• Rede
  • Luciana Castellina: „Pazifismus darf nicht bloß vorübergehender Protest werden.“

  • Von Luciana Castellina | 17 Mar 22 | Posted under: Zentral- und Osteuropa , Russland , Ukraine , Militarismus
  • Die Rede der ehemaligen Abgeordneten zum Europäischen Parlament Luciana Castellina, Mitbegründerin der italienischen Zeitung Il Manifesto und der Partei der proletarischen Einheit, bei der Protestkundgebung „Ein Europa für den Frieden“ am 5. März in Rom.

    Abseits des Kriegs selbst mache ich mir Sorgen darüber, was derzeit in Italien passiert; zuallererst auch darüber, wie die TV-Sender sich verhalten. Da bekommt man es aus gutem Grund mit der Angst zu tun.

    Andererseits bin ich froh, unsere Friedensbewegung nach so vielen Jahren wieder auf der Straße zu sehen. Es ist die Bewegung von uns alten Leuten aus den 1980ern, die während der letzten Jahre des Kalten Kriegs und dann wieder wegen des ersten und zweiten Irak-Krieg auf die Straße ging. Die New York Times schrieb über uns: „Die zweite internationale Macht hat sich nun formiert“. Unsere Bewegung war auch während des furchtbaren Konflikts in Jugoslawien aktiv.

    Zwanzig Jahre ist das nun her. Leider ist der Grund für unser Wiedersehen die kriminelle und sinnlose militärische Besetzung der Ukraine – eine Aktion, die undenkbare Auswirkungen haben könnte.

    Wenn sich unsere Regierenden und ihre Gehilfen – anstatt patriotische Hymnen an die „westlichen Werte“ anzustimmen, anstatt der verantwortungslosen Entscheidung, Waffen an die Ukraine zu schicken, obwohl sie genau wissen, dass die Ukrainer*innen gegen die russischen Panzer nicht gewinnen können und dadurch nur Opfer eines schrecklichen Blutbades werden – wenn sie stattdessen bloß in der Lage wären, einen geeigneten Kompromiss zu finden, dann wäre es vielleicht noch möglich zu verhindern, dass der Krieg zu einem Weltkrieg wird, der auf dem am dichtesten mit Kernkraftwerken verbauten Gebiet der Erde stattfinden würde.

    Europa muss hier als Mediatorin wirken – weil die Neutralität ein erreichbares Ziel darstellt. Und die Neutralität muss unser Ziel sein.

    Trotzdem bat ich Friedensaktivist*innen, auch ein gewisses Maß an kollektiver Selbstkritik zu üben: Wir waren immer aktiv und bereit zu handeln, sobald Situationen explosiv wurden, aber während der langen Phasen, in denen die Katastrophen vorbereitet wurden, war unsere Aufmerksamkeit zu gering, besonders auch gegenüber der Politik, die von der Europäischen Union verfolgt wurde. Uns war nicht klar, was es für ein Versäumnis darstellte, im Zuge des Berliner Mauerfalls unseren alten Slogan nicht zu konkretisieren: „Ein Europa ohne Raketen, vom Atlantik bis zum Ural“. Wir haben es also verabsäumt, unsere Regierungen dazu zu bringen, was sie eigentlich mit Gorbatschow vereinbart hatten: Dass sobald die Truppen des Warschauer Pakts abgezogen waren, dasselbe auch mit den NATO-Truppen geschehen würde. Wir haben mit der EU-Erweiterung zugelassen, dass eine weitere militärische Mauer errichtet wurde, die Russland mehr isolierte, als das Land in den Aufbau eines kooperativen Netzwerks einzubinden. Außerdem achteten wir nicht gut genug auf den Bürger*innenkrieg, der seit 2014 im ukrainisch-russischen Grenzgebiet tobte. Wir ignorierten den wachsenden Ärger der russischen Einwohner*innen über die Tatsache, dass sie marginalisiert und verachtet werden. Auf diese Weise haben auch wir zum Wachstum von Putins gefährlicher Machtfülle beigetragen, die durch die Verächtlichmachung der Russ*innen von außen genährt wurde.

    Ich möchte uns alle dazu ermuntern, über unsere Nachlässigkeit nachzudenken. Wenn wir Krieg nicht als außenpolitisches Instrument sehen wollen – was wir definitiv nicht sollten – müssen wir dafür sorgen, dass Pazifismus nicht zum bloß vorübergehenden Protest wird.

    Kriege können nur durch die Prozesse aufgehalten werden, die sie vorbereiten – in diesem Zeitraum müssen wir also eingreifen. Nun, da die Katastrophe schon im Gange ist, können wir uns noch immer sinnvoll einbringen, aber wir müssen jetzt aktiv werden. ARCI [1] schlug vor, einen Buskonvoi zu organisieren – nicht, um uns in die Ukraine zu bringen, das würde nur Verwirrung stiften – sondern „leere Busse, nur mit den wichtigsten Personen an Bord, einer*m Fahrer*in und einer*m Organisator*in.“ Denn das ist es, was die Ukrainier*innen jetzt brauchen, ein Transportmittel, das sie aus dem Horror herausholt.

    Es kann sein, dass viele Ukrainer*innen – die mutigen Männer, die zum Kämpfen in ihrem Land bleiben – nicht froh darüber sind. Aber es liegt an uns, zu erklären, was Papst Franziskus einmal klarstellte: Auch gerechtfertigte Kriege dürfen heute nicht mehr geführt werden.

    Das ist keine Aufforderung zur Kapitulation. Es ist bloß eine Einladung, zu verstehen, dass wir heute – in einer Welt, in der es Massenvernichtungswaffen gibt – mit unseren Köpfen kämpfen müssen anstelle von Waffen; dass wir nicht die Sapri-Expedition[2] wiederholen sollten, im Zuge derer „300 starke und tüchtige junge Menschen getötet wurden“. Heute wären es Milliarden, die sterben würden. 

    Referenzen

    [1] ARCI (Italienischer Freizeit- und Kulturverband) ist ein nationales Netzwerk von Nachbarschaftsvereinen, das nach dem Zweiten Weltkrieg in Italien gegründet wurde. Es führte Mitglieder der italienischen kommunistischen Partei und der mit ihr kooperierenden Bewegungen, sowie die wichtigsten Teile der historischen Friedens- und globalisierungskritischen Bewegungen zusammen.

    [2] Eine Aktion, die während der Periode des italienischen Risorgimento 1857 von revolutionären Anhängern Mazzinis angeleitet würde.

    Lesen Sie hier das transform! europe Manifest für den Frieden.


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