• Die Geburtsstunde des Marxismus in Frankreich oder die Erinnerung an die Pariser Kommune und Jules Guesde

  • Von Jean-Numa Ducange | 02 Mar 21 | Posted under: Frankreich , Geschichte , Linke
  • Beobachter*innen außerhalb Frankreichs sind von der politischen und sozialen Situation im Land mit ihren vielen Streiks und sozialen Bewegung häufig fasziniert. Das Leben von Jules Guesde, einer außerhalb Frankreichs kaum bekannten, aber zentralen Figur des französischen Sozialismus, gibt Aufschlüsse über die Besonderheiten der französischen Linken

    Guesde (1845–1922) brachte den Marxismus nach Frankreich und trug wesentlich zum Aufbau der Sozialistischen Partei im Norden Frankreichs bei. Dort waren die Linke, die Sozialist*innen und später auch die Kommunist*innen besonders stark. Guesde kämpfte 1871 solidarisch mit der Pariser Kommune, traf sich 1880 mit Karl Marx, um das Programm der französischen Arbeiterpartei zu verfassen, ging ins Exil, frequentiert viele der bekanntesten Anführer des internationalen Sozialismus (etwa Jean Jaurès, Filippo Turati oder Wilhelm Liebknecht) und wurde 1914 Minister der 3. Französischen Republik. Nur wenige Linke haben eine so lange politische Laufbahn.

    Jules Guesde und die Pariser Kommune

    Wie für viele führende Linke in Frankreich war auch für Guesde die Pariser Kommune von grundlegender Bedeutung. Zu dieser Zeit war er Republikaner, kein Sozialist. Nach dem Deutsch-Französischen Krieg (1870/71), der nur wenige Tage vor Etablierung der Kommune endete, war für Guesde wie für viele Republikaner*innen die patrie das höchste Gut – von sozialen und wirtschaftlichen Problemen war er bis dato weniger ergriffen. Dass er der Kommune seine Sympathie aussprach, blieb allerdings nicht folgenlos. Wie viele andere bezahlte Guesde für seine Solidarität, als eine Welle der Repression das ganze Land erfasste. Nur einen Monat nach der als „Blutwoche“ (semaine sanglante) in die Geschichte eingegangenen brutalen Verfolgung, in deren Verlauf im Mai 1871 Tausende von Kommunard*innen hingerichtet worden waren, wurde Guesde zu einer fünfjährigen Haftstrafe verurteilt. Unter anderem wurden ihm Angriffe und Vergehen gegen das Parlament vorgeworfen, das Schüren von Hass und Verachtung gegenüber der Regierung, die Unterstützung von als kriminell eingestuften Handlungen und Aufruf zum Bürger*innenkrieg. Guesde hatte sich damit in die Feinde der neuen Ordnung eingereiht, die alles verachtete, was die Kommune als soziale Revolution verkörperte. Nach dem gewaltsam unterdrückten Arbeiter*innenaufstand vom Juni 1848 waren die Ereignisse vom Mai 1871 für viele Sozialist*innen der Beweis für den endgültigen Bruch zwischen Arbeiter*innenklasse und Bourgeoisie: Die beiden Welten waren nun unversöhnlich geworden. Die Republik stieß nun auf tiefsitzendes Misstrauen: Waren es nicht 1848 und 1871 „die Republikaner“ gewesen, die die Aufständischen niedergemetzelt hatten? Jules Guesde sollte bald zu einer der bekanntesten Verkörperungen dieser Enttäuschung gegenüber der „bourgeoisen Republik“ werden.

    Zu seiner großen Beliebtheit unter den Aktivist*innen trug wesentlich bei, dass er anders als Jean Jaurès, der zweite große Vorkämpfer des französischen Sozialismus – ein brillanter Absolvent der École Normale Supérieure und späterer Universitätsprofessor, der kaum mit dem Staat in Konflikt geriet. Guesde andererseits war Berufsrevolutionär. „Den Sozialismus aufbauen, nichts als den Sozialismus“: Seine eigenen Worte fassen seine Haltung während dieser Jahre gut zusammen.

    Am Ende des 19. Jahrhunderts wurde seine Haltung zur Affäre Dreyfus (affaire Dreyfus) relevant, als in Frankreich ein Artilleriehauptmann namens Alfred Dreyfus des Hochverrats beschuldigt wurde – tatsächlich aber wurde er angeklagt, weil er Jude war. Die Affäre Dreyfus spaltete Frankreich und Guesde weigerte sich schließlich, Dreyfus öffentlich zu verteidigen, nicht, weil der Jude gewesen wäre – es gab durchaus antisemitische Guedist*innen, Guesde selbst gehört aber nicht dazu – sondern, weil Dreyfus ein Militär war. Für Guesde war der Sozialismus unvereinbar damit, den „bourgeoisen Staat“ zu verteidigen und die Armee war eines der zentralen Elemente dieses Staates. Ein Element, das auf Arbeiter*innen schoss. Dementsprechend zeigte er sich als überzeugter Sozialist und setzte sich von anderen ab, die auf eine schrittweise Demokratisierung der Republik setzten: Wozu die „bourgeoise Republik“ verteidigen, die ihrerseits Massaker an den Arbeiter*innen verübt? Dies war dieselbe Armee, die 1871 die Pariser Kommune zerschlagen hatte. Für Guesde und viele seiner Generation war das von großer Bedeutung und der Klassenkampf stand über allem.

    Die Identität der Linken

    Dieses Vokabular der „Klassenkampfes“ als Weg zum Verständnis der sozialen Welt blieb auch in jüngster Zeit in der französischen politischen Vorstellungswelt wirkmächtig, was sich unter anderem bei den Protesten der Gelbwesten (Gilets jaunes) 2018/19 zeigte – ein Vokabular, dass von Guesde und seinen Anhänger*innen Ende des 19. Jahrhunderts systematisch verbreitet wurde. Um ihn herum entstand ein ganzes Universum: Arbeitsrechtskämpfe, Gewerkschaften und Kooperativen, die mit der Partei verbunden waren. In einigen Regionen wurde er auch von der Bäuer*innen und kleinen Landbesitzer*innen unterstützt. Der „Guesdismus“ brachte revolutionäre Phraseologie mit häufig sehr pragmatischen sozialen und politischen Praktiken in Einklang. Guesde und seine Anhänger*innen arbeiteten an einer neuen Revolution, wollten aber gleichzeitig ihren Einfluss ausweiten, wo immer sie konnten. In diesem Rahmen schmiedeten sie auch Allianzen mit recht moderaten Teilen der Linken. So erklärt sich etwas, das sich wie ein roter Faden durch die französische Politik zieht: Noch bei den Wahlen im März/Juni 2020 haben Sozialist*innen und Kommunist*innen auf nationaler Ebene zwar enttäuschend abgeschnitten, konnten sich bei den Kommunalwahlen in den Städten jedoch halten. Dieses Munizipalismus genannte Konzept aus den 1890ern ist bis heute von Bedeutung. 

    Ist eine solche Strategie opportunistisch? Nun, es ist deutlich vielschichtiger. Zuerst einmal standen Guesde und seine Unterstützer*innen zwar dafür ein, dass nur Revolution und Sozialismus den Status quo grundlegend verändern könnten. Gleichzeitig trugen sie zur Entwicklung öffentlicher Dienstleistungen auf lokaler Ebene bei. Die Arbeit auf lokaler Ebene ist ein Erbe der Pariser Kommune und für die Sozialist*innen von großer Bedeutung: Die Kommune erscheint viel demokratischer als der Zentralstaat. Damit hält Guesde eine politische Tradition am Leben: Wahlen sind wichtig, aber für eine starke politische Linke braucht es vor allem eine Arbeiter*innenpatei mit ihren roten Fahnen, Liedern, Kongressen, Großdemonstrationen ... Mit einem Wort: Ihrer Identität. In diesem Aspekt der französischen Politik zeigt sich das Erbe Guesdes. Es charakterisiert zum Beispiel die Geschichte der Kommunistischen Partei Frankreichs (PCF, Parti Communiste Français), die zwischen 1945 und 1980 die stärkste Arbeiter*innenpartei Frankreichs war: Die PCF ist geprägt von Allianzen und Strukturarbeit einerseits – bei einer starken revolutionären Rhetorik andererseits. Die Sozialistische Partei (PS, Parti Socialiste), bis vor kurzem die stärkste linksgerichtete Partei Frankreichs, hat einen eigenen starken linken Flügel, der sich selbstbewusst eines marxistischen Vokabulars bedient. Auch das geht auf Jules Guesde zurück. 

    In Zeiten politischer Krise werden mit Sicherheit Bedenken hinsichtlich der politischen Identität wieder auftauchen. Deshalb ist die Betrachtung eines Mannes wie Jules Guesde von mehr als nur historischem Interesse: Dadurch verstehen wir, wie durch konkrete politische Formen Ideologien entstehen. Eine politische Identität, die nur verstehbar ist mit dem Wissen um die Spuren, die die Pariser Kommune hinterlassen hat.

     


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