• Analyse
  • Welche Strategie für die Linke zur Arbeit im Home Office

  • Von Giorgos Charalambous | 01 Feb 22 | Posted under: Kapitalismus heute , Linke , Arbeit
  • Die Befürwortung oder Ablehnung von Telearbeit ist keine rein oppositionelle Frage. Giorgos Charalambous argumentiert für eine Position, die auf einer kohärenten Theorie emanzipatorischer Politik beruht und die unterschiedlichen Vor- und Nachteile für die Arbeiter*innen je nach Sektor, Schicht und ihren Forderungen berücksichtigt.

    Zwei Jahre nach Ausbruch der Pandemie sprechen sich Mainstream-Sozialdemokrat*innen, progressive Kräfte und sogar einige Marxist*innen und radikale Linke dafür aus, dass Telearbeit eine konkrete Forderung für Arbeiter*innen und Angestellte sein sollte. Unter den Argumenten, die dafür sprechen, wird zum Beispiel angeführt, dass dies eine umweltfreundliche Praxis sei, die den Menschen mehr Flexibilität im Arbeitsalltag ermöglichen würde. Zudem wäre weniger Zeitaufwand für das Pendeln zur Arbeit erforderlich, Menschen mit Beeinträchtigungen könnten von mehr Inklusion profitieren und innerhalb der Städte könnte eine Lebensqualität ermöglicht werden, die sich momentan nur außerhalb davon erhalten lässt. Gleichzeitig würde der Verkehr entlastet und die Immobilienpreise in den Metropolregionen würden fallen. Wohnen wäre somit für mehr Menschen erschwinglicher. Während der Coronapandemie haben die Befürworter*innen die Telearbeit zudem als universelles Grundrecht eingefordert.

    Die angeführte Pro-Argumente lassen sich nicht auf eine kohärente Theorie emanzipatorischer Politik zurückführen – zumal eine integrierte liberale, marxistische oder sozialdemokratische Position zum Thema noch aussteht –, sondern sind über den gesamten politischen Raum verstreut und variieren je nach ideologischem Hintergrund der Person, die sie vertritt. Vor allem aber sind sie insgesamt eher prädiktiv denn retrospektiv, da die Debatten über die Telearbeit noch jung sind und noch viel Forschungsarbeit aussteht, bevor davon abgeleitete solide Forderungen formuliert werden können.

    Es gibt allerdings auch Stimmen von links, die die dystopischen Untertöne einer Remote Work Economy rundheraus ablehnen und auf ihren Beitrag zu Entfremdung, zur Erosion von Freizeit und zu einem ungeordneten und ungesunden Lebensstil verweisen. Wie kann die Linke im Spannungsfeld dieser bestehenden Auffassungen eine kohärente Strategie zur Frage der Telearbeit entwickeln?

    Telearbeit als Arbeitsfrage im Kapitalismus

    Wenn wir dem Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit in unserer soziologischen Vorstellung auch nur minimales Gewicht beimessen, dann ist seine Dynamik in einem Szenario einer weitgehend auf Telearbeit beruhenden Wirtschaft eine Schlüsselfrage. Das systemische Machtungleichgewicht, das dem Kapitalismus innewohnt, würde sich kaum verändern, wenn die Frage der Telearbeit geregelt wäre. Ausbeutung würde damit keinesfalls enden, sondern sich in veränderte Prozesse der kapitalistischen Wertschöpfung aus der Arbeit wandeln und dahingehend verschieben würde.

    Solange von kapitalistischer Seite – in der Regel mit eigenen Forschungsmitteln – bestätigt wird, dass die Arbeitsproduktivität bzw. andere Gewinnindikatoren wie der Umsatz bei der Telearbeit nicht sinken, kann sie sich zu ihren Gunsten auswirken. Wenn sie von der Produktivität und den Umsätzen nicht überzeugt sind, stehen sie Telearbeit weitaus misstrauischer gegenüber. Da sich hochrangige Vertreter*innen der Wirtschaft allerdings nun dafür ausgesprochen haben, gehen einige Autor*innen davon aus, dass die Teleworking bei den Top-Bossen der Weltwirtschaft insgesamt auf eine positive bis enthusiastische Resonanz gestoßen ist und somit kapitalistischen Interessen entspricht.

    Das ist ein negatives Framing, das vorgibt, die gegnerische Seite zu erfassen – doch ist es für die Entwicklung einer strategischen Position auch erforderlich, auf die Dialektik der Arbeitsbeziehungen einzugehen und nicht nur die nahezu tautologische Vorstellung zu suggerieren, Kapitalist*innen würden nicht ohne Weiteres entgegen ihrer Interessen Zugeständnisse machen. Zudem muss der kapitalistische Enthusiasmus im Prozess der Entscheidung für oder gegen die Telearbeit näher bestimmt werden. Es gibt weiterhin unbekannte Faktoren, Fehleinschätzungen und unbeabsichtigte Folgen, die jeden kaltherzigen Rationalismus, der sich auf Produktivitätsgewinne oder -verluste stützt, dämpfen. Auch hier ist die Forschung noch nicht besonders weit und nicht eindeutig, wenn es darum geht, Grenzerträge einheitlich für alle Unternehmen nahezulegen.

    Auch hinsichtlich der Mobilisierungsfähigkeit besteht ganz klar eine große Gefahr. Unter atomisierten Arbeiter*innen hinter überwachungsfreundlichen Bildschirmen wird die Sozialisierung erodieren, was sich negativ auf die Kommunikations- und Mobilisierungsfähigkeit der Arbeiter*innen auswirken wird – und insbesondere auf ihre Tendenz, eine klassenbewusste politische Haltung zu entwickeln. Bei einer atomisierten Sozialisierung in der Bevölkerung und im Berufsleben werden auch Missstände atomisiert sein.
    Wenn die kollektive Erfahrung der Arbeiter*innen zu der Erkenntnis führt, dass jede*r Interessen und Ideen mit anderen teilt, dann kann ihre Atomisierung sie nur von einem gemeinschaftlichen Geist entfernen. Dieses Problem wird noch dadurch verschärft, dass die Grenzen zwischen Arbeit, Erholung und Freizeit verwischt werden, was sich wiederum auf die Gesundheit und die Gemeinschaft auswirkt und die psychosozialen Grundlagen der modernen Gesellschaft beeinträchtigen kann.

    Doch selbst wenn mobile Arbeitsformen den kollektiven Geist der Gewerkschaftsbewegung und des Arbeitskampfes schädigen, so untergraben sie ihn jedoch nicht so stark, dass unter keinen Umständen kollektive Kämpfe mehr möglich wären oder ein Klassenbewusstsein ausgeprägt werden könnte. So hat beispielsweise die erfolgreiche Mobilisierung von Lieferservice-Fahrer*innen in Griechenland kürzlich gezeigt, dass Gig Economy und Telearbeit für syndikalistische Auseinandersetzungen nicht notwendigerweise unüberwindbare Hindernisse darstellen müssen.

    Letzteres hängt weitgehend von den Möglichkeiten und Zwängen in den jeweiligen Gig Economies ab. Während die Lieferservice-Fahrer*innen in Griechenland unbefristete Verträge erstreiten konnten, ist dies in anderen europäischen Ländern wie Zypern derzeit nur schwer möglich, da es sich bei den meisten Fahrer*innen um Migrant*innen mit befristetem Aufenthaltsstatus ohne gewerkschaftlichen Rückhalt handelt. Im Vereinigten Königreich hat derweil die Gewerkschaft GMB mehrere Gerichtsverfahren gewonnen, bevor Uber die Gewerkschaft erstmals anerkannte und eine Bezahlung in Höhe des Mindestlohns oder darüber, Urlaubsgeld und einen Rentenplan für Beschäftigte einführte.

    Arbeit nach Sektoren und geografischen Regionen

    So wie die Strukturen politischer Möglichkeiten in den verschiedenen Ländern den Fortschritt bedingen, brauchen wir sektorspezifische Analysen, um zwischen den Kosten und Vorteilen zu unterscheiden, denen sich Arbeiter*innen in den einzelnen Sektoren oder Sektorenarten gegenübersehen. Ausbeutung hat eine sektorale Dimension; sie ergibt sich aus spezifischen Vereinbarungen, die an ihrem Wesen nichts ändern, aber zu unterschiedlichen Möglichkeiten und Beschränkungen führen, wenn es darum geht, sich in bestimmten Fragen zu wehren.

    In bestimmten Sektoren reichen die verfügbaren technischen Mittel nicht aus und können angesichts der Art der erforderlichen Arbeit oder der Naturgesetze niemals ausreichen. Man denke nur an die Schwerindustrie und die Landwirtschaft auf der einen Seite und den Dienstleistungssektor auf der anderen. Man denke in der Sekundärindustrie an automatisierte und nicht-automatisierte Sektoren, beispielsweise den Markt für Stickereien oder bestimmte Lebensmittelprodukte. Man denke an ein und dieselbe Branche im Globalen Norden oder im Globalen Süden.

    Anders gesagt, die Durchführbarkeit von Telearbeit unterscheidet sich je nach Art der Tätigkeit. Die Mittelschicht und die Arbeiter*innenklasse sind strukturell zersplittert, was unter anderem daran liegt, dass sie, was die Möglichkeit der Telearbeit angeht, unterschiedlich positioniert sind. Die branchen- und sektorspezifische Kluft zwischen Telearbeiter*innen und Nicht-Telearbeiter*innen ist je nach Beruf größer oder kleiner. In einigen Fällen sind die Gewerkschaften stärker, in anderen Fällen ist Telearbeit gar kein oder ein noch sehr neues Thema, das erst mit der Pandemie aufgekommen ist. Dies würde eine Strategie nahelegen, die die Unterschiede im Grad, den Auswirkungen und der Art der Telearbeit in der lokalen und globalen Wirtschaft berücksichtigt.

    Insgesamt gesehen betrifft die Debatte um die Telearbeit insbesondere Angestellte und schließt viele Sektoren aus, die für die Realwirtschaft von entscheidender Bedeutung sind, unter anderem die Pflege, die Energieerzeugung, das Bauwesen und die Logistikbranche. Selbst während der Pandemie haben viel weniger Arbeiter*innen zu Hause gearbeitet als jene Berufstätigen der Mittelschicht. Bedenkt man zudem, dass sich in den letzten zwei Jahrzehnten insbesondere Ostasien zur Hochburg der globalen Industriekapazität und -aktivität entwickelt hat, entpuppt sich die Debatte über Telearbeit an sich als eine westlich zentrierte Diskussion.

    In zahlreichen Branchen – nicht nur im Globalen Süden – spielt Telearbeit bei Arbeiter*innenrechten kaum eine Rolle, da sie entweder nicht auf der Tagesordnung der Arbeiter*innen steht oder bestenfalls mit umfassenderen Fragen der Arbeitsflexibilität, von Einstellungs- und Entlassungspraktiken, der Prekarität, der kombinierten und ungleichen Entwicklung, der Wohlfahrtssysteme usw. verknüpft ist. Man denke nur an eine bereits etablierte Forderung der Arbeiter*innen in der Gig Economy – das Recht auf Zugang zu Daten über individuelle Kennzahlen wie beispielsweise Bezahlung und Arbeitsbedingungen und deren Vergleich mit Kolleg*innen mithilfe von Klagen, Apps und Data Trusts. Eine weitere Forderung in der Gig Economy (die kürzlich von Lieferservice-Fahrer*innen in Griechenland durchgesetzt wurde) ist die nach einem Arbeiter*innenstatus im Gegensatz zum Selbstständigenstatus und somit nach Rechten auf Vertretung und Tarifverhandlungen, Ansprüchen auf den landesspezifischen existenzsichernden Lohn, einen anderen Steuerstatus und Urlaubsgeld.

    Telearbeit als konkrete Forderung der Bevölkerung

    Gerade weil die Heimarbeit in umfassendere Arbeitskämpfe eingebettet ist und sich an diesen Kreuzungspunkten Missstände herausbilden, ist der Widerstand gegen eine verallgemeinerte Forderung nach Telearbeit, die die strukturelle Position der Arbeiter*innen in allen Sektoren und Branchen weiter verschlechtert und den Arbeitskampf deprogrammiert, ebenso notwendig wie der Aufbau einer Front für Telearbeitsrechte. Und schließlich gibt es in der Diskussion auch eine beißende Realität: den Aspekt des Hier und Jetzt.

    Erstens gibt es zahlreiche Arbeiter*innen, die sich klar für mehr Flexibilität in ihren Arbeitszeiten einsetzen. Viele Menschen würden auch von geografischer Flexibilität profitieren. Sie könnten an ihrem bevorzugten Ort bleiben, müssten weniger pendeln, weniger Geld für Verkehrsmittel ausgeben und könnten ihre Familienangelegenheiten freier regeln. Dies darf nicht als „falsches Bewusstsein“ abgetan werden, als ein Fall, in dem die Arbeiter*innen ihren eigenen Interessen zuwiderhandeln. Kein*e Strateg*in kann die Bedürfnisse der Bevölkerung legitimieren – das kann nur die Masse der Menschen, die sie selbst lebt. Anstatt also deduktiv abzuleiten, was für die Arbeiter*innen gut ist, muss die Linke die Telearbeit dort verteidigen, wo sie von den Arbeiter*innen eingefordert wird. Gleichzeitig muss sie aus den tatsächlichen Umständen verschiedener sozialer und beruflicher Schichten die Bezeichnungen für Unterdrückung und Chancen herausarbeiten, um zu verstehen, was die Wünsche der Arbeiter*innen selbst antreibt.

    Zweitens haben immer mehr Menschen während der Pandemie von zu Hause aus gearbeitet – eine kritische Masse von Arbeiter*innen und Angestellten, die in ihrer beruflichen Arbeitszeit unter nahezu komplett ungeregelten Bedingungen operieren. In den meisten Fällen tragen sie auch die Verantwortung für die Bereitstellung und Aufrechterhaltung der Versorgung und Infrastruktur ihres Arbeitsplatzes. Die Telearbeit ist enorm unzulänglich reguliert, und die Erfahrung mit der Erledigung von Arbeitsaufgaben im Homeoffice während der Pandemie hat dies auf ungeschönte Weise offengelegt. Nach Angaben der IAO haben bislang nur zehn ihrer Mitgliedstaaten das (seit 1996 bestehende) Übereinkommen Nr. 177 ratifiziert, das einen Regelungsrahmen bietet, wenn auch lediglich auf der Grundlage der Gleichbehandlung von Telearbeiter*innen und anderen Arbeiter*innen, der kapitalfreundlichsten Form des Eintretens für Arbeiter*innenrechte.

    Für die radikale Linke sollte die wirksamste regulatorische Antwort auf die Telearbeit darin bestehen, die Auswirkungen und die Art und Weise, wie sich die Ausbeutung der Arbeit durch das Kapital in diesem neuen Arrangement manifestieren kann, sorgfältig zu untersuchen und herauszufinden, wie die Macht der Arbeiter*innen dies verhindern kann. Eine grundlegende Frage betrifft daher die Modalitäten, durch die die ungelöste Ausbeutung, die dem kapitalistischen Beschäftigungsverhältnis innewohnt, vom Büro nach Hause übertragen wird, wobei sie die gleiche oder eine differenzierte Form annimmt.

    In den Beziehungen zwischen Arbeit und Kapital gibt es schon jetzt eine offene politische Front und der Weg nach vorn besteht darin, energisch für eine Reihe relevanter Ziele einzutreten: die Einbeziehung und Anhörung der Gewerkschaften bei allen einschlägigen Rechtsvorschriften über die Telearbeit; die Ausweitung des Rechtsschutzes für Telearbeiter*innen; die Beseitigung kapitalfreundlicher Schlupflöcher in den vertraglichen Beziehungen zwischen Arbeiter*innen und Unternehmer*innen; das Eintreten für das „Recht auf Nichterreichbarkeit“; die Verallgemeinerung schriftlicher Verträge und Forderung nach Tarifverträgen; der Zugang zur sozialen Absicherung; die Erlangung von Rechten in Bezug auf die Arbeitsflexibilität innerhalb der Telearbeit und darüber hinaus; die Einschränkung der Funktionen, welche Unternehmen, die sich auf Telekonferenzen spezialisiert haben, in ihre Produkte einbauen dürfen. Die Liste ist bereits lang genug, um zu zeigen, dass Unternehmer*innen aus der Telearbeit unter anderem deshalb Profit schlagen, weil entsprechende Vorschriften fehlen.

    Letztlich kann ein Paradigma der Produktionsverlagerung in Richtung Arbeiten von Zuhause auch im Einklang mit einer Degrowth-Strategie stehen, soweit mehr Produktion von zu Hause aus mit mehr Freizeit insgesamt einhergeht und im Vergleich zum neoliberalen Kontext eine umweltfreundlichere Wirtschaftstätigkeit erzeugt. Doch auch hier ist der Beitrag zum Umweltschutz durch die Telearbeit kein Selbstläufer, sondern muss in integrativere ökologische Konzepte eingebettet werden, die das gesamte sozioökonomische Spektrum ernst nehmen. Wie bei der Entscheidung, welchen Platz die Heimarbeit in der Agenda der Forderungen und Maßnahmen der Arbeiter*innen einnehmen soll, muss auch das Eintreten für eine ökologische Wirtschaft durch Telearbeit die bestehenden Unterschiede in der Arbeitswelt berücksichtigen.

    Nachsatz

    Die Befürwortung oder Ablehnung eines Übergangs zur Telearbeit ist kein reiner Dualismus, sondern eine dialektische Frage, weshalb ein Ansatz der radikalen Linken, der lediglich ein Ja oder Nein zur Telearbeit anstrebt, nicht ausreicht. Es ist notwendig, sich auf die Telearbeit in den relevanten Branchen, Sektoren und Märkten zu konzentrieren. Erst dann können die Arbeiter*innen, die davon profitieren, die sich dagegen wehren, die sich eine Halbe-halbe-Vereinbarung wünschen, die mit den Auswirkungen konfrontiert sind oder die deswegen ihren Arbeitsplatz verlieren, ihre Forderungen artikulieren und entsprechend verteidigen. Zudem muss eine Ökologisierung der Arbeit stattfinden. Das ökologische Potenzial muss dort, wo es vorhanden ist und im Rahmen der Arbeitsbeziehungen genutzt werden kann, stärker zur Geltung gebracht werden, und natürlich müssen seine Grenzen und Herausforderungen gegenüber etablierten, entstehenden und alternativen Rahmenbedingungen der sozialen Entwicklung bewertet werden.


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