• 19 Jänner 2020 - 19 Jänner 2020
  • Call for Papers (deadline: 19 Jänner 2020)
  • Kapital, Migration und die Linke. 56. ITH Konferenz

  • Nur wenige Themenfelder sind politisch derart aufgeladen wie „internationale Migration“. Diese ITH-Konferenz will das Thema aus einer globalen und historischen Perspektive – vom 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart – erörtern.

    Kapital, Migration und die Linke. 56. ITH Konferenz
    Linz/Oberösterreich, 24.-26. September 2020
    Konferenzsprachen: Deutsch/Englisch

    Call for Papers

    Sich verändernde Beschäftigungsperspektiven und Einkommensungleichheiten innerhalb und zwischen Staaten werden dabei als Bezugspunkt dienen. Die Handlungsmacht von MigrantInnen und das Verhältnis der politischen Linken (von links-liberal bis anti-kapitalistisch) gegenüber dem Phänomen der Migration werden in diesem weiten Rahmen kontextualisiert und diskutiert. Wir bedienen uns einer breiten Definition von Migration, die freie und unfreie Arbeit, temporäre und dauerhafte Formen der Migration sowie die gesamte Bandbreite der Rechtsstellung von MigrantInnen umfasst – von Sans Papiers und Asyl(be)werberInnen/Flüchtlingen bis zu klassischen ArbeitsmigrantInnen.

    In den vergangenen zwei Jahrhunderten sind die internationalen Lohnunterschiede enorm angewachsen und nationale Arbeitsmärkte sind in mehr oder weniger undurchlässige Segmente aufgeteilt, wobei MigrantInnen in der Regel überwiegend in den Niedriglohnsektoren arbeiten (und zuweilen versuchen in höhere Segmente aufzusteigen). Beschäftigte in den höheren Segmenten und Teile der politischen Linken neigen dazu, die Niedriglohnsektoren als Bedrohung zu sehen. Sie können auf schlecht bezahlte KonkurrentInnen auf dem Arbeitsmarkt mit drei unterschiedlichen – aber vielfach verknüpften – Mitteln reagieren: 1.) Ausschluss, d.h. der Versuch Einwanderung zu stoppen; 2.) Institutionalisierung, d.h. die Beschränkung von Niedriglohnbeschäftigten auf bestimmte Berufe und Tätigkeiten oder 3.) Solidarität, d.h. der Versuch niedrige Löhne anzuheben; dies umfasst auch Forderungen nach globaler Umverteilung (auf Kosten des Kapitals/der besitzenden Klassen und/oder auf Kosten der arbeitenden Klassen), um die Lebensbedingungen in den Auswanderungsländern zu verbessern. Eine erste Gruppe von Fragen lautet daher: Unter welchen Bedingungen präferieren besser bezahlte Arbeitende welche Reaktion? Wie hat die ArbeiterInnenbewegung auf diese Situation reagiert? Wie reagieren ArbeitsmigrantInnen auf diese Varianten?

    Aus der Perspektive von ArbeitsmigrantInnen ergibt sich eine zweite Gruppe von Möglichkeiten. Für sie gibt es verschiedene Optionen bzw. können sie zumindest zwischen unterschiedlichen Plänen und Strategien wählen, sobald sie migrieren: 1.) Dauerhafte Einwanderung der Arbeitenden selbst und, sofern möglich, ihrer Familien; 2.) Pendelmigration in unterschiedlichen zeitlichen Rhythmen, abhängig von der Entfernung zwischen Arbeitsort und Zuhause und den Anforderungen der Arbeit (täglich, wöchentlich, monatlich, saisonal, jährlich, mehrjährig). Selbstverständlich überschneiden sich diese Möglichkeiten, und die Pläne und Strategien von MigrantInnen können sich aufgrund veränderter Bedingungen, persönlicher Erwartungen und Präferenzen oder Erfahrungen ändern. (Potentielle) MigrantInnen entwickeln außerdem Strategien, um Migrationsregime zu „verhandeln“, zu umgehen oder zu modifizieren; konfrontiert mit restriktiven Migrationsregimen können sie beispielsweise als Flüchtlinge migrieren oder grenzüberschreitende Ehen eingehen. Alternativ können sich potentielle MigrantInnen dafür entscheiden, ihr Augenmerk auf die Verbesserung ihrer Bedingungen in ihren Auswanderungsländern zu richten. Sie können sich dabei einer Reihe an Strategien bedienen: 1.) kollektiver Kampf für verbesserte Arbeitsbedingungen und höhere Löhne; 2.) individuelle Strategien des sozialen Aufstiegs; 3.) Forderungen nach globaler Umverteilung (auf Kosten des Kapitals/der besitzenden Klassen und/oder auf Kosten von Arbeitenden in privilegierten Ländern). Eine zweite Gruppe von Fragen befasst sich daher mit den folgenden Themen: Unter welchen Bedingungen bevorzugen ArbeitsmigrantInnen welche Strategie? Wie werden ihre Entscheidungen durch die Präferenzen und Handlungen ihrer autochthonen KonkurrentInnen auf dem Arbeitsmarkt beeinflusst? Wie hat sich die politische Linke, einschließlich migrantischer Organisationen, auf die Handlungsmacht von MigrantInnen bezogen?

    Drittens geht es um die Strategien, welche die Arbeitgeber verfolgen. Lohnsteigerungen im Allgemeinen und steigende Löhne in den Niedriglohnsektoren im Besonderen können Unternehmen dazu veranlassen, mindestens sechs verschiedene Strategien zu entwickeln, um die Rentabilität aufrechtzuerhalten: 1.) die geographische Verlagerung der Produktion oder bestimmter Produktionskomponenten in Regionen mit billigeren Arbeitskräften und weniger regulierten Arbeitsverhältnissen (Güterketten); hierbei kann das Kapital diverse Strategien entwickeln, um sich vorteilhafte Regelungen in Hinblick auf Kapitalbewegungen und Arbeitsrecht zu sichern; 2.) die Verringerung des Arbeitskräftebedarfs durch Umgestaltungen von Arbeitsprozessen; 3.) eine Verlagerung der wirtschaftlichen Aktivitäten hin zu neuen Wirtschaftszweigen und Produktpaletten; 4.) die Verlagerung von Kapital aus Produktion und Handel in den Finanzsektor („Finanzialisierung“); 5.) die Umstellung auf andere Arbeitsverhältnisse, z.B. Selbstständigkeit; 6.) die Beeinflussung von Migrationsregimen, um Zugang zu zusätzlich zuwandernden billigen Arbeitskräften zu erlangen. Eine dritte Gruppe von Fragen befasst sich daher mit folgenden Zusammenhängen: Unter welchen Bedingungen entscheidet sich das Kapital für geographische Verlagerungen oder geographische Neuzusammensetzungen? Unter welchen Bedingungen entscheidet es sich für eine der anderen Strategien? Wie hat die politische Linke auf diese unterschiedlichen Strategien reagiert?

    Es versteht sich, dass die Verlagerung von Kapital sowohl für die ehemaligen und neuen Standorte als auch für autochthone und migrantische ArbeiterInnen soziale Auswirkungen hat. An den ehemaligen Standorten wird die Arbeitslosigkeit wahrscheinlich steigen. Die Familien arbeitsloser ArbeiterInnen können auf unterschiedliche Weise auf den Verlust des Arbeitsplatzes reagieren, z.B. mit verstärkten Subsistenzaktivitäten; migrantische ArbeiterInnen können möglicherweise in ihre (frühere) Heimat zurückkehren – vielleicht auch angezogen durch Kapitalverlagerungen in ihre Heimatregionen. Beide Gruppen könnten sich auch entscheiden in aussichtsreichere Regionen – anderswo im Inland oder im Ausland – zu migrieren, es würden also neue Migrationsbewegungen entstehen. Zugleich werden die neuen Produktionsstandorte, die durch die Verlagerung entstehen, oftmals nicht nur ArbeiterInnen aus der Nähe, sondern auch aus weiter entfernten Orten anziehen. Somit können Kapitalbewegungen zu (neuen) Bewegungen von ArbeiterInnen führen. Die vierte Gruppe an Fragen ergibt sich damit wie folgt: Unter welchen Bedingungen führen Kapitalbewegungen zu Abwanderung und/oder Zuwanderung? Wie haben Migrationsregime diese Prozesse beeinflusst?

    Die Konferenz beabsichtigt diese Fragen auf empirischer und konzeptueller Ebene zu diskutieren und lädt Beiträge ein, die empirische Fallstudien oder konzeptionelle Untersuchungen innerhalb des größeren Rahmens der Diskussion über Kapital und Arbeit in Bewegung, wie sie in diesem Call for Papers zusammengefasst sind, kontextualisieren. Welche Migrations- und Arbeitsmarkttheorien werfen Licht auf das Wechselverhältnis zwischen (im)mobilem Kapital und (im)mobilen ArbeiterInnen? Mithilfe welcher empirischer Fallstudien können wir unser Verständnis der Wechselwirkung zwischen der Mobilität von Kapital und der Mobilität von Arbeit weiterentwickeln? Welchen Beitrag hatten und haben ArbeiterInnenbewegungen und/oder anderen soziale Bewegungen in der Ausformung dieser Wechselbeziehungen? Welche Rollen haben (staatliche) Migrationsregime in der Ausformung dieser Wechselbeziehungen gespielt? Wie hat die politische Linke die Frage der räumlichen Mobilität von Kapital und Arbeit diskutiert? Auch Beiträge mit transnationalen, regionalen oder globalen Perspektiven und Themen sind herzlich willkommen.

    EINREICHUNG

    Vorschläge für Beiträge sollen enthalten:

    • Abstract (max. 300 Wörter)
    • Kurzbiografie (Fließtext, max. 200 Wörter)
    • vollständige Adresse und E-Mail-Adresse

    Der Abstract des vorgeschlagenen Beitrages soll einen eigenen Absatz enthalten, der beschreibt, wie sich der eingereichte Beitrag auf den Call for Papers bzw. gegebenenfalls auf bestimmte Elemente oder Fragen im Call for Papers bezieht.
    Die Kurzbiografie soll Informationen über bisherige Beiträge des Einreichers bzw. der Einreicherin zum Forschungsgebiet der Geschichte von Arbeit und ArbeiterInnen-bewegungen bzw. sozialen Bewegungen enthalten. Die Einreichenden sind eingeladen (so vorhanden) insbesondere ihre einschlägigen Publikationen anführen, und können gerne Kopien von ein oder zwei solchen Publikationen für Informationszwecke beilegen.

    Einreichungen bitte an Lukas Neissl: lukas.neissl@ith.or.at

    TERMINE

    Einreichung der Vorschläge: bis 19. Januar 2020
    Mitteilung über Entscheidung der Annahme: 21. Februar 2020
    Langfassung oder Vortragsfassung der Beiträge: bis 24. August 2020

    VORBEREITUNGSGRUPPE

    Josef Ehmer, Universität Wien
    Dirk Hoerder, Wien
    Marcel van der Linden, Internationales Institut für Sozialgeschichte, Amsterdam
    Lukas Neissl, ITH, Wien
    Susan Zimmermann, ITH, Wien

    DIE ITH UND IHRE MITGLIEDER

    Die ITH ist eines der weltweit wichtigsten Foren der Geschichte der Arbeit, der Arbeitenden sowie der ArbeiterInnenbewegungen und anderer sozialen Bewegungen. Die ITH fördert globale und inklusive Forschungsperspektiven und offene vergleichende Herangehensweisen. Ihrer Tradition der Zusammenarbeit mit Organisationen der ArbeiterInnenbewegung folgend, legt die ITH zugleich Wert auf die Vermittlung von Forschung außerhalb der eigentlichen akademischen ForscherInnengemeinde. Gegenwärtig gehören der ITH ca. 100 Mitgliedsorganisationen und eine rasch wachsende Zahl von individuellen Mitgliedern auf fünf Kontinenten an.

    Für Informationen über ITH-Publikationen der vergangenen 50 Jahren: klicken Sie hier.

    Zum Onlineformular für eine ITH-Mitgliedschaft: Klicken Sie hier.