• Was ist Ökofeminismus?

  • Von Gitte Pedersen | 28 Jul 17 | Posted under: Ökologie , Feminismen , Theorie
  • Gitte Pedersen erläutert historische Aspekte sowie die Philosophie und Politik hinter dem sozialistischen Ökofeminismus

    Der Ökofeminismus kombiniert Ökologiebewusstsein mit Feminismus. Umweltschutzbewegungen und sogar der Ökosozialismus neigen dazu, zu übersehen, dass es eine Verbindung zwischen dem kapitalistischen Patriarchat, der Unterdrückung der Frau und der Umweltkrise gibt. Andererseits lassen die Frauenbewegung und der Feminismus wiederum häufig Umweltprobleme außen vor. Darum ist eine Zusammenführung von Ökologie und Feminismus notwendig – eben Ökofeminismus. Ökofeminismus stellt sowohl eine Bewegung von Globalisierungsgegner_innen, als auch eine ideologische Kritik an den historischen Erfahrungen der Frau mit sozialer Reproduktionsarbeit dar. Darüber hinaus ist Ökofeminismus auch eine akademische Disziplin mit Verbindungen zur feministischen Ökonomie und Care Economy. Der Begriff Ökofeminismus wurde von Françoise d'Eaubonne (1920-2005) geprägt, die ihn 1974 einführte.

    Die Wachstumsideologie in Frage stellen

    Das Konzept des ewigen Wachstums stellt eine der Säulen des Kapitalismus dar. Größeres Wachstum lautet das Mantra der heutigen Zeit, um ständig größere und neue Märkte zu erschließen – ein Streben, das kein Ziel und Ende kennt. Und dieses Streben fügt der Umwelt und dem Klima großen Schaden zu. Die neoliberale Marktwirtschaft gilt als einzig mögliche Form der wirtschaftlichen Entwicklung. Aber ist eine Wirtschaft, die sich allein auf Wachstum und größtmöglichen Profit konzentriert, wirklich erstrebenswert? Eine Wirtschaft, die soziale Beziehungen zwischen Menschen zerstört und die Natur ausbeutet und zerstört? Maria Mies und Vandana Shiva nennen es das kapitalistisch-patriarchale Weltsystem – ein System, das „auf der Kolonialisierung von Frauen, ‚fremden‘ Bevölkerungen, deren Land und der Natur aufbaut, die es allmählich zerstört.“

    Die mechanische Sichtweise auf die Natur bedeutet deren Tod

    Wir nehmen die Natur als eine unerschöpfliche Ressource wahr, die wir zu unseren Zwecken nutzen dürfen. Diese Denkweise stammt von Philosophen wie Francis Bacon (1561–1626) und René Descartes (1596–1650). In deren Schaffensperiode fiel die naturwissenschaftliche Revolution; es vollzog sich ein Wandel in der Auffassung der Natur: Von der organischen Wahrnehmung, die die Natur als einen Organismus sah, als „Mutter Erde“, ging man zu einer Weltsicht über, die auf Mathematik und Naturwissenschaften beruhte. Bacon sagte etwa: Die Sprache der Natur ist Mathematik. Und für ihn war es von Bedeutung, ob es ihm gelang, die Natur bzw. ihre Gesetze zu beschreiben, denn dadurch konnte er sie verstehen und sie sich unterwerfen. Bacon werden auch die Worte „Wissen ist Macht“ zugeschrieben. Er teilte die Ansicht, dass die wissenschaftliche Analyse der Naturgesetze für den Menschen notwendig sei, um sie für seine Zwecke nutzbar zu machen. Descartes folgte seinem Beispiel. Descartes war Dualist und nahm die Welt als etwas wahr, das prinzipiell zweigeteilt ist: in die res cogitans (Gedankenwelt) und res extensa (Objektwelt). Nur die res cogitans ist wichtig; sie umfasst das rationale Handeln des Menschen. Alles andere ist die Objektwelt, der weder Bedeutung zukommt, noch zum rationalen Handeln fähig ist – die nicht-menschliche Natur, die Tiere und der menschliche Körper (jener Teil, der sich von der Seele unterscheidet). Nach Descartes vollzieht sich in der Natur alles nach dem Prinzip der Kausalität – alle Vorgänge haben eine Ursache und eine Wirkung. In der Folge ist die Natur nur „Materie in Bewegung“ und gleicht einer rein mechanischen Maschine. Nach Carolyn Merchant vereinte diese neue mechanische Philosophie den Kosmos, die Gesellschaft und das Selbst in einer neuen Metapher – jener der Maschine. Anders als die organische Sichtweise auf die Natur, in der die Natur als nährende Mutter gesehen wird, ist die mechanische Perspektive auf die Natur von aller Arten von Bedeutungen und Geheimnisse ausgeschlossen; die Natur ist tote Materie in Bewegung. Der Mensch steht über der Natur und hat das Recht, sie zu beherrschen und auszubeuten.

    Als Mensch werden hier aber nicht Mann und Frau gesehen: Frauen sind hauptsächlich durch Gefühle und nicht-rationales Denken charakterisiert, daher bleibt fragwürdig, ob sie als zum rationalen Handeln fähige Menschen bezeichnet werden können. Frauen wurden daher immer von der Philosophie ausgeschlossen. Die westliche Geschichtsphilosophie wird von weißen, wohlhabenden Männern mittleren Alters geschrieben. Frauen und die Natur waren immer etwas, das beherrscht und kontrolliert werden konnte und sollte. Descartes‘ mechanische Sicht auf die Natur hatte einen immensen Einfluss auf die Philosophie und die Wissenschaft und kann auch heute noch als die vorherrschende Sichtweise auf die Natur bezeichnet werden. Eine Sicht auf die Natur, in der diese und ihre Prozesse respektiert werden, ist verschwunden. Auch wenn viele von uns heute völlig von der Natur entfremdet sind, müssen wir die Natur neu denken und lernen, sie wieder zu respektieren – schließlich hängt unser aller Leben von ihr ab.

    Kritik an der mechanischen Sichtweise auf die Natur und Wissenschaft

    Auch wenn die mechanische Sichtweise auf die Natur schnell populär wurde – sie passte gut zum aufkommenden Kapitalismus und den Anfängen der Rohstoffgewinnung – wurde diese Perspektive auch damals schon kritisiert. Eine Zeitgenossin Descartes‘ – als weibliche Philosophin etwas sehr Ungewöhnliches – äußerte Anne Conway (1632–1679) harsche Kritik an Descartes‘ mechanischer Sichtweise. Sie trat für eine vitalistische Perspektive auf die Natur ein, in der alles lebendig ist. Ihre Sichtweise war ganzheitlich und von Respekt für die Natur geprägt. Heute ist sie vergessen, aber Descartes nach wie vor einer der „großen“ Philosophen. Offen bleibt, warum Descartes‘ Sichtweise nach wie vor en vogue ist und nicht ihre. Und ebenso bleibt offen, wie die Welt heute aussehen würde, hätte sich die vitalistische Perspektive gegen die mechanische durchgesetzt.

    Werthierarchien

    Der sozialistische Ökofeminismus versucht die Verfehlungen des Sexismus, der Klassenrepression und der Ausbeutung der Natur wieder gut zu machen. Die sozialistischen Ökofeminist_innen sehen die Unterdrückung und Ausbeutung von Menschen aufgrund von Geschlecht, Klasse und Rasse bzw. nicht-menschlichen Spezies als Ausdruck einiger ideologischen Dualismen, in denen der erste Teil eines Begriffspaars Privilegien gegenüber dem zweiten hat:

    • Mensch – Natur
    • Seele – Körper
    • Ratio – Gefühle
    • Kultur – Natur
    • Das Selbst – das Andere
    • Weiß – schwarz
    • Produktion – Reproduktion
    • Globaler Norden – globaler Süden
    • Mann – Frau

    Die Liste ist lang und strukturiert unbewusst unsere Weltanschauung. Sie wird nach Ariel Salleh von den hegemonialen Strukturen von Religion, Philosophie, Gesetzen, Wissenschaft und Wirtschaft gestützt. Diese dienen der fortdauernden Ausbeutung der Frau und Natur durch das kapitalistisch-patriarchale Weltsystem.

    Care Economy und feministische Ökonomie

    Wie von den Dualismen illustriert, besteht ein Gegensatz zwischen Mann und Natur. Der Mann bzw. das Männliche steht außerhalb und über der Natur, die Frau hingegen nicht. Zwischen der Frau und der Natur gibt es viele Parallelen und es sind jeweils dieselben Mechanismen, die beide unterdrücken und ausbeuten. Die von Frauen unentgeltlich geleistete Reproduktionsarbeit wird auf die gleiche Weise ausgenutzt, wie die Natur ausgebeutet wird, um dem kapitalistischen Patriarchat zu dienen. Sozialistische Ökofeminist_innen wünschen sich eine prioritäre Stellung der reproduktiven Arbeit – ohne Reproduktion keine Produktion! In der globalisierten neoliberalen Marktökonomie stellt die weibliche Reproduktionsarbeit keinen Faktor dar. Die deutsche Soziologin Christa Wichterich teilt die Ansicht, der kapitalistische Markt könne allein deshalb funktionieren, weil er reproduktive Arbeit nutzt, die ohne Gewinnabsicht erbracht wird. Die hegemoniale neoliberale Wirtschaft intensiviert die Nutzung menschlicher, sozialer und natürlicher Ressourcen trotz erhöhter Effizienz. Eine solche Wirtschaft funktioniert nicht nachhaltig, da sie die sozialen und ökologischen Grenzen des Wachstums ignoriert. Wir müssen unterstreichen, dass soziale Reproduktion und Care-Arbeit auch Wert schaffen.

    Sozialistischer Ökofeminismus

    Sozialistischer Ökofeminismus steht im ständigen Dialog mit Ökosozialismus, den er zu beeinflussen versucht, indem er die Reproduktion anstelle der Produktion als Schlüsselkonzept einer sozial gerechten und nachhaltigen Welt unterstreicht. Er geht davon aus, dass die nicht-menschliche Natur die materielle Basis des Lebens darstellt und dass Essen, Kleidung, Obdach und Energie zur Lebensführung unverzichtbar sind. Die Natur und die Menschheit sind soziale und historische Konstrukte und haben sich durch menschliches Handeln verändert. Die Natur ist kein passives Objekt, das dominiert und beherrscht werden muss, sondern ein aktives Subjekt, mit dem Menschen eine nachhaltige Beziehung entwickeln müssen. Sozialistischer Ökofeminismus sieht das kapitalistische Patriarchat kritisch und konzentriert sich auf die Dialektik zwischen Produktion und Reproduktion und zwischen Produktion und Ökologie. Er bietet einen guten Ausgangspunkt für die Analyse ökologischer Veränderungen und den Vorschlag gesellschaftlicher Aktionen, die zu einer gerechteren und nachhaltigeren Welt führen können.

     

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