• Analyse
  • Die Unterstützung der populistischen extremen Rechten als neues Klassenwahlverhalten?

  • Von Bilal Berady , Nathan Gaborit | 21 Apr 21 | Posted under: Extreme Rechte
  • Das Konzept des Klassenwahlverhaltens wird vom Neoliberalismus in seinen Grundfesten erschüttert, die scheinbar quasi-natürliche Verbindung zwischen Gesellschaftsstruktur und Wahlverhalten infrage gestellt. Stimmen für populistische, rechtsextreme Parteien werden dabei oft Emotionen und xenophoben Einstellungen zugeschrieben. Doch sind diese Merkmale sind nicht in der Lage, die ein solches Wahlverhalten bestimmenden Faktoren hinreichend zu erfassen.

    Die Entwicklung des Kapitalismus seit Anfang der 1980er-Jahre hat dazu geführt, dass die gesellschaftlichen Identitäten in Verbindung mit Arbeitskollektiven durch die Ausweitung prekärer Beschäftigungsformen, die Transformation von Produktionsweisen und den Anstieg der Arbeitslosigkeit ins Wanken geraten sind. Insbesondere die Arbeiter*innenklasse – einst Rückgrat der sozialistischen und kommunistischen Parteien – hat tiefgreifende Umwälzungen erfahren; die Schließungen von Produktionsstätten in Verbindung mit Deindustrialisierungsprozessen in westlichen Ländern brachten den Zerfall der Arbeitskollektive mit sich, durch die politische Identität strukturiert war. Rechtsextreme, populistische Parteien in Westeuropa konnten von der Neukonfiguration dieser Identitäten durch neoliberale Wirtschaftssysteme und das Aufweichen traditioneller sozio-beruflicher Identitäten profitieren. Ihre soziale Basis hat sich in den letzten Jahrzehnten von einer vorrangig selbstständig beschäftigten hin zu einer stark in der Arbeiter*innenklasse verwurzelten Wähler*innenschaft verlagert (Oesch, 2008).

    Diese politische Verschiebung stellt die scheinbar quasi-natürliche Verbindung zwischen Gesellschaftsstruktur und Wahlverhalten infrage. Um letzteres zu erklären, sind sogenannte post-materialistische Ansätze verbreitet. Damit wird Wahlverhalten zugunsten populistischer, rechtsextremer Parteien (ausschließlich) Emotionen (wie beispielsweise Ärger) sowie xenophoben Einstellungen zugeschrieben, was jedoch für die Analyse des Wahlverhaltens nicht ausreicht. Die neoliberale Organisation der gesellschaftlichen Beziehungen sowie von Produktions- und Austauschweisen bringt vielmehr diverse Existenzbedingungen mit ungleichem Widerstandspotenzial hervor, aus denen das Wahlverhalten im Kern hervorgeht.

    Die Exposition gegenüber Globalisierungsprozessen, die Art des Arbeitsvertrags, das Wesen der Tätigkeit, das Einkommen usw. sind allesamt Merkmale, die die Position von Individuen in den Produktionsbeziehungen definieren, aus der im Folgenden abzuleiten versucht wird, warum eine populistische, rechtsextreme Partei gewählt wird. Die Einstellung zu Migration scheint dabei ein relevanter Indikator für die potenzielle Unterstützung der extremen populistischen Rechten zu sein, da Xenophobie und Ethnozentrismus die wichtigsten weltanschaulichen Faktoren für Stimmverhalten zugunsten solcher Parteien darstellen (Mudde, 2007).

    Infolge der Globalisierung verändern sich nationale politische Räume und eröffnen sich neue Konfliktlinien zwischen "Gewinner*innen" und "Verlierer*innen" der Globalisierung, wobei Letztere im Ergebnis der Globalisierung eine Verschlechterung ihres sozialen Status wahrnehmen und dazu tendieren, für populistische, rechtsextreme Parteien zu stimmen (Kriesi et al., 2006). Doch reicht die Zugehörigkeit zur heterogenen Gruppe von Globalisierungsverlierer*innen allein nicht aus, um die Unterstützung xenophober/ethnozentrischer Positionen zu erklären. Vielmehr begünstigen verschiedene soziale Merkmale auch Widerstand gegen xenophobes Verhalten, sodass ein Verständnis der komplexen Verflechtung von Identitäten erforderlich ist, die ein politisches Subjekt ausmachen.

    Auf der Grundlage der aktuellen Forschungsliteratur wird im Folgenden der Versuch unternommen, diese Nuancen zu erfassen, um die Auswirkungen der Globalisierung auf politische Verhaltensweisen und Einstellungen zu Migration zu ermitteln. Weiters soll untersucht werden, wie sich die damit unter Umständen verbundenen Bedrohungen – wie technische Innovationen und ein stärkerer Wettbewerb zwischen Arbeitnehmer*innen – auf Einstellungen zu Migration auswirken. Anschließend soll genauer in den Blick genommen werden, welche berufsbezogenen und wirtschaftlichen Vulnerabilitäten zu xenophoben Ansichten bzw. zur Unterstützung populistischer, rechtsextremer Parteien beitragen. In diesem Zusammenhang sind notwendigerweise auch die Beschäftigungs- und Wohnbedingungen auf lokaler Ebene zu betrachten, um Muster für politisches Verhalten erfassen zu können. Damit erhalten wir die Möglichkeit, den Geltungsbereich nationaler Analysen zu erweitern, da hier außer Acht gelassen wird, ob Wähler*innen mit Menschen mit Migrationshintergrund Kontakt haben oder nicht.

    Berufsbezogene Vulnerabilität im Kontext der Globalisierung

    Die Ausweitung der Globalisierung hat zur Ausbildung von Industriesektoren an der Peripherie des kapitalistischen Weltsystems geführt, die in der Lage sind, mit den Industrien Westeuropas und Nordamerikas zu konkurrieren. Zudem haben technische Innovationen in Unternehmen die Automatisierung vieler Produktionsbereiche zur Produktivitätssteigerung ermöglicht. Der Status einiger Arbeitnehmer*innen ist durch die Weiterentwicklung des kapitalistischen Systems gefährdet, mit der die Verlagerung von Produktionsmitteln und die Automatisierung ihrer Arbeitsplätze einhergeht. Diese Bedrohung auf materieller wie auch auf Status-Ebene hat erhebliche Auswirkungen darauf, wie Individuen die soziale Welt wahrnehmen und sich politisch positionieren. Ortega und Polavieja (2012) zeigen, dass der Wunsch nach weniger Migration unabhängig vom Bildungsniveau eng mit dem Ausüben von Berufen einhergeht, die durch manuelle Arbeit geprägt sind. Wenn alle anderen Faktoren gleich sind, hat der Bildungsabschluss kaum Einfluss auf die zum Ausdruck gebrachte Meinung gegenüber Immigrant*innen;
    Xenophobie ist nicht nur eine Sache von Ignoranz, sondern hängt mit einem Gefühl der Verwundbarkeit in einem wettbewerbsintensiven Arbeitsmarkt zusammen. Im Gegensatz dazu werden kommunikationsintensive Jobs von Individuen ausgeführt, die der Ankunft weiterer Migrant*innen in ihrem Land toleranter gegenüberstehen. Die Ausbildungszeit, die für die Ausübung eines bestimmten Berufs erforderlich ist, spielt hinsichtlich dieser Akzeptanz ebenfalls eine positive Rolle.

    Was Arbeiter*innen angeht, die manuelle Tätigkeiten ausführen, haben die Auswirkungen der Automatisierung großen Einfluss auf das politische Verhalten. So war die "Automatisierungsangst" ein wichtiger Faktor für Wähler*innen, die 2016 für Donald Trump gestimmt haben (Frey et al., 2017). Wenngleich jedoch der Prozess der Automatisierung ein entscheidender Faktor ist, warum Menschen die populistische extreme Rechte wählen, spielt auch das Einkommensniveau eine wesentliche Rolle. Eine weitere Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die Bedrohung der Automatisierung zu einer Wahldemobilisierung bzw. marginal zur Unterstützung der radikalen Linken unter Menschen führt, die unter besonders prekären Bedingungen leben (Im et al., 2019). Das Wählen der populistischen extremen Rechten hängt mit der von der Automatisierung ausgehenden Bedrohung für Menschen zusammen, die sich in finanziellen Notlagen befinden. Diejenigen, die einen Statusverlust fürchten, nähren die Wähler*innenschaft der populistischen extremen Rechten. Außerdem hat sich gezeigt, dass Routinetätigkeiten die Meinung zum Nutzen der Migration für die nationale Wirtschaft negativ beeinflussen (Kaihovaara & Im, 2020). In ihrer Untersuchung argumentieren die Wissenschaftler, dass in Beschäftigungen mit nicht-repetitiven Aufgaben Menschen mit nicht ortsgebundenen ("offshorable") Jobs tendenziell weniger xenophob sind als Menschen, die ihre Tätigkeit nur an einem spezifischen Arbeitsplatz im Heimatland ausüben können ("non-offshorable jobs"). Für dieses scheinbar paradoxe Ergebnis gibt es zwei mögliche Erklärungen. Einerseits wird der freie Verkehr von Waren, Dienstleistungen, Kapital und Menschen (d. h. Migration) von Menschen mit nicht-repetitiven, nicht ortsgebundenen Beschäftigungen, die in der Globalisierung verankert sind, viel stärker akzeptiert; andererseits wird der Wettbewerb von Beschäftigungen, die nicht ausgelagert werden können, im nationalen Rahmen ausgespielt und die Präsenz einer zugewanderten Bevölkerung stellt eine ernstzunehmende Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt dar.

    Prekarität als Treiber für Xenophobie?

    Jenseits der Variablen von Vulnerabilität auf dem Arbeitsmarkt, die unmittelbar mit den Auswirkungen der Globalisierung verknüpft sind, trägt die wirtschaftliche und berufliche Unsicherheit zu einer Angst vor dem Verlust des eigenen Status bei. Welche Segmente der prekarisierten Gruppe entwickeln xenophobe Einstellungen? Die sozio-berufliche Kategorie der selbstständig Beschäftigten, die konservative wirtschaftliche und gesellschaftliche Werte für sich übernimmt – die traditionell mit der Kleinbürger*innentum assoziiert werden –, wird allerdings mit dem Erscheinen des neuen Selbstunternehmer*innentums von zahlreichen Komponenten durchkreuzt. Jansen weist darauf hin, dass sowohl Prekarität als auch erzwungenes Selbstunternehmer*innentum für die Unterstützung der niederländischen populistischen, rechtsextremen Partei ausschlaggebend waren, aber auch für Wahlenthaltung (Jansen, 2017). Dieses Phänomen lässt sich auch bei Menschen mit hoher sozialer Unsicherheit feststellen. Die Ja-Stimmen für die Front National (FN, seit 2018: Rassemblement National) nehmen unter den sozial abgesicherten und den sozial am meisten prekarisierten Gruppen kontinuierlich zu (Mayer, 2018). Berücksichtigt man jedoch Wahlenthaltungen, so wird der höchste Anteil der FN unter der am zweitstärksten prekarisierten Gruppe erreicht und das Ergebnis der FN in der am stärksten prekarisierten Gruppe geht leicht zurück. Mayer betont die politische Polarisierung innerhalb der heterogenen Gruppe von Menschen, die in prekären Verhältnissen leben, indem sie zwei Formen der Prekarität unterscheidet: Die soziale Prekarität hauptsächlich älterer, schlecht ausgebildeter und isolierter Menschen führt zu Wahlenthaltung oder der Ja-Stimme für die populistische extreme Rechte. Im Gegenzug wird die "verbundene Prekarität" ("connected precarity") von einer jungen, gebildeten Bevölkerung repräsentiert, die mit verschiedenen sozialen Netzwerken verbunden, aber beruflichen und finanziellen Unsicherheiten ausgesetzt ist. Diese "verbundene Prekarität" wird mit einer höheren Wahlbeteiligung in Verbindung gebracht, die sich in der Unterstützung radikaler linker Parteien widerspiegelt. Die Divergenz zwischen diesen politischen Verhaltensweisen lässt sich anhand der Beziehung zur erlebten Prekarität erklären. Das sogenannte "verbundene" Prekariat wird eher als vorübergehend wahrgenommen.

    Soziale Unsicherheit wurde in der Literatur oft unter dem Aspekt von Insidern/Outsidern je nach Position auf dem Arbeitsmarkt untersucht. Doch sind die Kriterien, nach denen die Zuordnung zu Insider-/Outsider-Gruppen erfolgt, je nach Autor*in unterschiedlich. Eine Studie zeigt, dass die in der Literatur herausgearbeiteten verschiedenen Varianten von Outsidern gegensätzliche Ergebnisse hinsichtlich ihres Wahlverhaltens liefern (Rovny & Rovny, 2017). Ein häufiger Befund für Gruppen von Outsidern, deren Auswahlkriterien unterschiedlich sein können, besteht darin, dass sie mehr als der Durchschnitt zur Wahlenthaltung tendieren. Outsider, die durch das Risiko atypischer Beschäftigungen und das Niveau der Arbeitslosigkeit in ihren Beschäftigungen definiert werden, tendieren – wenn sie denn wählen – dazu, ihre Stimme einer Partei der extremen Rechten zu geben. Im Gegensatz dazu wählen Outsider, die durch ihren Beschäftigungsstatus (unbefristeter Vertrag, Teilzeit, …) definiert werden, mit höherer Wahrscheinlichkeit die radikale Linke.

    Diese Ergebnisse stützen die Idee, dass die Ja-Stimme für die radikale Rechte ein Ausdruck für die wahrgenommene Bedrohung des Statusverlusts ist: Prekarität innerhalb sozialer Gruppen, soziale Unsicherheit und Vulnerabilität auf dem Arbeitsmarkt sind hierfür entscheidende Variablen. Die Vulnerabilität auf dem Arbeitsmarkt ergibt sich aus sozialer oder beruflicher Unsicherheit; die Kategorisierung sozialer Gruppen allein nach der Dichotomie von Gewinner*innen/Verlierer*innen der Globalisierung ist begrenzt. Die Globalisierung ist nicht die einzige Ursache für den Verfall der erwerbstätigen Gesellschaft in Westeuropa, sondern hat vielmehr auch neoliberale Reformen begleitet und durchgesetzt. Um die negativen Einstellungen gegenüber Migration – sowohl in den Arbeiter*innenklassen als auch den höheren Schichten – in ihrer ganzen Diversität zu erfassen, ist es erforderlich, diese globale Analyse um ein spezielles Augenmerk auf lokale Kontexte zu ergänzen.

    Die Bedeutung lokaler sozioökonomischer Zusammenhänge für Einstellungen zu Migration

    Die genannten Studien beschränken sich auf die Analyse von Daten auf nationaler Ebene und berücksichtigen die lokale wirtschaftliche Realität und die ungleiche Verteilung von Migrant*innen innerhalb des jeweiligen Staates nicht. So reduziert der Kontakt mit Menschen mit migrantischem Hintergrund innerhalb der Familie oder im Freund*innenkreis die negative Sicht auf Migration (Rodon & Franco-Guillén, 2014). Der Kontakt mit Migrant*innen bei der Arbeit oder in der Nachbarschaft wirkt sich auch dann auf die Einstellungen von Menschen aus, wenn Gebiete durch eine hohe Arbeitslosigkeit geprägt sind. Tatsächlich besteht eine in dieser Studie entwickelte Hypothese darin, dass die Angst um den Verlust des eigenen Arbeitsplatzes zur Entstehung einer tieferen beruflichen Solidarität innerhalb des Arbeitskollektivs führen kann, indem ethnische Identitäten hinten angestellt werden.

    Auch das Wohnumfeld spielt bei der Herausbildung xenophober Ansichten eine wesentliche Rolle. Wenn allerdings alle anderen Faktoren gleich sind, haben lokale Wohlstandsniveaus und die örtliche Zuwanderungsdichte keinen signifikanten Einfluss auf Einstellungen zu Migration (Perry & Sibley, 2013). Xenophobe Einstellungen treten in Stadtvierteln mit einer hohen Dichte von Migrant*innen dann auf, wenn die ansässige Bevölkerung dort ihre soziale Welt als gefährdet wahrnimmt, was anhand eines Gefühls der Unsicherheit im öffentlichen Raum gemessen wird. Abweichend von der allgemeinen Vorstellung, xenophobe Einstellungen würden in den am stärksten benachteiligten Vierteln am meisten zum Ausdruck kommen, zeigt die Studie von Perry und Sibley, dass ein niedriges Wohlstandsniveau nicht systematisch zu negativen Wahrnehmungen von Migration führt. Eine von einem geringen Vertrauen in andere Menschen geprägte Wahrnehmung der Welt als wettbewerbsgeprägter Raum trägt in den wirtschaftlich am stärksten benachteiligten Vierteln stark zu xenophoben Repräsentationen bei. Dieses Ergebnis wird mit der Tatsache erklärt, dass solche Menschen den Zuzug von Migrant*innen in Gegenden mit hohem sozialen Status begrenzen möchten, um den Erhalt einer weißen, wohlhabenden Gruppe zu garantieren.

    Die Untersuchung des politischen Verhaltens auf der lokalen Ebene wird zu einer Notwendigkeit, um die Alltagserfahrungen zu verstehen, die in die sozioökonomischen Dynamiken eines Gebiets eingebettet sind. Die Zusammensetzung migrantischer und einheimischer Berufskenntnisse ist für das Verstehen der Vulnerabilität auf dem Arbeitsmarkt wichtig (Bolet, 2020). Bolets Studie basiert auf sozioökonomischen Daten (Einkommen, Anteil von Migrant*innen an der Gesamtbevölkerung, Beschäftigungsanteil für qualifizierte Arbeitskräfte) und den Ergebnissen der FN bei den Präsidentschaftswahlen von 2012 und 2017 in den einzelnen französischen Gemeinden. Gemeinden mit einem hohen Anteil gering qualifizierter Einheimischer oder mit durchschnittlich und hoch qualifizierten Migrant*innen verzeichnen tendenziell überdurchschnittliche Wahlerfolge für die FN. Der Stimmenanteil für die FN-Partei scheint dort anzusteigen, wo der Arbeitsmarkt zwischen Migrant*innen und "Einheimischen" mit vergleichbaren Qualifikationen wettbewerbsintensiv ist. Die Auswirkungen des Wettbewerbs im lokalen Arbeitsmarkt auf das Wählen der extremen populistischen Rechten werden in benachteiligten Gebieten akzentuiert. Allerdings trägt die Arbeitslosigkeit in der einheimischen Bevölkerung nicht zu hohen Wahlergebnissen für rechtsextreme, populistische Parteien bei. Das ist auf die hohe Wahlenthaltungsrate der Bevölkerungsgruppen, die besonders prekär leben, zurückzuführen. Darüber hinaus trägt die hohe Arbeitslosigkeit unter Migrant*innen signifikant zu einem niedrigen Ergebnis für die FN bei. Diese Studie zeigt, dass die Präsenz von Migrant*innen für das Abstimmen für die populistische extreme Rechte nicht der ausschlaggebende Faktor ist, da der Stimmenanteil für die FN abnimmt, wenn Migrant*innen eine niedrigere soziale Position oder ein niedrigeres Qualifikationsniveau als Einheimische besetzen. Somit sind es die Abschwächung der sozialen Hierarchie, die in einer auf ethnischen Faktoren beruhenden Beziehung verankert ist, und die Angst vor einem Statusverlust angesichts ausländischer oder als solche wahrgenommener Bevölkerungsgruppen, die den Nährboden für xenophobe Parteien liefern.

    Schlussfolgerung

    In allen vorgestellten Studien ist die Angst vor dem Verlust des eigenen Status der gemeinsame Nenner für xenophobes Verhalten. Die Annahme, dass rechtsextreme, populistische Parteien ihre Wähler*innen zu einem relevanten Teil aus Verlierer*innen von Globalisierungsprozessen rekrutieren ist nicht gänzlich falsch, muss aber durch die genauere Analyse von Lebensbedingungen und lokalen Arbeitsmarktdynamiken ausdifferenziert werden. Die Faktoren, die zu Wahlenthaltung oder zum Wählen der extremen populistischen Rechten führen, sind ähnlich. Einerseits haben die wirtschaftlichen Faktoren, die Ja-Stimmen für diese Parteien unterstützen, die Wahlenthaltung von Individuen zur Folge, wenn eine bestimmte Schwelle erreicht wird: Dann wird aus dieser Stimme eine Enthaltung. Andererseits ist die Wähler*innenschaft der extremen populistischen Rechten enorm unbeständig und definiert sich mehr durch ein wechselhaftes Stimmverhalten als durch stabile Unterstützung. Aus diesen Erkenntnissen können wir erstens schließen, dass Prekarität und Unsicherheit allein keine bestimmenden Faktoren für Xenophobie sind, da negative Einstellungen zu Migration dann auftreten, wenn die eigene soziale Position im Verhältnis zu dem, was sie sein sollte, bedroht ist. Daher besteht ein Kontrast-Effekt zwischen der Art und Weise der eigenen Wahrnehmung und den wirklich besetzten Positionen. Ein Individuum, das den eigenen Status nicht als gefährdet einschätzt, entwickelt nicht in einem überdurchschnittlichen Maße xenophobe Einstellungen bzw. eine Unterstützung für eine rechtsextreme, populistische Partei. Darüber hinaus erkennen wir, dass Xenophobie kein statisches, sondern vielmehr ein dynamisches Verhalten ist, das in Verbindung mit dem Werdegang des Individuums in seinem Berufs- und Wohnumfeld entsteht. Angesichts der Erkenntnis, dass Xenophobie und Ethnozentrismus (zwei eng miteinander verbundene Faktoren) die Hauptgründe dafür sind, dass Menschen für die populistische extreme Rechte stimmen, scheint der Erfolg dieser Parteien vorübergehender Natur und auf eine Situation relativer Deprivation zurückzuführen zu sein, d. h. im Falle dieser Wähler*innenschaft der Eindruck, im Vergleich zu anderen sozialen Gruppen wie Sozialhilfeempfänger*innen oder Migrant*innen einer vorteilhaften sozialen Position beraubt worden zu sein.

    Weniger mit der beruflichen Sphäre verbundene Identitätsmerkmale wie Geschlecht oder ethnische Herkunft haben in dem Maße an Einfluss gewonnen, wie diese sozialen Merkmale Politikfelder strukturieren. Die Wähler*innenschaft der populistischen extremen Rechten ist mit einem starken männlichen Wähleranteil davon nicht ausgenommen (Givens, 2004), wenngleich das Geschlecht im letzten Jahrzehnt hinsichtlich des Wahlverhaltens für die FN viel von seiner Prognosefähigkeit eingebüßt hat (Mayer, 2015). Es ist ein Ausdruck der Angst, den eigenen Status mit bestimmten sozialen Eigenschaften zu verlieren, der der populistischen extremen Rechten in hohem Maße Stimmen verschafft. Diese Angst scheint aus einer Verärgerung zu erwachsen, die Menschen erleben, wenn sie meinen, ihre biologischen bzw. sozialen Eigenschaften (männlich und ohne Migrationshintergrund) sollten ihnen zu bequemen/besseren gesellschaftlichen Positionen verhelfen. Allerdings ist selbst die Figur des "typischen Wählers" dieser Parteien, des weißen Arbeiters, der kurz vor der Rente steht und abseits der Metropolen lebt, keine Garantie für die Unterstützung solcher Parteien. Vielmehr ermöglicht die Solidarität innerhalb der Arbeiter*innenklasse den Widerstand gegen Xenophobie und den Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt. Ethnische Unterschiede können zugunsten einer gemeinsamen Klassen- bzw. Gebietszugehörigkeit in den Hintergrund gedrängt werden. Auch wenn es kommunistischen und sozialistischen Bewegungen gelungen ist, den sozialen Status von der sozialen Klasse abzugrenzen, indem sie anstreben, die soziale Hierarchie zu ändern, versuchen rechtsextreme, populistische Parteien, den sozialen Status mit (vermeintlichen oder tatsächlichen) biologischen Eigenschaften zu verknüpfen und die soziale Hierarchie auf der Basis von ethnischer Herkunft und Geschlecht zu legitimieren. Um Widerstand gegen den Diskurs der populistischen extremen Rechten aufzubauen, wird es notwendig sein, ein gemeinsames Projekt für ausgebeutete Gruppen zu formulieren, das die darin vorherrschenden unterschiedlichen Dominanzbeziehungen berücksichtigt.

     

     

    Bibliographie

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