einkommensungleichheiten innerhalb und zwischen Staaten und Regionen werden dabei als Bezugspunkt dienen. Die Handlungsmacht von Migrierenden und das Verhältnis der politischen Linken zur Migration werden in diesem weiten Rahmen kontextualisiert und diskutiert. Von besonderem Interesse sind die Wechselbeziehungen zwischen mobilem Kapital und mobiler Arbeit, sowie die verschiedenen Strategien, die Beschäftigte und Organisationen der Arbeiter:innenbewegung auf der einen Seite, und Unternehmen auf der anderen Seite wählten, um die mit diesen Prozessen einhergehenden Herausforderungen, in der Epoche von der frühen Neuzeit bis heute, zu bewältigen. Wir bedienen uns einer breiten Definition von Migration, die freie und unfreie Arbeit, temporäre und dauerhafte Formen der Migration sowie die gesamte Bandbreite der Rechtsstellung von Migrant:innen umfasst – von Sans Papiers und Asyl(be)werber:innen/Geflüchteten bis zu klassischen Arbeitsmigrant:innen.

    In den vergangenen zwei Jahrhunderten sind die internationalen Lohnunterschiede enorm angewachsen und Arbeitsmärkte sind in mehr oder weniger undurchlässige Segmente aufgeteilt, wobei Migrant:innen oft in Niedriglohnsektoren und sonstigen spezifisch abgrenzbaren Sektoren (z.B. Gesundheitswesen) arbeiten. In den Zuwanderungsräumen neigen Beschäftigte in den höheren Segmenten sowie Teile der politischen Linken dazu, die Niedriglohnsektoren als Bedrohung zu sehen. Sie können auf schlecht bezahlte KonkurrentInnen auf dem Arbeitsmarkt mit drei unterschiedlichen – aber vielfach verknüpften – Mitteln reagieren: 1.) Ausschluss, d.h. der Versuch Einwanderung zu stoppen; 2.) Institutionalisierung, d.h. die Beschränkung von Niedriglohnbeschäftigten auf bestimmte Berufe und Tätigkeiten oder 3.) Solidarität, d.h. der Versuch niedrige Löhne anzuheben; dies umfasst auch Forderungen nach globaler Umverteilung (auf Kosten des Kapitals/der besitzenden Klassen und/oder auf Kosten der arbeitenden Klassen), um die Lebensbedingungen in den Auswanderungsländern zu verbessern. In den Auswanderungsregionen wurde und wird die Abwanderung von niedrig Qualifizierten oft gefördert. Problematischer wird hier die Migration von dort ausgebildeten Fachkräften bewertet. Insgesamt besteht keine Gesetzmäßigkeit, dass der Zuwachs des Arbeits- kräfteangebots für die Arbeiter:innenbewegung automatisch schwierigere Kampf- bedingungen zur Folge hat, während Arbeitskräftemangel zu Lohnerhöhungen und verbesserten Arbeitsbedingungen führt. Eine erste Gruppe von Fragen lautet daher:

    Unter welchen Bedingungen präferieren besser bezahlte Arbeitende welche Reaktion? Welche Strategien verfolgte die Arbeiter:innenbewegung in Ein-und Auswanderungsregionen und wie begründete sie diese? Wie reagieren Arbeitsmigrant:innen auf diese Varianten?

    Aus der Perspektive von Arbeitsmigrant:innen ergibt sich eine zweite Gruppe von Möglichkeiten bzw. können sie versuchen, unterschiedliche Strategien zu verfolgen, sobald sie migrieren: 1.) Dauerhafte Einwanderung der Arbeitenden selbst und, sofern möglich, ihrer Familien; 2.) Pendelmigration in unterschiedlichen zeitlichen Rhythmen, abhängig von der Entfernung zwischen Arbeitsort und Zuhause und den Anforderungen der Arbeit. Selbstverständlich überschneiden sich diese Möglichkeiten, und die Pläne und Strategien von Migrierenden können sich aufgrund veränderter Bedingungen, persönlicher Erwartungen und Präferenzen oder Erfahrungen ändern. (Potenzielle) Migrant:innen entwickeln außerdem Strategien, um auf Migrationspolitiken zu reagieren, diese zu umgehen oder zu modifizieren; konfrontiert mit restriktiven Politiken können sie beispielsweise als Flüchtlinge migrieren oder grenzüberschreitende Ehen eingehen. Alternativ können sich potenzielle MigrantInnen dafür entscheiden, ihr Augenmerk auf die Verbesserung ihrer Bedingungen in ihren Auswanderungsländern zu richten. Sie können sich dabei einer Reihe an Strategien bedienen: 1.) kollektiver Kampf gegen die Zer- störung von Lebensgrundlagen vor Ort, und für verbesserte Arbeitsbedingungen und höhere Löhne; 2.) individuelle Strategien des sozialen Aufstiegs; 3.) Forderungen nach globaler Umverteilung (auf Kosten des Kapitals/der besitzenden Klassen und/oder auf Kosten von Arbeitenden in privilegierten Ländern). Eine zweite Gruppe von Fragen befasst sich daher mit den folgenden Themen: Unter welchen Bedingungen suchen sich ArbeitsmigrantInnen welcher Strategie zu bedienen? Wie werden ihre Entscheidungen durch die Präferenzen und Handlungen ihrer autochthonen KonkurrentInnen auf dem Arbeitsmarkt beeinflusst? Wie hat sich die politische Linke, einschließlich migrantischer Organisationen, auf die Handlungsmacht von MigrantInnen bezogen?

    Drittens geht es um die Strategien, welche die Arbeitgeber:innen verfolgen. Lohnsteigerungen im Allgemeinen und steigende Löhne in den Niedriglohnsektoren im Besonderen können Unternehmen dazu veranlassen, mindestens sechs verschiedene Strategien zu entwickeln, um die Rentabilität aufrechtzuerhalten: 1.) die geographische Verlagerung der Produktion oder bestimmter Produktionskomponenten in Regionen mit billigeren Arbeitskräften und weniger regulierten Arbeitsverhältnissen (Güterketten); hierbei kann das Kapital diverse Strategien entwickeln, um sich vorteilhafte Regelungen in Hinblick auf Kapitalbewegungen und Arbeitsrecht zu sichern; 2.) die Verringerung des Arbeitskräftebedarfs durch Umgestaltungen von Arbeitsprozessen; 3.) eine Verlagerung der wirtschaftlichen Aktivitäten hin zu neuen Wirtschaftszweigen und Produktpaletten; 4.) die Verlagerung von Kapital aus Produktion und Handel in den Finanzsektor („Finanzialisierung“); 5.) die Umstellung auf andere Arbeitsverhältnisse, z.B. Selbstständigkeit; 6.) die Beeinflussung von Migrationspolitiken und anderen politischen Entscheidungen, um Zugang zu zusätzlich zuwandernden billigen Arbeitskräften zu erlangen. Eine dritte Gruppe von Fragen befasst sich daher mit folgenden Zusammenhängen: Unter welchen Bedingungen entscheidet sich das Kapital für geographische Verlagerungen oder geographische Neuzusammensetzungen? Unter welchen Bedingungen entscheidet es sich für eine der anderen Strategien? Wie hat die politische Linke auf diese unterschiedlichen Strategien reagiert?

    Die Verlagerung von Kapital und die Mobilität der Arbeitskräfte standen und stehen in einem engem Wechselverhältnis. So waren Bevölkerungswachstum und Bewegungsfreiheit oft wesentliche Voraussetzungen für neue Kapitalakkumulation. Gleichzeitig hat die Abwanderung von Kapital sowohl für die ehemaligen und neuen Standorte als auch für autochthone und migrantische Arbeitskräfte soziale Auswirkungen. An den ehemaligen Standorten wird die Arbeitslosigkeit wahrscheinlich steigen. Die Familien arbeitsloser Arbeiter:innen können auf unterschiedliche Weise auf den Verlust des Arbeitsplatzes reagieren, z.B. mit verstärkten Subsistenzaktivitäten; migrantische Arbeiter:innen können möglicherweise in ihre (frühere) Heimat zurückkehren – vielleicht auch angezogen durch Kapitalverlagerungen in ihre Heimatregionen. Beide Gruppen könnten sich auch bemühen, in aussichtsreichere Regionen – anderswo im Inland oder im Ausland – zu migrieren, es würden also neue Migrationsbewegungen entstehen. Zugleich werden die neuen Produktionsstandorte, die durch die Verlagerung entstehen, oftmals nicht nur Arbeiter:innen aus der Nähe, sondern auch aus weiter entfernten Orten anziehen. Somit können Kapitalbewegungen zu (neuen) Bewegungen von Arbeitskräften führen. Die vierte Gruppe an Fragen ergibt sich damit wie folgt: Unter welchen Bedingungen führen Kapitalbewegungen zu Abwanderung und/oder Zuwanderung? Wie haben Migrationspolitiken und andere politische Absichten und Entscheidungen diese Prozesse beeinflusst? Inwiefern haben Migrationsbewegungen die Verlagerung von Kapital überhaupt erst ausgelöst?

    Vorbereitungsgruppe

    Rolf Bauer (ITH, Wien), Josef Ehmer (Universität Wien), Simon Goeke (Münchner Stadtmuseum), Dirk Hoerder (Wien), Marcel van der Linden (International Institute of Social History, Amsterdam), Lukas Neissl (Universität Wien, Central European University), Susan Zimmermann (ITH, Wien)

    Veranstaltet von

    Internationale Tagung der HistorikerInnen der Arbeiter- und anderer sozialer Bewegungen (ITH) mit freundlicher Unterstützung der Kammer für Arbeiter und Angestellte Oberösterreich, Kammer für Arbeiter und Angestellte Wien, der Friedrich-Ebert-Stiftung, der Rosa-Luxemburg-Stiftung, der Österreichischen Gesellschaft für Politische Bildung, dem Karl Renner-Insitut und der Stadt Linz.


Programm

Thursday, 23 September 2021

Registration of participants at the venue

12.00 – 14.00 Meeting of the ITH Board and International Scientific Committee

14.00 – 14.30 Break

14.30 – 16.30 General Assembly of the ITH

17.00 – 17.30 Conference Opening
Susan Zimmermann, Central European University, ITH President
-tba-, Chamber of Labour of Upper Austria
-tba-, Representative of the City of Linz
Florian Wenninger, Director of the Institute for Historic Social Studies, Chamber of Labour, Vienna

17.30 - 19.15 Keynote Lecture
Mahua Sarkar (University of Toronto, Canada): Outsourcing the Working Class: Rethinking Guest Work in the Times of Covid-19

19.15 – 21.00 Welcome Reception by the Major of Linz -tbc-

Friday, 24 September 2021

9.30 – 11.00 Round Table

Solidarity!?! The history of migration and the labor movement

Chair and comment: Dirk Hoerder

  • Rainer Bauböck (European University Institute, Florence, and Wissenschaftszentrum Berlin)
  • Nancy Green (Centre de Recherches Historiques, Paris) -tbc-
  • Leo Lucassen (International Institute of Social History, Amsterdam)
  • Christof Parnreiter (University of Hamburg)
  • Michael John (University of Linz) -tbc-

11.00 – 11.15 Coffee Break

11.15 – 13.15 Panel I: Trade Unionism and Migration

Chair and comment: tba

  • Nina Trige Andersen (Society for Labour History, Denmark): Filipina Chambermaids organizing within and outside the Copenhagen Hotel- and Restaurant Workers Union (HRF/RBF) 19602-1990s
  • Veronika Helfert (Central European University, Vienna): Women Migrant Workers’ Labour Activism in Austria 1960s-1970s
  • Lucas Poy (University of Buenos Aires): Argentine Socialism and the Question of European Migration (1890-1910)
  • Johan Svanberg (Stockholm University): Trade-Union, Internationalism and Migration. The International Metalworkers’ Federation, European Integration and post-war labour mobility

13.15 – 14.30 Lunch

14.30 – 16.00 Panel II: Migration as Shaped by Policy, Capital and Other Actors I

Chair and comment: tba

  • Radhika Kanchana (Sciences Po, Paris): Evolution of State Policies in the Arab-Gulf Region – producing (im-)mobile capital and labour
  • Kate Frederick/Elise van Nederveen Meerkerk (Utrecht University): Temporary Urbanities? Industrialization, urbanization and labor migration in colonial Africa: Southern Rhodesia and the Belgian Congo compared
  • Ritesh Jaiswal (University of Delhi): Indian Migrants, Material and Mobility during the Interwar Ceylon

16.00 – 16.15 Coffee Break

16.30 – 18.00 Panel III: Migration as Shaped by Policy, Capital and Other Actors II

Chair and comment: tba

  • Clarice Gontarski Speranza (Federal University of Rio Grande do Sul): The flow of refugees and displaced persons in the Southern Brazilian coal mines after the II World War
  • Yukari Takai (York University, Canada): Between Migrants and the States. Japanese Immigrant Hotels in Hawaii and Vancouver 1888-1907
  • Geoffrey Ewen (York University, Canada): Deploying and Deterring Migrant Workers: The Canadian State, the Catholic Church and the Asbestos Strikes of 1915 and 1916

18.00 – 19.00 Dinner

19.00 – 21.00 Public evening event (in German):
-tba- (at the venue)

 

Saturday, 25 September 2021

9.30 – 11.30 Panel IV: Migrants’ Experience and Agency

Chair and comment: tba

  • Beate Althammer (Humboldt University Berlin): Foreign Polish Labour Migrants in the  German Empire: A Reassessment
  • Cihan Özpınar (Portland State University, Oregon): The formation of immigrant workingclass substrata in France
  • Lara-Zuzan Golesorkhi (University of Portland): Employment integration at any cost? Germany’s 2016 Integration Act and Social Mobility
  • Verena Lorber (Katholische Privatuniversität, Linz): “Workers Wanted”. Transnational labor migration exemplified by foreign workers in Styria (Austria)

11.30 – 11.45 Coffee Break

11.45 – 13.15 Panel V: Labor Migration and Worker’s Life

Chair and comment:

  • Loredana Panariti (University of Trieste): Trade Unions, Left(s) and immigration between Italy and Slovenia
  • Selda Altan (Randolph College, Virginia): The Quest for Chinamen: Global Labor Markets in Coolies and the Making of the Chinese Working-Class
  • Aliki Vaxevanoglou (Academy of Athens): Behind-the-Scenes: The Current Labour Market of Immigrants
  • Andrea Tollardo (University of Milano Bicocca): Migrant labor’s contentious positioning and stratification in an alpine quarry

13.15 – 14.15 Lunch

14.15 – 15.45 Concluding Debate
Chair: tba