• Rezension
  • „Die Kunst, den Kapitalismus zu verändern“ – Eine transformatorische Streitschrift

  • Von Cornelia Hildebrandt | 25 Nov 19 | Posted under: Kapitalismus heute , Christlich-Marxistisch , Rezensionen , Transformationsstrategien
  • Wenn Linke über Alternativen nachdenken, verbinden sie es normaler Weise mit Kämpfen. Schon Marx und Engels verstanden die Geschichte aller bisherigen Gesellschaften als Geschichte von Klassenkämpfen. Wolfgang Kessler zeigt, dass es auch einer Kunst in diesen Kämpfen bedarf, der Kunst, den Kapitalismus emanzipatorisch und solidarisch zu verändern.

    Diese Kunst, so Wolfgang Kessler, mehr als 20 Jahre Chefredakteur des Publik-Forums – einer linksorientierten katholischen Zeitschrift – entsteht aus den Bedürfnissen der Menschen im kreativen offenen Prozess, offen auch für originelle Adaptionen oder Neuschöpfungen, fantasievoll über die Zeit hinausdenkend. Kunst braucht Fertigkeit und entsteht zugleich nur als Ergebnis freien Denkens und ebensolcher Praxen.

    Die Kunst, Dinge grundlegend zu verändern, beschreibt einen Spannungsbogen zwischen der Freiheit und Fertigkeit des Handelns und dem ungeheuren Druck zur Veränderung angesichts all der Abgründe heutiger Gesellschaften, die sich selbst zu zerstören droht. Kessler vergleicht deshalb „die Kunst, den Kapitalismus zu verändern“, mit der Fähigkeit, „am offenen Herzen des Systems zu operieren“.

    Warum dieses System zu verändern ist, entwickelt er aus der systemimmanenten Logik des Kapitalismus und dessen janusköpfigem Fortschritt am Beispiel digitaler Entwicklungen. Wer denkt schon beim Googeln, das Sekunden dauert, beim online-Zugang zum Wissen an die Kosten dieses Zugangs. Kessler zwingt uns, solche Widersprüche mitzudenken. Er setzt sich mit vermeintlichen Auswegen auseinander – mit den „Schmiermitteln“ heutiger Gesellschaft. Selbst in westlichen Gesellschaften ist Wohlstand für immer weniger Menschen erreichbar. Das individuelle Freiheitsversprechen des Neoliberalismus verkehrt sich für viele in Angst vor dem Abstieg. Für Kessler wächst aus der Logik des Kampfes aller gegen alle die größte Bedrohung demokratischer Systeme. Er beschreibt neue Formen von Diktatur infolge digitaler Transformationen der Gesellschaft, neue Herrschaftsmechanismen, politisch abgesichert durch die Entwertung der Demokratie. Er zeichnet das Bild einer zerrissenen Gesellschaft, bei denen viele Menschen das Gefühl haben, dass „der Boden unter den Füßen wegbricht“. Es sind Verunsicherungen, die sich sozial, politisch und kulturell nachweisen lassen und den Wunsch nach vermeintlich „guten alten Zeiten“ befördern, in denen alles überschaubar und unter Kontrolle schien.

    Aber diese Bilder sind für Wolfgang Kessler nur ein Teil seiner Zeit-Diagnosen, die viel komplexer sind und in ihrer Widersprüchlichkeit immer wieder auch Neues entstehen lassen. Es gibt Aufbrüche, die zu Alternativen treiben. Sie kündigen sich im Heute an. Das Morgen ist heute schon möglich und gestaltbar als Politik gerechter Übergänge. Langsam, aber konsequent müssen diese Übergänge sein, solidarisch bereichernd für alle. Die Politik – so ist sich Kessler sicher – „wird nur dann akzeptiert, wenn sie die individuelle Wahlfreiheit der Menschen respektiert und ein möglichst dichtes soziales Netz knüpft, das niemand durchfallen lässt und allen die Chance eröffnet, das eigene Leben neu zu gestalten“. Es geht um Übergänge, die pragmatisch sind und radikal, die an Alltagsnöten anknüpfen und die Eigentumsfrage konkret stellen.

    Wolfgang Kessler lädt uns dazu ein, mit ihm fünf Alternativen zu diskutieren und verbindet sie mit konkreten Projekten im Hier und Heute: Alternative 1: ein gutes Leben für Alle mit einem Plädoyer für eine Steuerreform mit Grundeinkommen; Alternative 2: Befreiung vom Diktat der Rendite, vor allem wenn es um Gesundheit, Pflege, Mobilität, Wasser und Energie geht; Alternative 3: eine Umweltdividende für alle – eine Klimarevolution für eine Wirtschaft des Lebens; Alternative 4: freier Welthandel nur für öko-faire Waren als Alternative zu Freihandel und Protektionismus; und Alternative 5: Vertrauen und Einkommen für die Menschen – Befreiung von Hunger und Armut. Diese Alternativen verbindet er mit bestehenden Projekten wie z.B. dem jährlich gezahlten Ökobonus (der Umweltdividende) der Stadt Basel, oder der CO2-Steuer in British Columbia, die zugleich mit einer Senkung der Einkommenssteuer für Geringverdiener verbunden wird. Zu den Alternativen zählt er auch das Verbot von spekulativem Handel mit Grund und Boden, die Gewährleistung des Rechts auf Wohnen notfalls über Enteignung (mit Entschädigung), die Einführung der Finanztransaktionssteuer, der zollfreie Import von Biobaumwolle, die 91% weniger Wasser verbraucht, neue Versuche eines bedingungslosen Grundeinkommens in den Ländern Afrikas um jene unmittelbar zu unterstützen, die in kriegs- und krisengeschüttelten Regionen wie im irakischen Mossul den Wiederaufbau ihres Landes voranbringen wollen.

    Es geht ihm dabei um Aufbrüche im konkret Machbaren mit Blick auf das notwendig zu Verändernde, um transformatorische Realpolitik. Kessler verbindet dies konsequent mit Selbstveränderung. Ausstiege und Umstiege sind möglich – und ebenso Mobilisierung, eine neue Gemeinschaftlichkeit, die anders über Konsum nachdenkt, die mobilisierend erfolgreich sein kann, wie die  Volksbewegungen für einen ökologischen Umbau der Landwirtschaft in Bayern haben es gezeigt: Rettet die Bienen, rettet das, was zu einem guten Leben gehört und diskutiert selbst darüber, was das ist und wie man das macht. Und: Sagt es anderen, dass es geht! Dies ist vielleicht die wichtigste Botschaft dieses Buches.



    Die Kunst, den Kapitalismus zu verändern. Eine Streitschrift
    Publik-Forum Edition, 128 pages
    Oberursel, Publik-Forum-Verlagsgesellschaft, 2019

     

     

     

    ursprünglich veröffentlicht von Neues Deutschland


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