• Bericht Workshop, 7. Juli 2014
  • Die Wahrnehmungen von Arbeitnehmer_innen in der Krise: Internalisierte Einschränkungen und die Glaubwürdigkeit von Alternativen

  • Von Maxime Benatouil | 22 Sep 14 | Posted under: Wahrnehmungen
  • Frühere Untersuchungen sowie ausgiebige Diskussionen zwischen Meinungsforscher_innen und Sozialwissenschaftler_innen aus Deutschland, Frankreich und Griechenland zeigten, dass politische Subjektivitäten in direktem Zusammenhang mit dem Ausmaß der Krise stehen. Vorrangiges Ziel dieses Projekts war eine umfassende Untersuchung der Ursachen, die sowohl der Revolte als auch der Resignation zugrunde liegen.

    Die Ausformungen von Arbeit – wie die Lohnabhängigkeit und die Beschäftigungspolitik im Niedriglohnsektor – spielen eine bedeutende Rolle bei den Mechanismen der Resignation. Veränderungen bleiben weiterhin unerreichbar, solange das Verhältnis zwischen der Linken und der Arbeit nicht erneuert wird. Um den Bedürfnissen der Menschen besser entsprechen und zu emanzipatorischen Grundsätzen werden zu können, müssen Alternativvorschläge Arbeitsstatuten und Produktionsbedingungen berücksichtigen.

    Dieses Forschungsprojekt stützt sich auf eine kombinierte Herangehensweise. Unterschiedliche soziale Realitäten und Subjektivitäten, die in Zusammenhang mit Arbeit stehen, werden in einem Dialog zwischen Frankreich und Deutschland zusammengeführt. Jenseits nationaler Besonderheiten, geht es darum herauszufinden, ob sich gemeinsame Aspekte und Perspektiven identifizieren lassen. So sollen Alternativen ausgearbeitet werden, die gleichzeitig die neoliberale Hegemonie in Frage stellen, aber auch öffentliche Unterstützung erringen können.

     

    1. Beobachtungen – Repräsentationen der Einschränkungen des Produktionssystems

    Internalisierte Einschränkungen bei den Beschäftigten wuchsen gemeinsam mit einer Reihe von globalen Veränderungen, die im Laufe der letzten 40 Jahre in Zusammenhang mit dem Produktionssystem stattgefunden haben. Dieser Abschnitt bietet eine Darstellung dieser Veränderungen als auch der dementsprechenden Auswirkungen auf die Arbeitsbedingungen und der sich daraus ergebenden Wahrnehmungen der glaubwürdigen Veränderungen.

    Wandlungen der Arbeitsbedingungen und Wahrnehmungen der Krise – das Beispiel Deutschland

    Joachim Bischoff und Richard Detje, Mitherausgeber der in Hamburg ansässigen Zeitschrift Sozialismus, leiteten ein bahnbrechendes Forschungsprojekt, das sich mit der Entwicklung der Wahrnehmung von Arbeitsbedingungen in Deutschland beschäftigte. Sie führten mehr als 30 Einzelinterviews und organisierten 15 Gruppendiskussionen. Der hauptsächliche Mehrwert gründet in der Tatsache, dass diese Treffen zu zwei äußerst bedeutsamen Zeitpunkten stattfanden: Die erste Runde fand nach 2008 – auf dem Höhepunkt der Krise – statt, die zweite im Jahr 2012, als Deutschland bereits begonnen hatte, sich von der Krise zu erholen.

    Die Auswahl setzte sich aus Arbeitskräften und Personalvertreter_innen aus der metallurgischen, der Elektronik- und der Textilindustrie zusammen, sowie aus Arbeitnehmer_innen der Sektoren Sozialwesen, Gesundheitswesen und Jugendausbildung, deren Situation im Jahr 2008 noch grundlegend anders war. Die Ergebnisse dieser Befragung zeigten auf, dass sich die Arbeitsbedingungen der oben erwähnten Sektoren, also Industrie und Dienstleistungen, stärker aneinander angenähert haben. Die fordistischen Strukturen, die kennzeichnend für die 1970er-Jahre waren, wurden durch die massive Zunahme von prekären Beschäftigungsverhältnissen, die als Nachwirkung der europäischen Krise sprunghaft anstiegen, permanent herausgefordert.

    Deutschland sieht sich mit einer Situation konfrontiert, die sich von jener in anderen EU-Staaten weitgehend unterscheidet. Es ist zum Beispiel das einzige europäische Land, dem es gelungen ist, wieder zur industriellen Produktion der Zeit vor der Krise aufzuschließen – und diese in einigen Sektoren sogar zu übertreffen. Eine weitere Besonderheit ist die Tatsache, dass Deutschlands Arbeitslosenrate im Laufe der letzten Jahre stark gesunken ist. Dieser Rückgang lässt sich durch die massive Ausweitung prekärer Beschäftigungsverhältnisse erklären, ein weitaus höherer Anteil als in anderen EU-Ländern. Deutsche Arbeitskräfte sind sich wohl bewusst, dass die Arbeitslosenrate niedriger ist als im Jahr 2009. Und auch wenn 40 % der Befragten angaben, dass sie von der Krise nicht betroffen waren, so ist doch das Gefühl der Angst, dass die Krise zurückkommen und die Binnenwirtschaft sogar noch stärker treffen könnte im Steigen begriffen. Zudem glauben vier Fünftel der Befragten, dass die Situation in Deutschland jener in anderen europäischen Ländern bei weitem vorzuziehen sei. Dies spielt eine wesentliche Rolle für das Bewusstsein der eigenen Situation der Arbeitnehmer_innen und damit auch dafür, wie potentielle Forderungen hinsichtlich der Verbesserung der Arbeitsbedingungen als glaubwürdig betrachtet werden, „angesichts des herrschenden Umfelds“.

    Anders ausgedrückt lässt sich feststellen, dass innerhalb der Bevölkerung ein latentes Gefühl der Besorgnis herrscht. Trotz der Dankbarkeit, dass das Schlimmste verhindert werden und das Land den gröberen Auswirkungen der Krise standhalten konnte, ist das Bewusstsein für das Leben in einem „bedrohten Paradies“ – wie Bischoff und Detje es nannten – äußerst ausgeprägt. Den meisten Befragten war völlig klar, dass ihre in gewissem Sinne privilegierte Situation nicht sicher ist, dass sie durch eine weitere wirtschaftliche Verschlechterung in Nachbarländern gefährdet sein könnten, aber auch – und das ist ein neues Element – durch einen Anstieg „innerer Bedrohungen“, verkörpert durch die fortschreitende Aushöhlung sozialer Gerechtigkeit.

    Die Vormachtstellung der Finanz über die Arbeit – das Beispiel Frankreich

    Meinungsumfragen, die in Frankreich in verschiedenen Stadien der Krise stattfanden, zeigten deutlich, dass das Finanzsystem als hauptverantwortlich für den Ausbruch derselben betrachtet wird – wie Yann Le Lann und Hugo Varenne darlegten. Laut der „Generationen“-Studie sind 90 % der Befragten der Ansicht, dass die Finanz die Welt regiere. Diese Beurteilung untermauert das Ergebnis einer weiteren Meinungsumfrage (IFOP) aus dem Jahr 2010, der zufolge Banken und Kreditinstitutionen von 92 % der Befragten als „eher verantwortlich“ für die Krise betrachtet werden. Während zwar alle sozialen Gruppen finanzialisiertes Kapital tatsächlich für verdächtig halten, sehen die schwächsten unter ihnen es tendenziell eher als Auslöser für die Krise – und damit als Auslöser für die Schwächung der Politik in ihrer Gesamtheit –, während die am meisten Begünstigten mehr Vertrauen in die Fähigkeiten der Politik äußern, „die Sinnkrise“ zu überstehen.

    Die Kritik an Märkten, Privatisierungen, Kapitalismus und Profiten insgesamt, befindet sich auf dem Vormarsch, unabhängig von Alter und gesellschaftlichen Unterschieden. Es lässt sich lediglich ein wachsender Widerspruch in Hinblick auf neoliberale wirtschaftliche Werte feststellen, wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung. Die vehementeste Kritik findet in der Bewertung von Aktienmärkten statt – deren Natur Yann Le Lann als liquideste und konzentrierteste Form von Eigentum beschrieb.

    Einer weiteren Umfrage (Institut Montaigne) zufolge sind 76 % der Befragten der Ansicht, dass Unternehmen den Erhalt von Arbeitsplätzen nicht als Priorität betrachten. Die sozial gefährdetsten sozialen Klassen nehmen Unternehmen in erster Linie als Institutionen wahr, die sich der Wahrung der Interessen der Aktionär_innen verpflichtet haben – obwohl diese Wahrnehmung mit der Größe des Unternehmens abzunehmen scheint. KMUs (Kleine und mittlere Unternehmen) werden als ausgewogene Institutionen betrachtet, welche die Interessen von Kapital und Arbeit auf eine gerechte Art und Weise respektieren. Erwähnenswert auch, dass KMUs als bei weitem vertrauenswürdigste Institutionen gelten – weit jenseits von Konzernen, aber auch von Verwaltungsdienstleistungen, Parteien und Gewerkschaften.

    Angesichts der großen Ressentiments gegenüber finanziellen Institutionen sollte sich linke Politik nicht ausschließlich auf die Kritik von Banken und finanziellen Aktivitäten konzentrieren. Ein weiteres Ergebnis der gründlichen Untersuchung der Mitherausgeber von Sozialismus ergab, dass nach Ansicht des Großteils der befragten Arbeitnehmer_innen das Problem das Fehlen von Transparenz ist, sowie die Schwierigkeit zu verstehen, wie das Finanzsystem funktioniert. Detje erinnerte daran, dass der marxianische Begriff der „Mystifizierung des Kapitals“ sich als wirksam herausgestellt hat. Die Linke muss dazu beitragen, indem sie auf verständliche Art und Weise erklärt, wie das Finanzsystem funktioniert und Licht auf dessen Schatten wirft. Die Linke muss zudem schlüssig zur Sprache bringen, wie es kommt, dass scheinbar abstrakte finanzielle und ökonomische Kräfte solch konkrete Auswirkungen auf individuelle Leben und subjektive Erfahrungen haben.

    Finanzialisierung und Globalisierung

    Gabriel Colletis lieferte eine gründliche Vergleichsanalyse von Globalisierung und Internationalisierung, indem er den roten Faden der Finanzialisierung als Unterscheidungsmerkmal heranzog. In diesem Sinne kann die Internationalisierung als Öffnung der nationalen Ökonomien in Richtung wichtiger Ströme von Gütern und Dienstleistungen definiert werden. Nach dieser Selbstöffnung erfahren nationale Ökonomien – die ihre Aktivitäten infolgedessen internationalisieren – einen bedeutenden Anstieg der Herstellung von Exportgütern und/oder der Marktdurchdringungsquote des Binnenmarktes. Die Internationalisierung betrifft Güter und Dienstleistungen, die zwischen Ländern zirkulieren. Sie lässt sich mithilfe der Wettbewerbsfähigkeit messen, wobei die Handelsbilanz das Hauptkriterium darstellt.

    Die Globalisierung wiederum ist weitaus weniger von der Mobilität von Gütern und Dienstleistungen geprägt, sondern vielmehr von der Finanzialisierung der Wirtschaft, wobei der Kapitalverkehr den Kernpunkt bildet. Doch im Gegensatz zu üblichen Wirtschaftsanalysen, betrachtet Colletis Kapital und Arbeit nicht als homogene Faktoren. Er unterscheidet stattdessen die Mobilität des Finanzkapitals (z. B. Anleihen, Derivate) von jener des Produktivkapitals (z. B. Direktinvestitionen im In- und Ausland). Das gleiche gilt für den Faktor Arbeit. So lassen sich Arbeitskräfte, deren Fähigkeiten anerkannt und erwünscht sind, von Arbeitskräften unterscheiden, deren Fähigkeiten den Vorgaben des aktuellen wirtschaftlichen Trends nicht entsprechen. Finanzkapital ist mehr als mobil, es ist flüchtig – und sehr viel schneller als Produktivkapital, das zumindest einige Jahre benötigt, um zur Verfügung zu stehen oder verlagert zu werden. Niedrig qualifizierte Arbeitskräfte sind nicht mehr so mobil, wie sie es, angesichts von Migrationsströmen der Fünfziger- und Sechzigerjahre, einmal waren. Ihre Bestrebungen zur Mobilität werden im besten Fall nicht gefördert, und falls sie doch stattfindet, dann unter extrem prekären Bedingungen. Diesen Arbeitskräften bleiben die Früchte der Globalisierung zumeist verwehrt.

    Alle Anzeichen lassen darauf schließen, dass Einkommen vom Grad der Mobilität abhängt. Mit anderen Worten, der Faktor mit dem höchsten Grad an Mobilität gewinnt und profitiert am meisten, ehe er die Höhe der Entlohnung diktiert, die all den anderen Faktoren zugewiesen wird. Finanzkapital kann mit durchschnittlichen Renditen von ungefähr 20 % rechnen, während jene von Direktinvestitionen kaum 8 % übersteigen. Dazu kommt, dass – je höher die Mobilität einer Arbeitskraft ist, desto höher auch sein/ihr Einkommen sein wird. Die Globalisierung ist im Wesentlichen ein ungleicher Prozess. Der Anstieg der Ungleichheiten sollte nicht als unglücklicher Kollateralschaden betrachtet werden. Ganz im Gegenteil – er steht im Zentrum der Globalisierung. Die den Aktionär_innen ausgezahlten Dividenden hängen nicht länger von den tatsächlichen Gewinnen eines Unternehmens ab. Sie werden nun als Ausgangspunkt jedes unternehmerischen Vorhabens postuliert. Tatsächlich ist die Höhe der Dividenden bereits im Voraus bekannt.

    Ein Wettbewerb auf mehreren Ebenen

    Wettbewerb, in all seinen Ausprägungen, dient als höchst mächtige Einschränkung. Arbeitnehmer_innen haben die mehrstufige Wettbewerbsrealität – darunter auch den Wettbewerb zwischen Staaten in Bezug auf Sozialsysteme – nach Jahrzehnten neoliberaler Kultur- und Politikhegemonie verinnerlicht. Dies hat einen enormen Einfluss auf die Art und Weise, wie Arbeitskräfte die Verteilung des Mehrwertes wahrnehmen. Die Vorstellung, der zufolge die internationale Wirtschaftslage Arbeitnehmer_innen dazu verpflichtet, für dasselbe Einkommen mehr zu arbeiten, gewinnt auch bei den Arbeitskräften selber in zunehmendem Maße an Boden. Laut Claude Debons glaubt eine stetig steigende Anzahl von Arbeitskräften, dass das Unternehmen im Rahmen der aktuellen Kräfteverhältnisse einfach in ein anderes Land gehen würde, sollte den Anforderungen der Eigentümer_innen nicht nachgekommen werden. Aufgrund des Wettbewerbs kann der proletarische Internationalismus nur sehr schwer eine Vorrangstellung vor nationalen Interessen einnehmen.

    Unternehmen gelang es, ihren Standpunkt zu globalem Preiskampf durchzusetzen, indem sie nach höherer Produktivität verlangten – als ob dies das einzig relevante Strukturproblem wäre –, bis hin zu dem Punkt, an dem Arbeitskräfte sich mit einer Senkung der Löhne abfanden. Diese Inszenierung von Wettbewerb dient als äußerst effizientes Druckmittel für die Akzeptanz neoliberaler Einschränkungen. Das Ergebnis der in Deutschland durchgeführten Untersuchungen zeigte auf, dass die Meinungen zum Thema Wettbewerb in engem Zusammenhang mit der Wahrnehmung sozialer Gerechtigkeit stehen. Die Opfer in Form von Lohn, die auf dem Altar von Wettbewerb und Produktivität dargebracht wurden, sind immer offensichtlicher geworden, was in den vergangenen Jahren zu einem beständigen Anstieg sozialer Ungerechtigkeit führte. Nach Ansicht der meisten Befragten obliegt es dem Staat, einen weiteren Anstieg sozialer Ungleichheiten zu verhindern – eine Verantwortung, der er, ihrer Ansicht nach, nicht nachgekommen ist.

    Die Finanzialisierung der Wirtschaft ist für den generalisierten Wettbewerb verantwortlich zu machen. Colletis legt das Beispiel von Vilvoorde auf das Paradigma der Einschränkungen der Finanzialisierung um. Anstatt die Arbeitskraft von Migranten zu nutzen, wie in den 1950er- und 1960er-Jahren, war es der Produktionsstandort von Renault, der migrierte. Generalisierter Wettbewerb hat nichts mit einem vorgeblichen Mangel an Wettbewerbsfähigkeit zu tun. Wäre das der Fall, dann würde der Rückgang der Gesamtkosten auf einen Anstieg der preislichen Wettbewerbsfähigkeit abzielen – und ein solches Phänomen lässt sich nirgendwo beobachten. Das Sparen bei den Kosten für Arbeitskräfte macht nicht mehr als 10 % der Gesamtkosten aus. Folglich kann es auch nicht den ausschlaggebenden Grund für die Auslagerung der Produktion darstellen. Standortverlagerung ist lediglich durch die Rentabilität für die Aktionär_innen motiviert. Finanzialisierung braucht generalisierten Wettbewerb, um ihre Vorherrschaft über die Realwirtschaft zu erringen. Die Mobilität von Finanzkapital muss beschränkt werden, um Standortverlagerungen vorzubeugen und um die Vormachtstellung von „Wettbewerb“ zu reduzieren.

    2. Offene Fragen – Alternativen, subjektive Glaubwürdigkeit, Internationalisierung des neoliberalen Diskurses

    Im Laufe des Studientages wurden in den Präsentationen und den darauffolgenden Diskussionen Fragen aufgeworfen. Der folgende Abschnitt fasst diese in einer Reihe wichtiger Themen zusammen, die in den Arbeitsgruppen gründlicher behandelt werden sollten.

    Wahrnehmung von Globalisierung in Bezug auf Arbeitsbedingungen und Löhne

    Yann Le Lann und Hugo Varenne schlugen vor, die Rolle von Arbeitnehmer_innen in der Globalisierung zu analysieren, um Einschränkungssysteme, die Unternehmen belasten, besser begreifen zu können. Ihrer Hypothese zufolge würde die Kritik an der Globalisierung sich nicht sehr von der Kritik am gegenwärtigen Wirtschaftssystem und seiner Werte unterscheiden. Die Tatsache, dass Unternehmen als Profiteure der Globalisierung wahrgenommen werden – was 60 % der französischen Befragten laut einer IFOP-Umfrage so empfinden –, dass Produktionskosten gesunken sind, aber auch die Löhne und die Qualität der Arbeitsbedingungen, wirft einige Fragen auf. Welche Aktionär_innen profitieren? Und wie sehr?

    Es scheint erwähnenswert, dass nicht nur die Klasse der Arbeiter_innenschaft eine negative Wahrnehmung der Globalisierung – und besonders der Auswirkungen der Internationalisierung von Handel und Kapital auf Arbeitsbedingungen und Entlohnung – zu haben scheint. Auch Angestellte geben an, dass sie unter der gleichen Verschlechterung in Bezug auf Produktivität und Rückgang des Lohnzuwachses leiden. Meinungsumfragen zeigen, dass die Globalisierung eine enorme Bereicherung der größten Unternehmen mit sich gebracht hat, während die Arbeitsbedingungen sich gleichzeitig verschlechtert haben – sowohl was Löhne als auch was die Beschäftigungsstabilität betrifft. Wenn Arbeitnehmer_innen sich bewusst sind, dass die Bereicherung Einzelner nur durch die Prekarisierung Anderer möglich wird, wo bleiben dann die Forderungen nach mehr sozialer Gerechtigkeit? Wie können diese besser artikuliert werden?

    Wahrnehmung von Prekarität

    Die Unsicherheit von Arbeitsbedingungen betrifft nicht nur südliche Mitgliedsstaaten, sondern auch „Kernländer“ der EU. In einem der rentabelsten BMW-Industriezentren in Deutschland (Leipzig, Sachsen) wurden 40 % der Arbeitskräfte mit Zeitverträgen angestellt. Die Homogenität der Gesamtheit der Arbeitskräfte wurde durch die Kombination von unbefristeten und befristeten Verträgen gefährdet. Zwischen befristet und unbefristet Beschäftigten des Produktionsstandortes entstand so eine Wettbewerbssituation. Die Auswirkungen dieser Langzeittransformation ihrer Wahrnehmung, sowie die Glaubwürdigkeit der Veränderung, sollte gründlich untersucht werden, angesichts der Tatsache, dass der Populismus des rechten Flügels immer akuter wird und das gefährdet, was von linker Solidarität noch übrig ist.

    Etliche soziologische Untersuchungen beleuchten die wachsende Kluft zwischen dem Bereich der prekären Arbeitskräfte und jenem der Vollarbeitskräfte. Diese Trennlinie entwickelt sich proportional mit dem Anwachsen der Zahl an Aushilfskräften. Vollarbeitskräfte entwickeln in zunehmendem Maße ein Bewusstsein für den Druck der drohenden Prekarisierung ihrer eigenen Arbeitsbedingungen, was zu erhöhter Solidarität in Hinblick auf befristete Arbeitskräfte und zu verstärkter Kritik an der Vorstellung geführt hat, dass Prekarisierung Arbeitsplätze retten könne. Wie Joachim Bischoff und Richard Detje bemerkten, müssen Gewerkschaften sich vermehrt auf Prekarität einstellen. Um zu potentiellen Akteuren von Veränderung zu werden und um Strategien hinter sich zu lassen, die Wettbewerb unter Arbeitskräften anheizen, muss auch ihr politisches Mandat gestärkt werden.

    Die Gefährdung von Sicherheit und Nachhaltigkeit von Löhnen als Haupteinkommensquelle hat zu einem Prozess der Finanzialisierung der Haushalte geführt. Der Bedarf an Finanzprodukten – um Eigentum zu erwerben, Renteneinkommen aufzubessern und/oder eine bessere medizinische Versorgung zu gewährleisten – hat gemeinsam mit der Prekarisierung der Arbeitsbedingungen zugenommen. Banken bieten sowohl den Ausgleich für Einkommensverluste als auch für den Rückgang des sozialen Schutzes von Haushalten. Diese neue Funktion der Banken, verursacht durch strenge Sparmaßnahmen und den Wandel der Arbeitsbedingungen, hatte Einfluss auf die Wahrnehmung lokaler Banken. „Meine Bank“ wird als Institution betrachtet, die dabei hilft „mein Einkommen“ zu erhöhen – und wird deswegen relativ positiv wahrgenommen. Solche lokalen Banken werden nicht mit den „Großbanken“ und deren maßgeblicher Rolle beim Ausbruch der Finanzkrise assoziiert.

    Die Glaubwürdigkeit von Alternativen

    Eine paneuropäische Meinungsumfrage des Gallup-Instituts (2013) zeigte die wachsende Kritik an Austeritätsmaßnahmen – nicht nur in den von der Krise am stärksten betroffenen Mitgliedstaaten, sondern auch in den „Kernländern“ der EU. Auf die Frage „Wirkt die Austeritätspolitik in Europa?“ gaben 51 % der Befragten an „nein, tut sie nicht“ – wobei nur minimale Unterschiede zwischen Spanien und Deutschland bestanden. Dies zeigt, dass das TINA-Mantra („There is no alternative“), demzufolge übertrieben strenge Sparmaßnahmen die einzig realistische und wirksame Antwort auf die Krise ist, nicht mit der Wahrnehmung der Mehrheit der europäischen Bevölkerung übereinstimmt. Das bedeutet möglicherweise, dass die Menschen offen für Alternativen sind.

    Es wirft jedoch die Frage nach dem mangelnden Vertrauen in Politiker sowie in die Politik insgesamt auf. 85 % der von Joachim Bischoff und Richard Detje Befragten sind der Ansicht, dass Politik die Probleme nicht lösen kann, die in Zusammenhang mit sozialer Ungerechtigkeit stehen, und dass sie diese tatsächlich nur noch verschlimmert. Argwohn und Misstrauen der Politik gegenüber spiegeln sich auch in der Wahlbeteiligung wider, die in den letzten Jahren dramatisch gesunken ist – besonders in der Arbeiter_innenschaft, die weder an Wahlen noch an Politikgestaltung teilnimmt. Selbst wenn progressive Politiker_innen eine alternative Politik befürworten, die der Arbeiter_innenschaft zugutekommen würde, so gefährdet doch die niedrige Wahlbeteiligung selbst die Möglichkeit von Alternativen. Wie kann dieses fundamentale Problem überwunden werden? Dazu müsste die grundlegende Problematik – dass nämlich Politik als Problem und nicht als Lösung angesehen wird – direkt an der Wurzel angepackt werden.

    Nach Ansicht von Joachim Bischoff erklären einige Schlüsselfaktoren das Misstrauen in die Politik. Zunächst die Vorherrschaft der politischen Ökonomie über die Politik. Ein wachsender sozialer Konservatismus, erwachsen aus Jahrzehnten neoliberaler Gehirnwäsche, der zufolge der Staat nicht mehr als ein soziales Sicherheitsnetz bieten solle. Die Wahrnehmung von Politikern, die nur ihren eigenen Interessen dienen. Politische Parteien, weit davon entfernt als Akteure des Wandels betrachtet zu werden, die mehr und mehr als entfremdete Realitäten gelten. Gewerkschaften bleiben die einzigen Institutionen, deren Intention – die Interessen der Menschen zu vertreten – nicht massiv in Frage gestellt wird.

    Glaubwürdige Forderungen nach sozialem Wandel können nicht isoliert von der Subjektivität der Arbeiter_innenschaft gesehen werden. Wie Yann Le Lann und Hugo Varenne bemerkten, war die Verhandlungsstärke der Arbeiter_innenschaft einer tiefgreifenden Neuordnung unterworfen. Bis in die frühen 1980er-Jahre war sich die Arbeiter_innenschaft ihrer Verhandlungsmacht äußerst bewusst. Möglichkeiten zur Verbesserung wurden deshalb als glaubhaft erachtet und Linksparteien wurden noch als wichtigste Ansprechpartner_innen betrachtet, um sich für eine Politik einzusetzen – und diese auch umzusetzen –, die zu erfolgreichen Reformen des Wirtschafts- und Sozialsystems führte. In den 1970er-Jahren, als die Idee der Revolution als rasches Mittel zur Überwindung der Gesellschaftsordnung als utopisch verworfen wurde, wurde die Lohnregulierung zum Mittelpunkt der strategischen Verhandlungsstärke. Eine Erhöhung der Löhne galt als sicherster Weg, um Arbeitslosigkeit und Armut zu bekämpfen. Jahrzehnte mit Perioden von geringem Wachstum und Rezession, in Kombination mit einer Verschiebung in Richtung neoliberaler kultureller Hegemonie haben das Bewusstsein für und die Glaubwürdigkeit von Forderungen nach Verbesserung der Arbeitsbedingungen zutiefst beeinflusst.

    Vom Moment an, in dem die Auswirkungen der Krise allmählich spürbar wurden – in Frankreich ab 2008 – wurden Forderungen nach besserer Entlohnung als immer weniger glaubwürdig erachtet und die Vorstellung von Lohnkürzungen in zunehmendem Maße akzeptiert. Meinungsumfragen zeigen auf, dass einerseits Themen, die sich mit Beschäftigung befassten im Jahr 2012 für 78 % der französischen Befragten von größter Wichtigkeit waren, und dass andrerseits im Jahr 2010 beinahe 80 % bereit gewesen wären, Lohnkürzungen hinzunehmen, um ihre Stelle nicht zu verlieren. Merkwürdigerweise sind deutsche Arbeitnehmer_innen weniger bereit, irgendeine Art von „Niedriglohnjob“ anzunehmen – obwohl, oder gerade weil, Prekarität in Deutschland weiter verbreitet ist als in Frankreich.

    Yann Le Lann und Hugo Varenne wiesen vehement auf die Rolle hin, die 30 Jahre der Entbehrungen bei der Wahrnehmung der Arbeitnehmer_innen spielten. In dieser Hinsicht, sollte erwähnt werden, dass 56 % der französischen Befragten (Montaigne, 2012) der Ansicht sind, dass die beste Möglichkeit um Arbeitslosigkeit zu bekämpfen und Beschäftigung zu fördern, jene ist, die Lohnkosten zu senken – ungeachtet der sozialen Klassen, des Geschlechts oder des Alters. Soziale Unterschiede kommen jedoch zum Tragen wenn es um die beste Art und Weise geht, Beschäftigung zu fördern. Während die am besten gestellten sozialen Klassen sie als Werkzeug zur individuellen Emanzipation betrachten – und deswegen bessere und längere Ausbildung zur Beschäftigungsförderung erwägen – tendieren die übrigen sozialen Klassen eher zu der Ansicht, dass Lohnkürzungen und Kürzungen von Sozialversicherungsbeiträgen das wirksamste Mittel zur Schaffung von Arbeitsplätzen sind. Diese Ergebnisse führen zu folgenden Fragen: Wie können Wahrnehmungen und Forderungen aller Gesellschaftsgruppierungen hinsichtlich Arbeitsmarktreformen in Übereinkunft gebracht werden? Und wie kann die Forderung nach höheren Löhnen zu einer glaubwürdigen Forderung nach Verbesserung von Arbeitsbedingungen als auch nach Beschäftigung im Allgemeinen gemacht werden?

    Das Primat der Erneuerung des Lohnsystems  

    Gabriel Colletis ruft ins Gedächtnis, dass die Alternativvorschläge das Lohnsystem im Fokus haben sollten. Das erfordert jedoch eine langfristige Analyse der Arbeitsmarktkrise – die tatsächlich aus drei überlappenden Krisen besteht. Die Produktivität der Arbeit befindet sich in der Krise. Der Fordismus ermöglichte einen Transfer von Produktivitätsgewinnen in Löhne. Dann führte der Keynesianismus staatliche Mechanismen ein, um die Wertschöpfung des Mehrwertes gewissermaßen neu zu verteilen – was einen weiteren Anstieg der Produktivitätsgewinne impliziert, diese begannen in Frankreich jedoch ab 1967 zu fallen. Die zweite Krise ist auf die Entkopplung der Volkswirtschaften zurückzuführen, zusammen mit einem Einbruch der wirtschaftlichen Bühne. Wie die Periode 1981–1983 zeigt, existiert der Zusammenhang zwischen Konsum, Produktion und importierten Gütern nicht länger. Schließlich hat eine Krise Auswirkungen auf die weltweite Einkommensverteilung. Wie bereits weiter oben erwähnt, kann von einer Einkommensindexierung in Bezug auf den Grad der Mobilität gesprochen werden.

    Ohne eine solche globale Diagnose wird eine alternative Lösung zur Beendigung der mehrstufigen Krise bloßes Wunschdenken bleiben. Die Frage der Arbeit muss in die Herausforderungen in Bezug auf Demokratie, Unternehmen, Bedeutung von Produktionstätigkeiten und dem Platz der Menschheit in der Natur, integriert werden. Mit anderen Worten, Alternativen in Bezug auf Arbeit und Lohnsysteme müssen Teil eines globalen Entwicklungsmodells sein. Gabriel Colletis hob hervor, dass eine Rückkehr zum produktivistischen Modell der Fünfzigerjahre nicht nur im Hinblick auf die Umwelt gefährlich ist, sondern sich auch als ineffizient erweisen wird. Produktivitätsgewinne werden Arbeitskräfte nicht länger schützen. Es ist ein aussichtsloser Kampf gegen Arbeitskräfte aus dem Globalen Süden, deren Produktivitätsniveau im Wesentlichen dem des Westens entspricht, jedoch viel billiger ist. Der Kampf wird das Wesen von Produktion und Industriegütern thematisieren müssen. Dies setzt jedoch die Förderung einer authentischen wissensbasierten Wirtschaft voraus, in der Arbeitskräfte aber auch Ausbildungszeiten nicht als Kosten betrachtet werden.

     

    Obiger Bericht steht PDF (Englisch) zum Download zur Verfügung.

    Im Januar 2014 fand der erste Workshop eines Zyklus‘ zum Thema Wahrnehmungen in der Krise statt, der sich mit Problemen rund um die Frage der Krise politischen Bewusstseins in Europa befasste. Dieser nunmehr zweite Workshop fand am 7. Juli 2014 in Paris statt.    


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